Seelische / geistige / kognitive Vielfalt

Eine sehr schnelle Notiz, die ich gerade an jemanden aus meinem Freundeskreis als Mail und als Gedankenstütze für mich rausgeschrieben habe:

Ich setze mich gegenwärtig teilweise mir dem Thema intellectual disabilities und Inklusion auseinander und bin dabei nochmal auf das Behindertenrecht und die UN-Behindertenrechtskonvention gestoßen … . Psychische Erkrankungen, Demenz und geistige Behinderung treffen sich alle an dem Punkt, wo es um die Frage “normaler” kognitiver Fähigkeiten geht.

Bei einer Sendung über Inklusion im Radio [1] neulich hatte ich vermisst, dass man Menschen mit geistiger Behinderung als Radiomacher thematisch mit einbezieht. Auch hätte man das Thema Menschen mit geistiger Behinderung in higher education auch in dem Zuge mit thematisieren können, man sprach  allein über hochgebildete Menschen mit körperlicher Behinderung ( – zumindest wurde die spezifische Problematik, der sich Menschen mit “geistiger” Behinderung gegenübergestellt sehen, nicht explizit mit angesprochen. Da das aber ein ganz wichtiger Aspekt in der Frage von Inklusion spezifisch im öffentlichen Raum darstellt, hätte ich eine Thematisierung für sinnvoll empfunden.)

Ich stieß bei einer Suche im Internet auf wichtige Ansätze zu Inklusion von Menschen mit “geistiger” Behinderung (finde den Begriff “geistig” plus Behinderung schwierig, werde das an anderer Stelle unbedingt nochmal thematisieren): https://epale.ec.europa.eu/en/blog/facilitating-access-education-adults-intellectual-disabilities-why-fully-inclusive-models-work

Interessant sind die Trennungen, die wir machen zwischen geistiger Behinderung, Demenz und physischer / seelischer Beeinträchtigung, in Hinsicht auf eine Ableitung von “Normen” in Rezeption und Denken, die man mit diesen unterschiedlichen, als “unnormal” verstandenen Zuständen in Verbindung bringt.

Die Denkwelten von “nicht normal” funktionierender Kognition werden tendenziell als hyper-subjektiv und auf das denkende Subjekt isoliert betrachtet. Das heißt man geht tendenziell davon aus, dass, ein “unnormales” Denken nicht wirklich die Welt spiegelt , wie sie objektiv zu verstehen ist, oder ein “unnormales” Denken sei in seinen objektivitätsrelevanten Inhalten nicht sachlich vermittelbar. (Besonders gefährlich finde ich ist eine Deutung von anderem Denken als “Intelligenzminderung” oder “Minderbegabung”.)

Der gemeinsame Nenner in Welterfahrung zwischen Individuen, die die Welt unterschiedlich rezipieren, ist in dem Moment, in dem eine mentale Beeinträchtigung von der “Norm” vorliegt, aber nur deshalb nicht zu finden, weil das “normale” künstliche Eingrenzungen in Rezeption / Denken vornimmt.

Ich glaube man verlangt, was den Maßstab “normaler” Kognition anbetrifft, noch keine radikale Änderung an diesem “Normal”, das man durch Vielfalt (Denk- und Rezeptionsvielfalt) ersetzen könnte. Die Übergänge geistig-kognitiver Zustände sind fließend, so wie auch die von Behinderung und Nichtbehindertsein in Hinsicht auf körperlich “normal” oder “nicht-normal” im Allgmeinen … .

Links, die ich mir dazu spontan angesehen habe:

Sozialverband VDK: Psychische und seelische Behinderung

behindertenrechtskonvention.info: Menschen mit Behinderungen

behindertenbeauftragte.de: Die UN-Behindertenrechtskonvention

familienratgeber.de: Psychische Behinderung

Bildquelle: http://dhss.alaska.gov: Disability History Exhibit

[1] Kulturelle Vielfalt und Inklusion: Radio Inklusive – Barrierefrei am Mikrofon , sehr empfehlenswerte Sendung vom 13.05.2020 (Wiederholung) im DLF

Links: 14.05.2020

P.S. Aus Tierrechtssicht – ich bin in erster Linie ja Tierrechtler, daher diese zusätzlich Anmerkung – muss ich hierzu noch sagen, dass das Thema der Normbegriffe von Denken auch ein ganz wesentlicher Punkt ist, wenn wir uns die Diskussion über Tierrechte, Tiere-Kognition und Behinderung anschauen. Zum einen ist der Vergleich von Menschen mit kognitiver Behinderung und nichtmenschlichen Tieren problematisch, da a.) Behinderung ich sage mal ganz grob: falsch betrachtet wird, wenn es um geistige Kapazitäten geht (Stichwort: Denkvielfalt statt “Minderbegabung”) und b.) ist es falsch zu sagen, man würde nichtmenschliche Tiere reduziert betrachten, wenn man sie mit Menschen mit”geistiger” Behinderung gleichsetzen würde, weil das Tier voll entwickelt und nicht “behindert” sei. Dieser Ansatz existiert in der Tierrechtsdiskussion, bei dieser Argumentation wird in dem Moment aber ausgeblendet, dass Menschen mit geistiger Behinderung diskriminierend betrachtet werden hinsichtlich kognitiver Normen und es werden von genau diesen Tierrechtsproponenten weiterhin biologistische Schemen auf das Tierdenken wiederum angesetzt. Der Ansatz ist also in zweierlei Hinsicht untauglich oder unausgegoren.
Das Problem ist, dass sowohl Tiere als auch Menschen falsch betrachtet werden in dem Moment, in dem man beginnt verschiedene Körper und Geister miteinander zu vergleichen in Gegenüberstellungen zu einem vermeintlichen “Ideal” einer Norm, die der “normale” Mensch als Parameter quasi abgibt.

Dazu aber nochmal später auf meinem Tierrechtsblog: Stichwort Pluralitäten, Differenzierungen, ethische Schnittstellen.

Achtung Delir!

Ein Delir ist ein gigantisches Problem, das von Menschen, die keinerlei Ahnung davon haben, oft laienmäßig mit einer demenziellen Veränderung verwechselt wird. Die Folgen sind wirklich dramatisch, da ein Delir ein Hinweis auf gesundheitliche Probleme im Hintergrund darstellen kann. Ein Delir kann auf eine Dehydration des Körpers hinweisen. Auch wird der Mensch völlig falsch eingeschätzt, wenn man davon ausgeht bei ihm liege die Problematik einer Demenz vor und in Wirklichkeit trinkt der Mensch zu wenig und/oder hat einen zugrunde liegenden Infekt, der Vergiftungserscheinungen im Körper verursacht, die zu der Verwirrtheit führen.

Bei uns in der Familie ist es genau zu solch einer Situation gekommen. Oftmals lässt sich das Problem nicht dauerhaft lösen, da

a.) ein Mensch immer wieder eine zu geringe Trinkmenge zu sich nehmen kann (extremfall wäre sogar das bewusste Sterbefasten)

b.) ein Mensch immer wieder mal z.B. an einem Harnwegsinfekt leiden kann, insbesondere Frauen, was unerkannt wiederum zu der Symptomatik führen kann.

Das Delir und die Dehydration sind gesundheitliche Themen, auf die man ein größtes Augenmerk richten muss.

Man findet viel an Infos im Netz, dennoch trifft man immer wieder auf Uninformiertheit diesbezüglich.

Delir: Wenn man zeitweise verwirrt ist, https://www.aerzteblatt.de/archiv/139436/Delir-Wenn-man-zeitweise-verwirrt-ist (09.05.2020)

European Delirium Association (EDA), http://www.europeandeliriumassociation.org/ (09.05.2020)

http://www.ashfordstpeters.nhs.uk/delirium (09.05.2020
http://www.ashfordstpeters.nhs.uk/delirium (09.05.2020)
https://pediaa.com/difference-between-dementia-and-delirium/ (09.05.2020)
https://pediaa.com/difference-between-dementia-and-delirium/ (09.05.2020)

What’s the Difference Between Dementia and Delirium? https://www.crisisprevention.com/Blog/Difference-Between-Dementia-and-Delirium (09.05.2020)

Hydration and Delirium, https://caregiver.com/articles/hydration-and-delirium/  (09.05.2020)

Demenz, Sterbehilfe und Behindertenrechte


Abb. 1, Kunst mit Demenz

Abb. 2, Kunst ohne Demenz

In der Gesellschaft herrschen starke Vorurteile im Bezug auf kognitive ‘Einschränkungen’/ Veränderungen / Abweichungen. Dies schürt Ängste vor Krankheitsbildern, die demenzielle Veränderungen verursachen. Auch das Wissen darüber, dass Menschen mit demenziellen Veränderungen in der Gesellschaft kaum für sich selbst eintreten können, dass Demenz in fortgeschrittenen Stadien ein Ausgeliefertsein an äußere Umstände bedeutet, die oftmals Einschränkend sind, schürt die Ängste davor jemals den eigenen  “geistigen Verfall” erleben zu müssen.

Ängste, die sich eigentlich auf äußere Gegebenheiten betreffend einer demenziellen Veränderung beziehen, können Anlass dazu bieten, dass Menschen glauben, ein Leben mit Demenz käme automatisch einem Verlust der eigenen menschlichen Würde gleich.

Es ist jedem sein Recht an irgendeinen Status quo zu glauben, an dem er/sie seine eigenen Werte bemisst. Dass das Leben nur mit einer vermeintlich gesunden Art der Intelligenz funktioniert, kann ein Mensch für sich subjektiv annehmen, aber dieser Schluss sollte nicht verallgemeinert werden.

Eine Veränderung in der Kognition sollte nicht automatisch als Defizit gewertet werden.

Demenz ist eine Behinderung. In diesem Sinne poste ich ein paar spontan gesichtete kritische Links zum Thema Sterbehilfe und Behinderung:

https://notdeadyet.org/

Alison Davis: A Disabled Person’s Perspective on Euthanasia
https://dsq-sds.org/article/view/512/689

Alison Davis campaigned against legalising assisted suicide despite her own suffering
https://www.telegraph.co.uk/news/obituaries/medicine-obituaries/10512019/Alison-Davis-obituary.html

https://www.carenotkilling.org.uk/

Dr. Gregor Wolbring: Why Disability Rights Movements Do Not Support Euthanasia: Safeguards Broken Beyond Repair
https://www.independentliving.org/docs5/Wolbringeuthanasia.html

Elizabeth Picciuto: Why Disability Advocates Say No to Doctor-Assisted Death
https://www.thedailybeast.com/why-disability-advocates-say-no-to-doctor-assisted-death

‘It’s about people like me’: disabled and dead against euthanasia
https://mercatornet.com/its-about-people-like-me-disabled-and-dead-against-euthanasia/22151/

What’s the difference between assisted suicide and euthanasia?
https://www.bbc.com/news/uk-47158287

Abbildungen:

Abb. 1: https://www.boredpanda.com/alzheimers-disease-self-portrait-paintings-william-utermohlen/?utm_source=google&utm_medium=organic&utm_campaign=organic

Abb. 2: https://www.nytimes.com/2012/08/24/world/europe/botched-restoration-of-ecce-homo-fresco-shocks-spain.html

Links: 24.04.2020

Sterben ist erstmal kein Thema

Sterben ist erstmal kein Thema in der Ausbildung zur Pflegefachkraft mit der Spezialisierung auf die Altenpflege. Dies war auch der Grund, weshalb ich meine Ausbildung in dem Bereich nach 1 1/2 Jahren abgebrochen habe. In der Praxis ist man im Pflegeheim vom ersten Moment an mit dem sterbenden Menschen konfrontiert und dann auch damit folglich, wie in dem jeweiligen institutionellen Rahmen mit dem Sterbeprozess umgegangen wird.

Ich habe 20 Menschen in den 1 1/2 Jahren Ausbildung direkt oder eher indirekt beim Sterben begleitet oder bzw. ihren Sterbeprozess mitverfolgt. Diese 20 Tode sind sehr unschön verlaufen. Ich habe festgestellt, dass das Sterben ein sehr unzureichend adressiertes pflegeethisches Thema in der Praxis darstellt. Das Thema wird in der Gesellschaft zu wenig diskutiert und wenn auf häufig oberflächlicher Ebene.

Es finden in der Tat zahlreiche Widerlichkeiten in der Pflegepraxis statt: Menschen wird selten ein entsprechender Rahmen der Behaglichkeit und der emotionalen Sicherheit verschafft. Wird das Problem in der Pflegepraxis der Ausbildungsstätte oder der Schule thematisiert, erntet man wenig Verständnis und in meinem Falle wurde ich milde belächelt und als Unruhestifter abgetan.

Das Thema muss angegangen werden, aber wie? wo? von wem?

Es gibt Angebote > z.B. in FFM https://www.buergerinstitut.de/hospizdienst-und-palliativberatung/

aber sie werden zu wenig genutzt.

Antidiskriminierung und demenzielle Veränderung

Antidiskriminierung und demenzielle Veränderung
(Entwurf)

Die Behinderung ‘demenzielle Veränderung’ wird zur außergewöhnlichen und tragischen Belastung für den Betroffenen, wenn es zu Diskriminierungsmomenten kommt. Aber was ist diskriminierend für einen Menschen, dessen Kognition sich in der Art starker Form der Veränderung und vermeintlichen “Disfunktionalität” befindet?

Die Behinderung ‘demenzielle Veränderung’ stellt den betroffenen Menschen vor enorme Herausforderungen. Der Verlust oder eher die Veränderung kognitiver Vorgänge heißt eine komplette prozesshafte Umorientierung, eine Veränderung, die vom sozialen Umfeld als Abbau gewertet und wahrgenommen wird und die das gewohnte “Funktionieren” im Alltag zunehmend unmöglicher macht.

Aber ist es nur ein Verlust oder birgt die kognitive Behinderung auch Gewinne für den Betroffenen* in sich? Entwickelt der Betroffene neue, andere Perspektiven und treten andere Aspekte des Lebens in den Vordergrund, die wenig durch strikte Rationalität, dafür aber zunehmend durch sensiblere Nuancierungen kognitiver Wahrnehmung gekennzeichnet sind?

* Die maskuline Form bezieht sich hier auf alle Gender.

Demenz als Behinderung, Kurzfassung

Im Wesentlichen sind es drei Punkte, die mir in meiner ersten Auseinandersetzung mit dem Thema ‘demenzielle Veränderung’ und Momenten und Risiken der Diskriminierung eingangs besonders wichtig erscheinen:

1. Unterschiedlichen Vor- und Nachteile verschiedener Pflegetheoretischer Ansätze in diesem Kontext.

2. Fragen der Kommunikationskultur oder Unkultur. Ein Faktor, der in dieser ersten intensiven Erfahrung in der Pflege demenziell veränderter Menschen begleitend war, schien mir das Problem des Bildes, das wir uns vom Menschen mit Demenz machen, zu sein [I] , das bei Pflegern wie Angehörigen immer ein individuell unterschiedliches zu sein schien. Die Auswahl der Kommunikationsebene oder –art schien sich nach solch einem Bild zu richten. Die Frage die in der Pfleger-Pflegebedürftigen-Interaktion zumeist im Raum stand, war: „bekommt die pflegebedürftige Person im Prinzip alles mit“, „was bekommt sie mit“, „was versteht sie“ und „wie versteht sie was“. Lebt der dementiell veränderte Mensch „in einer eigenen Welt“ oder befindet sich diese Welt auch noch in einer gemeinsamen, geteilten, umfassenden großen Welt, in der verschiedene Realitätsempfindungen ihr Zuhause haben? [II; III]

Dazu:

[I] Kategorische Unterschiede in der Sichtweise über Demenz sind klassischerweise in einer rein medizinischen Sichtweise im Vergleich zu einer personenzentrierten psychologischen Sichtweise wie der von Tom Kitwood zu erkennen, siehe Möllering, Nina: Der person-zentrierte Ansatz von Tom Kitwood, https://bit.ly/2ubnuYOhttps://www.dgpalliativmedizin.de/images/
stories/M%C3%B6llering_Personenzentrierter%20Ansatz%20nach%20Kidwood_
Hausarbeit_%2019.04.2012.pdf
, 2012, S. 13, Stand 12.09.2017.

[II] Der Umgang mit demenziell Veränderten Menschen stellt Menschen vor viele Fragen. Wie ein Mensch mit Demenz sich fühlt und wie er das Leben erlebt hängt von weitaus mehr ab als von der Erkrankung bzw. Behinderung. Auf diesen Umstand wird immer wieder in Ratgebern über Demenz hingewiesen, so beispielsweise in Alzheimer’s Society (o.V.): Understanding and supporting a person with dementia, https://bit.ly/2qBqQBx
https://www.alzheimers.org.uk/info/20046/
help_with_dementia_care/31/understanding_and_supporting_a_person_with_dementia
, Stand 12.09.2017.

[III] Lunge, Angela: See the person, not the disease, with Alzheimer’s caregiving, 2014, http://www.mayoclinic.org/diseases-conditions/alzheimers-disease/expert-blog/in-dementia-caregiving-avoid-labeling/bgp-20096344 , Stand 12.09.2017. Siehe in diesem Zusammenhang auch eine Information der britischen Alzheimergesellschaft zum Thema: Gleichberechtigung, Diskriminierung und Menschenrechte: Equality, discrimination, and human rights (o.V.) , https://bit.ly/2zp0cnB , https://www.alzheimers.org.uk/info/20091/
what_we_think/141/equality_discrimination_and_human_rights
, Stand 24.09.2017.

3. Diskriminierung und Antidiskriminierung. Die Begleitung und die pflegerische Fürsorge für Menschen mit Demenz ist ein Bereich in der Pflege in dem die Überschneidungen seelisch-psychischer, physiologischer und sozialer Fragen ganz besonders in den Vordergrund treten. So fällt der dementiell veränderte Mensch im Zuge seiner Behinderung [IV][V] zunehmend aus der sozialen Rolle, die er vorher im Leben eingenommen hat, heraus und sieht sich mit einer Situation konfrontiert in der er ab einem gewissen Grad der Behinderung eine teilweise Lenkung seines Verhaltens von Außen zum Schutze seiner selbst erfährt. Es ist eine Gratwanderung für den Pfleger sowie für die Angehörigen, dass sich ein Abhängigkeitsverhältnis welches über das rein physische hinaus bis in seelisch-psychische Belange hineinreichen kann, nicht als eine Art der Bevormundung oder Fremdbeeinflussung anfühlt. Die britische Alzheimer Gesellschaft führt als mit den Menschenrechten unvereinbare Diskriminierungsmomente, die Menschen mit Demenz häufig erfahren, folgende Faktoren an:

– Altersdiskriminierung (Ageism)
– das Stigma und die Diskriminierung die häufig mit der Erkrankung bzw. Behinderung im Zusammenhang steht
– und der Mangel an Möglichkeit für Betroffene sich selbst gegen derart Vorfälle zu wehren und solche zu melden. [VI]

Die Wichtigkeit der Autonomiewahrung von Demenz betroffener Menschen und die damit verbundenen Problematiken müssen gesellschaftlich, pflegerisch und individuell eine besondere Beachtung unter dem Gesichtspunkt der Berücksichtigung der Menschen- und Behindertenrechte erfahren. Durch ein verbessertes Bewusstsein über die Situation dementiell veränderter Menschen kann auch der unbeabsichtigten oder fehlinformierten Diskriminierung entgegengewirkt werden.

Dazu:

[IV] Demenz sollte als Behinderung statt als Krankheit betrachtet werden, so fordert ein neuer Bericht der Mental Health Foundation: “Dementia should be considered a disability rather than a disease, maintains a new report from the Mental Health Foundation.” Dementia: Disability or Disease? (o.V.), 2015, http://www.mcknightsseniorliving.com/news/dementia-disability-or-disease/article/441747/ , Stand 24.09.2017. Der Autor bezieht sich dabei auf die Schlussfolgerungen dieses Diskussionspapiers der britischen Mental Health Foundation: Dementia, rights, and the social model of disability: A new direction for policy and practice?
https://www.mentalhealth.org.uk/file/1342/download?token=v-HKaVVi bzw. https://www.mentalhealth.org.uk/publications/dementia-rights-and-social-model-disability Stand 24.09.2017.

[V] Heidenreich, Ulrike: Demenz als Behinderung, Barrierefreiheit im Kopf, 2015, http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/demenz-als-behinderung-barrierefreiheit-im-kopf-1.2402536 , Stand 24.09.2017.

[VI] Equality, discrimination, and human rights (o.V.) , https://bit.ly/2zp0cnB , https://www.alzheimers.org.uk/info/20091/
what_we_think/141/equality_discrimination_and_human_rights
, Stand 24.09.2017.

 

Demenz als Behinderung I

Im Zuge einer pflegerischen Ausbildung hatte ich erste Berührungen mit demenziell veränderten Menschen und mit Herangehensweisen an die Thematik. Meine anfängliche Auseinandersetzung mit dem Thema lässt sich am besten anhand eines Lernerfahrungsberichts verdeutlichen, den ich zu dem Zeitpunkt erstellt hatte. Im nächsten Eintrag werde ich die wesentlichen Punkte aus dieser kurzen Arbeit herausfiltern, die auch den Einstieg in den Versuch einer antidiskriminatorischen Arbeit mit und für demenziell veränderte Menschen markieren sollen.

Hier also meine kleine Hausarbeit zum Thema:

  1. Einleitung

In dieser Hausarbeit geht es um die Begleitung und Pflege demenziell veränderter älterer Menschen. Im Rahmen der Praxisaufgabe wurden im Bezug auf zwei pflegebedürftige Personen die relevanten pflegerisch-medizinischen und biografischen Daten gesichtet um Rückschlüsse auf eine förderliche individuelle Herangehensweise an den pflegebedürftigen Menschen zu ziehen. Die daraus entwickelten Überlegungen zum eigenen pflegerischen Handeln konnten daraufhin in Rücksprache mit der Praxisanleitung im Ausbildungsbetrieb zum Teil eine praktische Umsetzung finden. Hier wird allein die daraus gewonnene Lernerfahrung beschrieben.

  1. Lernerfahrungen bezogen auf Aufgabe 3

In beiden Fällen – beide Bewohnerinnen leiden unter einer Alzheimer-Erkrankung in unterschiedlichen Stadien – konnte ich feststellen, dass abgesehen von den medizinischen Erfordernissen stetiger Durchführung der ärztlich angeordneten Behandlung vorliegender Krankheitssymptome, die ganzheitliche Pflege beim dementiell veränderten Menschen ein besonderes Maß an Aufmerksamkeit in der Betreuung erfordert. Die Pflegemodelle die sich speziell der Demenz zuwenden finden hier einen unumgänglichen Einsatz. In meinem Ausbildungsbetrieb wird mit dem psychobiografischen Pflegemodell nach Erwin Böhm gearbeitet. Ich habe die vom Pflegeteam erarbeiteten Einschätzungen der Bewohnerinnen nach Böhm gesichtet und soweit es mir nach meinem momentanen Kenntnisstand möglich war interpretiert. Durch die Kenntnisse aus der Berufsschule habe ich auch die Einschätzungsparameter von Kora van der Kooji und Naomi Feil in der eigenen Beobachtung hinzugezogen und mit den Parametern des Böhmschen Modells im Bezug auf die Pflegepersonen verglichen: Ein besseres Verständnis im Zugang zu beiden Bewohnerinnen haben mir alle drei Modelle ermöglicht und alle drei Modelle bieten dem Pflegenden wichtige Möglichkeiten der Einschätzung.

Die Anwendbarkeit praktischer Herangehensweisen in der Pflege und der damit einhergehende kommunikative Austausch mit den Pflegebedürftigen schien mir bei den drei Modellen verschieden leicht oder schwerer umsetzbar zu sein. So ist das Modell von Böhm komplexer in der empfohlenen Dokumentation und mehr auf das Ziel der Verbesserung des Zustands gerichtet [1], Naomi Feil fokussiert auf den direkten interagierenden Austausch der vorwiegend verbalen Kommunikation zwischen Patient und Pfleger [2] und van der Kooji gibt ganz konkrete Empfehlungen in der Interpretation des Handelns des Pflegebedürftigen um möglichen Spannungen zwischen Pflegebedürftigen und Pflegenden in herausfordernden Situationen entgegenzuwirken [3].

Ein Faktor, der in dieser ersten intensiven Erfahrung in der Pflege demenziell veränderter Menschen begleitend war, schien mir das Problem des Bildes, das wir uns vom Menschen mit Demenz machen, zu sein [4], das bei Pflegern wie Angehörigen immer ein individuell unterschiedliches zu sein schien. Die Auswahl der Kommunikationsebene oder –art schien sich nach solch einem Bild zu richten. Die Frage die in der Pfleger-Pflegebedürftigen-Interaktion zumeist im Raum stand, war: „bekommt die pflegebedürftige Person im Prinzip alles mit“, „was bekommt sie mit“, „was versteht sie“ und „wie versteht sie was“. Lebt der dementiell veränderte Mensch „in einer eigenen Welt“ oder befindet sich diese Welt auch noch in einer gemeinsamen, geteilten, umfassenden großen Welt, in der verschiedene Realitätsempfindungen ihr Zuhause haben? [5][6]

Betreffend der Schwierigkeiten in der Kommunikation, die immer wieder auftreten konnten in den individuellen pflegerischen Situationen, habe ich bei den interagierenden Parteien – seitens des Pflegepersonals, der Angehörigen und der Demenzbetroffenen selbst – mehr oder weniger starke Spannungsfelder beobachten können. Ich hatte dabei nicht den Eindruck, dass die Pflegebedürftigen sich kommunikativer Spannungen emotional nicht oder weniger gewahr gewesen wären; ganz im Gegenteil ließ sich auf ihrer Seite häufig eine emotional hilflose Reaktion in Situationen gemeinsamer kommunikativer Schwierigkeiten innerhalb von Interaktionsmomenten beobachten.

Eine häufige Problemsituation scheint die von Böhm beschriebene Wichtigkeit in der Beachtung der Adaptionszeit des Pflegebedürftigen zu sein [7]. Ein Impuls wird seitens des Pflegenden gegeben und der Impuls muss nun auf der Seite des demenziell veränderten Pflegebedürftigen verstanden und in eine Reaktion umgesetzt werden. Der Pflegebedürftige soll beispielsweise essen, trinken, sich setzten, etwas greifen, laufen und ist durch seine Erkrankung bzw. Behinderung in seinem Handeln aber unsicher und mehr oder weniger desorientiert oder „anders orientiert“; solche Momente stellen Situationen dar die das Risiko von Spannungsfeldern mit sich bringen.

Die Lösung der Problematik in der pflegerischen Interaktion mit dementiell veränderten Menschen liegt in der Anwendung pflegerischer Modelle wie der von Böhm, Feil, van der Kooji, u.a. da hier ein professioneller pflegerischer Rahmen für das Verständnis über das „dementiell Verändertsein“ beim Menschen gesteckt wird. Aber nichtsdestotrotz bleibt die menschliche Konfrontation und der Umgang mit der Demenz für Pfleger und Betroffene eine Grenzsituation, in der der Pfleger sich im Zuge seiner Verantwortungsübernahme immer wieder neu nach dem Befinden und den Bedürfnissen des Pflegebedürftigen ausrichten muss um der Situation individuell gerecht zu werden. Dies ist nicht nur häufig schwierig wegen der Knappheit an personalen Ressourcen und dem daraus resultierenden Zeitmangel, sondern die Herausforderung ist ein der Situation immanenter Aspekt.

  1. Kompetenzentwicklung bezogen auf die Lernziele

Während dieses Praxiseinsatzes fand meine dritte praktische Benotung seitens des Ausbildungsträgers statt. Die Beurteilung der mich benotenden Praxisanleiterinnen legte den Schwerpunkt besonders auf die sozialen Kompetenzen im Umgang mit den Bewohnerinnen. Ich habe in diesem Punkt ein sehr positives Feedback von den Praxisanleiterinnen erfahren. Meine Lernerfahrung zeigte mir, dass sich Methoden- und Fachkompetenz über Herangehensweisen im pflegerischen Umgang mit dementiell veränderten Menschen auf der Ebene der sozialen Interaktion zwischen Bewohner und Pfleger bewähren müssen, und dass dies seitens des Pflegenden eine fortwährende Offenheit für zwischenmenschliche Erfahrungsprozesse erfordert. Die Umsetzung pflegerischer Theorie in Praxis und die Entwicklung der persönlichen sozialen Kompetenz müssen dabei immer in Übereinstimmung miteinander gebracht werden.

Zugleich habe ich aber auch gelernt wie wesentlich es ist den physiologischen Zustand der Bewohnerinnen stets im Auge zu behalten, mittels der Übersicht über die ärztlichen Diagnosen und die verordnete Medikation, Assessmenttools zur Einschätzung und Erfassung des physiologisch erforderlichen Pflegebedarfs und die tägliche Beobachtung des Allgemeinzustands des pflegebedürftigen Menschen.

  1. Offene Fragen und weiterer Lernbedarf

Die Umsetzung aller wirklich nötigen Pflegehandlungen und eine ausreichend förderliche soziale Komponente innerhalb eines engen Zeitrahmens in den Griff zu bekommen scheint mir persönlich noch ein schwer erreichbares Ziel zu sein. Ich sehe bei Kollegen wie sie dies teils besser oder in manchen Situationen auch mal schlechter bewältigen, und merke, dass ich selbst im Zeitmanagement in der Pflege noch einen großen Lernbedarf habe.

Eine Frage, die sich mir bereits im letzten praktischen Ausbildungsabschnitt gestellt hat und die für mich auch immer noch relevant ist, ist die Frage wie Kommunikation mit Kollegen besser konfliktfrei stattfinden kann, an Punkten in denen unterschiedliche Standpunkte zu Pflegethemen zur Diskussion stehen. Auch hier sehe ich bei mir einen weiteren Lernbedarf. Und schließlich noch in der Praxis verschiedener pflegerischer Handlungen, wie bei der Positionierung und dem Umgang mit Kontrakturen beispielsweise.

  1. Fazit

Die Begleitung und die pflegerische Fürsorge für Menschen mit Demenz ist ein Bereich in der Pflege in dem die Überschneidungen seelisch-psychischer, physiologischer und sozialer Fragen ganz besonders in den Vordergrund treten. So fällt der dementiell veränderte Mensch im Zuge seiner Behinderung [8][9] zunehmend aus der sozialen Rolle, die er vorher im Leben eingenommen hat, heraus und sieht sich mit einer Situation konfrontiert in der er ab einem gewissen Grad der Behinderung eine teilweise Lenkung seines Verhaltens von Außen zum Schutze seiner selbst erfährt. Es ist eine Gratwanderung für den Pfleger sowie für die Angehörigen, dass sich ein Abhängigkeitsverhältnis welches über das rein physische hinaus bis in seelisch-psychische Belange hineinreichen kann, nicht als eine Art der Bevormundung oder Fremdbeeinflussung anfühlt. Die britische Alzheimer Gesellschaft führt als mit den Menschenrechten unvereinbare Diskriminierungsmomente, die Menschen mit Demenz häufig erfahren, folgende Faktoren an:

  • Altersdiskriminierung (Ageism)
  • das Stigma und die Diskriminierung die häufig mit der Erkrankung bzw. Behinderung im Zusammenhang steht
  • und der Mangel an Möglichkeit für Betroffene sich selbst gegen derart Vorfälle zu wehren und solche zu melden. [10]

Die Wichtigkeit der Autonomiewahrung von Demenz betroffener Menschen und die damit verbundenen Problematiken müssen gesellschaftlich, pflegerisch und individuell eine besondere Beachtung unter dem Gesichtspunkt der Berücksichtigung der Menschen- und Behindertenrechte erfahren. Durch ein verbessertes Bewusstsein über die Situation dementiell veränderter Menschen kann auch der unbeabsichtigten oder fehlinformierten Diskriminierung entgegengewirkt werden.

  1. Literaturverzeichnis

[1] Siehe Assessmentbögen zum psychobiografischen Pflegemodell nach Erwin Böhm im Anhang (nicht online zugänglich).

[2] Validation Training Institute (o.V.): What is Validation? https://vfvalidation.org/what-is-validation/ , Stand 12.09.2017.

[3] van Rooijen, Eva Maria: Implementierung des mäeutischen Pflege- und Betreuungsmodells nach Dr. Cora van der Kooij im Sozialzentrum Altach, 2012, S. 13, https://sozialzentrum.altach.at/pflegeheim/pflege/pflegemodell/abschlussarbeit-maeeutik.pdf , Stand 12.09.2017.

[4] Kategorische Unterschiede in der Sichtweise über Demenz sind klassischerweise in einer rein medizinischen Sichtweise im Vergleich zu einer personenzentrierten psychologischen Sichtweise wie der von Tom Kitwood zu erkennen, siehe Möllering, Nina: Der person-zentrierte Ansatz von Tom Kitwood, https://www.dgpalliativmedizin.de/images/stories/
M%C3%B6llering_Personenzentrierter%20
Ansatz%20nach%20Kidwood_Hausarbeit_%2019.04.2012.pdf
, 2012, S. 13, Stand 12.09.2017.

[5] Der Umgang mit demenziell Veränderten Menschen stellt Menschen vor viele Fragen. Wie ein Mensch mit Demenz sich fühlt und wie er das Leben erlebt hängt von weitaus mehr ab als von der Erkankung bzw. Behinderung. Auf diesen Umstand wird immer wieder in Ratgebern über Demenz hingewiesen, so beispielsweise in Alzheimer’s Society (o.V.): Understanding and supporting a person with dementia,
https://www.alzheimers.org.uk/info/20046/help_with_dementia_care/
31/understanding_and_supporting_a_person_with_dementia
, Stand 12.09.2017.

[6] Lunge, Angela: See the person, not the disease, with Alzheimer’s caregiving, 2014, http://www.mayoclinic.org/diseases-conditions/alzheimers-disease/expert-blog/in-dementia-caregiving-avoid-labeling/bgp-20096344 , Stand 12.09.2017. Siehe in diesem Zusammenhang auch eine Information der britischen Alzheimergesellschaft zum Thema: Gleichberechtigung, Diskriminierung und Menschenrechte: Equality, discrimination, and human rights (o.V.) https://www.alzheimers.org.uk/info/20091/
what_we_think/141/equality_discrimination_and_human_rights
, Stand 24.09.2017.

[7] Prell, Markus: Psychobiographisches Pflegemodell nach Prof. Böhm, S.3, (o.D.), https://brueckenzurdemenz.files.wordpress.com/2010/03/
artikel_prell_2005.pdf
, Stand 12.09.2017.

[8] Demenz sollte als Behinderung statt als Krankheit betrachtet werden, so fordert ein neuer Bericht der Mental Health Foundation: “Dementia should be considered a disability rather than a disease, maintains a new report from the Mental Health Foundation.” Dementia: Disability or disease? (o.V.), 2015, http://www.mcknightsseniorliving.com/news/dementia-disability-or-disease/article/441747/ , Stand 24.09.2017. Der Autor bezieht sich dabei auf die Schlussfolgerungen dieses Diskussionspapiers der britischen Mental Health Foundation: Dementia, rights, and the social model of disability: A new direction for policy and practice?

https://www.mentalhealth.org.uk/file/1342/download?token=v-HKaVVi bzw. https://www.mentalhealth.org.uk/publications/dementia-rights-and-social-model-disability Stand 24.09.2017.

[9] Heidenreich, Ulrike: Demenz als Behinderung, Barrierefreiheit im Kopf, 2015, http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/demenz-als-behinderung-barrierefreiheit-im-kopf-1.2402536 , Stand 24.09.2017.

[10] Equality, discrimination, and human rights (o.V.) https://www.alzheimers.org.uk/info/20091/
what_we_think/141/equality_discrimination_and_human_rights
, Stand 24.09.2017.