Wilhelm Busch: St. Anthony of Padua. (10) The life of a hermit and the ascension

St. Anthony of Padua / Tenth Part of his Saga. The life of a hermit and the Ascension > https://de.wikisource.org/wiki/Der_heilige_Antonius_von_Padua/Zehntens._Klausnerleben_und_Himmelfahrt

[132]

TENTH

The life of a hermit and the ascension

St. Anthony, it is reported,
Finally renounced the world completely;

[133]

Sat deep, deep back in the forest,
Drank dew and ate moss,
And sat and sat in this place
And prays until he almost withers away
And at last the wild herb
Grows from his nose and ears.
He said: “I will not leave this place,
Unless a credible sign comes to me!”

And lo and behold! – From the middle of the forest
A wild boar comes striding along,

Whom busily burrows at the spot
A little fountain, pure and bright,

[134]

And with snorting and with sniffing
Finds a heap of truffles. –
St. Anthony, full of praise and thanks,
Sat down, ate and drank
And spoke with emotion: “You good pig,
You shall now be with me forever!”

So the two lived in unity
Here on earth for a long time,

And died at last and died at the same time
And went to heaven together. –
“O woe shouted! A pig, a pig!”
Thus the Jews began to cry;
And the Turks also came in droves
And wanted to defend themselves against the pig. –

[135]

But behold! – From the gate of heaven
Our dear Woman steps forth.
Her left hand holds the blue mantle,
The right is seen gently raised,
Half threatening, half beckoning;
So she stands there, surrounded by splendor.

[136]

“Welcome! Enter in peace!
Here no friend is parted from friend.
Many a sheep comes in,
Why not a brave pig too!”
The pig grunted and the little angels sang.
So they both went in.

Wilhelm Busch

Der heilige Antonius von Padua

[132]

ZEHNTENS: Klausnerleben und Himmelfahrt

Der heilige Antonius, so wird berichtet,
Hat endlich ganz auf die Welt verzichtet;

[133]

Ist tief, tief hinten im Wald gesessen,
Hat Tau getrunken und Moos gegessen,
Und sitzt und sitzt an diesem Ort
Und betet, bis er schier verdorrt
Und ihm zuletzt das wilde Kraut
Aus Nase und aus Ohren schaut.
Er sprach: „Von hier will ich nicht weichen,
Es käm’ mir denn ein glaubhaft Zeichen!“

Und siehe da! – Aus Waldes Mitten
Ein Wildschwein kommt dahergeschritten,

Das wühlet emsig an der Stelle
Ein Brünnlein auf, gar rein und helle,

[134]

Und wühlt mit Schnauben und mit Schnüffeln
Dazu hervor ein Häuflein Trüffeln. –
Der heilige Antonius, voll Preis und Dank,
Setzte sich nieder, aß und trank
Und sprach gerührt: „Du gutes Schwein,
Du sollst nun ewig bei mir sein!“

So lebten die zwei in Einigkeit
Hienieden auf Erden noch lange Zeit,

Und starben endlich und starben zugleich
Und fuhren zusammen vors Himmelreich. –
„Au weih geschrien! Ein Schwein, ein Schwein!“
So huben die Juden an zu schrein;
Und auch die Türken kamen in Scharen
Und wollten sich gegen das Schwein verwahren. –

[135]

Doch siehe! – Aus des Himmels Tor
Tritt unsre liebe Frau hervor.
Den blauen Mantel hält die Linke,
Die Rechte sieht man sanft erhoben,
Halb drohend, halb zum Gnadenwinke;
So steht sie da, von Glanz umwoben.

[136]

„Willkommen! Gehet ein in Frieden!
Hier wird kein Freund vom Freund geschieden.
Es kommt so manches Schaf herein,
Warum nicht auch ein braves Schwein!!“
Da grunzte das Schwein, die Englein sangen.
So sind sie beide hineingegangen.

 

Lange Snippets: die Frau Holle

Ohne Moralgeschichten, keine Moral. Daher folgendes zum Thema Moralvorstellungen in der Vergangenheit > Sinn und Überlieferungen von moralischen Märchengestalten und Mythen …

Bei unserem TableTalk zum Heidentum sind wir nochmal auf etymologische Fragen bei Götternamen gekommen. Den einzigen wirklich weiterführenden Text fand ich (Überraschung) bei Jacob Grimm. Unten findet sich von einem Germanisten noch ein weiterer interessanter Text verlinkt zur Göttergetalt.

Ich hatte das wichtige Beispiel Hulda […] vor etlichen Jahren im Zusammenhang mit der Vorgehensweise von Gimbutas kurz erwähnt https://www.simorgh.de/objects/260411_1/ , wobei Gimbutas sehr trocken sich aufs äußerst eng gefasste Anthropologische beziehend forschte muss man sagen. Ich weiß nicht, warum sie Zusammenhänge nicht lebendiger in Denkwelten, Bilder und Geschichterwelten einbettete.

Also nochmal das Beispiel Hulda. Und ein Snippet zur hier auch erwähten Tanfana > https://jamali.info/ikp/interessant-das-wort-tan-bedeutet-im-keltischen-u-a-auch-feuer/

(Ich mache “sowas” eigentlich nicht, aber ausnahmsweise ist das hier mal plumpes sehr langes Copy und Paste. Beginnend hier … )

https://www.projekt-gutenberg.org/grimm/demyth/chap013.html

Jacob Grimm

Deutsche Mythologie

Cap. XIII. Göttinnen.

Sollte der name, unter welchem die Sueven die von Römern der Isis gleichgesetzte göttin verehrten, sollte nicht wenigstens eine ihrer nebenbenennungen gewesen sein Holda?

Dieser name hat reindeutsche bedeutung und noch heute in lebendiger volksüberlieferung festen grund.

Holdâ ist die freundliche, milde, gnädige göttin und frau, von hold (propitius) goth. hulps (Luc. 18, 13) altn. hollr; die goth. form würde Hulþô lauten. Ulfilas verwendet für den entgegengesetzten begrif feindseliger, teuflischer wesen sowol das fem. unhulþô als das masc. unhulþa, woraus ich ein hulþa neben hulþô folgere; neue bestätigung des doppelgeschlechts, das in der vorstellung dieser götter waltet. gewis aber konnten mehrere götter oder geister des beinamens theilhaftig werden. Notker im Capella 81 überträgt verus genius durch ›mîn wâre holdo‹ auch in der mhd. sprache muß holde (fem. und masc.) für geisterhafte wesen bekannt und gebräuchlich gewesen sein. Albrecht von Halberstadt in seiner bearbeitung der ovidischen metamorphosen hat wazzerholde (gen. -en) für nymphe, der reim schützte diese ausdrücke in Wikrams umdichtungFrankf. 1631. 4. 171a von einer wazzerholden: solden; 176a wazzerholde: solde.. in der niederdeutschen vielfach erweiternden übertragung des narrenschifs (Narragonia, Rostock 1519. 96a) findet sich folgende dem hochd. text mangelnde stelle: ›mannich narre lövet an vogelgeschrei und an der guden hollen (bonorum geniorum) gunst‹. Häufiger begegnet das mhd. unholde (fem.) nhd. unhold (masc.) im sinn eines bösartigen, finsteren, jedoch gewaltigen wesens.

Das älteste zeugnis für den bestimmteren gebrauch des namens Holda gewährt mir Burchard von Worms p. 194adarf man die s. 212 angeführte inschrift dea Hludana in Huldana umsetzen, so wäre das noch willkommner als die analogie zur altn. Hlôdyn, und urältestes zeugnis für Hulda, welcher schon das goth. unhulþô, und der zwar seltne, doch bei Schannat trad. fuld. no. 445 vorräthige ahd. frauenname Holda zustatten kommt. Graff 4, 915 hat auch Holdasind. Schützes abhandlung de dea Hludana erschien zuerst Lp. 1741, und wenn Wolf (Wodana s. L) eine niederländische de dea Huldea, Trajecti 1746 namhaft macht und deren titel wirklich so lautet, kann dies nichts anders sein als eine von Cannegieter nach unsrer Hulda, wie sie bei Eccard vorkommt, aufgestellte sehr ansprechende mutmaßung. der lat. dativ Huldanae würde die schwache form ahd. Holdûn, ags. Holdan ausdrücken, wie man in lat. urkunden Berta, Hildegarda flectiert Bertanae, Hildegardanae; doch mag auch ein nom. Bertana, Huldana entsprungen sein. hiernach leitet wiederum Tanfanae wenigstens auf einen deutschen nom. Tanfa und alle versuche wären abgeschnitten, aus -fana ein celtisches wort oder das lat. fanum zu machen. Tanfa gemahnt an den altn. mannsnameu Danpr oder an die ahd. wurzel damph; übergänge des F in CH und TH angenommen, ergäben sich noch andere möglichkeiten, z. b. ein weiblicher name Tancha (grata) entspräche dem männlichen ahd. Dancho (gratus) Graff 5, 169. vgl. Dankrât = Gibicho. Haupts zeitschr. 1, 573. Ich bin von Huldana abgerathen und gestehe, daß sich auch Hludana behalten, Hlûda (clara, praeclara) deuten ließe; das gewicht der übrigen gründe hat den ausschlag zu geben. unter diesen ist aber die anwendung von gute holden, hollar vættir (Sæm. 240b) auf geister, von holl regin (Sæm. 60a) auf götter besonders zu beachten; im altn. adj. hollr. = goth. hulþs, ahd. hold hatte assimilation statt, während im eigennamen Huldr die alte form blieb; denn huldr = occultus, celatus zu erklären scheint bedenklich.: credidisti ut aliqua femina sit, quae hoc facere possit, quod quaedam a diabolo deceptae se affirmant necessario et ex praecepto facere debere, id est cum daemonum turba in similitudinem mulierum transformata, quam vulgaris stultitia Holdam (al. unholdam) vocat, certis noctibus equitare debere super quasdam bestias, et in eorum se consortio annumeratam esse; die merkwürdige variante unholda ist aus dem cod. vidob. univ. 633 geschöpft. Burchard hat hier das deutsche wort an die stelle der Diana, Paganorum dea, gesetzt, die sonst gewöhnlich in gleichem sinn und in der nemlichen verbindung genannt wird.

Volkssagen und märchen lassen frau Holda (Hulda, HolleHolle aus Hulda wie Folle aus Fulda., Hulle, frau Holl) als ein höheres wesen auftreten, das den menschen freundliche, hilfreiche gesinnung beweist, und nur dann zürnt, wenn es unordnung im haushalt wahrnimmt. diese überlieferungen scheinen unter keinem deutschen stamm so verbreitet wie unter Hessen und Thüringern (auch der Wormser bischof war gebürtig aus Hessen). indessen kommt frau Holle vor bis ins VoigtlandJul. Schmidt Reichenfels p. 152., über die Rhön hinaus im nördlichen FrankenReinwald henneb. id. 1, 68. 2, 62, Schmeller 2, 174.in der Wetterau bis zum WesterwaldSchmidt westerwäld idiot. 73. 341.und reicht aus Thüringen her in das angrenzende Niedersachsen. Schwaben, Schweiz, Baiern, Östreich, Nordsachsen, Friesland kennen sie nicht unter diesem namen.

Aus dem, was uns die tradition noch bewahrt hatkinderm. no. 24. deutsche sagen no. 4–8. Falkensteins thür. chronica 1, 165. 166Nachtrag: Zu kinderm. no. 24 vgl. die variante KM. 3, 40 ff., svenska äfv. 1, 123 und pentam 4, 7. ähnliches wird von den dialas gesagt. Schreiber taschenb. 4, 310. (anm. 1010).., ergeben sich folgende züge.

Frau Holle wird als ein himmlisches, die erde umspannendes wesen vorgestellt: wenn es schneit, so macht sie ihr bett, dessen federn fliegenfrau Holle schüttelt ihr bett. modejourn. 1816, 283. auch in Schottland heißt es, wenn die ersten schneeflocken fallen: the men o’the East are pyking their geese and sending their feathers here away, here away. im preuß. Samland heißt es: die engel schütteln ihr bettchen, wenn es schneit. die schneeflocken sind ihre flaumen, viele aber fallen vorbei und gelangen zu unserer erde.. Sie erregt den schnee wie Donar den regen; die Griechen legten ihrem Zeus die hervorbringung des schnees und regens bei, Διὸς ὄμβρος Il. 5, 91. 11, 493 wie νιφάδες Διός Il. 19. 357, Holda erscheint darum als hehre göttinda andere eigenschaften Holdas auf Maria übergehn, so darf hier auch die Maria ad nives, notre dame aux neiges verglichen werden, deren fest die kirche am 5 aug. feierte, auf diesen tag beten zu ihr die Brüsseler spitzenmacherinnen, damit ihr werk weiß wie der schnee bleibe. in einem bretagn. volkslied heißt es: notre dame Marie, sur votre trône de neige! (Barzas breiz 1, 27). Sollte nicht die sonst unverständliche hildesheimische sage von dem Hillesnee (D. S. no. 456) aus einem Holde snê entsprungen sein?. die vergleichung der schneeflocken und federn ist uralt, die Scythen erklärten die nördliche weltgegend, weil sie mit federn angefüllt sei, für unnahbar (Herod. 4, 7. vgl. 31). Holda muß sich also durch die lüfte bewegen können, wie frau Herke.

Sie liebt den aufenthalt in see und brunnen; zur mittagsstunde sieht man sie, als schöne weiße frau, in der flut baden und verschwinden, dieser zug stimmt zu Nerthus. sterbliche gelangen durch den brunnen in ihre wohnung, vgl. die benennung wazzerholdewenn der name brunnenhold im märchenbuch von Alb. Ludw. Grimm 1, 231 echt und überliefert ist, so bezeichnet er einen brunnengeist..

Auch das stimmt, daß sie auf einem wagen einherfährt. sie ließ ihn von einem bauer, der ihr begegnete, verkeilen, die aufgeraften späne waren goldähnliche sage bei Jul. Schmidt Reichenfels p. 152.. ihr jährlicher umzug, der wie bei Herke und Berhta auf weihnachten in die sogenannten zwölften verlegt wird, wo es nicht recht geheuer ist, und thiere wie der wolf nicht bei namen genannt werden, bringt dem lande fruchtbarkeit. nicht anders scheint Derk mit dem eber, jener niederländische Freyr (s. 177umzuziehen und nach den pflügen zu schauen. Gleich Wuotan fährt Holda aber auch schreckenhaft durch die lüfte und gehört, wie der gott, zu dem wütenden heer. daraus folgt die einbildung, daß hexen in Hollas gesellschaft fahren (s. cap. XXXIV die schneefrauen), schon Burchard wuste es, und noch ist Hollefahren, mit der Holle fahren in Oberhessen und im Westerwald gleichbedeutig mit hexenfahrtEstors oberh. idiot s. v.. in das wütende heer wurden aber nach dem weit verbreiteten volksglauben die seelen der ungetauft sterbenden kinder aufgenommen, da sie keine Christen wurden, blieben sie heidnisch und fielen heidnischen göttern zu, Wuotan oder Hulda.

Hieran knüpft sich, daß Hulda statt der göttlichen gestalt das aussehen einer häßlichen, langnasigen, großzahnigen alten, mit struppigem, engverworrenem haar annimmt. ›er ist mit der Holle gefahren‹ heißt es von einem, dessen haare sich unordentlich wirren und sträuben, und so werden die kinder mit ihr oder mit ihrem nicht weniger greulichen gefolge geschrecktErasm. Alberus fabel 16: ›es kamen auch zu diesem heer viel weiber, die sich forchten sehr, und trugen sicheln in der hand, fraw Hulda hat sie ausgesandt‹. Luthers auslegung der episteln, Basel 1522 fol. 69a: ›hie tritt fraw Hulde herfür mit der potznasen, die natur, und darf irem gott widerpellen und in lügen strafen, hengt umb sich ihren alten trewdelmarkt, den stroharnß (strohharnisch) – hebt an und scharret daher mit ihrer geigen‹. er vergleicht hier die gott widerspenstige natur der heidnischen Hulda mit der fürchterlichen nase (Oberlin s. v. potzmännchen), wie sie in stroh und trödellumpen vermummt unter geigenspiel auftritt.: ›still, der Hullebetz, der Hullepöpel kommt‹. Hollepeter (sonst auch Hersche, Harsche, Hescheklas, Ruprecht, Rupper s. cap. XVII Hausgeister) heißt der zur zeit der winterwende, in Holles geleit, umziehende vermummte knecht. In einem märchen (no. 24) wird sie als alte hexe mit langen zähnen geschildert; nach verschiedenheit der erzählung geht ihr freundliches holdes aussehn über in ein finsteres, schreckhaftes.

Holla wird wiederum als spinnende frau dargestellt, der flachsbau ist ihr angelegen. fleißigen dirnen schenkt sie spindeln und spinnt ihnen nachts die spule voll; faulen spinnerinnen zündet sie den rocken an oder besudelt ihnBrückners beitr. zum henneberg. idioticon s. 9 führt aus dem dortigen volksglauben an: ›am obersten (tag) kommt die Hollefrau (Hollefra, Hullefra) und wirft spulen herein. wer sie nicht vollspinnt, dem bricht sie den hals‹ (vgl. unten Berhta und Berhtolt und den Teufel). ›am obersten wird sie verbrannt‹, was an das austragen des todes und sägen des alten weibes (cap. XXIV) erinnert. Aus der beifügung von frau (vgl. gaue fru s. 209) erhellt der ursprüngliche, adjectivische sinn des namens. cod. pal. 355bb: ›ich wen, kain schusel (scheusal) in kaim rocken wart nie als heßlich als du bist‹.. dem mädchen, dessen spindel in ihren brunnen fiel, lohnte sie durch begabung. wenn sie weihnachten im land einzieht, werden alle spinnrocken reichlich angelegt und für sie stehen gelassen; fastnachts aber, wenn sie heimkehrt, muß alles abgesponnen sein, die rocken stehen dann vor ihr versteckt (abergl. 683); trift sie alles an, wie es sich gehört, so spricht sie ihren segen aus, im gegentheil ihren fluch, die formeln ›so manches haar, so manches gute jahr!‹ ›so manches haar, so manches böse jahr!‹ klingen alterthümlich. verwechselung scheint, wenn auch erzählt wird, in den zwölfnächten dürfe kein flachs auf der dieße bleiben, sonst komme frau Hollabraunschw. anz. 1760 no. 86 dieße ist der eingebundne flachs am rocken. brem. wb. 5, 284.. das verstecken des arbeitsgeräthes deutet zugleich auf die heiligkeit ihres feiertages, an dem gerastet werden sollhier wird man an Gertrud erinnert. krainische bauernkalender bilden die heilige ab durch zwei mäuslein, die an einer spindel (vretenò) mit flachsgarn nagen, zum zeichen, es dürfe an ihrem festtage nicht gesponnen werden. gleiches gilt von der russ. pjatnitza. (Kopitars rec. von Strahts gel. Rußland.). den ›samstag der Hulla‹ wird auf der Rhön keine ländliche arbeit verrichtet, weder gekehrt; noch gemistet, noch zu acker gefahren. auch im Norden soll sich von jultag bis zu neujahr weder rad noch winde drehen (dän. abergl. no. 134)Nachtrag: Die wurzel von goth. hulþs, propitius ist hilþan halþ hulþun, sich neigen (s. Löbe). Holle, Holda ist in Kärnten kuhname, in Dietr. drachenk. 160a. 164a heißt ein riese Hulle (str. 517. 518. 1019. 1020), aber str. 993: sprancten für frowen Hullen der edelen juncfrowen fîn. man hört in Thüringen auch frau Wolle und Rolle. Sommer s. 10. 11. Holda cod. fuld. no. 523. Frau Holla im rheinfränkischen. Frommann 3, 270. die Holl kommt! sagt man in Gießen, die Hulla auch jenseit des Mains im Würzburgischen. Kestler beschr. von Ochsenfurt. Wrzb. 1845. s. 29. frau Holle auch in Schlesien. obersächsisch hieß sie frau Helle. buch vom abergl. 2, 66, 67, frau Holt, frau Holt in Wolfs ztschr. 1, 273. 

Das älteste zeugniss für die Holda gewährt übrigens nicht Burchard von Worms, sondern Walafrid Strabo, indem er Judith, Ludwig des frommen gemahlin besingt:

organa dulcisono percussit pectine Judith,
o si Sappho loquax vel nos inviseret Holda etc.

Wenn nebel auf dem berge hängt, heißt es: frau Holle hat feuer im berge. im Elsaß heißt es beim schneefall: d’engele hans bed gemacht, d’fedre fliege runder, bei Gegenbach 427: die himelfedern fliegen, in Nassau: frau Holle schüttelt ihr bett. Kehrein Nassau s. 280. Neugeborne kinder holen die hebammen aus frau HollenteichFrauholdagraben ist ein flurname in Siebenbürgen. progr. über todaustragen 1861 s. 3. sie wäscht ihren schleier. Pröhle 198. Holle ist wie Berthe königin, führerin der elben und holden (s. 425) vgl. Titania und frau Venus. (fraue Bercht oder fraue Holt heißt es in Landskranna (?) himelstrasz. gedr. 1484. Gefken beil. 112.) frau Holle soll einen felsen in der gegend des Meisners auf ihrem daumen dahin getragen haben. hess. zeitschr. 4, 108. hier heißt eine höle kitzkammer, vielleicht weil ihr wie der Freya katzen heilig waren (s. 253). am Main zwischen Hassloch und Grünenwörth zeigt sich fra Hulle, ihre locken kämmend, auf dem Fra Hullenstein. wer sie sieht, verliert das augenlicht oder gar den verstand. frau Holle fährt in der kutsche, macht wirbelwind und verfolgt den jäger. Pröhle 156. 278. 173, sie gleicht der Pharaildis, Verild (s. anm. 890). andere sagen von frau Hulle in Herrleins Spessartsagen 179–184. in Thüringen gibt es noch ein frau Hollenspiel, hess. zeitschr. 4, 109. die Haulemutter (mutter Holle) am harz erscheint als altes mütterchen, macht sich klein und groß. Harrys 2 no. 6. Pröhle 278. vgl. Haulemännerchen = zwerge. KM. no. 13. ein bucklichtes mütterchen ist sie auch bei Sommer s. 9. sie geht an der krücke in Westfalen bei Haxthausen. auch kommt königin Holle als haushälterin und botin des Friedrich Rothbart im Kifhäuser vor, ganz wie Frau Venus im geleite Wuotans zieht. Sommer s. 6. oberhess. bedeutet ›meätt der Holle färn‹ verworrnes haar oder verworrnen rocken haben, auch wol nachtwandeln. einer hexe gleicht die Holle zu Warburg. Woeste mitth. s. 289 no. 24. vgl. verheuletes haar. Corrodi professer 59. einer mit struppichtem haar heißt hollekopf. zu ihrem stroharnß halte man den ströwenars anm. 665. Schlechten spinnerinnen droht man mit der verwunschenen frau s. Panzer beitr. 1, 84: wer samstags nicht abspinnt, dem fährt die Holle in den rocken und verwirrt ihn. vgl. die Kuga (s. 994).

Diese oberaufsicht über den feldbau und die strenge ordnung im haushalt bezeichnet ganz das amt einer mütterlichen gottheit, wie wir sie in der Nerthus und Isis kennen gelernt haben. Ihre besondere sorge für flachs und spinnen (das wesentliche geschäft deutscher hausfrauen, die nach spindel und kunkel benannt werdenRA. 163. 168. 470. ags. heißen die frauen friđovebban., wie nach speer und schwert die männer) führt aber unmittelbar auf die altn. Frigg, Ođins gemahlin, deren wesen in den begrif einer erdgöttin übergeht und nach der ein gestirn des himmels, Orions gürtel: Friggjar rockr (Friggae colus) benannt ist. zwar gewähren isländische denkmäler diesen namen nicht, unter dem schwedischen landvolk ist er im gebrauch geblieben (Ihre s. v. Friggerock). das gestirn heißt aber Mariärock, dän. Marirock (Magnusen gloss. 361. 376), weil die Christen den alten namen auf Maria, die himmlische mutter, anwandten. Bei den Griechen wurde spindel und rocken mehreren göttinnen beigelegt, vorzüglich der Artemis (χρυσηλάκατος Il. 20, 70) und ihrer mutter Leto, dann aber auch der Athene, Amphitrite und den Nereiden. alles stimmt zu Holda, die eine göttin der jagd (des wilden heers) und der brunnen ist.

Man könnte versucht sein, frau Holda aus einer gestalt des alten testaments herzuleiten. II Reg. 22, 14 und II Paralip. 34, 22 ist die rede von einer wahrsagerin הֻלְדׇּח Chuledda, Chulda, wofür Luther Hulda setzt; die LXX haben Ὀλδά, die vulg. Olda, die lat. bibel Viteb. 1529 und wahrscheinlich andere spätere Hulda, mit rücksicht auf Luthern, der die deutsche ›frau‹ Holda im sinn habend die jüdische prophetin popularisiert. mehrmals in seinen schriften gedenkt er des heidnischen wesens, eine stelle ist s. 223 angezogen. Ich weiß nicht, ob schon andere vor ihm beide namen verglichen haben, sicher aber ist die vorstellung von frau Holda nicht erst aus der ganz unbedeutsam auftretenden Olda der vulgata geschöpft, wie die tiefere wurzelung jenes namens in unserer sprache, seine allgemeine beziehung auf verschiedenartige geister und die uralte negation unholda zeigen.

Auch um der verwandtschaft nordischer überlieferungen willen würde man jenen gedanken fahren lassen. zwar kennt die eddische götterlehre keine, unserer Holda entsprechende, Holla; allein Snorri (Yngl. saga c. 16. 17) gedenkt einer zauberin (völva, seiđkona) namens Huldr, und eine spätere im 14 jh. abgefaßte isl. sage erzählt umständlich von dem zauberweib Hulda, Ođins geliebten, und der bekannten halbgöttinnen Thorgerđr und Irpa mutterMüllers sagabibl. 1, 363–366.. Noch wichtiger scheinen norwegische und dänische volkssagen von einer berg oder waldfrau HullaHuldraHuldre, die sie bald jung und schön, bald alt und finster darstellen. in blauem kleid und weißem schleier naht sie sich den weideplätzen der hirten und dem tanz der menschen, an dem sie theil nimmt, ihre gestalt wird aber durch einen schwanz entstellt, den sie sorgsam zu verbergen trachtet. nach einigen ist sie von vornen schön, von hinten häßlich. sie liebt musik und gesang, ihr lied hat traurige weise und heißt huldreslaat. in den wäldern sieht man Huldra als graugekleidete alte frau, an der spitze ihrer heerde, den melkeimer in der hand, einherziehen. sie soll den menschen ungetaufte kinder forttragen. oft erscheint sie nicht allein, sondern als herrin oder königin der berggeister, welche huldrefolk genannt werdennähere angaben findet man in Müllers sagab. 1, 367. 368. Hallager p. 48. Faye p. 39–43. p. 10. 15. 25. 26. 36. Frigge, nytaarsgave for 1813 p. 85. Ströms Söndmör 1. 538–59. Vilses Spydeberg 2, 419. Villes Sillejord. p. 230. Asbiörnsen an vielen stellen.. auch auf Island weiß man von diesem Huldufôlk, von den Huldumenn, und hier zeigt sich von neuem die berührung mit dem deutschen volksglauben, der neben der frau Holde zugleich holden, d. h. freundliche geister, ein stilles unterirdisches volk annimmt, dessen fürstin gleichsam frau Holde istNachtrag: Die Huldarsaga, sage von der zauberin Huldr, erzählt Sturle. vgl. den auszug aus Sturlunga im oldn. läseb. s. 40. Huldregespinst bedeutet in Norwegen einen weichen fast flanellartigen pflanzenstoff. bei Faye 42 ist Huldra grüngekleidet, bei Asb. 1, 48. 78. 199 hat die hulder einen kuhschwanz. bei ihm treten öfter einzelne und viele huldren auf, als eine einzige. auch in der mnl. Rose 5679 heißt es: hulden, die daer singhen. sind es meerfrauen? die hyllefru ist in Schweden bekannt, auch die Hildimoder. Geyer 1, 27. vgl. Dybeck 1845, 56.. Aus diesem grund schon wird es richtiger sein, die nord. benennung HullaHuldra aus dem altn. adj. hollr (fidus, fidelis, propitius), das dän. und schwed. huld lautet, zu erklären, nicht aus dem altn. hulda (obscuritas) mit beziehung auf die wohnung der berggeister unter der erde. in schwed. volksliedern finde ich huldmoder, hulda moder gleichbedeutend mit kära moder von der natürlichen mutter gesagt (sv. vis. 1, 2. 9), wonach also huld ganz den sinn unsers deutschen worts haben muß. wahrscheinlich kam der ausdruck huldufôlk erst aus der dänischen oder norwegischen sprache in die isländische. Schwerer zu deuten ist das in den formen HuldraHuldre eingeschaltete R; sollte es aus der pluralform hulder (boni genii, hollar vættir) herrühren? oder aus einer zusammensetzung?

Die deutsche Holda steht dem spinnen und ackerbau vor, die nordische Hulle der viehweide und dem melken.

Ein ähnliches wesen, wie Holda, oder ganz dasselbe, unter verschiedner benennung, erscheint gerade in den oberdeutschen gegenden, wo jene aufhört, in Schwaben, im Elsas, in der Schweiz, in Baiern und Österreichein theil von Franken und Thüringen kennt Berchta und Holda; wenigstens ist hier die grenze zwischen beiden. Matthesius in seiner auslegung der festevangelien s. 22 nennt frau Hulda und die alte Berchte nebeneinander.. es heißt frau Berchte, d. i. ahd. Perahta, die leuchtende, glänzendeunter den gefeierten jungfrauen der Menglöd ist eine Biört (Sæm. 111a), Menglöd selbst heißt sû in sôlbiarta (111b) und der vater ihres verlobten Svipdagr Sôlbiartr (112a). eine Menglöd in späterer sage erscheint einem im traum fornmannas. 3, 222. 223. und hinterläßt ihm wunderbare handschuhe., hehre, wie Holda den glänzenden schnee erzeugt; schon dem sinn des wortes nach eine gütige, freudebringende, aber selten wird sie noch so vorgestellt, gewöhnlich ist die grauenhafte seite hervorgehoben, sie tritt als ein fürchterliches, kinderschreckendes scheusal auf. in den erzählungen von frau Berchta herscht die böse bedeutung vor, wie in denen von frau Holda die gute, d. h. durch die christliche volksansicht ist Berchta tiefer als Holda herabgewürdigt. aber sie fällt auch zusammen mit frau Herke, Freke und andernNachtrag: Perahta, die leuchtende, gleicht durch ihren namen der Selene oder Lucina, der mondgöttin, der Diana oder Artemis. darum geht sie auch mit auf die wilde jagd, von hunden begleitet wie Hecate. darum ist im ndrd. Valentin und Namelos aus Berta Clarina gemacht. der Berhta oder Holda ist die litth. Lauma sehr ähnlich. sie ist erdgöttin und webegöttin. zuweilen wird sie in einem hause sichtbar, hilft den mädchen weben und ist schnell mit einem stück leinwand fertig. das mädchen muß dann den namen der laume errathen. räth es ihn, so gehört ihm die leinwand, räth es ihn nicht, so entfernt sich die laume damit. einer webenden laume sagte das mädchen: laume Sore pecziu auda důna pelnydama d. h. die laume Sore webt mit dem arme brot verdienend. sie hieß Sore und das mädchen behielt die leinwand. n. preuß. prov. bl. 2, 380. nach Schleicher wien. ber. 11, 104 ff. ist die laume ein böser alp, der nachts drückt, kinder stiehlt, gefräßig ist, doch auch am ufer badet, hilft und leinen bringt. sie ist verschieden von der (s. 345) besprochenen laima a. o. s. 96. 97. Nesselmann 353b..

Ihre identität ergibt sich am deutlichsten daraus, daß alle zu gleicher zeit, in den zwölften, zwischen weihnachten und neujahr, ihren umgang halten. doch ist für Berchta ein eigenthümlicher tag am schluß dieser periode bestimmt worden, den ich nie nach frau Holda benannt finde. nicht weniger gleichen sich ihre verrichtungen.

Berchta führt, wie Holda, aufsicht über die spinnerinnen, was sie am letzten tag des jahrs unabgesponnen findet, verdirbt sie (abergl. 512). ihr fest muß durch eine althergebrachte speise begangen werden, brei und fische. Thôrr sagt (Sæm. 75a), daß er ›sîldr ok hafra‹ (heringe und haber) zu nacht gegessen habe; die weiße frau hat dem landvolk auf ewige zeiten ein gericht fische und habergrütze verordnet, sie zürnt, wenn es einmal unterbleibt (deutsche sagen no. 267). den letzten tag im jahr beschließen die Thüringer im Saalfeldischen mit knödel und heringen. fische und mehlspeise galt den Christen geziemend für die fastenach den braunschw. anz. 1760 p. 1392 sollen, wenn frau Holla in den 12 nächten umgeht, keine hülsenfrüchte genossen werden. entweder misverstanden, oder auf bestimmte hülsenfrüchte zu beziehen..

Seltsam und alterthümlich klingt die rache der zürnenden Berchta, wenn fische und klöße fehlen: sie schneidet dem der andere speise an ihrem tag zu sich genommen hat, den leib auf, füllt ihn mit heckerling, und näht mit einer pflugschar statt der nadel, mit einer eisenkette statt des zwirns den schnitt am bauch zu (abergl. 525)im Voigtland wird fast dasselbe erzählt von der Werre oder frau Holle. die Werre hält am heiligen abende des hohen neuen jahres genaue revision, ob auch alle rocken abgesponnen sind; wo es nicht der fall ist, verunreint sie den flachs. auch muß an diesem abende polse, ein aus mehl und wasser eigen bereiteter dicker brei genossen werden: wer es unterläßt, dem reißt sie den leib auf. Jul. Schmidt Reichenfels p. 152. Den namen Werra (von den gewirrten, straubenden haaren?) lehrt schon Thom. Reinesius lect. var. Altenb. 1640 p. 579 (in den critischen anmerkungen zu Rhyakinus, d. i. Andr. Rivinus oder Bachmann, liber Kiranidum Kirani. Lips. 1638): ›nostrates hodieque petulantioribus et refractariis manducum aliquem cum ore hiante frendentem dentibus, aut furibundam silvescente coma, facie lurida, et cetero habitu terribilem cum comitatu maenadum Werram interminantur‹. Reinesius war aus Gotha (geb. 1587 † 1667), lebte aber zu Hof im Voigtland. die werre ist sonst ein schwirrendes grillenartiges ungeziefer (Popowitsch 620). mhd. sæjet diu Werre (Discordia) ir sâmen dar, Ms. 2, 251b (vgl. Troj. 385)Nachtrag: Der Werre ist Wandelmuot Ls. 3, 88. 1, 205. 208 verwandt. frô Wandelmuot sendet ihren scheidsâmen Ls. 2, 157. in dirre wîten werlde kreizen hât irresâmen uns gesât ein frouwe ist Wendelmuot geheißen. MS. 2, 198b. vgl. den säenden tod (s. 708) und teufel (s. 845). frou Wendelmuot hie liebe maet mit der vürwitz segens abe. Turl. Wh. 128a*.und in Selphartes regel (Wackernagels lb. 903) ist neben bruoder Zornli, bruoder Ergerli, ein bruoder Werra aufgeführt, der sîn herze mit weltlichen dingen also beworren hat, daz da niht mê in mag. hiermit kann die vorstellung des garn und haarverwirrens, die auch bei Bertha und Holda waltet, dennoch verwandt sein. am Zürchersee heißt sie de Chlungere, weil sie faulen mägden chlungel, kneuel in das unabgesponnene garn bringt. Albert Schott (deutsche colonien in Piemont) s. 282. in Baiern und Deutschböhmen wird Berhta auch durch die heilige Lucia, deren tag schon auf den 13 dec. fällt, vertreten. frau Lutz schneidet den bauch auf. Schmeller 2, 532. Jos. Rank Böhmerwald s. 137. vgl. die Lusse in Schweden. Wieselgren. 386. 387.. damit wird auch in andern gegenden gedrohtNachtrag: Das der Bertha hingestellte mahl erinnert an Hecate, der den 30. monatstag speisen vorgelegt wurden. Athen. 3, 194. gewisse fische sind Ἑκάτης βρώματα. Athen. 3, 146. 147. 323. zu dem mit heckerling gefüllten bauch halte man den hrîsmagi Laxd. saga 226. wie von der weißen frau, die dem landvolk speisen verordnet s. morgenbl. 1847. no. 50–52, so erzählt man von einer frau Borggabe, die dürftigen menschen geld und getraide gab oder borgte, wenn sie zu ihrer höle giengen und riefen: gnädige frau Borggabe. vgl. ahd. chorngëpâ Ceres, sâmokëpa saticena und Gibicho. wîngebe MB. 13, 42. otigeba (s. 741). Nycolaus von dem crumenghebe. a. 1334. henneb. urk. II. 13, 30.

[…]

Noch ein Snippet hierzu:

germanistik/personen/ehemalige/schmidt-knaebel/bechstein-texte/volkssagen/thueringer-sagenbuch

https://www.slm.uni-hamburg.de/germanistik/personen/ehemalige/schmidt-knaebel/bechstein-texte/volkssagen/thueringer-sagenbuch/thueringer-sagenbuch.pdf

“Als bedeutendste Erscheinung weiblicher mythischer Wesen tritt unbedingt in ganz Thüringen und Hessen die Holda, Hulda, Frau Holle (im Voigtland Frau Berthe oder Perchta) auf, und ein eigenthümlicher Brauch, der auf dieselbe Bezug hat, hat in Eisfeld ihren Namen verewigt. Am heiligen Dreikönigstage, demselben, an welchem die Perchta mit ihrem Heimchenheere, dem Huldevolke der nordischen Mythe, und die Perchtl in Tirol mit dem Seelenheere der ungetauft gestorbenen Kinder zieht, ward alljährlich zu Eisfeld die Frau Holle verbrannt. Die Sage vom Ursprunge dieses jedenfalls altheidnischen Feuerkults am Julfeste wurde aber/ fast bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Ein Nonnenkloster habe in Eisfeld gestanden, dessen Aebtissin, Juliane genannt, habe sich fleischlich vergangen und zwar mit dem bösen Feinde selbst, sei zweier Kindlein auf einmal genesen, und darauf zur Strafe solcher Teufelsbuhlschaft sammt den beiden Kindern verbrannt worden. Zum Gedächtniß dieser Sühne zog später Alt und Jung am Epiphaniassonntage nach beendigtem Nachmittagsgottesdienste mit Musik auf den Markt, sang ein geistliches Lied und rief sich dann scherzhaft einander zu: Frau Holle wird verbrannt. Nun war aber zu Eisfeld nie ein Kloster, und der Ursprung jenes Brauches reicht weit über die Klosterzeiten hinaus. (Bd I S. 1-3) ”

Alle Links: 11.11.23

Snippet: Der Wahnwitz vom Tierwohl, artgerecht, usw.

Aus einer Rezension von Karen Davis, United Poultry Concerns, über: The Humane Hoax: Essays Exposing the Myth of Happy Meat, Humane Dairy, and Ethical Eggs. Hope Bohanec, Editor, Lantern Publishing & Media, 2023. Vom 9. August 2023 > https://upc-online.org/bookreviews/230809_the_humane_hoax-essays_exposing_the_myth.html > Das Buch > https://lanternpm.org/book/the-humane-hoax/ > die Aktivist*innen-Seite > https://www.humanehoax.org/

“[…] Femivore stellen ihre Verachtung für die Tiere zur Schau. Im Gegensatz dazu verwenden die “spirituellen” Schlachter oder “respektvollen Mörder” eine Rhetorik der “Liebe”, des “Opferns” und der “Achtung”. Einer ehrfürchtigen Nachbarin zufolge “singt” eine Kräuterfrau zu ihren Schafen “und spreizt ihre Beine um Sie herum, als ob sie auf ihnen reiten würde, und schneidet ihnen dann die Kehle durch”. Ich habe sie nicht dabei beobachtet”, gibt die Nachbarin zu, “aber sie sagt, dass die Schafe immer sehr ruhig sind und ihr Schicksal akzeptieren. Sie ist sich sehr sicher, dass es ein Gabe ist mit der ihre Nachbarin ausgestattet ist.”

Dazu bemerkt Davis noch am Ende ihrer Rezension …

“Diese Tötungsmethode erinnert an Temple Grandins Befürwortung in Animals in Translation, Sex mit Schweinen zu Geschäftszwecken zu haben. Im Abschnitt “How to Make a Pig Fall in Love” (Wie man ein Schwein dazu bringt, sich zu verlieben) beschreibt sie Männer, die gefangene Schweine masturbieren und die Sauen dazu bringen, “für den Mann zu stehen”, und kommt zu dem Schluss, dass diese Schweinezüchter ‘die Natur der Tiere respektieren und ein gute Arbeit an ihren Tieren leisten.’ (p.104).”

Siehe hierzu:

E-Reader Gruppe Messel, Jahrgang 2, 2020, Heft 4, Thema: Tierrechte und Antispeziesismus sind immer realisierbar, Herangehensweisen (1). Vasile Stanescu: Warum es nicht genügt, Tiere zu lieben: eine feministische Kritik, S. 42, und
Christopher Sebastian McJetters: Radikaler Veganismus und die Sprache über Vergewaltigung in den Tierverteidigenden Bewegungen, S. 49

und

im Jahrgang 5, 2023, Heft 3,  Tierrechte: Gemeinsinn und Gerechtigkeit (1), Jim Sinclair, Autism rights movement: Wenn du etwas liebst, tötest du es nicht, S. 5.

Auch erinnert mich dies an ein Snippet, dass ich von vielen vielen Jahren mal hochgeladen habe:

Speciesist Sexual Exploitation > https://simorgh.de/marp/sexploited_151102.htm; sowie auch > im GM-Reader Jahrgang 4, 2022, Heft 2 auf Seite 84 > die Honigbiene > Fatale Ejakulation.

und natürlich:

die Interviews, die Gail Eisnitz mit Schlachthausarbeitern führte, in denen klar wird, wie “normalisierter” Mord normalisierter Mord ist – ganz gleich ob im industriellen- oder in kleinbäuerlichen Settings, wird Mord durch seine Skalierung nicht nicht zu etwas, was sich durch seine Transponation in irgendeiner Hinsicht ändern würde, außer in der, dass die Täter und Tätergruppe/n einen anderen Rahmen für ihr “Werk” und ihre Taten gewählt haben … siehe
> Tierautonomie, Jg. 5 (2018), Heft 5. Das Schlachthaus als Hauptort des institutionalisierten Zoozids.

Wer Tiermord nicht unter seinen psychologischen Aspekten betrachten kann, hat bereits die Sprache des Speziesismus soweit verinnerlicht, dass er Böses nicht mehr als solches erkennen und bezeichnen kann.

Und zu guter Letzt an dieser Stelle, auf X, ex-Twitter, bin ich auch auf eine Social Media Persönlichkeit gestoßen und es gibt ewig mehr natürlich als diese Person ist klar, die genau so etwas betreibt und solch eine Einstellung zu Tiermord pflegt, wie oben beschrieben:

Eine junge dynamische Mutter beschreibt ihre Gedanken darüber, wie man das Töten, so schreibt sie, doch nie verlernen würde. Sie führt aus: “Das Töten ist mir nie sonderlich schwer gefallen. Es gehörte Zeit meines Lebens dazu wie das Atmen. Willst du Fleisch essen, musst du vorher ein Tier töten. So einfach war das.” Es seien “immer die gleichen Handgriffe”, poetisch und pathetisch schreibt sie von einem  “sanfter Griff” und einer “sichere[n] Hand”, die dazu nötig seien. “Alles zurechtgelegt, damit es niemals hektisch wird. Die Vorbereitung war immer mein Ritual. Mit jedem Schritt, mit jedem Atemzug werde ich ruhiger. Wenn ich alle meine Dinge beisammen habe, sind Herzschlag und Atmung vollkommen im Einklang. Alles muss ordentlich sein, alles ruhig. Es geht um Frieden in diesem grausamen Akt.” (…)

Noch mehr “Weisheiten” von ihrer Vorstellung von Frieden:
“Ich habe viele Tiere sterben sehen. Und hören. Viele haben grausam geschrieen, wenn sie herausgezogen wurden, an den Hinterbeinen hochgerissen, bis der Tod als Erlösung kam.”
Als Nachtrag schlägt sie recht selbstgerecht auch noch weiter die Brücke zu Gnadentod-Euthanasie-Geschwurbel: “Interessanterweise war der Anlass für diesen Beitrag, dass ein Tier von seinen Qualen erlöst wurde. Nicht, um es zu essen.”
Es ist interessant welche Rollte gerade weiblich identifizierte Menschen gleichermaßen in der Szene spielen, seien es die Nitsch-Kunst-Jüngerinnen oder die Kleinbäuerinnen, die Jägerinnen, die Frauen, die sich gerne mit leiblichem Wohl befassen – aber auch in noch ganz anderen Bereichen sollte endgültig konstatiert werden, wie sehr in dem Punkt Menschen d’accord sein können. Um es milde auszudrücken.
Auf das sich die Geister scheiden!

Hasensiege

Der kluge Hase, der dumme Jäger

Heinrich Hoffmann, 1809 – 1894

Die Geschichte vom wilden Jäger.

Es zog der wilde Jägersmann
Sein grasgrün neues Röcklein an;
Nahm Ranzen, Pulverhorn und Flint’,
Und lief hinaus in’s Feld geschwind.

Er trug die Brille auf der Nas’,
Und wollte schießen todt den Haas.

Das Häschen sitzt im Blätterhaus
Und lacht den wilden Jäger aus.

Jetzt schien die Sonne gar zu sehr,
Da ward ihm sein Gewehr zu schwer.
Er legte sich in’s grüne Gras;
Das Alles sah der kleine Haas.
Und als der Jäger schnarcht’ und schlief,
Der Haas ganz heimlich zu ihm lief,
Und nahm die Flint’ und auch die Brill’,
Und schlich davon ganz leis’ und still.

Die Brille hat das Häschen jetzt
Sich selbst auf seine Nas’ gesetzt;
Und schießen will’s aus dem Gewehr.
Der Jäger aber fürcht’ sich sehr.
Er läuft davon und springt und schreit:
„Zu Hülf’, ihr Leut’! Zu Hülf’, ihr Leut’!“

Da kommt der wilde Jägersmann
Zuletzt beim tiefen Brünnchen an.
Er springt hinein. Die Noth war groß;
Es schießt der Haas die Flinte los.

Des Jägers Frau am Fenster saß
Und trank aus ihrer Kaffeetass’.
Die schoß das Häschen ganz entzwei;
Da rief die Frau: O wei! O wei!
Doch bei dem Brünnchen heimlich saß
Des Häschens Kind, der kleine Haas.
Der hockte da im grünen Gras;
Dem floß der Kaffee auf die Nas’.
Er schrie: Wer hat mich da verbrannt?
Und hielt den Löffel in der Hand.

Im Mittelalter gab es zahlreiche Abbildungen von kampffreudigen Hasen. Von Hasen gebratene Jäger > https://archivalia.hypotheses.org/114945 und z.B. Hasen braten einen Jäger am Spieß, Lorcher Chorbuch WLB Stuttgart Cod. mus. I fol. 64 139r > https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hasen_braten_einen_J%C3%A4ger_am_Spie%C3%9F.jpg (25.03.23)

Ein Hase im Wald (A Hare in the Forest) Hans Hoffmann 1585 · Öl auf Panel > https://www.meisterdrucke.at/kunstdrucke/Hans-Hoffmann/11583/Ein-Hase-im-Wald.html (25.03.23)

Quelle Bild und Text oben: Struwwelpeter 27. Auflage V. Die Geschichte vom wilden Jäger > https://www.hs-augsburg.de/~harsch/germanica/Chronologie/19Jh/Struwwelpeter/hof_5907.html (25.03.23)

The Story of the Wild Huntsman by Heinrich Hoffmann > https://castelvolante.com/the-story-of-the-wild-huntsman/ (25.03.23)

Jean-Bloé Niestlé

Jean-Bloé Niestlé. Unfortunately, you can find few images of the artist online. He inspired Franz Marc to artistically depict animals in a “non-zoological” way. These two paintings are quite different, very beautiful. Hope I can find more.

Jean-Bloé Niestlé. Leider finden man wenig Bilder von dem Künstler online. Er regta Franz Marc dazu an, Tiere in einer “nicht-zoologischen” Art und Weise künstlerisch darzustellen. Diese beiden Bilder sind recht unterschiedlich, sehr schön. Hoffe ich finde mehr.

Prämisse Tierobjektifizierer:in

Prämisse Tierobjektifizierer:in

Die pastorale Landwirtschaft, der klassische kleine Bauernhof, u.ä. waren mit der Wegbereiter zur Einstellung: Man könne Tiere nicht nur mental und physisch so weit herabsetzten, dass man behaupten kann diese Tiere töten zu können, im Sinne von ‚dürfen‘. Nein, man konnte daraus eine ganze Weltgeschichte in die Vergangenheit und in die Zukunft reichend über Mensch und Tier gestalten.

Die weiteren Schikanen und effektiven Foltermethoden, die man im Zuge industrialisierter Tierhaltungsvarianten als Praktiken eingeführt hat und an denen immer weiter gearbeitet wird, bauen alle auf dieser einen gleichen Prämisse auf. Wir legen hier unsere Geschichte, und wir legen hier die Geschichte der Tierheit fest. Wir praktizieren das, was wir wünschen.

Die modernen kleinen und großen Hochleistungsfolterbetriebe vor allem als Problem ihrer sekundären Auswirkungen auf die Ökologie hin zu kritisieren, heißt das ethische Kernproblem unangetastet zu lassen. Und so kommt es auch dazu, dass die Koppelung von Tiermord mit kultureller menschlicher Wertvorstellung weiter unangetastet bleibt.

Die Grundhaltung zu Deinem Gegenüber als ermordbar und als verzehrbare Tierleiche, als verwertbar, ist die ungerechte Prämisse des speziesistischen / tierobjektifizierenden Menschseins.

 

Buchprojekt in Kooperation mit Syl

Liebe Freund*innen,

ich bin zur Zeit beschäftigt mit einem neuen Projekt, das ich zusammen mit Syl Ko durchführe und über das ich mich außerordentlich freue. Ein Buch mit Illustrationen, bei dem der Text von Syl stammt und die Illustrationen von mir. Wie Ihr Euch denken könnt, wird es ein Tierrechtsbuch. Hier ein kurzer Blick auf einige der Protagonist*innen:

Der Eintrag vor diesem ist Passwortgeschützt, da ich hier Entwürfe teile, die aus ziemlich großen Bilddateien bestehen und die wir der Einfachheit halber lieber online teilen. Also, nicht irritiert sein. Danke!

 

Multidimensionaler Aktivismus statt intersektional

 

Multidimensionaler Aktivismus statt intersektional

Gita Yegane Arani und Lothar Yegane Arani (Prenzel)

Der Begriff der Intersektionalität wurde im Bereich sozialer Gerechtigkeit und juristisch-soziologischer Analyse von der afroamerikanischen Juristin Kimberlé Crenshaw Ende der 1980er Jahre geprägt. Er diente der Hervorhebung und Adressierung der Problematiken von Diskriminierung marginalisierter Gruppen in der US-amerikanischen Gesellschaft. Die Beobachtung, dass verschiedene Diskriminierungsformen im Bezug auf ein betroffenes Subjekt gleichzeitig und überlappend stattfinden können, wird heute soziologisch häufig beschrieben. Man spricht von Überschneidungen unterschiedlicher Diskriminierungsformen: so zum Beispiel von Schwarzen und (anderen) Menschen aus dem globalen Süden, bei „ethnisch“-argumentierenden Formen von Diskriminierung, von Frauen, von Menschen mit nichtnormativem Gender-Verständnis, von Menschen mit Behinderung aufgrund von „Ableismus“, von Menschen, die durch materielle Armut betroffen sind, usw.

Beim Thema „intersektionaler Veganismus“ werden nun auch Themen mit einbezogen, die die natürliche Umwelt und nichtmenschliche Tiere betreffen.

Klassischerweise beziehen wir die Perspektive von „Sozialsein“ primär nur auf Menschen, und so verstehen manche Menschen unter dem Zusatz „intersektional“ zu Veganismus, allein die sozialen und die politischen Komponenten, die der Veganismus für menschliche Gesellschaften in sich birgt – ungeachtet ihrer Zusammenhänge mit Tierleben und umweltethisch-ökosozialen Aspekten.

Die afroamerikanische Philosophin Syl Ko beschreibt Merkmale, die die Diskriminierungsformen ‚Rassismus‘ und ‚Tierobjektifizierung‘ unterscheiden:

Der Rassismus schließt Menschen aus der Gruppe der Menschen als „Untermenschen“ usw. aus, während die Herabsetzung oder Objektifizierung von Tieren beinhaltet, dass der Mensch sich überhaupt erst gar nicht in relevanter Weise mit dem Tiersein jemals befasst hat, und Tiere diskriminiert werden als ultimativer Ausdruck des Desinteresses und der Unkenntnis von ihnen.

Sie lehnt das Konzept „Speziesismus“ daher in seiner gängigen Form als unzureichend ab, in der man Rassismus, Sexismus, und die weiteren bekannten -Ismen, mit der man intrahumane Diskriminierungsformen unter Menschen beschreibt, nun um den Faktor „Spezies“ als Diskriminierungsfaktor, der sich auf Nichtmenschen bezieht, erweitert. Eine Beschreibung von Tierunterdrückung (Tierobjektifizierung, usw.) sollte, nach Meinung von Syl Ko, in ihrer besonderen Problematik abgebildet werden.

Syl Ko kritisiert ebenfalls am antispeziesistischen Diskurs, wie er gegenwärtig geführt wird, dass allgemein eine Spezies-Objektive Sicht auf Tiere angewandt wird. Dass aber genau der Objektivismus gefahren menschlicher verabsolutierter Perspektivität in sich birgt. Menschliches Verhalten muss sich selbst kritisch hinterfragen und korrigieren können. Syl Ko prägt in ihrem gemeinsam mit der Autorin Lindgren Johnson verfassten Essay: ‚Eine Rezentrierung des Menschen‘ den Begriff der Spezies-Subjektivität als Ort sozialer Interaktion zwischen den Spezies, und entbiologisiert und ent-objektifiziert so die Seite des Tierseins und spricht damit im Sinne einer vernünftigen neuen Tiersoziologie.

Wie geht man mit all den Kategorien sozialer Unterdrückung, sozialen Ausschlusses, sozialen Verkanntseins und mit den globalen Themen ökologischer Zerstörung um?

Die Schwester von Syl Ko, die afroamerikanische Autorin und Aktivistin Aph Ko, mit der Syl das in der Tierrechtsbewegung sehr beachtete Buch ‚Aphro-Ism: Essays On Pop Culture, Feminism, and Black Veganism from Two Sisters‘ im Jahr 2017 veröffentlichte, benennt einen wesentlichen Mangel am Konzept von Intersektionalität.

In ihrem 2019 erschienenen Buch ‚Racism as Zoological Witchcraft‘ schreibt Aph Ko, dass „raw oppressions“ (rohe Unterdrückungsformen) existieren und sie adressiert Unterdrückung nicht vom Standpunkt der Intersektionalität, sondern von der Perspektive einer multidimensionalen Befreiungstheorie aus.

Dazu erklärt sie: „Für eine wahre Befreiung empfehle ich kein intersektionales oder interdisziplinäres Denken: sondern ich ermutige zu einen „un-disziplinären“ Denken. Der einzige Weg, der uns weiterführt, besteht daraus, disziplinäre Logik zu transzendieren. Die Lehrfächer selbst (z.B. über „Rasse“/Rassismus, Gender, Klasse, etc.) sind bereits durch Kolonialität infiziert. Diese sozialen Kategorien sind aus einem unterdrückerischen System selbst hervorgegangen – aus genau dem System, das Aktivist*innen vorgeben zu bekämpfen. Indem sie die kolonialisierten sozialen Kategorien in ihrer „Intersektionalität“ beschreiben, hebt dies jedoch noch lange nicht die Struktur von Kolonialität auf, sondern wir umgehen dadurch lediglich die Arbeit, die wir innerhalb der Kategorien selbst zu erledigen hätten.“ (S.15)

Was viele Akademiker*innen und Aktivist*innen miteinander gemeinsam hätten, sei die bedauernswerte Neigung dazu, „Rassismus“, „Speziesismus“ und andere Gesichter von Unterdrückung als eigenständige zu trennende Themen zu begreifen. Dies zeuge von einer beharrlich bestehenden Kolonialität ihres Denkens. Theoretiker*innen, die sich mit Intersektionalität befassten, so warnt Aph Ko, behaupten, sie würden das Problem lösen, indem sie die Kategorien miteinander in Verbindung setzen. In Wirklichkeit würden sie jedoch das Problem verschlimmern, indem sie die Reifikation der Kategorien selbst zuerst verstärkten.

Was wir anerkennen sollten, so sagt Aph Ko, ist, dass weißes Überlegenheitsdenken (white supremacism) multidimensional zu analysieren ist – das heißt dieser Herrschaftsanspruch drückt sich in verschiedenen Registern aus, einschließlich derer von „Rasse“ und von „Spezies“, die allesamt gemeinschaftlich von Grund auf errichtet wurden.

Ethische Lebensweisen

Eine ethische vegane Praxis kann die kritische Kontextualisierung von Unterdrückungsmechanismen auf Tiere und nichtmenschliche Belange über die Speziesbarrieren hin erweitert thematisieren, siehe dazu beispielsweise in unseren Veröffentlichungen Beiträge von Anastasia Yarbrough, Amie Breeze Harper, Aph Ko und Syl Ko und pattrice jones. Diese Autorinnen stellen in ihren Argumentationen gegen oppressive Systeme unterschiedliche Bezüge zwischen Tierobjektifizierung und Herrschaft her.

Eine Überschneidung von Themenfeldern ist der ethisch-motivierten veganen Praxis vom Grundgedanken her inhärent. Unterschiedliche ethische Felder werden berührt, wobei am zentralsten die Themen im Bezug auf das Mensch-Tier-Verhältnis betroffen sind, weil hier eine Lebenspraxis definiert wurde, die Tierleben in ihren Interessen und Rechten versucht zu berücksichtigen. Der Objektifizierung von Tieren als Vermaterialisierung des Tierseins als Konsumgut wird entgegengetreten. Eine bewusste, achtsame und wertschätzende Ebene der Begegnung von Menschsein mit den Tiersein wird angestrebt. An tierrechtsethische Fragen binden sich ökologische Themen und auch diejenigen Fragen, die all das, was ‚ausschließlich Menschen’ anbetrifft, mit einbeschließen.

Ökologisches Bewusstsein und Gesundheit, als zwei tragende Säulen des Mainstream-Veganismus, sind wichtige gesellschaftspolitische Themen. Im Zusammenhang mit dem Veganismus ergeben sich zahlreiche Schnittstellen perspektivischer Ansätze, das heißt: Die ethisch-vegane Praxis und soziale/politische Positionen stehen in relevanter Korrelation miteinander.

Seit den frühen 2000ern existieren vegane Projekte, die sich solchen Schnittstellen zunehmend aufmerksamer zugewendet haben. Wichtige Themen sind dabei die Nahrungsmittelgerechtigkeit, Rassismus, Feminismus, Sexismus, Homophobie, Ableismus, usw. gewesen. Alle diese Themen wurden durch neue Projekte und Initiativen mit dem Veganismus und aus veganer Sicht kontextualisiert. Solche Projekte bildeten einen Kontrast zu einem veganen Mainstream, der Tier- und Umweltthemen in eher starren konservativen Kategorien betrachtet hat, und in denen eine reduktive Sicht auf Tier- und Umweltthemen oftmals dazu genutzt wurde, Themen intrahumaner Un-/Gerechtigkeit aus der Diskussion herauszuhalten.

Die reduktive Sicht von umwelt- und tierrechtsethischen Fragen gerät erst langsam in Erschütterung durch dekoloniale Diskurse, die imstande sind, klassisch-hegemoniale Kategorisierungen zu hinterfragen.

Organisationen, Gruppen und Initiativen wie beispielweise Sistahvegan und Vegans of Color, einige vegan-feministische und anti-ableistische Initiativen und Blogs oder Projekte, wie Microsanctuaries, die sich Speziessubjektivität zugewandt hatten, sind vegane Projekte dieser Art gewesen. Dort konnten wir erweiterte Perspektivmöglichkeiten in der Ethik sehen, bei denen durch verschiedene Schwerpunkte Akzente gesetzt und Denkanstöße gegeben wurden.

Vermieden werden soll durch die Kontextualisierung von Themenschwerpunkten, dass der Veganismus (und andere, ähnliche ethisch-ganzheitliche Lebenshaltungen) die Chance verpassen könnten ihr politisches Potential dazu zu nutzen, in der breite wirksame erweiterte Ansätze zu schaffen, durch die nichtmenschliche Tiere und die natürliche Umwelt verstärkt mit in den Mittelpunkt ethischer Hauptbelange gesetzt werden.

In allen uns bekannten themenübergreifenden veganen tierrechtsethisch-vertretbaren Projekten spiegelt sich der Gedanke wider, dass eine ethische vegane oder vergleichbare Praxis und Demokratie komplementäre Spieler sind, und dass man sich einig ist, dass hier noch zahlreiche weitere neue Wege beschritten und Möglichkeiten der Verbesserung erschlossen werden müssen.

Die Auseinandersetzung mit Schnittstellen politischer Themen wirkt manchmal wie ein Umweg, um spezifische Fragen herum und indirekt. Die Themenbreite im Auge beizubehalten ist in Diskussionen jedoch wichtig, besonders wenn die involvierten Themen zeitgleich und dringlich in ihren Zusammenhängen behandelt werden müssen. Die Schwierigkeit liegt oft darin, dass sich zwar eine Richtung abzeichnet, in der sich das gemeinsame Übel befindet: Ursachen von Unterdrückung, Zerstörung, Unrecht, Diskriminierung und Gewalt – dass es aber keine Allzwecklösungen gibt für die Unzahl komplexer Probleme, denen sich ein pluralistischer Aktivismus gegenübergestellt sieht.

Eines ist klar: wenn eine Aktivitstin über ihre thematischen Schwerpunkte spricht, seien es Tierrechts-, Menschenrechts- oder Umweltschutzbelange, heißt das nicht immer zwingenderweise, dass das Gesagte auch immer insgesamt weiterzuführen scheint. Vieles an Output, den wir von anderen Aktivist*innen erhalten, sind Dinge, die wir schon oft gehört haben, Dinge die leider nicht immer wieder neu auf ihre aktuelle Gültigkeiten hin überprüft oder upgedated werden, um sich an anderen wichtigen Erkenntnissen im Bereich Aktivismus zu orientieren. Auch stellt die Methodik der Heranführung an Fragen eine Herausforderung und besondere Aufgabe dar, der man sicherlich auch manchmal mit kritischer Selbstreflektion gerechter werden könnte.

Wie weit sind wir bereit dazu, die Rahmen unserer Herangehensweise stetig so zu erweitern, dass sie sich nicht allein auf die bislang mehrheitlich begangenen Wege beziehen, die oftmals zu einseitig und politisch zu wenig innovativ erscheinen?

Dort wo beispielsweise eine Form von Diskriminierung gegen Mitmenschen stattfindet, sehen wir unter Bezugnahme auf Tierrechte und Ökologie, dass Hintergründe von sowohl Unterdrückung als auch Zerstörung weiter zu fassen sind, als wir das bislang mit unseren segregativen Erklärungsmodellen tun. Rahmen müssen dazu neu gesteckt werden und multidimensionale Ansätze sind der einzig gangbare Weg.

Auch wir werden uns im Rahmen unseres ethischen Selbstverständnisses weiterhin nach derart Ansätzen umschauen, wie Tierrechtsethik, Umweltethik und Menschenrechte sich im spezifischen in ihrer wechselseitigen Verwobenheit von ihren Verfechter*innen her als demokratische Elemente mit eingebracht werden: Wie werden Menschenrechte, Umweltfragen und Tierfragen heute aus den Konzepten rausgeholt, die ein neues Denken über diese Kategorien bislang noch zu hindern scheinen? Zusammenhänge aufzuzeigen, führt sowohl zu umfassenderen Fragen, sowie zu umfassenderen und adäquateren Antworten.

Ursachen adressieren: Tierechte, Menschenrechte, Umweltethik

Tierleben werden mit Agrarwirtschaft und Konsumwirtschaft gleichgesetzt. Die Frage nach dem Tiersein selbst stellt sich nicht.

Die Gleichungen, die die Zusammenhänge zwischen > Umweltschäden, Tierleid und hungernden Menschen > als ‘in sich’ lösbar beschreiben, greifen zu kurz …

Gita Yegane Arani und Lothar Prenzel

Gleichungen zwischen Umweltzerstörung und Umweltschäden mit Menschenrechtsverletzungen und gesellschaftlich induziertem menschlichem- und tierlichem Leid und biopolitisch forcierter tierlicher Existenz sind problembehaftet. Sie werden normalisierend angewendet, ohne Zusammenhänge ausreichend zu kontextualisieren und ohne der Schwere der einzelnen Problematiken gerecht zu werden. Sie vermitteln jedoch als könne man drei Probleme als eines lösen und als seien außerhalb dieser Gleichung stehende, weitere globale- und regionale politische und gesellschaftliche Faktoren dabei nicht die Hebel, über die diese Probleme angegangen werden müssen.

Diese Gleichungen enthalten oftmals eine Dialektik, die vermittelt will, dass Tierleben respektiert werden sollen, und dass dabei die Problematik von Tierobjektifizierung (von Speziesismen) auf eine Waagschale gelegt werden soll mit der Komplexität der Problematik der von Menschen verursachten Umweltschäden und mit dem durch Argarpraktiken und weltwirtschaftlich induzierten Hungersnöten/Hunger.

Insbesondere vegane und vermeintlich ökozentrisch orientierte Argumentationen stellen die Themen Tierrechte, Umweltproblematiken und Menschenrechte in einer vereinfachenden Form dar, und umgehen dabei die Diskussionen, die für ein fundiertes Umdenken nötig wären. Die Überlegung, man könne diese drei absolut großen Problemkomplexe wegen ihrer gegenseitigen Verquicktheit ‘in sich’ lösen, trägt dazu bei, dass wirkliche Ursachen für diese Problemfelder noch weniger geklärt werden können […] und so weiter ungehindert operieren können:

Tiere

Im Bezug auf das, was Tieren durch die ‘Menschheit’ – als speziesistischem oder tier-objektifizierendem Kollektiv – zugefügt wird, macht eine vereinfachende Gleichung von „Tierleid, Umweltschäden und Hunger“ deutlich, dass die Frage nach Gerechtigkeit gegenüber tierlichem Leben für diese Argumentierenden lediglich ein sekundäres Anhängsel ist, und sonst als störend in der argumentativen Zielsetzung empfunden wird, obwohl aus Tierrechtssicht Gerechtigkeit speziesübergreifend in Zusammenhänge gesetzt werden sollte.

Hunger

Folgen von Kolonialisierung und Postkolonialismus auf die Ökologie, sowie auf politische und wirtschaftliche Verhältnisse, werden in solchen Gleichungen ebenfalls nicht thematisiert, sondern die Existenz von Tierkörpern wird als rechnerisch-quantitatives Umwelt- und Verteilungsproblem mit der globalen Nahrungsmittelungerechtigkeit aufgerechnet.

Hierdurch wird politisch entkontextualisiert und Tierkörpern wird eine Form von Schuld („da existierend“) zugewiesen. Um im Sinne von Tierrechten zu argumentieren, wäre es ein Leichtes zu benennen, woher die tatsächlichen Probleme rühren; das einfache Festmachen an Tieren/Nichtmenschen als Problem, ist diskriminierend und kann daher kritisch betrachtet werden.

Umwelt

Und schließlich die Ökologie als Teil dieser Art Gleichungsansätze: Umwelt wird aus einer vom dominanten Zeitgeist geprägten eurozentrischen, verwestlichten Sicht her betrachtet. Die Umwelt wird auf dem Status der Ressource gehalten, wobei zwischen dem Sein von “Mensch” und “Tier” eine Art Verteilungskampf vorgerechnet wird – in dem Tierleben selbst, und nicht ihre menschlichen Unterdrücker, Wasser verschwenden; tierliche Existenzen als Nachhaltigkeitsprobleme thematisiert werden; man sieht Tiere als Gefahr durch Zoonosen, während aber das durch Menschen verursachte Kranksein der Tiere als ethisch und moralisch irrelevant in den Hintergrund gerückt wird; Tierleben werden mit Agrarwirtschaft und Konsumwirtschaft gleichgesetzt. Die Frage nach dem Tiersein selbst stellt sich nicht, und so auch nicht die Frage nach den Erlebnissen und Geschichten, die diese Tiere haben.

Wie Tierleben, Umwelt und Menschen in solche Systeme hineinbefördert wurden und dort gehalten werden, sollte unserer Ansicht nach im Vordergrund stehen. Wir fragen uns weshalb solche verkürzten und nicht wirklich hilfreichen Gleichungen gemacht werden und dabei immer wieder vorausgesetzt wird, dass eine Vertiefung der Themenschwerpunkte nicht im breiten gesellschaftlichen Diskurs möglich sein sollte?

Indem wir Stillschweigen halten über

  1. Ursachen und Wirkung wirtschaftlich-hegemonialer Prozesse
  2. über Unrecht gegenüber Nichtmenschen und kompliziert funktionierende Diskriminierungsformen wie Tierobjektifizierung
  3. über eine entseelte Betrachtung des unabhängigen Wertes ökosozialer Kontexte

brechen wir kaum aus irgendwelchen Unrechtsgleichungen aus, die unsere globale Mitwelt anbetreffen.

Indem man den Resetknopf der Menschheitsgeschichte an der Stelle tätigen will, die voraussetzt, dass wir alle nur dann wirklich “für Tiere, für die Umwelt und für Menschen” sein können, wenn wir deren sich kreuzenden Problematiken eigentlich gleichzeitig nur in den Hintergrund rücken, auf Kosten einer notwendigen Klärung verschiedener Unrechtsfragen – erreicht man argumentative Verengung und lenkt vom Wesentlichen ab, nämlich von den Fragen nach den im Hintergrund fortwährend wirksamen Ursachen.