501 James Bloefield: Tracks

501 James Bloefield: Tracks … updated: 1.7.2020 > Berlin banal. Siehe unten …

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Cover version 501 James Bloefield of Rudimentary Peni: Flesh Crucifix

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Fish Song (MP3)

I’m not having fish.
They feel pain they do.
Just like me and you
They’re not a tasty dish.

Don’t kill our cousins!
Don’t eat our cousins!
(2x)

At the bottom of the sea
The dragnet ploughs their home
Leaving a death zone
Diminishing diversity.

Don’t kill our cousins!
Don’t eat our cousins!
(2x)

I’m not eating fish.
They feel pain they do.
Just like me and you
They’re not a tasty dish.

At the bottom of the sea
The dragnet ploughs their home
Leaving a death zone
Diminishing diversity.

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64 Wolves (MP3)

Triggerhappy criminals
shootin up rare animals.
64 wolves are dead by now!
Do you hear their eerie – howl?

Vulnerable animals
Targetted by criminals.
64 wolves are dead by now!
Does it make tier dumb killers – proud?

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Way Too Many (MP3)

We are way – way too many,
Using up way too much.
Give way to the other creatures
‘Cos for us there’s no future.

Give way. (8x)

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Quite Likely (MP3)

It’s quite likely
That the universe
Is full of life
Of any kind.

But distances
And time are far
So chances are
They’ll never meet.

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Berlin banal (MP3)

Blöde TV-Serien über Berlin
kolportieren ein völlig falsches Bild
von der Stadt, sie sei soo wild,
und die Leute glauben, was sie da seh’n.

(Berlin 4x)

Und wär’s so wie im Fernseh’n
so voller Männerphantasien
und nur noch krimineller Scene,
dann ist es eben nicht Berlin.

(Berlin 4x)

Berlin – ist soo banal,
Berlin – ist ganz normal.

Berlin ist kein Ghetto, nicht Babylon,
denn dazu fehlt ‘ne Mauer.
Langweile macht mich nicht so sauer,
der Selbstbetrug hingegen schon.

(Berlin 4x)

Artgerecht klassifizieren

Das Anthropozän ist so verdammt artgerecht.

Tierrechtler*innen die reduktiv von “artgerechtem” Verhalten bei Tieren reden, sind selber Teil des Problems. “Artgerecht” ist ein speziesistischer Begriff, der ökologische Komplexität in ihren Zusammenhängen mit Tiersoziologie auf ein paar banale Aspekte reduziert. #biologismus

Hier die kritischen Einträge auf unsere Seite zum Begriff: “Artgerecht” > https://simorgh.de/about/?s=artgerecht&submit=Search

Unser erster englischer Kommentar/Fragment dazu: https://www.simorgh.de/objects/the-german-artgerecht-is-a-speciesist-term/

… wobei unsere Kritik am Biologismus in Bezug auf Tiere derart Begriffe gleichsam mit zu dekonstruieren sucht.

Speziesismus ist … Wertung

Speziesismus ist … Wertung

… all das, womit der Mensch meinst sich “positiv” vom non-human (…) zu unterscheiden, gleich einer speziesistischen Wertung.

Diese Grafik stammt aus einer persischen Geschichte über einen Vogel  und ein Samenkorm “Morgh va Tokhm”. Farangis hat die Geschichte illustriert und wir planen sie demnächst online zu veröffentlichen – hier ist ein Preview: https://farangis.de/edition/preview-morgh-va-tokhm/

Mittagshitze

Farangis G. Yegane

In das Land der MITTAGSHITZE
bin ich schattenlos gesetzt
meine zarten Daunenflügel
sind versengt und ausgefallen
in groben Stricken eingenetzt

über Liebesglitzersteinen
fließen träge schwarze Fluten
tragen früh verblühte Rosen
jung vermählte Menschenpaare
Fallenstellers Beuteleichen
Dichterbücher eingefetzt

Mondenlied – ich wollt es singen
hat ein Sonnenblitz verletzt

Dieses Gedicht ist erschienen in der Edition Farangis im zweiten Band der dritten Lyrikreihe: Weltenrätselbaum, https://farangis.de/edition/dichtung-und-buchkunst/lyrik-3-farangis/

Tiere sind kein Agrarthema

Antispeciesist Animal Sociology

Tiere sind kein Agrarthema

Dieser Text als PDF

Die Sichtbarmachung von speziesistischen Räumen der Objektifizierung von Tieren ist wichtig, damit wir die Fälle bezeugen können und damit wir etwas dagegen unternehmen. Die Sichtbarmachung ist aber kein Garant dafür, dass alle Menschen sich ihrer den Miterdlingen gegenüber empfundenen Empathie bewusst werden müssten. Manche Menschen empfinden keine Empathie an Stellen, an denen man davon ausgeht, dass jeder hier über empathische Intelligenz verfügen müsste. Es gibt im Gegenteil genügend Segmente innerhalb menschlicher Gesellschaften, die eine offensive Form von Speziesismus kulturell propagieren oder es gutheißen, wenn andere dies tun.

Als Menschen, bei denen die Sichtbarmachung speziesistischer Gewalt ethische Betroffenheit auslöst, sollten wir uns aber fragen: Was vermitteln wir, wenn wir einen Hauptort des institutionalisierten Speziesismus erkennen, jedoch in unserer Diskussion darüber, die vielen anderen Orte an denen Speziesismus täglich stattfindet, hinter die großen Tiermord verübenden Industrien rücken und diese weiteren Orte somit aus dem Blickfeld über ein Gesamtproblem verschwinden lassen?

Dass Menschen Tiermord industrialisiert haben, die Reproduktion und das Leben von Tieren in diesem Zuge physisch und seelisch gewaltsam manipulieren, hat eine Geschichte, und diese Geschichte hat wiederum gesellschaftliche und psychologische Hintergründe und Ursachen.

Tiere sind kein Agrarthema. Hängen sie in den Fängen der Industrien, werden sie von vielen ihrer Verteidiger*innen aber tendenziell in diese Ecke gerückt oder zumindest perspektivisch dort belassen. Wahrscheinlich weil dort, in den großen Agrarindustrien, alle grauenhaftesten Orte von Tierunterdrückung schließlich im Akt eines voll-industrialisieren, perfektionierten und allein quantitativ nicht mehr greifbaren Theriozids zusammenlaufen. Dabei ist doch jeder Tiermord Teil des ganzen Problems.

Ein anderer Grund, warum man Tierverteidigung auf den Schauplatz der Agrarindustrien spezialisiert, könnte sein: man belässt Tiere in denjenigen Rahmen, in die sie die Gesellschaft selbst hineinkatapultiert hat.

Machen wir aber Speziesismus zu einem hauptsächlichen Agrarthema, differenzieren wir die Eigenschaften dieser Unorte menschlicher Gesellschaften nicht weiter aus. Wir konstatieren zwar: „Tiere müssen da raus“, und „Agrarkultur muss was anderes sein“, aber wir sehen nicht, weshalb unsere Gesellschaft die großen und die kleinen Räume ethischer Komplettentwertung von nichtmenschlichem Leben überhaupt an erster Stelle geschaffen hat. Für manche von uns ist das vielleicht schon überhaupt keine Frage mehr. Die Frage: „Warum wird dies mit den Tieren getan?“

Die Handlungen sind aber so unsäglich entsetzlich, dass die Frage nach der Ursache immer wieder im Raum steht, „warum wird jetzt dieses eine tierliche Individuum, genau dasjenige, hier und jetzt ermordet … und zu „Nahrung“ verarbeitet … .“ .

Tierthemen müssen meiner Meinung nach in einer emanzipatorischen Sprache behandelt werden, das heißt in einer Sprache der Sichtbarmachung von denjenigen Abwertungsmechanismen, die überhaupt dazu führen, dass Tiere sich an diesen Orten thematisch ansiedeln lassen (–  als bloßer „Faktor“ neben Nahrung und Wirtschaft), die Abwertungsmechanismen, die kumulativ dazu führen, dass Tiere sich an erster Stelle überhaupt in dieser speziesisten-dominierten Welt physisch unter diesen Gegebenheiten befinden müssen.

Wir sollten sprachlich zum Ausdruck bringen können, wo Tiere sich eigentlich befinden müssten. Und das heißt auch, dass sie auf unserer geistigen Landkarte nicht in dem Kontext Tierindustrien allein stehen bleiben können. Es wird aber auffallend selten über die Schaffung von Lebensräumen für die Tiere gesprochen, die wir mit dem Thema Agrarindustrien assoziieren. Sie erhalten Inseln, aber wo stehen sie im Ganzen? Die Frage nach diesen Lebensräumen betrifft aber das Tiersein generell in einer anthropozänen Welt, in der immer weniger Raum bleibt, der nicht als Ressource von Menschen zur Eigennutzung verplant wird. Die Idee und Praxis des Lebenshofes und der Schutzrefugien muss zur Idee gemeinschaftlicher ökosozial-kompatibler Lebensräume insgesamt werden.

Unorte oder Orte, die es nicht geben dürfte

Eine Konstatierung tierethischer Unorte sollte also nicht allein die großen Agrarunternehmen betreffen, sondern jeder Fall von speziesistischer Tötung und „Haltung“ von Tieren muss vom Grundsatz her in den Blickpunkt gerückt werden und gleichzeitig als Priorität des Handelns für Gerechtigkeit-gegenüber-Tieren betrachtet werden.

Was übrigens ein weiteres begleitendes Problem einer separierenden Fokussierung auf die Agrarindustrien in der Tierrechtsbewegung darstellt: wir übersehen häufig an wie viel verschiedenen Orten und auf wieviel verschiedenen Ebenen Speziesismus stattfindet und wie er sich in seiner allgegenwärtigen Vorkommnis gegenseitig stützt und auf die Weise zu einem schier unumstürzbaren Gebäude im Mensch-Tier-Verhältnis geworden ist.

Es geht darum, diese stabilen Mauern einzureißen, wo immer wir ihnen begegnen; dass wir Tierhass entgegentreten in all seinen unterschiedlichen Formen. Unter Tierrechtler*innen sollte man davon ausgehen können, dass alle sich darüber einig sind, dass Speziesismus eine Realität ist und ein Ausdruck von Ungerechtigkeit gegenüber tierlichem Leben darstellt. Wir kämpfen beispielsweise nicht einfach gegen die Betrachtung von Tieren als „essbar“, weil wir keinen weiteren Grund dahinter vermuten, weshalb man Tiere überhaupt als „essbar“ begann zu töten. Sondern wir gehen davon aus, dass es Menschen sehr wohl bewusst ist, dass sie ein – ungeschriebenes und wenn auch nicht-anthropozentrisches – ethisches Tabu brechen, in dem Moment, indem sie ein anderes Leben gezielt gewaltsam beenden aus Gründen des Eigeninteresses. Würden wir nicht davon ausgehen, hätten wir keine wirkliche eigene Antwort auf unser eigenes Denken und Empfinden als Tierrechtler*innen.

Allein, manche argumentieren, „es sei heute ja nicht mehr nötig und viele Tiere sind ja eben schmerzfähig“ (Sentiozentrismus), was meiner Meinung nach, in dieser Kombination vor allem, eine apologetisch erscheinende Begründung ist. Aber selbst dann gehen wir davon aus, dass es ethisch besser wäre, andere Lebewesen als Subjekte anzuerkennen und sie also nicht in objektifizierender Weise unseren vermeintlichen Interessen zu unterwerfen. Und so stellt sich auch dann weiterhin die Frage nach den Ursachen, weshalb die Mehrheiten menschlicher Gesellschaften diesen Anderen aber ihr Subjektsein kategorisch absprechen oder sie das ganze Problem ethisch-moralisch nicht in speziesübergreifend-sozialer Weise interessiert.

Picken wir uns in der Gegenwart das Thema Agrarindustrien als ethisches Streitfeld heraus, befassen wir uns an diesem Ort mit einem gigantischen Symptom, ein Ort an dem die äußeren speziesistischen Legitimierungen und Normalisierungen zusammenstoßen mit dem tatsächlichen Erleben von Milliarden von Opfern. Und bei jedem dieser Morde an diesen Opfern klaffen die endlos vielen Fragen nach der tieferliegenden Ursache auf, denn es gibt weder für das Opfer noch für die alliierten dieser Opfer eine Antwort auf die Frage dieses „Warum?“. Und genau deshalb müssen wir herausfinden: „Was macht Menschen eigentlich zu Speziesist*innen“?

Wir verstehen es nicht – wir können es nicht erklären, es ist einfach so und es gibt keine plausiblen Gründe für Tiermord aus unserer Sicht. Wir fühlen nicht wie Speziesist*innen. Wir können die oberflächliche, vorgegebene Logik wiedergeben, die ein speziesistischen System uns zur Beantwortung parat hält. Wir benötigen aber eine kritische Analyse, da das System ja eben keine nicht-speziesistische Perspektive auf sein eigenes Handeln aufweisen kann.

In den großen Zentren systematischen Tiermordes finden wir die gleichen Ursachen vor, die auch an den anderen Stellen und in anderen grausamen Formen in unseren anthropozänen Gesellschaften eine die Menschheitsgeschichte begleitende ethische Katastrophe darstellen.

Ich glaube wir können Tierrechte erst dann besser formulieren, wenn wir den grundlegenden Ungerechtigkeiten, die im menschlichen Denken/Handeln im Speziesismus ihren Ausdruck finden, einen Namen geben können. Es reicht dabei aber nicht, die Agrarindustrien unserer Massengesellschaften über die Schwerpunktsetzungen auf die Problemkomplexe ökologischer Schäden, nachhaltiger Nahrungsmittelerzeugung und besserer Wirtschafsformen als Aufhänger zu kritisieren, sondern es geht in der Tat um das schiere Thema Speziesismus. (An diesen Orten bündeln sich die Themen, aber im Prinzip bündeln sich die gleichen Themen überall, wo es um die Effekte geht, die „der Mensch“ auf seine Umwelt und ihre nichtmenschlichen tierlichen Bewohner hat.)

Man bedenke: Speziesismus wird in mehrheitlich speziesistischen Gesellschaften bewusst ausgeblendet und verharmlosend kleingeredet. Und Speziesismus findet gleichzeitig überall da statt, wo der anthropozäne durchschnittliche Gegenwartsmensch dominiert. Sei es in seinem verzehrendem Konsumverhalten. Sei es in seinen Sichtweisen, die er vertritt und mit denen er unsere/seine Gesellschaften mitprägt. Es braucht eine grundsätzliche Aufklärung, Thematisierung, Infragestellung von Speziesismus, um alle Problemkomplexe mitzunehmen, die Orte speziesistischer Handlung/Haltung darstellen ( –  was sich aber gegenwärtig als weniger populär gestaltet als stereotype Slogans gegen bekannte, festumrissene Feindbilder und einfach benennbare Schuldige rauszuhauen).

Nicht im Blickfeld

Damit das Aktivismusfeld „Tiere verteidigen in Hinsicht auf das Problem Agrarindustrien“ weiter allein als solches thematisiert werden kann, werden viele Bereiche auf unserer Landkarte des Speziesismus oftmals als weniger wichtig ausgeblendet – obgleich die Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Brennpunkten die Eigenschaften des Problems und seine Systemimmanenz in der Gesellschaft verdeutlichen:

  • Tiere auf kleinen Bauernhöfen (ich meine hier offensichtlich keine Lebenshöfe)
  • Einzelne Tiere die getötet werden zu „Verzehr-/Verwendungszwecken“
  • Jagd, Jäger, die Idee der Jagd als historisch das „Menschsein“ konstituierend
  • Tierversuche, Tiere als objektifizierte „Exemplare“ für Kultur und Forschung
  • Probleme, die wildlebende Tiere betreffen – nichtinvasive, „invasive“ Tiere, Tiere; die in Gatterjagden getötet werden, Tierhaltung „wildlebender“ Tierarten, Tiere in Zirkussen, Tiere in Zoos, Nachtzucht zu Artenschutzzwecken
  • Der Raub von Lebensraum (Natur als Menschendomäne)
  • Das Slippery-Slope „domestizierte-“/„wildlebende Tierart“
  • Probleme anderer „domestizierter“ Tiere: Esel, Pferde
  • Untypische Tierarten, die für menschliche Zwecke objektifiziert und getötet werden, z.B. Strauße, Oktopus, Pfeilschwanzkrebse …
  • Eingriffe in die Leben von Tieren, die Menschen als biologisch fern betrachten, Insekten, Wirbellose
  • Tiere, denen nur aus Biodiversitätgründen oder zu Zwecken der Bedienung menschlicher Eigeninteressen Lebensraum zugestanden wird
  • Speziesismus in menschlich kulturschaffenden/-konsumierenden Bereichen, Kunst und Speziesismus
  • Speziesismus als Denkgebäude in Geschichte, Religion, Naturwissenschaften …
  • Euthanasie als Normalität statt palliativer Hilfe, veterinärmedizinischer Ethos
  • Speziesismus und menschliche Rituale
  • Bestialität, Verstümmelungen, Spektakel, Gewaltorgien
  • Diskriminierende „Tierfreunde“, „milder“ Speziesismus …

Veganismus wird in dem Zuge (gleichermaßen wir bei seiner eigenen Verengung „vegan gleich Essen/Konsumgüter“, „Tieren helfen gleich vegane Kochrezepte, gleich Essensthemen/Konsumverhalten“) auch auf einen Ausdruck des gesellschaftlichen Speziesismus hin verengt. So kommt es zu Aufrechnungen von z.B. Pferdeleben, Giraffenleben, Hunde- und Katzenleben mit den Tierleben, die in den großen agrarindustriellen Betrieben „gehalten“ und getötet werden. Wobei ein beachtlicher Teil der Veganismus-Bewegung im Bezug auf die großen „Tierindustrien“, eine entscheidende Rolle darin einnimmt, den Blickpunkt auf die totale Entfremdung dieser Orte zu richten und dabei eine imaginierte Zukunft für die Tiere anzuvisieren. Es geht dann nicht nur um die Frage des Konsums mit der Lösung „Veganismus“ als Endpunkt, sondern es geht implizit immer auch um die weitere Hintergründe und Fragen, die gestellt werden müssen. Wobei Veganismus als Idee eine praktische grundsätzliche Lebensweise beschreibt, die alle oben genannten Probleme mit umfassen kann. Jedoch ist der Veganismus „nur“ ein praktischer Teilaspekt antispeziesistischen Handelns. Es gibt genügend Veganer*innen, die vegan sind, aber keine ausgeprägten Antispeziesist*innen sind.

Wenn man sich eine weitete wichtige Schnittmenge von Tierrechtsaktivismus in Form der unzähligen gestellten Petitionen im Internet für Tiere anschaut, die einen Teil sehr offensiver Fälle des Alltagsspeziesismus sichtbar machen, dann wird einem klar, dass es nicht reicht isoliert über die Industrien zu sprechen, die Tiere objektifizieren und töten. Speziesismus übersteigt die Dimension eines Systems. Wir müssen das Thema als Ganzes fassen können.

Für viele Menschen sind die Tierindustrien heute eher ein Problem dessen, was diese im Zuge ihres zerstörerischen Handelns mitverursachen. Die Tierindustrien sind aber in erster Linie die Unorte, an denen Tierleben grausamst genommen werden. Und in diesem Kontext sollten wir sie auch verstehen. Die Dissonanzen zwischen Tierrechten und Umweltschutz, und die Mängel, die ich aus Tierrechtssicht in der Umweltschutzbewegung wie sie heute besteht moniere, habe ich kürzlich hier notiert: https://simorgh.de/about/tierrechte-und-umweltschutz/

Was man versuchen kann, um Menschen für das Thema Speziesismus zu sensibilisieren:

  • Verdeutlichen, dass man einen genuinen eigenen Standpunkt bezieht und nicht nur die Slogans und Ideen anderer trendgemäß nachplappert
  • Verdeutlichen können, dass ethische Einstellungen Fragen der Haltungen sind, die jemand bewusst bezieht. Was im Umkehrschluss auch heißt, man muss andere nicht versuchen zu überzeugen, sondern man vertritt seine eigene Haltung, die sich mit der eines anderen sinnvoll ergänzen kann.
  • Bloggen, netzwerken, kommunikativ oder/und im Alleingang tätig sein gegen Speziesismus; Kunst, Musik, kreatives Schreiben in dem man Gedanken, Beobachtungen und Meinungen Ausdruck verleiht.
  • Nicht immer irgendwelchen tollen Vordenker*innen folgen, sondern selbst auch Output generieren, um damit im gleichen Zuge eine Vielfalt an Outputs anderer mit anzuregen.
  • Grenzen ziehen, wenn andere ein Wirrwarr zwischen speziesistischen und antispeziesistischen Inhalten generieren wollen, nicht einfach darüber hinwegsehen sondern Haltungen des Gegenübers weiter analysieren um sie klarer lokalisieren zu können. Speziesismus arbeitet oft indem er verwässernd und zersetzend auf antispeziesistische Inhalte wirken will, es ist somit immer wichtig das eigene Ziel nicht aus den Augen zu verlieren.
  • Eigenkreativität und kontextualisierender sozialer Verbundenheit Bedeutung beimessen. Zum Thema Radical-Selfcare als Tierrechtler*in hat Anastasia Yarbrough einen sehr hilfreichen Text verfasst: https://simorgh.de/about/tag/anastasia-yarbrough/
  • Aph und Syl Ko, sowie auch Breeze Harper und andere Autor*innen und Kreative, die wir auch auf diesen Seiten featuren, haben inspirierende Ansätze entwickelt zu recht differenzierten Möglichkeiten, wie wir Tierthemen und Themen, die sich an Tierthemen angliedern, thematisieren können.
  • Speziesistischen Terminologien versuchen aufzuschlüsseln, z.B. der Gebrauch von Begriffen wie „Tierwohl“ und „Artgerecht“, https://simorgh.de/about/informierter-und-uninformierter-speziesismus/
  • Weitere Tipps: https://simorgh.de/about/was-ist-effektiver-aktivismus/

Bild: Farangis G. Yegane, Text: Gita Yegane Arani

Grundsatzrechte


Tiermord soll also weniger ein Problem sein, wenn er in einem „Schlachtmobil“ stattfindet? Millionenfacher Mord macht den einzelnen Tod, der durch Gewalt beigebracht wird, nicht weniger entsetzlich und unvorstellbar.
Tiertode sind nicht weniger gewaltsam, wenn sie ein einzelnes Tierindividuum betreffen.
Tod ist immer Tod. Mord, Mord.
TIERRECHTE SIND GRUNDSATZRECHTE AUF LEBEN, ALLES ANDERE GEHT NICHT AN URSACHEN.

Neuausrichtung unseres Journals Tierautonomie

Neuausrichtung unseres Journals Tierautonomie:

Edition Farangis: Tierautonomie

Das Journal TIERAUTONOMIE (vormals: Journal für kritische Tierstudien*) widmete sich eingangs der Aufgabe unterschiedliche Perspektiven aus der Tierrechtstheorie vorzustellen. Inzwischen haben sich zusätzliche Schwerpunktsetzungen auf die Themen Rassismus und Umweltethik [1] ergeben.

Ziel ist es zum einen sich an eine erweitere Soziologie heranzutasten, die sich philosophisch auf einer Idee grundsätzlicher Seins-Pluralität verstehen ließe. Zum anderen wollen wir Mechanismen kritisch hinterfragen und diskutieren, die sich hinter verschiedenen extremen Formen von Unterdrückung unterschiedlicher sozialer Gruppen verbergen, einschließlich nichtmenschlicher Tiere im Sinne einer (nicht-biologistischen) Tiersoziologie.

Wichtig ist uns als Herausgeber*innen dabei, den Blick auf die Themenkomplexe: Tierrechte, Menschenrechte und Ökologie, nicht an die uns bekannten immer noch allgemein vordefinierten Grenzen stoßen zu lassen. So möchten wir Gedanken und Thesen von Autor*innen mit neuartigen/wegbereitenden tierrechtspolitischen, sozialpolitischen und ökopolitischen Inhalten vorstellen, um aus der Synthese durch die Gegenüberstellungsmöglichkeiten verschiedener Ansätze weiterführende Gemeinsamkeiten im Diskurs zu eruieren.

Zusatz / Erweiterung im Jahr 2017:

Wir erweitern unser inhaltliches Spektrum nun auch auf Beiträge, die:

  • einen ethischen Ansatz im Bezug auf nichtmenschliche Tiere im Sinne eines explizit tiersoziologischen Ansatzes verfolgen
  • Soziologie innerhalb menschlicher Gesellschaften als kontextualisierbar mit den Problematiken erkennen lassen, die nichtmenschliche Tiere und die natürliche Umwelt anbetreffen; solche Texte verfügen über eine schlussfolgernde Offenheit
  • ethische nicht-biologistische Blickpunkte auf die natürliche Umwelt abzeichnen

Die Beiträge werden weiterhin auch außerhalb der etablierten Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung angesiedelt sein, zugleich aber tier-emanzipatorische Inhalte mit beeinflussend sein können.

Die Herausgeber*innen des Journals sind Nati Eyck, Gita Yegane Arani und Lothar Prenzel Yegane Arani im Rahmen des Projekts: Simorgh.de ‚Open Access in Animal-, Earth- and Human Liberation.’ Kontakt: mail [at] simorgh [dot] de.

Das Journal erscheint in gedruckter Form als Reader bei Nice*Swine, Edition Farangis.

[1] Zu sagen ist, dass sich unsere Beiträge zur Umweltethik bislang immer noch vorwiegend verstreut auf unseren Webseiten befinden und wir aktuell noch keinen spezifischen Text in dem Journal vorweisen können, dies aber für die zukünftigen Ausgaben geplant ist. Wobei schon jetzt verschiedene Bezüge gegeben sind.

Miriam Yegane Arani: Der NS-Rassismus als visuelle Ideologie

kts8

Jahrgang 7, Nr. 1, Art. 1, ISSN 2363-6513, Mai 2020

Der NS-Rassismus als visuelle Ideologie

Eine Präsentation von Miriam Yegane Arani

Dieser Text als PDF

Hintergrund: Diese Präsentation von Miriam Yegane Arani einer einleitenden ikonographischen Analyse des nationalsozialistischen Rassismus bildet einen guten Einstieg in Yeganes Grundlagenforschung zu einer sozialwissenschaftlichen und fotogeschichtlichen Methodik der Analyse von Bildmaterialien, und dabei insbesondere fotografischer Quellen, aus der NS-Zeit. Es ist auffällig, dass die unter dem NS-Regime publizierten Bilder einem gewissen Programm folgten, das zwischen idealisierten Körpernormen und Abweichungen davon polarisiert. Das Propagandaministerium kontrollierte die Fotopublizistik wahrscheinlich darauf hin, dass nur Fotografien veröffentlicht wurden, die der Rassenideologie entsprachen. Zu vermuten ist, dass es unter dem NS-Regime zu einer immer rigideren Polarisierung zwischen den Leit- und Feindbildern des von der Regierung gesteuerten Bildprogramms kam. Während der Vorkriegszeit scheint die Propagierung des „nordischen“ Leitbilds im Vordergrund gestanden zu haben, dessen visuelles Pendant in den „rassisch“ pejorativen Feindbildern der Kriegsjahre zum Ausdruck kommt. Besonders auffällig ist dabei die Einübung einer Unterscheidung von Menschen nach ihrem äußeren Erscheinungsbild in zeittypischen Bildpaaren, die einen rassischen Antagonismus veranschaulichen sollten.

Schlagworte: NS-Rassismus, Nationalsozialismus, Propaganda, Bildsoziologie

TIERAUTONOMIE, Jg. 7 (2020), Heft 1.

Miriam Yegane Arani: Der NS-Rassismus als visuelle Ideologie (für die komplette Fassung bitte diesem Link zur PDF Version folgen)

Kontextinfos

Die in den Klammern angegebenen Seitenzahlen beziehen sich sämtlich auf: Miriam Y. Arani: Fotografische Selbst- und Fremdbilder von Deutschen und Polen im Reichsgau Wartheland 1939–45 (2008).

Nach 1945

Nach 1945 verschwand die Rassenideologie nicht, einerseits wegen der personellen Kontinuitäten, die in den Nachkriegsgesellschaften möglich waren, und andererseits wegen dem längerfristigen Niederschlag dieses Denkmodells im Alltagswissen der breiten Bevölkerung. (426) Aus streng naturwissenschaftlicher Sicht gilt die Rassentheorie schon länger als nicht haltbar. (426)

Schon bald nach dem Zweiten Weltkrieg stellte der physische Anthropologe Juan Comas im Auftrag der neu gegründeten UNO in einer Schrift mit dem Titel „Rasse als Mythos“ klar, dass die nationalsozialistische Rassenlehre sachlich falsch ist. Menschliche Vererbung hat nichts mit dem Blut zu tun. (426) Außerdem lassen die Erkenntnisse der physischen Anthropologie in keiner Weise den Schluss zu, dass „Rassereinheit“ zu Kulturentwicklung und „Rassenmischung“ zu Kulturverfall führe. (427) Die Ergebnisse der internationalen anthropologischen, sozial- und geschichtswissenschaftlichen Forschung lassen sehr viel mehr darauf schließen, dass nicht die verschiedenen Körperformen, Hautfarben usw. die Ursache von Konflikten sind, sondern vielmehr Interessenskonflikte verschiedener sozialer Gruppen, durch die sichtbare Unterschiede (Körper, Kleidung, religiöse Sitten usw.) erst als Zeichen von Differenz bedeutsam werden. (427)

Insbesondere innerhalb der Biologie ist die Klassifizierung von menschlichen Rassen wissenschaftlich obsolet, weil es sich um kein geeignetes Konzept zur Erfassung der Variabilität des Homo Sapiens handelt. Menschliche Populationen können mit der Kategorie „Rasse“ nicht angemessen erfasst werden. Eine korrekte biologische Klassifikation als „Rasse“ ist noch nicht einmal auf natürliche Populationen von Tieren anwendbar, weil eine exklusive Zuordnung zu einer einzigen „Rasse“ erforderlich wäre, die bei Menschen nicht möglich ist. Der einzige Bereich in der Biologie, in dem von „Rassen“ gesprochen werden kann, ist die Haus- und Nutztierzucht. Nur unter den von Menschen domestizierten Tieren gibt es ‚biologisch korrekt‘ als „Rassen“ bezeichenbare zoologische Formen. (427)

Rassismus als visuelle Ideologie

Es ist auffällig, dass die unter dem NS-Regime publizierten Bilder einem gewissen Programm folgen, das zwischen idealisierten Körpernormen und Abweichungen davon polarisiert. Das Propagandaministerium kontrollierte die Fotopublizistik sehr wahrscheinlich darauf hin, dass nur Fotografien veröffentlicht wurden, die der Rassenideologie entsprachen. (430) Ich vermute, dass es unter dem NS-Regime zu einer immer rigideren Polarisierung zwischen den Leit- und Feindbildern des von der Regierung gesteuerten Bildprogramms kam. Während der Vorkriegszeit scheint die Propagierung des „nordischen“ Leitbilds im Vordergrund gestanden zu haben, dessen visuelles Pendant in den „rassisch“ pejorativen Feindbildern der Kriegsjahre zum Ausdruck kommt.

Besonders auffällig ist die Einübung einer Unterscheidung von Menschen nach ihrem äußeren Erscheinungsbild in zeittypischen Bildpaaren, die einen rassischen Antagonismus veranschaulichen sollten. Um die hohe Relevanz dieser „Kontrastbilder“ genauer einzugrenzen, ist es hilfreich sich zu vergegenwärtigen, dass Adolf Hitler in seiner Wiener Zeit durch die Ostara-Hefte von Adolf Land eine christlich-religiöse Rassenlehre kennengelernt hatte, die als ein „Rassenkampf“ zwischen blond-blauäugigen „Ario-Heroikern“ und dunklen „Sodoms-Äfflingen“ dargestellt wurde. (408)

Der NS-Ideologe Alfred Rosenberg behauptete, die schöpferische Kraft Europas gehe allein auf die Germanen zurück und deren größte Bedrohung seien die „Schlammfluten der Mischlinge Asiens, Afrikas, des gesamten Mittelmeerbeckens und seiner Ausläufer“. (408)

Die Vorläufer der NS-Rassenideologie

Die Rassenideologie war keine Neuschöpfung der NSDAP, die lediglich bereits existierende Rassismen in den Humanwissenschaften zusammenfasste und sie dann mit unglaublicher Radikalität in praktische Politik umsetzte. (381, 382)

Seit dem 18. Jahrhundert und das 19. Jahrhundert über wurden die Menschen der Welt von europäischen Anthropologen vorwiegend anhand äußerer, sichtbarer Merkmale wie Hautfarbe, Körperbau, Schädelform, Haarfarbe und –beschaffenheit, Augenform, Nasenform usw. klassifiziert. Anhand der sichtbaren Merkmale bildeten die Gelehrten „Rassetypen“ und deuteten deren Äußerlichkeiten als Anzeichen für ihre moralischen, seelischen und intellektuellen Eigenschaften. (381f., 394)

Im 19. und im frühen 20. Jahrhundert war die wissenschaftliche Anthropologie in weiten Teilen Rassenanthropologie. (395) Ende des 19. Jahrhunderts erlangte die Rassenlehre den Rang eines wissenschaftlich legitimieren Dogmas, das politische Herrschaft mit „naturwissenschaftlichen“ Argumenten zu rechtfertigen suchte. Den europäischen Gelehrten dienten dabei hauptsächlich sichtbare Merkmale, die meist nur längerfristig veränderlich sind (Verhaltensmuster, Kleidung, Spuren spezifischer Lebensumstände), als Anhaltspunkte bei der Konstruktion unterschiedlicher „Rassen“. (382) Die anderen Rassen zugeschriebenen Eigenschaften entsprachen üblicherweise den sozialen Vorurteilen der involvierten Forscher über die fremden Völker. (382) Die europäischen Anthropologen setzten sich zugunsten der Normen ihres soziokulturellen Milieus wiederholt über empirische Fakten hinweg und die den anderen „Rassen“ zugeschriebenen Eigenschaften legitimierten vor allem den Führungsanspruch der eigenen, „weißen Rasse“. (395)

Das rassenanthropologische Ordnungsmodell hat bis zum Ende des 19. Jahrhunderts auf einer Auswahl äußerlich sichtbarer Merkmale aufgebaut (Hautfarbe, Körperbau, Schädelform usw.). Mit den Anfängen der modernen Genetik lösten sich die biologischen Theorien vom Menschen in der Wende zum 20. Jahrhundert vom sichtbaren Äußeren des Menschen. Die sichtbare Erscheinung wurde nun „Phänotypus“ genannt und auf das Zusammenwirken von Erbanlagen und Umwelteinflüssen zurückgeführt. Die nicht direkt wahrnehmbaren Erbanlagen dagegen wurden als „Genotypus“ bezeichnet. Damit löste sich auch die humanbiologische Rassentheorie großteils von der konkreten Erscheinung zugunsten abstrakter Überlegungen, die von der Öffentlichkeit nicht mehr nachvollzogen werden konnten. (395)

Seit Mitte des 18. Jahrhunderts klassifizierten und hierarchisierten europäische Gelehrte innerhalb einer naturgeschichtlich verstandenen Anthropologie Menschen als „Rassen“ und interpretierten das körperliche Erscheinungsbild eines Menschen als Veräußerungsform von bestimmten geistig-seelischen Eigenschaften, die für erblich und unveränderlich gehalten wurden. (391) Zum politischen Kampfbegriff wurde die „Rasse“ im Kontext der aristokratischen Gegenrevolution Ende des 18. Jahrhunderts im „Streit der zwei Rassen“, in dem die „Reinheit“ der „Rasse“ erstmals als Legitimationsgrundlage für den Herrschaftsanspruch der Aristokratie dienen soll. (391)

Die Rassentheorie war bereits im deutschen Kaiserreich zu einer Eliten-Ideologie geworden. (390) Etwa seit Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte sich die Rassentheorie zur Eliten-Ideologie der deutschen akademischen Mittelschichten. Zu ihren wichtigsten Trägern zählten Biologen, Anthropologen und Ärzte. In der Zwischenkriegszeit nahm insbesondere die Zahl der Anhänger „rassenhygienischer“ Ideen (Eugenik) zu. (    ) Die Rassentheorie war während der NS-Diktatur ein von renommierten deutschen Wissenschaftlern vertretenes Denkmodell, von dem keineswegs alle nach 1945 abrückten. Dies hängt auch damit zusammen, dass dieses Denkmodell auch in anderen westlichen Gesellschaften etabliert war. (426)

Im NS-Staat wurde die eugenische Ideologie als „Erb- und Rassenhygiene“ propagiert. (430) Darüber hinaus wurde die Rassenideologie argumentativ mit Theoremen der eugenischen Bewegung verbunden, woraus sich ein angsterregendes Schreckensszenario vom drohenden Aussterben der „nordischen Rasse“ ergab. (430)

Inhalt der NS-Rassenideologie

Der NS-Rassenideologie zufolge konnten Menschen aufgrund ihres äußeren Erscheinungsbildes in „Rassen“ aufgeteilt werden, die ihren Nachkommen nicht nur körperliche Eigenschaften, sondern auch eine „Rassenseele“ vererben würden. (380)

Innerhalb der NS-Rassenideologie wurde vorausgesetzt, dass eine direkte Beziehung zwischen bestimmten physischen und psychischen Eigenschaften besteht und dass vom körperlichen Erscheinungsbild eines Menschen auf seine Seele und sein Verhalten schließen könne. (381) Die Rassenlehre bezog sich nicht nur auf den sichtbaren Körper, sondern auch auf das sichtbare Verhalten. (430)

Die NS-Rassenideologie läuft auf eine vollständige Biologisierung sozial und kulturell erworbener Merkmale eines Menschen hinaus. Charakteristisch ist die Darstellung von sozialen Interessenkonflikten als Verstoß gegen eine „naturgegebene“ Gesellschaftsordnung. Das biologistische Menschenbild negiert historische, kulturelle und gesellschaftliche Einflüsse auf das menschliche Dasein. (380)

Die Vielfalt der Menschen wurde durch die Rassenlehre auf wenige, statisch gedachte „Rassetypen“ reduziert, so dass sehr große Zahlen von Menschen gedanklich zusammengefasst und internationale politische Konflikte mit vermeintlich biologischen Anlagen der betreffenden „Rassen“ rational erklärt werden konnten. (382) „Rassen“ wurden als verabsolutierte überindividuelle Struktur zum vermeintlichen Subjekt von Geschichte (382).

„Nordische Rasse“

Die NS-Diktatur erhob die „nordische Rasse“ zum körperlich-seelischen Ideal für das gesamte deutsche Volk. Die der „Nordrasse“ zugeschriebenen Eigenschaften wurden als vorbildlich propagiert: ein schlanker und kräftiger Körper, ein langer, schmaler Schädel, blonde Haare und blaue Augen. Die rosig-weiße Haut galt als hellste aller „Rassen“ und deshalb sollte nur sie als „weiß“ bezeichnet werden. (405)

Der NS-Rassenlehre nach setzte sich das „deutsche Volk“ aus 6 Rassen zusammen, wobei der „nordische“ Anteil durch „Rassenpflege“ auf 50% gesteigert werden sollte. Zu diesem Zweck sollten die wertvollsten „rassischen“ Bestandteile in der Bevölkerung gesammelt und in beherrschende Stellungen gebracht werden. (380)

Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts nahmen Teile der deutschen Gesellschaft den Norden Europas als unberührte Gegenwelt zu der sich modernisierenden Gesellschaft im eigenen Land wahr. Nordeuropa wurde zur Projektionsfläche für eine rassenbiologistische Utopie: die nordeuropäischen Völker wurden zu „germanischen Blutsverwandten“ erklärt und zu „Edelmenschen“. (405)

Die Verherrlichung der „Nordrasse“ bezog sich nicht allein auf den Körperbautypus eines Menschen, sondern auch auf seine vermeintlich direkt damit verbundene „Rassenseele“. (406) Der Rassekundler Hans F. K. Günther führte folgende seelische „Führereigenschaften“ der „nordischen Rasse“ an: herausragend seien die „Urteilsfähigkeit, Wahrhaftigkeit und Tatkraft“. Der „nordische“ Mensch beherrsche sich und zeige „eine sachliche, abwägende Haltung, die ihn oft als kühl und steif erscheinen lässt“, sein „Wirklichkeitssinn“ treibe ihn in Verbindung mit seiner „Tatkraft“ zu großen Unternehmungen an. Er entfalte „sachliche Leidenschaft, während ihm Leidenschaftlichkeit (…) fern liegt“. Im sozialen Umgang zeige er „wenig Neigung zur Einfühlung in das Wesen anderer Menschen“. (406) Günther beschrieb damit einen zeitgenössischen bürgerlichen deutschen Habitus und setzte diesen in direkte Beziehung zu einem bestimmten Körperbautyp, der als vorbildlich beurteilt wurde. (407)

Gleichsetzung von „Nordisch“ und „Arisch“

Die NS-Ideologie verband die visuelle Vorstellung von der „nordischen Rasse“ mit dem rassentheoretischen Geschichtsbild in Tradition von Houston Stewart Chamberlain, dass sowohl die von den deutschen Eliten als vorbildhafte Kultur der griechischen Antike als auch die vor noch längerer Zeit vermuteten „Arier“ als „nordisch“ interpretierte.

Obwohl die Ursprünge des Arischen zweifellos im Mittleren Osten zu suchen sind, fungierte der Begriff „Arier“ bereits seit der Kaiserzeit als ein Synonym für „christlich-deutsch“ und wurde in den Lexika der NS-Zeit ausdrücklich nur auf nordisch-germanische Rassetypen beschränkt. (407)

In der NS-Diktatur wurde zwischen höher- und minderwertigen Menschenrassen unterschieden und behauptet, nur „nordische“ Menschen würden über ein geistiges und schöpferisches Kulturpotential verfügen. Den anderen Menschenrassen wurde eine Kulturfähigkeit mehr oder weniger deutlich abgesprochen. (380)

Hitler führte die Mehrzahl der Fortschritte in Kunst und Wissenschaft auf die „Arier“ als einzig kulturschöpferische Rasse zurück, alle anderen Rassen hielt er für kulturlos und kulturzerstörerisch. Er behauptete wie die rassentheoretischen Vordenker, die kulturschöpfende Potenz der „Arier“ sei durch „Rassenkreuzung“ und „Blutsvermischung“ bedroht, denn dies führe zu Degeneration und Kulturzerfall. (407)

Der NSDAP-Ideologe erklärte genauer, das antike Griechenland als „nordische“ Hochkultur sei durch die „Rassenmischung“ zwischen Griechen und Türken zerfallen. (408) Hitler meinte, das deutsche „Blut“ müsse „rein“ gehalten werden, weil „Blutsvermischung“ zur „Senkung des Rasseniveaus“ führen würde. (407)

Rassenmischung

Der französische Graf Arthur de Gobinau vertrat Mitte des 19. Jahrhunderts in seinem Essai „Über die Ungleichheit der Menschenrassen“ die Auffassung, die Menschen auf der Welt seien in drei Hauptrassen aufteilbar und die „weiße arische Rasse“ sei die Krönung der Schöpfung. „Rassenmischung“ führe zum Kulturverfall, weil eine „Mischrasse“ zu keinen höheren Kulturleistungen fähig sei. Er meinte, die „Germanen“ seien der letzte „rein erhaltene Zweig“ der „Arier“ und durch „Vermischung“ mit fremden Völkern bedroht. (391f.) Die von Richard Wagner ins Leben gerufene deutsche Gobineau-Gesellschaft ergänzte diese Behauptungen um die Idee, den vermeintlichen Verfall der „arischen Rasse“ durch „Züchtung“ entgegen treten zu können. (392)

An Gobineau anknüpfend behauptete Houston Stewart Chamberlain in „Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts“ (1899), die „Arier“ seien „reinrassige“ Kulturträger und stünden seit der Antike in einem „Rassenkampf“ mit den „Juden“ als „Mischlingsrasse“. Seine rassentheoretische Geschichtsklitterung wurde im Deutschen Reich breitenwirksam, das Kaiser Wilhelm II. Chamberlains Veröffentlichung zur Pflichtlektüre in der Ausbildung deutscher Oberlehrer machte. (392) In dieser Zeit war die Rassenideologie auch ein konstitutives Element der Weltanschauung des deutschen Kaisers. (392)

In der NS-Diktatur schließlich wurde schon den Schulkindern beigebracht, die Kultur eines Volkes sei abhängig von seiner „Rasse“ und die deutsche Kultur stehe in der Tradition der Germanen, denen die „Juden“ völlig wesensfremd seien. (358)

Das deutsch-germanische „Volksgesicht“

In der öffentlichen Bildwelt der NS-Diktatur stand – wie in der dazugehörigen Politik – nicht das Individuum im Zentrum der Aufmerksamkeit, sondern das vermeintlich körperlich und seelisch Typische großer Gruppen. (430)

Erna Lendvai-Dircksen schloss mit ihren Büchern zum „deutschen Volksgesicht“ an die agrarromantische und großstadtfeindliche Ideenwelt an, die unter der Parole „Blut und Boden“ bekannt wurde und von den „völkischen“ Gruppierungen der Weimarer Republik und dem agrarpolitischen Apparat der NSDAP getragen wurde. Dahinter stand die Vorstellung von einer auf eine „heimatliche Scholle“ bezogenen sozialen und biologischen Einheit der Deutschen, die durch „Entwurzelung“ bedroht werde. (358)

Das „völkische“ Verständnis von der deutschen Nation wurde schon im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zur vorherrschenden Ideologie im preußisch dominierten deutschen Kaiserreich. (359)

Die „völkischen“ Gruppen in der Weimarer Republik hingen auch der Vorstellung von einer „rassischen Hierarchie“ an, die mit der „Volksgemeinschafts“-Ideologie verbunden war. (379)

Das völkische Verständnis von der deutschen Nation widerspricht dem demokratisch-republikanischen Nationsbegriff, demzufolge „Nation“ eine politische und „Volk“ eine ethnische Kategorie ist, so dass sich eine Nation aus demokratisch-republikanischer Perspektive auch aus mehreren Völkern zusammensetzen kann. (359)

Das „Durchschnittsbild“ als Vorläufer des „Volksgesichts“

Die ikonologischen Wurzeln des im NS propagierten deutschen „Volksgesichts“ liegen in der Kaiserzeit und der zu diesem Zeitpunkt noch elitären rassenanthropologisch-eugenischen Ideenwelt. (430) Lendvai-Dircksens „Volksgesicht“ gingen die „Durchschnittsbilder“ voraus. (386)

Die preußische Regierung errichtete 1871 einen nicht-demokratischen Staat in Gestalt eines Kaiserreichs. Nun machten die an der Herrschaft beteiligten Eliten „von oben“ ein vermeintliches „Wesen“ des deutschen Volkes zum Knotenpunkt der nationalen Identitätsbildung und suchten dies im Christlichen, im Arisch-Germanischen und im Biologischen. (396)

Seit Ende des 19. Jahrhunderts finden sich „Veranschaulichungen“ eines neuen Denkstils der westlichen Eliten in Gestalt von „Durchschnittsbildern“ oder „composite photographs“. Sie wurden innerhalb eines länderübergreifenden Netzwerks von Gelehrten etwa 1890-1920 diskutiert. Überliefert ist u.a. ein Durchschnittsbild sächsischer Soldaten, das aus den Hinterlassenschaften des ersten Professors für Fotografie an der TH Dresden (Robert Luther) zu Beginn des 20. Jahrhunderts zählt. Er hatte das Bild von dem Kunstwissenschaftler Georg Treu erhalten, der nachzuweisen versuchte, dass die klassische griechische Kunst das reinste Schönheitsideal aufweise, das zeit- und ortsunabhängig gültig sei. (385) Für seine Forschungen nutze er auch Durchschnittsbilder, auf die er durch Veröffentlichungen von Henry Pickering Bowditch von der Harvard Medical School aufmerksam geworden war. Bowditch hatte in den 1890er Jahren von General von Funcke in Dresden sächsische Soldaten als Foto-Objekte zur Verfügung gestellt bekommen. Aus zahlreichen Aufnahmen von unterschiedlichen einzelnen Köpfen wurde schließlich durch Mehrfachbelichtung dieser Aufnahmen auf ein- und dieselbe Fläche ein Durchschnittsfoto der Soldaten hergestellt. (386) Die Durchschnittsfotografie sächsischer Soldaten sollte mit einem auf gleiche Weise hergestellten „Durchschnittsgesicht“ slawischer Soldaten verglichen werden. Treu und Bowditch behaupteten, der „germanische“ Kopf sei runder und der „slawische“ eckiger. (386)

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde es in Preußen üblicher, von einer Überlegenheit der Deutschen den Polen gegenüber auszugehen. Ende des 19. Jahrhunderts wurden insbesondere die Polen in Posen zu Objekten eines zunehmend kolonialen Selbstverständnisses des deutschen Kaiserreichs. (396) Die anhaltende Migration aus dem geteilten Polen nach Westen in das Deutsche Reich hinein und darüber hinaus wurde zu einem Politikum, das rassentheoretisch argumentierende Deutschnationale als „Überschwemmung“ der Deutschen durch „die Slawen“ darstellten. (398) Das deutsche Kaiserreich strebte imperiale Weltgeltung an und betrieb nach innen und außen Kolonialpolitik. (399) Die in der antipolnischen Publizistik der Kaiserzeit einsetzende Polarisierung zwischen „Germanen“ und „Slawen“ war eine gedankliche Abstraktion und Imagination, die den politischen Wirklichkeiten vor Ort nicht gerecht wurde. Die „Durchschnitsfotografien“ sächsischer und wendischer Soldaten waren nicht nur eine Synthese „naturwissenschaftlicher“ Menschenbilder mit ästhetischen Wertvorstellungen. Sie repräsentieren auch eine abstrahierende bildliche Vorstellung der kaiserzeitlichen Eliten von ihrem „Volk“ in einem rassenideologisch-eugenischen Kontext. (402)

Der Erfinder der Durchschnittsbild-Methode war Sir Francis Galton, von ihm stammte auch die von den beiden zuvor genannten übernommene Hypothese, die Durchschnittsbilder würden Schlussfolgerungen über die Nationalität, Rasse und Intelligenz der betreffenden Gruppe gezogen werden. (386)

Galton gilt als Begründer der „Eugenik“ (engl. Eugenics). Er wollte mit quantitativen Methoden die Grundlage für die soziale Selektion von Menschen schaffen, um die Qualität der „britischen Rasse“ zu verbessern. Mit seinen Publikationen zur Erblichkeit von Intelligenz und Begabung legte er die wissenschaftlichen Grundlagen für ein Konzept zur „Veredelung“ der Gesellschaft, das er seit 1883 als Eugenik bezeichnete: die vermeintlich zu hohen Geburtenzahlen von Schwachen, Kranken und Armen sollten reduziert und die angeblich zu niedrigen Geburtenzahlen von Intelligenten, Gesunden und Reichen sollten gesteigert werden. (386f.) Die Eugenik gewann vor allem durch die neue, „biologische“ Perspektive auf den Menschen an Bedeutung. (387) Sie komplettierte das Arsenal der Argumentationsfiguren der Sozialdarwinisten, die Darwins Evolutionstheorie auf das gesellschaftliche Leben zu übertragen trachteten und die Auffassung vertraten, Menschen seien biologisch zu bestimmten Positionen in der Gesellschaft determiniert. (387) Die eugenische Bewegung etablierte sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts auch in den wirtschaftlichen und politischen Eliten des deutschen Kaiserreichs und wurde an den deutschen Universitäten unter dem Begriff „Rassenhygiene“ institutionalisiert. (390)

Die Definitionsmacht einer Minderheit von Wissenschaftlern wurde zu einem Machtinstrument zur Beherrschung einer Mehrheit. (388)

Visuelle Feindbilder

Die Physiognomik lieferte v. a. Erklärungen zur Binnenstrukturierung der äußerlich durchaus verschiedenen Deutschen. (361) Die Rassenlehre diente dagegen primär zur wissenschaftlich rationalisierten Ausgrenzung und Abwertung von „Juden“ und „Fremdvölkischen“. (361)

Feindbilder „Degenerierte“

Seit Darwins Evolutionstheorie erschien die Grenze zwischen „Mensch“ und „nichtmenschlichem Tier“ fließender zu werden. Europäische Rassenanthropologen knüpften daran an und meinten, die außereuropäischen „Rassen“ hätten den Prozess der Menschwerdung noch nicht abgeschlossen und auch die Europäer könnten „degenerieren“ und auf „tierische“ Lebensformen zurücksinken. „Geisteskranke“ wurden nun auf einer Entwicklungsstufe zwischen Mensch und Tier angesiedelt. (387f.)

Die nationalsozialistische „Erb- und Rassenhygiene“ lief auf einen die deutsche Gesellschaft betreffenden Zuchtgedanken hinaus. Ausgegrenzt werden sollten zunächst „Erbkranke“, „Asoziale“ und „Juden“. Die entsprechenden Gesetze zur Legalisierung entsprechender staatlicher Ausgrenzungsmaßnahmen werden Mitte der 1930er Jahre verabschiedet (Gesetz gegen Gewohnheitsverbrecher 1934, Erbgesundheitsgesetz 1935, Blutschutzgesetz/Nürnberger Gesetze 1935). (428)

Der visuelle Ausgrenzungsprozess wurde in der NS-Diktatur sogar zu einem Bestandteil des staatlichen Gesundheitswesens. Im Kontext der staatlichen „Erb- und Rassenpflege“ wurde das „Fremde“ und „Kranke“ durch ästhetische Geschmacksurteile im Gewand der medizinischen Expertise ausgeschlossen. „Arisierte“ deutsche Ärzte beurteilten die ihnen anvertrauten Menschen bezogen auf ein Leitbild vom „erbgesunden“, überindividuellen deutschen „Volkskörper“ mit „nordischem Rasseideal“. Das ästhetische Geschmacksurteil über den Körper eines Menschen wurde im medizinischen Bereich zu einem ärztlichen Urteil über den „rassischen“ Erbwert eines Menschen für den „Volkskörper“ und einem nur darauf aufbauenden Lebensrecht. (409) Diese Vorgänge schlagen sich auch in der visuellen Kommunikation nieder: Unter dem NS-Regime wurden wiederholt visuelle Darstellungen „abnormer“ oder „degenerierter“ menschlicher Körper dazu eingesetzt, um bei den Betrachtern Ängste, Ekel und Verachtung hervorzurufen. Der „abnorme“ Körper galt als ein Anzeichen für einen „kranken“ Geist. (409)

Die unter dem NS-Regime popularisierte Ikonografie des „abnormen“ Menschen schloß an die schon 1876 von dem italienischen Arzt Cesare Lombroso Auffassung an, es gebe „geborene Verbrecher“, die sich in ihrem Körperbau von anderen Menschen unterscheiden. Sein Schüler Hans Kurella erklärte 1893, „zum Verbrechen geborene“ Menschen würden typische körperliche Merkmale aufweisen: einen zu kleinen oder zu großen Schädel, dichtes und dunkles Haar, ein asymmetrisches Gesicht, deformierte Ohren, große und breite oder lange und dünne Nasen. (409)

Unter dem NS-Regime gingen das ästhetische Geschmacksurteil, die „Rassenhygiene“ und die Kriminalanthropologie fließend ineinander über. (409) Dementsprechend wurden die Häftlinge des KZ Dachau in der NSDAP-Parteizeitschrift „Illustrierter Beobachter“ präsentiert als „Missgestalten“ mit tiefliegenden Augen, hohlen Wangen, schiefen Mündern, abstehenden Ohren, Narben usw. (410).

Feindbilder „Fremdvölkische“ und „Fremdrassige“

Von Bedeutung für die beabsichtigte Ikonografie der „völkischen“ Porträtfotografie ist die von der Herstellerin mitbeabsichtigte Ausgrenzung „undeutscher“ Physiognomien. (364) Erna Lendvai-Dircksen sprach sich 1933 ganz ausdrücklich für eine Ausgrenzung von ästhetischen Gestalten „fremden Stils“ aus der deutschen Bildwelt aus, weil damit „keine Volksgemeinschaft möglich“ sei.

Feindbilder / Juden

Das regierungsamtlich gesteuerte visuelle Selbstbild der Deutschen unter dem NS-Regime erschließt sich primär in Bezug auf das auch visuell zum Ausdruck gebrachte Feindbild „Jude“. Die NS-Pressepropaganda benutzte während des Zweiten Weltkriegs Juden als zentrales Feindbild, mit dem weitere Feindbilder assoziiert wurden. Beispielsweise wurde auch die antipolnische NS-Propaganda wiederholt eng mit antisemitischer Propaganda verknüpft. (384)

Feindbilder / Polen

Um die visuelle Darstellung der Polen in der nationalsozialistischen Bildwelt des Zweiten Weltkriegs zu verstehen, ist es sinnvoll, sich bewusst zu machen, dass die gedankliche Grenze zwischen Europa und Asien zu Beginn des Zweiten Weltkriegs vom NS-Regime an die Westgrenze der Sowjetunion verlegt wurde – und damit durch das zuvor polnische Staatsgebiet verlief. (420)

Rassekundliche Forschung

Im NS-Staat untermauerte die rassenkundliche Forschung die Ideologie und Politik der NSDAP wissenschaftlich. Auch die polnische Zivilbevölkerung wurde zum Gegenstand der deutschsprachigen Rasseforschung. (420)

Insbesondere im Reichsgau Wartheland entstand ein sich professionalisierendes und radikalisierendes Zentrum rassekundlicher Selektion von Menschen. Rasse- und Volkstumsexperten der SS versuchten hier in Zusammenarbeit mit der deutschen Zivilverwaltung und der Reichsuniversität Posen ihre „volkstumspolitischen“ Maßnahmen auf eine wissenschaftliche Grundlage zu stellen. (422f.) Mit der Einführung des DVL-Verfahrens in allen „eingegliederten Ostgebieten“ 1941 wurde im Warthegau eine „rassische Musterung“ der Einwohner nach Maßgabe des RuSHA der SS durchgesetzt, die auch in anderen deutsch besetzten Gebieten Osteuropas angewandt wurde und im Warthegau 1943 zu einem vorläufigen Abschluss kam. (426) Die Anthropologen Egon von Eickstedt und Ilse Schwidetzky rechneten mit „Rasseformeln“ vermeintlich prozentgenaue „Rasseanteile“ einzelner Menschen in den eingegliederten Ostgebieten aus. (420f.)

An der „Reichsuniversität Posen“ wurde anwendungsorientierte Rasseforschung für die NS-Diktatur betrieben. Hier führten beispielsweise der „Völkerpsychologe“ Rudolf Hippius und der Biologe Konrad Lorenz in Kooperation mit SS-Funktionären rasse-relevante Untersuchungen an der Zivilbevölkerung durch. Hierzu zählte insbesondere auch die „Mischlingsforschung“ als ein spezieller Forschungszweig, der ohne die Rassenideologie keinerlei Existenzberechtigung gehabt hätte. Rudolf Hippius untersuchte 1942 deutsch-polnische „Mischlinge“ psychologisch, um nachzuweisen, dass die der Grad der „Rassenmischung“ auf die psychische Struktur eines Menschen auswirke. Er setzte voraus, das Deutsche und Polen grundsätzlich verschiedene Persönlichkeitsstrukturen aufweisen und dass eine deutsche Herrschaft über Polen legitim sei, weil diese nur unter Zwang zu „einem regelmäßigen und geordneten Kräfteeinsatz bereit“ seien. Er gelangte zu dem leicht voraussehbaren Ergebnis, dass „Rassenmischung“ zwischen Deutschen und Polen zu „charakterlicher Entharmonisierung“ führe. (421, 422)

Heinrich Himmler glaubte, „nordische“ Kinder seien schöpferischer als „Rassemischlinge“ und die Polen hätten nur durch „nordische“ Deutsche Anschluss an Europa gefunden. Er fantasierte, „minderwertige fremde Wirtsvölker“ wie die Polen würden den Deutschen „nordisches Blut“ abringen wollen, weil alle kulturellen und staatenbildenden Leistungen auf die „nordische Rasse“ zurückgehen würden. (421)

Link zum Weiterlesen der kompletten Präsentation:

Mit dem Begriff „Rassismus“ wird ein bestimmtes gesellschaftliches Macht- und Gewaltverhältnis bezeichnet, in dem die herrschenden Gruppen eine sehr große Zahl von Menschen nach körperlichen und kulturellen Merkmalen unterscheiden. Ihnen werden vermeintlich typische Charakter- und Verhaltensmerkmale zugeschrieben, die eine angeblich „natürliche“ Hierarchie der Menschen implizieren. Die „rassischen“ Eigenschaftszuschreibungen dienen dabei dazu, eine Ungleichbehandlung der Menschen im wirtschaftlichen und politischen Leben zu rechtfertigen … weiterlesen als PDF

 

Tierrechte und Umweltschutz

Das Anthropozän ist das Zeitalter der Theriozide/Zoozide und des Ökozids: Die Lebensgeschichten von Tieren sind durch die menschliche Psychologie des Bedürfnisses speziesistischer Erniedrigung gekennzeichnet. Umweltschützende blenden Tierschicksale aus und somit auch den Großteil menschlicher Destruktivität.

Umweltschutz und Tierrechte

Trennlinien, die zwischen Tieren und Umwelt gezogen werden

Gita Yegane Arani

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Umweltschutzbewegungen sind aktuell meiner Meinung nach recht entseelt-humanzentrische Veranstaltungen und auch progressiv anmutende Kampagnen zum Schutz von Biodiversität und gegen das Artensterben sind wenig tangiert von der faktischen tagtäglichen Ungerechtigkeit gegenüber der Tierwelt und dem Tierindividuum insgesamt.

Wie erklärt sich die Vermeidung konsequent tierethischer [1] Fragen in großen Teilen der heutigen Umweltbewegung, warum werden Tierschicksale nicht in der Art mit in die Umweltthematik eingeblendet, dass damit eine unabdingbare Verknüpfung mit Tierrechtsfragen einhergehen würde?

Tierfragen werden gegenwärtig zumeist nur insoweit als relevant mit einbezogen, insofern a.) tierliche Existenz vom Menschen dahingehend manipuliert wurde, dass sie als umweltschädigend eingestuft werden kann oder aber b.) insofern man wildlebende Tierarten als Bestand einer ökologischen Gemeinschaft erhalten will.

Tierfragen denen man im Umweltschutz vorwiegend begegnet sind:

  • Schäden als Resultat industrialisierter „Tierhaltung“/Massentierhaltung zählen als Dringlichkeitsfaktor zum veränderten Handeln
  • Tierschicksale sind wenn nur von „emotionalem“ Belang, bleiben anekdotisch und es ergeben sich keine Konsequenzen in Richtung Tierrechten daraus
  • Einheimische Tierarten sind schützenswert in ihren Funktionen und ihrem Dasein, während invasive Spezies vernichtet werden dürfen [2]
  • Tierarten sollen nachgezüchtet werden (captive breeding programs / Erhaltungszucht) unter Bedingungen der Gefangenschaft in Zoos, zum Erhalt der Gattung
  • Jagdquoten sind erlaubt, Jagd wird als „naturnahes“ Menschsein begriffen
  • Tiere als Ressourcen für ökologische Produkte

Tiere jenseits ihrer Zugehörigkeit zu diesen Lagern (Farmtiere die umweltschädigend sind und wildlebende Tiere, die in ihren ökologisch angestammten Habitaten erscheinen und funktionieren sollen), denen sie hauptsächlich zugeordnet werden, spielen wegen ihrer Selbst keine wirkliche Rolle (wobei es ebenso immer noch auffallend viele vegan Lebende und selbst Tierrechtler*innen gibt, die Tiere eher als Spezies subsumieren, und die Tiere als einzelne Lebewesen mit ihren eigenen Geschichten nicht konsequent priorisieren wollen).

Aber wie soll man sich auch mit dem tierlichen Gegenüber befassen, wenn selbst die Natur, d.h. die Natur in all ihren feinen Zusammenhängen und lebendigen Komponenten, entseelt betrachtet wird – wenn auch vom Menschen „geliebt“ weil schönes und nützliches Fundament unseres biologischen Seins. Die Art, wie der Gegenwartsmensch Natur betrachtet, leitet sich in der Regel aus seinem naturwissenschaftlich dominierten Weltbild her.

Die Naturwissenschaft ist, wenn man sie als Erklärungsmodell für Leben anwendet, aber entseelend. Das Leben erklärt sich über die Zusammensetzung einzelner, zergliederbarer Bausteine und bleibt dabei nicht intakt [3]. Die Naturwissenschaft müsste in ihrer Auseinandersetzung und Berührung mit Leben und Lebensbereichen erst über den Umweg der Geistes- und Sozialwissenschaft wieder seelenrelevante Ansatzpunkte im Bezug auf ihren Gegenstand erhalten. Doch „Geist“ und „Gesellschaft“ sind der Wirkkreis menschlicher Eigendefinition, und die Natur und die Tierwelt treten dort bislang noch in erster Linie hinsichtlich anthropozentrischer Eigeninteressensfragen und immer noch aus der Perspektive naturwissenschaftlich geleiteter Erklärungsmodelle auf. [4]

Die einzige Alternative wäre vielleicht nur noch eine religiöse oder spirituelle Sicht auf die Gesamtumwelt der Menschen, die sich aber als wenig tauglich erweist um aus ihren eigenen anthropozentrischen Überlieferungen und Dogmen herauszutreten. Historisch überliefert ist genau der geistige Kanon, aus dem die Gegenwart sich abgeleitet hat und fragwürdige Sichtweisen von damals sind immer noch wiege etlicher fragwürdiger Sichtweisen von heute. Ein kultureller Bruch hat geistesgeschichtlich in Hinsicht auf anthropozentrisch geprägte Mensch-Tier-Natur-Verhältnisse noch nicht stattgefunden. [5]

Der Mensch ist kein unumstößlicher Mittelpunkt „seiner Umwelt“

Warum schafft die Umweltbewegung keine echte Bezugnahme auf die Natur als lebendige Mitwelt und Welt, die neue umweltethische Erkenntnistheorien benötigt und nicht allein naturwissenschaftliche Modelle? In der gegenwärtigen Tierrechts- sowie in der Umweltbewegung kann man interessanterweise beobachten, dass für ein Neudenken gekämpft wird, ohne dass über den Gegenstand insofern neu gedacht würde, dass man sich aus übernommenen unemanzipativen definitorischen Fesseln des Anthropozentrismus herausbewegen würde (man muss sich dazu die konkreten Thematisierungen der Problemkomplexe anschauen, ich führe diesen Punkt hier daher nicht weiter [6]).

Unter Anthropozentrismus verstehe ich nicht, dass man menschliches Dasein in seinen Besonderheiten wahrnehmen kann, sondern der Anthropozentrismus ist ein Problem, weil er gewisse Modelle menschlich-dominanten (und -destruktiven) Verhaltens gegenüber dem nichtmenschlichen Leben als legitim begreift, und Modelle, in denen der Mensch eine pazifistische, andere Haltung und Rolle in seiner Mitwelt einnehmen kann, als undenkbar von der Hand weist.

So können menschliche „zivilisatorische“ Entwicklungen tatsächlich auf natursensiblen Ebenen wachsen und gedeihen, der mehrheitsangepasste Gegenwartsmensch geht aber tendenziell in undifferenzierter Weise davon aus, dass ohne Naturzerstörung und -unterwerfung zivilisatorische Entwicklungen nicht stattfinden konnten oder können.

Daher auch der starke Mythos über die Bedeutung von Jäger- und Sammlerkulturen als Wurzel der Menschheit. Die Unterwerfung der „Natur“ sei unabdingbar für das Überleben der Menschheit gewesen und Grundlage menschlichen Selbst-Bewusstseins. Als wäre das Überleben der Menschheit ein ideologisch festgelegtes Diktum, das um jeden Preis in nur einer erdenkbaren Form geschehen musste, und aus dem heraus sich auch ableiten lässt, dass alles legitim als Mittel zum Zweck unterworfen werden kann, wenn es doch dem menschlichen Überleben und Fortschritt dient.

Das interessante dabei ist, man sieht das „Menschsein“ als solch eine homogene geistige Verfassung, in der keinerlei andere kulturellen und individuellen Lebensvorstellungen vorkommen könnten. Zu jeder Zeit wird es menschliche Auffassungen gegeben haben, die von Gewalt gegenüber ihrer Mitwelt Abstand genommen haben oder nehmen wollten – dies lässt sich meiner Meinung nach zumindest nicht vernünftigermaßen Ausschließen [7].

Das menschliche Selbstverständnis spielt eine wesentliche Rolle, wenn wir etwas an den Einstellungen unserer Mitmenschen gegenüber der gemeinsamen Mitwelt verändern wollen

Eine Veränderung in Sachen Umweltschutz betrifft alle Bereiche des heutigen Lebens, wir sind in jeder Weise eingebunden durch unsere schiere körperliche Existenz in Systeme und Mechanismen, die die Welt als Ressource nutzen und verwalten, monetarisieren und zerstören [8]. Wenn wir an dem Punkt verharren von der Politik einzufordern, dass Symptome gemildert werden sollen, ändert dies noch nichts an all den Lebensbereichen, die nicht oder nur bedingt über politische Entscheide regulierbar sind, so zum Beispiel die Dynamik von Märkten und den damit verbundenen Folgen, die sich aus der Nachfrage für „Güter“ ergeben [9].

Umweltschutz, sowie auch Tierrechte, müssen tatsächlich einen gesamtgesellschaftlichen Emanzipierungsprozess beinhalten, das heißt Bewusstsein, Aufmerksamkeit und Wachheit für bedeutsame Fragen müssen entstehen, dort wo bislang Ausblendung und Ignoranz herrschen, und das wachsende Bewusstsein muss in den täglichen gesellschaftlichen Diskurs mit einfließen. Geschieht dies nicht, finden Stagnationen statt, wie derzeit zum Beispiel im Veganismus in der BRD: dort haben wir es zunehmend mit einer Reduzierung auf Etikettierung zu tun, einem Label, statt mit der kritischen Thematisierung von Grausamkeit gegen Tiere, was ursprünglich Haupttreiber der Bewegung war [10].

In der Umweltbewegung lässt sich die Neigung zum Greenwashing häufig kaum mehr von der echten Sache unterscheiden, die natürliche Umwelt wird wegen des mangelnden Grundsatzdiskurses weiterhin als Ressource betrachten und nicht als schützenswerter Raum wegen seiner Selbst [11].

Die nichtmenschliche Welt als Ressource soll uns erhalten bleiben, zu unserem Nutzen und unserer Freude und für unser Überleben (vielleicht als Raum menschlicher Selbstverwirklichung?). Die wildlebenden Tierarten sollen im Gesamtbild unserer Vorstellung biologischer Diversität erhalten bleiben, auch wenn wir sie in Gefangenschaft züchten müssen und wir überschüssige Exemplare wieder gerne zum Abschuss freigeben [12]. Die domestizierten Tiere und deren Problematiken werden nicht als solche verstanden, sie sollen einfach kein umweltbelastender Faktor mehr sein und mehr interessiert daran nicht [13].

Die Kluft, die der Anthropozentrismus zwischen Mensch und nichtmenschlicher Mitwelt schafft, bleibt bestehen, dass nur menschlichen Leben eine besondere Wertschätzung und eine sensible Wahrnehmung zukommen darf – so vom Prinzip her zumindest. Natürlich generiert die wohlmeinende Gesamtgesellschaft auch Abgründe innerhalb ihrer Gemeinschaften, aber man gibt sich zumindest gewisse ethische Ideale als Ziele vor.

Und diese separierende Haltung, die zwischen Mensch und Natur in hierarchischer, wertender Weise scheidet, finden unhinterfragt ebenso in der Umweltbewegung statt. Es ist nicht so, dass automatisch jede*r der*die sich für „die Natur“ oder „die Tiere“ einsetzt auch ein tiefgreifend emanzipatorisches und aufgeklärtes Verhältnis der Sache gegenüber aufweist (das gleiche trifft übrigens auch auf Menschenrechtsbereiche zu). Diese Projektionen finden aber statt, vielleicht in der Hoffnung auf den neuen und aufgeklärteren ‚besseren‘ Menschen.

Da sich die Tierrechtsbewegung (wie bereits oben moniert) bislang auch fast ausschließlich an die biologistische Sichtweise hält, die man insbesondere nichtmenschlichen Tieren zukommen lässt, erhält die Umweltbewegung auch hier keinen wertvollen Impuls um eine emanzipative Herangehensweise in der selbstkritischen Analyse des Mensch-Natur-Nichtmenschen-Verhältnisses zu entwickeln.

Manch einer würde jetzt behaupten, da bliebe dann nur die animistische Sichtweise auf die Welt übrig, um nicht-biologistische Standpunkte auf die Themen einzunehmen, die normalerweise durch eine naturwissenschaftliche Sichtweise bestimmt sind. Das hieße aber geflissentlich den wertvollen Rückgriff auszuschließen auf eigene Erfahrungs- und Beobachtungswerte und die Möglichkeiten diese in kritischen Bezug zu setzen. Die Beobachtungen, die der individuelle Mensch als Subjekt über seine Umwelt und sein Mitleben macht, bleiben bislang beklagenswerter Weise vielfach ungenutzt. Spezifischer:

Wir beobachten Dinge über die Gesellschaft, über uns selbst und andere Menschen, da sind uns keine oder kaum Grenzen gesetzt, im Gegenteil der freie Spielraum subjektiven Erlebens trägt eine besondere Bedeutung … wenn der Mensch sich aber aus eigener Sicht kontextualisiert mit Tieren, mit der Pflanzenwelt, mit dem ganzen nichtmenschlichen Dasein, wie es in der Welt existiert und zu existieren versucht, dann darf der Mensch nicht seiner eigenen unabhängigen Gedankenwelt vertrauen oder diese als Maßstab der Einschätzung oder der Relationssetzung betrachten, sondern er muss immer über den Umweg bestimmter Definitionswege gehen.

  • „die Natur“: die oberste Deutungshoheit für sie trägt die Biologie; die Philosophie in Hinsicht auf spezifische Räume die der Natur angedacht sind, das gleiche gilt für spirituell religiöse Vorstellungen in Hinsicht auf Natur –> eingegrenzte Räume.
  • „die Tiere“: Biologie und das geistesgeschichtlich sehr eng definierte Terrain, dass die überlieferte Menschheitsgeschichte den Tieren zugedacht hat.

Die Leistungen im Eigendenken und der eigenen Beobachtung und Wertung sind nicht nötig. Und das nimmt man hin, und macht sich so zum Komplizen anthropozentrischer Sichtweisen, die je nach Zeitgeist ihre Ausprägungen finden.

Meine Kritik an der gegenwärtigen Umweltschutzbewegung, wie sie sich in ihrem Mainstream vermittelt, würde nach meinen Erwägungen folgendermaßen zusammenfassen:

  • man fokussiert auf eine „den Menschen“ [14] in den Mittelpunkt setzende Zukunft als alleinig prioritär, die Frage nach der Zukunft, geschweige denn der Gegenwart der Tierwelt als Ganzem stellt sich nicht. Es findet keine Erweiterung sozio-ethischer Vorstellungen statt, die Tiere als Handelnde und Akteure öko-sozial mit einbindet
  • bestimmte Aspekte der Umweltzerstörung werden fokussiert und mit Forderungskatalogen politisiert, während die Umweltzerstörung aber ein umgreifender Prozess ist (eine anthropozäne Entwicklung), die CO2-Diskussion allein stellt einen verkürzten Blick dar, verschiedene Belange können und müssen aber zeitgleich Thema sein
  • der*die Bürger*in wird nicht als Schlüssel zur Lösung thematisiert, Lösungen sollen „von oben“ auf parteienpolitischer Ebene von Entscheidungsträgern verordnet werden. Der Lebensstil, den Menschen für sich jeweils praktizieren wollen ist nicht affiziert, solange keine Grundsatzdiskussionen über die Einstellungen von Menschen zur Natur angeregt werden. Das Bild von allem was Nichtmensch auf der Erde ist, sollte andiskutiert werden, damit ein Nachdenken und eine Auseinandersetzung als gesellschaftlich Relevant erkannt werden kann
  • die Protestbewegungen agieren choreographiert und fördern in dem Zuge wenig individuellen Gedankenaustausch, der wiederum eine Basis zur Bewusstseinsbildung in innergesellschaftlichen Mikrodiskursen fördern würde
  • kleine spezialisierte Initiativen werden oft nicht als wichtiger pluralistischer Baustein erkannt
  • in einer Gesellschaft, die sich vom Expertentum abhängig gemacht hat, benötigen wir konkrete Forderungen nach Fächern wie Umweltethik an mehr Unis und auch an Schulen z.B., Fächer dieser Art müssten offen wachsen können durch einen lebendigen und kritischen Diskurs in Hinsicht Mensch-Umwelt-Beziehung. Es benötigt eines weitreichend formulierten Forderungskatalogs um Diskussionen und Bewusstsein anzustoßen
  • die völlige und alleinige Autorisierung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse zum Thema „Umwelt“ begrenzt die Diskussion über „Umwelt/-zerstörung“: Gesellschaftliche, geistige, politische, wirtschaftliche Hemmnisse erledigen sich nicht automatisch aus einer Erkenntnis über die Entwicklungen des Klimawandels. Der Mensch nimmt Umweltzerstörung in Kauf, wie wir im Großen und Ganzen beobachten können. Nun eine punktuelle Wende zu vollziehen, weil die eigene, menschliche Zukunft durch die Umweltzerstörung auf dem Spiel steht, ist kein Hinauswachsen über den alten Anthropozentrismus. Man schützt die Natur dann um sich selbst letztendlich zu helfen. Ein Slippery-Slope und kein emanzipativer Prozess.
  • die Höherbewertung von konzertierter Medienwirksamkeit gegenüber weniger zentralistisch funktionierenden Kommunikationskanälen. Die höhere Wertbeimessung des Austauschs mit gesellschaftlichen Eliten, statt auf Bürgerebene Auseinandersetzung und Dialog als Möglichkeit gesellschaftlicher Evolution zu nutzen
  • Zoonosen wurden trotz Corona-Pandemie nur begrenzt in den Umweltbewegungen als Umweltproblem thematisiert, manche Umweltakteure beleuchteten die Problematik, aber die Bewegung insgesamt hat die Brücke, die hier themenübergreifend sichtbar wurde, nicht als Chance dazu betrachtet, die Umwelt auch als Lebensort der Tierwelt zu reklamieren und den gemeinsamen Schutz beider zu betonen
  • Selbst wenn es vermeintlich um Tiere (und sogar Veganismus) geht, geht es wieder um den ökologischen Aspekt ohne sich intensiviert mit Tierthemen selbst zu befassen, ein recht auffälliges Beispiel sind ‚Animal Rebellion‘, man geht davon aus, dass damit alle Tiere gemeint sind, es geht aber darum, dass die ‚landwirtschaftliche Tierhaltung‘ einen negativen Effekt auf die Umwelt hat, würde man ein einzelnes, individuelles Tier zum Verzehr töten, wäre das ein unbehandeltes und unklares Thema … und ganz naheliegend „Extinction Rebellion“, dort geht es darum wildlebende Tierarten zum Erhalt von Biodiversität zu schützen. Tiere als individuelle Subjekte bleiben, trotz allem Anspruch auf Schutz, marginalisiert im eigenen Raum. Die Folgen verschiedener Speziesismen für verschiedene Tiergruppen scheinen nicht existent, wenn der Fokus auf ökologische Fragen gerichtet sind

Ich vermisse die Feinteiligkeit in der Umweltbewegung und die Enttechnokratisierung in der erklärenden Definition vom Gesamtphänomen „Umweltzerstörung“ durch den Menschen. Umwelt und Umweltschutz sind keine allein technisch zu beantwortenden Fragen. Und es ist auch keine Frage des Gehorsams gegenüber wissenschaftlichen Daten und Erkenntnissen; sie sind Teil der Beobachtung der Katastrophe im Ganzen und in Teilen, aber sie ersetzen nicht die jedermann zugänglichen Wahrnehmungsmöglichkeiten von umweltschädlichem Verhalten auf allen nur denkbaren Ebenen. Destruktives Verhalten ist auch dann ein Problem, wenn die Zukunft der Menschheit dadurch nicht tangiert wird. Und das destruktive Verhalten gegenüber der Natur ist kumulierend, indem es sich aus tausend und einer schädlichen Handlungsnorm zusammensetzt.

Technokratischer Umweltschutz

Umweltthemen sind nicht bloß Themen, die aus den Naturwissenschaften heraus analysiert und thematisiert werden können. Die Haltungen von Menschen müssen vom Grundsatz her unter die Lupe genommen werden, die in der Menschheitsgeschichte zu der Einstellung führten, dass Umwelt schlichtweg eine „ausbeutbare Ressource“ sei. Es gibt verschiedene Einstellungen bei Menschen zu ihrer Umwelt, wir sollten uns ‚ökosozioethisch‘ orientiert anschauen, wie es dazu kommt.

Und, es ist nun eine beklagenswerte Tatsache, dass auf eben solch einem technokratischen und naturwissenschaftlichen und wenig soziologischen Boden eine Haltung besteht, Fragen der Tierethik aus der Umweltdebatte feinsäuberlich heraus zu halten.

Man drückt mit dieser Aussparung aus, dass es keine Rolle spielt, dass wir Tiere aus der Natur herausgerissen und in unsere für sie ersonnenen qualvollen Räume forciert haben, und dass die Tierwelt weiterhin von Menschen gemordet und gedemütigt werden darf, solange es in ökologisch nachhaltiger Weise geschieht.

Ungerechtigkeitsfragen in Hinsicht auf die Tierleben als „Erdenkinder“ (als gedankliches Bild oder Metapher), spielen im Umweltschutz keine Rolle. Man trennt zwischen ökologisch essentiellen Symbiosen, einheimischen und ‚nützlichen‘ Tierarten und dem Tier an sich, das eigentlich kein Thema ist, für sich selbst [15].

Warum sollten man Tiere grundsätzlich vor menschlicher Destruktivität schützen und warum soll eine Frage ethischer Verwerflichkeit über die Dominierung tierlichen Lebens für Umweltschützer eine Rolle spielen? Welcher Zusammenhang besteht für Umweltschützer im Konkreten zwischen Tierwelt und „Natur“? Man müsste darüber eine Karte zur Verbildlichung erstellen und man würden sehen, dass das Tier als erlebendes Subjekt auf dieser Karte bislang nicht explizit erscheint. [16]

Tierrechtler*innen selbst verkürzen oft die Fragen der Ungerechtigkeit und geben vor es reiche die „Instinkte“ des Nichtmenschen „artgerecht“ zu bedienen, als wären Animal Bodies von biologischen Determinanten geleitete und von uns Menschen völlig erfassbare und definierbare Leben. [17]

Freiheit und Unrecht spielen doch nur beim Menschen eine Rolle. Oder?

Nun gut, die Natur soll also geschützt werden, der Natur und ihren Bewohnern könne aber kein Unrecht geschehen (im Negativen) und Freiheit (im Positiven) sei nur was, was der Mensch erlebt – solche Vorstellungen findet man in der einen oder anderen Form immer wieder in Geistesgut von Menschen vor – die Natur selbst habe nichts mit „Freiheit“ zu tun – sie sei „geistlos“. „Geist“ (und somit eigentlich „Sinn“) bindet man an das menschliche Dasein und die menschliche Selbstreflektion, und derart Begriffe dienen als Messers Schneide zwischen Mensch und dem irdischen Rest.

Der Mensch will diese „geistlose“ Materie aber atmen, und er will, dass gewisse Tiere in Freiheit die Natur mitgestalten, Bienen und Käfer, Vögel, Nager, die Tiere auf dem Land, in der Luft und die im Meer … er zieht aber klare Grenzen wem alleine eine Domäne über „Geist“, „Freiheit“ und „Sinnhaftigkeit“ zusteht. Die Natur ist in dem Moment vom Menschen als entseelt und geistlos, und als bloße Materie verstanden worden, in dem er sie zu nutzen und zu instrumentalisieren begann [18].

Tiere stehen in gleicher Weise hinter dieser Grenze von „Geist“ und „Sinn“ (da nicht Mensch) [19], die einen reißen wir aus den Zyklen ihrer selbst gewählten und selbst gestalteten Habitate heraus, die anderen dürfen in einer verwalteten „Wildbahn“ weiterleben, alle werden in den menschlichen Eingrenzungen „im Zaum“ gehalten, wenn auch nicht zuletzt in der geistigen und theoretischen Auseinandersetzung mit ihnen. Man spricht Tieren ein autonomes Bewusstsein ab, und zwingt ihrem Sein unsere Beobachtungsparameter und die Belegbarkeit gewisser Eigenschaften auf, die immer wieder zu dem Schluss führen müssen, dass ihr Verhalten determinierbar sei und sich aus dem Instinkt heraus erklären würde. Die menschlichen Paradigmen über das Tiersein geben die Definition und das Verständnis von „Tier“ vor (eine Eingrenzung von Freiheit auf definitorischer Ebene, die wir routinemäßig vollziehen).

Umweltschützende beschweren sich teils – ich sage hier bewusst „teils“, denn Ausnahmen sind die Themen: Jagd, Native/Invasive Spezies und Captive Breeding – über die abartige Behandlung wildlebender Tierarten, aber Hühner, Schweine, Rinder … Pferde … alles hat – wenn in nachhaltigen Maße – seinen angestammten Platz in der grundsätzlichen Nutzbarmachung der menschlichen Um- und Mitwelt. Tierliches Eigenerleben, Eigenwert oder Eigenbedeutung zählen für den Menschen doch nicht, wenn sie sich durch den Menschen gegenwärtig nicht fassen lassen. Und da beginnt wieder der Anthropozentrismus.

Wir sollten stattdessen auch akzeptieren können eine pazifistischen und beschützende Einstellung gegenüber dem Leben in der Welt einzunehmen, dass wir vielleicht nicht nach uns bekannten und/oder akzeptierten Schemen fassen können. Es ist manchmal eine feine Gratwanderung, wie ein Mensch sich in der Welt einbringt. Als Freund oder als Egomane und eventuell Zerstörender.

Ich verstehe es nicht und es ist der Punkt, der mich an der Umweltbewegung fortwährend irritiert: die Aussparung von Tierschicksalen. Ich brauche keine geschützte Umwelt, in der Tiere geschlachtet und seziert, gedemütigt und verletzt werden. Natur und Tiere gehören zusammen und wir aber autorisieren uns, deren Leben und das Dasein der Natur zu, beides, zu objektifizieren. Wir erkennen keine Wege, Tiere in vernünftiger Weise als Subjekte wahrzunehmen und wir erkennen keine Wege, die Natur nicht als „Mittel zum Zweck“ und als „Ressource“ zum Dienste menschlicher Interessen zu verstehen, sondern als hochkomplexes feines „Allleben“, als ein ökologisches Miteinander, das eigene Intelligenzen manifestiert. Würden wir dieses erkennen, dann würde wir auch in der Lage sein, solch eine Sicht thematisch zu priorisieren.

Ich verstehe nicht, wie man überhaupt den Themenkomplex Umwelt von dem Themenkomplex Mensch-Tier-Beziehung und Tierwelt trennen kann. Unsere Existenzen stehen in einem Konflikt zueinander, seit der Mensch sich selbst zur Krone der Schöpfung erhoben hat. Wie kann man diesen Teil der Geschichte des Anthropozäns so dermaßen ausblenden aus der Fallanalyse von dem, was die Welt kaputt macht?

Wird Mainstream-Umweltschützenden nicht klar, dass Umweltzerstörung vor allem erstmal eine zugrunde liegende Psychologie aufweist, und dass es ebenso wenig selbstverständlich ist, Natur und Tierleben zu zerstören, wie willkürliche Gewalt gegen Mitmenschen auszuüben? Ökozid und Theriozid sind zerstörerische Herrschaftsansprüche von Menschen über Tiere und Natur.

Die Welt vermüllen: faktisch, gedanklich, materiell, immateriell

Wie wollen Umweltschützende verhindern, dass zu viele andere Menschen wie irre Waren und Güter konsumieren um mithalten zu können bei massenwirksamen Trends, dass die Menschen kein Problem damit haben endlos viel „Müll“ zu produzieren, dass Menschen keine Rücksicht nehmen auf die Naturräume, weil sie an das eigene Fortkommen denken in der Art „wie gehabt“, weil in ihrem individuellen und gesellschaftlichen leben die Natur als Ganzes eben bloß uns zu dienende Materie ist? Sie ist auch dann „dienende Materie“ wenn Menschen die Natur wegen ihrer eigenen Zukunft schützen wollen und genau das als Argument voranstellen, statt darauf aufmerksam zu machen, dass es ja um die Zukunft der Welt selbst geht. Der einzige Unterschied zwischen Normalos und dem klassischen Umweltschützenden besteht darin, dass die Umweltschützenden die Umwelt noch länger intakt halten wollen, damit die Menschheit weiterhin Mensch bleiben kann, so wie sie im Prinzip es schon immer war. Daher würde es ja auch reichen wenn alles „nachhaltig“ und „bio“ wäre – viel mehr gibt es zur Lösung ja eigentlich nicht wirklich zu sagen. Früher war man alles so, dass man es als „nachhaltig“ und „bio“ bezeichnen könnte und es war immer noch gewaltsam, Zerstörung, anthropozentrischer Herrschaftsanspruch, etc.

Den Menschen, der erkennt, dass Umwelt keine Determinante und kein kausalistisch funktionierender intelligenzloser Raum ist (und auch kein Ort nach biblischer Definition), sondern Endzweck als Leben in sich selbst, usw. – mit all den Konsequenzen, die sich aus dieser Erkenntnis ergeben – den wird man bislang in der Allgemeinheit nicht finden.

Anmerkungen:

[1] Der Einfachheit halber gebrauche ich hier den Begriff „Tierethik“ in wortwörtlicher Bedeutung, ohne eine Anlehnung an andere Gebrauchsweisen des Wortes zu berücksichtigen, wie etwa der Begriff in seinen bioethischen Zusammenhängen, u.a. auch in seiner Prägung durch die Verwendung in der Tierversuchsindustrie zum Versuch eigener Legitimierbarkeit oder in seiner Umsetzung wissenschaftlicher Lektüre zum Themenkomplex.

[2] Eine besonders gute Darstellung des Konflikts, der sich an der Frage ‚invasiver Spezies‘ zwischen Tierrechten und Umweltschutz entbrennt, liefert Vasile Stanescu: Das „Judas-Schwein“: Wie wir „invasive Spezies“ unter der Vorgabe des „Naturschutzes“ töten, https://simorgh.de/about/stanescu_judas_schwein/

[3] Auch wenn Ortega y Gasset seinem Speziesismus mit seiner befürwortenden Haltung zu Stierkämpfen unverzeihlichen Ausdruck verlieh, so formuliert er in dieser Textstelle eine interessante Haltung zur „Natur“:  „Wir Menschen haben die Welt in Fächer eingeteilt, denn wir gehören doch zur Spezies der Klassifikatoren. Jedes Fach entspricht einer Wissenschaft, und darin eingeschlossen ist ein Haufen von Wirklichkeitssplittern, die wir im ungeheuren Steinbruch der Mutter Natur aufgeklaubt haben. In Gestalt dieser kleinen Splitterhäufchen, zwischen denen eine – bisweilen kapriziöse – Übereinstimmung besteht, besitzen wir die Trümmer des Lebens. Um zu solchem seelenlosen Besitz zu kommen, mussten wir die ursprüngliche Natur zergliedern, mussten wir sie töten.“ ORTEGA Y GASSET, JOSÉ, Gesammelte Werke in vier Bänden, Band 1, Stuttgart, 1950, S. 40.

[4] Barbara Noske stellt die Zuordnung von Tierthemen ins Biologistische in Frage, indem sie die Situation in der Anthropologie beschreibt. Sie formuliert treffend:

„Biologie und Ethologie sind irgendwie zu den Wissenschaften über die Tierheit geworden. Es ist von diesen Wissenschaften woher die Sozialwissenschaftler (die Wissenschaften über die Menschheit) ihr eigenes Bild von Tieren und Tiersein unkritisch und zum größten Teil unbeabsichtigt beziehen. Tiere sind an biologische und genetische Erklärungen gebunden worden.

Dies hat zu einer „Anti-Tier Reaktion“ unter den Gelehrten in den Humanwissenschaften geführt. Sie erklären geradewegs, dass die Evolutionstheorie der Interpretation von Tieren und tierischer Handlungen genüge tut, aber nicht für Menschen. Fast kaum ein Kritiker biologischen Determinismusses wird fragen, ob Tiere wirklich in engen genetischen und biologischen Begriffen erklärt werden können.“

in die Tierfrage in der Anthropologie, https://simorgh.de/about/noske-die-tierfrage-in-der-anthropologie/

[5] In einem Interview, dass ich mit Kim Socha zu ihrem Buch ‚Animal Liberation and Atheism‘ führte, diskutieren wir die Frage an, inwieweit Religion und Naturwissenschaften miteinander verknüpft sind – zumindest in ihrer, wenn auch sich unterschiedlich ausdrückenden, anthropozentrischen Haltung gegenüber den nichtmenschlichen Welt, https://simorgh.de/about/drei-fragen-an-kim-socha-ueber-tierrechte-und-atheismus/

[6] Das individuierte und das ganzheitliche Leben der „Natur“ selbst sind nicht der Grund sie zu schützen, sondern Grund zum Schutz ist immer die Bedeutung der Natur für den Menschen. Es kann sein, dass Menschen unter Umständen gar nicht wissen, wie sie anders über „Natur“ sprechen können. In Dichtung und Roman kann das funktionieren, aber leider noch nicht in der Argumentationsbasis für den Umweltschutz. Die diffuse „Liebe zur Natur“ ist eine wahre Fundgrube über Unterschiedlichkeiten in den Auffassungen über das eigene Menschsein in der Welt. Es muss aber noch Wege geben, Natur und tierliche Mitwelt zu achten, wertzuschätzen und schützen zu wollen, als großen menschlich-ethischem Anspruch.

[7] Vita Activa von Hannah Arendt ist ein wahre Bibel über das Verhältnis Mensch – Umwelt – wenn auch leider Arendt sich niemals wirklich mit der Tierfrage auseinandergesetzt hat. Es wundert mich, warum die Umweltbewegung Arendts Ideen und Beobachtungen niemals breitenwirksam aufgegriffen hat. Interessante Fragen zum Mensch – Naturverhältnis thematisiert Arendt auch in:

ARENDT, HANNAH, Denktagebuch 1959 – 1973, Erster Band, München, 2002.

‘Solidarität: Alle Solidaritätsbegriffe tragen noch deutliche Spuren der ersten und ursprünglichsten Solidarität aller Menschen (also des Menschen) gegen die Natur. Solche Solidarität von Einem gegen alles Andere ist aber unter Menschen nie erlaubt. Es gibt keine unbedingte Solidarität. Das “wir sitzen alle in einem Boot” ist ein Beispiel der falschen, verabsolutierenden Solidarität.

Der Gruppenbegriff mitsamt seiner Bezogenheit auf die Teil-Ganzes-Kategorie stammt aus der Solidarität des Menschen gegen die Natur.’ (S. 127)

‘ […] Das Element der Zerstörung in allem Herstellen: Der Baum wird zersört, um Holz zu werden. Nur Holz, aber nicht der Baum, ist Materie. Materie also ist gerade schon ein Produkt des Menschen, Materie ist zerstörte Natur. “The human artifice” […] entsteht, indem der Mensch lebendige Natur so behandelt, als sei ihm das Material gegeben, d.h. indem er sie als Natur zerstört. Das Holz ist der Tod des Baumes. […]

So wie Gott den Menschen geschaffen hat, aber nicht die Menschen und sicher nicht Völker, so hat Gott die Natur geschaffen, aber nicht die Materie. […]’ (S.61)

[8] Die harschen Zerstörungsmechanismen die wir beobachten, können in ihren Dimensionen am ehesten mit dem inzwischen verwendeten Begriffs des Ökozids bezeichnet werden. Für die globale Problematik menschlich destruktiven Verhaltens an der Tierwelt müsste es definitiv einen vergleichbaren Ausdruck geben. Ich selbst verwende den Begriff Zoozid. Der Professor für Green Criminology Piers Beirne prägte den Begriff des Theriozids als allgemeine Bezeichnung menschlichen Tötens von nichtmenschlichen Tieren. Gleich wie, ein Begriff ist nötig und es fragt sich, warum von Tierrechtsseite her sich bislang noch kein zusammenfassendes Wort für die Gräueltaten an Tieren gefunden hat, bei aller Erkenntnis über die ethische Katastrophe, und, es fragt sich ebenso, warum Umweltschützende diese Dimension von Zerstörung bislang nicht mit einbeziehen konnten, allein von die Symbiose Tier-Natur entscheidend für das irdische Dasein ist und wo auch das Tier in der Farm oder im Labor erst durch uns in diese Situation gebracht wurde.

[9] Ideen und Praxis alternativer Lebensweisen müssen Graswurzelartig umgesetzt werden. Parteienpolitik wird sich von etablierten wirtschaftlichen Mechanismen kaum unabhängig machen können, und daher in gehabter Form „Wohlstand“ und „Fortschritt“ versprechen, der schwieriger radikal veränderbar sein kann als eine Veränderung durch gegenseitige Aufklärung herbeizuführen ist.

[10] In den ersten Vegan News aus dem Jahre 1944 schreibt Donald Watson zur Gründung der veganen Bewegung: „Deutlich erkennen wir, dass unsere Gegenwartszivilisation sich auf der Ausbeutung von Tieren errichtet, so wie vergangene Zivilisationen auf der Ausbeutung von Sklaven aufbauten. Wir glauben, dass das geistige Schicksal des Menschen so verlaufen wird, dass die Menschheit in der Zukunft mit Abscheu daran denken wird, dass sie sich einstmals von Produkten aus Tierkörpern ernährte.“ https://simorgh.de/about/vegan-news-no-1/

[11] Steven Bartlett beschreibt humanzentrische Haltungen im Bezug auf die natürliche Um- und Mitwelt als gleichzeitige Ursache für Fremd- und Selbstzerstörung. Er erwähnt in diesem Zusammenhang folgenden meiner Meinung nach ‚in-between‘ Standpunkt eines Biologen auf den Umweltschutz:

„Einer der wenigen Ökologen die mutig oder idealistisch genug waren für diesen Grad an Spezies-Selbstlosigkeit einzutreten, ist der Biologe Dan Janzen gewesen, der an der Erhaltung der Diversität von Spezies in der Guanacaste Conservation Area in Costa Rica arbeitete […] Janzen war einer der wenigen, die die Wichtigkeit des Überlebens einer Spezies nicht mit deren Vorteilen für die Menschen verband, in ähnlicher Weise wie Christopher Stones Respekt für die legalen Rechte natürlicher Objekte in der Umwelt unabhängig von menschlichen Interessen, Vorteilen und Profiten. Janzen sagte, „ja, man will diesen Wald retten, weil man vielleicht einen neuen Wirkstoff oder eine neue Art der Schädlingsbekämpfung finden könnte oder um Touristen anzuziehen, aber keiner dieser Gründe (sic) ist der Grund, dies als wildes Land beibehalten zu wollen. Für mich gibt es nur ein Ziel: dass diese Biodiversität überlebt.“ https://simorgh.de/animallaw/bartlett_33-67.pdf

[12] Themen, die hiermit im Zusammenhang stehen sind: Canned Hunting / Gatterjagd, Jagdquoten weltweit, in Deutschland die Situation der Wölfe z.B.: https://simorgh.de/about/woelfe-und-tierrechte/

[13] Tiere und ihre Schicksale in der subjektiven Wahrnehmung ‚zwischen Subjekten‘ zu thematisieren ist ein wichtiger Weg in der neuen Entdeckung der Bedeutsamkeit von seelensprachlicher, emotiver Auseinandersetzung mit Tieren und ihren Erlebnissen. Das Projekt ‚Faunary Press‘ von Marie Houser befasst sich mit dieser Perspektive: https://simorgh.de/about/houser-erzaehlliteratur-ist-aktivismus/

[14] Syl Ko setzt sich mit „dem Menschen“ auseinander als einem Konstrukt, das einem ausschließenden vermeintlichen Idealbild dient, dem alle Menschen, die nicht dem einen Idealbild vom „Menschen“ entsprechen, und alle Nichtmenschen, als minderwertig gegenübergestellt wurden, https://simorgh.de/about/ein-interview-mit-syl-ko/

[15] Die Trennung zwischen ökologisch essentiellen Symbiosen, einheimischen und ‚nützlichen‘ Tierarten und dem Tier an sich, das eigentlich kein Thema ist, für sich selbst, hat Karen Davis beschrieben in ‚Wie ein Huhn zu denken: Farmtiere und die feminine Verbindung‘ https://simorgh.de/tierautonomie/JG2_2015_1.pdf

[16] Barbara Noske hat kritische Beobachtungen über Trennungen zwischen der Tierrechts- und der Umweltbewegung gemacht https://simorgh.de/noske/noske_22-33.pdf, während beispielsweise Anthony Nocella Verbindungen zwischen den radikalen Ausprägungen beider Bewegungen beobachtet hat https://simorgh.de/about/wp-content/uploads/2014/11/kritische_tierstudien.pdf

[17] Immer wieder scheint die Rhetorik vieler Tierrechtler*innen sich nach humanzentrischen Erklärungsmodellen zu richten, statt eine eigene Terminologie zu entwickeln. Man biegt sich nach eingrenzenden Definitionen des tierlichen Gegenübers statt der eigenen neuen Erkenntnis, Beobachtung und Beurteilung neuen Raum zu schaffen. Eine Befreiung soll stattfinden, aber nicht in der grundsätzlichen Auffassung über die Mensch/Tier-Identitäten, https://www.simorgh.de/objects/what-is-an-animal/

[18] Die Welt des Pantheismus beispielsweise, die eine beseelte Sichtweise der Natur und all ihrer Mitlebewesen offenlegt, kann eigentlich nur in arbiträrer Weise einem alleinigen Schöpfergott zugewiesen werden. Das Eigenschöpferische von Welt und Sein in der Welt konnte im mystischen Denken niemals ganz bedeutungslos erscheinen.

[19] In der Tat ist es zum einen nicht so ganz klar, wie die Einstellung gegenüber Bedeutung/Sinn und „Mensch“ und „Tier“ immer wirklich gelegen hat, dazu sollte insbesondere über die Auseinandersetzung mit Tiermythologien einen Blick auf teilweise sehr anders geartete Sichtweise auf Tiere zulassen. Ich habe u.a. diese zwei kurzen Versuche unternommen https://simorgh.de/niceswine/mythologien-und-folklore-kroenleinnattern-und-basilisken ; https://simorgh.de/about/fragment-ueber-insektenmythologien/ aus Mythologie zu lernen. Besonders die Sprache wird als trennendes Merkmal zwischen den Identitäten verstanden, dabei wäre aber zu fragen, was wir als Sprache verstehen und unter welchen Gesichtspunkten wir Kommunikation als Sprache anerkennen, mein Fragment über eine grundsätzlichen Infragestellung dazu https://www.simorgh.de/objects/thoughts-about-animal-languages/.

 

Aktivismus ist nicht immer das gleiche

Where activism for nonhumans divides: You can either name the fundamental wrong of speciesism or remain criticizing only the symptoms of a cause. The discourse about nonhuman concerns evolves through naming injustices on all the levels on which they occur.
Antispeciesist Animal Sociology

Aktivismus für nichtmenschliche Tiere unterschiedet sich: man kann das fundamental Falsche am Speziesismus benennen oder bei der Kritik an den Symptomen hängen bleiben. Der Diskurs über nichtmenschliche Belange entwickelt sich weiter, indem wir auf die Ungerechtigkeiten auf all den Ebenen hinweisen, auf denen sie stattfinden.

A habitualized recourse on speciesist thinking patterns by animal rights activists > “animals are instinctual beings” > is communicably compatible with society’s speciesist norms, yet it’s mere continued biologistic discrimination against nonhuman animality. Speciesist language stands for entire unjust worldviews – and either you opt for expressing alternative views on animality or you keep being a repeater of the echoes.
Antispeciesist Animal Sociology

Ein gewohnheitsmäßiger Rückgriff auf speziesistische Denkmuster > “Tiere sind Instinktwesen” > ist innerhalb speziesistischen Normen unserer Gesellschaft kommunikationstechnisch zwar leichter kompatibel, nichtsdestotrotz bedeutet er aber die Fortsetzung von biologistischer Diskriminierung nichtmenschlicher Tierlichkeit. Speziesistische Sprache drückt auf Ungerechtigkeit basierende Weltanschauungen aus – entweder formulieren wir alternative Sichtweisen auf die Tierheit oder wir bewegen uns stumpsinnig weiter in den alten Echokammern.