Tiermythologischer Ansatz: Religiöse Tierethik
Ja, nur wie steht es um ihren Religionsbegriff und welche Religionsgeschichte ist für Sie akzeptabel?
(auch: spirituell-instrumentalisierende Tierethik, säkular-religiöse Sinngebung zur Aufwertung religiöser Herrschaftsansprüche)
Definition:
Ein Diskursmodus, in dem Tiere nicht primär als autonome Subjekte gelten, sondern als Träger moralischer, spiritueller oder metaphysischer Sinnzuschreibungen für den Menschen. Anerkennung erhalten sie nur, solange sie menschliche Tugenden spiegeln – ihre eigenen Interessen bleiben optional.
Beschreibung:
Tiere erscheinen als moralische Spiegel, Sinnstifter oder „kosmische Lehrmeister“, sei es religiös oder durch modern-naturwissenschaftlich klingende Sprache.
Selbst im säkularen Diskurs wird häufig die klassische Logik fortgeführt: Tiere symbolisieren menschliche Tugenden, während ihre politische Autonomie und konkrete Lebenswirklichkeit unsichtbar bleiben.
Autor*innen zeigen offen oder verdeckt, wie Tiere zur ethischen Selbstvergewisserung des Menschen dienen, ohne dass dies gesellschaftlich auffällt – ein Hochgenuss für Feuilleton und Verlag.
Religiöse Einbettung:
Nicht jede spirituelle Sinngebung ist problematisch. Problematisch wird es, wenn Religion von Anfang an hegemonial-anthropozentrisch ist – ein narratives und epistemisches Grundproblem. In solchen Systemen bleiben Tiere Projektionsflächen menschlicher Moral.
Um Tiere wirklich respektvoll zu adressieren, müsste die Gottesvorstellung nicht menschlich und völlig frei gedacht werden, sodass Tiere als autonome Subjekte auftreten können.
Moralische Zuschreibung und Tiermythologie:
In vielen Kulturen und Mythologien standen Tiere auf gleicher oder höherer Augenhöhe mit Menschen und fungierten als weisheitsstiftende Akteur:innen.
Märchen, Fabeln und Tiermythologien zeigen Tiere als eigene Perspektiven, Handlungslogiken und Weisheit, nicht nur als Spiegel menschlicher Moral.
Große abrahamitische Religionen (Judentum, Christentum, Islam) haben diese Praxis weitgehend unsichtbar gemacht, Tiere symbolisch reduziert und vor allem menschliche Ordnung, Tugend und göttliche Normen reflektieren lassen.
Selbst modern-naturwissenschaftlich legitimierte Diskurse übernehmen häufig diese verdeckte Reduktion: Tiere bleiben Entseelte, Projektionsflächen menschlicher Selbstvergewisserung.
Theoretische Einbettung:
Kim Socha betont, dass selbst modern-säkular geprägte Tierrechtsdiskurse verdeckte religiöse Logiken reproduzieren können. Tiere bleiben in diesem System entseelt, Projektionsflächen menschlicher Sinnkonstruktionen, auch wenn die Sprache sachlich oder naturwissenschaftlich klingt. (simorgh.de)
Kernelemente:
Verdeckte Sinnproduktion: Tiere als Projektion menschlicher Selbstaufwertung.
Instrumentalisierung: Tiere bestätigen menschliche Tugenden, nicht ihre eigene Autonomie.
Säkularismus-Problem: Moderne Diskurse übernehmen strukturell religiöse Denkformen – nur eleganter verpackt.
Mythologische Alternative: In traditionellen Tiermythologien können Tiere autonome Sinn- und Weisheitsträger
Kurzthese:
Wo Tiere als Träger moralischer oder spiritueller Bedeutung verwendet werden, bleiben sie entseelt – und werden erneut zur Projektionsfläche menschlicher Selbstvergewisserung. Aber immerhin: sie wirken sehr tugendhaft dabei.
Diskursive Wirkung:
Gesellschaftlich anschlussfähig, konfliktarm, moralisch sichtbar.
Empathie erlaubt, politische Konsequenz optional.
Reproduziert anthropozentrische Machtstrukturen, während es gleichzeitig nach modernem Feuilleton riecht.
Abgrenzung:
Nicht antispeziesistisch: Tiere werden nicht als autonome Subjekte mit eigenen Interessen behandelt.
Nicht radikal säkular: Tiere werden nicht bewusst aus Sinnsystemen gelöst, sondern weiterhin symbolisch aufgeladen.
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Radikal säkular ist es das Animal Sapiens mit einzubeziehen und zu sehen. Und dann ergibt sich sowieso mit oder ohne Religionen eine völlig neue Epistemik.

















