Tierrechte in der sozialen Praxis (1)

Warum sollten Tierbelange allein in den ihnen bislang zugeordneten Fächern erörtert werden, statt in einer debiologisierten Haltung ihnen gegenüber? „Ein Mensch zu sein“ wird als soziologischer Zustand begriffen, während nichtmenschliche Tiere und Tierlichkeit schlechthin in Kategorien einer (vermeintlichen und kausalistisch vorgestellten) „verhaltensbiologischen” Dominiertheit gerückt werden.

  • Tierlichkeit kann debiologisiert betrachtet werden
  • Existenzielle Vielfalt zu achten, beinhaltet dass breitere Perspektiven als die des allein Anthropozentrischen nötig sind
  • Die existenzielle Vielfalt, die Menschen und nichtmenschliche Tiere mit einbeschließt, als ein „wir“ zu verstehen, heißt: Wir können gegenseitig voneinander lernen, als soziale und als in ökologischen Zusammenhängen verstehbare Lebewesen

Antibiologistische Tiersoziologie

Why treat nonhuman concerns in assigned fields, instead of debiologizing the typical stances on animality? “Being a human” is still taken as a sociological state, while “nonhuman behaviour” is routinely relegated into the categories of being biologically driven/dominated.
– Animality can be seen in debiologized ways.
– Embracing existential plurality means wider perspectives than anthropocentrism are required
We can mutually learn as social and ecological beings.

antibiologistic antispeciesist animal sociology

 

Syl Ko und Lindgren Johnson: Eine Rezentrierung des Menschen

kts8

Jahrgang 8, Nr. 1, Art. 1, ISSN 2363-6513, März 2021

Eine Rezentrierung des Menschen

Syl Ko und Lindgren Johnson

Der Veröffentlichungsort des englischsprachigen Originaltextes: ‘RE-CENTERING THE HUMAN’ wird hier demnächst noch angegeben werden.

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Hintergrund: Was bedeutet es zu sagen, dass der Mensch ein moralisch gewichtiger Faktor sei. Menschen sind gewichtige Faktoren in dem Sinne, dass wir von ihnen verlangen, ihr Verhalten und ihre Weltanschauungen zu ändern. Mainstream-Tierethiker*innen wenden viel Zeit damit auf darzulegen, dass ‚Spezies‘ im Punkte moralischer Erwägungen ein irrelevanter Faktor sei, was dem Aspekt widerspricht, dass Menschen selbst das Problem darstellen, dass sie es sein müssen, die sich verändern, und dass diese ethischen Argumente schließlich auf Menschen abzielen. Es kann nicht einerseits von Menschen verlangt werden sich abstrahierend von ihrem Menschsein abzuwenden, wenn es auf der anderen Seite genau das „Menschsein“ ist, das der zentrale Fokussierpunkt in der ethischen Auseinandersetzung sein muss. Dabei geht es nicht um menschliches Überlegenheitsdenken. Ungerechtigkeit gegenüber Tieren muss in seinen eigenen Begrifflichkeiten reartikuliert werden, damit Parallelen zu zwischenmenschlichen Ungerechtigkeiten als Stützpfeiler unnötig werden. Die Gleichsetzung von zwischenmenschlicher Ungerechtigkeit mit menschlicher Ungerechtigkeit gegenüber Nichtmenschen, verdeckt den Grad, in dem Ungerechtigkeit gegenüber Tieren eine einmalige Form des Leids ist, für die wir verantwortlich sind. Solche Reformulierungen sind entscheidend, um einen kognitiven Wechsel im Sinne der nichtmenschlichen Tiere sicherzustellen.

Schlagworte: Tierrechte, Menschenrechte, Ökologie, Soziologie, Tiersoziologie

TIERAUTONOMIE,  Jg. 1 (2014), Heft 1.

Eine Rezentrierung des Menschen

Syl Ko und Lindgren Johnson

Der Mensch als universeller Bezugsrahmen wird typischerweise als Hauptursache unserer heutigen planetaren Leiden betrachtet. Um dies klar zu machen: Es ist nicht einfach so, dass Menschen die Verursacher des Niedergangs der Erde sind, indem eine große Mehrheit ihr Leben in der Art leben wollen oder leben müssen, dass Nachhaltigkeit und die Berücksichtigung anderer Lebewesen oder natürlicher Landschaften abwesende Prioritäten darstellen. Sondern, man geht davon aus, dass es ist die grundsätzliche Positionierung ist, in der Menschen sich selbst als Mittelpunkt im Bezug auf den Rest der natürlichen Welt platzieren, durch die der Planet oder immerhin viele Myriaden seiner Bewohner, einschließlich des Menschen selbst, auf einen Kurs ins Vergessenwerden oder in erbärmliches Elend gesetzt wurden. Was daraus folgt, ist die Annahme, dass die einzige Hoffnung auf eine Umkehr dieses Verfalls teilweise darin liegt, den Menschen zu de-zentrieren, nicht allein als vermeintlich großen Nutznießer all dessen, was die natürliche Welt zu bieten hat, sondern vor allem insofern, als dass die menschliche Perspektive nicht mehr als die zentrale betrachtet werden sollte.

Diese Ausgangspunkte skizzieren zwei Seiten, die in begrenzter, aber bedeutsamer Weise an die Debatte zwischen der römisch-katholischen Kirche und den frühen säkularen Humanisten erinnern, als es um die Position der Erde im Sonnensystem ging. Kurz erklärt verfügte die Kirche, dass die Erde der Mittelpunkt des Universums sei, statisch, und die Sonne und andere Himmelskörper würden um sie kreisen, während die Beobachtungen und Berechnungen einiger früher Astronomen ein deutlich anderes Bild aufzeigten; nämlich, dass es die Erde war, die sich um die Sonne drehte, und darüber hinaus, dass die Erde sogar nur eines von vielen anderen stellaren Objekten war, die diese Bahnen zogen. In anderen Worten, die Erde steht nicht im Mittelpunkt und sie ist auch nicht einmalig. Die Folgen der Dezentrierung der Erde waren zweierlei: erstens wurden exponentielle Fortschritte in der Astronomie/Astrophysik erzielt, die unser Leben und unser wissenschaftliches Denken in vorher unvorstellbarem Maße veränderten, und zweitens fand ein Wechsel in der Autorität von Wissenschaftlichkeit statt. Die frühen säkularen Astronomen stellten die Kirche als eine glaubwürdige Quelle für Fragen bezüglich der natürlichen Welt in Frage, wodurch infolgedessen nicht nur die Position der Erde im Kosmos hinterfragt wurde, sondern auch die Stellung des Menschen in der natürlichen Ordnung.

Der Erfolg, der durch die frühen säkularen Humanisten durch die Dezentrierung der Erde erlangt wurde, befördert aber auch eine andere, entmutigende Lektion, mit der diejenigen, die den Menschen dezentrierten möchten, sich auseinandersetzen sollten, und die – eingangs – nicht nur beunruhigend, sondern regelrecht entgegengesetzt zu ihren Zielen erscheinen könnte. Die Lektion beinhaltet die sorgfältige Unterscheidung zwischen dem Akt der evaluativen Zentrierung und der methodologischen Zentrierung. Dabei ist ersteres eine Beurteilung, die über die objektive Zentralität einer bestimmten Einheit oder Idee getroffen wird, und das zweite ist ein Anfangspunkt, von dem aus ein bestimmtes Projekt begonnen werden kann. Die frühere Verfügung der Kirche, dass die Erde der tatsächliche Mittelpunkt des Sonnensystems sei, und dass alle stellaren Objekte, einschließlich der Sonne, sich um sie herum bewegten, ist ein Beispiel evaluativer Zentrierung. Eine evaluative Zentrierung rechtfertigt typischerweise eine weitere moralische Schlussfolgerung, basierend auf der Beurteilung über die vermeintliche Zentralität einer bestimmten Einheit oder Idee. In diesem Fall ist die Erde der Ort eines besonderen einmaligen moralischen Narrativs, wie es in der Bibel dargelegt ist, dass die Erde angeblich der Mittelpunkt des Sonnensystems ist, sie von einer ganz anderen Beschaffenheit ist als alle anderen Himmelskörper und sie ist statisch. Die Astronomen, die für ein heliozentrisches Modell des Sonnensystems plädierten, unternahmen jedoch eine methodologische Zentrierung der Erde. Das heißt, es wurden Berechnungen und Beobachtungen angestellt, bei denen die Erde der bewusste Bezugspunkt war. In der Tat war es der methodologischen Zentrierung der Erde durch die Astronomen geschuldet – das heißt all die Kalkulationen und Beobachtungen wurden als auf der Erde stattfindend verstanden, Formeln und Erkenntnisse bezogen sich auf die Erde zur Venus und so von der Venus zur Sonne, usw. anstelle von Berechnungen „aus dem Nichts“ oder aus Sicht theologischer Beobachtungen aus einer „Perspektive Gottes“ – dass sie in der Lage dazu waren, die Erde somit evaluativ zu dezentrierten.

Nichts davon soll besagen, dass Forschungen in den Naturwissenschaften sich verhalten würden wie Forschungen in der Ethik. Es geht einfach darum, die Frage aufzuwerfen, was damit gemeint ist, wenn viele darauf bestehen, dass der Mensch dezentriert werde müsse, als ob der menschliche Bezugsrahmen und die Beurteilungen, dass menschliche Bedürfnisse und Wünsche objektiv zentral seien, identische Ansprüche seien. Wenn wir uns spezifisch den Fall nichtmenschlicher Tiere anschauen, dann wird die Gefahr deutlich, die in der Verwechslung beider Modalitäten der Zentrierung liegt, obgleich der grundsätzliche Punkt hier im Weiteren auch auf andere Fälle bezogen werden kann.

„Speziesismus“ ist der Begriff, der den weitläufigen und grundsätzlichen Mangel an Berücksichtigung von Tieren, die anderen Spezies als Homo sapiens angehören, beschreibt und erklärt. Der Begriff vermittelt, dass die Ungerechtigkeiten, die nichtmenschlichen Tieren widerfahren, in relevanter Weise vergleichbar sind mit Ungerechtigkeiten, die Menschen aufgrund menschlicher Konflikte widerfahren, so wie etwa Rassismus und Sexismus. Dieser Überlegung folgend ist das, was den “Speziesismus” vergleichbar zu Rassismus und Sexismus macht, dass in all den drei Fällen eine Eigenschaft, die moralisch arbiträr sein sollte – ob Rasse, Geschlecht oder Spezies – in moralische Überlegungen einbezogen wird, anhand derer ein Vorurteilsdenken gerechtfertigt wird. Mainstream-Tierverteidiger argumentieren dann, dass die Beachtung von Spezies im ethischen Denken, insbesondere der Gedanke, dass ein Mensch zu sein ein Grund für eine positive moralische Berücksichtigung sein könne, sich nicht anders verhält, als wenn jemand die Idee vertritt, dass weiß zu sein oder ein Mann zu sein ein Grund sein könne, um als moralisch relevant bewertet zu werden.

Ich beziehe mich auf Sichtweisen, bei denen angenommen wird, dass die Spezieszugehörigkeit bei moralischen Überlegungen irrelevant sein solle, als spezies-objektivistische Sichtweisen.  Der Spezies-Objektivist betrachtet den Menschen aus einer Perspektive außerhalb des menschlichen Beobachtenden, so dass er/sie Eigenschaften, Fähigkeiten oder Züge über Menschen in so ziemlich gleicher Weise betrachten kann, wie wenn er/sie sich irgendein anderes Tier ansieht. Für diejenigen, die auf der Seite der nichtmenschlichen Tiere stehen, lautet die Schlussfolgerung, dass es keine Eigenschaft gibt, keine Fähigkeit und kein Merkmal, über die Menschen verfügen, über die nicht immerhin eine Art von Tier ebenso verfügt. Aus diesem ‚objektiven, idealen‘ Bezugsrahmen heraus, dessen Inhalte sich auf die Naturwissenschaften beziehen, ist die Betrachtung, dass das Menschsein selbst ein moralisch gewichtiger Faktor ist, schlichtweg eine Frage des Vorurteils.

Spezies-Objektivisten können Menschen nur evaluativ dezentieren, indem sie Menschen methodologisch dezentrieren. Diese Strategie beinhaltet eine Abstrahierung hinweg von der Tatsache, dass Menschen sich selbst aus zweierlei Perspektiven betrachten; die erste ist dabei – wie Spezies-Objektivisten erkennen – eine Sicht aus einer externen Perspektive, so wie wenn wir eine Fledermaus oder einen Elefanten betrachten würden. Aber Menschen betrachten sich selbst auch und primär aus einer internen Perspektive, ein Blickpunkt, den wir nicht über andere Tiere einnehmen können und somit ein Zustand, über den wir im Bezug auf andere Tiere schweigen müssen. Auch wenn es stimmt, dass viele andere Tiere Freude erleben und Schmerz erfahren, eine Vielzahl von Emotionen erleben, sich erinnern, sich Dinge vorstellen und so weiter, so sind wir doch nicht in der Lage auf die Internalität dessen zuzugreifen, wie diese Erfahrungen aus derer Perspektive erlebt werden. Einfach gesagt sind wir nicht in der Lage dazu, die Sichtweise eines anderen Tieres subjektiv zu erleben.

Sichtweisen, die auf die innere Perspektive des Menschseins fokussieren, auf die ich mich als spezies-subjektivistische Sichtweisen beziehe, zeigen auf, dass die Frage über unsere Verpflichtungen gegenüber nichtmenschlichen Tieren besser begriffen wird, indem man sie explizit aus unserer Perspektive als Menschen her lokalisiert, statt innerhalb eines angeblich neutralen wissenschaftlichen Bezugsrahmens „aus dem Nichts“. In anderen Worten, im Gegensatz zu den Spezies-Objektivisten, glauben Spezies-Subjektivisten, dass der beste Weg um Menschen evaluativ zu dezentrieren darin liegt, den Menschen methodologisch zu zentrieren. Für diese Herangehensweise liegen zwei wesentliche Motivationen vor. Zuerst erkennt der Spezies-Subjektivismus, dass das, was Menschen ein moralisches Gewicht zuschreibt, nicht eine besondere Eigenschaft, Fähigkeit oder ein gewisses Merkmal ist, sondern, der Mensch selbst ist das Objekt menschlich moralischer Hinterfragungen, und das sich daraus ergebende Verhalten, legt die Bedingungen fest, unter denen andere Tiere (und andere Menschen) zu leben haben. Dies ist der gleiche Grund, warum wir unsere moralischen Erwartungen beispielsweise Bruno, der Katze, nicht aufzwingen; es wäre falsch zu sagen, dass Bruno intellektuell oder kognitiv in schwerem Maße behindert wäre, oder – auf der anderen Seite – dass es ihm an Empathie mangeln würde oder er antisoziale Tendenzen hätte, und er somit nicht wirklich Teil der Ergebnisse unserer moralischen Überlegungen sein könne, so wie wir es vielleicht für einige andere Menschen sagen würden. Stattdessen gehört Bruno zu einer anderen Lebensform, die seiner besonderen Spezies eigen ist, die uns insofern verschlossen bleibt, über die wir intellektuell keinen Besitz ergreifen können (und es auch nicht versuchen sollten zu tun) und die sich auch nicht in unsere intellektuellen Kategorien einordnen lässt.

Dies bindet sich eng an die zweite Motivation für eine Spezies-Subjektivistische Herangehensweise, die beinhaltet, dass eine echte und substanzielle moralische Berücksichtigung nichtmenschlicher Tiere erfordert anzuerkennen, dass andere Tiere selbst gleichermaßen spezies-spezifische Arten und Weisen haben, subjektiv in der Welt zu existieren, und dass sie über den Raum und die Freiheit dazu verfügen sollten, ihre eigenen Arten zu Leben zu gestalten und an ihrer eigenen Form zu leben teilzuhaben, ohne unsere Eingriffe oder zumindest nur mit einem Mindestmaß an Eingriffen unsererseits, in Fällen bei denen es nicht verhindert werden kann oder durch die zu einer gegenseitigen Bereicherung in ihrem Interesse beigetragen werden kann. Während eine spezies-objektivistische Herangehensweise darauf basiert nach den Gemeinsamkeiten zwischen Menschen und anderen Tieren zu schauen, als Grundlage für eine Tierethik, so akzeptiert der Spezies-Subjektivismus hingegen, dass Grenzen zwischen den Spezies existieren, und dass ein Teil dessen andere Tiere zu respektieren erfordert, eine Aufoktroyierung einer menschlichen Idee dessen, was ein (gutes) Leben für sie sei, ihnen gegenüber zu vermeiden. Die Anerkennung dessen, dass subjektive Realitäten für alle Tiere existieren, als primäre Orientierung in der Ethik, beginnt mit der Anerkennung dessen, dass wir, als Menschen, über eine spezifische subjektive Realität verfügen, die wir offenlegen müssen (denn wir sind ebenso Tiere) bevor wir für uns behaupten können, die subjektive Realität und die Formen von Leben anderer Tiere zu respektieren.

Wie sieht es aus, wenn wir Menschen methodologisch zentrieren? Eingangs muss gesagt werden, dass eine methodologische Zentrierung des Menschen darauf verzichten würde, Ungerechtigkeit gegenüber Tieren als „Speziesismus“ zu beschreiben oder zu erklären. Da wir den Menschen nicht aus der externen, sondern aus der internen Perspektive beschreiben, erkennen wir, dass menschliche Ungerechtigkeiten gegenüber anderen Menschen, und Ungerechtigkeiten, mit denen andere Tiere sich aufgrund von menschlichen Verhaltensweisen konfrontiert sehen, sich grundsätzlich voneinander unterscheiden. Die Schlechtigkeit (zwischen-)menschlicher Ungerechtigkeiten, so wie Rassismus oder Sexismus, rühren aus dem Ausschluss bestimmter menschlicher Populationen oder Individuen aus der grundsätzlichen Idee des „Menschseins“. In der Tat greifen rassistische oder sexistische Ideologien darauf zurück, Nichtweiße und Frauen respektive, entweder als Abweichungen vom idealen Menschen oder als nicht komplette Menschen zu deuten. Ein Mitglied der Spezies Homo sapiens kann dann von einem anderen Menschen als nicht-menschlich bezeichnet werden, als Tier, als Untermensch, als halber Mensch, etc. und es ist dieser Mechanismus, der die schädlichen menschlichen Ismen und die daraus folgenden negativen Konsequenzen erzeugt. Diese Schäden sind normalerweise nicht nur physisch, sondern von ihrer Qualität in besonderer Weise innerlich, als Schmerz der Entmenschlichung. Im spezies-objektivistischen Modell kann solch ein Mechanismus nicht erklärt werden, denn aus einer externen Perspektive ergibt es kaum Sinn zu sagen, dass ein Mensch kein Mensch ist. Aus einer externen Perspektive ist jedes Mitglied der Spezies Homo sapiens ein „richtiger“ Mensch und so macht es auch keinen Sinn zu fragen, warum als „Mensch“ betrachtet zu werden, eine Bedeutung haben kann in Fällen, bei denen es ausschließlich um Menschen geht.

Wenn der Ausschluss von Menschen aus der Idee des „Menschseins“ ein Mechanismus ist, der hinter zwischenmenschlichen Ungerechtigkeiten steckt, dann kann dieser Mechanismus Ungerechtigkeit gegenüber Tieren mit Sicherheit nicht erklären, denn es wäre absurd anzunehmen, dass eine positive moralische Berücksichtigung von Tieren beinhalten müsse sie als Menschen zu betrachten. Und mit Sicherheit verursacht die Zurkenntnisnahme dessen, dass andere Tiere keine Menschen sind, nicht von selbst aus eine negative, oder nicht vorhandene moralischen Berücksichtigung ihrer. Eine methodologische Rezentrierung des Menschen lässt somit einen wichtigen Weg zur evaluativen Dezentrierung von Menschen erkennen: Tierverteidiger müssen einen Weg finden, der allgemeinen Öffentlichkeit und sich selbst gegenüber, Ungerechtigkeit gegenüber Tieren in seinen eigenen Begrifflichkeiten zu reartikulieren und zu reformulieren, so dass Parallelen zu zwischenmenschlichen Ungerechtigkeiten als Stützpfeiler unnötig werden. Auch wenn dies guten Intentionen folgt, so verdeckt die Besessenheit damit, die Ungerechtigkeit gegenüber nichtmenschlichen Tieren zu erörtern als verhielte sie sich in relevanter Weise gleich zu zwischenmenschlicher Ungerechtigkeit, den Grad, in dem Ungerechtigkeit gegenüber Tieren eine einmalige Form des Leids ist, für die wir verantwortlich sind. Proteste, die sich gegen zwischenmenschliches Unrecht richten, befördern zwangsläufig (und zu Recht) die Fragen dessen, wie wir dies anderen Menschen antun können – das sind Gefühle, die ihre langen Schatten werfen, in dem Moment, in dem wir hier das Leiden eines Nichtmenschen mit zur Seite stellen.

Zusätzlich führt die Verwendung zwischenmenschlicher Ungerechtigkeit als Schablone zum Verstehen von menschlicher Ungerechtigkeit gegenüber Tieren logischerweise zu lächerlichen Anwendungen des „Inklusions“-Narrativs, das für die Sicherstellung von Gerechtigkeit für menschliche Gruppen, die geschichtlich gesehen von der Teilhabe an der Gesellschaft ausgeschlossen wurden, essentiell war. So sollen nichtmenschliche Tiere, in Konsequenz dessen, Heilmittel für das Unrecht sein, das wir ihnen antun. Obgleich die moralische Berücksichtigung von nichtmenschlichen Tieren selten ernsthaft verfolgt wird, so ist es doch lächerlich anzunehmen, dass die Ermutigung zu ihrer buchstäblichen Inklusion in Räume, die entworfen waren, um Menschen dienlich zu sein, die Antwort auf die Frage dessen sein kann, was es heißt, sie in unser moralisches Denken mit einzubeschließen.

Was hier beachtet werden sollte, ist, dass Spezies-Subjektivismus so auf eine enorme Spannung hinweist, die der Spezies-Objektivismus für ein allgemeines moralisches Denken benötigt. Spezies-Subjektivisten erkennen an, dass Menschen in praktischen Angelegenheiten – einschließlich ihres moralischen Denkens und Handelns, das auf einer täglichen Basis stattfindet – in erster Linie aus einer internen Perspektive heraus funktionieren. Die erfolgreichen ethischen Beziehungen, deren Beispiele wir in Freundschafen, Ehen, bei Menschen im Bezug auf ihre tierlichen Freunde, in Familien, etc. finden, bieten eine reiche Grundlage, um zu untersuchen, wie die lokalen Schemata und Netze des Lebens, die wir errichten und erhalten, intrinsisch die Parameter dessen bereitstellen, wie wir uns zueinander verhalten sollten. Von Individuen zu fordern, sich aus dieser Perspektive herausnehmen – der Perspektive auf der moralisches Denken stattfindet und aus der alle anderen positiven moralischen Beziehungen her rühren – um stattdessen die externe Perspektive anzunehmen, als Mittel zur Reflektion moralischer Fragen im Bezug auf nichtmenschliche Tiere, erscheint ein unnötiges Unterfangen zu sein. Wenn wir einen weitreichenden kognitiven Wechsel im Bezug auf nichtmenschliche Tiere erwirken wollen, dann kann dies nicht der Weg sein.

Ich habe versucht zu zeigen, dass ein unglaublicher Wert in der Hervorhebung einer Art der Zentrierung liegt, die eigentlich verschwinden soll, in Gegenüberstellung zu einer Art der Zentrierung, die für den Akt des Verschwindens unerlässlich ist. So wie die Dezentrierung der Erde in der Astronomie, so kann die Dezentrierung des Menschen in der Ethik tiefgreifende Auswirkungen haben, sowohl materiell – insofern, wie wir einen Unterscheid für die Gesundheit des Planeten und seinen Bewohnern bewirken können – sowie kognitiv – insofern, wie wir den Umfang und die Bandbreite ändern können, im Bezug auf Wesen, die als moralisch-zu-berücksichtigen gelten sollten und wir so unsere Position in der ethischen Ordnung rekalibrieren. Obgleich Menschen nicht weiter davon ausgehen können, dass sie evaluativ die Mitte bilden, wenn der Trend unseres kollektiven Verhaltens, das sich auf den Planeten auswirkt, umgekehrt werden soll, so ist es doch ein Fehler im gleichen Zuge zu glauben, dass dieses Projekt die Dezentrierung des menschlichen Bezugsrahmens erfordert. Es stimmt, dass wir versuchen die Welt zu ändern, aber um dies zu schaffen, müssen wir an aller erster Stelle den Menschen selbst ändern. Wenn irgendeine Hoffnung darauf besteht, dass eine moralische Revolution in den nächsten Jahren stattfinden sollte, dann muss dies eine Revolution menschlicher Perspektiven sein, und als solche muss die menschliche Perspektive an vorerster Front stehen und die Mitte bilden.

Kontakt: sylko@protonmail.com

Anmerkungen des Übersetzenden:

Ich verwende im Übersetzungstext für einen einfacheren Lesefluss das generische Maskulinum, damit soll inhaltlich aber keine Genderform ausgeschlossen werden.

Um sowohl Tierrechtler*innen als auch Tierbefreier*innen und mögliche weitere Tieraktivist*innen zu bezeichnen, übersetze ich das englische Wort „animal advocate“ hier als „Tierverteidiger“.

Den Begriff „human injustices“, den Syl Ko und Lindgren Johnson hier explizit auf Ungerechtigkeiten bezieht, die Menschen untereinander verüben, bezeichne ich differenziert in Hinsicht auf seine Bezugspunkte zum Teil als „zwischenmenschliche Ungerechtigkeiten“.

Ich verwende das Wort „Spezies,“ und nicht den im deutschen alternativ zur Verfügung stehenden Begriff „Art“, um das englische Wort ‚species‘ zu übersetzen, da das Wort „Art“ den Menschen sprachgebräuchlich nicht problemlos oder missverständlich umfassen könnte in den Bezeichnungen: Spezies-Objektivismus und Spezies-Subjektivismus.

Über die Autorinnen

Syl Ko ist Mitautorin von ‚Aphro-ism: Essays on Pop Culture, Feminism und Black Veganism‘ (2017); sie hat Philosophie an der San Francisco State University und an der University of North Carolina at Chapel Hill studiert, mit den Schwerpunkten Geschichte der Philosophie, Sozialontologie und Tierethik. Sie arbeitet als unabhängige Forscherin in Portland, Maine (USA).

Lindgren Johnson ist Autorin des Buches: ‚Race Matters, Animal Matters: Fugitive Humanism in African America, 1840-1930‘ (2018). Sie ist Dozentin an der University of Virginia (USA) am Department of English und ist dort auch Fakultätsberaterin für die Animal Justice Advocates der UVa.

Tierautonomie

Herausgeber: www.simorgh.de – ‘Open Access in animal-, human- and the earth liberation’. Revised 03/2021. Veröffentlicht mit der freundlichen Genehmigung den Autorinnen. Übersetzung: Gita Yegane Arani.

Zitation

Ko, Syl/Johnson, Lindgren (2021). Eine Rezentrierung des Menschen. TIERAUTONOMIE, 8(1), http://simorgh.de/tierautonomie/JG8_2021_1.pdf.

(Rev. 21.03.2021)

TIERAUTONOMIE (ISSN 2363-6513)

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Systemimmanenter Speziesismus als gesellschaftlicher Istzustand


Wenn man Speziesismus auf der kulturellen und nicht auf irgendeiner technokratischen Ebene betrachtet, dann ist einem klar, dass wir kulturell immer noch in einem speziesistischen System leben.
Aktivismus, der vorgibt der Faunazid wäre eine Beiwerk menschlicher Uninformiertheit, ignoriert, dass Speziesismus eine Geschichte intentionierter Abwertung von Nichtmenschen und deren Kulturen ist.
Wird auf sekundäre Symptomatiken, die infolge des Faunazids auftreten, als Argument gegen Speziesismus ausgewichen, bleibt das Verhältnis von Menschen immer noch bestehen, dass Tiersein und Tierlichkeit kulturell und gesamtethisch nonexistent und bedeutungslos wären.
Antibiologistische Tiersoziologie

Animal portrayals in language 1

CN: animal portrayals in language

Why do speciesists and antispeciesist alike verbally make/cite basic similar descriptions when it comes to talking about Nonhuman activities, referring to instinctual behavior patterns more or less? Observationwise they both obviously fetch their language from the same biologistic box. As if lived subjectivity, outside that of a “human” self, was non-describable. As if an idea of generic pictograms ruled our language about what in reality is the nonhuman autonomy missed by these portrayals per definition.

antibiologistic animal sociology

Grundsatzrechte


Tiermord soll also weniger ein Problem sein, wenn er in einem „Schlachtmobil“ stattfindet? Millionenfacher Mord macht den einzelnen Tod, der durch Gewalt beigebracht wird, nicht weniger entsetzlich und unvorstellbar.
Tiertode sind nicht weniger gewaltsam, wenn sie ein einzelnes Tierindividuum betreffen.
Tod ist immer Tod. Mord, Mord.
TIERRECHTE SIND GRUNDSATZRECHTE AUF LEBEN, ALLES ANDERE GEHT NICHT AN URSACHEN.

Speziesistische Herabsetzung: Schimpfwörter


„Sau“ und „Schwein“ werden als Schimpfwörter verwendet, weil menschlichen Mehrheiten die Nichtmenschen, die sie so benannt haben, fortwährend herabsetzen, und weil diese Tiere durch ihre intentionierte Verletzung und Tötung als uneinschränkbar vogelfrei gelten.
Antispeciest Animal Sociology

Gertrud Kolmar: Tierträume


Gertrud Kolmar

Eine faszinierende Sprache. Im Kontext mit unserem Interesse an “Erzälliteratur, Dichtung und Tierrechten” haben wir die Gedichte: Tierträume von G. Kolmar entdeckt und wollen daraus einige gerne den Leser_innen, die noch nicht mit G. Komlar vertraut sind, vorstellen. In diesem Zusammenhang empfehlen wir unbedingt auch sich diesen Blogeintrag anzusehen: A. Marie Houser: Literaturkörper: Erzählliteratur ist Aktivismus.

Aus: Getrud Kolmar – Tierträume. Quelle: LiteraTisch.de. Eine sehr empfehlenswerte Seite, die sich mit den im Nazi-Regime verbotenen Schriftsteller_innen befasst und ihrer gedenkt.

Trauerspiel

Der Tiger schreitet seine Tagereise
Viel Meilen fort.
Zuweilen gegen Abend nimmt er Speise
Am fremden Ort.

Die Eisenstäbe: alles, was dahinter
Vergeht und säumt,
Ist Schrei und Stich und frostig fahler Winter
Und nur geträumt.

Er gleitet heim: und mußte längst verlernen,
Wie Heimat sprach.
Der Käfig stutzt und wittert sein Entfernen
Und hetzt ihm nach.

Er flackert heller aus dem blinden Schmerze,
Den er nicht nennt,
Nur eine goldne rußgestreifte Kerze,
Die glitzernd sich zu Tode brennt.

Der Drache

So will ich liegen – da die Hand mir schweigt,
Da sich die volle Schale zu mir neigt,
Ein einz’ger Tropfen aus der Schale fällt,
Doch mit dem Tropfen die gekrönte Welt
Der Stille.

Es schwillt, es bildet sich und nimmt Gestalt.
Das Auge leuchtet tausend Jahre alt,
Und nun ihm brauner Fetzenflügel wächst,
Der Glanzschweif sich um Sternenespe hext,
Erkenn’ ich’s.

Schon kriecht es duckig, erzgeschuppt die Haut,
Den Klumpfuß meinem Teppich eingeklaut;
Aus seiner Pferdenüster, rundgebläht,
Tanzt Flammensense auf, die Träume mäht
In Schwaden.

Mit seinem Maule zückt es manches Wort,
Und wenn es redet, heb’ den Kopf ich fort;
Denn was es weiß, ist alles seltsam wahr,
Ist, wie der Mond von totem Froste, klar
Und scheinend.

»Sie haben aus den Höhlen mich gebannt,
Sie haben mit den Büchern mich verbrannt,
In finstren Napf gestellt ihr weißes Licht;
Es steigt an meiner Glut und will mich nicht
Erschlagen.«

»Und bin ich dienstbar nicht wie Stuhl und Tisch
Und minder selbst als Fittichtier und Fisch,
Doch bin ich Kap, daran dein Schoner birst
Und das du leugnest, bis du scheitern wirst
In Stürmen.«

»Du nennst die Inseln: Tod, Unsterblichkeit.
Hörst du das Leben, das aus Steinen schreit ?
Siehst du die Zuckungen des Staubgesichts ?
Du glaubst: Hier Gottes Himmel – dort das Nichts.
Ich bin ein Drittes.«

Aquarium

Immer wieder an ein Glas zu stoßen,
Immer wieder sich im Kreis zu drehn,
Statt geschmückt in wunderbaren, großen,
Lebenden Gewässern hinzuwehn.

Immer wieder sich an schalen Happen
Wohlzutun im laulich dumpfen Tang,
Statt mit kleinem, buntem Maul zu schnappen
Grünes Licht und kühlen, frischen Fang.

Immer wieder Härte anzufühlen,
Fahlen Sandes eine dünne Schicht,
Statt dem tiefen Grunde sich zu wühlen
An das braune, wärmende Gesicht.

Immer wieder Strand mit bösen Dingen,
Da das Fischlein krank und kämpfend liegt,
Wenn es heftig, unbedacht im Springen,
Seine karge Heimat überfliegt;

Nur ein rasch gehemmtes Auf und Nieder,
Kurze Blitze, links und rechts geschnellt,
Immer wieder, ach, und immer wieder
Kennt ein Ende diese kleinste Welt!

In den Fernen lagern schwarze Teiche,
Stirbt ein regenbogener Quellenfall,
Führt das weite Strömen seine Leiche
In ein Grab von fliehendem Kristall.

Auch die Fische mögen heimlich träumen,
Was ihr Herz wie Menschenbrust befreit:
Klare blaue Welle und das Schäumen
Süßer Meere der Unendlichkeit.

Der Rosenkäfer

Es ist ein elend Sein, es ist ein Ding der Dinge,
Der Splitter, abgefeilt von Gottes Siegelringe.

Ihr nennt es Junistern, der blauen Tagen gleißt,
Ich nenn’ es Zaubertier, gezeugt im Blumengeist,

Den uns kein Kräutermann noch Wunderarzt verhandelt,
Den höchste Alchimie allein erkennt und wandelt;

Denn dies, der Rose Licht und Blut, davon es zehrt,
Ist, was sich ihm zu grün und braunem Golde kehrt.

Die Rehe

O Frauen, die in Nacht zerrinnen!
O Männer, die an Weisern stehn!
Euch bleibt ein kurzes Sichbesinnen,
Dann müßt ihr wenden und vergehn.
Mag sein, in traurigem Vergeben,
Mag sein, in trotzigem Sichheben:
Ihr sinkt doch waldwärts mit den Rehn.

Die Rehe suchen reinre Pfade
Durch Indischmoos, an Brombeerwand;
Des Waldes lieblichste Ballade
Hegt Vogelnest, spielt Buchenhand,
Doch ihnen wachsen manchmal Träume
Aus Häuptern, kleine braune Bäume
Auf einem braunen Fleckchen Land.

So sanfte Augen. Drinnen dämmert
All ihrer Monde Zug und Hauch.
Ein Quell erklingt. Ein Blauspecht hämmert.
Ein Grünes gilbt am Haselstrauch.
Dann leiden sie Geflock und Winde,
So leiden Mütter still am Kinde,
So leiden sie die Kugel auch.

Sind hingestürzt und tot gefunden
Mit stumm zerbrochenem Gesicht.
Wer löschte achtlos ihre Stunden
Und hütet seine als ein Licht ?
Ist dieses Wesen denn so nichtig,
Nur euer Leben gar so wichtig ?
Ach, wüßtet ihr’s. Ihr wißt es nicht.

Quelle – eine empfehlenswerte Seite:
https://www.literatisch.de/gertrud-kolmar-tiertraeume.html

Links: 30.11.2019

Zoos und Antispeziesismus

Zoos und Antispeziesismus

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Text: Gita Yegane Arani, Gruppe Messel

Im Sinne aller nichtmenschlichen Tierfreunde/aller Nichtmenschen, lasst uns das Thema Zoos und Speziesismus verstärkt kritisch in den gesellschaftlichen Diskurs und nachthaltiger, und mit stärkerer Publizität in den allgemeinen veganen Diskurs einbringen! Und auf individueller Ebene: wenn Ihr vegan seid, dann betont ruhig insistent warum genau ihr Zoobesuche ablehnt und für den Schutz der Lebensräume in der naturgegebenen Freiheit seid. [1]

Zoos sind artifizielle Lebensräume in denen das Konzept des Lebensraumes selbst einen vollständig durchverwalteten Prozess darstellt. Das Leben der per Zwang bewohnenden nm-Tiere wird in allen Bereichen durchgeplant und ist für die Menschen ständig kontrollierbar und einsehbar. Der Gedanke des Zoos ist unumgänglich damit verbunden, dass das Leben von nm-Tieren ein über biologisch erklärbare Vorgänge organisierbares und fremdbestimmbares Leben zu sein habe. Die tierliche Autonomie wird den Nichtmenschen kategorisch abgesprochen und es wird auf minimaler Ebene vorgegeben, dass ausreichend Freiräume in der Gefangenschaft gewährleistet seien; Freiräume wiederum, die sich an biologistisch gedachte Determinismen angliedern lassen.

Aber die Würde bleibt auch dem, dem man sie vermeintlich nimmt – und ich glaube, das ist auch ein Grund weshalb Menschen immer wieder in Zoos gehen, so paradox dies klingen mag und so wenig das den Zoobesuch entschuldigt. Menschlicher Voyeurismus im Bezug auf die „Beobachtungslust“ von nm-Tieren ist eine allgemein gesellschaftlich als normal und richtig anerkannte „Neugier“ und eine Art „Lust“ an der vor allem visuellen Interaktion mit nm-Tieren in Gefangenschaft. Was der Mensch hier aber faktisch sieht sind würdevolle, trotz aller Widrigkeit integre, in problematischen bis hin zu grauenvollen Rahmenbedingungen untergebrachte Tierindividuen in Gefangenschaft, die den menschlichen Blicken und Kommentaren und Gebaren ausgeliefert sind. Das würdelose ist der Mensch in diesem Falle und der Rahmen, in denen er/sie die nm-Tiere zwängt.

Über verschiedene Fernsehsendungen wird eine vorgegebene Possierlichkeit der Lebenssituation für nm-Tiere in den Zoos gegenwärtig immer wieder propagiert. Was vermittelt uns solch eine heile-Welt-Aussicht auf die Zoos, warum haben wir Menschen ein Bedürfnis dort eine fiktive vorwiegend heile Welt in der Interaktion zwischen Mensch und nm-Tier zu betrachten?

Wenn ich in den Zoo gehen würde – ich tat dies zuletzt um Diskriminierungsmomente im Kontext Zoo gegenüber Wollschweinen schriftlich zu dokumentieren vor über zehn Jahren – so habe ich unmittelbar eine Form der Beziehung zu den Nichtmenschen, denen ich dort in Gefangenschaft begegne. Jeder von uns hat oder hätte das. Was mache ich aber mit dieser Begegnung, wie ordnen Menschen die Situation Zoo für die Nichtmenschen und sich selber ein?

Zoos sind keine statischen Institutionen, die ihr objektifizierendes Bild, das sie über Nichtmenschen vermitteln, in jeder Weise so aufrecht erhalten könnten. Längst wissen die meisten Menschen, dass die Menagerie ein voyeuristisches Gefängnis ist und dass sie selbst sich wie speziesistische Sadisten verhalten, indem die diese „Normalität“ als solche fortsetzen.

Das echte Problem ist nicht dass Menschen keinen Bezug zu nm-Tieren haben könnten, der in konstruktive Bahnen geleitet werden kann, durch die in der Mensch-Tier-Begegnung entstehende Synergie – man denke dabei an die endlos vielen Tiervideos in den sozialen Netzwerken die höchste Popularität genießen, wenn sie „tierlieb“ und „tierpositiv“ sind. Das grundlegende Problem ist der Analphabetismus über Speziesismus sowie Antispeziesismus respektive, der in der Gesellschaft eklatant vorherrscht. Und an diesem Problem können wir als Tierrechtler_innen was ändern.

Es gibt natürlich die extrem-speziesistischen Menschen, die meinen, was geht mich das an, ich konsumiere, ich arbeite, ich tue was für den (vermeintlichen) „Fortschritt“. Genau das sind aber die Leute, auf deren Einstellungen ein Großteil der gesamten gegenwärtigen Ökodestruktivität zurückzuführen ist. Menschen die meinen, die Erde sei da um ihren Wünschen und Zwecken zu dienen, die das Leben anderer zu instrumentalisieren suchen durch ihre Art „Fortschrittsgedanken“, die im Prinzip nichts anderes wollen als sich die Welt konstant untertan zu machen.

Der englische Philosoph Bertrand Russell beobachtete zur Funktionsweise menschlicher Hybris treffend folgenden Zyklus vom Privatmenschen bis zu einem fragwürdigen kollektivistischen Menschheitsgedanken, der alles außer sich in die Nutzbarkeit einer Marginalitätsrolle abrückt:

‚Höflichkeit ist die Praxis, den Teil einer Überzeugung eines Mannes zu respektieren, der sich besonders mit dessen eigenen Vorzügen und denen seiner Gruppe befasst. Jeder Mann ist, wo immer er geht, von einer Wolke beruhigender Überzeugungen eingehüllt, die sich mit ihm wie Fliegen an einem Sommertag bewegen. Einige dieser Überzeugungen beziehen sich auf sein Persönliches: sie bestätigen ihm seine Tugenden und Vorteilhaftigkeiten, die Zuneigung seiner Freunde und den Respekt seiner Bekannten, die rosigen Aussichten seiner Karriere und seine unbeeinträchtigbare Energie trotz seines delikaten Gesundheitszustandes. Als nächstes kommen seine Überzeugungen bezüglich der überlegenen Exzellenz seiner Familie; wie sein Vater die unbeugsame Standhaftigkeit hatte, die heute so selten ist; und seine Kinder mit einer Strenge erzogen hat die man kaum noch unter modernen Eltern findet; wie seine Söhne in den schulischen Sportwettkämpfen vor allen anderen liegen, und seine Tochter ist nicht die Art von Mädchen die eine unkluge Ehe eingehen würde. Dann kommen die Überzeugungen über seine Klasse, die nach seiner Beurteilung sozial die beste ist, oder die intelligenteste, oder die sich moralisch verdienendste all der Klassen in der Gemeinschaft – obwohl darüber eine Einigkeit unter Allen besteht, dass der Erste dieser Vorzüge wünschenswerter ist als der Zweite, und der Zweite mehr als der Dritte. Bezüglich seiner Nation erhält sich jeder Mann bequeme Illusionen, ‚Fremde Nationen, es tut mir leid das zu sagen, geht es so wie es ihnen halt geht.’ So sagte Mr Podsnad, mit diesen Worten einer der tiefsten Gefühle des menschlichen Herzens Ausdruck gebend. Schließlich kommen wir zu den Theorien, die die Menschheit generell lobpreisen, entweder absolut oder im Vergleich zur ‚vernunftslosen, tierischen Schöpfung’. Menschen haben Seelen, aber Tiere haben es nicht; der Mensch ist das ‚rationale Tier’; jede besonders grausame oder unnatürliche Handlung wird als ‚brutal’* oder ‚bestialisch’ bezeichnet (obgleich solche Handlungen tatsächlich unverwechselbar menschlich sind) (1); Gott hat den Menschen nach Seinem eigenen Ebenbild erschaffen, und das Wohlergehen der Menschen ist der letztendliche Zweck des Universums.’ [2]

Aber auf diesen „Menschenschlag“ wollen wir nicht hören, sondern uns auf diejenigen Leute konzentrieren, die offen sind für eine konstruktive soziale und ökosoziale Beziehung zu nm-Tierkulturen und der gesamten natürlichen Gemeinschaft.

Gute Materialien und Ansätze zum Thema Zoos und Antispeziesismus, die wir nutzen können um weltfreundliche Menschen von ihrem ethischen Analphabetismus im Bereich Antispeziesismus wegzubekommen sind meiner gegenwärtigen Meinung und Wissens nach beispielsweise folgende – wobei es natürlich weitaus mehr gibt. Leider sind insbesondere die Texte von Ralph Acampora, der wirklich ein Experte in Sachen Zookritik aus Tierrechtssicht ist, bislang nicht ins Deutsche übersetzt.

Zoos und Dekolonialismus:

Zoos waren anfänglich Repräsentativprojekte herrschender Imperien, in denen man Menschen und Tiere zusammen ausstellte. Weiterhin sind Zoos ein Zeugnis der ultimativen menschlichen Hybris, indem dort postuliert wird, man könne Ökosysteme künstlich nachspielen – eine Afrikanische Savanne in Philadelphia! Ein arktisches Meer in Florida! – und gefährdete Tierarten dadurch „retten“, indem man sie nicht in ihre Habitate zurückführt, sondern deren Reproduktion kontrolliert. Aus pattrice jones: Intersektionalität und Tiere; https://simorgh.de/about/pattrice-jones-intersektionalitaet-und-tiere/ , Stand 21.11.2018.

Moving Forward: So where do we go from here, knowing that racial and animal oppression are deeply entangled? We continue to take anti-speciesist stances ourselves. Speciesism occurs when humans are viewed as the superior species, which leads to the exploitation of animals. And so, in response to speciesism, we choose to live vegan lifestyles, through the food we eat, the clothes we wear, the skincare products we use, and our work to end factory farming, circuses, zoos and more. We use whatever resources we have to make a change, http://www.farmsanctuary.org/wp-content/uploads/2016/10/AA_VeganStarterGuide_WebVersion.pdf , Stand 21.11.2018.

Mehr Vegan Society Infos über Zoos

[1] Die Definition des Veganismus gemäß der Vegan Society: Veganism is a way of living which seeks to exclude, as far as is possible and practicable, all forms of exploitation of, and cruelty to, animals for food, clothing or any other purpose. Entertainment: Vegans choose not to support animal exploitation in any form and so avoid visiting zoos or aquariums, or taking part in dog or horse racing. A great alternative is visiting and supporting animal sanctuaries that provide safe and loving homes for rescued animals. https://www.vegansociety.com/go-vegan/definition-veganism , Stand 21.11.2018.

[2] RUSSELL, Bertrand, Sceptical Essays, Unwin Publishers Ltd., London, 1935, pp. 23-24. ‘Politeness is the practice of respecting that part of a man’s beliefs which is specially concerned with his own merits or those of his group. Every man, wherever he goes, is encompassed by a cloud of comforting convictions, which move with him like flies on a summer day. Some of these convictions are personal to himself: they tell him of his virtues and excellencies, the affection of his friends and the respect of his acquaintances, the rosy prospect of his career, and his unflagging energy in spite of delicate health. Next come convictions of the superior excellence of his family; how his father had that unbending rectitude which is now so rare, and brought up his children with a strictness beyond what is to be found among modern parents; how his sons are carrying all before them in school games, and his daughter is not the sort of girl to make an imprudent marriage. Then there are beliefs about his class, which according to his station, is the best socially, or the most intelligent, or the most deserving morally, of the classes in the community – though all are agreed that the first of these merits is more desirable than the second, and the second than the third. Concerning his nation, also, almost every man cherishes comfortable delusions, ‘Foreign nations, I am sorry to say, do as they do do.’ So said Mr Podsnap, giving expression, in these words, to one of the deepest sentiments of the human heart. Finally we come to the theories that exalt mankind in general, either absolutely or in comparison with the ‘brute creation’. Men have souls, though animals have not; Man is the ‘rational animal’; any peculiarly cruel or unnatural action is called ‘brutal’ or ‘bestial’ (although such actions are in fact distinctively human) (1); God made Man in His own image, and the welfare of Man is the ultimate purpose of the universe.’ (1) Compare Mark Twain’s Mysterious Stranger.

Das Schlachthaus als Hauptort des institutionalisierten Zoozids

kts8

Jahrgang 5, Nr. 5, Art. 1, ISSN 2363-6513, Oktober 2018

Das Schlachthaus als Hauptort des institutionalisierten Zoozids (PDF)

Hintergrund: In dieser Ausgabe der Tierautonomie stellen wir der Leserin vier Textquellen vor, die sich mit den Interna der Gewalt gegen Tiere in der Fleischproduktion und im Fleischkonsum befassen. Der erste Artikel von Michael Lebwohl adressiert die Gefahren psychischer Schäden bei Schlachthausarbeitern in Folge insbesondere eines durch die Täterschaft induzierten traumatischen Stresses. Folgend ein Auszug aus Elias Canetti Masse und Macht, in dem das Thema der Gewalt gegen Tiere in unterschiedlicher Form Gegenstand ist und Canetti das Einverleiben und Verdauen als einen im menschlichen Bewusstsein machtrelevanten Vorgang darstellt. Gail Eisnitz ist mit einer Präsentation über die Praktiken von Massentierhaltungsanlagen und Hochleistungsschlachthäusern repräsentiert, sie hat im Rahmen einer Untersuchung zahlreiche Interviews mit Schlachthausarbeitern durchgeführt. Abschließend eine Rezension des Vorsitzenden des Farm Animal Reform Movement, Alex Hershaft, von Gail Eisnitzs Buch Slaughterhouse. Die Investigationsarbeit von Eisnitz hat bis heute an Relevanz nichts verloren.

Schlagworte: Speziesismus, Schlachtbetriebe, Agrarindustrie, Ethik, Zoozid

Ein Gespräch mit Zülal Kalkandelen über zentrale Elemente des Tierbefreiungsaktivismus.

kts8

Jahrgang 5, Nr. 4, Art. 1, ISSN 2363-6513, Oktober 2018

Ein Gespräch mit Zülal Kalkandelen über zentrale Elemente des Tierbefreiungsaktivismus.

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Hintergrund: Zülal Kalkandelen ist eine prominente Journalistin, Autorin und vegane Tierbefreiungsaktivistin in der Türkei in Istanbul. Die vegane Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung in der Türkei ist beeindruckend groß und aktiv. Dies scheint uns „erstaunlich“ weil wir im Ausland so wenig von ihren Strategien, ihren Herangehensweisen, ihren Erfolgen und von den Problemen hören, denen die Aktivist_innen dort ausgesetzt sind, inmitten einer Situation, die stetig Probleme in Hinsicht auf die eigenen, ganz grundsätzlichen Menschenrechte mit sich bringen kann. Zülal leitet zur Zeit eine Kampagne gegen Pferdekutschen, dies Thema diskutierte sie auch in der säkularen türkischen Tageszeitung Cumhuriyet, für die sie regelmäßig als Kolumnistin schreibt [1].

Schlagworte: Interview, Zülal Kalkandelen, Tierbefreiungsaktivismus, Antispeziesismus, Turkei

TIERAUTONOMIE, Jg. 5 (2018), Heft 4.

Ein Gespräch mit Zülal Kalkandelen über zentrale Elemente des Tierbefreiungsaktivismus.

Buch-Aktivismus

Tierautonomie: Du hast vor kurzem Dein erstes Buch über Tierbefreiung veröffentlicht. In einer vorherigen Buchpublikation, die Du gemeinsam mit dem veganen anarchistischen Autoren Can Başkent verfasst hast, sprecht Ihr über die politische Bedeutsamkeit des Veganismus. Kannst Du uns etwas zu beiden Publikation sagen? Was sind die Hauptthemen die Du dort besprichst?

Zülal Kalkandelen: Das Buch mit dem Titel „Veganismus: Ethik, Politik und Kampf“ [Veganizm: Ahlakı, Siyaseti ve Mücadelesi] haben wir 2013 als E-Book herausgebracht. Es ist das erste Buch über Veganismus, das auf Türkisch erschienen ist. Can Başkent und ich wollten die Fragen beantworten, die Veganer_innen und Nichtveganer_innen im täglichen Leben zum Thema Veganismus so in Sinn kommen könnten. Gleichzeitig wollten wir Leute an die ethische Seite des Veganismus heranführen, in einer Zeit, in der der Veganismus in den Medien hier soweit nur als eine Ernährungsweise dargestellt wurde. Es ist ein sehr leicht lesbarer Text den wir in der Dialogform verfasst haben, bei der zwei Autor_innen, die beide langzeitige Veganer_innen sind, in verschiedenerlei Punkten zwei unterschiedliche Herangehensweisen an das Thema mitbringen. Bis heute haben mir viele Leute gesagt, dass dieses Buch sie dabei angeregt hat ihren eigenen Weg zu finden.

Mein Buch „Die vegane Revolution und die Tierbefreiung“ [Vegan Devrimi ve Hayvan Özgürlüğü], das ich dieses Jahr veröffentlicht habe, ist die soweit umfassendste Studie, die in der Türkei zu diesen Themenkomplexen erschienen ist. Ich betrachte darin, in welcher Art sich der Feminismus, die Umweltbewegung und der Marxismus mit der Tierrechtsproblematik auseinandersetzen und leite daraus meine intertextuelle Kritik ab. Im weiteren habe ich für das Buch einige Interviews mit ein paar prominenten Veganer_innen geführt. Ich sprach mit dem Musiker Moby, mit dem Musiker und Musikjournalisten John Robb, dem Mitbegründer des North American Animal Liebration Front Press Office Dr. Jerry Vlasak, dem japanischen Multi-Instrumentalisten und Komponisten Keiji Haino und dem veganen Präsidentschaftskandidaten der Humane Party in den USA Clifton Roberts, und ich versuchte dabei unterschiedliche Standpunkte und Sichtweisen im Bezug auf den Veganismus und den Tierrechtsaktivismus zu reflektieren.

Veganizm: Ahlakı, Siyaseti ve Mücadelesi; Veganismus: Ethik, Politik und Kampf (2013)

Vegan Devrimi ve Hayvan Özgürlüğü; Die Vegan Revolution und die Tierbefreiung (2018)

Tierautonomie: Dein Tierrechtsaktivismus ist erstaunlich effektiv, Du erreichst ein großes Spektrum an Rezipienten und erhältst viel Feedback. Kannst Du uns einen Tipp geben, wie ein Neuling seine/ihre eigenen Stärken und seine/ihre eigenen Wege im Aktivismus am besten entdecken kann? Was denkst Du macht Deinen Aktivismus so erfolgreich?

Zülal Kalkandelen: Ich befasse mich genau mit diesem Thema im letzten Kapitel meines neuen Buches. Es gibt unterschiedliche Herangehensweisen im Aktivismus. Auf der einen Seite gibt es Leute, die sich für einen langsamen stetigen Wandel einsetzen um ihr Ziel zu erreichen, und es gibt diejenigen, die ganz eindeutig sagen, dass wir den Tierbefreiungsgedanken voraussetzen, gleich vom Beginn an, und dass es richtig ist, dies der Gesellschaft kompromisslos zu vermitteln. Ich gehöre eher zu der zweiten Gruppe. Vor allem betone ich, dass der Veganismus und der Tierrechtsaktivismus unbedingt miteinander Hand in Hand gehen müssen und dass alle Aktivist_innen vegan sein müssen. Wichtig ist, den Aktivismus auf den Straßen nicht allein auf das Verteilen von Flugis zu beschränken, sondern den öffentlichen Rahmen dafür zu nutzen die Tatsachen zu zeigen, die hinter verschlossenen Türen stattfinden. Ich halte die Cube of Truth [2] Demo für eine sehr effektive Form des Protests. Es ist unbedingt notwendig die Medien, einschließlich der sozialen Medien, aktiv zu nutzen und wahrheitsgemäße Informationen zu teilen. Tierbefreiungsaktionen sind notwendig – auch um die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, dass die Befreiung von fühlenden Lebewesen, die gefoltert werden und denen ihre Lebensrechte aberkannt werden, ein Recht ist. Dies sollte uns vollkommen bewusst sein und zu diesem Bewusstsein sollten wir unumstößlich stehen. Die wissenschaftlichen Beweise, die unsere Argumente stützen, nützen uns in unserem Kampf. Uns muss auch bewusst sein, dass Dinge, die von allen zwar als Wahrheit anerkannt werden, in Wirklichkeit aber nicht unbedingt wahr sein müssen; in anderen Worten wir dürfen dem Druck der Mehrheit niemals nachgeben. Das Wichtigste ist, dass wir unsere Ziele niemals aus dem Auge verlieren, dass wir Geduld haben und dass wir unseren Mut nicht verlieren.

Hoffnungen auf den Undergroundmusikaktivismus

Tierautonomie: Außer Deiner journalistischen Arbeit, hostest Du auch das Radioprogramm Veganlogic. Musik und Kunst spielen politisch relevante Rollen. Denkst Du, dass Betrachtungsweisen, die nichtmenschliche Belange mit einbeziehen (d.h tierbefreiungsunterstützende Standpunkte) in Zukunft mehr Raum in der unabhängigen Musik- und Kunstszene finden werden?

Zülal Kalkandelen: Ich musste meine Radioshow im April beenden, da die Pflege eines Familienangehörigen nötig wurde. Selbstverständlich ist Musik ein sehr wichtiges Werkzeug zur Lenkung von Aufmerksamkeit auf soziale Themen. Ich habe viele Sendungen gebracht, in denen ich auf Songs über Tierrechte fokussierte. Man kann heutzutage nicht gerade behaupten, dass es eine Masse solcher Songs gibt. Das Thema ist fast ein Tabu. Selbst vegane Musiker_innen thematisieren Tierrechte in ihren Liedern eher selten. Es gibt diese Art der Bands allerdings in der Anarchopunk- und der Hardcore-Szene. Die Bands reflektieren in ihrer Musik Haltungen, die den Umweltschutz und die Tierrechte verteidigen, sowie Haltungen gegen Faschismus, Kapitalismus, gegen Autoritätssysteme, Sexismus und Homophobie. Dazu braucht es ein politisches Bewusstsein, dass sich entschieden gegen das System stellt. Du musst dich heutzutage von kommerziellen Erwartungen befreien können, um solch eine Musik zu machen. Denn diese Musik ist das Gegenteil von populär. Ich hoffe es wird davon mehr in der Zukunft geben, aber ich denke diese Musik wird immer ihren Platz in der Independent-Szene, in den Minderheits- und Undergroundströmungen beibehalten.

Eine ethische Revolution für die Menschheit

Tierautonomie: Alle Formen der Unterdrückung sind miteinander verbunden, aber jede weist ihre einmaligen und ihre spezifisch tragischen Eigenschaften auf, so wie etwa im Speziesismus das: „Lebensmittel sein“, das „an erster Stelle in biologistischen Begriffen definiert werden“, das „problemlos in der Ästhetik und der Kunst objektifiziert werden“ beispielsweise. Wie können wir die Spezifik der Unterdrückung nichtmenschlicher Tiere diskutieren, in diesem Sinne, und dabei aber auch zeitgleich das breitere Spektrum der Verbindungen verschiedener unterdrückerischer Systeme (Rassismus, Sexismus, Klassismus, Ableismus, …) mit im Auge behalten?

Zülal Kalkandelen: Es ist bewiesen, dass Tiere ebenso Gefühle haben, und die Menschheit muss daraufhin tun was notwendig ist. Wir müssen den Speziesismus hinterfragen, der dem Menschen eine Überlegenheitsstellung zuweist, und den Karnismus, bei dem die einen Tiere geschützt werden während die anderen geschlachtet werden, und, wir müssen den Status der Tiere als Individuen durchsetzen sowie deren Rechte zu leben ohne menschlicher Gewalt ausgeliefert zu sein. Dies stellt für die Menschheit eine ethische Revolution dar. Es ist speziesistisch zu denken, das Leben des einen fühlenden Wesens sei weniger Wert als das eines anderen. Solch ein Denken basiert auf den gleichen Fundamenten wie der Rassismus, der zwischen den Menschen als „Rassen“ unterscheidet und dem Sexismus, der qualifizierende Unterschiede zwischen Geschlechtern vornimmt. Das Schlachten von Tieren basiert auf einer anthropozentrischen Denkweise. Und genauso liegt hier der Grund, weshalb wir die Freiheit von Menschen, Tieren und der Erde im gleichen Zuge verteidigen. Wenn der ganze Planet ein gigantisches Schlachthaus für Tiere ist, wie können wir dann jemals erwarten, dass wir hier Frieden erleben würden? Die Menschheit muss sich dieser Wahrheit stellen. Es macht keinen Sinn sich konservativ an eine Vergangenheit zu klammern und diese auch noch zur Rechtfertigung der Fortsetzung von Ausbeutung anzuführen. Wenn alles immer weiter gehen würde wie gehabt, dann wäre weder die Sklaverei abgeschafft worden noch wären Frauenrechte jemals vereidigt worden. Um gegen alle Formen von Diskriminierung in gleicher Weise zu sein, müssen wir betonen, dass alle Lebewesen das Recht haben zu leben, ohne irgendeiner Form der Ausbeutung oder der Diskriminierung ausgesetzt zu sein. Die Diskriminierung von Tieren kann genauso wenig akzeptiert und hingenommen werden wie die Diskriminierung wegen „Rasse“, Religion, Weltanschauung, Geschlecht.

Umwelt- und Tierbelange gehen Hand in Hand

Tierautonomie: Glaubst Du wir können den Schutz der Umwelt (einschließlich des Lebensraumschutzes, Raum für Schutzrefugien in jeglicher Größe, Stichwort „Microsanctuary“) und die Tierrechte in einer eindeutigeren Weise miteinander verbinden? Und zwar so, dass die Beziehung zwischen der „Natur“ und den nichtmenschlichen Tieren als essentiell anerkannt wird, und dass wir somit den Schutz der Natur in die Tierrechte mit einbetten. Es ginge also auch darum, die Umwelt somit aus dem ihr zumeist zugeordneten Status herauszuheben, in dem sie betrachtet wird als „etwas, das als eine lebende Ressource zu dienen hat, für die Zwecke und den Nutzen menschlicher Interessen“?

Zülal Kalkandelen: Die „Nutztier“-Industrie ist die Industrie, die den Planeten am stärksten schädigt. Wenn die Tierrechte nicht in dem Umweltschutz mit einbezogen werden, dann hat der Kampf keine Chancen auf Erfolg. Du kannst kein_e Umweltschützer_in sein und gleichzeitig die Industrie unterstützen, die am stärksten für die Umweltkatastrophen verantwortlich ist. Wenn ich fragen würde, was ist das größte Umweltproblem in unserem Zeitalter, würde jeder wahrscheinlich sagen der Klimawandel und die globale Erwärmung. 13% der globalen Treibhausgasemissionen stammen von sämtlichen Transportfahrzeugen (einschließlich aller Land-, See-, Luft- und Schienenfahrzeuge). 51% werden verursacht durch die Tierzucht und ihre Subindustrien … eine pflanzliche Ernährungsweise reduziert den CO2-Fußabdruck um 50%. Im Amazonasgebiet wird eine Fläche Regenwald in der Größe eines Fußballfeldes jede Sekunde gerodet, und solch eine Fläche dieser Größe wird zerstört um gerade mal 250 Harburger herzustellen. Die Fleisch- und die Milchindustrien verwenden 1/3 der Wasserressourcen der Erde. 1/3 des Erdreichs verwüstet aufgrund der „Nutztier“-haltung. 45% fruchtbarer Landflächen werden für die „Nutztier“-haltung verwendet. Nach Aussage einer Untersuchung, die vom World Wildlife Fund durchgeführt wurde, sind 60% des Verlusts an biologischer Diversität der Fleischproduktion geschuldet. All dies zeigt, dass die Tierindustrie der wesentliche Grund für das Artensterben sind, für Totzonen in den Ozeanen, die Verschmutzung von Gewässern, den Verlust natürlicher Lebensräume und den Klimawandel. Die Menschen können diese wissenschaftlichen Daten nicht noch länger ignorieren. Die Natur hat ihre rote Flagge schon vor langer Zeit gehisst. Es muss anerkannt werden, dass die Welt nur ganz ist mit den Bäumen, mit den Tieren und mit Menschen.

Das grundsätzlichste Recht im Kampf um Tierrechte ist das Recht auf Leben

Tierautonomie: Tierrechte sind in jedem Teil der Erde und in jeder Ebene unserer Gesellschaften gleichermaßen relevant und der Speziesismus betrifft alle nichtmenschlichen Tiere in der einen oder anderen Art und Weise. Der Tierrechtsaktivismus scheint jedoch in mehrfacher Form gespalten zu sein. Wir haben zum Beispiel den Schutz wildlebender Tierarten auf der einen Seite und die Tierrechtsbewegung zum Rechte von sog. Farmtieren auf der anderen. Zur gleichen Zeit wird der Diskurs sehr von westzentrischen Sichtweisen über die Herangehensweise an Tierthemen dominiert. Denkst Du die Tierrechtsbewegung könnte in der Tat universeller und pluralistischer werden, um so der allgemeinen Situation die-Tiere-global-betreffender, speziesistischer Destruktivität entgegenzutreten?

Zülal Kalkandelen: Traurigerweise hindert die Spaltung im Tierrechtsaktivismus die Bewegung an mehr Effizienz. Wenn wir auf die eine Gruppe Tiere fokussieren und andere Tiere dabei ignorieren, hindern wir dadurch die Entwicklung eines gesellschaftlichen Bewusstseins für ein ganzheitliches Recht auf Leben. Um die zerstörerischen Effekte des Speziesismus zu eliminieren, müssen wir jegliche Ausbeutung, und zwar aller Tiere ohne jeden Unterschied ablehnen. Menschen die mit „Haustieren“ leben oder die sogar in einem Tierheim arbeiten, und die dann nachhause gehen, sich ihr Lammfleisch zubereiten und es vertilgen, sind einfach nicht nachvollziehbar. Leute in der Tierrechtsbewegung müssen vegan sein. Ansonsten könnte jede_r in dieser Welt seine eigene Art ausbeuterischen Verhaltens weiter nach außen hin rechtfertigen. Es ist deshalb so wichtig den Veganismus zu verbreiten. Das grundsätzliche Recht im Kampf um Tierrechte ist das Recht auf Leben. Was dabei wichtig ist, ist sicherzustellen, dass die vegane Bewegung auf einer ethischen Grundlage verbreitet wird und sie in die Tierrechtsbewegung zu integrieren. Und das ist genau das, was ich versuche zu tun.

Anmerkungen

[1] Wir haben zwei weitere relevante Quellen, die sich mit der veganen Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung in der Türkei befassen, vorgestellt, siehe:

Vegan Türkiye über intersektionalen veganen Outreach und die Rechte der Nichtmenschen, 2014, https://simorgh.de/about/vegan-turkiye-ueber-intersektionalen-veganen-outreach-und-tierrechte/ , Stand 12.10.2018.

Wir haben Can Başkent über Schnittstellen zwischen Atheismus und Tierrechten befragt, TIERAUTONOMIE, Jg. 1 (2014), Heft 3,  https://simorgh.de/about/wir-haben-can-baskent-ueber-schnittstellen-zwischen-atheismus-und-tierrechten-befragt/ , Stand 12.10.2018.

[2] Die Cube of Truth-Demonstrationen wurden von der Gruppe ‘Anonymous for the Voiceless’ im Jahr 2016 ins Leben gerufen und wurden seither von Tierrechtsaktivist_innen weltweit übernommen und verschiedenerorts durchgeführt, siehe https://www.anonymousforthevoiceless.org/ , Stand 12.10.2018.

Links

Zülal Kalkandelen auf Twitter: https://twitter.com/veganzulal

Seite: http://www.zulalkalkandelen.com

Die Tierrechtsgruppe die Zülal begründet hat: https://twitter.com/bhhtoplulugu

Tierautonomie

Herausgeber: www.simorgh.de – ‚Open Access in der Tier-, Menschen- und Erdbefreiung’. Revised 10/2018.

Zitation

Ein Gespräch mit Zülal Kalkandelen über zentrale Elemente des Tierbefreiungsaktivismus (2018). TIERAUTONOMIE, 5(4), http://simorgh.de/tierautonomie/JG5_2018_4.pdf..

TIERAUTONOMIE (ISSN 2363-6513)

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