Rituelle Herabsetzung


Ritual physical degradation
Die rituelle physische Herabsetzung tierlicher Integrität als Kunst ist gleichermaßen menschenverachtend. Das tierliche Opfer kann, als rechtloser Geisel, von seinen menschlichen Verteidiger*innen nicht durch deren rechtlichen Status geschützt werden. Kunstschaffende, -fördernde und -rezipierende können so juristisch legal Ohnmacht generieren und multiplizieren. Bei Menschen sowie bei Tieren.
Gruppe Messel, 2022

Ursachen adressieren: Tierechte, Menschenrechte, Umweltethik

Tierleben werden mit Agrarwirtschaft und Konsumwirtschaft gleichgesetzt. Die Frage nach dem Tiersein selbst stellt sich nicht.

Die Gleichungen, die die Zusammenhänge zwischen > Umweltschäden, Tierleid und hungernden Menschen > als ‘in sich’ lösbar beschreiben, greifen zu kurz …

Gita Yegane Arani und Lothar Prenzel

Gleichungen zwischen Umweltzerstörung und Umweltschäden mit Menschenrechtsverletzungen und gesellschaftlich induziertem menschlichem- und tierlichem Leid und biopolitisch forcierter tierlicher Existenz sind problembehaftet. Sie werden normalisierend angewendet, ohne Zusammenhänge ausreichend zu kontextualisieren und ohne der Schwere der einzelnen Problematiken gerecht zu werden. Sie vermitteln jedoch als könne man drei Probleme als eines lösen und als seien außerhalb dieser Gleichung stehende, weitere globale- und regionale politische und gesellschaftliche Faktoren dabei nicht die Hebel, über die diese Probleme angegangen werden müssen.

Diese Gleichungen enthalten oftmals eine Dialektik, die vermittelt will, dass Tierleben respektiert werden sollen, und dass dabei die Problematik von Tierobjektifizierung (von Speziesismen) auf eine Waagschale gelegt werden soll mit der Komplexität der Problematik der von Menschen verursachten Umweltschäden und mit dem durch Argarpraktiken und weltwirtschaftlich induzierten Hungersnöten/Hunger.

Insbesondere vegane und vermeintlich ökozentrisch orientierte Argumentationen stellen die Themen Tierrechte, Umweltproblematiken und Menschenrechte in einer vereinfachenden Form dar, und umgehen dabei die Diskussionen, die für ein fundiertes Umdenken nötig wären. Die Überlegung, man könne diese drei absolut großen Problemkomplexe wegen ihrer gegenseitigen Verquicktheit ‘in sich’ lösen, trägt dazu bei, dass wirkliche Ursachen für diese Problemfelder noch weniger geklärt werden können […] und so weiter ungehindert operieren können:

Tiere

Im Bezug auf das, was Tieren durch die ‘Menschheit’ – als speziesistischem oder tier-objektifizierendem Kollektiv – zugefügt wird, macht eine vereinfachende Gleichung von „Tierleid, Umweltschäden und Hunger“ deutlich, dass die Frage nach Gerechtigkeit gegenüber tierlichem Leben für diese Argumentierenden lediglich ein sekundäres Anhängsel ist, und sonst als störend in der argumentativen Zielsetzung empfunden wird, obwohl aus Tierrechtssicht Gerechtigkeit speziesübergreifend in Zusammenhänge gesetzt werden sollte.

Hunger

Folgen von Kolonialisierung und Postkolonialismus auf die Ökologie, sowie auf politische und wirtschaftliche Verhältnisse, werden in solchen Gleichungen ebenfalls nicht thematisiert, sondern die Existenz von Tierkörpern wird als rechnerisch-quantitatives Umwelt- und Verteilungsproblem mit der globalen Nahrungsmittelungerechtigkeit aufgerechnet.

Hierdurch wird politisch entkontextualisiert und Tierkörpern wird eine Form von Schuld („da existierend“) zugewiesen. Um im Sinne von Tierrechten zu argumentieren, wäre es ein Leichtes zu benennen, woher die tatsächlichen Probleme rühren; das einfache Festmachen an Tieren/Nichtmenschen als Problem, ist diskriminierend und kann daher kritisch betrachtet werden.

Umwelt

Und schließlich die Ökologie als Teil dieser Art Gleichungsansätze: Umwelt wird aus einer vom dominanten Zeitgeist geprägten eurozentrischen, verwestlichten Sicht her betrachtet. Die Umwelt wird auf dem Status der Ressource gehalten, wobei zwischen dem Sein von “Mensch” und “Tier” eine Art Verteilungskampf vorgerechnet wird – in dem Tierleben selbst, und nicht ihre menschlichen Unterdrücker, Wasser verschwenden; tierliche Existenzen als Nachhaltigkeitsprobleme thematisiert werden; man sieht Tiere als Gefahr durch Zoonosen, während aber das durch Menschen verursachte Kranksein der Tiere als ethisch und moralisch irrelevant in den Hintergrund gerückt wird; Tierleben werden mit Agrarwirtschaft und Konsumwirtschaft gleichgesetzt. Die Frage nach dem Tiersein selbst stellt sich nicht, und so auch nicht die Frage nach den Erlebnissen und Geschichten, die diese Tiere haben.

Wie Tierleben, Umwelt und Menschen in solche Systeme hineinbefördert wurden und dort gehalten werden, sollte unserer Ansicht nach im Vordergrund stehen. Wir fragen uns weshalb solche verkürzten und nicht wirklich hilfreichen Gleichungen gemacht werden und dabei immer wieder vorausgesetzt wird, dass eine Vertiefung der Themenschwerpunkte nicht im breiten gesellschaftlichen Diskurs möglich sein sollte?

Indem wir Stillschweigen halten über

  1. Ursachen und Wirkung wirtschaftlich-hegemonialer Prozesse
  2. über Unrecht gegenüber Nichtmenschen und kompliziert funktionierende Diskriminierungsformen wie Tierobjektifizierung
  3. über eine entseelte Betrachtung des unabhängigen Wertes ökosozialer Kontexte

brechen wir kaum aus irgendwelchen Unrechtsgleichungen aus, die unsere globale Mitwelt anbetreffen.

Indem man den Resetknopf der Menschheitsgeschichte an der Stelle tätigen will, die voraussetzt, dass wir alle nur dann wirklich “für Tiere, für die Umwelt und für Menschen” sein können, wenn wir deren sich kreuzenden Problematiken eigentlich gleichzeitig nur in den Hintergrund rücken, auf Kosten einer notwendigen Klärung verschiedener Unrechtsfragen – erreicht man argumentative Verengung und lenkt vom Wesentlichen ab, nämlich von den Fragen nach den im Hintergrund fortwährend wirksamen Ursachen.

Restriktive Paradigmen

So wie Geschlechtlichkeit, unter Gesichtspunkten gesellschaftlicher Veränderungsprozesse, nie mehr das gleiche sein wird, wie das, was Menschen sich vielleicht mal darunter mehrheitlich vorstellen wollten, so wird auch Tierlichkeit (und respektive Menschlichkeit) nicht mehr in das alte Weltbild zu rücken sein, in dem sich „der Mensch“ noch versuchte „die Welt“ untertan zu machen.

Gleich welches restriktive Paradigma wir uns anschauen – sie alle sind keiner ernsthaften Kritik gewachsen.

antibiologistische Tiersoziologie

Heterogenität und Antispeziesismus


Wenn Menschen sagen, dass Tiere ‚ein wenig‘ von dem können, was Menschen können, dann läuft was schief. Wie ökosozial sind Menschen? Kann Mensch was Qualle kann?
antibiologistic antispe sociology

Hier fehlt natürlich noch eine fragmentarische Zusammenfassung des Ansatzes: Heterogenitat und Antispeziesismus

Wert und Willkür – kontrastierend gegen „das Naturhafte“

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Wert und Willkür – kontrastierend gegen „das Naturhafte“

Ein Essay von Palang Latif

Dier Text als PDF (Link öffnet sich in einem neuen Fenster)

Homozentrisches Denken beschränkt sich darauf, dass alles sich auf den Menschen wie ein einzig existierendes Zentrum beziehen soll. Die Sicht, dass allein die Menschen von entscheidender Bedeutung sind, zieht fast automatisch nach sich, dass die Perspektiven die von den Menschen eingenommen werden, sich alle gewissermaßen ähneln, allein aus dem Grund der Zielsetzung des Denkens: Mensch als Ziel.

Der Denkende erhält hingegen ganz andere Perspektiven, wenn er versteht, dass alle Atome Zentren sind, die aber nicht alle gleichmäßig “dasselbe” sind, sondern die alle ihre eigene „unterschiedliche Bedeutung“ haben. Unterschiedlich zu sein, heißt nicht, dass sich das Verschie­dene nur auf der Stufe einer hierarchischen Verschiedenheit bewegen kann – wobei das non-hierarchische aber wiederum nicht gleichzusetzen ist mit dem Fehlen von Gesetz­mäßigkeiten. Das heißt, es bestehen Verschiedenheiten zwischen allen Wesenseinheiten, die alle Bedeutung haben, aber nicht in hierarchischer Weise, sondern in einer Weise, die Gesetzmäßigkeiten folgt.

Die Einmaligkeit, die dem Zentrum “Mensch” zugeschrieben wird, rührt aus der Sicht, dass der Mensch das wäre, was Dingen Wert verleiht. Das hieße, würde es stimmen, dass alles andere außer dem Menschen existent wäre in einer Art hierarchischen Struktur um den Menschen herum siedelnd, rein passiv, noch weniger als aus dem Nichts herrührend – daher, dass der Mensch seine Beobachtung so ausgerichtet hat, dass seine Priorität im Mittelpunkt steht, und alles was sich zu ihm marginal verhält, ganz weit unten auf seiner Wertehie­rarchie zu bestehen hat.

Das einzig aktive ist dabei das “Ich”, das “Hier” und das “Jetzt” des Menschen, aber nicht in deren attributhaftem Bezug zum eigentlichen und kontexthaften Wesen, das ja wieder in eine völligen Gesamtheit einbezogen ist, sondern in dem spezifischen Ver­ständnis des menschlichen Selbst als zu dem Zentrum gehörend, um das gelegen sich allein Marginales bewegen kann.

“Wert” ist im homozentrischen Kontext eine hierarchische Form der Einteilung, die Fragwürdig erscheint, wenn man bedenkt, dass solch ein “Wert” die Tendenz haben kann “Gesetzmäßigkeiten” umstoßen zu wollen.

Was ist “Wert” und was ist “Gesetzmä­ßigkeit”?

“Wert” ist zum einen das, was das Verhältnis des einzelnen Lebewesens zu seiner Umwelt bestimmt – dabei sollte aber auch in Betracht gezogen werden, dass das Verhältnis zur Umwelt nicht zu einem zusammengefasst werden kann, denn die Umwelt ist eben kein gigantischer Marginalraum eines einzigen erlebenden Selbst.

Der “Wert” ist das, wie ein Wesen jeweils etwas empfindet – positiv oder negativ, ob wichtig oder schädlich für sich und für das, was für dieses Wesen entscheidend ist. Das Wesen ist gebunden an die Gesetzmäßigkeit der naturhaften Integrität. Auf der anderen Seite kann “Wert” aber zum Platzhalter für “Willkürentscheidung” werden, im Fall des homozentrischen Menschen, wenn das Verhältnis einer Gesetzmäßigkeit in ihrem Bezug zur naturhaften Integrität bewußt oder unbewußt negiert wird.

Die Einbindung des Subjektiven in seine naturhafte Integrität garantiert, dass sein empfundener Wert sich im Rahmen einer Gesetzmäßigkeit befindet (die den Wert als Willkürentscheidung ausschließt). Der “Wert” nimmt die Eigenschaft der Willkürent­scheidung dann an, wenn sich das erlebende Wesen aus der naturhaften Kontextualität herausbewegt und Gesetzmäßigkeit der Willkür unterordnet.

“Wert” ist die Übersetzung des Empfindens eines Einzelwesens in die Form, in der sich das Empfundene an die Willkürentscheidung binden kann, oder die Empfindung bindet sich an die Gesetzmä­ßigkeit der naturhaften Integrität.

Die Willkürentscheidung ist an ein Zentrum des Wollens gebunden

Die Willkürentscheidung ist an ein Zentrum des Wollens gebunden. Im Homozentris­mus ist dieses Zentrum der menschliche Belang, dem eine eigene ausschließliche Wichtigkeit zugeordnet wird. Der Wert ergibt sich nicht aus der Kontextualität naturhafter Integrität, sondern aus der Frage der gesonderten Willkür des “idealen Menschen”.

Die Willkür erzeugt Wert, auch den eigenen Wert, die naturhafte Integrität wird aufgehoben, und um so mehr sich die Willkür über das Andersartige (die naturhafte Pluralität) hinwegzusetzen weiß, um so mehr manifestiert sich das Zentrum und verfestigt sich diese besondere Art des Willens, dessen Stärke und Bedeutung sich aus seiner Zentriertheit ergibt. (Das Unzentrierte wäre eine Verstreuung des Willens und würde eine Abnahme der Potenzialität zur Willkür mit sich bringen).

Kontextualität spielt in der homozentrischen Ebene theoretisch und praktisch auch eine we­sentliche Rolle, aber nur in dem abgesteckten Bereich: innerhalb von Grenzen, die sich aus dem Unverständnis für das Andersartige ergeben. Das heißt, alles was verstanden wird, wird miteinander vernetzt betrachtet, aber das Andersartige, nicht ganz verstehbare, an sich stellt eine unüber­windbare Grenze für den Homozentriker dar. Die ganze Existenzialität darf sich nur auf das Gewusste und das Gesehene und auf das Gewollte beziehen, aber das Andersartige kann hier in keinem scheinbar sinnvolen Bezug stehen. Und das aus einem einfachen Grund: Die Kontextualität nämlich, die sich im homozentrischen Bereich ergeben darf, soll eben nur den mensch­lichen Belang als Fokussierpunkt postulieren, und soll oder will dadurch gerade das Andersartige in dessen eigenkontextuellem Wert mindern.

Für den “idealen Menschen” spielt das Andersartige keine elementare Rolle, und würde es das tun, dann wären all diese andersartigen Belange definiert und nur ’unter bekannten Namen’ greifbar als Belange von Wert.

Nur ist es so, dass all dieses Andersartige was der Homozentrismus letzendlich ausschließt, in der Kontextualität naturhafter Integrität jedoch den wesentlichen Belang darstellt. All das mannigfaltige, was dem Menschen “das Andere” ist, stellt in der Kontextualität der natur­haften Integrität das dar, auf das sich Gesetzmäßigkeit bezieht: all jenes, das andersartige, verschiedenartige Werte mittelbar oder unmittelbar kontextuell produziert. Der Homozentrismus leitet daraus ab, ohne sich dessen vollständig bewusst zu sein. Die Konsequenz aber, die sich aus der Willkür des Homozentrismus ergibt, ist, die Gesetzmäßigkeit dem Wert unterzuord­nen.

Wenn der Homozentriker sich dessen bewusst würde, das er selbst Subjekt sowohl von Wert als auch übergeordneter Gesetzmäßigkeit ist, und zwar in der Kontextualität der naturhaften Integrität, das heitßt: des Übergreifenden, dann müssen seine Grenzen und Denk-Mauern gegenüber dem Andersartigen aufweichen, denn er muss merken, dass seine Willkür nur ein Zeichen relativer Ohnmacht ist.

Der Linolschnitt oben stammt von Farangis Yegane www.farangis.de. Dieser Text ist im Veganswines Reader 08 erschienen.