Religion, Tierrechte und Biologismus: Theologische Tierrechtsdiskurse und Antispeziesismus

Religion, Tierrechte und Biologismus: Theologische Tierrechtsdiskurse und Antispeziesismus

Text: Gita Yegane Arani; Malerei: Farangis. G. Yegane

Der „Theo-logie“ (männlich) können wir eine TIER-Thealogie (weiblich) entgegensetzen, mit tiersoziologischem Fokus und dem Gegengewicht angenommener dezidiert-weiblicher Göttlichkeit … . Die Toxizität religiös-hegemonialer Ansprüche über „die Schöpfung“, wo sich in Wirklichkeit jedes Leben selbst schöpft und ursächlich selbst erfindet und findet … . Weshalb an den Konzepten vom „absoluten“ Schöpfergott festhalten, der „den Menschen“ dann mit entsprechenden Dominanzrechten versieht?

Tier-Thealogien > Tierindividualität und Tierautonomie

Die Herabsetzung von Tieren kann ein religiöser- sowie ein hyperreligiöser Akt sein. Sie kann aber durch einen Diskurs, der menschliches Religionsverständnis vordringlich ins Zentrum setzt, meiner Meinung nach nicht ernsthaft gelöst werden.

Statt sich an menschlichen Themenprioritäten (kulturell, gesellschaftlich) auszurichten, sollten alle Faktoren die tierherabsetzend operieren, zusammengefügt werden, um so das, was menschliche Herabsetzung von Tieren ausmacht – den Ur-Mechanismus der kulturellen Mensch-Tier-Dichotomie und der Antagonisierung von Tierlichkeit – unter Berücksichtigung aller Themenfelder multiangulierend zu analysieren.

Schließlich muss der Dringlichkeit des Problems Rechnung getragen werden und es müssen neue tierfreundliche Räume geschaffen werden, in denen Menschen inhaltlich nicht mit ihren Rahmenwerken und exklusiven Prioritäten humanzentrisch-philosophisch dominieren. Es muss vom Nullpunkt her unvorbelastet begonnen werden, wenn wir über Tiere reden und philosophieren.

So wäre es zum Beispiel kein Problem erstmal zu analysieren, warum Menschen meinen, dass sie weiterhin ihre Geschichts- und Kulturkonstrukte über mögliche tierliche Geschichtsnarrative setzen sollten, wenn sie gerade vorgeben das Menschsein zu re-zentrieren.

Partikularistisch wird der Schwere der ethischen Problematik so kaum Rechnung getragen. Die Antwort kann niemals im Religiösen, als einer Art supra-ethischer Kulturkommunikationsplatform, und auch nicht dem entgegengestellt, im allein religionskritischen Diskurs zu finden sein.

Wenn Religionen sich heute zusammentun, um zu besprechen, wie man „der Schöpfung“ gerechter werden kann, und alle Felder von Perspektivität ausgeschöpft sein sollen, wenn atheistische Wissenschaftlichkeit noch den gewohnten Biologismus beiträgt, dann scheint es fast so, als wolle Homo sapiens sich vor sich selbst rechtfertigen, um Denkfehler so noch etwas länger kultivieren zu können und um nur mildtätig einige wenige Zugeständnisse als ethischen Fortschritt proklamieren zu können.

Paradigmenwechsel würden nur stattfinden, wenn alles auf den Tisch kommt. Alle Teile menschlicher Kultur sind verwoben mit bestimmten Konzeptionen von „Menschsein“, die „Tiersein“ grundsätzlich in seinem Verschiedensein antagonisiert haben. Man denke daran, wie vehement das Thema Tierdenken immernoch über Biologismen reduktiv zum Nichtthema gemacht wird.

Allgemein ist die Tendenz, Tierthemen in vielen kleine Facettenschwerpunkten zu diskutieren, Ausdruck des Versäumnisses sich Tierfragen in der Dimensionalität eines Faunazids zu stellen. Mir kommt es eher so vor als wollen gesellschaftlich verankerte Machtinstanzen, wie Religionen, sich anhand ethischer Diskussionen über die Themen, die Nichtmenschen anbelangen, usurpierend einbringen, um so ihre Götter und Theologien über den anstehenden post-anthropozänen Bewusstseinswechsel der „droht“ hinwegzuretten.

Religion, Kulturanthropologie oder Philosophie?

Die Einengung auf Religion, als ethisches Imperativ, dass Fragen aufwerten soll, ist eine Art philosophischer Einengung, denn wenn wir „Religiosität“ und „Spiritualität“ zurück- und überführen in die Antike, zeitlich-chronologisch, oder auch lokal-kulturspezifisch in andere kulturelle Räume gehen, dann wird klar, dass Fragstellungen über Tiere – als von Menschen wahrgenommene und anerkannte „Mitlebewesen“ im Guten wie im Schlechten – soweit geschichtlich nachvollziehbar, immer zentral und bedeutsam gewesen sind – nicht zur „Menschwerdung“ als kollektivem fortschrittlichen Prozess, sondern genauso, wie eine neue Tierrechtsethik Mensch- und Tiersein in ihrer Begegnung neu kontextualisiert betrachten würden: Waren es nicht die Religionen selbst, die massiv den Menschen von Natur und Tieren getrennt haben? Wer hat die Spiritualität zum Herrschaftsgebiet von Herrschaftsgöttern, Propheten und Klerikern gemacht?

Um hier auch zu einem fruchtbaren Ergebnis zu gelangen, muss man fragen: „Wie interpretieren wir menschliche Geschichte?“, um so auch die menschliche Reflektion von „Tieren als speziesdesignierter oder nichtmenschliche Gruppe“ nachvollziehen zu können. Zu jeder Zeit haben Menschen unterschiedlich reflektiert, unterschiedlich gedacht über Menschen und über Tiere.

Auch verbleibt bei der typischen Diskussion über Tiere, Religiosität und Spiritualität der Biologismus intakt [gleich was diesen Biologismus eigentlich ursprünglich konstituierte im Falle von Speziesismen]. Mit ihm wird tierliche „Religiosität“ als rudimentär, primitiv, reduziert betrachtet oder eine autarke Anerkennung verunmöglicht. Und „Religion“ – als Symbol, das auf spirituelles Denken und Erleben hinweist – wird so ein kleines menschlich gedachtes Pool zugedacht, sowie der Spiritualität – beide werden an menschliche mystische Begrifflichkeiten und „Weltensichten“ gebunden. Nichtmenschen wird Philosophie/Denken, Lebensreflektion/Seinsreflektion und Spiritualität, neben dem „menschlichen System“ existieren, noch nicht zugestanden.

Die Entseelung „der Natur“ und die Einhauchung von „Sinn“ und „Geist“ der „Natur“ als „von Gott stammend“, statt als selbstschaffend, als ein Proxy menschlicher Konstrukte, ermöglicht erst die Beanspruchung und Monopolisierung von spiritueller Autonomie zugunsten menschlicher Dominanzansprüche, weg von der ‚Tierlichkeit im Selbstsein‘, als Oppositum zum „spiritualitätsfähigen Menschsein“.

Zusammenschluss und Vorgabe von Interdisziplinarität in den religiös dominierten Diskursen (die tendenziell den Gesichtspunkt von Dringlichkeit außer Acht lassen), mündet in abstrakten Diskussionen, bei denen Ergebnisse immer wieder dem Ausgangpunkt gleichen. Man kommt effektive niemals zu einem Ergebnis, das kollektiv menschliche Herrschaftsansprüche in den Theorien auflösen würde. Die Geste versteht sich als gut gemeint und folgt dem allgemeinen Druck eines zunehmend wachsenden ethischen Bewusstseins in der Gesellschaft. Unter dem Strich bleiben die alten Definitionen von Tiersein bestehen. ‚Meine Haltung ändert sich, aber Du bist faktisch immer noch der gleiche, für den ich Dich erklärt habe.‘ Religiös gespeiste Traditionen werden nur Oberflächen ankratzend plakativ kritisiert, während parallel dazu die schönen Seiten des Religiösen fokussiert werden, als ethische Leitfäden menschlichen Selbstverständnisses und ethischer Haltung, um Religion anhand der Tierfrage über Umwege aufzuwerten.

Tiere bleiben Schöpfungsteppich auf dem menschliche Religionen Thronen können, die bestimmen wer gut und Ebenbild Gottes ist und wer bloß Schöpfung statt Selbstschöpfung ist. Letztendlich hat die Evolutionstheorie Darwins zwar – auf der Grundlage einer kompetitiven Vorstellung von Lebensmotivation – einen Bruch mit der Dichotomie des Kreationismus im Bezug auf „Mensch“ und „Tier“ vollzogen, leider hat er dabei den Strang Homo als „sapiens“ und eine voraussetzende implizite Annahme von Tierdenken als vergleichsweise primitiv, instinktiv und prädeterminiert (statt autonom) in seinen Theoremen aber nicht überwunden.

Die logische Konsequenz aus einem erkannten biologisch-chronologischen Kontinuum, hätte unter ethischer Fragestellung spätestens heute – statt an dem Festhalten an Seinshierarchien – lauten müssen: wie gehen wir dringlichst mit einem menschlichen Krieg gegen die Tierlichkeit vor? Oder verlegte die Evolutionstheorie Darwins nur den hierarchisierenden Faktor in denjenigen Modellen, die erklären wie Menschen sich auf Tiere und Tiersein beziehen wollen, nur auf die kausaltistische Biologie, statt auf den Schöpfungsgedanken in der religiösen Hierarchisierung von Sein?

Religiosität macht sich der „Frage der Tiere“ habhaft, die als Gegensatz zu einer Homogenität von Menschlichkeit und Menschsein verstanden wird. Sie tut dies, indem sie in einem grundsätzlichsten Sinne zu transzendieren und zu metaphysieren versucht. Die Naturwissenschaften, in der die Seele als transzendentaler Körper keine Rolle mehr spielt, treffen ihre qualitativen und wertenden Unterscheidungen anhand biologischer Materie, bei dem ‚Sein‘ von Entitäten, die man als „Lebewesen“ und organisches „Leben“ identifiziert.

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Religiösität: „Din“, ist in der heidnischen vorzoroastrischen alt-iranischen Kultur das gewesen, was „aus dem Menschen, als Wesen, selbst wächst“. Wir können die Diskussion und den Aktivismus für Tiere viel grundsätzlicher und basisdemokratischer Betreiben, als über die Triangulierung mit (letztendlich monokausalen, da „Schöpfergott“) religiösen Diskursen.

Schließlich findet Speziesismus, Tierherabsetzung oder wie wir es auch nennen wollen, überall imminent statt, und ist so vordringlichst, in Eigenkompetenz und emanzipativ zu adressieren – nicht anders als Menschenrechte, nicht anders als Umweltthemen und Ökozid (Themen, bei denen Religionen ebenso wenig die letzten Antworten bieten können; außer für Homo credens).

Meine Kritik rührt daher, dass mir auffällt, dass inzwischen eine immer stärker anwachsende Anzahl von Nischenschauplätzen sich mit hochqualifizierten und zunehmend akademisierten Diskussionen füllen. Würden wir uns angesichts einer vergleichbaren Situation solch eine Nischenmentalität im Bezug auf Menschenrechtsfragen oder Umweltfragen leisten, statt einer breiten gesellschaftlich-emanzipativen Diskussion, frage ich mich ernsthaft? Ich finde Tiere werden in der Weise von Menschen immer noch in Menagerien, wenn auch geistige, gesetzt.

Manche antispeziesistischen Künstler malen Tiere unter Menschen, im Sinne einer positiven Mensch-Tier-Beziehung, und deuten damit an, wie wichtig es ist den gemeinsamen Raum zu entdecken. Aber auch auf solchen Bildern kann man bei genauerem Hinsehen entdecken, dass „der exemplarische Mensch“ nicht neutral-kritisch, sondern im Beisein der Tiere idealisiert oder „korrigiert“ erscheinen soll. Die Mensch-Tier-Beziehung wird in der Regel vereinfachend abgebildet.

Ich möchte hier einen Beitrag leisten, darüber, wie in einfacher, grundlegender Weise ein kritisches Bild über das Verhältnis aufgeworfen werden kann, ohne Rekurse auf humanzentrische ethische Konstrukte wie Religionen und ohne ein verschönerndes, verharmlosendes Bild von Menschen und dem „Menschsein“.

Animal Thealogy / Tier-Thealogie

Mensch-Maschine? Tiervernunft!

Die grundlegende Frage über eine kategorische Trennung und Unterscheidung von „Tieren“ und „Menschen“ (Homo sapiens) befördert wahrscheinlich vor seinen moralischen Implikationen, die Frage darüber, was sich genau hinter diesen großen generalisierten Identitäten verbirgt. Weshalb hat uns die Sichtweise darüber, „was Tiere sind“ und „was Menschen sind“, schließlich dazu geführt, Tiere heute beinahe ausschließlich unter biologistischen (…) Begrifflichkeiten zu thematisieren? Reicht es, nichtmenschliche Tiere mit der ausschließlichen oder überwiegenden Attribuierung eins instinktgeleiteten Verhaltens zu begegnen? Ist es somit der ‘Fehler‘ der Tiere, dass Mensch sich auf sie nicht in einer anderen Weise beziehen, als sie es gegenwärtig tun? Welche anderen Optionen existieren?

Tier = instiktiv? Mensch = vernunftsbegabt? Attribuierte Identitäten innerhalb eines humanzentrischen Narrativs

Wenn wir die Sichtweise nicht akzeptieren, dass nichtmenschliche Tiere diejenigen sind, die unter den Menschen zu stehen haben, innerhalb eines Rahmens, der durch einen z.B. biologischen, philosophischen oder selbst eine göttliche Seinshierarchie gegeben ist, dann muss solch ein kritischer Anspruch nicht allein moralisch motiviert sein. Es kann ebenso bedeuten, dass wir die Art, in der beide Identitäten („Tier“ und „Mensch“) verstanden werden, hinterfragen, dass wir die Trennung und die Qualifizierung dieser Identitäten hinterfragen, selbst bevor die Frage menschlichen Unrechts auf der Diskussionsplattform erscheint.

Wir können fragen, ob die Interpretation von Charakteristiken, die als konstituierend begriffen werden für unterscheidende, trennende Aspekte, innerhalb einer Mensch-Tier-Hierarchie, nicht in Wirklichkeit eine Verneinung des autonomen Wertes des Verschiedenseins von nichtmenschlichen Tieren darstellen.

Wir wissen, dass das einzige Kriterium, das uns als Standard dient, der menschliche Parameter ist. Das heißt, das menschliche Modell zählt als das Ideal, als der Standard der Normen kreiert.

Was passiert, wenn wir dieses „Standardmaß“ bezweifeln?

Es ist eine Frage der Perspektive!

Schussfolgerungen, die sich aus den Bereichen Biologie und Psychologie (Tierpsychologie ist im Prinzip allerding zumeist nichts anderes als Ethologie, als nach innen projizierter Prozess) ableiten lassen, als den hauptsächlichen akademischen Feldern, die sich mit einer Erklärbarkeit von Tieridentität befassen, legen die Perspektiven fest:

  1. Über relevante Charakteristiken
  2. Darüber, wie Charakteristiken bei Tieren (sowohl im Falle menschlicher als auch nichtmenschlicher Tiere) sich a.) ausdrücken müssen und b.) in welcher exakten Korrelation sie „bemessbar“ sein müssen, um eine aus menschlicher Sicht bestimmte Relevanz oder Bedeutsamkeit zu erlagen

Das Problem liegt also in der Frage, warum Menschen eine Autonomie von Tieren nicht akzeptieren können, wenn sie sich nicht über die Wahrnehmung eines wertdefinierten Vergleichs erschließen lässt.

Warum werden eigene tierliche Kriterien und deren unabhängige Bedeutsamkeit (im Sinne ihrer Selbst und ihrer Situationen, in deren natürlichen und sozialen inter- und ko-spezifischen Kontexten) als irrelevant betrachtet, in dem Moment, in dem sie auf unsere perspektivischen Aussichten stoßen, wenn diese tierlichen Kriterien doch ebenso begriffen und akzeptiert werden könnten als vollständig außerhalb unserer hierarchischen Rahmenwerke liegend?

Tierindividualität als neutralen Fakt akzeptieren

Die Bereitschaft, eine unabhängige Bedeutsamkeit von Nichtmenschen zu akzeptieren, bedeutet die Deindividualisierung zu hinterfragen, die unsere allgemeinen Sichtweisen und Erklärungsmodelle über sie gewöhnlich vermitteln. Das sind die Sichtweisen, die zulassen, dass wir (als „menschliche Identitätsgruppe“) Nichtmenschen im wertenden Vergleich zu uns setzen, statt das (Verschieden-)Sein der Nichtmenschen selbst als vollwertig zu betrachten. Und das sind auch die Sichtweisen, die zu sortieren bemüht sind, wie genau sich die existenzielle Bedeutung von Nichtmenschen in Bezug auf all das verhält, was sonst noch für „uns Menschen“ (als eine geschlossene Identitätsgruppe) von Bedeutung ist.

Die deindividualisierende Sichtweise von Nichtmenschen geht fast automatisch einher mit der Wertentziehung in Hinsicht auf die zugeordnete Bedeutsamkeit. Und so landen wir nun bei der moralischen Frage, da die Frage von Identitäten, individueller Existenz und Deindividualisierung einige ethische Konflikte mit sich bringen.

Nichtmenschen und attribuierte Identitäten in den Bereichen “tierlicher” und “menschlicher“ sozialer Kontexte

Wenn wir nichtmenschliche Tiere, abgesehen von derer Lokalisierung im Hoheitsgebiet der Biologie, beispielsweise ebenso in soziologischen Kotexten betrachten können, dann könnten wir z.B. zu Recht fragen: „Wie verhalten sich Menschen gegenüber nichtmenschlichen Tieren und wie wird dies von beiden Seiten her wahrscheinlich oder vielleicht wahrgenommen?“ Können wir das Verhalten von Menschen gegenüber Nichtmenschen allein erklären, indem wir auf die allgemeine Annahme Bezug nehmen, dass man sich nicht wirklich in einer besonderen Weise zu Tieren verhalten kann, da sie angeblich ‚durch Instinkte bestimmt‘ seien und ‚kommunikativ weniger komplex im Vergleich zu uns‘, und dass somit unser Verhalten ihnen gegenüber keine eigenen Qualitäten einer sozialen Dynamik enthalten könne? Können wir unser typisch menschliches soziales Fehlverhalten gegenüber Nichtmenschen dadurch legitimieren, indem wir uns auf die „Einfachheit/Tumbheit“ beziehen, die wir in tierliches Verhalten hineininterpretieren? Solche Fragen würden natürlich ausschließlich auf den Stereotypen von Tieridentitäten basieren, gleich woher sie stammen.

Die Human -Animal Studies wären hier vielleicht die Lösung. So beschreibt die Seite des Animals and Society Insitutes das Feld der HAS:

Human-Animal Studies (HAS) is a rapidly growing interdisciplinary field that examines the complex and multidimensional relationships between humans and other animals. HAS comprises work in several disciplines in the social sciences (sociology, anthropology, psychology, political science) the humanities (history, literary criticism, philosophy, geography), and the natural sciences (ethology, veterinary medicine, animal welfare science, and comparative psychology). ( https://www.animalsandsociety.org/human-animal-studies/ , Stand 05.09.2021)

Die HAS sind sozusagen eine große Zusammenfassung zahlreicher menschlich möglicher Perspektivitäten auf das „Mensch-zu-Tier-Verhältnis“. Das Problem bleibt dadurch aber weiterhin bestehen, dass das „Tier-zu-Mensch-Verhältnis“ mit aller Wahrscheinlichkeit bei gänzlich anderen Ergebnissen enden würde – als Ergebnisse ohne den Ballast der Konfrontation mit den Bildern, die Menschen sich von Tieren machen.

Es wird implizit davon ausgegangen, dass all die interdisziplinären Bereiche, die zur Untersuchung des Verhältnisses Mensch-Tier herangezogen werden, tatsächliche Aussagen über faktische Tierlichkeit liefern könnten. Das all die Disziplinen aber auf Denkmodellen basieren, die intrinsisch speziesistisch-anthropozentrisch gespeist sind, steht nicht unbedingt im zu untersuchenden Fokus, weil wissenschaftlich „Tierlichkeit“ nicht ohne weiteres durch Wissenschaftlichkeit selbst trianguliert werden kann, um zu aussagefähigen Erkenntnissen zu gelangen, die über Nichtmenschen etwas wirklich fundamentales aussagen könnten. Dies ist einfach der Tatsache geschuldet, dass Tierlichkeit nicht in menschlichen Begriffen allein hinreichend erklärt werden kann. Was möglich ist, ist Approximationen zu schaffen und Wege freizuräumen, Konstrukte einzureißen und schlichtweg geistig freie Räume zu schaffen, die tierlicher Integrität einen Schutz nicht nur auf der physischen Ebene, sondern auch auf der theoretisch-philosophischen epistemischen Ebene gewährleisten würden.

Interessanterweise bildet selbst die Nische dessen, was soweit akademisch anerkannt ist als ‚Tiersoziologie‘ nur einen fragmentalen Baustein der Human-Animal-Studies, wobei dies tatsächlich eben nur diejenige ‚Tiersoziologie‘ anbetrifft, die Biologismen noch nicht kritisch ausgeräumt hat. Das heißt, obwohl die Human-Animal-Studies in selbstbezeichneter Weise eine Beziehung (die ja wohl eine soziale Komponente aufweist) adressieren – also soziale Interaktion – ist diese akademische Sparte aber nicht (tier-)soziologisch zu verstehen. Eher ist die perspektivisch-hegemoniale Sicht „des Menschen“ auf „die Tiere“ hier angedacht.

Wie dem auch sei, wir können Fragen von dem, wie sich eine Mensch-Tier- und Tier-Mensch-Soziologie verhält, wahrscheinlich kaum mit Soziolog*innen besprechen, obwohl es in deren Rahmen hineinfallen könnte, diese Beziehungen zu analysieren. Soziolog*innen selbst würden sich wahrscheinlich weitaus lieber mit der Tierrechts- und der Tierbefreiungsbewegung befassen, um sich nicht mit der Interaktion zwischen Menschen und nichtmenschlichen Tieren befassen zu müssen, da sich jede*r ja bereits mit der Tatsache einverstanden erklärt hat, dass eine Naturwissenschaft (die Biologie) bereits festgelegt hat, was die (logischerweise implizit auch ‚soziale‘) Identität von Nichtmenschen „faktisch“ ausmacht. Und dem muss hinzugefügt werden, dass es scheint, dass selbst die Tierrechtbewegung die moralische Frage selbst beinahe außerhalb jeglicher Reichweite platziert hat, indem sie die Erklärung der Identität von Tieren auch als etwas mehr oder weniger strikt Biologisches akzeptiert hat. Die Forderung dieses Mainstreamstranges in den Tierrechten führt sich damit dialektisch selbst ad absurdum.

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Ein geometrisches Bild

Die Leserin stelle sich zwei abstrakte Gruppen vor. Gruppe A besteht aus Dreiecken, und alles was die Dreiecke umgibt, wird mathematisch relevant im Bezug auf deren eigene trianguläre Form. Dies vollzieht sich, indem alles was einem Dreieck entspricht oder nicht entspricht in einer jeweilig bestimmten Farbe erscheint. Gruppe B sind Kreise. Nun sagt Gruppe A, dass Gruppe B keine Dreiecke sind (weil A Dreiecke sind), und dass B auch keine Quadrate oder Rechtecke sind. Folgt hieraus irgendein Grund dafür, dass es mathematisch legitim sein würde die Kreise als gleichermaßen gültige geometrische Figuren auszuschließen? Die Dreiecke unterscheiden sich von den Kreisen, aber beide sind geometrische Figuren und insofern von gleichem Wert. Sie können in Bezug zueinander gesetzt werden aufgrund jeglicher ihrer geometrischen Eigenschaften, selbst wenn die Kreise den Charakteristiken der Dreiecke nicht entsprechen.

Eine einfache Metapher

Soziologie hinterfragt nicht die soziale Interaktion zwischen Menschen und Nichtmenschen. Sie untersucht diese Beziehung nicht aus ihrer spezifischen Sichtweise, weil allgemein davon ausgegangen wird, dass die menschliche Beziehung im Bezug auf Tiere durch die Naturwissenschaften bereits im Kern festgelegt ist. Die Human-Animal-Studies bezeichnen sich zwar als Studien der Mensch-Tier-Beziehung, lassen aber das biologistische Erklärungsmodell über tierliche Identität als solches bestehen.

Das hierarchische Herrschaftsgebiet jedoch, welches die Naturwissenschaften [und mit ihnen die humanistische Wissensbasis, auf der die Naturwissenschaften eher fußen] errichtet haben, schließt jedoch jede Notwendigkeit für eine tiefere Betrachtung und Berücksichtigung dieser Beziehung aus. Wir sehen keine direkte Beziehung zwischen Menschen und Nichtmenschen repräsentiert auf der intersubjektiven Ebene – wie beispielsweise auch Syl Ko sie in ihrem Spezies-Subjektivistischen Ansatz empfiehlt.

Die Biologisierung und Entsoziologisierung von sozialer Interaktion und Erleben

Eine sehr typische Exemplifikation dieses Unwillens auf einem grundlegenden Level eines „Gemeinsinns“ Bezug (auf Nichtmenschen) zu nehmen, kann in dem Unterschied erkannt werden, zwischen z.B. der Bezugnahme auf Nichtmenschen in Hinsicht auf „Freude“ im Gegensatz zu „Liebe, etc.“ als typisches Beispiel. So wie in: „Tiere können ‚gleichermaßen‘ Freude erleben“ oder „wir können beide lieben“ als soziale Handlung und als soziales Empfinden. Oder bei „Schmerz“ versus „Gewalt erleben“: so wie in „Tiere können Schmerz empfinden“ oder „wir können beide Gewalt erfahren und be-/greifen“. Liebe ist ein verbindendes Empfinden, Gewalterfahrung basiert ebenso auf sozialer Interaktivität, wenngleich im negativen Sinne. Wobei „Freude“ allein in dem Subjekt, dem wir das Gefühl zuordnen, lokalisiert wird, und das gleiche gilt auch für den „Schmerz“. Das heißt eine gewisse Perspektivität lässt Kontextualitäten sozialen Erlebens auf der breiten Ebene zu, während eine andere Perspektivität „Liebe“ und „Gewalterfahrung“, wie in diesem Beispiel, auf „Freude“ und „Schmerz“ in entsozialisierter Weise begrenzen und ausschließlich im Subjekt lokalisieren und somit begrenzt kontextualisiert zuordnen.

Wir – Nichtmenschen und Menschen – verstehen die Fragen von LIEBE, GEBORGENHEIT, VERTRAUEN, etc. und GEWALTERFAHRUNG. Während „Freude” und “Schmerz” reduktive Begriffe für das gleiche darstellen können.

Weiter …

Betreffend der Frage, ob Nichtmenschen in irgendeiner Weise als moral agents/moralisch Agierende bezeichnet werden können, muss man fragen, existiert Moral außerhalb des menschlichen Konzepts von Moralität? Wenn wir Moralität diskutieren, gehen wir davon aus, dass der Gegenstand, den dieser Begriff beschreibt, durch unsere Wahrnehmung „entstanden“ ist, und da wir definieren was „moralisch“ bedeutet, können wir das beschriebene Phänomen als alleinig unseres beanspruchen.

Wichtig ist festzuhalten, dass ich mich hier eher auf die angelsächsische Verwendung von „Moral“ und „moralisch“ beziehe, wie z.B. hier erklärt als:

“relating to the standards of good or bad behaviour, fairness, honesty, etc. that each person believes in, rather than to laws.”

( https://dictionary.cambridge.org/de/worterbuch/englisch/moral, Stand 06.09.2021 )

Dies tue ich, da insbesondere (der namhafte amerikanische Tierrechtphilosoph) Tom Regan in seinem The Case for Animal Rights die Frage der moral agency in der Raum stellte, und dies bei mir die Fragen aufwirft, inwieweit damit eigentlich in Wirklichkeit eine soziale Qualität verbunden ist, und man, anders als Regan es tut, das anthropozentrische Konstrukt, das mit der Idee von „moralisch“ einhergeht, mal in seine eigentlichen Bestandteile untergliedern sollte es schließlich ebenso in tierlich-kulturellen Kontexten gedacht werden kann.

Woraus besteht Moralität?

Existiert Moralität nur wegen theoretischer Rahmenwerke? Das lässt sich bezweifeln. Moralität hat auf der einen Seite etwas mit grundlegender sozialer Interaktion zu tun, denn dadurch erhält Moralität ihren Wert. Auf der anderen Seite bestehen die übergeordneten Übereinkünfte über Moral, welche erklärt und über die entschieden wird von (geistigen) ‚Eliten‘ oder einer definierenden Gruppe/einem definierenden Prozess. Aber dadurch enthalten die Übereinkünfte über Moral bloß eine erzwungene Gültigkeit, die von ihren eigenen Grundlagen getrennt ist, das heißt: von der Bedeutung sozialer Interaktion zwischen Wesen (das Konstrukt über Moralität schließt das aus, was außerhalb seiner Hierarchisierungen liegt; andere Formen von Interaktion die „soziale Werte“ enthalten werden ausgeschlossen).

Auf der individuellen Ebene existiert das, was jegliches „ich“ wahrnimmt und erfährt, in seiner Interaktion, und was es als „moralisch“-richtig erlebt. Und diese Erfahrung kann zwischen Nichtmenschen oder Menschen im kompletten environmentalen Kontext stattfinden – aus Sicht eines allgemeinen Gemeinsinns, wenn wir die menschliche Perspektive annehmen. Wenn wir das menschliche Dekorum weglassen, dass den Begriff Moral umgibt und ihm anhaftet, dann können wir behaupten, dass jede Handlung eine moralische Implikation für deren Akteure besitzt, nicht-anthropozentrisch betrachtet.

Es ist immer dasselbe: Verschiedenheit. Wir sollten mit ihr klarkommen.

Nichtmenschen haben sehr andere ‚Lebensphilosophien‘ im neutralen Vergleich zu „unseren“ ‚Lebensphilosophien‘, und ich glaube man kann den Begriff Philosophie hier verwenden, um einen Teil eines bislang unbezeichneten Phänomens zu beschreiben, in dem Nichtmenschen ihre eigenen Leben strukturieren, reflektieren, etc. Wobei das Wort ‚Lebensphilosophie‘ den Punkt nicht mal trifft. Viel eher: Denken über das Leben.

Ich frage mich, ob das Problem, das Menschen mit Nichtmenschen haben, nicht eher in den Unterschieden ihrer Denkweisen über das Leben im Vergleich zu unseren typisch menschlichen ‚Lebensdenkungsarten‘ liegt. Die Probleme liegen so viel mehr in dieser radikalen Verschiedenheit statt in den Gründen gradueller biologischer Verschiedenheiten oder statt in der üblicherweise angenommenen moralischen und sozialen ‚Begrenztheiten‘, die Menschen diesen Anderen (Tieren) zuordnen.

Das Problem scheint mir um das Maß an Unterschiedlichkeit und koinzidierender Gleichheit zu fluktuieren. In vielerlei Hinsicht gleichen wir Nichtmenschen, jedoch was den Aspekt unseres Dominanzanspruchs anbetrifft, sehen wir Nichtmenschen als „die Loser“ und als das untere Ende einer evolutionären oder göttlich bestimmten hierarchischen Ordnung, auf der wir unser destruktives und hypokritisches Verständnis von Macht postulieren können.

Dass Nichtmenschen die Verlierer unter den ‚biologischen Tieren‘ seien, ist eine Einstellung die sogar einige ihrer Verteitiger*innen projizieren. Ich treffe öfters auf Menschen in der Tierrechtsszene, die keine Einzigartige, in sich genügende Qualität in der Nähe und gleichzeitigen Ferne zwischen den unterschiedlichen Tieren (einschließlich dem Menschen) anerkennen, sondern die an erster Stelle in ihren verteidigenden Argumentationen immer wieder betonen: „Wie sind Tiere im Vergleich zu uns“; als ob Menschen und Tiere einen Wettbewerb auf einer Gleichheitsskala ausführen müssten. Und ein anderer damit verwandter Argumentationsstrang lautet: „Wie viel ihres ‚Instinktes‘ könnte Tiere möglichweise dazu berechtigen, Rechte zu erhalten“; Rechte, die sie vor Menschen schützen müssen ( – wobei es sehr fragwürdig ist, ob diejenigen, die Vorurteile gegen Dich haben, Dir wirklich Deine eigenen Rechte zugestehen wollen würden). Dabei wird dann angeführt, was Tiere alles so als vermeintlich ‚primär durch Instinkte bestimmte Wesen‘ können. Als wäre der Mensch in seinem Denken alleine selbstbestimmt … ein Riesenproblem in der Betrachtung von Menschen, Tieren, Instinkten und Denken.

Die menschliche Gesellschaft, so scheint ist, betrachtet immer wieder das „uns“ und das „wir“ als objektiv wichtiger, insofern dass dieses „wir“ und das, „wie wir sind“, das Kriterium schlechthin sein soll, und dass Nichtmenschen daran bemessen werden sollen. Der Mensch hat zugleich aber auch eine komplette Erklärung parat, darüber wie genau Tiere anders und unterschiedlich sind.

Der wesentliche Punkt: andere zu akzeptieren, die Gültigkeit von Unterschiedlichkeit zu akzeptieren statt vorzudefinieren, der Unterschiedlichkeit Raum zu lassen, wird leider übersehen. Dabei wäre das für die Anderen, die Sich-von-uns-Unterscheidenden entscheidend, würde Anerkennung von Freiheiten beinhalten und es wäre so vielleicht selbst für „uns“ wichtig!

Zu weit gegriffen? Tier-Thealogie – weibliche Tiergottheiten, weibliche menschliche Gottheiten … alles gab/gibt es … . Mögliche Herangehensweisen an die Frage spiritueller und geistiger Freiräume.

Themen und Akzente 07.11.2020

Zum Auffrischen verschiedenartiger Diskussionsgrundlagen hier einige interessante Links in unterschiedliche Richtungen – vom Samstag den 7.11.2020

Wenn eine Green Economy dekolonialisiert sein muss und postwachstumsorientiert funktioniert, warum begrüßen dann gegenwärtig manche Veganer*innen Fleischkonzerne, die veganwashing betreiben?

Ökologie, Dekolonialismus, Degrowth/Postwachstum, Greenwashing, Nicht- oder Unwissenschaftlichsein, Aktivismus

Epifania Akosua Amoo-Adare: (Un)Thinking Science: A critical call for conscious practical work
https://undisciplinedenvironments.org/2017/09/14/unthinking-science-a-critical-call-for-conscious-practical-work/

Combating greenwashing through public critique, a teaching idea by Jessica M. Prody
https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/17404622.2016.1139151?scroll=top&needAccess=true&journalCode=rcmt20

Interview with Malcom Ferdinand: Why We Need a Decolonial Ecology
https://www.greeneuropeanjournal.eu/why-we-need-a-decolonial-ecology/

Tierechte, Anti-/Speziesismus Dekolonialismus, Tierethik und Mythologie

Obwohl ich mit Gruppenzugehörigkeiten gewisse Probleme habe und nie in einer bestimmten Gruppe beheimatet sein konnte, schon gar keiner ethnischen, finde ich interessant, warum Menschen mit einem indigenen Hintergrund, wie in diesem Fall der Dichter Billy-Ray Belcourt, über Tiermythologisches im Kontext mit Tierrechtsbewusstheit sprechen können und der/die “normale Durchnittstierrechler:in” sich lieber dauerhaft auf die naturwissenschaftliche biologistische Sicht stützen will. Eine ganz andere Ausnahme ist jedoch die niederländische Anthropologin Barbara Noske, die sich kritisch mit Totemismus und kritisch mit Biologismus auseinandersetzt. Belcourt nimmt aber keine totemistische, symbolisierende Sichtweise ein, sondern betrachtet tierliche Nichtmenschen als Subjekte auf gleicher Ausgenhöhe wie es scheint … . Interessant ist die andere Perspektive als neuer Weg in der Annäherung an die Tierrechtsfrage im konstruktiven Sinne …

Billy-Ray Belcourt > @BillyRayB (twitter) > https://billy-raybelcourt.com
Animal Bodies, Colonial Subjects: (Re)Locating Animality in Decolonial Thought (2014)
https://www.researchgate.net/publication/
307841644_Animal_Bodies_Colonial_Subjects_ReLocating_Animality_in_Decolonial_Thought

Diesen Text hier habe ich nun noch nicht gelesen … es geht um eine Kritik daran, das die kritischen Tierstudien keinen dekolonialen Ansatz wählen …
An Indigenous critique of Critical Animal Studies
https://www.taylorfrancis.com/books/e/9781003013891/chapters/10.4324/9781003013891-1

Zwischen den Stühlen, Rassismus, Nationalität, Ethnizität

“German racism” ist so eine Sache, mixed race sein ist auch so eine Sache. Immer noch werden ethnische Typen festgelegt und visuell idealtypisch verstanden. Auch fragen dessen, was man allgemeinhin so als “Mentalitäten” versteht, sind immer noch rassistisch eingefärbt, in eigener Art und Weise gleichermaßen im Bezug auf Leute, die mixed race sind. Diesen Leuten wird oftmals aber tendenziell abgesprochen von Rassismen betroffen sein zu können. Ich glaube, wenn wir uns mit den Nuancen von Diskriminierung in jeglicher Hinsicht auseinandersetzen, können wir auch zunehmend herausschälen, wie die Art der Denkweisen sich zumeist zusammensetzen, die andere Lebewesen diskriminieren und verletzen.

‘I Will Never Be German’: Immigrants and Mixed-Race Families in Germany on the Struggle to Belong
https://www.nytimes.com/2019/11/08/reader-center/german-identity.html

https://criticalmixedracestudies.com/

Erica Chito Childs: Critical Mixed Race in Global Perspective: An Introduction
https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/07256868.2018.1500975

Speziesismus ist … Wertung

Speziesismus ist … Wertung

… all das, womit der Mensch meinst sich “positiv” vom non-human (…) zu unterscheiden, gleich einer speziesistischen Wertung.

Diese Grafik stammt aus einer persischen Geschichte über einen Vogel  und ein Samenkorm “Morgh va Tokhm”. Farangis hat die Geschichte illustriert und wir planen sie demnächst online zu veröffentlichen – hier ist ein Preview: https://farangis.de/edition/preview-morgh-va-tokhm/

Unser Neu-Mithraismus

Einleitend dazu der folgende Text: Neu-Mithraismus bei Mithraeum.de – wir haben die Domain mithraeum.de inzwischen aufgegeben, unsere Gruppe bleibt aber weiterhin bestehen:

Der neue Gott Mithras tötet nicht, er verweigert den Gehorsam. Hinter den Ritualen im Mithraismus, die der Neophyt durchlaufen muss, mag der Konflikt des Tötens und des Getötetwerdens als urmenschlicher (häufig unausweichlicher) Seinskonflikt gestanden haben. Die Mythologeme und vermuteten Riten geben Anlass dazu, davon auszugehen, dass es bei der Darstellung der Tauroktonie genau um diesen Konflikt ging.

Das Interessante ist die Bedeutsamkeit des Urstieres als Mythologem. Einiges ist uns über die seltsame Bildsprache des Stierschwanzes als Ähre noch in der ursprünglichen Bildhaftigkeit der iranischen Mythologie bekannt und dies dient als ein Zugang zum Mysterium.

Zur weiteren Information über diesen säkular-spirituellen Werkraum an dem wir arbeiten, siehe: Ethische Fragen, Bildnisse und Bildschaffung.

Ein Fragment über Insektenmythologien und Darstellungen von Insekten, und weshalb Erklärungen mittels Symbolismus nicht ausreichen um bestehende Korrelationen zu erklären

Ein Fragment über Insektenmythologien und Darstellungen von Insekten, und weshalb Erklärungen mittels Symbolismus nicht ausreichen um bestehende Korrelationen zu erklären

Soweit wir zu diesem Zeitpunkt herausfinden konnten, handeln die bekanntesten Mythologien über Insekten und ähnliche Invertebraten von: Bienen, Schmetterlingen, Spinnen, Skorpionen, Zikaden und den Skarabäus-Käfern … . Welches Ansehen welche Insekten wann genossen und warum, steht offen. In einigen Zeiten, Kulturen und Geographien wurden die Tiere oder einige Gruppen dieser, zumindest freundschaftlich, in anderen feindlich dargestellt.

Insekten in Mythologien werden zumeist als ein Phänomen gedeutet, das sich primär über einen „Symbolismus“ erschließen soll. Es scheint, dass Autoren / Forscher meinen, es sei schwer vorstellbar, dass beispielsweise der Skarabäus (der im ägyptischen Pantheon dem Gott Kheper zugeordnet wurde), ein ‚Mistkäfer’ also, für mehr als allein das geschätzt wurde, was Menschen ihm, im Sinne ihrer eigenen anthropozentrischen Konzepte der Welt, derer Bedeutung und des Universums zuschrieben. Was, wenn aber die frühen Ägypter beispielsweise eine Welt mit einem einzigartigen Wert im Leben und in den Aktivitäten der Skarabäus-Käfer gesehen hätten?

Es wäre doch möglich, dass es faszinierend war zu beobachten, wie die Käfer dieses Rund aus Erde und Dung gerollt haben, und dabei dahingehend Überlegungen anzustellen, welche Art des Sinnempfindens die Käfer der Existenz und dem Sein auf der Erde überhaupt selbst ‚lebten’. Tiere haben Vernuft, Tiere haben Sinn. Tiere denken. Vielleicht verfügten manche alten Zivilisationen und Kulturen noch über die Fähigkeit und über ein Interesse daran, nichtmenschliche Tiere als tierliche Kulturen zu betrachten. Ein kleiner Käfer, der einen Ball gleich einem Planeten rollt, aus dem ein neues Insektenleben schlüpfen würde … . Das ist mehr als ein Symbol.

Ein typischer Gedanke, den man im Bezug auf nichtmenschliche Tiere und die Natur im Bezug auf Mythologien antrifft, ist, dass Menschen der Natur immer nur im indirekten Sinne eine Bedeutung zugeordnet hätten. Menschen können aber doch auch gedacht und gefühlt haben, dass die Natur tatsächlich eine Bedeutung hatte, und dass Natur (und somit Existenz) überhaupt Bedeutung sei.

Zusätzlich sollte bedacht werden, dass wenn wir solch einer Beziehung in der Mythologie das Gewicht unserer heutigen Definition von „Symbolismus“ aufbürden wollen – das heißt wenn wir beispielsweise sagen, dass Insekten bloße Symbole anthropomorpher Attributisierungen gewesen seien – dann sollten wir doch immerhin die epistemologische Geschichte des „Symbols“ und die Etymologie dieses Begriffes näher betrachten, um Licht auf das Konstrukt zu werfen, von dem wir damit Gebrauch machen.

Interessant ist, dass selbst im Bezug auf unsere Gegenwart wir die Verwendung von Tierbildern in mehr oder weniger ähnlicher Weise deuten. Wir sehen das Tier als nicht viel mehr als einen Symbolismus.

Die Beziehung zur faktischen Gegenwart des ‚Tieres als Subjekt’, das unser sozialethisches Miteinander relevant werden ließe, spielt seitens des Künstlers sowie auch seitens des Betrachters für Kunstkritiker, Kunstwissenschaftler und Kunsthistoriker zumeist noch eine untergeordnete und eher indirekte Rolle, bei der in erster Linie die Subjektivität des Menschenlichen in Bezugnahme auf das Menschliche im Zirkelschlüssen zum Gegenstand des Sinnes von Kunst wird (und bleiben soll).

Der Bezug auf das dargestellte Tier und das Tierliche wird als indirekt gedeutet, auch wenn ein direkter Bezug intentioniert oder zumindest auch mit enthalten ist. Die alleinige Direktheit, die zugelassen wird, ist die objektifizierte Haltung zum Tier und zum Tierlichen. Die Direktheit wird Instrumentalisiert.

Die Tendenz zur Verzwecklichung bei Anthropomorphismen in Tierdarstellungen macht die Beziehung noch unsichtbarer. So können wir kaum mehr von einer Micky Maus auf eine echte Maus schließen, da hier die Maus in der Art Darstellung nur noch ein dem Menschen gefälliges Bild verkörpern soll. Der Bezug zum Tier bleibt aber relevant, denn sonst hätte man ebenso eine nicht zoomorphe Gestalt wählen können als zentralen ästhetischen Bildnisfaktor. Wir sollten uns die Beziehungen zwischen darstellenden und dargestellten Subjekten viel genauer und tiefgreifender betrachten.

Da drängen sich Vögel und Tiere herbei …

Der Musikmeister Kue und die Macht der Musik

Kue sprach:
Ich schlage den Klingstein leicht und stark.
ich rühre die Harfe und Zither zart
zum Gesang.
Da kommen die Väter und Ahnen herbei,
sie sitzen als Gäste beim Königsmahl,
und die Fürsten voll höfischer Tugend all.
Vor dem Saal im Hof die Flöte ertönt,
mit der Trommel zusammen im Takt.
Sie fallen ein, sie hören auf,
wenn die Klapper, die Rassel schnarrt.
Pansflöten und Glocken mit ihrem Schall,
sie wechseln mit dem Gesang.
Da drängen sich Vögel und Tiere herbei,
und zum Klang der heiligen Musik
schwebt feierlich das Phönixpaar umher.

(Aus dem Schu-Djing, zwischen 12. u. 7. Jhd. v. Chr.)

Man findet das Gedicht in Deutschland in dem Buch: “Lyrik des Ostens”, München 1965, S.231 .

Im Kommentar zum Gedicht wird erwähnt:
… – Phönixpaar: Männchen Feng (auf das e kommen zwei Punkte wie bei deutschen Umlauten!), Weibchen Huang, göttliches Königspaar der Vogelwelt, fünffarbig gefiedert, singt nach Fünftonleiter, bringt Frieden und Glück.

Der Übersetzer ist Richard Wilhelm, einer der beeindruckensten deutschen Sinologen überhaupt

Die enge Verwandtschaft dieses chinesischen “Phönixpaares” mit der persischen “Simorgh” ist wohl eindeutig!!!

Mit Dank für das Aufmerksam machen und den Hinweis an Bea Bungwinkel!

METAMORPHOSE

METAMORPHOSE / /

Es schmerzen mich
die geschlossenen Gesichter
die geschlossenen Hände
die geschlossenen Herzen

Im Blättergewirr
einer hochragenden Birke
sah ich den grossen braunen Vogel
sich schüttelnd entfalten
spreizend die linke Schwinge
spreizend die rechte Schwinge
wippend sich reckend

Ein Wind ergreift meinen Körper
erhebt mich und trägt mich
unter das geöffnete Federkleid
des braunen Vogels

Seine Flügel und meine Flügel
wir proben den Aufschwung
wir öffnen und spreizen uns
wir fühlen die Kraft des Windes
an jeder unserer leichten Federn

Wir lösen uns aus dem Blättergewirr
und schwimmen
mit kraftvollem Flügelschlag
auf den Wellen des Luftmeeres

Unter uns die geschlossenen Gesichter
die geschlossenen Hände
die geschlossenen Herzen
versinkend im Dunstkreis
der schmerzhaften Verschlossenheit.

FARANGIS

Das Geheimnis der Liebe zum Leben. Religiöse Widerständler und heidnische Modernisten.

Das Geheimnis der Liebe zum Leben: Religiöse Widerständler und heidnische Modernisten

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Die Katharer waren eine christliche Splittergruppe des europäischen Hochmittelalters, die ihren Glauben an den Gut-Böse-Dualismus der aus Persien stammenden Manichäer des 3. Jahrunderts nach Christus anlehnte. Die Manichäer selbst verbanden unterschiedliche Elemente in ihrem Glauben und so findet man bei ihnen auch eine Anlehnung an das Christentum.

Beide Glaubensgruppen teilten die Vorstellung, dass Tiere nicht geopfert werden dürfen – weder für religöse Zwecke, noch zu Ernährungszwecken. Man geht allerdings davon aus, dass die Katharer Fische aus dieser Vorstellung des (gewollten oder indirekten, religiös verordenten) Lebensschutzes ausschlossen, weil sie meinten, dass sich Fische nicht geschlechtlich vermehren würden und aus dem Wasser entstünden.

Die Katharer glaubten, dass „Lichtteile“ von Engelsseelen ausversehen mit einem toten Tier mitverzehrt werden könnten, und die Manichäer meinten, dass Tiere-Essen hätte zur Folge, dass die „Lichtteile“ des Tieres durch den Verzehr nicht aus dem Tierkörper entweichen könnten. Beide Glaubensgruppen erwarteten eine strenge Befolgung ihrer asketischen Ideale aber nur von der Priesterschaft (bei den Katharern die Parfaits, bei den Manichäern die Electi).

Es gab eine Reihe von Schnittstellen beider Glaubenssysteme, eine davon scheint uns in die Gegenwart zu führen: die Hütung des Geheimnisses irdischer Existenz. Ein Stein bei den Manichäern, ein Gral bei den Katharern.

„Wolfram’s Grail/Stone bears a great resemblance to the Manichaean jewel, the Buddhist padma mani, the jewel found in the heart of the lotus that is the solar symbol of the Great Liberation and which can also be found in the Indian traditions concerning the Tree of Life.” Jean Markale, The Grail: The Celtic Origins of the Sacred Icon, 1999, S. 134.

Beim christlichen Ritter Wolfram von Eschenbach in seinem Parzival taucht der „heilige Gral“, der in der Mystik des Mittelalters für so viele Ritterorden von solch großer Bedeutung war, in der Form des „lapsit excillis / Lapis excilis“ auf:

„Die wehrliche Ritterschaft,
höret, was ihr Nahrung schafft:
Sie leben von einem Stein,
dessen Art muss edel sein.
Ist euch der noch unbekannt,
Sein Name wird euch hier genannt:
Er heißet Lapis exilis.
Von seiner Kraft der Phönix
Verbrennt, dass er zu Asche wird
Und dann der Gluth verjüngt entschwirrt.
Der Phönix schüttelt sein Gefieder
Und gewinnt so lichten Schimmer wieder,
Das er schöner wird als eh.
Wär einem Menschen noch so weh,
Doch stirbt er nich denselben Tag,
Da er den Stein erschauen mag,
Und noch die nächste Woche nicht;
Auch enthellt sich nicht sein Angesicht:
Die Farbe bleibt ihm klar und rein,
Wenn er täglich schaut den Stein,
Wie in seiner besten Zeit
Einst als Jüngling oder Maid.
Säh er den Stein zweihundert Jahr,
Ergrauen würd ihm nicht sein Haar.
Solche Kraft dem Menschen gibt der Stein,
Daß ihm Fleisch und Gebein
Wieder jung wird gleich zur Hand:
Dieser Stein ist Gral genannt.“

Parzival und Titurel: Rittergedichte von Wolfram von Eschenbach, Hrsg. Karl Simrock, Tübingen, 1842, S. 40-41.

Parzival and Titurel. By Wolfram von Eschenbach.

Siehe auch:

Wolfram von Eschenbach: Parzival. Mittelhochdeutscher Text. Hrsg. Karl Lachmann 1833, Berlin

Die Sicht auf den heiligen Gral eröffnet ein Spektrum in dem Inhalte mythischer und religiöser Natur gemeinsam im Universalen zu entdecken sind. Anerkannte „Religionen“ und heidnische „Mythen“ und „Legenden“ lassen sich nicht hundertprozentig voneinander trennen.

Eine andere Parallele, die diese beiden Brückenreligionen, die der Manichäer und die der Katharer, aufwiesen, war ihr Widerstandsgeist der sich gehen die Hauptkirche richtete, der sie sich jeweils entlehnten und durch die sie letzendlich auch vernichtet wurden. Die Manichäer wurden in ihrem Urspungsland Persien vom Zoroastrismus bekämpft, Mani in den Kerker gesteckt, wo er bald starb. Ein Zeungis der zoroastrischen Verachtung des Manichäismus finden wir in diesem Beispiel:

Studia Manichaica edited by Ronald E. Emmerick, Werner Sundermann, Peter Zieme

Die Katharer wurden im qualvoll lang andauernden Albigenserkreuzzug durch die Katholiken final ausgelöscht, nachdem auch die letzten friedlichen Verhandlungen zwischen ihnen und den Katholiken gescheitert waren. Der katharischen Priesterin Esclarmonde de Foix wurde bei diesen Verhandlungen vom später heiligen Dominikus der Mund verboten, sie sei eine Frau, daher stehe es ihr nicht zu sich in einen theologischen Disput einzumischen.

(Vergleiche: Gottfried Koch, Frauenfrage und Ketzertum im Mittelalter: die Frauenbewegung im Rahmen des Katharismus und des Waldensertums und ihre sozialen Wurzeln [12.-14. Jahrhundert], 1962, S. 52 und Giovanni Chiantore, Studi medievali, 1964, S. 748)

Auf dieser Seite befindet sich eine praktische Übersicht über den Verlauf des Albigenserkreuzzugs: http://www.okzitanien.de/historie.htm

Warum sich ausgerechtnet ein christlicher Ritter aus Franken, nämlich Wolfram von Eschenbach, mit einem Geheimnis befasste, dass auch diese beiden Widerstandsreligionen beschäftige, muss mit der geheimnisvollen Popularität des Mythos um den heiligen Gral gelegen haben, der in Europa besonders durch die Arthus-Legende bekannt gewesen ist.

Die Suche und zugleich die Festlegung dessen, worum es eigentlich in dieser Suche nach dem Gral geht (was nun das Abendland und das Mittelalter anbetrifft), ist bis in die deutsche Romantik hineingetragen worden, bedeutungsvoll und mit tiefem Pathos. So band Richard Wagner in seinem Parsifal neue Ideale an die Legende, die bis heute Fragen aufwirft, die für immer unbeantwortbar bleiben müssen.

Richard Wagner, der seinen Parsifal an den Eschenbachs anlehnte, befasste sich zu der Zeit als er dieses, sein letztes Werk schrieb, mit der buddhistischen Lehre der Gewaltsoligkeit gegenüber dem Leben und war fasziniert von der Möglichkeit der „Erlösung“ durch die menschliche Anerkennung der Verantwortung gegenüber dem Leid der Tiere. Er lag damit ganz im Geiste der europäischen vegetarischen Bewegung seiner Zeit.

Auf der Seite der International Vegetarian Union findet man zahlreiche detailierte Biographien von Menschen, die in der vegetarischen Bewegung damals eine Rolle spielten: http://www.ivu.org/

Wagner, der es selbst nicht ganz konsequent bis zum praktiziernden Vegetarier schaffte, schrieb über seine Gefühle der Gewalt Tieren gegenüber:

Richard Wagner an Mathilde Wesendonk (Timokrates Verlag), S. 53

Seine oft zitierte Ablehnung des „Urfalls“ der Gewalt gegenüber Tieren – der biblischen Geschichte über Kain, den Ackerbauenden, der aus Neid seinen Bruder Abel, den Hirten, erschlug, als Gott das Fleischopfer der pflanzlichen Opfergabe vorzog – erinnert intuitiv an die Ablehnung des Alten Testament der Katharer und der Manichäer.

Der Kritik an der jüdischen Tradition seitens Wagners mag damit zusammenhängen. Man will ein Übel an einem vermeintlichen Schuldigen festmachen, an einer bestimmten Lehre, damit man „der Sache“ habhaft werden kann – dabei ist jedes Übel immer an die Fehlerhaftigkeit individueller Menschen gebunden. Wagner wird sich kaum über die Tragweite seiner Kritik bewusst gewesen sein.

Aus Cosima Wagners Aufzeichnungen lässt sich einiges Wichtiges ableiten über das, was ihn zuletzt am meisten beschäftigt haben muss:

Jost Hermand, Freundschaft: Zur Geschichte einer sozialen Bindung , 2006, S. 100.

Wichtig ist es festzuhalten, dass die Suche nach dem heiligen Wahrheitskern auf diesem Pfad, wenn wir ihn denn so verfolgen, so scheint, dass der Lebensschutz bewusst, direkt und unbewusst und indirekt darin zu finden ist. Im Libretto Wagners erfahren wir, dass seine Gestalten im Parsifal von der Heiligkeit des Lebens sprechen:

KUNDRY: Sind die Tiere hier nicht heilig?

[…]

(Vom See her vernimmt man Geschrei und das Rufen der Ritter und Knappen.)

RITTER UND KNAPPEN: Weh’! – Weh’! Hoho! Auf! Wer ist der Frevler?

(Gurnemanz und die vier Knappen fahren auf und wenden sich erschrocken um. – Ein wilder Schwan flattert matten Fluges vom See daher; er ist verwundet, die Knappen und Ritter folgen ihm nach auf die Szene. Der Schwan sinkt, nach mühsamem Fluge, inatt zu Boden; der zweite Ritter zieht ihm den Pfeil aus der Brust. – Währenddem)

GURNEMANZ: Was gibt’s?

VIERTER KNAPPE: Dort!

DRITTER KNAPPE: Hier!

ZWEITER KNAPPE: Ein Schwan!

VIERTER KNAPPE: Ein Wilder Schwan!

DRITTER KNAPPE: Er ist verwundet!

ALLE RITTER UND KNAPPEN: Ha! Wehe! Wehe!

GURNEMANZ: Wer schoss den Schwan?

DER ERSTE RITTER (hervorkommend): Der König grüsste ihn als gutes Zeichen, als überm See kreiste der Schwan, da flog ein Pfeil…

KNAPPEN UND RITTER (Parsifal hereinführend, auf Parsifals Bogen weisend): Der war’s! Der schoss! Dies der Bogen! Hier der Pfeil, den seinen gleich.

GURNEMANZ (zu Parsifal): Bist du’s, der diesen Schwan erlegte?

PARSIFAL: Gewiss! Im Fluge treff’ ich, was fliegt!

GURNEMANZ: Du tatest das? Und bangt’ es dich nicht vor der Tat?

DIE KNAPPEN UND RITTER: Strafe dem Frevler!

GURNEMANZ : Unerhörtes Werk! Du konntest morden, – hier im heil’gen Walde, des’ Stiller Friede dich umfing? Des Haines Tiere nahten dir nicht zahm, – Grüssten dich freundlich und fromm? Aus den Zweigen, was sangen die Vöglein dir? Was tat dir der treue Schwan? Sein Weibchen zu suchen, flog er auf, mit ihm zu kreisen über dem See, den so er herrlich weihte zum Bad. – Dem stauntest du nicht? Dich lockt’ es nur zu wild kindischem Bogengeschoss?

Er war uns hold: was ist er nun dir? Hier, schau her! – hier trafst du ihn: da starrt noch das Blut, – matt hängen die Fluegel; das Schneegefieder dunkel befleckt, – gebrochen das Aug’, – siehst du den Blick? (Parsifal hat Gurnemanz mit wachsender Ergriffenheit zugehört; jetzt zerbricht er seinen Bogen und schleudert die Pfeile von sich.) Wirst deiner Sündentat du inne? (Parsifal führt die Hand über die Augen.) Sag’, Knab’, erkennst du deine grosse Schuld? Wie konntest du sie begehn?

PARSIFAL: Ich wusste sie nicht.

So fast auch der Kulturgeschichtler Jost Hermand diesbezüglich zusammen:

 

Jost Hermand, Glanz und Elend der deutschen Oper, 2008, S. 139.

Es wird einen Grund haben, warum die Katharer und die Manichäer bis heute dafür bekannt sind, dass sie es als eine Vollendung ihrer Glaubensmission betrachteten in der Askese zu leben, die Gewalt gegen Tiere vermeidet. Und es wird einen Grund haben, warum wir das Motif des Lebensschutzes in anderer Form, aber gebunden an den Mythos der Gralslehre, wieder finden in der deutschen Romantik.

Der Wert solcher Botschaften ist ein fragiler. Der sensible Sinn entweicht schnell denen, die zweifeln an der Möglichkeit des Menschen als transspezies-empathisches Wesen. Aber gerade an dieser Zerbrechlichkeit mag das Geheimnis einer Erkenntnissuche liegen – an dem zu halten, was kaum zu greifen ist, was aber tief in das Herz führt. Weder Religion noch wahre Kunst ist ohne Sensibilität und Reverenz für das Leben denkbar und wenn sie diese nicht aufweisen, werden sie zu Zerstörern.

Es geht hier nicht darum, ob ein Mensch, der durch sein Talent und sein Schaffen besonders hervorragt, nun mit gutem Beispiel voranging und wie genau. Wagner schaffte es selbst nicht ganz hin zum zumindest dauerhaft gelebten Vegetarismus, aber er bemühte sich um eine Botschaft des All-Lebensschutzes, die die Forderung beinhaltete, dass Tiere nicht gejagt, gegessen, getötet werden dürften. Worum es geht ist, dass die Erinnerung und das Bewusstsein über Zeit und Geschichte hinweg erhalten bleiben. Das besondere ist, von welchen Seiten her Fragen aufgeworfen wurden am menschlicher Töten von Tieren für den Fleischverzehr und für das Opfern, gleichwohl wir Zeugnisse dieser Art in den Irrgärten menschlicher Überlieferung nur wie Fragmente zusammentragen können.

So existierte der Manichäismus beispielsweise in einer Zeit, in der er als ‚Lichtreligion’ schon durch eine innere menschliche Spaltung zwischen einem absolut Guten und einem absolut Bösen belastet war. Hier konnte man die Sinnlosigkeit und die ethische Verwerflichkeit der Verursachung von Leid durch den Menschen als eine eigene Verantwortlichkeit, der im menschlichen Handeln Rechnung getragen werden muss, nicht mehr ohne Weiteres thematisieren, denn sowohl die Macht des Bösen, als auch die des Guten waren so gewaltig, dass das eigene Handeln nicht mehr als ein dienen oder gehorchen (der einen oder der anderen Seite) sein konnte.

Dort wo Mensch und Tier in ihrer Problematik und in ihrer Heiligkeit ihres Lebens als Eins genommen werden, wird es für uns aber immer schwierig bleiben das anhand der weltanschaulichen Hinterlassenschaften solcher kulturellen Begebenheiten nachweisen zu können. Zum einen wird man hier keine direkte Hervorhebung der Tierproblematik finden, zum anderen, gehen wir zu stark davon aus, dass alle menschlichen Lebensvorstellungen im Bezug auf die Mitwelt eigentlich ähnlich gewesen sein müssten wie unserer heute.

St. Augustinus , der erst begeistert vom Manichäismus war, wendete sich später von ihm ab in Empörung und überlieferte uns in seiner Kritik viel über die Gründe, warum die Manichäer Tiere nicht töten, opfern oder essen wollten: http://books.google.de/books?id=lHZPAAAAYAAJ&redir_esc=y, + http://www.animalrightshistory.org/animal-rights-antiquity-ce/mani/mani.htm)

Im persischen Mythos gibt es den Humaay / Homa, den Phönix, der im Schahnameh und im iranischen Schöpfungsmythos auch Simorgh genannt wird, in prominenter Weise. Dieser mythische Vogel trug im gesamten Kulturraum zahlreiche, fast unzählige Nahmen, denn er stand für ein Seins-Prinzip.

Abbildung, Miniatur eines unbekannten Künstlers aus dem Schahnameh von Firdausi: Simorgh trägt das Kind Zal zu seinem Nest um es vor dem Tode zu retten.

Die bekanntesten Erzählungen über diese Vogelgestalt ist die von Farīd ad-Dīn ʻAṭṭār: The Conference of the Birds und die des im Gebirge nistenden Vogels Simorgh, der das ausgestzte Kind Zal rettet und aufzieht, im Schahnameh von Firdausi.

Nach der Vorstellung im iranischen Mythos teilte sich das Sein in drei Bereiche auf:

1. Die verletzliche Leiblichkeit auf dieser Erde, die „Tankard“; der Raum der Sichtbarkeit und Greifbarkeit.

2. Gab es den Bereich des Sichtbaren aber Ungreifbaren, der durch Simorgh dargestellt wurde. Simorgh konnte nur auf der Erde verletzt werden, aber auch niemals ‚getötet’ werden, sie war der Vogel der Wiedererstehung. Sobald sie vom Boden abhob, konnte man sie auch nicht mehr verletzen.

3. Und es gab den Bereich des Unsichtbaren und Ungreifbaren, den Bereich der Gottheit Vohuman, in der das Sein überging, wenn es auf der Erde verletzt wird und sich nicht mehr schützen kann.

Diese drei Bereiche waren untrennbar Verbunden. In dem Buch: Das Denken beginnt mit dem Lachen: die unsterbliche Kultur der Iran von M. Jamali und G. Y. Arani-May wird der Mythos des Simorgh in seinem Kontext erörtert. Das Buch ist hier abrufbar.

 

Würden Sie wegen Ihres Veganismus auch auf Gott und Glauben verzichten?

„Macht Euch die Erde untertan“ 1. Mose (1)

Würden Sie wegen Ihres Veganismus auch auf Gott und Glauben verzichten?

Wenn wir Tiere nicht als Produkte, als Ware betrachten, als Besitz mit dem man machen kann was man will, wieso sind wir dann bereit hinzunehmen, dass Tiere auf dem Altar der Religionen oder traditioneller Bräuche geopfert werden? Wir schließen Zirkusse und Pelz aus, obgleich auch sie Bestandteile unserer spezisistischen „Kulturen“ sind. Aber wenn es um den Glauben geht, dann ist uns unser Gott wichtiger als das Recht, das wir nichtmenschlichen Tiere zuteil werden lassen müssten, um als Menschen wirklich gerecht/er zu werden.

Sollten wir nicht von vegan lebenden Menschen erwarten können, dass sie wissen, dass ein Tier nicht nur nicht im Bezug auf Kommerz und Großindustrie verdinglicht und objektifiziert werden darf?

Manche sprechen vom Respekt gegenüber Tieren, der ausreiche um der Tierrechtsfrage gerecht zu werden. Und sie sagen es sei akzeptabel Tiere aus religiösen (sprich aus „geheiligten“) Gründen zu töten, wenn man dem Tier nur ausreichend Respekt gegenüber brächte. Und man soll das Tier, das zum Opfer wird, „human“ Töten. Das ist kein veganer Standpunkt, denn der Veganimus fordert, dass kein Tier zum menschlichen Nutzen eingesetzt werden darf. Die Religion kann hier keine Sonderregelung schaffen, denn es geht im Veganimus um Tiere und nicht um Gott.

Es geht um Lebewesen und das Leben. Wenn ich ein Tier meinen Zwecken unterwerfe, um es zu benutzen, zu verletzen und zu töten, dann lässt sich das nicht mit einer veganen Ethik auf sinnvolle Weise verbinden, auch wenn eine Religion solches von mir fordern möchte.

Manche sagen, das möge schon stimmen, aber so schnell könnten wir mit einem Umdenken bei religiös denkenden Menschen nicht rechnen, wenn überhaupt. Wir seien mit der veganen Bewegung ja überhaupt erst am Anfang und Religion und auf ihnen fußende traditionelle Bräuche könne man nicht von heute auf morgen abschaffen.

Solch eine Denkrichtung ist nicht ganz richtig. Denn auch wenn Gesellschaften – die im Westen oder die in der östlichen Hemisphäre gelegene Gesellschaften – bislang weit entfernt davon sind sich in Richtung eines Bewusstseins zu bewegen, dass Tiere auf ethische und affirmative Weise mit einbeschließen würde, nichtsdestotrotz richten sich unsere Vorstellungen über die vegane Lebensweise nicht nach dem „wie es in diesem Moment ist“ oder dem „wie es in der Vergangenheit war“, sondern nach dem „wie es sein sollte“!

Eine Utopie hat es bis hierher geschafft, und eine Utopie kann es, wenn sie nur konsequent durchgeführt wird, auch noch weiter schaffen.

So gravierende Lücken, wie die Inkaufnahme des Tieropfers in Religionen – d. h. rituelle und traditionelle Bräuche unangetastet zu lassen – bergen, außer dem Unrecht, das sie aus Tierrechtssicht darstellen, die Gefahr der Verwässerung in sich für die, die meinen, dass beides ging: konsequenter Veganismus und das Festhalten an einem Glauben, der das Gehorsam über die Vernunft setzt.

Der Sinn des Veganismus als das bislang effizienteste Mittel um der Tierausbeutung mit Widerstand zu begegnen, erscheint im Kontext von Religiosität fragwürdig, wenn die Religion den Menschen sowieso an die oberste Stelle der Schöpfung setzt. Eine Ergänzug im ethischen Codex wäre dann notwendig, kann in einem religiösen Denksystem aber nicht wirklich vollzogen werden, weil hier ja nur Gott und die von ihm Auserkorenen solche gravierenden Entscheidungen über Sein und Nicht-Sein und den Wert des Seins fällen dürfen.

Tiere sind keine Gegenstände, weder zum profanen Handel, noch im “erhabenen” Geiste – weder als Konsumgut, noch für einen Gott und dessen menschliche Schöpfung.

(1) „Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehrt euch und füllt die Erde und macht sie euch untertan und herrscht über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht.“
http://bibel-online.net/buch/luther_1912/1_mose/1/ (letzter Zugriff vom 19. Nov. 2012)

Die Formen im Ozean der Vernunft

Denke, welche Welten im Handel mit der Vernunft sind! Wie weit dieser Ozean der Vernunft ist!

In diesem süßen Ozean bewegen sich unsere Formen schnell, wie Becher auf der Oberfläche des Wassers:
Bis sie sich füllen, schwimmen sie wie Schüsseln oben auf dem Meer, aber wenn die Schüssel gefüllt ist, sinkt sie hinein.

Die Vernunft ist versteckt, und allein eine Welt der Phänomene ist uns sichtbar:
unsere Formen sind die Wellen oder die sprühenden Tropfen dieses verborgenen Ozeans.

Was auch immer die Form zum Mittel der Herangehensweise an die Vernunft macht
– durch dieses Mittel wirft der Ozean der Vernunft die Form weit hinfort.

So lange wie das Herz nicht die Ursache seines Bewusstseins sieht, so lange wie der Pfeil nicht den weit-schießenden Bogenschützen sieht,
denkt er, der somit blind ist, dass sein Pferd verloren ist, obgleich währenddessen er sein Pferd starrsinnig auf der Straße vorantreibt.

Dieser gute Freund denkt sein Pferd ist verloren gegangen, während sein Pferd ihn voranträgt wie der Wind.
Lamentierend und suchend rennt dieser Hohlkopf von Tür zu Tür, in jeder Richtung, und fragt und sucht:

„Wo und wer ist der, der mein Pferd gestohlen hat?“ Was ist dieses Tier unter deinem Schenkel, Oh Meister? „Ja, das ist mein Pferd, aber wo ist mein Pferd?“

Oh behänder Reiter auf der Suche nach deinem Pferd, komme zu dir! Der Geist ist aus der Sicht verloren, weil er so manifest und nah ist:
Wie, wo du deinen Bauch mit Wasser voll hast, bist du trockenlippig wie ein Krug?

– Rumi