Tierrechte: Fundamentale und partikularistische Rechte

Tierrechte: Fundamentale und partikularistische Rechte

https://antispe.bandcamp.com/track/fundamentale-und-partikularistische-rechte

Transkription

Ein Freestyle-Talk über Tierrechte (von Gita Marta Yegane Arani). Also ich bin heute nicht besonders konzentriert. Ich bin ziemlich erschöpft. Ich hab heute lange gearbeitet und möchte jetzt einfach freestylemäßig über Tierrechte sprechen.

Und zwar: was versteht man unter Tierrechten? Ähm, für mich ist es natürlich total klar, was ich unter Tierrechten verstehe. Aber was verstehen andere Leute unter Tierrechten?

[Es kommt bei Rechten nicht primär auf partikulare Rechte in ihrer Angewandtheit an]

Ich bin neulich gefragt worden „Ja, Tierrechte, was ist das denn? Versteht man darunter sowas, wie haben Tiere so was wie Menschenrechte?“ Das ist natürlich Quatsch zu sagen, dass es bei Rechten auf irgendwelche partikularen Rechte in ihrer Angewandtheit ankommt, also sprich, wenn ich jetzt irgendwie Rechte in der Fortbewegung habe, im Verkehr, im Straßenverkehr, als Fußgänger, als Fahrradfahrer oder wenn ich eben mein Wahlrecht habe um bestimmte Parteien zu wählen, dann sind es eigentlich in gewisser Weise Rechte, die sich ableiten von gewissen Rechten, die wirklich fundamental sind.

[Partikulare Rechte leiten sich von fundamentalen Rechten ab]

Und wenn wir über fundamentale Rechte sprechen, dann sind eigentlich so partikularistische Rechte erst mal nicht das Wichtigste.

Also, man könnte genauso sagen … die Menschen sprechen ja von Artenschutz und von dem Begriff artgerecht: Ein Begriff, den ich ziemlich problematisch finde, weil er die ökologische Feinheit (das ökologische Finetuning) von Interaktion zwischen Lebewesen einfach nicht umfasst und ein stark von außen her bestimmender Begriff ist. Ich geh jetzt mal erst mal nicht weiter drauf ein, aber wenn wir aber jetzt von Artenschutz reden, könnten wir auch sagen ein partikularistisches Recht wäre, dass bestimmte Tiere ein bestimmtes Recht auf bestimmte Lebensräume haben oder auf eine gewisse Flora haben, auf einem gewissen ökologischen Raum, der irgendwie geschützt sein muss.

[Artenschutz impliziert aus Tierrechtssicht – neben Fragen der Grundrechte – in der Handhabung Fragen partikularistischer Rechte]

Die Frage um die es aber bei Tierrechten im Wesentlichen geht, sind Grundrechte. Also was sind einfach Grundrechte und woraus leiten sich Grundrechte ab?

[Die Frage dessen was Grundrechte sind und worauf sie sich begründen sollten/könnten]

Ähm, und da scheiden sich die Geister, und ich glaube, Sinn der Sache ist auch nicht, dass wir meinen, wir müssten irgendwie alle die gleiche Meinung teilen. Letztendlich teilen wir auch in Bezug auf Menschenrechte leider nicht immer alle die gleiche Meinung.

[Menschenrechte werden vermutlich nicht gemäß ihrer Ideale umgesetzt]

Gut, das ist jetzt ein Analogvergleich. Sollte man vielleicht unterlassen. Lassen wir das meinetwegen mal beiseite. Aber um zurückzukommen: was macht Grundrechte im Bezug auf Tiere aus?

Dazu muss man unabhängig vom Vergleich zum Menschen sehen und in den Raum stellen: die Frage von Freiheitsrechten und Autonomiefähigkeit. Dies sind für mich Punkte in den Tierrechten, die ich immer wieder betone und wo wir uns auch als Gesellschaft kritisch fragen sollten warum sprechen wir Tieren Freiheitsrechte ab?

[Freiheitsrechte und Autonomiefähigkeit]

Warum herrscht die Vorstellung, dass Tiere irgendwie instinktgetrieben wären und nicht eigene komplexe Denkvorgänge haben auf ihre ganz eigene Art und Weise? Also warum leiten wir immer alles vom menschlichen Paradigma ab? Warum meinen wir, alles müsse nach unseren Begriffen irgendwie erklärbar sein, wenn es um die Frage von Rechten anderer geht? Tiere sind faktisch gesehen andere.

[Andere müssen nicht nach unseren Begriffen erklärbar sein, um im Sinne ihrer Rechte erkennbar zu werden]

Jetzt können natürlich auch jemand völlig banal sagen „Nee, das sind nicht andere, das sind halt einfach nur Tiere“. Aber da spielt in der Tierrechtsdiskussion wieder grundsätzlich die Frage der Haltung eine Rolle. Für mich ist eine wichtige Prämisse, dass wir es eigentlich in allen wichtigen ethischen Belangen immer wieder mit Haltungen von Menschen zu tun haben. Und wenn ich die Haltung einnehme, dass ich einfach a priori voraussetze, dass Tiere vernunftbegabt sind auf ihre ganz autonome und eigene Art und Weise, dass ich keine Definitionshoheit über sie besitze, dass sie aber trotzdem Rechte haben, die sich aus ihrer Freiheitsfähigkeit und ihrer Autonomiefähigkeit ableiten lassen, und dass ich die Würde auch darin begründet sehe; indem ich Ihnen dies zuerkenne – ich glaube, wenn wir anderen Wesen grundsätzlich alles aberkennen, was ihre Besonderheit ausmacht, dann können wir diesen anderen Wesen auch keine grundlegende Würde zusprechen. Es ist also auch eine Frage irgendwie von Haltung und Perspektive.

[die affirmative Haltung in der Anerkennung der Rechte und damit einhergehend der Würde anderer, ohne eine menschliche kollektivistische Definitionshoheit zur Untermauerung vorauszusetzen]

Einen sehr schönen Ansatz hat kürzlich die Philosophin Syl Ko beschrieben. Sie hat in einem Begleittext zu einer Ausstellung einer koreanischen Künstlerin vom spezies-subjektivistischen Ansatz gesprochen. Ich habe den Text ins Deutsche übersetzt. Der Text ist auch auf unserer Seite im Englischen veröffentlicht. Beide Texte sind auch erreichbar im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek.

[deutsche Fassung: https://d-nb.info/1234807912/34 ; englische Originalfassung: https://d-nb.info/1234872005/34 ]

Dort haben wir also die Texte auch hinterlegt. Der Text ist nicht so lang, aber der Text hat es wirklich in sich. Das ist wirklich für Leute, die Tierrechte nicht einfach nur verstehen als eine Art verlängertem Tierschutz – die sollten sich wirklich mal auseinandersetzen damit, was Spezies-Subjektivismus beinhaltet. Ich könnte jetzt natürlich die Inhalte beschreiben, es ist jetzt vielleicht auch blöd, wenn ich es nicht mache. Es ist aber meiner Müdigkeit geschuldet und der Text ist, wie schon gesagt, auf dieser Seite einzusehen.

Mich hat der spezies-subjektivistische Ansatz dahingehend inspiriert anzufangen, spezies-subjektivistische Gedichte zu schreiben. Ich finde insgesamt, dass der Raum, der subjektivistische Raum zwischen Menschen und Tieren, überhaupt wenig, noch viel zu wenig gedanklich gefüllt wird von Tierrechtler*innen, in kreativer Art und Weise, dass wir Tiere mit einbeziehen, dass Tiere nicht immer nur die objektiviziert-beschriebenen sind, dass wir auch nicht irgendwie nur in der dritten Person über die Tiere reden, sondern sie auch als ein poetisches Du in den Raum mit einbeziehen. Also dass wir quasi tierinklusiv sprechen.

Klingt jetzt vielleicht ein bisschen schwierig für Leute, die überhaupt sehr wenig mit Tierrechten zu tun haben. Die können das jetzt vielleicht nicht unbedingt im Moment nachvollziehen. Wobei, in dem Zusammenhang will ich doch auch Leute ermutigen, die sich nicht als Tierrechtler*in bezeichnen würden, die aber eine sehr aufmerksame, achtsame, bewusste, fürsorgliche Haltung gegenüber Tieren haben, so dass sie sich ruhig als Tierrechtler*in bezeichnen könnten. Der Begriff ist nicht irgendwie gepachtet von Menschen, die zu gewissen Demonstrationen gehen oder eine bestimmte Literatur lesen.

Tierrechte sind so etwas essentielles wie Menschenrechte. Sie betreffen uns alle. Wir alle stehen in irgendeiner Beziehung zu Tieren. Die kann positiv und negativ, konstruktiv und destruktiv sein, mehr oder weniger, und es ist definitiv an der Zeit Tierrechte nicht als Sonderthema zu sehen, sondern sie gehen jede*n etwas an.

Ich habe viele Freund*innen die sich nicht trauen sich als Tierrechtler*in zu bezeichnen, weil sie sich eben nicht in irgendwelchen einschlägigen Kreisen und Szenen bewegen, die aber definitiv Tierrechtler*innen sind, und es ist schon traurig wie dann solche gesellschaftlichen Diskurse nicht so emanzipativ sind, dass sie wirklich alle mitnehmen, die eigentlich teil an so einer Bewegung haben … .

Bei Tierrechten geht es ja letztendlich wirklich darum: wie beziehe ich mich auf die Tiere in meiner Umwelt und die Tiere im politischen Raum insgesamt. Und es gibt viele Möglichkeiten sich in seinem Verhalten und seinen Äußerungen diesbezüglich zu artikulieren und einzubringen.

Ich finde wir sollten ruhig wahrnehmen, dass wir eine sehr große Bewegung sind. Aber eben definitiv eine sehr, sehr plurale Bewegung, weil … warum ich das ganze hier sage, ist eigentlich, um nochmal deutlich zu machen: Tierrechte sind nicht irgendwie was total vereinfachbar verstehbares, sondern Tierrechte sind was völlig komplexes – und so viele Köpfe wie es gibt, so viele Gedanken und Meinungen gibt es dazu. Wir müssen den Raum füllen, wir müssen den Diskurs führen mit den vielen, vielen Gedanken, die wir alle dazu haben und die sich nicht immer unbedingt gleichen müssen. Man sollte da auch keine Scheu haben.

Ja okay, das war jetzt einfach mal Freestyle. Ich bin jetzt zwar selbst nicht so begeistert von dem was ich gerade gesprochen habe und wie ich gesprochen habe, aber dafür ist das eben freestyle. Okay das war‘s … .

(04.06.2022)

Tierrechte und Umweltschutz

E-Reader: Gruppe Messel,  Jahrgang 4, Nr. 3, Mai 2022, Edition Farangis > https://farangis.de/reader/e-reader_gruppe_messel_2022_3.pdf

Tierrechte und Umweltschutz

(Dies ist eine überarbeitete Fassung, eines Textes, der Teil des E-Readers: Gruppe Messel, Jahrgang 2, Nr. 1, Mai 2020, ist.)

Das Anthropozän ist das Zeitalter des Faunazids und des Ökozids: Die Lebensgeschichten von Tieren sind durch eine menschliche Psychologie eines Bedürfnisses nach tierobjektifizierender Erniedrigung gekennzeichnet. Umweltschützende blenden Tierschicksale aus und somit auch den Großteil und diese spezifische Form menschlicher Destruktivität.

Trennlinien, die zwischen ‚Tieren‘ und ‚Umwelt‘ gezogen werden

Umweltschutzbewegungen vermitteln aus Tierrechtssicht aktuell ein Bild recht entseelt-anthropozentrischer Veranstaltungen, und auch progressiv anmutende Kampagnen zum Schutz von Biodiversität und gegen das Artensterben sind wenig tangiert von der gesellschaftlich normalisierten Ungerechtigkeit gegenüber der Tierwelt und den betroffenen einzelnen tierlichen Subjekten.

Wie erklärt sich die Vermeidung konsequent tierethischer [1] Fragen in großen Teilen der heutigen Umweltbewegung? Warum werden die erlebten und bezeugten Geschichten von tierlichen Subjekten nicht in der Art mit in die Umweltthematik und umweltethische Fragen mit einbezogen, so dass damit eine unabdingbare Verknüpfung von Tierrechtsfragen mit umwelt- und gesellschaftspolitischen Fragen vollzogen würde?

Tierfragen werden gegenwärtig zumeist nur insoweit als relevant mit in umweltpolitische und umweltethische Fragen einbezogen, insofern

  • tierliche Existenz vom Menschen dahingehend manipuliert wurde, dass man sie infolgedessen als umweltschädigend und Umweltproblem eingestuft
  • oder aber insofern man wildlebende Tierarten als Bestand einer ökologischen Gemeinschaft erhalten will

Tierfragen denen man im Umweltschutz vorwiegend begegnet sind:

  • Schäden als Resultat industrialisierter „Tierhaltung“/Massentierhaltung zählen als Dringlichkeitsfaktor zum veränderten Handeln
  • Tierschicksale sind wenn nur von „emotionalem“ Belang, bleiben anekdotisch und es ergeben sich keine Konsequenzen in Richtung Tierrechten in Ableitung
  • Einheimische Tierarten sind schützenswert in ihren Funktionen und ihrem Dasein, während invasive Spezies vernichtet werden dürfen [2]
  • Tierarten sollen nachgezüchtet werden (captive breeding programs / Erhaltungszucht) unter Bedingungen der Gefangenschaft in Zoos, zum Erhalt der Gattung
  • Jagdquoten sind erlaubt, Jagd wird als „naturnahes“ Menschsein begriffen
  • Tiere als Ressourcen für ökologische Produkte

Tiere jenseits ihrer Zugehörigkeit zu diesen Lagern (also Farmtiere die umweltschädigend sind und wildlebende Tiere, die in ihren ökologisch angestammten Habitaten erscheinen und funktionieren sollen), denen sie hauptsächlich zugeordnet werden, spielen wegen ihrer Selbst keine wesentliche Rolle ( – wobei es ebenso immer noch auffallend viele vegan Lebende und selbst Tierrechtler*innen gibt, die Tiere eher als Spezies subsumieren, und die Tiere als einzelne Lebewesen mit ihren eigenen Geschichten nicht konsequent priorisieren wollen).

Aber wie soll man sich auch mit dem tierlichen Gegenüber befassen, wenn selbst die Natur, d.h. die Natur in all ihren feinen Zusammenhängen und lebendigen Komponenten, entseelt betrachtet wird – wenn auch vom Menschen „geliebt“, weil schönes und nützliches Fundament unseres biologischen Seins. Die Art, wie der Gegenwartsmensch Natur betrachtet, leitet sich in der Regel aus seinem naturwissenschaftlich dominierten Weltbild her ab.

Die Naturwissenschaft ist, wenn man sie als Erklärungsmodell für Leben anwendet, aber entseelend. Das Leben erklärt sich über die Zusammensetzung einzelner, zergliederbarer Bausteine und bleibt dabei nicht intakt [3]. Die Naturwissenschaft müsste in ihrer Auseinandersetzung und Berührung mit Leben und Lebensbereichen erst über den Umweg der Geistes- und Sozialwissenschaft wieder seelenrelevante Ansatzpunkte im Bezug auf ihren Gegenstand erhalten. Doch „Geist“ und „Gesellschaft“ sind der Wirkkreis menschlicher Eigendefinition, und die Natur und die Tierwelt treten dort bislang noch in erster Linie hinsichtlich kollektivistisch anthropozentrischer Eigeninteressensfragen und immer noch aus der Perspektive naturwissenschaftlich geleiteter Erklärungsmodelle auf. [4]

Die einzige Alternative wäre vielleicht nur noch eine religiöse oder spirituelle Sicht auf die Gesamtumwelt der Menschen, die sich aber als wenig tauglich erweist, um aus ihrer eigenen Art anthropozentrischer Überlieferungen und Dogmen herauszutreten. Historisch überliefert ist genau der geistige Kanon, aus dem die Gegenwart sich abgeleitet hat, und fragwürdige Sichtweisen von damals sind immer noch Wiege etlicher fragwürdiger Sichtweisen von heute. Ein kultureller Bruch hat geistesgeschichtlich in Hinsicht auf destruktiv-hegemonial anthropozentrisch geprägte Mensch-Tier-Natur-Verhältnisse noch nicht stattgefunden. [5]

Der Mensch ist kein unumstößlicher Mittelpunkt „seiner Umwelt“

Warum schafft die Umweltbewegung keine echte Bezugnahme auf die Natur als lebendige Mitwelt und Welt, die neue umweltethische Erkenntnistheorien benötigt und nicht allein naturwissenschaftliche Modelle? In der gegenwärtigen Tierrechts- sowie in der Umweltbewegung kann man interessanterweise beobachten, dass für ein Neudenken gekämpft wird, ohne dass über den Gegenstand insofern neu gedacht würde, dass man sich aus übernommenen unemanzipativen definitorischen Fesseln eines hegemonialen Anthropozentrismus herausbewegen würde (man muss sich dazu die konkreten Thematisierungen der Problemkomplexe anschauen, ich führe diesen Punkt hier daher nicht weiter [6]).

Unter Anthropozentrismus verstehe ich nicht, dass man menschliches Dasein in seinen Besonderheiten wahrnehmen kann, sondern der Anthropozentrismus ist in der Gegenwart ein Problem, weil er gewisse Modelle menschlich-dominanten (und -destruktiven) Verhaltens gegenüber dem nichtmenschlichen Leben als legitim begreift, und Modelle, in denen der Mensch eine pazifistische, andere Haltung und Rolle in seiner Mitwelt einnehmen kann, als undenkbar von der Hand weist.

So können menschliche „zivilisatorische“ Entwicklungen tatsächlich auf natursensiblen Ebenen wachsen und gedeihen, der mehrheitsangepasste Gegenwartsmensch geht aber tendenziell in undifferenzierter Weise davon aus, dass ohne Naturzerstörung und -unterwerfung zivilisatorische Entwicklungen nicht stattfinden konnten oder können.

Daher auch der starke Mythos über die Bedeutung von Jäger- und Sammlerkulturen als Wurzel der Menschheit. Die Unterwerfung der „Natur“ sei unabdingbar für das Überleben der Menschheit gewesen und Grundlage menschlichen ‚Selbst-Bewusstseins‘. Als wäre das Überleben der Menschheit ein ideologisch festgelegtes Diktum, das um jeden Preis in nur einer erdenkbaren Form geschehen musste, und aus dem heraus sich auch ableiten lässt, dass alles legitim als Mittel zum Zweck unterworfen werden kann, wenn es doch dem menschlichen Überleben und Fortschritt dient.

Das interessante dabei ist, man sieht das „Menschsein“ als solch eine homogene geistige Verfassung, in der keinerlei andere kulturellen und individuellen Lebensvorstellungen vorkommen könnten. Zu jeder Zeit wird es menschliche Auffassungen gegeben haben, die von Gewalt gegenüber ihrer Mitwelt Abstand genommen haben oder nehmen wollten – dies lässt sich meiner Meinung nach zumindest nicht vernünftigermaßen ausschließen [7].

Das menschliche Selbstverständnis spielt eine wesentliche Rolle, wenn wir etwas an den Einstellungen unserer Mitmenschen gegenüber der gemeinsamen Mitwelt verändern wollen

Eine Veränderung in Sachen Umweltschutz betrifft alle Bereiche des heutigen Lebens. Wir sind in jeder Weise eingebunden durch unsere schiere körperliche Existenz in Systeme und Mechanismen, die die Welt als Ressource nutzen und verwalten, monetarisieren und zerstören [8]. Wenn wir an dem Punkt verharren, von der Politik einzufordern, dass Symptome gemildert werden sollen, ändert dies noch nichts an all den Lebensbereichen, die nicht oder nur bedingt über politische Entscheide regulierbar sind, so zum Beispiel die Dynamik von Märkten und den damit verbundenen Folgen, die sich aus der Nachfrage für „Güter“ ergeben [9].

Umweltschutz, sowie auch Tierrechte, müssen tatsächlich einen gesamtgesellschaftlichen Emanzipierungsprozess beinhalten. Das heißt Bewusstsein, Aufmerksamkeit und Wachheit für bedeutsame Fragen müssen entstehen, dort wo bislang Geringschätzung, Objektifizierung und somit Ausblendung und Ignoranz herrschen, und das wachsende Bewusstsein muss in den täglichen gesellschaftlichen Diskurs mit einfließen. Geschieht dies nicht, finden Stagnationen statt, wie derzeit zum Beispiel im Veganismus in der BRD: dort haben wir es zunehmend mit einer Reduzierung auf Etikettierung zu tun, zu einem Label das sich als Konsumgut handhaben lässt, statt mit der kritischen Thematisierung von Grausamkeit und Unrecht gegen Nichtmenschen, was ursprünglich Haupttreiber der Bewegung war [10].

In der Umweltbewegung lässt sich die Neigung zum Greenwashing häufig kaum mehr von der echten Sache unterscheiden, die natürliche Umwelt wird wegen des mangelnden Grundsatzdiskurses weiterhin als Ressource betrachtet und nicht als schützenswerter Raum wegen seiner Selbst [11].

Die nichtmenschliche Welt als Ressource soll uns erhalten bleiben, zu unserem Nutzen und unserer Freude und in erster Linie natürlich für unser Überleben (vielleicht als Raum menschlicher Selbstverwirklichung?). Die wildlebenden Tierarten sollen im Gesamtbild unserer Vorstellung biologischer Diversität erhalten bleiben, auch wenn wir sie in Gefangenschaft züchten müssen und wir überschüssige Exemplare wieder gerne zum Abschuss freigeben [12]. Die menschgemachten Problematiken „domestizierter“ Tiere, werden nicht als solche verstanden, sie sollen einfach kein umweltbelastender Faktor mehr sein und mehr interessiert daran nicht [13].

Die Kluft, die solche Formen von Anthropozentrismus zwischen Mensch und nichtmenschlicher Mitwelt schaffen, bleibt bestehen: dass nur menschlichen Leben eine besondere Wertschätzung und eine sensible Wahrnehmung zukommen darf – so vom Prinzip her zumindest. Natürlich generiert die wohlmeinende Gesamtgesellschaft auch Abgründe innerhalb ihrer Gemeinschaften, aber man gibt sich zumindest gewisse ethische Ideale als Ziele vor.

Diese separierende Haltung, die zwischen Mensch und Natur in hierarchischer, wertender Weise scheidet, finden unhinterfragt auch in der Umweltbewegung statt. Es ist nicht so, dass automatisch jede*r der*die sich für „die Natur“ oder „die Tiere“ einsetzt auch ein tiefgreifend emanzipatorisches und aufgeklärtes Verhältnis der Sache gegenüber aufweist (das gleiche trifft übrigens auch auf Menschenrechtsbereiche zu). Solche Projektionen finden allerdings statt, vielleicht in der Hoffnung auf den neuen und aufgeklärteren ‚besseren‘ Menschen.

Da sich die Tierrechtsbewegung (wie bereits oben moniert) bislang auch fast ausschließlich an die biologistische Sichtweise hält, die man insbesondere nichtmenschlichen Tieren zukommen lässt, erhält die Umweltbewegung auch hier keinen wertvollen Impuls, um eine emanzipative Herangehensweise in der selbstkritischen Analyse des Mensch-Natur-Nichtmenschen-Verhältnisses zu entwickeln.

Manch eine*r könnte jetzt meinen, da bliebe dann nur eine animistische Sichtweise auf die Welt übrig, um nicht-biologistische Standpunkte auf die Themen einzunehmen, die normalerweise durch eine naturwissenschaftliche Sichtweise bestimmt sind. Das hieße aber geflissentlich den wertvollen Rückgriff auszuschließen auf eigene Erfahrungs- und Beobachtungswerte und die Möglichkeiten diese in kritische Bezüge zu setzen. Die Beobachtungen, die ein individueller Mensch als Subjekt in Bezug auf seine/ihre Umwelt und sein Mitleben macht, bleiben bislang beklagenswerter Weise vielfach ungenutzt. Spezifischer: Wir beobachten Dinge über die Gesellschaft, über uns selbst und andere Menschen, dabei sind uns keine oder kaum Grenzen gesetzt, im Gegenteil der freie Spielraum subjektiven Erlebens trägt eine besondere Bedeutung … wenn der Mensch sich aber aus eigener Sicht kontextualisiert mit Tieren, mit der Pflanzenwelt, mit dem ganzen nichtmenschlichen Dasein, wie es in der Welt existiert und zu existieren versucht, dann darf „der Mensch“ nicht seiner eigenen unabhängigen Gedankenwelt vertrauen oder diese als Maßstab der Einschätzung oder der Relationssetzung betrachten, sondern er muss immer über den Umweg bestimmter Definitionswege gehen:

  • Im Bezug auf „die Natur“: die oberste Deutungshoheit für sie trägt die Biologie; die Philosophie in Hinsicht auf spezifische Räume, die der Natur angedacht sind, das gleiche gilt für spirituell religiöse Vorstellungen in Hinsicht auf Natur –> eingegrenzte Räume.
  • Im Bezug auf „die Tiere“: Biologie und das geistesgeschichtlich sehr eng definierte Terrain, dass die überlieferte Menschheitsgeschichte den Tieren zugedacht hat.

Die Leistungen im Eigendenken und der eigenen Beobachtung und Wertung scheinen nicht nötig. Und das nimmt man hin, und macht sich so zum Komplizen dieser Formen anthropozentrischer Sichtweisen, die je nach Zeitgeist ihre Ausprägungen finden.

Meine Kritik an der gegenwärtigen Umweltschutzbewegung, wie sie sich in ihrem Mainstream vermittelt, würde ich folgendermaßen zusammenfassen:

  • man fokussiert auf eine „den Menschen“ [14] in den Mittelpunkt setzende Zukunft als alleinig prioritär, die Frage nach der Zukunft, geschweige denn der Gegenwart der Tierwelt als Ganzem stellt sich nicht. Es findet keine Erweiterung sozio-ethischer Vorstellungen statt, die Tiere als Handelnde und Akteure öko-sozial (usw.) mit einbindet
  • bestimmte Aspekte der Umweltzerstörung werden fokussiert und mit Forderungskatalogen politisiert, während die Umweltzerstörung aber ein umgreifender Prozess ist, eine anthropozäne Entwicklung; die CO2-Diskussion allein stellt einen verkürzten Blick dar, den verschiedene Belange können und müssen zeitgleich Thema sein und priorisiert werden
  • der*die Bürger*in wird nicht als Schlüssel zur Lösung thematisiert, Lösungen sollen „von oben“ auf parteienpolitischer Ebene von Entscheidungsträgern verordnet werden. Der Lebensstil, den Menschen für sich jeweils praktizieren wollen ist nicht affiziert, solange keine Grundsatzdiskussionen über die Einstellungen von Menschen zur Natur angeregt werden. Das Bild von allem, was Nichtmensch auf der Erde ist, sollte andiskutiert werden, damit ein Nachdenken und eine Auseinandersetzung als gesellschaftlich Relevant erkannt werden kann
  • die Protestbewegungen agieren choreographiert und fördern in dem Zuge wenig individuellen Gedankenaustausch, der wiederum eine Basis zur Bewusstseinsbildung in innergesellschaftlichen Mikrodiskursen fördern würde
  • kleine spezialisierte Initiativen auf Bürgerebene, so wie beispielsweise im ‚kleinteiligen‘ Baumschutz, werden oft nicht als wichtiger pluralistischer Baustein erkannt
  • in einer Gesellschaft, die sich vom Expertentum abhängig gemacht hat, benötigen wir konkrete Forderungen nach Fächern wie Umweltethik an mehr Unis und auch an Schulen z.B., Fächer dieser Art müssten offen wachsen können durch einen lebendigen und kritischen Diskurs in Hinsicht Mensch-Umwelt-Beziehung sowie ökozentrischer Perspektivansätze. Es benötigt eines weitreichend formulierten Forderungskatalogs, um Diskussionen und Bewusstsein anzustoßen
  • die völlige und alleinige Autorisierung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse zum Thema „Umwelt“ begrenzt die Diskussion über „Umwelt/-zerstörung“: Gesellschaftliche, geistige, politische, wirtschaftliche Hemmnisse erledigen sich nicht automatisch aus einer Erkenntnis über die Entwicklungen des Klimawandels und jeglicher quantitativer Beobachtungen. Der Mensch nimmt Umweltzerstörung in Kauf, wie wir im Großen und Ganzen beobachten können. Nun eine punktuelle Wende zu vollziehen, weil die eigene, menschliche Zukunft durch die Umweltzerstörung auf dem Spiel steht, ist kein Hinauswachsen über den alten hegemonialen Anthropozentrismus. Man schützt die Natur dann, um sich selbst letztendlich zu helfen. Ein Slippery-Slope und kein emanzipativer Prozess.
  • die Höherbewertung von konzertierter Medienwirksamkeit gegenüber weniger zentralistisch funktionierenden Kommunikationskanälen: Die höhere Wertbeimessung des Austauschs mit gesellschaftlichen Eliten, statt auf Bürgerebene Auseinandersetzung und Dialog als Möglichkeit gesellschaftlicher R/Evolution usw. zu nutzen
  • Zoonosen wurden trotz Corona-Pandemie nur begrenzt in den Umweltbewegungen als Umweltproblem thematisiert, manche Umweltakteure beleuchten die Problematik, aber die Bewegung insgesamt hat die Brücke, die an der Stelle themenübergreifend sichtbar wird, nicht als Chance dazu betrachtet, die Umwelt auch als Lebensort der Tierwelt zu reklamieren und den gemeinsamen Schutz beider zu betonen
  • Selbst wenn es vermeintlich um Tiere (und sogar Veganismus) geht, geht es wieder um den ökologischen Aspekt, ohne sich intensiviert mit Tierthemen selbst zu befassen. Ein recht auffälliges Beispiel sind ‚Animal Rebellion‘; man geht davon aus, dass damit alle Tiere gemeint sind, es geht aber darum, dass die ‚landwirtschaftliche Tierhaltung‘ einen negativen Effekt auf die Umwelt hat, würde man ein einzelnes, individuelles Tier zum Verzehr töten, wäre das ein unbehandeltes und unklares Thema … und ganz naheliegend „Extinction Rebellion“, dort geht es darum wildlebende Tierarten zum Erhalt von Biodiversität zu schützen. Tiere als individuelle Subjekte bleiben, trotz allem Anspruch auf Schutz, marginalisiert im eigenen Raum. Die Folgen verschiedener Speziesismen/Formen der Tierobjektifizierung für verschiedene Tiergruppen scheinen nicht existent, wenn der Fokus auf ökologische Fragen gerichtet sind

Ich vermisse die Feinteiligkeit in der Umweltbewegung und die Enttechnokratisierung in der erklärenden Definition vom Gesamtphänomen „Umweltzerstörung“ durch den Menschen. Umwelt und Umweltschutz sind keine allein technisch zu beantwortenden Fragen. Und es ist auch keine Frage des Gehorsams gegenüber wissenschaftlichen Daten und Erkenntnissen; sie sind Teil der Beobachtung der Katastrophe im Ganzen und in Teilen, aber sie ersetzen nicht die jedermann zugänglichen Wahrnehmungsmöglichkeiten von umweltschädlichem Verhalten auf allen nur denkbaren Ebenen. Destruktives Verhalten ist auch dann ein Problem, wenn die Zukunft der Menschheit dadurch nicht tangiert wird. Und, das destruktive Verhalten gegenüber der Natur ist kumulierend, indem es sich aus tausend und einer schädlichen Handlungsnorm zusammensetzt.

Technokratischer Umweltschutz

Umweltthemen sind nicht bloß Themen, die aus den Naturwissenschaften heraus analysiert und thematisiert werden können. Die Haltungen von Menschen müssen vom Grundsatz her unter die Lupe genommen werden, die in der Menschheitsgeschichte zu der Einstellung führten, dass Umwelt schlichtweg eine „ausbeutbare Ressource“ sei. Es gibt verschiedene Einstellungen bei Menschen zu ihrer Umwelt und wir sollten uns ‚ökosozioethisch‘ orientiert anschauen, wie es dazu kommt.

Es ist nun eine beklagenswerte Tatsache, dass auf eben solch einem technokratischen und naturwissenschaftlichen und wenig soziologischen Boden eine Haltung besteht, Fragen der Tierethik aus der Umweltdebatte feinsäuberlich heraus zu halten. Man drückt mit dieser Aussparung aus, dass es keine Rolle spielt, dass wir Tiere aus der Natur herausgerissen und in unsere für sie ersonnenen qualvollen Räume forciert haben, und dass die Tierwelt weiterhin von Menschen gemordet und gedemütigt werden darf, solange es in ökologisch nachhaltiger Weise geschieht.

Ungerechtigkeitsfragen in Hinsicht auf die Tierleben als „Erdenkinder“ (als gedankliches Bild oder Metapher), spielen im Umweltschutz keine Rolle. Man trennt zwischen ökologisch essentiellen Symbiosen, einheimischen und ‚nützlichen‘ Tierarten und dem Tier an sich, das eigentlich kein Thema ist, für sich selbst [15].

Warum sollten man Tiere grundsätzlich vor menschlicher Destruktivität schützen und warum soll eine Frage ethischer Verwerflichkeit über die Dominierung tierlichen Lebens für Umweltschützer eine Rolle spielen? Welcher Zusammenhang besteht für Umweltschützer im Konkreten zwischen Tierwelt und „Natur“? Man müsste darüber eine Karte zur Verbildlichung erstellen und man würden sehen, dass das Tier als erlebendes Subjekt auf dieser Karte bislang nicht explizit erscheint. [16]

Tierrechtler*innen selbst verkürzen oft die Fragen der Ungerechtigkeit und geben vor, es reiche die „Instinkte“ des Nichtmenschen „artgerecht“ zu bedienen, als wären Animal Bodies von biologischen Determinanten geleitete und von uns Menschen völlig erfassbare und definierbare Leben. [17]

Freiheit und Unrecht spielen doch nur beim Menschen eine Rolle. Oder?

Nun gut, die Natur soll also geschützt werden, der Natur und ihren Bewohnern könne aber kein Unrecht geschehen (im Negativen) und Freiheit (im Positiven) sei nur was, was der Mensch erlebt – solche Vorstellungen findet man in der einen oder anderen Form immer wieder in Geistesgut von Menschen vor – die Natur selbst habe selbst und an sich nichts mit „Freiheit“ zu tun – sie sei „geistlos“. „Geist“ (und somit eigentlich „Sinn“) bindet man an das menschliche Dasein und die menschliche Selbstreflektion, und derart Begriffe dienen als Messers Schneide zwischen Mensch und dem irdischen Rest.

Der Mensch will diese „geistlose“ Materie aber atmen, und er will, dass gewisse Tiere in Freiheit die Natur mitgestalten, Bienen und Käfer, Vögel, Nager, die Tiere auf dem Land, in der Luft und die im Meer (und er entscheidet, welches Tier da was, wann und wie machen soll und darf) … er zieht aber klare Grenzen wem alleine eine wirkliche Domäne über „Geist“, „Freiheit“ und „Sinnhaftigkeit“ zusteht. „Die Natur“ ist in dem Moment vom Menschen als entseelt und geistlos und als bloße Materie verstanden worden, in dem er sie zu nutzen und zu instrumentalisieren begann – was gleichermaßen auch den „Nutzen“ und die Instrumentalisierung für eigenen „geistige“ und definitorische Zwecke als (kollektivistisch) hegemonialen Akt beinhaltet. [18].

Und Tiere stehen nun in gleicher Weise hinter dieser arbiträren Grenze von „Geist“ und „Sinn“ (da nicht Mensch) [19]. Die einen reißen wir aus den Zyklen ihrer selbst gewählten und selbst gestalteten Habitate heraus, die anderen dürfen in einer verwalteten „Wildbahn“ weiterleben. Alle werden in den menschlichen Eingrenzungen „im Zaum“ gehalten, wenn auch nicht zuletzt in der geistigen und theoretischen Auseinandersetzung mit ihnen. Man spricht Tieren ein autonomes Bewusstsein ab, und zwingt ihrem Sein unsere Beobachtungsparameter und die Belegbarkeit gewisser Eigenschaften auf, die immer wieder zu dem Schluss führen sollen, dass ihr Verhalten determinierbar sei und sich aus dem „Instinkt“ heraus erklären würde, weil wir sie unter Gesichtspunkten reduktiver Parameter lesen wollen. Die menschlichen Paradigmen über das Tiersein geben die Definition und das Verständnis von „Tier“ faktisch vor. Das heißt: das ist eine Eingrenzung von Freiheit auf definitorischer Ebene, die wir routinemäßig vollziehen.

Umweltschützende beschweren sich teils – ich sage hier bewusst „teils“, denn Ausnahmen sind die Themen: Jagd, Native/Invasive Spezies und Captive Breeding – über die abartige Behandlung wildlebender Tierarten. Jedoch Hühner, Schweine, Rinder … Pferde … „alles hat“ – wenn in nachhaltigen Maße und nachhaltiger „Machart“ – seinen angestammten Platz in der grundsätzlichen Nutzbarmachung der menschlichen Um- und Mitwelt. Tierliches Eigenerleben, Eigenwert oder Eigenbedeutung zählen für den Menschen doch nicht, wenn sie sich durch den Menschen gegenwärtig nicht fassen lassen. Und da beginnt wieder der tierobjektifizierende u./o. speziesistische Anthropozentrismus.

Wir sollten stattdessen akzeptieren können eine pazifistische und beschützende Einstellung gegenüber dem Leben in der Welt einzunehmen, dass wir vielleicht nicht nach uns bekannten und/oder akzeptierten Schemen fassen können. Es ist manchmal eine feine Gratwanderung, wie ein Mensch sich in der Welt einbringt. Als Freund oder als Egomane und eventuell Zerstörender.

Ich verstehe es nicht und es ist der Punkt, der mich an der Umweltbewegung fortwährend irritiert: die Aussparung von Tierschicksalen. Ich brauche keine geschützte Umwelt, in der Tiere geschlachtet und seziert, gedemütigt und verletzt werden. Natur und Tiere gehören zusammen und wir autorisieren uns, deren Leben und das Dasein der Natur, beides, zu objektifizieren. Wir erkennen keine Wege, Tiere in vernünftiger Weise als Subjekte wahrzunehmen und wir erkennen keine Wege, die Natur nicht als „Mittel zum Zweck“ und als „Ressource“ zum Dienste menschlicher Interessen zu verstehen, sondern als hochkomplexes feines „Allleben“, als ein ökologisches Miteinander, das eigene Intelligenzen manifestiert. Würden wir dieses erkennen, dann würde wir auch in der Lage sein, solch eine Sicht inhaltlich zu priorisieren.

Ich verstehe nicht, wie man überhaupt den Themenkomplex Umwelt von dem Themenkomplex Mensch-Tier-Beziehung/Tier-Mensch-Beziehung, Tiersoziologie und Tierwelt trennen kann. Unsere Existenzen stehen in einem Konflikt zueinander, seit der Mensch sich selbst zur Krone der Schöpfung erhoben hat. Wie kann man diesen Teil der Geschichte des Anthropozäns so dermaßen ausblenden aus der Fallanalyse von dem, was die Welt kaputt macht?

Wird Mainstream-Umweltschützenden nicht klar, dass Umweltzerstörung vor allem erstmal eine zugrunde liegende Psychologie aufweist, und dass es ebenso wenig selbstverständlich ist, Natur und Tierleben zu zerstören, wie willkürliche Gewalt gegen Mitmenschen auszuüben? Ökozid und Faunazid sind zerstörerische Herrschaftsansprüche von Menschen über Tiere und „Natur“.

Die Welt vermüllen: faktisch, gedanklich, materiell, immateriell

Wie wollen Umweltschützende verhindern, dass zu viele andere Menschen wie irre Waren und Güter konsumieren um mithalten zu können bei massenwirksamen Trends, dass die Menschen kein Problem damit haben endlos viel „Müll“ zu produzieren, dass Menschen keine Rücksicht nehmen auf die Naturräume, weil sie an das eigene Fortkommen denken in der Art „wie gehabt“, weil in ihrem individuellen und gesellschaftlichen Leben die Natur als Ganzes eben bloß uns zu dienende Materie ist? Sie ist auch dann „dienende Materie“, wenn Menschen die Natur wegen ihrer eigenen Zukunft schützen wollen und genau das als Argument voranstellen, statt darauf aufmerksam zu machen, dass es ja um die Zukunft der Welt selbst geht.

Der einzige Unterschied zwischen Normalos und dem klassischen Umweltschützenden besteht darin, dass die Umweltschützenden die Umwelt noch länger intakt halten wollen, damit die Menschheit weiterhin Mensch bleiben kann, so wie sie im Prinzip es schon immer war. Daher würde es ja auch reichen, wenn alles „nachhaltig“ und „bio“ wären – viel mehr gibt es zur Lösung ja eigentlich nicht wirklich zu sagen. Früher war mal alles so, dass man es als „nachhaltig“ und „bio“ bezeichnen könnte und es war immer noch gewaltsam, Zerstörung, anthropozentrischer Herrschaftsanspruch, etc.

Den Menschen, der erkennt, dass Umwelt keine Determinante und kein kausalistisch funktionierender intelligenzloser Raum ist (und auch kein Ort nach biblischer Definition), sondern Endzweck als Leben in sich selbst … – mit all den Konsequenzen, die sich aus dieser Erkenntnis ergeben – den wird man bislang in der Allgemeinheit noch zu selten finden und wenn man ihn/sie findet, spricht er/sie diese Gedanken noch zu selten aus.

Anmerkungen:

[1] Der Einfachheit halber gebrauche ich hier den Begriff „Tierethik“ in wortwörtlicher Bedeutung, ohne eine Anlehnung an andere Gebrauchsweisen des Wortes zu berücksichtigen, wie etwa der Begriff in seinen bioethischen Zusammenhängen, u.a. auch in seiner Prägung durch die Verwendung in der Tierversuchsindustrie zum Versuch eigener Legitimierbarkeit oder in seiner Umsetzung wissenschaftlicher Lektüre zum Themenkomplex.

[2] Eine besonders gute Darstellung des Konflikts, der sich an der Frage ‚invasiver Spezies‘ zwischen Tierrechten und Umweltschutz entbrennt, liefert Stanescu, Vasile (2014). Präsentation: Das „Judas-Schwein“: Wie wir „invasive Spezies“ unter der Vorgabe des „Naturschutzes“ töten. TIERAUTONOMIE, 1(1), URL: https://d-nb.info/1210595222.

[3] Auch wenn Ortega y Gasset seinem Speziesismus mit seiner befürwortenden Haltung zu Stierkämpfen unverzeihlichen Ausdruck verlieh, so formuliert er in dieser Textstelle eine interessante Haltung zur „Natur“:  „Wir Menschen haben die Welt in Fächer eingeteilt, denn wir gehören doch zur Spezies der Klassifikatoren. Jedes Fach entspricht einer Wissenschaft, und darin eingeschlossen ist ein Haufen von Wirklichkeitssplittern, die wir im ungeheuren Steinbruch der Mutter Natur aufgeklaubt haben. In Gestalt dieser kleinen Splitterhäufchen, zwischen denen eine – bisweilen kapriziöse – Übereinstimmung besteht, besitzen wir die Trümmer des Lebens. Um zu solchem seelenlosen Besitz zu kommen, mussten wir die ursprüngliche Natur zergliedern, mussten wir sie töten.“ ORTEGA Y GASSET, JOSÉ, Gesammelte Werke in vier Bänden, Band 1, Stuttgart, 1950, S. 40.

[4] Barbara Noske stellt die Zuordnung von Tierthemen ins Biologistische in Frage, indem sie die Situation in der Anthropologie beschreibt. Sie formuliert treffend:

„Biologie und Ethologie sind irgendwie zu den Wissenschaften über die Tierheit geworden. Es ist von diesen Wissenschaften woher die Sozialwissenschaftler (die Wissenschaften über die Menschheit) ihr eigenes Bild von Tieren und Tiersein unkritisch und zum größten Teil unbeabsichtigt beziehen. Tiere sind an biologische und genetische Erklärungen gebunden worden.

Dies hat zu einer „Anti-Tier Reaktion“ unter den Gelehrten in den Humanwissenschaften geführt. Sie erklären geradewegs, dass die Evolutionstheorie der Interpretation von Tieren und tierischer Handlungen genüge tut, aber nicht für Menschen. Fast kaum ein Kritiker biologischen Determinismusses wird fragen, ob Tiere wirklich in engen genetischen und biologischen Begriffen erklärt werden können.“

in: Noske, Barbara (2016). Die Tierfrage in der Anthropologie: Ein Kommentar. TIERAUTONOMIE, 1(3), URL: https://d-nb.info/1210906910.

[5] In einem Interview, dass ich mit Kim Socha zu ihrem Buch ‚Animal Liberation and Atheism‘ führte, diskutieren wir die Frage an, inwieweit Religion und Naturwissenschaften miteinander verknüpft sind – zumindest in ihrer, wenn auch sich unterschiedlich ausdrückenden, anthropozentrischen Haltung gegenüber den nichtmenschlichen Welt. E-Reader: Gruppe Messel, Jahrgang 2, Nr. 4, 2020, Seite 15: https://d-nb.info/1215819366/34 und ‚Tierbefreiung, Atheismus und Widerstand‘ in Tierautonomie, Jahrgang 1, Nr. 3, 2014, S 6. https://d-nb.info/1210797186/34.

[6] Das individuierte und das ganzheitliche Leben der „Natur“ selbst sind nicht der Grund sie zu schützen, sondern Grund zum Schutz ist immer die Bedeutung der Natur für den Menschen. Es kann sein, dass Menschen unter Umständen gar nicht wissen, wie sie anders über „Natur“ sprechen können. In Dichtung und Roman kann das funktionieren, aber leider noch nicht in der Argumentationsbasis für den Umweltschutz. Die diffuse „Liebe zur Natur“ ist eine wahre Fundgrube über Unterschiedlichkeiten in den Auffassungen über das eigene Menschsein in der Welt. Es muss noch Wege geben, Natur und tierliche Mitwelt zu achten, wertzuschätzen und schützen zu wollen, als großen menschlich-ethischem Anspruch.

[7] Vita Activa von Hannah Arendt ist ein wahre Bibel über das Verhältnis Mensch – Umwelt – wenn auch leider Arendt sich niemals wirklich mit der Tierfrage auseinandergesetzt hat. Es wundert mich, warum die Umweltbewegung Arendts Ideen und Beobachtungen niemals breitenwirksam aufgegriffen hat. Interessante Fragen zum Mensch – Naturverhältnis thematisiert Arendt auch in:

ARENDT, HANNAH, Denktagebuch 1959 – 1973, Erster Band, München, 2002.

‘Solidarität: Alle Solidaritätsbegriffe tragen noch deutliche Spuren der ersten und ursprünglichsten Solidarität aller Menschen (also des Menschen) gegen die Natur. Solche Solidarität von Einem gegen alles Andere ist aber unter Menschen nie erlaubt. Es gibt keine unbedingte Solidarität. Das “wir sitzen alle in einem Boot” ist ein Beispiel der falschen, verabsolutierenden Solidarität.

Der Gruppenbegriff mitsamt seiner Bezogenheit auf die Teil-Ganzes-Kategorie stammt aus der Solidarität des Menschen gegen die Natur.’ (S. 127)

‘ […] Das Element der Zerstörung in allem Herstellen: Der Baum wird zersört, um Holz zu werden. Nur Holz, aber nicht der Baum, ist Materie. Materie also ist gerade schon ein Produkt des Menschen, Materie ist zerstörte Natur. “The human artifice” […] entsteht, indem der Mensch lebendige Natur so behandelt, als sei ihm das Material gegeben, d.h. indem er sie als Natur zerstört. Das Holz ist der Tod des Baumes. […]

So wie Gott den Menschen geschaffen hat, aber nicht die Menschen und sicher nicht Völker, so hat Gott die Natur geschaffen, aber nicht die Materie. […]’ (S.61)

[8] Die harschen Zerstörungsmechanismen die wir beobachten, können in ihren Dimensionen am ehesten mit dem inzwischen verwendeten Begriffs des Ökozids bezeichnet werden. Für die globale Problematik menschlich destruktiven Verhaltens an der Tierwelt müsste es definitiv einen vergleichbaren Ausdruck geben. Ich selbst verwende inzwischen den Begriff des Faunazids (zuvor tendierte ich zum Zoozid). Piers Beirne, Professor für Green Criminology, prägte den Begriff des Theriozids als allgemeine Bezeichnung menschlichen Tötens von nichtmenschlichen Tieren. Gleich wie, ein Begriff ist nötig und es fragt sich, warum von Tierrechtsseite her sich bislang noch kein zusammenfassendes Wort für die Gräueltaten an der Tierheit gefunden hat, bei aller Erkenntnis über die ethische Katastrophe, und, es fragt sich ebenso, warum Umweltschützende diese Dimension von Zerstörung bislang nicht mit einbeziehen konnten, allein wo die Symbiose von nichtmenschlichen/anderen Tieren mit „der Natur“ entscheidend für das irdische Dasein ist und wo auch „das Tier“ im Agrarbereich oder im Labor erst durch uns in diese Situation gebracht wurde.

[9] Ideen und Praxis alternativer Lebensweisen müssen Graswurzelartig umgesetzt werden. Parteienpolitik wird sich von etablierten wirtschaftlichen Mechanismen kaum unabhängig machen können, und daher in gehabter Form „Wohlstand“ und „Fortschritt“ versprechen, der schwieriger radikal veränderbar sein kann als das, was durch eine Veränderung mittels gegenseitige Aufklärung herbeiführbar ist.

[10] In den ersten Vegan News aus dem Jahre 1944 schreibt Donald Watson zur Gründung der veganen Bewegung: „Deutlich erkennen wir, dass unsere Gegenwartszivilisation sich auf der Ausbeutung von Tieren errichtet, so wie vergangene Zivilisationen auf der Ausbeutung von Sklaven aufbauten. Wir glauben, dass das geistige Schicksal des Menschen so verlaufen wird, dass die Menschheit in der Zukunft mit Abscheu daran denken wird, dass sie sich einstmals von Produkten aus Tierkörpern ernährte.“ E-Reader: Gruppe Messel, Jahrgang 2, Nr. 3, 2020, S. 11, https://d-nb.info/1215485026/34.

[11] Steven Bartlett beschreibt humanzentrische Haltungen im Bezug auf die natürliche Um- und Mitwelt als gleichzeitige Ursache für Fremd- und Selbstzerstörung. Er erwähnt in diesem Zusammenhang folgenden meiner Meinung nach ‚in-between‘ Standpunkt eines Biologen auf den Umweltschutz:

„Einer der wenigen Ökologen die mutig oder idealistisch genug waren für diesen Grad an Spezies-Selbstlosigkeit einzutreten, ist der Biologe Dan Janzen gewesen, der an der Erhaltung der Diversität von Spezies in der Guanacaste Conservation Area in Costa Rica arbeitete […] Janzen war einer der wenigen, die die Wichtigkeit des Überlebens einer Spezies nicht mit deren Vorteilen für die Menschen verband, in ähnlicher Weise wie Christopher Stones Respekt für die legalen Rechte natürlicher Objekte in der Umwelt unabhängig von menschlichen Interessen, Vorteilen und Profiten. Janzen sagte, „ja, man will diesen Wald retten, weil man vielleicht einen neuen Wirkstoff oder eine neue Art der Schädlingsbekämpfung finden könnte oder um Touristen anzuziehen, aber keiner dieser Gründe (sic) ist der Grund, dies als wildes Land beibehalten zu wollen. Für mich gibt es nur ein Ziel: dass diese Biodiversität überlebt.“ E-Reader: Gruppe Messel, Jahrgang 3, Nr. 4, 2021, S. 32, https://d-nb.info/1231210915/34.

[12] Themen, die hiermit im Zusammenhang stehen sind: Canned Hunting / Gatterjagd, Jagdquoten weltweit, in Deutschland die Situation der Wölfe z.B.: https://simorgh.de/about/woelfe-und-tierrechte/

[13] Tiere und ihre Schicksale in der subjektiven Wahrnehmung ‚zwischen Subjekten‘ zu thematisieren ist ein wichtiger Weg in der neuen Entdeckung der Bedeutsamkeit von seelensprachlicher, emotiver Auseinandersetzung mit Tieren und ihren Erlebnissen. Das Projekt ‚Faunary Press‘ von Marie Houser befasst sich mit dieser Perspektive: A. Marie Houser: Literaturkörper. Erzählliteratur ist Aktivismus, E-Reader: Gruppe Messel, Jahrgang 2, Nr. 4, , 2020, S 20, https://d-nb.info/1215819366/34 ; Auch Syl Ko betont den Ansatz der Intersubjektivität in: Eine Rezentrierung des Menschen, Ko, Syl/Johnson, Lindgren (2021). Eine Rezentrierung des Menschen. TIERAUTONOMIE, 8(1), https://d-nb.info/1234807912/34.

[14] Syl Ko setzt sich mit „dem Menschen“ auseinander als einem Konstrukt, das einem ausschließenden vermeintlichen Idealbild dient, dem alle Menschen, die nicht dem einen Idealbild vom „Menschen“ entsprechen, und alle Nichtmenschen, als minderwertig gegenübergestellt wurden; in: Ein Interview mit Syl Ko (2019). TIERAUTONOMIE, 6(2), https://d-nb.info/1210911817/34.

[15] Die Trennung zwischen ökologisch essentiellen Symbiosen, einheimischen und ‚nützlichen‘ Tierarten und dem Tier an sich, das eigentlich kein Thema ist für sich selbst, hat Karen Davis beschrieben in ‚Wie ein Huhn zu denken: Farmtiere und die feminine Verbindung‘, TIERAUTONOMIE, Jahrgang 2, Nr. 1, 2015, https://d-nb.info/1210905973/34.

[16] Barbara Noske hat kritische Beobachtungen über Trennungen zwischen der Tierrechts- und der Umweltbewegung gemacht https://simorgh.de/noske/noske_22-33.pdf, während beispielsweise Anthony Nocella Verbindungen zwischen den radikalen Ausprägungen beider Bewegungen beobachtet hat https://simorgh.de/about/wp-content/uploads/2014/11/kritische_tierstudien.pdf

[17] Immer wieder scheint die Rhetorik vieler Tierrechtler*innen sich nach humanzentrischen Erklärungsmodellen zu richten, statt eine eigene Terminologie zu entwickeln. Man biegt sich nach eingrenzenden Definitionen des tierlichen Gegenübers statt der eigenen neuen Erkenntnis, Beobachtung und Beurteilung neuen Raum zu schaffen. Eine Befreiung soll stattfinden, aber nicht in der grundsätzlichen Auffassung über die Mensch/Tier-Identitäten, https://www.simorgh.de/objects/what-is-an-animal/

[18] Die Welt des Pantheismus beispielsweise, die eine beseelte Sichtweise der Natur und all ihrer Mitlebewesen offenlegt, kann eigentlich nur in arbiträrer Weise einem alleinigen Schöpfergott zugewiesen werden; das Eigenschöpferische von Welt und Sein in der Welt konnte im mystischen Denken niemals ganz bedeutungslos erscheinen.

[19] In der Tat ist es zum einen nicht so ganz klar, wie die Einstellung gegenüber Bedeutung/Sinn und „Mensch“ und „Tier“ immer wirklich gelegen hat, dazu sollte insbesondere über die Auseinandersetzung mit Tiermythologien einen Blick auf teilweise sehr anders geartete Sichtweise auf Tiere zulassen. Ich habe u.a. diese zwei kurzen Versuche unternommen https://simorgh.de/niceswine/mythologien-und-folklore-kroenleinnattern-und-basilisken ; https://simorgh.de/about/fragment-ueber-insektenmythologien/ aus Mythologie zu lernen. Besonders die Sprache wird als trennendes Merkmal zwischen den Identitäten verstanden, dabei wäre aber zu fragen, was wir als Sprache verstehen und unter welchen Gesichtspunkten wir Kommunikation als Sprache anerkennen, mein Fragment über eine grundsätzlichen Infragestellung dazu https://www.simorgh.de/objects/thoughts-about-animal-languages/.

 

Wenn Menschen Tiere okkupieren

Tiere sind nicht einfach ein neutraler Grund, den man nach Gutdünken okkupieren kann. Wenn ich in irgendeiner Form Tiere einbringe, egal in welcher Form, bewege ich mich auf den Boden der Tierrechtsfragen. Und wenn ich mir diese Fragen nicht in vernünftiger Weise heute stellen will, dann bin politisch regressiv und als solches auch kritisierbar. Tiere einzubauen in mein Leben, ohne mich mit ihren Interessen auseinanderzusetzen, ist ein faktisch objektifizierendes Verhalten.
Gruppe Messel, 2022

Religion, Tierrechte und Biologismus: Theologische Tierrechtsdiskurse und Antispeziesismus

Religion, Tierrechte und Biologismus: Theologische Tierrechtsdiskurse und Antispeziesismus

Text: Gita Yegane Arani; Malerei: Farangis. G. Yegane

Der „Theo-logie“ (männlich) können wir eine TIER-Thealogie (weiblich) entgegensetzen, mit tiersoziologischem Fokus und dem Gegengewicht angenommener dezidiert-weiblicher Göttlichkeit … . Die Toxizität religiös-hegemonialer Ansprüche über „die Schöpfung“, wo sich in Wirklichkeit jedes Leben selbst schöpft und ursächlich selbst erfindet und findet … . Weshalb an den Konzepten vom „absoluten“ Schöpfergott festhalten, der „den Menschen“ dann mit entsprechenden Dominanzrechten versieht?

Tier-Thealogien > Tierindividualität und Tierautonomie

Die Herabsetzung von Tieren kann ein religiöser- sowie ein hyperreligiöser Akt sein. Sie kann aber durch einen Diskurs, der menschliches Religionsverständnis vordringlich ins Zentrum setzt, meiner Meinung nach nicht ernsthaft gelöst werden.

Statt sich an menschlichen Themenprioritäten (kulturell, gesellschaftlich) auszurichten, sollten alle Faktoren die tierherabsetzend operieren, zusammengefügt werden, um so das, was menschliche Herabsetzung von Tieren ausmacht – den Ur-Mechanismus der kulturellen Mensch-Tier-Dichotomie und der Antagonisierung von Tierlichkeit – unter Berücksichtigung aller Themenfelder multiangulierend zu analysieren.

Schließlich muss der Dringlichkeit des Problems Rechnung getragen werden und es müssen neue tierfreundliche Räume geschaffen werden, in denen Menschen inhaltlich nicht mit ihren Rahmenwerken und exklusiven Prioritäten humanzentrisch-philosophisch dominieren. Es muss vom Nullpunkt her unvorbelastet begonnen werden, wenn wir über Tiere reden und philosophieren.

So wäre es zum Beispiel kein Problem erstmal zu analysieren, warum Menschen meinen, dass sie weiterhin ihre Geschichts- und Kulturkonstrukte über mögliche tierliche Geschichtsnarrative setzen sollten, wenn sie gerade vorgeben das Menschsein zu re-zentrieren.

Partikularistisch wird der Schwere der ethischen Problematik so kaum Rechnung getragen. Die Antwort kann niemals im Religiösen, als einer Art supra-ethischer Kulturkommunikationsplatform, und auch nicht dem entgegengestellt, im allein religionskritischen Diskurs zu finden sein.

Wenn Religionen sich heute zusammentun, um zu besprechen, wie man „der Schöpfung“ gerechter werden kann, und alle Felder von Perspektivität ausgeschöpft sein sollen, wenn atheistische Wissenschaftlichkeit noch den gewohnten Biologismus beiträgt, dann scheint es fast so, als wolle Homo sapiens sich vor sich selbst rechtfertigen, um Denkfehler so noch etwas länger kultivieren zu können und um nur mildtätig einige wenige Zugeständnisse als ethischen Fortschritt proklamieren zu können.

Paradigmenwechsel würden nur stattfinden, wenn alles auf den Tisch kommt. Alle Teile menschlicher Kultur sind verwoben mit bestimmten Konzeptionen von „Menschsein“, die „Tiersein“ grundsätzlich in seinem Verschiedensein antagonisiert haben. Man denke daran, wie vehement das Thema Tierdenken immernoch über Biologismen reduktiv zum Nichtthema gemacht wird.

Allgemein ist die Tendenz, Tierthemen in vielen kleine Facettenschwerpunkten zu diskutieren, Ausdruck des Versäumnisses sich Tierfragen in der Dimensionalität eines Faunazids zu stellen. Mir kommt es eher so vor als wollen gesellschaftlich verankerte Machtinstanzen, wie Religionen, sich anhand ethischer Diskussionen über die Themen, die Nichtmenschen anbelangen, usurpierend einbringen, um so ihre Götter und Theologien über den anstehenden post-anthropozänen Bewusstseinswechsel der „droht“ hinwegzuretten.

Religion, Kulturanthropologie oder Philosophie?

Die Einengung auf Religion, als ethisches Imperativ, dass Fragen aufwerten soll, ist eine Art philosophischer Einengung, denn wenn wir „Religiosität“ und „Spiritualität“ zurück- und überführen in die Antike, zeitlich-chronologisch, oder auch lokal-kulturspezifisch in andere kulturelle Räume gehen, dann wird klar, dass Fragstellungen über Tiere – als von Menschen wahrgenommene und anerkannte „Mitlebewesen“ im Guten wie im Schlechten – soweit geschichtlich nachvollziehbar, immer zentral und bedeutsam gewesen sind – nicht zur „Menschwerdung“ als kollektivem fortschrittlichen Prozess, sondern genauso, wie eine neue Tierrechtsethik Mensch- und Tiersein in ihrer Begegnung neu kontextualisiert betrachten würden: Waren es nicht die Religionen selbst, die massiv den Menschen von Natur und Tieren getrennt haben? Wer hat die Spiritualität zum Herrschaftsgebiet von Herrschaftsgöttern, Propheten und Klerikern gemacht?

Um hier auch zu einem fruchtbaren Ergebnis zu gelangen, muss man fragen: „Wie interpretieren wir menschliche Geschichte?“, um so auch die menschliche Reflektion von „Tieren als speziesdesignierter oder nichtmenschliche Gruppe“ nachvollziehen zu können. Zu jeder Zeit haben Menschen unterschiedlich reflektiert, unterschiedlich gedacht über Menschen und über Tiere.

Auch verbleibt bei der typischen Diskussion über Tiere, Religiosität und Spiritualität der Biologismus intakt [gleich was diesen Biologismus eigentlich ursprünglich konstituierte im Falle von Speziesismen]. Mit ihm wird tierliche „Religiosität“ als rudimentär, primitiv, reduziert betrachtet oder eine autarke Anerkennung verunmöglicht. Und „Religion“ – als Symbol, das auf spirituelles Denken und Erleben hinweist – wird so ein kleines menschlich gedachtes Pool zugedacht, sowie der Spiritualität – beide werden an menschliche mystische Begrifflichkeiten und „Weltensichten“ gebunden. Nichtmenschen wird Philosophie/Denken, Lebensreflektion/Seinsreflektion und Spiritualität, neben dem „menschlichen System“ existieren, noch nicht zugestanden.

Die Entseelung „der Natur“ und die Einhauchung von „Sinn“ und „Geist“ der „Natur“ als „von Gott stammend“, statt als selbstschaffend, als ein Proxy menschlicher Konstrukte, ermöglicht erst die Beanspruchung und Monopolisierung von spiritueller Autonomie zugunsten menschlicher Dominanzansprüche, weg von der ‚Tierlichkeit im Selbstsein‘, als Oppositum zum „spiritualitätsfähigen Menschsein“.

Zusammenschluss und Vorgabe von Interdisziplinarität in den religiös dominierten Diskursen (die tendenziell den Gesichtspunkt von Dringlichkeit außer Acht lassen), mündet in abstrakten Diskussionen, bei denen Ergebnisse immer wieder dem Ausgangpunkt gleichen. Man kommt effektive niemals zu einem Ergebnis, das kollektiv menschliche Herrschaftsansprüche in den Theorien auflösen würde. Die Geste versteht sich als gut gemeint und folgt dem allgemeinen Druck eines zunehmend wachsenden ethischen Bewusstseins in der Gesellschaft. Unter dem Strich bleiben die alten Definitionen von Tiersein bestehen. ‚Meine Haltung ändert sich, aber Du bist faktisch immer noch der gleiche, für den ich Dich erklärt habe.‘ Religiös gespeiste Traditionen werden nur Oberflächen ankratzend plakativ kritisiert, während parallel dazu die schönen Seiten des Religiösen fokussiert werden, als ethische Leitfäden menschlichen Selbstverständnisses und ethischer Haltung, um Religion anhand der Tierfrage über Umwege aufzuwerten.

Tiere bleiben Schöpfungsteppich auf dem menschliche Religionen Thronen können, die bestimmen wer gut und Ebenbild Gottes ist und wer bloß Schöpfung statt Selbstschöpfung ist. Letztendlich hat die Evolutionstheorie Darwins zwar – auf der Grundlage einer kompetitiven Vorstellung von Lebensmotivation – einen Bruch mit der Dichotomie des Kreationismus im Bezug auf „Mensch“ und „Tier“ vollzogen, leider hat er dabei den Strang Homo als „sapiens“ und eine voraussetzende implizite Annahme von Tierdenken als vergleichsweise primitiv, instinktiv und prädeterminiert (statt autonom) in seinen Theoremen aber nicht überwunden.

Die logische Konsequenz aus einem erkannten biologisch-chronologischen Kontinuum, hätte unter ethischer Fragestellung spätestens heute – statt an dem Festhalten an Seinshierarchien – lauten müssen: wie gehen wir dringlichst mit einem menschlichen Krieg gegen die Tierlichkeit vor? Oder verlegte die Evolutionstheorie Darwins nur den hierarchisierenden Faktor in denjenigen Modellen, die erklären wie Menschen sich auf Tiere und Tiersein beziehen wollen, nur auf die kausaltistische Biologie, statt auf den Schöpfungsgedanken in der religiösen Hierarchisierung von Sein?

Religiosität macht sich der „Frage der Tiere“ habhaft, die als Gegensatz zu einer Homogenität von Menschlichkeit und Menschsein verstanden wird. Sie tut dies, indem sie in einem grundsätzlichsten Sinne zu transzendieren und zu metaphysieren versucht. Die Naturwissenschaften, in der die Seele als transzendentaler Körper keine Rolle mehr spielt, treffen ihre qualitativen und wertenden Unterscheidungen anhand biologischer Materie, bei dem ‚Sein‘ von Entitäten, die man als „Lebewesen“ und organisches „Leben“ identifiziert.

***

Religiösität: „Din“, ist in der heidnischen vorzoroastrischen alt-iranischen Kultur das gewesen, was „aus dem Menschen, als Wesen, selbst wächst“. Wir können die Diskussion und den Aktivismus für Tiere viel grundsätzlicher und basisdemokratischer Betreiben, als über die Triangulierung mit (letztendlich monokausalen, da „Schöpfergott“) religiösen Diskursen.

Schließlich findet Speziesismus, Tierherabsetzung oder wie wir es auch nennen wollen, überall imminent statt, und ist so vordringlichst, in Eigenkompetenz und emanzipativ zu adressieren – nicht anders als Menschenrechte, nicht anders als Umweltthemen und Ökozid (Themen, bei denen Religionen ebenso wenig die letzten Antworten bieten können; außer für Homo credens).

Meine Kritik rührt daher, dass mir auffällt, dass inzwischen eine immer stärker anwachsende Anzahl von Nischenschauplätzen sich mit hochqualifizierten und zunehmend akademisierten Diskussionen füllen. Würden wir uns angesichts einer vergleichbaren Situation solch eine Nischenmentalität im Bezug auf Menschenrechtsfragen oder Umweltfragen leisten, statt einer breiten gesellschaftlich-emanzipativen Diskussion, frage ich mich ernsthaft? Ich finde Tiere werden in der Weise von Menschen immer noch in Menagerien, wenn auch geistige, gesetzt.

Manche antispeziesistischen Künstler malen Tiere unter Menschen, im Sinne einer positiven Mensch-Tier-Beziehung, und deuten damit an, wie wichtig es ist den gemeinsamen Raum zu entdecken. Aber auch auf solchen Bildern kann man bei genauerem Hinsehen entdecken, dass „der exemplarische Mensch“ nicht neutral-kritisch, sondern im Beisein der Tiere idealisiert oder „korrigiert“ erscheinen soll. Die Mensch-Tier-Beziehung wird in der Regel vereinfachend abgebildet.

Ich möchte hier einen Beitrag leisten, darüber, wie in einfacher, grundlegender Weise ein kritisches Bild über das Verhältnis aufgeworfen werden kann, ohne Rekurse auf humanzentrische ethische Konstrukte wie Religionen und ohne ein verschönerndes, verharmlosendes Bild von Menschen und dem „Menschsein“.

Animal Thealogy / Tier-Thealogie

Mensch-Maschine? Tiervernunft!

Die grundlegende Frage über eine kategorische Trennung und Unterscheidung von „Tieren“ und „Menschen“ (Homo sapiens) befördert wahrscheinlich vor seinen moralischen Implikationen, die Frage darüber, was sich genau hinter diesen großen generalisierten Identitäten verbirgt. Weshalb hat uns die Sichtweise darüber, „was Tiere sind“ und „was Menschen sind“, schließlich dazu geführt, Tiere heute beinahe ausschließlich unter biologistischen (…) Begrifflichkeiten zu thematisieren? Reicht es, nichtmenschliche Tiere mit der ausschließlichen oder überwiegenden Attribuierung eins instinktgeleiteten Verhaltens zu begegnen? Ist es somit der ‘Fehler‘ der Tiere, dass Mensch sich auf sie nicht in einer anderen Weise beziehen, als sie es gegenwärtig tun? Welche anderen Optionen existieren?

Tier = instiktiv? Mensch = vernunftsbegabt? Attribuierte Identitäten innerhalb eines humanzentrischen Narrativs

Wenn wir die Sichtweise nicht akzeptieren, dass nichtmenschliche Tiere diejenigen sind, die unter den Menschen zu stehen haben, innerhalb eines Rahmens, der durch einen z.B. biologischen, philosophischen oder selbst eine göttliche Seinshierarchie gegeben ist, dann muss solch ein kritischer Anspruch nicht allein moralisch motiviert sein. Es kann ebenso bedeuten, dass wir die Art, in der beide Identitäten („Tier“ und „Mensch“) verstanden werden, hinterfragen, dass wir die Trennung und die Qualifizierung dieser Identitäten hinterfragen, selbst bevor die Frage menschlichen Unrechts auf der Diskussionsplattform erscheint.

Wir können fragen, ob die Interpretation von Charakteristiken, die als konstituierend begriffen werden für unterscheidende, trennende Aspekte, innerhalb einer Mensch-Tier-Hierarchie, nicht in Wirklichkeit eine Verneinung des autonomen Wertes des Verschiedenseins von nichtmenschlichen Tieren darstellen.

Wir wissen, dass das einzige Kriterium, das uns als Standard dient, der menschliche Parameter ist. Das heißt, das menschliche Modell zählt als das Ideal, als der Standard der Normen kreiert.

Was passiert, wenn wir dieses „Standardmaß“ bezweifeln?

Es ist eine Frage der Perspektive!

Schussfolgerungen, die sich aus den Bereichen Biologie und Psychologie (Tierpsychologie ist im Prinzip allerding zumeist nichts anderes als Ethologie, als nach innen projizierter Prozess) ableiten lassen, als den hauptsächlichen akademischen Feldern, die sich mit einer Erklärbarkeit von Tieridentität befassen, legen die Perspektiven fest:

  1. Über relevante Charakteristiken
  2. Darüber, wie Charakteristiken bei Tieren (sowohl im Falle menschlicher als auch nichtmenschlicher Tiere) sich a.) ausdrücken müssen und b.) in welcher exakten Korrelation sie „bemessbar“ sein müssen, um eine aus menschlicher Sicht bestimmte Relevanz oder Bedeutsamkeit zu erlagen

Das Problem liegt also in der Frage, warum Menschen eine Autonomie von Tieren nicht akzeptieren können, wenn sie sich nicht über die Wahrnehmung eines wertdefinierten Vergleichs erschließen lässt.

Warum werden eigene tierliche Kriterien und deren unabhängige Bedeutsamkeit (im Sinne ihrer Selbst und ihrer Situationen, in deren natürlichen und sozialen inter- und ko-spezifischen Kontexten) als irrelevant betrachtet, in dem Moment, in dem sie auf unsere perspektivischen Aussichten stoßen, wenn diese tierlichen Kriterien doch ebenso begriffen und akzeptiert werden könnten als vollständig außerhalb unserer hierarchischen Rahmenwerke liegend?

Tierindividualität als neutralen Fakt akzeptieren

Die Bereitschaft, eine unabhängige Bedeutsamkeit von Nichtmenschen zu akzeptieren, bedeutet die Deindividualisierung zu hinterfragen, die unsere allgemeinen Sichtweisen und Erklärungsmodelle über sie gewöhnlich vermitteln. Das sind die Sichtweisen, die zulassen, dass wir (als „menschliche Identitätsgruppe“) Nichtmenschen im wertenden Vergleich zu uns setzen, statt das (Verschieden-)Sein der Nichtmenschen selbst als vollwertig zu betrachten. Und das sind auch die Sichtweisen, die zu sortieren bemüht sind, wie genau sich die existenzielle Bedeutung von Nichtmenschen in Bezug auf all das verhält, was sonst noch für „uns Menschen“ (als eine geschlossene Identitätsgruppe) von Bedeutung ist.

Die deindividualisierende Sichtweise von Nichtmenschen geht fast automatisch einher mit der Wertentziehung in Hinsicht auf die zugeordnete Bedeutsamkeit. Und so landen wir nun bei der moralischen Frage, da die Frage von Identitäten, individueller Existenz und Deindividualisierung einige ethische Konflikte mit sich bringen.

Nichtmenschen und attribuierte Identitäten in den Bereichen “tierlicher” und “menschlicher“ sozialer Kontexte

Wenn wir nichtmenschliche Tiere, abgesehen von derer Lokalisierung im Hoheitsgebiet der Biologie, beispielsweise ebenso in soziologischen Kotexten betrachten können, dann könnten wir z.B. zu Recht fragen: „Wie verhalten sich Menschen gegenüber nichtmenschlichen Tieren und wie wird dies von beiden Seiten her wahrscheinlich oder vielleicht wahrgenommen?“ Können wir das Verhalten von Menschen gegenüber Nichtmenschen allein erklären, indem wir auf die allgemeine Annahme Bezug nehmen, dass man sich nicht wirklich in einer besonderen Weise zu Tieren verhalten kann, da sie angeblich ‚durch Instinkte bestimmt‘ seien und ‚kommunikativ weniger komplex im Vergleich zu uns‘, und dass somit unser Verhalten ihnen gegenüber keine eigenen Qualitäten einer sozialen Dynamik enthalten könne? Können wir unser typisch menschliches soziales Fehlverhalten gegenüber Nichtmenschen dadurch legitimieren, indem wir uns auf die „Einfachheit/Tumbheit“ beziehen, die wir in tierliches Verhalten hineininterpretieren? Solche Fragen würden natürlich ausschließlich auf den Stereotypen von Tieridentitäten basieren, gleich woher sie stammen.

Die Human -Animal Studies wären hier vielleicht die Lösung. So beschreibt die Seite des Animals and Society Insitutes das Feld der HAS:

Human-Animal Studies (HAS) is a rapidly growing interdisciplinary field that examines the complex and multidimensional relationships between humans and other animals. HAS comprises work in several disciplines in the social sciences (sociology, anthropology, psychology, political science) the humanities (history, literary criticism, philosophy, geography), and the natural sciences (ethology, veterinary medicine, animal welfare science, and comparative psychology). ( https://www.animalsandsociety.org/human-animal-studies/ , Stand 05.09.2021)

Die HAS sind sozusagen eine große Zusammenfassung zahlreicher menschlich möglicher Perspektivitäten auf das „Mensch-zu-Tier-Verhältnis“. Das Problem bleibt dadurch aber weiterhin bestehen, dass das „Tier-zu-Mensch-Verhältnis“ mit aller Wahrscheinlichkeit bei gänzlich anderen Ergebnissen enden würde – als Ergebnisse ohne den Ballast der Konfrontation mit den Bildern, die Menschen sich von Tieren machen.

Es wird implizit davon ausgegangen, dass all die interdisziplinären Bereiche, die zur Untersuchung des Verhältnisses Mensch-Tier herangezogen werden, tatsächliche Aussagen über faktische Tierlichkeit liefern könnten. Das all die Disziplinen aber auf Denkmodellen basieren, die intrinsisch speziesistisch-anthropozentrisch gespeist sind, steht nicht unbedingt im zu untersuchenden Fokus, weil wissenschaftlich „Tierlichkeit“ nicht ohne weiteres durch Wissenschaftlichkeit selbst trianguliert werden kann, um zu aussagefähigen Erkenntnissen zu gelangen, die über Nichtmenschen etwas wirklich fundamentales aussagen könnten. Dies ist einfach der Tatsache geschuldet, dass Tierlichkeit nicht in menschlichen Begriffen allein hinreichend erklärt werden kann. Was möglich ist, ist Approximationen zu schaffen und Wege freizuräumen, Konstrukte einzureißen und schlichtweg geistig freie Räume zu schaffen, die tierlicher Integrität einen Schutz nicht nur auf der physischen Ebene, sondern auch auf der theoretisch-philosophischen epistemischen Ebene gewährleisten würden.

Interessanterweise bildet selbst die Nische dessen, was soweit akademisch anerkannt ist als ‚Tiersoziologie‘ nur einen fragmentalen Baustein der Human-Animal-Studies, wobei dies tatsächlich eben nur diejenige ‚Tiersoziologie‘ anbetrifft, die Biologismen noch nicht kritisch ausgeräumt hat. Das heißt, obwohl die Human-Animal-Studies in selbstbezeichneter Weise eine Beziehung (die ja wohl eine soziale Komponente aufweist) adressieren – also soziale Interaktion – ist diese akademische Sparte aber nicht (tier-)soziologisch zu verstehen. Eher ist die perspektivisch-hegemoniale Sicht „des Menschen“ auf „die Tiere“ hier angedacht.

Wie dem auch sei, wir können Fragen von dem, wie sich eine Mensch-Tier- und Tier-Mensch-Soziologie verhält, wahrscheinlich kaum mit Soziolog*innen besprechen, obwohl es in deren Rahmen hineinfallen könnte, diese Beziehungen zu analysieren. Soziolog*innen selbst würden sich wahrscheinlich weitaus lieber mit der Tierrechts- und der Tierbefreiungsbewegung befassen, um sich nicht mit der Interaktion zwischen Menschen und nichtmenschlichen Tieren befassen zu müssen, da sich jede*r ja bereits mit der Tatsache einverstanden erklärt hat, dass eine Naturwissenschaft (die Biologie) bereits festgelegt hat, was die (logischerweise implizit auch ‚soziale‘) Identität von Nichtmenschen „faktisch“ ausmacht. Und dem muss hinzugefügt werden, dass es scheint, dass selbst die Tierrechtbewegung die moralische Frage selbst beinahe außerhalb jeglicher Reichweite platziert hat, indem sie die Erklärung der Identität von Tieren auch als etwas mehr oder weniger strikt Biologisches akzeptiert hat. Die Forderung dieses Mainstreamstranges in den Tierrechten führt sich damit dialektisch selbst ad absurdum.

***

Ein geometrisches Bild

Die Leserin stelle sich zwei abstrakte Gruppen vor. Gruppe A besteht aus Dreiecken, und alles was die Dreiecke umgibt, wird mathematisch relevant im Bezug auf deren eigene trianguläre Form. Dies vollzieht sich, indem alles was einem Dreieck entspricht oder nicht entspricht in einer jeweilig bestimmten Farbe erscheint. Gruppe B sind Kreise. Nun sagt Gruppe A, dass Gruppe B keine Dreiecke sind (weil A Dreiecke sind), und dass B auch keine Quadrate oder Rechtecke sind. Folgt hieraus irgendein Grund dafür, dass es mathematisch legitim sein würde die Kreise als gleichermaßen gültige geometrische Figuren auszuschließen? Die Dreiecke unterscheiden sich von den Kreisen, aber beide sind geometrische Figuren und insofern von gleichem Wert. Sie können in Bezug zueinander gesetzt werden aufgrund jeglicher ihrer geometrischen Eigenschaften, selbst wenn die Kreise den Charakteristiken der Dreiecke nicht entsprechen.

Eine einfache Metapher

Soziologie hinterfragt nicht die soziale Interaktion zwischen Menschen und Nichtmenschen. Sie untersucht diese Beziehung nicht aus ihrer spezifischen Sichtweise, weil allgemein davon ausgegangen wird, dass die menschliche Beziehung im Bezug auf Tiere durch die Naturwissenschaften bereits im Kern festgelegt ist. Die Human-Animal-Studies bezeichnen sich zwar als Studien der Mensch-Tier-Beziehung, lassen aber das biologistische Erklärungsmodell über tierliche Identität als solches bestehen.

Das hierarchische Herrschaftsgebiet jedoch, welches die Naturwissenschaften [und mit ihnen die humanistische Wissensbasis, auf der die Naturwissenschaften eher fußen] errichtet haben, schließt jedoch jede Notwendigkeit für eine tiefere Betrachtung und Berücksichtigung dieser Beziehung aus. Wir sehen keine direkte Beziehung zwischen Menschen und Nichtmenschen repräsentiert auf der intersubjektiven Ebene – wie beispielsweise auch Syl Ko sie in ihrem Spezies-Subjektivistischen Ansatz empfiehlt.

Die Biologisierung und Entsoziologisierung von sozialer Interaktion und Erleben

Eine sehr typische Exemplifikation dieses Unwillens auf einem grundlegenden Level eines „Gemeinsinns“ Bezug (auf Nichtmenschen) zu nehmen, kann in dem Unterschied erkannt werden, zwischen z.B. der Bezugnahme auf Nichtmenschen in Hinsicht auf „Freude“ im Gegensatz zu „Liebe, etc.“ als typisches Beispiel. So wie in: „Tiere können ‚gleichermaßen‘ Freude erleben“ oder „wir können beide lieben“ als soziale Handlung und als soziales Empfinden. Oder bei „Schmerz“ versus „Gewalt erleben“: so wie in „Tiere können Schmerz empfinden“ oder „wir können beide Gewalt erfahren und be-/greifen“. Liebe ist ein verbindendes Empfinden, Gewalterfahrung basiert ebenso auf sozialer Interaktivität, wenngleich im negativen Sinne. Wobei „Freude“ allein in dem Subjekt, dem wir das Gefühl zuordnen, lokalisiert wird, und das gleiche gilt auch für den „Schmerz“. Das heißt eine gewisse Perspektivität lässt Kontextualitäten sozialen Erlebens auf der breiten Ebene zu, während eine andere Perspektivität „Liebe“ und „Gewalterfahrung“, wie in diesem Beispiel, auf „Freude“ und „Schmerz“ in entsozialisierter Weise begrenzen und ausschließlich im Subjekt lokalisieren und somit begrenzt kontextualisiert zuordnen.

Wir – Nichtmenschen und Menschen – verstehen die Fragen von LIEBE, GEBORGENHEIT, VERTRAUEN, etc. und GEWALTERFAHRUNG. Während „Freude” und “Schmerz” reduktive Begriffe für das gleiche darstellen können.

Weiter …

Betreffend der Frage, ob Nichtmenschen in irgendeiner Weise als moral agents/moralisch Agierende bezeichnet werden können, muss man fragen, existiert Moral außerhalb des menschlichen Konzepts von Moralität? Wenn wir Moralität diskutieren, gehen wir davon aus, dass der Gegenstand, den dieser Begriff beschreibt, durch unsere Wahrnehmung „entstanden“ ist, und da wir definieren was „moralisch“ bedeutet, können wir das beschriebene Phänomen als alleinig unseres beanspruchen.

Wichtig ist festzuhalten, dass ich mich hier eher auf die angelsächsische Verwendung von „Moral“ und „moralisch“ beziehe, wie z.B. hier erklärt als:

“relating to the standards of good or bad behaviour, fairness, honesty, etc. that each person believes in, rather than to laws.”

( https://dictionary.cambridge.org/de/worterbuch/englisch/moral, Stand 06.09.2021 )

Dies tue ich, da insbesondere (der namhafte amerikanische Tierrechtphilosoph) Tom Regan in seinem The Case for Animal Rights die Frage der moral agency in der Raum stellte, und dies bei mir die Fragen aufwirft, inwieweit damit eigentlich in Wirklichkeit eine soziale Qualität verbunden ist, und man, anders als Regan es tut, das anthropozentrische Konstrukt, das mit der Idee von „moralisch“ einhergeht, mal in seine eigentlichen Bestandteile untergliedern sollte es schließlich ebenso in tierlich-kulturellen Kontexten gedacht werden kann.

Woraus besteht Moralität?

Existiert Moralität nur wegen theoretischer Rahmenwerke? Das lässt sich bezweifeln. Moralität hat auf der einen Seite etwas mit grundlegender sozialer Interaktion zu tun, denn dadurch erhält Moralität ihren Wert. Auf der anderen Seite bestehen die übergeordneten Übereinkünfte über Moral, welche erklärt und über die entschieden wird von (geistigen) ‚Eliten‘ oder einer definierenden Gruppe/einem definierenden Prozess. Aber dadurch enthalten die Übereinkünfte über Moral bloß eine erzwungene Gültigkeit, die von ihren eigenen Grundlagen getrennt ist, das heißt: von der Bedeutung sozialer Interaktion zwischen Wesen (das Konstrukt über Moralität schließt das aus, was außerhalb seiner Hierarchisierungen liegt; andere Formen von Interaktion die „soziale Werte“ enthalten werden ausgeschlossen).

Auf der individuellen Ebene existiert das, was jegliches „ich“ wahrnimmt und erfährt, in seiner Interaktion, und was es als „moralisch“-richtig erlebt. Und diese Erfahrung kann zwischen Nichtmenschen oder Menschen im kompletten environmentalen Kontext stattfinden – aus Sicht eines allgemeinen Gemeinsinns, wenn wir die menschliche Perspektive annehmen. Wenn wir das menschliche Dekorum weglassen, dass den Begriff Moral umgibt und ihm anhaftet, dann können wir behaupten, dass jede Handlung eine moralische Implikation für deren Akteure besitzt, nicht-anthropozentrisch betrachtet.

Es ist immer dasselbe: Verschiedenheit. Wir sollten mit ihr klarkommen.

Nichtmenschen haben sehr andere ‚Lebensphilosophien‘ im neutralen Vergleich zu „unseren“ ‚Lebensphilosophien‘, und ich glaube man kann den Begriff Philosophie hier verwenden, um einen Teil eines bislang unbezeichneten Phänomens zu beschreiben, in dem Nichtmenschen ihre eigenen Leben strukturieren, reflektieren, etc. Wobei das Wort ‚Lebensphilosophie‘ den Punkt nicht mal trifft. Viel eher: Denken über das Leben.

Ich frage mich, ob das Problem, das Menschen mit Nichtmenschen haben, nicht eher in den Unterschieden ihrer Denkweisen über das Leben im Vergleich zu unseren typisch menschlichen ‚Lebensdenkungsarten‘ liegt. Die Probleme liegen so viel mehr in dieser radikalen Verschiedenheit statt in den Gründen gradueller biologischer Verschiedenheiten oder statt in der üblicherweise angenommenen moralischen und sozialen ‚Begrenztheiten‘, die Menschen diesen Anderen (Tieren) zuordnen.

Das Problem scheint mir um das Maß an Unterschiedlichkeit und koinzidierender Gleichheit zu fluktuieren. In vielerlei Hinsicht gleichen wir Nichtmenschen, jedoch was den Aspekt unseres Dominanzanspruchs anbetrifft, sehen wir Nichtmenschen als „die Loser“ und als das untere Ende einer evolutionären oder göttlich bestimmten hierarchischen Ordnung, auf der wir unser destruktives und hypokritisches Verständnis von Macht postulieren können.

Dass Nichtmenschen die Verlierer unter den ‚biologischen Tieren‘ seien, ist eine Einstellung die sogar einige ihrer Verteitiger*innen projizieren. Ich treffe öfters auf Menschen in der Tierrechtsszene, die keine Einzigartige, in sich genügende Qualität in der Nähe und gleichzeitigen Ferne zwischen den unterschiedlichen Tieren (einschließlich dem Menschen) anerkennen, sondern die an erster Stelle in ihren verteidigenden Argumentationen immer wieder betonen: „Wie sind Tiere im Vergleich zu uns“; als ob Menschen und Tiere einen Wettbewerb auf einer Gleichheitsskala ausführen müssten. Und ein anderer damit verwandter Argumentationsstrang lautet: „Wie viel ihres ‚Instinktes‘ könnte Tiere möglichweise dazu berechtigen, Rechte zu erhalten“; Rechte, die sie vor Menschen schützen müssen ( – wobei es sehr fragwürdig ist, ob diejenigen, die Vorurteile gegen Dich haben, Dir wirklich Deine eigenen Rechte zugestehen wollen würden). Dabei wird dann angeführt, was Tiere alles so als vermeintlich ‚primär durch Instinkte bestimmte Wesen‘ können. Als wäre der Mensch in seinem Denken alleine selbstbestimmt … ein Riesenproblem in der Betrachtung von Menschen, Tieren, Instinkten und Denken.

Die menschliche Gesellschaft, so scheint ist, betrachtet immer wieder das „uns“ und das „wir“ als objektiv wichtiger, insofern dass dieses „wir“ und das, „wie wir sind“, das Kriterium schlechthin sein soll, und dass Nichtmenschen daran bemessen werden sollen. Der Mensch hat zugleich aber auch eine komplette Erklärung parat, darüber wie genau Tiere anders und unterschiedlich sind.

Der wesentliche Punkt: andere zu akzeptieren, die Gültigkeit von Unterschiedlichkeit zu akzeptieren statt vorzudefinieren, der Unterschiedlichkeit Raum zu lassen, wird leider übersehen. Dabei wäre das für die Anderen, die Sich-von-uns-Unterscheidenden entscheidend, würde Anerkennung von Freiheiten beinhalten und es wäre so vielleicht selbst für „uns“ wichtig!

Zu weit gegriffen? Tier-Thealogie – weibliche Tiergottheiten, weibliche menschliche Gottheiten … alles gab/gibt es … . Mögliche Herangehensweisen an die Frage spiritueller und geistiger Freiräume.

Barbara Noske: Speziesismus, Anthropozentrismus und Nichtwestliche Kulturen

Wenn wir von Tierkulturen ausgehen, wird die alte Demarkationslinie zwischen restriktiven Anthropozentrismen und dem gegenüberstehend einer Seins-Pluralität auf möglichst gleicher Augenhöhe erkennbar.
Ein multiangulierbares Kulturverständnis ist möglich.
gruppe messel

E-Reader: Gruppe Messel 2021 / 6
ISSN 2700-6905
Jahrgang 3, Nr. 6, August 2021
Edition Farangis

Speziesismus, Anthropozentrismus und Nichtwestliche Kulturen; https://farangis.de/reader/e-reader_gruppe_messel_2021_6.pdf

Barbara Noske

Originalfassung: Speciesism, Anthropocentrism and Non-Western Cultures, veröffentlicht in: Anthrozoös, Volume 10, No. 4. pages 183-190, 1997. Übersetzung aus dem Englischen von Gita Yegane Arani. Mit der freundlichen Genehmigung von Dr. Barbara Noske und der International Society for Anthrozoology (ISAZ).

Siehe in dem Zusammenhang: http://www.isaz.net/isaz/anthrozoos/, ANTHROZOÖS, A Multidisciplinary Journal of the Interactions of People and Animals, International Society for Anthrozoology ISSN 0892-7936.

EINFÜHRUNG

Die gegenwärtigen Diskussionen über die Mensch-Tier Beziehung und Tierethik im Westen, werfen ein Licht auf eine Reihe von Dingen, zu denen die Fragen über Speziesismus und Anthropozentrismus gehören.

Speziesismus bezieht sich im Allgemeinen auf die Unterschiede in der Behandlungsweise individueller Wesen, auf Grundlage ihrer Zugehörigkeit zu anderen biologischen Kategorien: der Spezies in dem Falle. Es bedeutet die Beurteilung von Tieren, nicht als einzigartige und empfindungsfähige Individuen, sondern allein anhand ihrer Spezies. Sie werden zu Exemplaren einer bestimmten Spezies, die von uns, Menschen, bevorzugt oder verabscheut werden kann. (Noske 1993, 1994). Die häufigste Verwendung des Begriffes Speziesismus bezieht sich jedoch auf die Mitgliedschaft oder in der Tat auf die Nichtmitgliedschaft bei einer bestimmten Spezies, der menschlichen Spezies, mit der Konsequenz der Diskriminierung und häufig der härteren Behandlung von allem Nichtmenschlichen. Von seinen Kritikern wurde der Speziesismus als analog zu Rassismus und Sexismus definiert (Ryder 1989).

Anthropozentrismus bezieht sich, zusätzlich dazu, auf die verwandte Idee, dass die Menschheit der Maßstab aller Dinge ist und sein sollte. Andere und ‚Andersheit‘ werden eher übersehen und nicht in Betracht gezogen (Noske 1990, 1997).

Auch wenn sie nicht identisch sind, gehen Speziesismus und Anthropozentrismus häufig Hand in Hand, wobei das Erstere etwas stärker mit der Handlungsebene verbunden ist und das Zweite eher mit der Haltung.

In Diskussionen über die Beziehung der Menschheit mit der Natur und mit den Tieren, werden nichtwestliche Kulturen oft als eine Art reflektierender Spiegel dargestellt, um Kontraste zu westlichen Arten des Umgehens mit, des Denkens über und des Fühlens in Bezug auf Tiere zu verdeutlichen.

Da ich gegenwärtig nicht in einer Position bin, um Daten mittels teilnehmender Beobachtung aus erster Hand zu sammeln, möchte ich eine Anzahl von Jäger/Sammler und pastoraler Gesellschaften in der Form betrachten, wie sie in der anthropologischen Literatur dokumentiert wurden. Sehr wenige Anthropologen, darunter Nanda Niemeijer (1994) als eine bemerkenswerte Ausnahme, haben ihre Feldforschung aus einer Position heraus durchgeführt, bei der beide, Menschen und Tiere, gleichermaßen als Subjekte mit Individualität, Integrität und Handlungskapazität (A.d.Ü. im Originaltext ‚agency‘) betrachtet werden.

Während Anthropologen typischerweise massive Mengen an Informationen über exotische Mensch-Tier Beziehungen in verschiedenen kulturellen Kontexten gesammelt haben (Evan-Pritchard 1940; Lévi-Strauss 1965; Rappaport 1967; Harris 1974), wenden sie sich kaum jemals Fragen im Zusammenhang mit dem ‚Animal Welfare‘/Tierwohl und dem Tier als Subjekt zu. Auch zeigen sie wenig Interesse an der Existenz von Speziesismus oder Anthropozentrismus in den nichtwestlichen Kulturen. Da wo Tiere in anthropologischen Studien vorkommen, werden sie häufig bloß als passives Rohmaterial menschlicher Handlungen und menschlichen Denkens betrachtet.

Anthropologen tendieren dazu, Speziesismus und Anthropozentrismus als „in der Gesellschaft gegeben“ zu akzeptieren und stellen über sie allgemein keine Fragen. Tatsächlich argumentieren die meisten Sozialanthropologen, dass, um Fragen über Tiere und ihr Wohl zu beantworten, es besser sei sich an Wissenschaften wie die Evolutionsbiologie oder die Ethologie zu wenden. Wenige Sozialanthropologen studieren derzeit physische Anthropologie als Teil ihres Curriculums, ein Umstand der viel mit dem Erbe des Nationalsozialismus zu tun hat, in dem Argumente physischer Kontinuität zwischen Tieren und Menschen zur Legitimierung von Rassismus und Genozid verwendet wurden (Noske 1997). Da wo physische Anthropologie berücksichtigt wird, besteht die Tendenz, Tiere und Tier-Mensch-Beziehungen von einem biologischen eher als von einem sozio-ethischen Standpunkt her zu betrachten.

Tiere werden häufig als des anthropologischen Interesses unwert erachtet. Ich habe den Grund für diesen blinden Punkt innerhalb der Sozialanthropologie und seinen Mangel an Sensibilität für das Schicksal des Tieres in den Weltkulturen an anderer Stelle hervorgehoben. Er liegt in dem inhärenten, in der Disziplin selbst vorherrschenden Speziesismus und Anthropozentrismus: Es besteht die Neigung Mensch-Tier-Interaktionen als Subjekt-Objekt Beziehungen zu betrachten, und es ist nur die menschliche Subjektive Seite, die Anthropologen betrachten wollen (Noske 1990).

Anthropologen ziehen es vor, Tiere als einen integralen Teil menschlich-ökonomischer Konstellationen und menschlich-zentrierter Ökosysteme zu behandeln: das heißt, als ökonomische Ressourcen, Gegenstände und Produktionsmittel für menschliche Zwecke. Auf Tieren basierende Ökonomien wurden extensiv von Anthropologen untersucht, die oftmals fragten, ob unterschiedliche menschliche Praktiken in ihrer Anwendung von Tieren ökonomisch oder ökologisch rational sind (vom menschlichen Standpunkt aus gesehen) oder nicht. Nur in einer kleinen Anzahl von Fällen, besonders in solchen, wo halb-wilde Tiere noch etwas an Kontrolle über ihren eigenen Verbleib beibehalten konnten, lassen sich Anthropologen manchmal dazu herab, auf die Vorteile existierender Mensch-Tier-Arrangements für die dabei involvierten Tiere zu schauen (Leeds 1965; Ingold 1974).

Eine Art, in der die Mensch-Tier-Beziehung erforscht wurde, war durch das Genre des Kulturmaterialismus. Harris (1974) hat zugrundeliegende ökonomische Gründe für die Anbetung und Liebe zu bestimmten Tierspezies in einigen Kulturen aufgezeigt. Er erklärt beispielsweise die Verehrung der Kühe bei den Hindus in Indien und die Liebe zu Schweinen in Neu Guinea in ökonomischen Begriffen: sowohl die Verehrung der Kühe als auch die Liebe zu Schweinen funktionieren schließlich zum ökonomischen Vorteil der menschlichen sozialen Handlungsträger. Diese Art der Forschung konzentriert sich auf Gründe warum menschliche Gesellschaften ihre Tiere nicht in einem verstärkteren Maße töten oder verzehren, oder weshalb sie so viel Fürsorge, Zuwendung und Energie auf sie aufwenden (Harris 1974, 1985).

Abgesehen von Tieren die als Subsistenzfaktoren funktionieren, gibt es Praktiken, in denen Tiere, anderen nicht-subsistenziellen menschlichen Zwecken dienen: als Objekte des Prestiges, als Opferungsobjekte oder als Totems. Tieren in dieser Funktion, wurde religiöse, symbolische und metaphorische Kraft zugesprochen (Lévi-Strauss 1965). Typischerweise haben viele Gelehrte in den Sozialwissenschaften, vor allem Kulturmaterialisten so wie Harris, die non-subsistenziellen Rollen und Funktionen die Tieren attribuiert wurden, als „irrationales Verhalten“ seitens der Menschen beschrieben. Für viele dieser Gelehrten bedeutet Rationalität eindeutig ökonomische Nützlichkeit, und andere unterliegende Motive für menschliche Praktiken und Ideologien bezüglich von Tieren, werden folglich als ‚irrational‘ betrachtet. Wie James Serpell in so richtiger Weise hervorhebt – und da er selbst kein Anthropologe ist, ist er wahrscheinlich in einer guten Position um dies zu tun – ist es erstaunlich, wie wenig Aufmerksamkeit die Anthropologen auf die allgemeine Gewohnheit des Haltens von Haustieren gerichtet haben (Serpell 1986, 1988).

Eher statt nicht-ökonomische und nicht-symbolische Motive als reale und legitime Gründe für das Halten von Haustieren bei Menschen zu akzeptieren, scheinen die Anthropologen sich darum bemüht zu haben, die ‚versteckten‘ Gründe für die westliche und die nicht-westliche Haustierhaltung zu entdecken. Der Gedanke, dass ‚Liebenswertheit‘ und Emotionen wie Zuwendung und Zärtlichkeit, legitime Grundlagen für diese intersubjektive Mensch-Tier-Beziehung sein könnten, scheint immer noch fehl am Platz und sogar beschämend zu sein für viele Anthropologen.

In der westlichen Gesellschaft besteht nicht nur unter den Anthropologen, sondern auch bei den Umweltschützer*innen – ich persönlich bin beides – eine Tendenz, ältere indigene Kulturen zu romantisieren und zu idealisieren. Kein Zweifel, wir haben viel von ihnen zu lernen. Aber dies sollte uns nicht davon abhalten, kritische Fragen als Teil der laufenden Debatte über Tierethik zu stellen. Fragen, so wie: „Wie verhält es sich mit dem Tierwohl in diesen Kulturen?“, „Und wie steht es mit Speziesismus und Anthropozentrismus, existieren sie in diesen Kulturen ebenso?“ „Und wenn ja, in welcher Form?“

TIERABHÄNGIGE KULTUREN: die Aborigines und die Inuit

Zugegebenermaßen, die Anthropologen haben extensiv über die Rolle geschrieben, die Tiere im menschlich zeremoniellen und religiösen Leben spielen. In Jäger-/Sammler-Gesellschaften haben die Menschen häufig eine organische Weltsicht, die sie dazu führt, sich selbst eher innerhalb statt über der natürlichen Welt einzuordnen. Die Natur ist in keiner Weise das Andere oder das Mindere. In der Tat sind in diesen Gesellschaften Kategorien wie Natur und Kultur häufig non-existent. Für die australischen Aborigines kann man sagen, dass die Natur eine direkte spirituelle, moralische und soziale Bedeutung hat: das moralische System durchsättigt die Landschaft und das ökologische System durchdringt die Religion (Stanner 1972). Das Konzept der Aborigines von der Traumzeit oder des Träumens, bezieht sich auf eine Art der Epoche, in der mythische Ahnen – die häufig Tiere sind – lebten, von der aber nicht gedacht wird als eine Zeit die, im normalen Sinne des Wortes, vergangen ist. Nach Stanner ist die Traumzeit zeitlich nicht festzulegen: sie war, und ist, zu jeglicher Zeit; eine Verwebung von Menschheit, Gesellschaft, Natur, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft innerhalb eines unitären Systems, das von einem Verstand, der zu sehr unter dem Einfluss von Humanismus, Rationalismus und Wissenschaft steht, nicht leicht erfasst werden kann. Die Traumzeit, die in heiligen und geheimen lokalen Landschaften verkörpert ist, erzählt Menschen, wie sie und andere Wesen aus dem gleichen Stamm, der weder das eine noch das andere war, hervorgingen. Kontinuität, Ausgewogenheit und „das Verweilen“ (das Verweilen bei dem was ist oder was vorher war), sind das Maß aller Dinge, eher statt die Verschiedenheit und Überlegenheit des Menschen (Stanner 1972).

Viele andere native Völker machen sie in ihren Geschichten Aussagen darüber wie die Welt geschaffen wurde, wie die Tiere zu dem wurden was sie sind und wie Menschen und Tiere alle Teil der gleichen fortlaufenden Lebenskraft sind. In diesen Geschichten verwandeln sich Männer und Frauen leicht zu Tieren, und Tiere verhalten sich wie Menschen. Daher, wie im Glauben der Inuit angenommen wird, stammen Menschen und Tiere in gleicher Weise von der Kopulation einer Frau und eines Tieres (Rasing 1988).

In unterschiedlichen Glaubenssystemen der australischen Aborigines werden Tiere als Verwandte angesehen. Bestimmte Menschen und Tiere werden als Teil der gleichen totemischen Gruppe betrachtet. Ein mythischer Traumzeit-Ahne, zum Beispiel ein Känguru, hat „Traumspuren“ auf der Erde hinterlassen und dadurch die Merkmale der Landschaft geschaffen. Als es starb hinterließ es unerschöpfliche Anzahlen von „Kindern im Geiste“ (A.d.Ü. im Originaltext „spirit children“), die für ewig an spezifischen Örtlichkeiten weiterleben und die dadurch heilig sind. Indem sie diese Orte verlassen und in den Körper einer Frau dringen, verwandeln sie sich zeitweise zu Kindern der Aborigines. Somit besteht ein Individuum der Aborigines buchstäblich aus der Substanz, die tatsächlich Teil der heiligen Känguru-Landschaft ist, und die nach dem Tod noch einmal mit der Landschaft in eins übergehen wird (persönliche Kommunikation des Anthropologen Mark de Graaf, vgl. auch Hiatt 1978; Mountford 1981; Bennett 1991). Der gleiche Prozess, so wird gesagt, findet statt, wenn ein Tier-Individuum geboren wird.

Für eine unterwiesene und initiierte Person bei den Aborigines, ist Australien mit einem Mosaik kultureller Kompositionen bedeckt, in denen in jeder, ein Anteil Erde (ein Ort), ein Anteil Leben (eine Spezies) und ein Anteil Gesellschaft (eine menschliche Gruppe) miteinander verbunden sind. Ein Klan und ein Territorium sind mit bestimmten Spezies verbunden, deren prototypischen Kräfte in dem Träumen in der Schaffung örtlich aktiv waren (Maddock 1982). Eine Känguru-Totemische-Gruppe schließt nicht nur Kängurus und menschliche Männer und Frauen mit ein, sondern auch andere Spezies und vielleicht den Regen und die Sonne. Es ist viel mehr als ein klassifikatorisches Mittel; eine moralische und rituelle Beziehung ist impliziert. Die menschlichen Mitglieder der Gruppe meiden das Töten, Pflücken oder das Verzehren ihres Totems, und wenn extremer Hunger sie dazu zwingt das zu tun, drücken sie normalerweise ihre Reue aus und führen einen rituellen Akt durch. Andere Personen mit anderen Tiertotems können Kängurus töten – was sie natürlich auch tun (Elkin 1967).

Zudem ist es so, dass die Menschen sich tatsächlich um die Tierspezies kümmern, zu deren Totem sie gehören. Der Ökologe A.E. Newsome stellte fest, dass in der Mythologie des Aranda-Volkes in Zentralaustralien, die wichtigsten totemischen Orte des roten Kängurus mit den günstigsten Habitaten dieser Spezies zusammenfallen. Er fand auch heraus, dass den Traumzeit-Mythen zufolge, die Känguru-Ahnen ihre sogenannten Traumspuren, die überirdisch waren, durch natürliche Mittel manifestierten, und die in der Luft oder unter Grund liegenden, durch übernatürliche Mittel. Nach Newsomes Meinung ist es kein Zufall, dass das beste Känguruhabitat in natürlicher Weise durchquert (und somit geschaffen) wurde, und dass das schlechteste Habitat, nämlich die Wüste, in übernatürlicher Weise von diesen Traumzeit-Känguru-Ahnen überquert wurde. Wenn die Leute der Aborigines sich den Känguru-Totemischen Orten nähern, tun sie dies in Stille und Ehrfurcht. Das Jagen ist in der Nähe dieser heiligen Orte verboten und Waffen werden in einiger Ferne abgelegt. Somit werden die roten Kängurus in der Nähe ihres besten Habitats geschützt (Newsome 1980).

DAS JAGEN VON TIEREN

Viele Anthropologen haben das Jagen als ein bloßes technisches Mittel zur Sicherung der Versorgung betrachtet. Das Jagen impliziert aber das Verfolgen, die Angsterzeugung, die Verletzung und Tötung anderer lebender Wesen. Der niederländische Anthropologe Willem Rasing ist eine Ausnahme, indem er nicht damit zögert, explizit zu erklären, dass das Jagen, Töten bedeutet (Rasing 1988). Jagende Völker müssen bei den Tieren Angst erzeugen, sie verletzen, ihnen Schmerzen zufügen und sie töten, um zu überleben. Aber dies hält sie nicht davon ab, ihre Beziehung zu dem Tier besonders zu würdigen. Es gibt zahlreiche Beweise dafür, dass Völker die Tiere jagen, quälen und töten, dies häufig mit einem gewissen Widerwillen und Schuldgefühlen tun. Während der Vorgänge des Jagens, bleibt eine Einstellung der Ambivalenz bestehen, und die Rationalisierungen und Rituale, die die Ausübung des Jagens so häufig begleiten, sind alle Teil eines allgemeinen Bemühens darum, die zwei miteinander in Konflikt stehenden Tendenzen zu versöhnen.

Daher, so erklärt Rasing, behaupten die Inuit generell, dass die Tiere, die sie jagen, damit einverstanden sind, getötet zu werden, weil sie für die menschliche Verwendung geschaffen wurden. Der von Grönland stammende Autor Finn Lynge (1992) hebt hervor, dass alten Mythen zufolge, respektvolle Jäger niemals hungrig bleiben werden: die Tiere werden zu ihnen kommen als würden sie darum fragen erjagt zu werden (im echten Leben leisten Tiere jedoch in der Regel Widerstand gegen ihre Tötung). Die Jäger der Inuit glauben, dass respektlose Einstellungen gegenüber den Tieren Unglück bringen, welches durch die spirituellen Kräfte der betroffenen Tiere mediiert wird (Lynge 1992). Den Inuit zufolge sind für das Gedeihen der Spezies, die Tiere davon abhängig gejagt zu werden; das heißt dass Tiere getötet werden müssen. Daher tun die Menschen gut daran, ihren Beutetieren kein unnötiges Leid zuzufügen, auch wenn sie, wie viele Beobachter berichten, diese sorgevolle Einstellung nicht auf ihre Schlittenhunde übertragen, die oft recht grob behandelt werden (vgl. persönliche Kommunikation des Anthropologen A.J.F. Köbben).

Nebenbei bemerkt, hängen eine Anzahl australischer Aborigine-Stämme ebenso der Überzeugung an, dass die Natur, einschließlich der Tiere, nicht selbstregulierend ist, sondern Menschen zur Durchführung von Ritualen braucht. Ein Mangel an menschlicher ritueller Partizipation, führt, so wird angenommen, zum Verfall des natürlichen Status quo. Hier wird auch davon ausgegangen, dass Tiere auf vom Menschen durchgeführte Handlungen angewiesen sind (z.B. ‚increase rites‘; A.d.Ü. Rituale, die der Erhaltung und der Stabilität einer Spezies dienen; im Folgenden als Zuwachs-Rituale bezeichnet) um zu überleben. (Bennett 1983; Morton 1991)
Laurens van der Post hat über die verschiedenen Wege geschrieben, in denen Leute der Buschmänner die oben erwähnten Ambivalenzen versucht haben herauszufordern und zu lösen, zum Beispiel indem sie den Eland mit einem Tanz dafür danken, dass er sich hat fangen lassen. (van der Post 1966). Die Buschmänner zeigen eine Intimität zur ganzen Natur, die bezeichnet worden ist als ‚Partizipationsmystik‘, ein Verständnis nicht allein im Sinne der intimen Kenntnis, sondern auch des Gekannt-Werdens von Bäumen, Wolken und Tieren. (van der Post 1066; Wannenburgh 1979)

Es gibt auch gegenteilige Berichte über Mensch-Tier Beziehungen bei den Buschmännern. Die Anthropologin Elizabeth Marshall Thomas beschreibt die gefühllose Art in der eine Schildkröte von Gai, einem Giwke Buschmann, geröstet wird. Sie erklärt, dass Buschmänner das Leiden von Tieren häufig ignorieren und mit einer großen Unberührtheit betrachten (Thomas 1989).

DIE HERDENHALTUNG VON TIEREN

Nomadische Jäger sind nicht die einzigen Völker, die für ihre enge Beziehung zu Tieren bekannt sind. Der 1940er Klassiker von Evans-Pritchard, Die Nuer, erzählt uns über diese afrikanischen Pastoralisten (A.d.Ü. Herdenhalter), die in ihrer Sichtweise stark durch ihre Abhängigkeit von und gleichzeitig Liebe zu Rindern beeinflusst sind – oder es zumindest waren. Diese Liebe ist fast so, wie die Zuneigung, die Leute Haustieren gegenüber zeigen. Für die Nuer haben Rinder nicht einfach einen instrumentellen Wert als Quellen von Fleisch, Blut und Milch, sondern sind auch vitale Verbindungsglieder in sozialen Beziehungen. Jedoch, während die Nuer ihre Leben damit verbringen das Wohlergehen ihres Tieres zu sichern, kann man hier ebenso eine gewisse Ambivalenz in deren Einstellungen und Handlungsweisen entdecken. Zum Beispiel manipulieren sie in geschickter Weise die Psychologie und die Soziologie der Kuh.

Rinder werden nicht in erster Linie zur Schlachtung aufgezogen: die Ochsen müssen oft eine Opferrolle in Zeremonien einnehmen. Auch wenn es einige besondere Anlässe gibt, an denen die Menschen sich mit Fleisch vollstopfen, wird generell geglaubt, dass Menschen einen Ochsen nicht ausschließlich zum Verzehr töten sollten, da der Ochse sie sogar verfluchen könnte. Das Fleisch eines Ochsen sollte nur in schweren Hungersnöten verzehrt werden. Nichtsdestoweniger wird jedes Tier, das eines natürlichen Todes stirbt, gegessen. Die Nuer mögen Fleisch ganz besonders und erklären beim Tod einer Kuh „Die Augen und das Herz sind traurig, aber die Zähne und der Magen sind froh. Der Magen eines Mannes betet zu Gott, unabhängig von seinem Verstand, für solche Geschenke.“

Ein Mann dekoriert die langen Hörner seines Ochsens manchmal mit Quasten und den Hals mit Glocken. Die Hörner werden in eine bestimmte Form geschnitten, wobei das Tier während dieser Operation starke Schmerzen erleidet. Die Nuer vergleichen diese Qual manchmal mit der Initiation der Jugend zur Mannheit und gliedern die Ochsen dadurch als bewusste und aktive Handlungsträger in eine menschliche sozio-moralische Domäne ein (Evans-Pritchard 1940).

Über ein anderes afrikanisches Hirtenvolk, die Fulani, wurde berichtet, dass sie sich ihrer Ambivalenz im täglichen Umgang mit den Rinderherden sehr bewusst seien. Das Melken und Blut-Ablassen bei Tieren erzeugt ambivalente Gedanken und Bräuche, die der Tatsache entspringen, dass Milch und Blut das Leben des Tieres oder seiner Jungen erhalten, sowie sie auch die Hirten mit ihren Lebensgrundlagen versorgen (Stenning 1963).

Bei manchen pastoralen Kulturen glauben die Menschen traditionell, dass Sanktionen existieren, wenn gewisse Pflichten nicht erfüllt werden. Sanktionen die nicht von Göttern verhängt werden, sondern von den Rindern selbst. Es wird geglaubt, dass die Tiere nicht nur auf Versäumnisse im Verhalten ihnen selbst gegenüber reagieren, sondern auch auf bestimme Arten unbefriedigender persönlicher Beziehungen innerhalb der menschlichen Gemeinschaft. Sie verhängen auch in beabsichtigter Weise Sanktionen über die, die ihre ganz allgemeinen Pflichten nicht erfüllen. Es wird gesagt, dass Kühe mit Absicht ihre Milch verweigern, aus ihrer Ablehnung heraus gegenüber Inzest. Man glaubt, dass Rinder generelle Vorstellungen über menschliche Verhaltensweisen haben und diesen Verhaltensweisen Werte verleihen. Die Leute reden in Wendungen wie ‚Rinder erlauben mir nicht…,‘ usw. (Stenning 1963).

Eine andere Volksgruppe die eng mit Tieren in Verbindung gebracht werden, sind die Tuareg in Nordafrika. Die Kel Ewey Tuareg bestreiten ihr Leben mittels Kamel- und Ziegenherden, die sie halten. Sie glauben, dass die soziale Welt ihres Tieres so wie ihre eigene, strukturiert ist. Das heißt, dass Tiere sich in der gleichen Weise wie Menschen aufeinander beziehen, dass sie Freunde haben, wie Menschen, dass sie gerne mit ihren Freunden zusammen sind, und dass jedes Tier eine unterschiedliche Persönlichkeit hat. Diesen Kel Ewey Tuareg zufolge ist daher die Bereitschaft des Tieres dazu, sich trainieren zu lassen, begrenzt. Menschen, so wie auch Tiere, haben ihren eigenen Willen, und die menschliche Ausbeutung von Tieren ist daher eingeschränkt. Die Tuareg kontrollieren typischerweise die Reproduktion ihrer Kamele nicht. Die Tiere sind nur halb-domestiziert; Männchen und Weibchen paaren sich weit weg in der Wüste und ihnen muss hinterhergejagt werden und sie müssen immer wieder aufs Neue eingefangen werden. Beide, Kamele und Ziegen, können sich manchmal verweigern mit ihren Herren zu kooperieren, was sie bisweilen auch tun. Die weiblichen Ziegen verweigern sich manchmal Milch zu geben, besonders dann, so wird geglaubt, wenn man von Leuten wusste, dass sie diese Milch verkauften (was von den traditionellen Tuareg als unsittlich aufgefasst wird) (Spittler 1983).

TIERLEID BEI RESPEKTVOLLEN KULTUREN

Bringt eine starke Abhängigkeit von Tieren oder ein Leben, das man mit Tieren teilt, eine respektvolle Haltung ihnen gegenüber hervor? Und wenn das so ist, arbeitet menschlicher Respekt oder sogar Ehrfurcht vor Tieren, immer zum eigenen Vorteil und zum Wohl des Tieres?

Die Aura der Heiligkeit die Kühe in den Hindu-Gegenden Indiens umgibt, ist in keiner Weise allgemein herrschend, nicht einmal innerhalb Indiens. Bei den „Adivasi“, den Ureinwohnern Indiens, hält man sich vom Töten und Verzehren von Rindern nicht zurück. Für indische Jäger/Sammler und Bauern, die einen Wanderfeldbau betreiben, stellen Rinder Quellen von Fleisch dar, Tauschmittel und Opferungsobjekte.

Der Mithan dient bei den Ureinwohnern Indiens als ein Opfertier, und man glaubt, dass er zu allen möglichen Arten übernatürlicher Handlungen fähig sei und er wird oft verehrt. Aber dies schützt ihn nicht vor menschlicher Grausamkeit, teilweise weil die Menschen ihre Behandlungsweise des Mithan nicht als Grausamkeit betrachten. Für verschiedene Bergstämme in Indien war der Mithan wichtig als Opfertier, zum Beispiel bei Heirats- und Todeszeremonien, zu Zeiten von Krankheit oder Unglück, in Riten zur Erhaltung der Fruchtbarkeit und des Wohlergehens, um wichtige Anlässe zu feiern, um Freundschaftspakte zu besiegeln und bei Ruhmesfesten. Diese Feste werden primär abgehalten, um den Status einer Person zu verbessern.

Es gibt drei Methoden in denen der Mithan geopfert wird: Strangulation; Zerhacken, Erstechen, zu Tode schneiden mit dem Messer oder zu Tode stechen mit dem Speer; und das Schlagen auf den Kopf. Strangulation wird oft bevorzugt, wo der Atem als Sitz der Seele und des Lebens betrachtet wird. Manche Völker glauben aber, dass die Seele und das Leben im Blut beheimatet sind, das dem gemäß zu fließen hat, zum Beispiel durch Erstechen oder das langsame Töten des Tieres mit Messern oder sogar indem das Fleisch einfach aufs Geratewohl abgeschnitten wird. Die dritte Methode beinhaltet das unablässige Schlagen des Tieres mit einer Axt, bis der Tod eintritt. Zusätzlich wird, bevor der Tod eintritt, ein Gegenstand aus Bambus gewaltsam in den Hals des Tieres gedrückt. Diese Schlachtungs- und Opferungsmethoden sind mit religiösem Glauben wie auch mit der Angst vor Vergeltung durch den Geist des Tieres verbunden. Manchmal wird um Vergebung gebeten oder die Schuld wird einem anderen zugewiesen (Simoons and Simoons 1968).

Einige Völker des indonesischen Archipel sind in gleicher Weise für ihr enges Verhältnis zu einer Rinderart und für ihre Verehrung des Tieres bekannt: des Wasserbüffels. Hier ebenso, trägt das Wohlwollen und der Respekt für den Büffel nicht immer zum Wohl der Büffel bei. Rituelle Schlachtung, wenn auch begleitet durch ein Gefühl des Respekts für den Büffel, der vor der Schlachtung steht, ist trotzdem eine grausame Angelegenheit – das Blut muss fließen. Den Hals zu schneiden ist eine Notwendigkeit; der Büffel soll langsam sterben, so dass all das Blut den Körper verlassen kann. Das Tier wird mit Speeren an nicht-tödlichen Stellen gestochen, um den Prozess so ausdauernd zu gestalten. Um den Büffel daran zu hindern, sich in Angst loszureißen, werden manchmal seine Sehnen durchtrennt, bevor die Schlachtung stattfindet (Kreemer 1956).

In der Toradja-Gesellschaft ist man einem Büffel, der zum Anlass eins menschlichen Begräbnisses geopfert werden sollte, in folgender Weise begegnet:
„Oh Büffel, die für dich bestimmte Stunde des Todes ist noch nicht da, aber wir haben entschieden dein Leben zu beenden. Sei nicht böse, denn seit früheren Zeiten an, warst du dazu bestimmt unseren Kummer zu tragen. Besonders jetzt wo dein Herr gestorben ist, wie du weißt. Dein Fleisch wird für deinen Herrn zubereitet, aber mag deine Seele bei deinen lebenden Freunden verbleiben.“ (Kreemer 1956, Übersetzung aus dem Niederländischen ins Englische von BN im Originaltext). In ähnlicher Weise starben auf Sumba Hunderte von Büffeln zum Anlass eines menschlichen Begräbnisses, ohne dass irgendeines dieser Tiere gegessen worden wäre.

Die Menschen mögen sich für die Schlachtung entschuldigen, um das Opfer nicht zu erzürnen, dass dann die anderen Büffel zur Stampede anstiften könnte, dazu, sich zu verstreuen und ihre Herren zu verlassen. Es wird geglaubt, dass ein Büffel, der geschlachtet wird, nicht in Todesangst brüllen darf, sonst würden infolgedessen viele Menschen sterben. So wird in dem Moment, in dem der Speer in seinen Körper eintritt, ein Stück Stoff um sein Maul gebunden. Dies erinnert einen zwangsläufig an heutige Praktiken in Laboratorien, bei denen Forscher die Stimmbänder ihrer Tiere durchtrennen, um nicht die Schreie und das Jammern zu hören (Evernden 1993).

Der unterliegende Grund für die Blutigkeit solcher Opferungen, kann das Bedürfnis sein die Geister der Toten zu beschwichtigen. Jedoch Blut wird auch als Verkörperung der Lebenskraft betrachtet. In anderen Worten, das Blut wird gesehen als der Sitz des Lebens, eine Vorstellung, die die magische Bedeutung von Blut und Blutablass erklären würde. Das Blut des Opfers vergrößert diese vitale Kraft, und das Sterben des Tieres soll so lang wie möglich dauern, was einen langsamen Tod unter Qualen bedeutet. Dies ist nicht so sehr aus einer sadistischen Lust für das Quälen heraus diktiert, sondern wegen der sozio-religiösen Aura, die den Akt des Opferns umgibt.

Das Tier, das Opfer geworden ist, wird umschmeichelt und Entschuldigungen werden geboten, so als werde versucht das Opfer dazu zu bringen, sein Schicksal bereitwillig zu ertragen und sich nicht zu rächen. Bevor der Büffel niedergeworfen wird, drücken die Leute Traurigkeit über seinen Tod aus und trauern, als wenn es ein Familienmitglied betreffen würde.

Die Toradjas fassen die Büffel als im gleichen moralischen Bereich wie sie selbst lebend auf, als die gleichen Ziele und Interessen verfolgend, als sich nach den gleichen Dingen sehnend wie Menschen. Sehr ähnlich wie bei den Rindern der afrikanischen Hirtenvölker, wird geglaubt, die Büffel seien imstande, Menschen mit Krankheiten oder schlechten Ernten zu bestrafen. Gelegentlich sagt man, der Büffel sei hellseherisch, und dass er Dinge in menschlichen Träumen enthüllen könne. Man glaubt an die Existenz einer umfassenden und engen Verbindung zwischen dem Bereich der Menschen und dem des Büffels (Kreemer 1956).

GENERELLE ERÖRTERUNG

Inwieweit kann man von nichtwestlichen Völkern sagen, sie seien in ihren Einstellungen gegenüber Tieren weniger anthropozentrisch und weniger speziesistisch als die Menschen im Westen?

In einer Gesellschaft, in der die Menschheit nicht als das Maß aller Dinge gesehen wird, kann eine bestimmte Deutung der Welt – eine menschliche Deutung – trotzdem immer noch als die einzige Wahrheit gelten. Und obgleich eine organische Sichtweise der Welt im Prinzip und potenziell tierfreundlicher wäre, ist diese Art der Weltsicht nicht notwendigerweise ein Schutz gegen Anthropozentrismus. Die Vorstellung zum Beispiel, dass Tiere die Handlungen von Menschen brauchen, seien es Rituale oder die Jagd, um zu überleben und um sich zu reproduzieren – gleich wie wahr das in der heutigen westlichen Welt sein mag – ist im Grunde eine anthropozentrische Vorstellung. Zudem, wo ein menschliches moralisches und soziales System auf den Rest der Natur projiziert wird, wenn auch in aller Aufrichtigkeit, läuft man Gefahr, die Sicht über das Tier als dem Anderen zu verlieren. In dem Fall stehen Tiere in der Gefahr um ihre eigene Domäne und um ihre eigene Art des Erfahrens der Welt beraubt zu werden. Die eigene Konstruktion des Tieres über die Welt nicht anzuerkennen (Watzlawick 1977), sowie die Limitation der Menschheit darin solche Konstrukte zu verstehen, kann in einer noch weiteren Form der Zentriertheit auf den Menschen (A.d.Ü. im Original ‚human-centeredness‘) resultieren.

Das Tier-Andere lebt nicht und kann nicht in derselben sozio-moralischen Domäne leben wie Menschen. Tiere leben in ihren eigenen Gesellschaften und in ihren eigenen Ökosystemen, von denen Menschen ein Teil sein können oder auch nicht. Vermutlich könnte es Tieren kaum gleichgültiger sein, welche Art der Wahrnehmungen ihre menschlichen Töter in ihren Köpfen mit sich herumtragen, wenn sie den Akt des Tötens oder des Opferns vollziehen. Das einzige Echte für ein verletztes oder sterbendes Tier, sind seine eigenen Gefühle und Wahrnehmungen, die Realität des Schmerzes und der Furcht. Ein Tier mit einem Speer oder Messer zu erstechen und zur gleichen Zeit bescheiden um seine Vergebung zu fragen oder eine Beschwörung auszusprechen, mag ein Zeichen von Gleichheit und Respekt seitens des Jägers sein, aber es mag unendlich viel schrecklicher für das Tier sein, als es eine schnelle Kugel wäre.

Niemand kann seinen oder ihren Anthropozentrismus vollkommen überwinden, weil wir kaum über unser eigenes Menschsein „hinwegtreten“ können. Tiere sind keine Dinge da draußen in der Welt, die einfach unseren Sinnen gegeben sind. Alle Repräsentationen von Tieren sind menschliche Konstrukte, aber manche lassen dem Tier-Anderen mehr Raum zum konstituieren dessen eigener Welt, als andere.

Was Speziesismus angeht, in vielen nativen Kulturen ist es nicht so sehr das individuelle Tier, aus Fleisch und Blut, das zählt, sondern eher das Tier als ein Symbol für seine Spezies und als Repräsentant für Qualitäten, die Menschen dieser Spezies attribuieren. Folglich besteht die Neigung, Tiere auf die Eigenschaften ihrer Spezies festzulegen, ungeachtet ihrer verschiedenen Persönlichkeit und Subjektivität: eine Situation, die in modernen Begriffen aufgelistet werden könnte als eine Form der Diskriminierung auf biologischer Grundlage (der Spezies).

Während bestimmte landläufige vorgefasste Meinungen über indigene Völker vorherrschen, als dass sie eine umfassende und harmonische Beziehung mit allem was natürlich ist hätten, existiert in nativen Kosmologien tatsächlich ein hoher Grad an Differenzierung in der Behandlung und in der Ideologie im Bezug auf verschiedene Tierspezies. Manche Spezies sind fast Halbgötter (die Regenbogenschlange in der Mythologie der Aborigines), andere repräsentieren das Böse, so wie die Hyäne in der Kosmologie der Buschmänner. Manche Tiere, besonders Totemtiere, können gut behandelt werden, andere nicht so gut.

Aber selbst im Totemismus brauchen die Regeln, die die Beziehung zwischen einem menschlichen Individuum und seinem Tiertotem beherrschen, nicht dem entsprechen, was ein Tierrechtsaktivist gerne sehen würde. Bennett (1991) erklärt in direkter Weise, dass die Traditionen der australischen Aborigines, einschließlich des Totemismus, den Befürwortern von individuellem Tierwohl und Tierrechten, nichts zu bieten haben. Sie verhindern keine gefühllose Behandlung, auch bieten sie keine Basis für „Pflichten gegenüber“ den Tieren (i.e. die Basis von Tierrechten).

Der Anthropologe John Morton beschreibt, wie ein erwachsener Mann bei den Aranda sein Totemtier betrachtet; er empfindet Respekt, selbst Mitgefühl, aber dies führt seinerseits nicht zwingenderweise zu der Forderung, dass die Spezies nicht schlecht oder grausam behandelt werden sollte. Auf seiner Seite besteht kein Verlangen, irgendein Gefühl der Mitfühlsamkeit zu generalisieren. Er wird auch nicht versuchen, andere vom Misshandeln dieser Tiere abzuhalten. Alles was bestimmt sein mag, ist, dass er an solcher schlechten Behandlungsweise kein Gefallen finden sollte (Morton 1991). Außerdem, bei totemischen Zuwachs-Ritualen (‚increase rites‘) ist ein Aranda-Mann tatsächlich dazu verpflichtet, Teile seines eigenen Totemtieres zu verzehren. Dies soll Reue verursachen. Indem er seinen eigenen Anverwandten – wie es das Tier war – verzehrt, wird er dazu gebracht, sich an einer Art des Selbst-Opfers zu beteiligen. So wie Initiation als eine Form von Selbstdisziplin betrachtet wird, so werden Zuwachs-Rituale als eine selbst-durchgeführte Disziplin gesehen. Es ist eine dieser ‚schwierigen Entscheidungen‘, die zur Erhaltung ihrer eigenen Totemspezies gebraucht wird, zum Vorteil anderer Gruppen des Klans. Eher statt mit Artenschutz, vergleicht Morton das totemische System der Aranda mit der modernen Agrarkultur, in der Tiere in instrumentaler Weise aufgezogen und getötet werden für den Export und Handel. Er erklärt, dass da eine explizite geschäftsgleiche Qualität bei den Zuwachs-Ritualen besteht, auch nach Angaben der Aborigines selbst. Es gibt verschiedene andere Beispiele ‚ökonomischer‘ Instrumentalität bei den Aborigines, so wie die einstmals übliche Praxis des Brechens der Beine lebendiger Kängurus, damit sie ‚handhabbar‘ werden. (Beattie und de Lacy Lowe 1980).

Als eine allgemeine Regel, bildet der Totemismus eine partikularistische Art des sich selbst und seine Gruppe Affiliierens mit einer bestimmten jeweiligen Tierspezies. Partikularismus in diesem Sinne, läuft auf Speziesismus hinaus, genau deswegen, weil er das Gegenteil von Universalismus ist. Er beinhaltet das Ranking von Tierindividuen in Abhängigkeit zur Spezies-Mitgliedschaft. Ihr ‚zu einer Spezies gehören‘ neigt dazu, grundlegender zu sein, als ihr Fühlendes-Lebewesen-Sein. Im Totemismus bevorzugen die Leute manche Individuen – die einer bestimmten Spezies – gegenüber anderen, während alle Tierindividuen universell ein Interesse daran haben, gut behandelt zu werden, unabhängig von der Spezies-Mitgliedschaft.

Die Betonung auf die Spezies bedeutet nicht, dass Menschen niemals persönliche Beziehungen zu individuellen Tieren haben, wie deutlich sein wird aus Beispielen des Haltens von Haustieren, des Säugens von Haustieren (von Ferkeln, siehe Rappaport 1967) und der Personalisierung von Rindern, indem ihnen Vornamen gegeben werden. In diesem Sinne mag Richard Ryder recht mit seiner Annahme haben, dass die Menschen Tiere erst als Individuen mit unterschiedlichen eigenen Persönlichkeiten betrachten konnten, als die Haltung von Haustieren entstand und sich eine enge unmittelbare Beziehung zwischen Menschen und Tieren entwickelte (Ryder 1989).

SCHLUSSFOLGERUNGEN

An erster Stelle glaube ich, dass es einen echten Bedarf dafür gibt, eine anthropologische Spezialisierung auf kulturübergreifende Tierwohlbegriffe zu entwickeln. Das Bild von nichtwestlichen Kulturen wie es in der Literatur erscheint, ist immens vielfältig, was vielleicht zu dem allgemeinen Schluss führen könnte, dass Tiere weniger objektifiziert sind und einen immer noch stärkeren Subjekt-Status haben als im Westen. Der Gedanke menschlicher Überlegenheit und folglich menschlicher Speziesismus, scheinen auch weniger ausgeprägt zu existieren. Totemismus, auf der anderen Seite, ist eine partikularistische Form des Speziesismus, die eine extreme Differenzierung in der Behandlung bestimmter Tiere zur Folge hat: rangierend von liebevoller Fürsorge zu Grausamkeit. Allgemein wird Respekt mehr gegenüber Tieren als Exemplaren einer Spezies gezeigt, statt gegenüber Tieren als individuellen Subjekten. Und Respekt selbst, ist nicht immer einem echten Tierwohl beiträglich. Trotz ihrer häufig beachtlichen Kenntnis von Arten wie Tiere sind, neigen nichtwestliche Kulturen dazu anthropozentrisch insofern zu sein, als sie Tiere in ihre eigene menschliche sozio-kulturelle Domäne mit einbeschließen. Tiere können als menschenähnliche Subjekte anerkannt werden, während ihnen ihre eigene Weltsicht und schließlich ihr ‚Tiersein‘ verneint wird.

DANKSAGUNG

Danke an die beiden anonymen Begutachter, deren konstruktive Kritik sehr willkommen war.

QUELLENANGABE

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DIE AUTORIN

Dr. Barbara Noske ist Kulturanthropologin und hat ihr Doktorat in Philosophie an der Universität von Amsterdam absolviert. Dr. Noske arbeitet als Research Fellow am Research Institute for Humanities and Social Sciences der University of Sydney, Australien.

© Edition Farangis 2021

Tierrechtsethik, Fleisch und Gesellschaftskritik

Tierrechtsethik, Fleisch und Gesellschaftskritik

Fleisch beinhaltet Tiermord. Dem Tiermord geht die Objektifizierung von Tieren voraus. Die Bezeichnung „Fleisch“ ist, anthropologisch betrachtet, wohl eine der am stärksten eingebetteten sprachlichen Verankerungen von Tier-Objektifizierung in der Gesellschaft. Wie thematisieren wir als Tierrechtler*innen das Thema und den Begriff „Fleisch“? Ein aktuell bekannter Ansatz stammt von der amerikanischen Psychologin Melanie Joy, die aufzeigt, dass bestimmte Tiere mit „Fleisch“ gleichsetzt werden, und dass die Menschen zu den Tieren, die diese Zuordnungen erfahren, keinerlei sensible und reflektierende Beziehung mehr in ihrem sozialen Verhältnis aufnehmen können oder wollen, während sie hingegen mit anderen Tieren, nämlich denjenigen, die designiert sind als „Haustiere“ (oder „companion animals“ respektive im Englischen) in deren Leben aufzutreten, ganz andere sensiblere Beziehungen herstellen können. Und das, ohne dass die Gesellschaft daran Anstoß nimmt oder sagen würde, dass sei „nicht richtig“ oder „nicht normal“. Bestimmte Tiere werden der Fleischproduktion zugeordnet, auch wenn diese Zuordnung kulturell und lokal unterschiedlich ausfällt.

Wir thematisieren als Tierbefreier*innen (Tierrechler*innen, Tierfreunde, etc.) primär die Tierindustrien als Orte der Fleischproduktion, ohne dabei aber klarzustellen, dass Objektifizierung und Entsubjektifizierung von Tieren nicht erst zu relevanten Problemen werden, wenn wir sie quantitativ betrachten. Wir verdeutlichen in unseren Protesten nicht, dass die ganz grundsätzliche Einstellung zu Tieren als „Fleischlieferanten“ bereits der Punkt ist, an dem mental und gesellschaftlich Tierobjektifizierung stattfindet, da wir Tierthemen nicht grundlegend in ihren gesellschaftlichen Dimensionalitäten kritisch diskutieren, sondern erst sekundär als relevant in einer Funktion von Begleitfaktoren kapitalistisch-anthopozäner Zerstörungsnormalität beleuchten. Damit blenden wir zeitgleich aus, wie die Gesellschaft in sich im Detail tierobjektifizierend aufgebaut ist. Orte, an denen Entsubjektifizierung stattfinden, sind nicht erst die Metzgereien und die Schlachtbetriebe, sondern alle Orte an denen Tiere in einer Art Antagonismus zum Menschsein angenommen werden.

In dem Punkt kann man wirklich vom abwesenden Referenten sprechen, den Carol J. Adams in sehr plakativer Weise erkannt und benannt hat in der Darstellung von Tierlichkeit als „Fleisch“ in der Werbeindustrie. Eine Diskreditierung vom Tiersein ist nicht erst dort in relevanter Weise am Arbeiten, wo sie sichtbar wird. In tierobjektifizierenden Gesellschaften ist sie bereits an den Orten mit zu lokalisieren, an denen sie unsichtbar hineinwirkt. Wenn wir akzeptieren, dass die Problematiken die Tiere erfahren erst existent sind in dem Moment in dem Tiere sich bereits an Orten befinden, in die Menschen sie über die Zeit hinweg immer wieder hineinkatapultiert haben, dann sehen wir die Tierlichkeit kaum mehr als abwesende Referenten in dem großen bestimmenden anthropozänen Raum.

Menschliche Gesellschaft ist in Hinsicht auf Tiersein jedoch nicht als unabänderlicher Monolith zu betrachten. Menschen haben ihre Gesellschaften erst so gebildet, dass Tierlichkeit darin einen untergeordneten Wert zugeteilt bekommen hat. Und wie sie dies getan haben, wirft fragen darüber auf, was verschiedene Menschen zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten über ihre tierliche Mitwelt gedacht haben. Das was der Begriff „Fleisch“ vermittelt, ist Teil einer tierobjektifizierenden Menschheitsgeschichte. Die ideologische Komponente, die sich darin abbildet, verstärkt sich selbst durch die Art und Weise wie Objektifizierung durch solch einen Begriff funktioniert. „Fleisch“ lässt keine Metaphorik zu, sondern ist die radikalste Form einem Gegenüber zu begegnen. Es ist die negierendste Form dem Subjektsein des anderen zu begegnen.

Die Menschheitsgeschichte ist in Hinsicht auf Tiere kein Automatismus gewesen und ist es auch heute nicht. Es hat immer Menschen gegeben, die keine Mehrheitsmeinungen über Tiere teilten, und selbst wenn es keine Präzedenzen gegeben hätte, so sind Menschen aber immer in der Lage individuell neu und kritisch zu denken und selbst die als am unveränderlichsten erscheinenden Normen zu hinterfragen. Dass wir diese Veränderlichkeit in Hinsicht auf Tierthemen für undenkbar halten wollten – während wir aber bei Themen die andere Menschen betreffen Änderungsmöglichkeiten denken wollen – zeigt, dass einige von uns in ihrem Denken über das Mensch-Tier-Verhältnis noch sehr dem menschlich-chauvinistischen Gewohnheitsrecht verhaftet sind.

Wir können in dem Moment über „Fleisch“ kritisch sprechen, in dem wir Gesellschaften kritisch hinterfragen können. In dem Moment geht es auch nicht mehr ausschließlich um Mißhandlungsfälle in Schlachtbetrieben, sondern es geht überhaupt um die Denkweise Tiere seien über eine „Anthropologie des Fleisches“ diskutierbar. Diese Denkweise wird von vielen Menschen schon so lange als ethisch falsch und den Tieren gegenüber ethisch ungerecht betrachtet, dass ich mich frage, weshalb wir es heute immernoch nicht wirklich schaffen, uns die Gesellschaften – eine Menschheit – die tierobjektifizierendes Denken hervorgebracht hat, kritischst zu hinterfragen, statt ausschließlich an den Symptomen objektifizierenden Denkens herumzuoperieren.

Sagen wir Menschen würden die industrielle Tierhaltung und -tötung abschaffen, und sagen wir Tiere würde nicht mehr vor ihrer Schlachtung misshandelt werden, was würden Tierbefreier*innen dann zum Tiermord selbst sagen, der immernoch genauso das Kernproblem ist, wie er es in milliardenfacher Menge ist und wie er es ist, begleitet von zusätzlichen Grausamkeiten, die jedem Theriozid noch hinzugefügt werden können?

Ich glaube selbst viele wohlwollende Menschen trauen sich nicht Gesellschaft in Hinsicht auf Tierlichkeit und Tiersein weitaus kritischer zu beleuchten als es heute selbst noch in der Tierbefreiungsbewegung getan wird. Der Mensch als Norm wird immernoch soweit vorausgesetzt, dass wir seine Geschichte als Jäger und Sammler unhinterfragt weiterhin als Argumentationsstränge leitendes Hauptnarrativ akzeptieren statt andere Narrative zu thematisieren und in den Mittelpunkt zu rücken. Das wollen die meisten Menschen nicht, gleichwohl wir vom Anthropozän sprechen und somit ja offen zugeben, dass wir das stolze zerstörende Maß aller Dinge sind.

Der Durchschnittsmensch, sowie der/die Durchschnittstierbefreierin teilen Begriffe von Vernunft als allein anthropozän bemessbaren Vorgang. Insofern sieht er/sie die Welt auch nur aus Sicht der einen vermeintlich wahren „Vernunft“. Die ganze Tierverteidigung taugt aber solange viel zu wenig, solange wir aus solchen Paradigmen nicht heraustreten können, um Dinge zu akzeptieren, die wir wahrscheinlich nicht problemlos greifen können, die uns aber gewahr sind und wegen derer wir überhaupt Tierbefreier*innen sind. Wir teilen keine Vorstellungen a la Destcartes und Followerschip, die Tiere und Maschinen in eine Ecke räumen. Doch müssen wir unseren Betrachtungsgegenstand, unsere Kritik an objektifizierenden Bildern von Tieren, erst noch genauer untersuchen, um nicht selber weiterhin in den Fußstapfen objektifizierender Normenvorstellungen über Mensch und Tier zu tappen.

Wenn Fleisch das ist, was es ist: ein Teil eines tierlichen Lebewesens, dem unvorstellbarste Scherzen zugefügt worden sind und dessen körperliche Herabsetzung als so etwas wie z.B. ein „köstliches menschliches Ernährungserlebnis“ normalisiert und zelebriert wird, auf den unterschiedlichsten anthropologisch betrachtbaren Ebenen, dann ist Fleisch der direkteste Ausdruck einer geschaffenen unüberwindbaren ethischen Kluft innerhalb der Menschheit und jenseits „der Menschheit“ Fakt der totalen Negierung. Es geht hier nicht einfach um Essen, Einverleiben und stattdessen ein anderes Bewusstsein von Essen und Lebensmitteln zu schaffen. Genau in diese Räume reicht ein Objektifizierungsmechanismus tierlichem Seins hinein. Warum packen viele Tierbefreier*innen Nichtmenschen rhetorisch in reduktive Räume hinein: Tierthemen werden als Streitthemen der Agrarwirtschaft aufgefasst, während das Recht auf Rechte nicht tierethisch angegangen wird. Die „Anthropologie des Fleisches“ wird normalisiert vorausgesetzt, indem Ideologien ruraler Rituale und Tierobjektifizierung als Kulturgut nicht dekonstruiert werden.

Tierrechtsethik kann klarmachen, dass objektifizierende Räume dekonstruiert werden müssen, statt als unumstößliche menschheitsgeschichtliche Normen, und insofern als Menschseinsbestimmend, vorausgesetzt zu werden. Räume tierlicher Objektifizierung waren, gleich wo und gleich wie, immer das gleiche. Sie waren vor allen Dingen niemals ethisch harmlos. Objektifizierende Rhetorik muss in keinem Bereich von Aktivist*innen übernommen werden, sondern adäquate Landkarten können aufgezeichnet werden, in denen Tatsachen von Tiersubjektivität als von Menschen wahrgenommen gekennzeichnet sind.

Ich setze in diesem Text das Subjektsein als ein ethisch-moralisches Imperativ voraus. Objektifizierung geht nur vom Betrachtenden aus, während Subjektivierung ein grundsätzlich sozialerer Moment ist.

Gruppe Messel freestyle talk: Fundamentale und partikularistische Rechte

Gruppe Messel freestyle talk: Fundamentale und partikularistische Rechte

Der Mensch, anthropozänes Wesen, gibt meist eine Haltung vor, die verdeutlicht, dass er/sie meint nichtmenschliche Tiere würden sich ethisch in einer Art Paralleluniversum bewegen. Eine gemeinsame Ethik werden wir momentan wahrscheinlich nicht unter uns allen in den wesentlichen Punkten erlangen, aber wir können die eigene Haltung stets verdeutlichen und neue Ansätze postulieren.

Tierrechte, Spezies-Subjektivismus, Protest

Tierrechte, Spezies-Subjektivismus, Protest

Das Headquarter der Gruppe Messel zieht zur Zeit sehr aufwändig um – mit 200 Quadratmetern an Kunst- und Buchbeständen – daher die längere Pause hier. Die Pause ergibt sich aber auch deswegen, weil wir gegenwärtig beobachten, wie tief die Mehrheit von ‚fellow activists‘ in der deutschsprachigen Tierrechts- und/oder Tierbefreiungsszene noch ihre mentale Grube völliger Agrarfokussiertheit graben wollen, in denen alles Platz finden soll, was Tierlichkeit von sog. Farm-Tieren anbetrifft, statt anstelle dessen Räume ökosozialer Schnittmengen zu erkennen, zu benennen und somit darauf ostentativ hinzuweisen. Wer sich in Richtung ‚artgerechter Ansätze‘ einengt in seiner Betrachtung von tierlichen Interessensbereichen, der erkennt keine ökosoziale Komplexität an, sekundarisiert die politische Relevanz dessen, dass tierliche Diversität mehr als Artenschutz ist und dass tierliche Diversität eher Tierkulturen statt Tierspezies bedeutet. Wer sog. Farmtiere immernoch in ihren Interessen beschreibt, als hätte er/sie gerade einen Zoologie-Kurs bei Konrad Lorenz oder Professor Grzimek besucht, der sollte vielleicht nochmal überlegen, ob es sich nicht lohnt als Tierverteidiger*in auch mal seine eigene Thinking-Cap aufzusetzen und weniger chauvinistische und spezies-objektifizierende Haltungen gegenüber tierlichen Individuen und Gruppen einzunehmen.

Wessen Rechte sollen eigentlich so unwesentlich sein, dass man auf sie grundsätzlich verzichten könne?

Es gibt meines Empfindens nach viel an geistiger Sterilität unter Kulturschaffenden. Im gleichen Maße gibt es daneben auch eine Menge an geistig relativ sterilen politischen Graswurzel-Aktivist*innen. Hier eine wohlgemeine Kritik an solchen in der Tierrechteszene im deutschsprachigen Raum.

Mich wundert die aktivistische vereinfachende Gebetsmühle an der festgehalten wird, dass

a.) Umweltschutz plus Tiere die Gleichung nach einer Forderung einer sog. Argarwende ergeben müsste. Hier findet eine Verschiebung von Tieren und ihren Geschichten auf Orte statt, in die Tiere gezwungen wurden. Tiere haben nur gezwungenermaßen etwas mit dem Thema Agrar zu tun. Zudem: Eine vegane ‚Agrarwende‘ hat erstmal nichts mit der Schaffung neuer Lebensräume für Tiere zu tun und auch nicht der Adressierung von Tier-Objektifizierung in der Menschheitsgeschichte, die aber der unbedingten Adressierung bedarf, um so Systeme, die industrialisierten Mord überhaupt am laufen halten, logisch, ethisch zu dekonstruieren. Etwas zu ändern an der Situation der zahllosen Tier-Individuen, die gezwungen sind in Menschengemachten agrarindustriellen oder sonstigen Agrareinrichtungen geboren zu werden, zu leben und zu sterben, ist ein tierinklusiver soziologischer Prozess und keiner der die Thematik pflanzlicher Anbaustätten zum Primärnutzen für Menschen anbetrifft. Themen können nicht allesamt in einem simplen Aufwasch gelöst werden. Weder das der Situationen, die Tiere betreffen, noch menschliche Verhaltensweisen in ökologischer Hinsicht im Anthropozän. Ernährung, Fragen, die die Flora betreffen und dann wiederum wirtschaftliche Monopole, politische und gesellschaftliche Dis-/Funktionsweisen … das alles ist nicht einfach so als „Wust“ anzupacken, am Ende derer, die dadurch am existenziellsten Betroffen sind, und dann noch indem man das Thema Unrecht im Bezug auf diese Betroffenen ausklammert.

und

b.) dass Ethik ein von Rechten entkoppeltes Paralleluniversum sei – wie so einige Leute

in der deutschsprachigen Tierbefreiungsszene argumentieren.

Leuten, denen das eine oder das andere Argument bekannt ist, möchte ich folgende Punkte zu bedenken geben:

  1. Nicht allein der industrialisierte Tiermord ist Tiermord.
  1. Ethik und Rechte sind voneinander nicht trennbar. Denkt mal an Eure eigenen Rechte und die Ethik, die Ihr für Euch in Anspruch nehmt. Stellt Euch mal vor wir hätten ethische Ansprüche und stellten Forderungen aufgrund ethischer Leitsätze, auf die wir uns geeinigt haben, aus denen dann aber keine rechtlichen Konsequenzen sich herleiten und entwachsen würden. Wir fändet Ihr das für Euch? Nebenbei: Rechte sind etwas Grundsätzliches, wodurch die Integrität eines Wesens als Ende in sich selbst anerkannt wird, generell gewisse Eigenschaften anerkannt werden müssen, um so dem Wesen einen legitimen Schutz gewährleisten zu können – vor menschlichen dritten Interessen, die die Integrität des Wesens nicht grundlegend berücksichtigen wollen im Interesse des durch die Rechte geschützten und der sich so über die Speziesgemeinschaft hinweg konstituierenden sozialen Gemeinschaft. Bei der Diskussion über Rechte abzulenken mit Partikularismen wie irgendwelche spezifischen Rechtspraktiken – wie Verkehrs- oder Wahlrechte, etc. und dann zu behaupten, das seien doch „Rechte“, die ja Tiere nicht haben könnten – geht dem Ursprung und den Fundamentalfragen von dem was ein Recht überhaupt konstituiert, nicht auf den Grund.
  2. Wenn Ihr implizit sagt: der Mord beim Biobauern oder der Hausschlachtung ist weniger relevant, dann zählt für Euch nicht das einzelne Leben und die Würde des einzelnen Wesens, Ihr vermittelt, dass Gewalt ein Problem der Quantität wäre. Wenn es Euch aber mehr um die Folgen der kapitalistischen (globalen) Märkte auf die Ökologie geht und ihr meint, dass Tiermord vornehmlich ein Problem ist, dass in der Quantität an Relevanz gewinnt, dann möchte ich fragen, was ihr eigentlich meint wie das ganze Problem überhaupt erst begonnen hat und warum Euch die Geschichte so wenig interessiert? Ich hätte da allerdings auch noch etliche andere Fragen.
  3. Und: Wenn Ihr die ökologische Bilanz menschlicher Zerstörung mitverbucht bei der nackten Existenz von Tierkörpern, indem ihr aufrechnet wieviel ökologische Schäden durch Tierkörper entstehen, dann macht Ihr Tierkörper verantwortlich für menschliches Handeln.

Ohne Rechte ist Ethik eine Farce. Weder in Sachen natürlicher Mitwelt noch im Bezug auf tierliche Subjekte sprecht Ihr von einer Ethik, die faktische und direkte Rechte konstituieren können muss. Aber wenn es um Eure eigenen Interessen geht – und diese können natürlich auch die Mitwelt berühren – dann wisst Ihr wie Ihr Rechte als Eure Domäne schützen wollt. Als menschlicher Schutz vor dem Menschen und Garant zur Durchsetzung kollektiver menschlicher ‚speziessegmentgebundener‘ Eigeninteressen. Das Kastensystem zwischen Mensch – Tier – und natürlicher Mitwelt, begründet auf einem „Recht“ und einer „Würde“, die mit Ausschließlichkeitsansprüchen operieren.

Versuche in Spezies-subjektiver / Spezies-subjektivistischer Dichtung

Offenkundig fällt der kritischen Beobachtenden auf, dass gerade, wenn Leute sich selbst auf kleinster Ebene subjektiv beschreiben, wie in Gedichten, Nichtmenschen ganz besonders als ‚aus objektifizierender Perspektive wahrnehmbar‘ angenommen werden. Ich möchte hier ein „ich“ und ein „du“ und ein „wir“ beschreiben, dass Menschen und Nichtmenschen auf anderer Ebene betrachtet.

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Wir sind

Als erstes muss ich mich demontieren, nicht vor Euch, nicht vor Dir, aber von dem kollektiven Menschen – er lässt kein ganzes Ich zu, das außerhalb von ihm ist.

Sie sagen also Du seist nur ein Nebenschauplatz. Du seist schön, hässlich, ganz, Opfer, aber Dein Du gäbe es nicht.

Sie sprechen Dich nicht als Du an, außer sie übertreten Deine Grenzen.

Was für Ein Du bin ich dann für solche Exkludierenden – wo Du aber mein Du bist? Ich bin ein Du mit Dir.

Dir, der bei dem Kollektivmenschen wie er jetzt ist, nur das Du ist, dessen Grenzen übertreten werden.

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Unsere Liebe zu Erkenntnissen

Es muss deutlich werden. Deren „wir“ muss nicht Eures sein.

Mir ist das klar und ich mache es deutlich.

Es gibt menschliche „du‘s“ die immer um ein Zentrum kreisen, das ein Bündel „Mensch“ einpackt.

Es gibt menschliche „du’s“ die mit ihrem Intellekt Dein und Mein „du“ in unserer Liebe zu Erkenntnissen nicht wahrnehmen.

Sollte ich ein Du mitansprechen in meinem Gedicht, dass jemanden einbezieht der ein Du plus Liebe in die Ecke von Sexualisiertheit packt? Warum sollte der Mensch mein allgemeines Du sein hier, auf das ich intimsten Bezug nehmen darf, ohne dass das ein Problem wäre? Warum meint der „gebündelte Mensch“ zwischen uns gäbe es kein poetisches Du? Zu Gott darf es das geben. Zu Dir nicht, meinen sie. Warum sollte unser per Du immer gleich okkupiert werden durch fremddefinitorische Deutende. Wir sind in keiner dieser Gemeinschaften einzugemeinden.

Wir sind gemeinsam und wir sprechen die Sprache, die jenseits von allem stehen kann. Und dies ist unser Banner im allgemeinen Raum.

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Liebesgedicht

Schöne Worte sind nur für wen? Schöne Worte, die nichts sagen außer, dass da noch einer ist, der Euch verneint. Ein schönes Wort, das für mich Gift ist, wenn nicht bedeutungslos, weil Du darin nicht vorkommen darfst.

Wir sitzen hier zu dritt. Dort der Jäger oder die Jägerin, dort Du, der Xar-Gush (Hase) und hier ich. Wir befinden uns nicht in einer Fabel. Spreche ich zur Jägerin über Dich? Das ist schwer, denn sie negiert Dich. Ich schaue, ob Dein Ohrenspiel und Deine Gestik mir zeigen, ob wir vielleicht diesen Raum lieber verlassen sollten. Mich will die Jägerin physisch nicht jagen, aber sie macht unser Leben draußen kaputt. Wir wollen mit ihr also auch nicht diesen „geschützten Dreier-Raum“ hier drinnen teilen. Wir gehen raus. Zusammen.

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Zeichenlexika

Der „abwesende Referent“ ist niemals abwesend. Sprache und Zeichen sind überall und universell. Es gibt keine Barriere ist den Codizes und den Hauchen … manche Menschenwesen nummerieren diese. Wir tun das nicht. Du tust es nicht, ich nicht. Dennoch wirst Du und werde ich mitgezählt. Wir zählen anders.

Manche Menschenwesen erleben die Börsen als Ersatznatur. Wir sehen den Wert in der Substanz von Leid, das Denken ist und Materie, die Sein ist, das wir teilen, Und das ist unsere Liebe. Und nicht die zu Euren Phantomen.

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Steinliebe

Ich verehre Dich, weil ihr Euch ehrt und weil Du und Du ihr achtsam und zugewendet seid. Ich könnte Euch nicht verehren, wenn unsere Verehrung nicht im Großen voller Achtsamkeitswarnungen wäre. Dort fangen Liebes-Geheimnisse an.

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Kriege

Ich spreche zu Dir und wir beide sprechen verschiedene Sprachen. Wie Musik. Mit Schnittmengen, mit losen Enden, wir binden sie zusammen. Ich spreche mit Dir damit wir uns beschwören können, unsere Zauberei machen können, unsere gemeinschaftlichen Gesänge und Feste. Du singst in Deiner Sprache, ich in meiner.

Da hört uns jemand zu, der meine Sprache spricht. Er bindet mich ein, sagt, war plapperst Du da. Ich spreche seine Sprache, aber spreche zu Dir, nicht zu ihm.

Höre, der du meine Sprache sprichst. Wir sprechen alle verschiedene Sprachen! Da bist nicht nur Du und ich!

Wir aber gehen und wir wenden uns im Geiste ab. Lass ihm seinen Bannkreis. Daran erkennen wir ihn.

Wir zelebrieren, tod oder lebendig, ohne diese anderen.

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Ideen

Da hocke ich nun in dem Club von „Homo genius“, umgeben, von einem Wissenschaftsgemäuer auf Logiken und Thesen bauend.

Ich bin immernoch verneinbar. Ich teile auch deren Träume nicht. Ich will sie gar nicht teilen. Deren Logik teile ich nicht.

Wir denken an Blätter, an lange Geschichten, an die Freunde, die Tiefseefische.

Schon wird gemeldet, dass das artenfremde demonstrativ hinausgeangelt wird.

Man macht das alles einfach.

So regiert man.

 

 

Tierrechte in der sozialen Praxis (1)

Warum sollten Tierbelange allein in den ihnen bislang zugeordneten Fächern erörtert werden, statt in einer debiologisierten Haltung ihnen gegenüber? „Ein Mensch zu sein“ wird als soziologischer Zustand begriffen, während nichtmenschliche Tiere und Tierlichkeit schlechthin in Kategorien einer (vermeintlichen und kausalistisch vorgestellten) „verhaltensbiologischen” Dominiertheit gerückt werden.

  • Tierlichkeit kann debiologisiert betrachtet werden
  • Existenzielle Vielfalt zu achten, beinhaltet dass breitere Perspektiven als die des allein Anthropozentrischen nötig sind
  • Die existenzielle Vielfalt, die Menschen und nichtmenschliche Tiere mit einbeschließt, als ein „wir“ zu verstehen, heißt: Wir können gegenseitig voneinander lernen, als soziale und als in ökologischen Zusammenhängen verstehbare Lebewesen

Antibiologistische Tiersoziologie

Why treat nonhuman concerns in assigned fields, instead of debiologizing the typical stances on animality? “Being a human” is still taken as a sociological state, while “nonhuman behaviour” is routinely relegated into the categories of being biologically driven/dominated.
– Animality can be seen in debiologized ways.
– Embracing existential plurality means wider perspectives than anthropocentrism are required
We can mutually learn as social and ecological beings.

antibiologistic antispeciesist animal sociology

 

Tierrechte: zentrale Begriffe und Begriffserweiterungen

Tierrechte: zentrale Begriffe und Begriffserweiterungen

Bild: Farangis G. Yegane; Text: Gita Yegane Arani und Lothar Prenzel.

Alternative Ausdrücke für Speziesismus:

  • Spezies/Tier-Herabsetzung; Spezies/Tier-herabsetzend
  • Spezies/Tier-Abwertung; Spezies/Tier-abwertend
  • Spezies/Tier-Objektifizierung; Spezies/Tier-objektifizierend
  • Spezies/Tier-Diskriminierung; Spezies/Tier-diskriminierend

Präambel

Wir benötigen Begriffe, um die Diskriminierungsformen und die Ungerechtigkeiten zu beschreiben, die von menschlichen Gruppen und/oder Individuen im Bezug auf nichtmenschliche Tiere und gegenüber der nichtmenschlichen Welt im Ganzen ausgeübt werden – in all deren Facettenhaftigkeiten in denen solche unterdrückerischen Mechanismen, Gedanken und Handlungen in den unterschiedlichen menschlichen kulturellen Ebenen, so wie in Religionen, Wissenschaften, Recht, Kunst, etc. in Erscheinung treten.

Ebenso brauchen wir Begriffe für das allgemeine Phänomen menschlicher Zerstörung und Destruktivität in diesem Punkte. Wir (die Gruppe Messel) beziehen uns hierauf als Faunazid, insofern es um nichtmenschliche Tiere geht. Wir alle sollten mehr beschreibende Begrifflichkeiten entwickeln, für das, was wir bezeugen, und unsere Wahrnehmungen und Schlussfolgerungen können dabei auch unterschiedlich sein. Hierzu der folgende Text:

Tierrechte: zentrale Begriffe und Begriffserweiterungen

In der Tierrechtsdiskussion benötigen wir Begriffe, um die Situation zu beschreiben, in der Nichtmenschen (nichtmenschliche Tiere) sich aufgrund von abwertendem, objektifizierendem Verhalten seitens von Menschen befinden. Wie wir diese Begriffe nutzen und prägen, bestimmt auch, in welche Richtung die Diskussion uns führen wird. Auch müssen wir allgemeine Begriffe neu und in spezifizierter Weise definieren, so wie beispielsweise die Terminologien rund um „Recht“ und „Freiheit“. Das heißt zum Beispiel Begriffe, die Stützpfeiler zwischenmenschlicher ethischer Übereinkünfte sind, die bislang jedoch implizit den Ausschluss von Nichtmenschen mitdefinierten, indem sie in spezies-hierarchischer und anthropozentrischer Ausrichtung gedacht wurden.

Zahlreiche Begriffe, wenn nicht die meisten, sind gegenwärtig noch gekoppelt an Weltbilder, die Nichtmenschen ein mehr oder weniger festgelegtes Terrain zuordnen, das sich von einem menschlichen Herrschaftsanspruch herleitet, in dem Nichtmenschen eine untergeordnete Rolle zu menschlichen Belangen zugedacht wird.

Eine Kritik am Anthropozentrismus unserer Sprachsysteme soll nicht besagen, dass wir „den Menschen“ als homogene monolithische Masse denken. Menschen sind niemals grundsätzlich gleichgeschaltet, und was die Tierfrage und Umweltfrage anbetrifft, teilen nicht alle Menschen die dominanten herabsetzenden oder reduktiven Anschauungen über Nichtmenschen und die nichtmenschliche natürliche Welt.

Aus Tierrechtssicht bewegt sich die Problematik von Verstößen gegen Menschenrechte in zwischenmenschlichen Konstellationen, auf der gleichen Landkarte ethischer Fragestellungen, die sich in der Menschheitsgeschichte der Rubrik „Unrecht“ zuordnen lassen, wie die bislang unbeantworteten Fragen nach Tierrechten und Rechten um Zusammenhang mit umweltethischen Belangen. Jeder Schwerpunkt wird dabei aber politisch kontextualisiert betrachtet und die Objektifizierung und Herabsetzung von Nichtmenschen und der natürlichen Umwelt trägt jeweils ihre eigenen Alleistellungsmerkmale.

Eine Kritik am Anthropozentrismus unserer Sprachsysteme soll einen dominierenden menschlich-destruktiven Kollektivismus in Fragen stellen, um damit zugleich auch Definitionen von zwischenmenschlichem „Recht“ aus Tierrechtsperspektive hinterfragbar zu machen.

Zum einen baut unser „Recht“ auf einem impliziten anthropozentrischen „Recht“ zur Objektifizierung der nichtmenschlichen Welt auf. Zum anderen haben wir als „Menschen“ aber kein „Recht“ solch einen impliziten Herrschaftsanspruch (den wir qua unserer Spezies erhalten und den wir über alle anderen Spezies ausüben können) nun wiederum als zugehörige zur Gruppe der Homo sapiens grundsätzlich zu kritisieren und ein vergleichbares Fundament von „Recht/en“ für Nichtmenschen einzuklagen – auf Grundlage der Fragen des „Rechts“ das unser menschliches „Recht“ begründet.

Die ethischen Bausteine, die unser Menschenrecht ausmachen, sind für die meisten Menschen ausschließlich. Die Gedanken von „Würde“ und „ursächlicher Freiheit“ koppeln sich für die meisten, an Begriffe, die mit Tierlichkeit nicht assoziiert werden sollen. Wir haben kurzum theoretisch unweigerlich „Rechte“ als Menschen, im gleichen Zuge in dem Nichtmenschen unweigerlich keine „Rechte“ haben dürfen.

Die Frage, ob diese Art Kontraktualismus auf Spezies-Ebene wirklich funktioniert, muss dabei deutlich verneint werden, sonst würde die automatische Berechtigung auf Menschenrechte (qua Spezieszugehörigkeit zur Spezies Mensch) garantieren, dass es keinerlei Verstöße gegen Menschenrechte mehr geben würde oder jemals hätte geben dürfen, und es würden auch keine Debatte darüber mehr geben müssen, was Menschenrechte eigentlich bedeuten und was nicht (man denke an den Konflikt zwischen Umweltschützer*innen und Menschen die Wirtschaft und Konsum in umweltschädigender Weise unterstützen).

Kollektive dominante abwertende Haltungen von Menschen gegenüber der nichtmenschlichen Welt sind nicht auf jeden Menschen, als Individuum oder in der Gruppe, automatisch zu beziehen qua Zugehörigkeit zur Spezies Mensch. Die dominante Herabsetzung und/oder Objektifizierung von Tieren, seitens der meisten Menschen in der uns bekannten Vergangenheit und in der Gegenwart, ist aber ein sozialer Umstand, dem als gesellschaftliches Phänomen auf globaler Ebene aus Tierrechtssicht unweigerlich Rechnung getragen werden muss.

Folgende Begriffe stehen gegenwärtig für zentrale Standpunkte in der Tierrechtsdiskussion und im Tierrechtsaktivismus: Tierrechte, Tierbefreiung, Speziesismus, Antispeziesismus, Anthropozentrismus.

Diese Begriffe werden von der Tierrechtsbewegung (und Tierrechtsaktivist*innen), wenn man genauer hinschaut, aber definitorisch unterschiedlich gebraucht. Dennoch einigt sich unsere Bewegung immer wieder auf ein paar kleinste gemeinsame Nenner zwischen den verschiedenen Ansätzen. Nichtsdestotrotz können die Ziele aber letztendlich völlig auseinanderdriften. Wir haben beispielsweise Tierrechtler*innen, die von einem „intersektionalen“ Diskurs her beeinflusst sind, wir haben Aktivist*innen, die sich eher an den Argumentationen der Umweltbewegung orientieren, wir haben einige „Schulen“ in der Tierrechtsbewegung, etc.

Bei der Anwendung von Begrifflichkeiten, die unsere Definitionen von Tierrechten kennzeichnen:

  1. Ist eine kritische Hinterfragung der Begriffe zulässig und weiterführend
  2. Sind alleinstehende Begriffe (z.B. „Tierrechte“), die als Übereinkünfte dienen, nicht ausreichend, um richtungsweisend fungieren zu können, sondern eine allgemeine Kontextualisierung der Begriffe ist maßgeblich
  3. Sollten Diskussionen selbstverständlicher und offener laufen. Die tragenden inhaltlichen Pfeiler sollten so stabil sein, dass der Ausbau an gedanklicher Architektur mit allen uns sprachlich zur Verfügung stehenden Bausteinen arbeiten kann. Solange erklärt wird, was mit Begriffen gemeint ist, durch Kontextualisierungen, besteht auch weniger Gefahr, dass Inhalte fahrlässig verwässert und/oder verwechselt werden; vermeintlich Emanzipatives sollte sich dann nicht als sein Gegenteil erweisen müssen.

Beispiele hierfür:

  • Nutze ich die klassische biologistische Insel zur Beschreibung meines Endruckes von Tieridentität, dann kontextualisiere ich meine Konstruktion von Tieridentität nicht über den biologischen naturwissenschaftlichen Rahmen hinaus. Eine primäre Zuordnung von Tierlichkeit zu den Naturwissenschaften ist jedoch z.B. sozial und philosophisch reduktiv, etc.
  • Das gleiche würde für das Modell von Religion und göttlicher Forderung nach Fürsorge für ‚die Schöpfung‘ gelten: hier fehlt eine außerreligiöse Kontextualisierung von Tiersein, welches sich nicht von selbst aus, in diesen Rahmen einordnen lassen muss.

Um der „freien Zone“ von Tierlichkeit Rechnung zu tragen, verwenden wir den Begriff der Tierautonomie.

Eine Beschreibung der zentralsten eigendefinitorischen Begriffe der Tiere-verteidigenden-Bewegungen

Tierrechte:

Bei diesem Begriff muss zu klären sein, was jeweilige Aktivist*innen/Autor*innen (Diskutant*innen und Rezipient*innen) unter „Recht/en“ grundsätzlich verstehen – sowohl in Hinsicht auf Menschen als auch auf nichtmenschliche Tiere, als auch in Hinsicht auf die natürliche Welt, um ein Bild vom großen und ganzen zu erhalten, als das Bezugsfeld, das zur Diskussion steht. Was ist „Recht“ an sich, was wird unter einer Qualifizierung für „Rechte“ verstanden, wie werden Rechtsbegriffe gebildet und wie können sie neu oder anderes gebildet werden und warum. Viele Menschen beziehen den Gedanken von „Recht/en“ immer auf ein bereits bestehendes Konstrukt von „Recht“, und legitimieren (willentlich oder unwillentlich) dabei die faktische Entrechtung von Nichtmenschen und des natürlichen Raums. Ein „Recht“ wird unserer Meinung nach dann nötig, wenn ein menschlicher Übergriff in den Lebensbereich anderer sattfindet und eingeschränkt oder verhindert werden muss (bezieht sich bislang in der Form in erster Linie auf Menschen). Ein „Recht“ kann aber auch als Ausdruck einer dominanten Machtposition verstanden werden, was der landläufigeren Vorstellung von „Recht“ entspricht, auch wenn die Dominanz mit viel ethischem Anspruch ausgekleidet wird. Es geht also darum die Idee von „Recht/en“ neu zu durchdenken und kritisch zu hinterfragen, um so Nichtmenschen und ihre Tierrechte und die natürliche nichtmenschliche Umwelt adäquat mit zu priorisieren und so grundsätzlich ethische Sekundarisierungen (und ethische Marginalisierungen) zu vermeiden.

Tierbefreiung:

Dieser Begriff wird allgemeinhin in der Bewegung von Menschen, die sich für Nichtmenschen engagieren, als der emanzipativste Begriff gehandelt. Problematisch ist, dass der leibliche Befreiungsakt hier in der Regel an Theorien gekoppelt ist, die mehr auf die Bekämpfung von „Ausbeutung“ fokussieren, statt auf „Unrecht“. Die Herabsetzung von Tieren in unseren Gesellschaften bedeutet jedoch das gleichzeitige in Abrede stellen der Kapazität zum Freisein. Dies bildet bei Tierbefreier*innen aber keinen Gegenstand in dem Anspruch auf eine menschliche Befreiungstat. Dass andere Menschen immer wieder und immer weiter Tiere einsperren, als Ausdruck dessen, was diese Menschen diesen Tieren in Abrede stellen, lässt sich allein durch das Öffnen von Mauern, Zäunen, Stall und Käfig nicht lösen. Die „theoretischen Käfige“ müssen mit geöffnet werden, damit überhaupt keine Käfige mehr gebaut werden und Lebensräume nicht geraubt werden.

Die Tierbefreiungsbewegung bemüht sich nicht um eine Enthebelung von kulturellen und theoretischen Entmachtungsfaktoren gegenüber der Tierlichkeit, allein indem sie große Ansprüche auf politische Unabhängigkeit ihrer eigenen Bewegung erhebt. Der Anspruch zum Beispiel darauf, dass verbriefte Rechte nicht nötig seien bei Nichtmenschen, bei einen selbst als Menschen aber schon, macht die Bewegung unglaubwürdig. Ebenso der sozio-ethische Ausschluss von Tierlichkeit. Wie sollen Tiere weltweit von einer Gruppe von Menschen „befreit“ werden, wenn diese Gruppe von Menschen selbst Mitträger von Entmachtungs- und Einsperrungsvorrichtungen sind – aufgrund ihres Unterlassens, die Mechanismen auf gesamtkultureller Ebene zu demontieren, die die konstante geistige Abwertung von Nichtmenschen ermöglicht?

Ein zu beobachtendes Problem ist, dass wenn ich einen Nichtmenschen körperlich befreie, ich ihn/sie weiterhin als Subjekt in objektifizierender Weise herabsetzen kann. Die Frage nach der Ursache und der eigentlichen Funktionsweise menschlicher Herabsetzung von Tieren findet eine zu vereinfachende Antwort in einem Begriff, der sich eigentlich eher ausdrücklich für konkrete Befreiungsaktionen eignet.

Der Anspruch derer, die Tierbefreiungen aktiv durchführen, kann weitreichender Natur sein. Die Bezeichnung „Befreiung“ im Bezug auf grundsätzliche Fragen von Unrecht (das man für sich selbst ja schließlich als Mensch auch einklagen können möchte – warum also nicht für Mitlebewesen?) täuscht aber vor, dass die Ursachen für Unrecht, und somit auch für körperliche Einsperrung und körperlichem Freiheitsentzug, mit dem körperlichen Befreiungsakt definitiv gelöst wären.

Die Tierbefreiung von menschlicher Unterdrückung an sich, müsste sich also den Fragen der Ursachen und Mechanismen, nicht nur von „Ausbeutung“, sondern von einem viel größerem Problem stellen, und zudem sollte vielleicht angesichts der Immensheit des Problems, etwas realistischer in der Eigenbezeichnung der politischen Agenda vorgehangen werden.

Speziesismus:

Dieser Begriff wurde jüngst von Aktivist*innen/Autor*innen kritisch hinterfragt, vor dem Hintergrund, dass die klassischen Ismen sich, geschichtlich und soziologisch betrachtet, auf zwischenmenschliche Ungerechtigkeiten beziehen, und immer den gezielten Ausschluss aus dem ‚vollen Menschsein‘ suggerieren und beinhalten würden, dass Nichtmenschen aber nicht aus diesem Kreis ausgeschlossen werden können, sondern, dass man die Herabsetzung/Objektifizierung von Nichtmenschen durch Menschen ganz in seinem eigenen Recht anschauen und analysieren müsste. Durch eine Gleichsetzung mit der Problematik innermenschlichen Konflikte, würde der Besonderheit der Problematik, der Tiere sich in Gegenüberstellung mit den Menschen sehen, nicht Rechnung getragen. Die Gleichsetzung von Speziesismus mit Rassismus und Sexismus sei also in sich problematisch.

Man könnte nun entgegnen, dass „Ismus“ grundsätzlich eine Herabsetzung bezeichnen kann, und dass dies nicht unbedingt in Korrelation zu zwischenmenschlichen „Ismen“ stehen muss. Auch könnte man die zwischenmenschlichen Formen von Ungerechtigkeiten auf einer Ebene betrachten, in der menschliche und tierliche Subjekte viel näher rücken, indem man von einer Kernindividualität ausgeht – dass die Zugehörigkeit zu einer diskriminierten Gruppe von Menschen damit auch nicht automatisch bedeutet, dass diese Identität das Ende des Eigenerlebens des betroffenen Subjekts sein muss.

Aber in Hinsicht auf soziologische und politische Komponenten und die benannte Gefahr der Verwechslung von Diskriminierungsmomenten, können wir die Kritik nachvollziehen. Zudem noch ein weiterer, ganz anderer Kritikpunkt an dem Begriff Speziesismus berücksichtigt werden kann. Die Frage ist nämlich auch, ob Speziesismus nicht bereits in sich einen Biologismus in seiner Anwendung auf die Herabsetzung von Nichtmenschen durch Menschen in die Diskussionsebene hineinträgt, der bei alternativen Begriffen vielleicht vermieden werden kann.

Der Fokus beim Begriff „Speziesismus“ liegt völlig auf der noch ungeklärten Frage nach dem, was wir eigentlich unter Spezies-Vielfalt verstehen. Unter Spezies-Vielfalt verstehen die meisten Menschen Lebensbereiche, die sie ausschließlich versuchen mit Biologismen zu erklären: Wir haben es also eher mit einem „Spezies-Biologismus“ zu tun.

Die Benennung von „Spezies“, als dem Angriffspunkt für die Diskriminierenden, ist noch gar nicht auf der ganzen Ebene geklärt, denn die Fragen bleibt offen, inwieweit unsere Vorstellung von „Spezies“ selbst – solange sie nichtmenschlich sind – diskriminatorisch ist.

Die meisten Menschen können sich in unseren Gesellschaften bislang überhaupt nicht vorstellen, nichtmenschliche Tiere anders zu sehen als speziesistisch, taxonomisch, in Rängen, als „Züchtungen“ und „artgerecht“ – was einen eklatanten Biologismus darstellt, indem Menschen ökosoziale und tiersoziale Komplexität und Differenziertheit eingrenzen zum Zwecke objektifizierender Zuordnungen.

Antispeziesismus stellt sich potenziell gegen alle Speziesismen. Wir haben Speziesismus und Antispeziesismus respektive als sich auf mannigfaltig verschiedene Speziesismen beziehend definiert. Wir gehen davon aus, dass Speziesismus im allgemeinen über Alleinstellungsmerkmale verfügt – wie zum Beispiel, dass kulturell normalisiert ritualisierte Gegessen-/Einverleibt-werden und/oder der extreme Objektstatus, beinahe Gegenstandsstatus. Was die Entmenschlichung im „Ismus“ ist, ist die Objektifizierung hin zum Gegenstand in der Herabsetzung von Tieren und Tierlichkeit. Speziesismen betreffen zahllose zwischenmenschliche Interaktionsebenen und sie betreffen verschiedene Gruppen und Individuen nichtmenschlicher Tiere in unterschiedlichen Weisen.

Alternative Begriffe für Speziesismus:

  • Spezies-/Tier-Herabsetzung
  • Spezies-/Tier-Objektivierung
  • Spezies-/Tier-Diskriminierung, etc.

Anthropozentrismus:

Der Begriff Anthropozentrismus wirft im gleichen Zuge die Frage auf, was Zoozentrismus oder aber auch ein Zentrismus im Bezug auf alles Nichtmenschliche, also „die Natur“ im Ganzen wäre. Was verstehen wir unter „Mensch“? Die Antwort muss sich nicht auf ein verengendes Bild „des Menschen“ begrenzen lassen, das sich aus rein biologistischen Faktoren zusammensetzen müsste, sondern wir würden allgemeinhin auch Aspekte geistig-subjekthafter Individualität mit einbeziehen.

Viele Menschen würden aber an der Stelle, im Bezug auf alles sie umgebende nichtmenschlich-Tierliche oder -Naturhafte, die Ebene einer besonderen Prädeterminiertheit ihres Menschseins setzen, mit ganz klar verlaufenden Grenzen zu anderen „Geistern“ und „Seelen“ hin, die es aus ihrer Sicht nicht geben könnte – das „Subjektsein“ ist nicht zuletzt ein noch nicht ganz geklärter Begriff im Interspeziesbereich.

In den Vorstellungen der meisten Menschen wird eine geistig-subjekthafte Individualität nicht mit dem Verstand und dem Intellekt von Nichtmenschen assoziiert, und Nichtmenschen werden von vielen, wenn nicht den meisten Menschen, noch biologisch-naturwissenschaftlich und objektifizierend erklärt (und analysiert).

Die Rede von „Anthropozentrismus“ oder die Kritik an diesem, heißt nicht einfach Menschen nicht auch als zentrale „Perspetivnehmer“ akzeptieren zu können. Ein zentraler „Perspektivnehmer“ kann sich in unterschiedlicher Weise auf seine Mitwelt beziehen. Da wir den „Ismus“ in diesem Begriff haben, geht es aber um eine problematische Komponente, die hier ausgedrückt werden soll. Der kollektivistische, subsumierende und definitorische Aspekt spielt konkret beim Menschsein eine bekannte Rolle. Wir würden beim Anthropozentrismus an eine andere soziale Realität denken im Bezug auf das soziale Ganze, als wenn wir an Ökozentrismus denken. Ökozentrismus ist ein Begriff, der wiederum anthropozentrisch gedacht werden kann.

Anthropozentrismus bezeichnet die problematische Beziehung des Menschen als kollektiven Körper zu seiner nichtmenschlichen Mitwelt in seiner ausschließlichen und hierarchischen Selbstzentriertheit, bei der die anderen Lebewesen eine sekundäre Rolle zugeteilt bekommen. Wenn ich auch Teil einer anthropozentrischen Gesellschaft bin, und mich kaum daraus entfernen kann effektive, so kann mein Denken und mein Handeln, soweit es mir möglich ist, diesem Anthropos-Egozentrismus aber auch völlig entgegengestellt sein.