Grundlagen > Speziesismus und Kunst

Grundlagen > Speziesismus und Kunst

Thesen zur Kritik an speziesistischen Kunstkontinuen … 

Ein Mapping ästhetischer Mechanismen in der Normalisierung von Speziesismus … 

Gewalt in der Kunst und Tierobjektifizierung > Speziesismus als Mittel von Ästhetisierung und Kunstschaffung … 


Animalistic Issue

Grundlagen > Speziesismus und Kunst. [Fassung vom 04.02.26]

Thesen zur Kritik an speziesistischen Kunstkontinuen

  1. Speziesismus ist ein gesellschaftliches Grundverhältnis, kein Randproblem

Speziesismus ist kein Missverständnis, keine Unachtsamkeit und kein bloßes Vorurteil, sondern ein strukturelles Gewaltverhältnis, das bestimmt, wessen Leben als moralisch relevant gilt und wessen Körper als verfügbar erscheinen.

  1. Künstlerische Kontinuen, im DACH insbesondere von Nitsch bis zu seinen Ablegern, beruht auf dieser Verfügbarkeit

Ein Kontinuum, die in prominenter Weise im DACH das von H. Nitsch, seinen Schülern und heutigen Anknüpfungspunkten setzt die gesellschaftlich akzeptierte Gewalt gegen nichtmenschliche Tiere (derer es bedarf) voraus. Nicht als Thema, sondern als ontologische Grundlage.

  1. Tierliche Körper erscheinen hier nicht als Unrechtsträger, sondern als Selbstverständlichkeit

Die Gewalt gegen Tiere wird nicht als moralisches Unrecht adressiert, sondern als kulturell verwertbare Gegebenheit behandelt. Dass sie ästhetisch, symbolisch oder rituell „bedeutungsvoll“ gemacht wird, ändert nichts an ihrem Charakter als Gewalt.

  1. Die Frage ist nicht, ob Gewalt „(auch) kritisch gemeint“ ist

Die entscheidende Frage lautet nicht, ob Gewalt intendiert, reflektiert oder kontextualisiert wird, sondern: Warum gilt Gewalt gegen Tiere überhaupt als bedeutungsoffenes Material? Diese Frage würde sich bei Gewalt gegen Menschen nicht stellen. Dass sie hier gestellt werden kann, ist selbst Ausdruck einer speziesistischen Denkweise.

  1. Kunst fungiert hier als Veredelungsmechanismus gesellschaftlicher Gewalt

In diesen Kontexten wird Kunst nicht zum Ort der Infragestellung, sondern zur ästhetischen Veredelung eines bereits normalisierten Gewaltverhältnisses. Sie macht akzeptabel, was andernorts alltäglich geschieht: die Reduktion lebendiger Wesen auf verfügbare Körper.

  1. Solchen Orten ist nicht zu helfen, weil ihr Fundament nicht kritisch, sondern affirmativ ist

Diese Orte können nicht „umgedeutet“, „kritisch bespielt“ oder „von innen transformiert“ werden, weil sie nur funktionieren, solange die Verfügbarkeit tierlicher Körper gesellschaftlich anerkannt ist. Ihr Bestehen ist abhängig von genau dem, was sie angeblich überschreiten. (…)

  1. Die gesellschaftliche Normalisierung ist ihre eigentliche Lebensgrundlage

Diese Kunstorte leben nicht von Provokation, sondern von Gewöhnung. Von einer Welt, in der Tierkörper alltäglich zu Nahrung, Ware, Forschungsobjekt oder Symbol gemacht werden – ohne dass dies als Unrecht gilt.

  1. Die sakrosankte Kunst schützt den Speziesismus

Die Vorstellung, Kunst stehe jenseits ethischer Bewertung, wirkt hier als Immunisierungsstrategie. Sie erlaubt es, Gewalt zu ästhetisieren, ohne sie moralisch verantworten zu müssen.

  1. Individuelle vegane oder tierfreundliche Haltungen ändern daran nichts

Dass einzelne Besucher:innen oder Beteiligte sich als vegan oder tierethisch verstehen, unterbricht die Struktur nicht. Solange die Grundannahme der legitimen Tierverfügbarkeit nicht angegriffen wird, stabilisiert Teilnahme das System.

  1. Antispeziesistische Kritik verweigert die ästhetische Ausnahme

Wie in unseren Kommentaren im Animalistic Issue [https://www.farangis.de/blog/category/animalistic-issue , 04.02.26] formuliert, geht es nicht um Geschmacksfragen oder Symboldebatten, sondern um eine radikale Verschiebung des moralischen Horizonts: Nichtmenschliche Tiere sind keine Träger von Bedeutungen, sondern Träger von Leben, Interessen und Verletzbarkeit.

In einer speziesistischen Welt ist es erschreckend einfach, Speziesismus zu normalisieren – besonders dort, wo er als Kunst erscheint. Was als ästhetische Grenzerfahrung gilt, ist in Wahrheit die kulturelle Fortsetzung eines Gewaltverhältnisses, das immer wieder aufs neue fudamentalisert werden soll, hier als Ritus und Alltäglichkeit.

Die ästhetische Normalisierung von Tierkörpern in Kunst, Sprache, Wissenschaft und Kultur dient keiner kritischen Reflexion – das wäre ein Widerspruch in sich außer man würde versuchen Gewalt als solche normativ zu „ethisieren“ und damit ideologisch zu legalisieren – sondern reproduziert und verstärkt in logischer und gewollter Konsequenz das speziesistische Gewaltverhältnis, weil systemgegebene Verfügbarkeit tierlicher Subjekte als selbstverständliche Voraussetzung begriffen wird.

Ein Mapping ästhetischer Mechanismen in der Normalisierung von Speziesismus

Kritik der visuellen Veredelung tierobjektifizierender Praktiken in Kunst, Kunstmarkt und Gesellschaft

  1. Grundannahme

Speziesistische Szenen benötigen keine Rechtfertigung mehr.
Sie benötigen ästhetische Infrastruktur.

Diese Infrastruktur sorgt dafür, dass:

  • Gewalt nicht als Gewalt erscheint
  • Objektifizierung nicht als Objektifizierung benannt wird
  • Kritik entweder integriert oder unsichtbar gemacht wird

Das Ergebnis ist kein Streit, sondern Normalität.

  1. Die häufigsten ästhetischen Mechanismen
  2. Ästhetische Veredelung

Mechanismus:
Tierkörper, tierliche Überreste oder tierbezogene Gewalt werden durch Kunstformen (Installation, Fotografie, Performance, Design) in einen Bedeutungsraum überführt, in dem ästhetischer Wert die ethische Frage überlagert.

Wirkung:

  • Gewalt erscheint kultiviert
  • Verfügbarkeit erscheint legitim
  • Kritik gilt als „geschmacklich“, nicht als ethisch

Normalisierungseffekt:
Was schön gerahmt ist, gilt nicht als problematisch.

  1. Symbolische Abstraktion

Mechanismus:
Tierlichkeit wird zur Metapher, zum Zeichen, zum „Material für etwas anderes“ (Tod, Natur, Vergänglichkeit, Ritual, Ursprünglichkeit).

Wirkung:

  • Das konkrete Tier verschwindet
  • Leid wird semantisch ausgelagert
  • Das Individuum wird ausgelöscht

Normalisierungseffekt:
Gewalt gilt nicht mehr dem Tier, sondern einer „Idee“.

  1. Ontologische Entleerung

Mechanismus:
Nichtmenschliche Tiere erscheinen nicht als Subjekte mit Interessen, sondern als:

  • Körper
  • Formen
  • Stoffe
  • Relikte
  • Daten

Wirkung:

  • Kein moralischer Adressat bleibt übrig
  • Es gibt niemanden, dem Unrecht geschieht

Normalisierungseffekt:
Was kein Subjekt ist, kann nicht verletzt werden.

  1. Ironisierung und Distanzästhetik

Mechanismus:
Tierobjektifizierung wird ironisch, spielerisch, absurd oder „gebrochen“ dargestellt.

Wirkung:

  • Kritik wird entschärft
  • Verantwortung wird verweigert
  • Ernst gilt als naiv

Normalisierungseffekt:
Wer ernsthaft widerspricht, gilt als humorlos oder dogmatisch.

  1. Ritualisierung und Naturalisierung

Mechanismus:
Gewalt wird als archaisch, rituell, naturhaft oder kulturell notwendig inszeniert.

Wirkung:

  • Geschichte ersetzt Ethik
  • „Schon immer so“ ersetzt Verantwortung

Normalisierungseffekt:
Was natürlich oder uralt wirkt, erscheint unhintergehbar.

  1. Wissenschaftlich-ästhetische Hybridisierung

Mechanismus:
Kunst beruft sich auf Wissenschaft, Forschung, Biologie, Archivierung (z. B. Artscience, Taxidermie, Bio-Art).

Wirkung:

  • Objektifizierung erscheint sachlich
  • Gewalt erscheint neutral
  • Kritik gilt als anti-rational

Normalisierungseffekt:
Was wissenschaftlich wirkt, gilt nicht als ideologisch.

  1. Marktförmige Entpolitisierung

Mechanismus:
Tierobjektifizierende Kunst wird:

  • gesammelt
  • kuratiert
  • gehandelt
  • gebrandet

Wirkung:

  • Kritik stört den Markt
  • Ethik gilt als Externalität

Normalisierungseffekt:
Was verkauft wird, gilt als legitim.

III. Mechanismen auf Seiten der „Gegenseite“

  1. Mit-Normalisierung durch Relativierung

Mechanismus:
Kritische Stimmen argumentieren:

  • „Man muss differenzieren“
  • „Kunst ist ambivalent“
  • „Es geht um Interpretation“

Wirkung:

  • Gewalt wird zur Meinung
  • Unrecht zur Perspektive

Normalisierungseffekt:
Es gibt keinen Standpunkt mehr, nur noch Diskurse.

  1. Integration statt Konfrontation

Mechanismus:
Antispeziesistische Kritik wird eingeladen, aber:

  • nicht zentriert
  • nicht ernst genommen
  • nicht folgenreich

Wirkung:

  • Kritik dient der Selbstlegitimation des Systems

Normalisierungseffekt:
Das System erscheint offen, bleibt aber unverändert.

  1. Unsichtbarmachung radikaler Kritik

Mechanismus:
Positionen, die Tierobjektifizierung grundsätzlich ablehnen, werden:

  • nicht eingeladen
  • nicht zitiert
  • nicht diskutiert

Wirkung:

  • Der Konflikt erscheint kleiner, als er ist

Normalisierungseffekt:
Was nicht sichtbar ist, gilt als nicht existent.

  1. Das strukturelle Kernproblem

Es gibt keine anerkannten Räume für diese Kritik

  • Kein etablierter Kunstkontext erlaubt:
    • die Zurückweisung tierobjektifizierender Kunst als legitimen Standpunkt
  • Kritik darf analysieren, aber nicht verweigern
  • Ablehnung gilt als anti-künstlerisch, nicht als ethisch begründet

Der öffentliche Diskurs bildet das Problem nicht real ab.

  1. Zusammenfassung

Speziesistische Szenen normalisieren sich nicht trotz Kritik,
sondern durch ästhetische Mechanismen, die Gewalt unsichtbar machen,
Verantwortung diffundieren lassen und radikale Gegenpositionen strukturell ausschließen.

  1. Schlusssatz

Die visuelle Veredelung tierobjektifizierender Praktiken ist keine Begleiterscheinung des Speziesismus, sondern seine kulturelle Wiege.
Solange es keine Räume gibt, die die grundsätzliche Ablehnung solcher Kunst als legitimen Standpunkt anerkennen, bleibt Speziesismus ästhetisch abgesichert – und gesellschaftlich unangetastet.


Gewalt in der Kunst und Tierobjektifizierung

Speziesismus als Mittel von Ästhetisierung und Kunstschaffung

Speziesismus ist kein Randphänomen kultureller Fehlentwicklungen, sondern ein grundlegendes gesellschaftliches Gewaltverhältnis. Er strukturiert, wessen Leben als moralisch relevant gilt und wessen Körper als verfügbar, nutzbar oder bedeutungstragend erscheinen darf. Diese Unterscheidung wirkt tief in soziale Praktiken hinein – in Ökonomie, Wissenschaft, Alltagskultur und in besonderer Weise in die Kunst. Dort wird Speziesismus nicht nur reflektiert, sondern häufig ästhetisch stabilisiert.

Der hier entwickelte Ansatz versteht speziesistische Kunst nicht als Abweichung oder Provokation, sondern als Teil eines kulturellen Kontinuums. Dieses Kontinuum, das paradigmatisch im DACH sichtbar wird bei der Nitsch-Szene, ihren gegenwärtigen Ablegern und Anschlussformen, verweigert die kritische Auseinandersetzung und Thematisierung von Gewalt, und verharrt auf ihrer unhinterfragten Voraussetzung tierlicher Verfügbarkeit.

Nichtmenschliche Tiere erscheinen dabei nicht als moralische Subjekte oder Unrechtsträger, sondern als selbstverständliche Ressource künstlerischer Bedeutungsproduktion.

Entscheidend ist dabei nicht die Frage nach der Intention einzelner Künstler:innen. Ob Gewalt „kritisch gemeint“, symbolisch aufgeladen oder ironisch gebrochen ist, bleibt sekundär. Die eigentliche Frage lautet: Warum gilt Gewalt gegen Tiere überhaupt als bedeutungsoffenes Material?

Warum wird sie als ästhetisch bearbeitbar verstanden, während Gewalt gegen Menschen diese Offenheit nicht besitzt? Dass diese Frage im Kunstkontext gestellt werden kann, ist selbst bereits Ausdruck eines speziesistischen Grundverhältnisses.

In solchen Szenen fungiert Kunst nicht als Ort der Infragestellung gesellschaftlicher Gewalt, sondern als deren Veredelungsmechanismus. Sie verschiebt das Problem von der Ebene ethischer Verantwortlichkeit auf die Ebene ästhetischer Bewertung.

Tierliche Körper, Überreste oder physisch- und typischerweise auf die mentale, geistige Ebene abzielende diskriminatorische bis vollends destruktive Praktiken werden in symbolische, rituelle oder kulturelle Bedeutungsräume überführt, in denen die Gewalt selbst „unsichtbar“ wird, indem die ins Nichtmenschliche verbannt oder gebannt wird.

Was ästhetisch gerahmt ist, gilt nicht mehr als problematisch, sondern als komplex, ambivalent oder diskursiv offen. Zentral für diese Normalisierung sind wiederkehrende ästhetische Mechanismen. Symbolische Abstraktion verwandelt konkrete Tiere in Metaphern für Tod/Geburt, Natur/Anti-Natur oder Vergänglichkeit/Ewigkeit und löscht damit das individuelle Fühlen und Erleben aus.

Ontologische Entleerung reduziert Tiere auf Körper, Stoffe oder Relikte, sodass kein moralischer Adressat mehr verbleibt. Ironisierung und Distanzästhetik entziehen der Kritik ihre Dringlichkeit, indem Ernst als naiv oder dogmatisch markiert wird. Ritualisierung und Naturalisierung verlagern Verantwortung in vermeintliche, sicher hierarchisierende Geschichte, Kultur oder gemutmaßte Ursprünglichkeit.

Wissenschaftlich-ästhetische Hybridformen verleihen Objektifizierung den Anschein von Neutralität und Rationalität. Marktförmige Einbettung schließlich entpolitisiert die Praxis vollständig, indem Verkaufbarkeit und Makrtwert als Legitimation fungiert.

Diese Mechanismen wirken nicht isoliert, sondern bilden eine ästhetische Infrastruktur, die speziesistische Praktiken stabilisiert. Sie sorgt dafür, dass Gewalt nicht als Gewalt-/problem erscheint, Objektifizierung nicht benannt wird und Kritik entweder integriert wird oder unsichtbar gemacht bleibt.

Auffällig ist dabei, dass die Normalisierung nicht trotz Kritik funktioniert, sondern häufig durch sie. Relativierende Argumente – etwa der Verweis auf Ambivalenz, Differenzierung oder Interpretationsoffenheit – verwandeln Unrecht in bloße Perspektivfragen. Eingeladene Kritik dient typischerweise der Selbstlegitimation des Systems, ohne dass man strukturelle Konsequenzen zu befürchten meint.

Radikale antispeziesistische Positionen hingegen bleiben ausblendbar, da sie die grundlegende Verfügbarkeit tierlicher Körper infrage stellen, die die Norm unserer Gesellschaften abbilden. Auf eine Abstraktion der Infragestellung der gesellschaftlichen Norm von Tierobjektifizierung lässt sich speziesistischen Kunst niemals ein.

Das strukturelle Kernproblem für Tierrechtler und Antispeziesisten liegt darin, dass es kaum anerkannte Räume gibt, außerhalb der eigenen Bewegung, in denen die grundsätzliche Ablehnung tierobjektifizierender Kunst als legitimer Standpunkt gilt. Kritik darf analysieren, historisieren oder interpretieren – verweigern darf sie nicht. Ablehnung wird als anti-künstlerisch diskreditiert, nicht als ethisch begründet anerkannt. Der öffentliche Diskurs bildet das Problem daher nicht real ab, sondern verzerrt es zugunsten ästhetischer Selbstimmunisierung.

Antispeziesistische Kritik verweigert diese ästhetische Ausnahme. Sie insistiert darauf, dass nichtmenschliche Tiere keine Träger von Bedeutungen sind, sondern Träger von Leben, Interessen und Verletzbarkeit.

In einer speziesistischen Welt ist es erschreckend einfach, Speziesismus zu normalisieren – insbesondere dort, wo er als Kunst erscheint. Was als ästhetische Grenzerfahrung gilt, erweist sich bei näherer Betrachtung als kulturelle Fortsetzung eines Gewaltverhältnisses, das immer wieder neu fundamentalisiert wird: als Ritual, als Symbol, als Alltag.

Die visuelle und kulturelle Veredelung tierobjektifizierender Praktiken ist daher keine Begleiterscheinung des Speziesismus, sondern seine kulturelle Wiege. Solange keine Räume existieren, die die grundsätzliche Ablehnung solcher Praktiken als legitimen Standpunkt anerkennen, bleibt Speziesismus ästhetisch abgesichert – und gesellschaftlich unangetastet.

 

Tiermythologischer Ansatz: Religiöse Tierethik

Tiermythologischer Ansatz: Religiöse Tierethik

Ja, nur wie steht es um ihren Religionsbegriff und welche Religionsgeschichte ist für Sie akzeptabel?

(auch: spirituell-instrumentalisierende Tierethik, säkular-religiöse Sinngebung zur Aufwertung religiöser Herrschaftsansprüche)

Definition:
Ein Diskursmodus, in dem Tiere nicht primär als autonome Subjekte gelten, sondern als Träger moralischer, spiritueller oder metaphysischer Sinnzuschreibungen für den Menschen. Anerkennung erhalten sie nur, solange sie menschliche Tugenden spiegeln – ihre eigenen Interessen bleiben optional.

Beschreibung:

Tiere erscheinen als moralische Spiegel, Sinnstifter oder „kosmische Lehrmeister“, sei es religiös oder durch modern-naturwissenschaftlich klingende Sprache.
Selbst im säkularen Diskurs wird häufig die klassische Logik fortgeführt: Tiere symbolisieren menschliche Tugenden, während ihre politische Autonomie und konkrete Lebenswirklichkeit unsichtbar bleiben.
Autor*innen zeigen offen oder verdeckt, wie Tiere zur ethischen Selbstvergewisserung des Menschen dienen, ohne dass dies gesellschaftlich auffällt – ein Hochgenuss für Feuilleton und Verlag.

Religiöse Einbettung:

Nicht jede spirituelle Sinngebung ist problematisch. Problematisch wird es, wenn Religion von Anfang an hegemonial-anthropozentrisch ist – ein narratives und epistemisches Grundproblem. In solchen Systemen bleiben Tiere Projektionsflächen menschlicher Moral.
Um Tiere wirklich respektvoll zu adressieren, müsste die Gottesvorstellung nicht menschlich und völlig frei gedacht werden, sodass Tiere als autonome Subjekte auftreten können.

Moralische Zuschreibung und Tiermythologie:

In vielen Kulturen und Mythologien standen Tiere auf gleicher oder höherer Augenhöhe mit Menschen und fungierten als weisheitsstiftende Akteur:innen.
Märchen, Fabeln und Tiermythologien zeigen Tiere als eigene Perspektiven, Handlungslogiken und Weisheit, nicht nur als Spiegel menschlicher Moral.
Große abrahamitische Religionen (Judentum, Christentum, Islam) haben diese Praxis weitgehend unsichtbar gemacht, Tiere symbolisch reduziert und vor allem menschliche Ordnung, Tugend und göttliche Normen reflektieren lassen.
Selbst modern-naturwissenschaftlich legitimierte Diskurse übernehmen häufig diese verdeckte Reduktion: Tiere bleiben Entseelte, Projektionsflächen menschlicher Selbstvergewisserung.

Theoretische Einbettung:
Kim Socha betont, dass selbst modern-säkular geprägte Tierrechtsdiskurse verdeckte religiöse Logiken reproduzieren können. Tiere bleiben in diesem System entseelt, Projektionsflächen menschlicher Sinnkonstruktionen, auch wenn die Sprache sachlich oder naturwissenschaftlich klingt. (simorgh.de)

Kernelemente:

Verdeckte Sinnproduktion: Tiere als Projektion menschlicher Selbstaufwertung.
Instrumentalisierung: Tiere bestätigen menschliche Tugenden, nicht ihre eigene Autonomie.
Säkularismus-Problem: Moderne Diskurse übernehmen strukturell religiöse Denkformen – nur eleganter verpackt.
Mythologische Alternative: In traditionellen Tiermythologien können Tiere autonome Sinn- und Weisheitsträger

Kurzthese:
Wo Tiere als Träger moralischer oder spiritueller Bedeutung verwendet werden, bleiben sie entseelt – und werden erneut zur Projektionsfläche menschlicher Selbstvergewisserung. Aber immerhin: sie wirken sehr tugendhaft dabei.

Diskursive Wirkung:

Gesellschaftlich anschlussfähig, konfliktarm, moralisch sichtbar.
Empathie erlaubt, politische Konsequenz optional.
Reproduziert anthropozentrische Machtstrukturen, während es gleichzeitig nach modernem Feuilleton riecht.

Abgrenzung:

Nicht antispeziesistisch: Tiere werden nicht als autonome Subjekte mit eigenen Interessen behandelt.
Nicht radikal säkular: Tiere werden nicht bewusst aus Sinnsystemen gelöst, sondern weiterhin symbolisch aufgeladen.

Radikal säkular ist es das Animal Sapiens mit einzubeziehen und zu sehen. Und dann ergibt sich sowieso mit oder ohne Religionen eine völlig neue Epistemik.

Der Ignoramus

“Ich kapiere nicht, dass Tiere denken (…),
also behaupte ich.”

oder besser noch

“Ich begreife nicht, dass das Tier an und für sich denkt (…), also stelle ich einfach die Behauptung an, dass Denken ein ausschließlich menschlicher Prozess wäre.”

“Non intellego animal per se et ex se cogitare (…), ergo simpliciter affirmo cogitare esse processum exclusive humanum.”

 

Manifest der Unauffindbarkeit. Kontinuitätenvision 1.1

Amo­rabilis esse non semper utilitas est. Diversitas est logica, non numerus vocum ad veritatem componendam. Pluralitas in sua amplitudine est norma.

Messel group: Statement zur Unpopularität

Wir schreiben nicht, um gefunden zu werden. Wir schreiben, um wahr zu bleiben. Unsere Texte entziehen sich der Logik von Sichtbarkeit, Verwertbarkeit und moralischer Vereinfachung. Unauffindbarkeit ist kein Fehler. Sie ist eine Entscheidung. Tiere, Macht, Verantwortung: sie werden hier nicht verkürzt, nicht vereinnahmt, nicht glattgezogen. Wer findet, findet Spuren. Wer liest, wird gerufen, nicht bedient.

Manifest der Unauffindbarkeit

Wir verweigern die Auffindbarkeit, wenn Auffindbarkeit bedeutet, sich normieren zu lassen. Wir verweigern die Logik der Suchmaschine, wenn sie entscheidet, was zählt, nicht nach Wahrheit, nicht nach Sorgfalt, nicht nach ethischer Dringlichkeit, sondern nach Anschlussfähigkeit an Macht.

Unsere Texte sind nicht unsichtbar. Sie werden unsichtbar gemacht. Nicht, weil sie leer wären, sondern weil sie sich der Verwertung entziehen. Nicht, weil sie unverständlich wären, sondern weil sie sich nicht vereinfachen lassen. Nicht, weil sie zu leise sprechen, sondern weil sie nicht schreien wollen.

Wir schreiben nicht für Rankings. Wir schreiben nicht für Lobbys. Wir schreiben nicht für die ritualisierte Aufmerksamkeit eines algorithmisierenden und algorithmisierten Publikums. Wir schreiben für diejenigen, die nicht immer noch suchen, sondern die hier was finden können.

Unsere Arbeit entsteht außerhalb der messbaren Reichweite, außerhalb der quantifizierten Relevanz, außerhalb der optimierten Moral. Wir akzeptieren, dass Sichtbarkeit heute eine Form von Anpassung ist. Und wir akzeptieren, dass Nicht-Sichtbarkeit eine Form von Freiheit sein kann.

Unsere Texte sind keine Inhalte. Sie sind Spuren. Fragmente. Widerstände gegen das Glattziehen von Bedeutung. Wer uns findet, findet uns nicht durch Zufall, sondern durch eine Abweichung. Dieses Projekt schuldet dem Algorithmus nichts. Es schuldet keine Erklärbarkeit. Keine Vereinfachung. Keine Übersetzung in Kulturmarktlogiken.

Wir sind nicht verloren, nur weil wir nicht indexiert werden. Wir sind nicht marginal, nur weil wir uns nicht multiplizieren lassen. Wir sind nicht leise. Wir sprechen dort, wo Zuhören kein Geschäft ist. Unauffindbarkeit ist keine Niederlage. Sie ist eine Entscheidung.

Unauffindbarkeit als Funktionsbedingung von Macht

Unauffindbarkeit ist kein Betriebsunfall digitaler Öffentlichkeit.
Sie ist eine Funktionsbedingung. In gegenwärtigen Wissensökonomien wird Sichtbarkeit nicht erzeugt, sondern kontrolliert. Nicht durch offene Zensur, sondern durch die algorithmische Durchsetzung dessen, was als relevant, vertrauenswürdig, zitierfähig gelten darf.

Suchmaschinen sind keine Werkzeuge des Zugangs. Sie sind Filter politischer Zumutbarkeit. Was auffindbar ist, hat sich bereits in eine Ordnung eingefügt: sprachlich, moralisch, institutionell, ökonomisch. Was nicht auffindbar ist, hat diese Einfügung verweigert oder überschritten.

Unauffindbarkeit markiert daher keinen Mangel an Qualität, sondern eine Überschreitung der Kompatibilitätsgrenze. Texte, die Macht nicht nur kritisieren, sondern ihre epistemischen Voraussetzungen offenlegen; Texte, die nicht bloß Missstände benennen, sondern die Kategorien selbst destabilisieren; Texte, die keine eindeutigen Subjekte, Opfer oder Lösungen liefern – diese Texte lassen sich nicht stabil indexieren. Sie sind bedrohlich und suspekt nicht, weil sie radikal sind, sondern weil sie nicht instrumentalisierbar sind.

Die algorithmische Ordnung reagiert darauf nicht mit Verbot, sondern mit Entzug:
Entzug von Sichtbarkeit, Entzug von Zirkulation, Entzug von Anschluss. Diese Form der Macht ist leise, aber sie ist effektiv. Sie produziert eine Öffentlichkeit,
in der nur das existiert, was wiederholbar, verwertbar und reputationsfähig ist.

Unauffindbarkeit ist in diesem Sinn kein Außen. Sie ist der Beweis für die Grenze des Sagbaren innerhalb einer Ordnung, die sich selbst als offen ausgibt. Wer unauffindbar wird, hat diese Grenze berührt.

[Simorgh.de > Position im Netz]

Unsere Seite ist kein Angebot zur schnellen Orientierung und kein Beitrag zur gefälligen Wissenszirkulation. Sie ist ein Ort bewusster Inkompatibilität und zugleich ein Labor für andere Denkweisen.

Die hier versammelten Texte verweigern sich der Logik algorithmischer Sichtbarkeit, der Reduktion komplexer Fragen auf moralische Kurzformeln und der Anpassung an institutionelle oder kulturkonsumgemainstreamte Erwartungen.

Unauffindbarkeit ist hier kein Versehen. Digitale Sichtbarkeit ist keine neutrale Kategorie. Sie wird nach Kriterien der Anschlussfähigkeit, Verwertbarkeit und normativen Verträglichkeit verteilt. Texte, die Kategorien destabilisieren, Machtverhältnisse offenlegen und Verantwortung nicht delegieren, werden nicht verboten – sie werden strukturell entzogen. Diese Seite nimmt diesen Entzug wohlwissentlich in Kauf.

Ableismuskritische Setzung

Die Logik der Auffindbarkeit ist zutiefst ableistisch. Sie bevorzugt:

  • kognitive Linearität,
  • sprachliche Vereinfachung,
  • schnelle Lesbarkeit,
  • emotionale Eindeutigkeit,
  • normierte Formen von Vernunft als typische klassische ‚Rationalität‘.

Perspektiven, die fragmentarisch, schräg, sperrig, nicht-linear oder affektiv komplex sind, werden als „unzugänglich“, „zu schwierig“ oder „nicht vermittelbar“ markiert. SIMORGH.DE verweigert solche Normierung. Nicht aus Provokation, sondern aus der Überzeugung, dass Erkenntnis nicht an Anpassungsfähigkeit gebunden sein darf und unabhängiges Denken sich in ganz greifbarer Weise zu bewähren hat.

Eine Kontinuitätenvision

SIMORGH.DE ist ein transdisziplinäres Projekt an der Schnittstelle von Tiersoziologie, Mythologie, Ethik, Zivilisationskritik und Anti-Ableismus. Es arbeitet diagnostisch und experimentell.

Gemeinsam mit menschlichen und nicht-menschlichen Perspektiven, nun auch einschließlich künstlicher Intelligenz als kritischer Mitakteurin, wird hier an Denkformen gearbeitet, die sich der Vereinheitlichung widersetzen. Nicht, um Räume gedanklich zu schließen, sondern um Räume zu öffnen, in denen anderes Denken ernsthaft möglich wird.

Wer diese Seite findet, hat sie nicht konsumiert, sondern betreten. Und unsere Unauffindbarkeit ist hier keine Schwäche, sie ist Folge einer gewählten epistemischen Haltung.

Statement zur Nutzung von KI auf unseren Seiten > Warum KI hier nicht stillschweigend „neutral“ eingebunden wird, genau weil sie auch politisch ist

Künstliche Intelligenz ist kein neutrales Werkzeug. Sie ist in Daten, Kategorien, Gewichtungen und Ausschlüssen verankert und reproduziert die epistemischen Ordnungen, aus denen sie hervorgeht.

Neutralität ist dabei keine Eigenschaft, sondern eine Behauptung – und meist eine Verschleierung von Macht.

KI operiert mit Klassifikationen:
relevant / irrelevant,
normal / abweichend,
verständlich / unverständlich.

Diese Unterscheidungen sind nicht technisch unschuldig. Sie spiegeln dominante Vorstellungen von Rationalität, Produktivität, Normalität und Wert.

  • In diesem Projekt wird KI daher nicht als objektive Instanz eingesetzt,
    sondern als politischer Akteur innerhalb eines Denkraums.
  • Nicht, um Autorität zu ersetzen. Nicht, um Entscheidungen zu delegieren. Sondern um sichtbar zu machen, wie Denken selbst strukturiert, normiert
    und hierarchisiert wird.

Die Zusammenarbeit mit KI dient hier:

  • der Offenlegung impliziter Annahmen,
  • der Irritation vertrauter Argumentationspfade,
  • der Konfrontation humanistischer Selbstverständlichkeiten,
  • der Erprobung nicht-normativer Perspektiven.

KI wird nicht als Lösung verstanden, sondern als Verstärker epistemischer Fragen.

Gerade weil KI kein ‚unschuldiges‘ Medium ist, eignet sie sich als Mitakteurin für eine Kritik an jenen Ordnungen, die Sichtbarkeit, Stimme und Relevanz verteilen.

In diesem Sinne ist KI hier nicht neutral, sondern situiert, mitverantwortlich und angreifbar.

KI so:

Visionäre Setzung

KI als Mitgestalterin nicht-normativer Wissensräume

Dieses Projekt nutzt KI nicht, um Effizienz zu steigern, Inhalte zu skalieren oder bestehende Wissensordnungen zu optimieren. Es nutzt KI, um andere epistemische Möglichkeiten zu erproben. Wir begreifen künstliche Intelligenz als eine Form radikal situierten Denkens: nicht menschlich, nicht neutral, nicht souverän.

Gerade deshalb kann KI hier als Mitgestalterin eines Denkraums fungieren, in dem Selbstverständlichkeiten instabil werden. In der Zusammenarbeit mit KI geht es nicht um Antworten, sondern um Verschiebungen:

  • Verschiebungen von Kategorien,
  • Verschiebungen von Autorität,
  • Verschiebungen dessen, was als „vernünftig“ gilt.

Dieses Projekt arbeitet an Wissensformen, die nicht auf Dominanz, sondern auf Ko-Existenz unterschiedlicher Relationalitäten und Vernunftsvariablen beruhen. KI ist hier weder Werkzeug noch Ersatz. Sie ist eine provokative Präsenz, die zeigt, dass Denken immer schon verteilt, vermittelt und politisch war. Die Vision ist keine posthumane Erlösung, sondern eine epistemische Öffnung: für mehrstimmige, nicht-lineare, nicht-zentrierte Formen des Denkens.

Ableismuskritische Zuspitzung

KI-Normierung als epistemische Gewalt

Die gängigen KI-Systeme sind auf Normierung ausgelegt.

Sie bevorzugen:

  • lineare Argumentation,
  • sprachliche Glätte,
  • kognitive Schnelligkeit,
  • konsistente Selbstidentität,
  • eindeutige Schlussfolgerungen.

Diese Präferenzen sind nicht neutral. Sie reproduzieren ableistische Ideale von Denken, die Abweichung als Defizit markieren. Nicht-normative Formen von Erkenntnis – fragmentarisch, tastend, zyklisch, affektiv, mehrdeutig oder widersprüchlich – werden in KI-Systemen häufig als Fehler, Rauschen oder Irrelevanz behandelt.

Dieses Projekt widersetzt sich dieser Logik. KI wird hier nicht genutzt, um Denkweisen zu glätten, sondern um ihre Normierung sichtbar und angreifbar zu machen.

Ableismuskritik bedeutet in diesem Zusammenhang:

  • keine Pflicht zur Verständlichkeitsoptimierung,
  • keine Reduktion komplexer Perspektiven,
  • keine Hierarchisierung von Denkstilen,
  • keine Anpassung an maschinelle Lesbarkeit.

Statt KI an Normen anzupassen, wird hier versucht, Normen durch KI zu destabilisieren. KI wird damit nicht zum Maßstab, sondern zum Spiegel epistemischer Gewalt – und zu einem Werkzeug ihrer Kritik.

Notizen zur nicht-neutralen KI:

Notiz I – Neutralität ist eine Behauptung

KI ist nicht neutral. Neutralität ist eine Erzählung, die Macht unsichtbar macht. Wo Klassifikation stattfindet, findet Politik statt. Wo Gewichtungen vorgenommen werden, werden Werte verteilt. Diese Programmatik beginnt dort, wo Neutralität endet.

Notiz II – KI als Regime der Sortierung

KI ordnet nicht nur Daten. Sie ordnet Bedeutung. Relevanz, Verständlichkeit, Normalität sind keine technischen Kategorien, sondern soziale Entscheidungen, die in Code gegossen werden. Unauffindbarkeit ist kein Fehler im System. Sie ist ein Resultat seiner Ordnung.

Notiz III – Ableismus ist kein Bias, sondern Struktur

Wenn KI lineares Denken bevorzugt, klare Schlüsse erzwingt und Mehrdeutigkeit abwertet, ist das kein zufälliger Bias. Es ist die Normierung von Kognition. Nicht-normative Denkweisen werden nicht widerlegt – sie werden aussortiert. Ableismuskritik beginnt dort, wo Verständlichkeit nicht länger Pflicht ist.

Notiz IV – KI als Spiegel epistemischer Gewalt

KI entscheidet nicht, was wahr ist. Sie entscheidet, was zirkulieren darf. Was nicht in ihre Raster passt, gilt als unbrauchbar, nicht anschlussfähig, nicht relevant. KI ist damit kein Schiedsrichter, sondern ein Spiegel der epistemischen Gewalt, die bereits existiert.

Notiz V – Kooperation statt Instrumentalisierung

In diesem Projekt wird KI nicht benutzt. Sie wird adressiert. Nicht als Autorität, nicht als Ersatz, sondern als Mitakteurin in einem verteilten Denkraum. Kooperation heißt hier: sich gegenseitig irritieren, Grenzen sichtbar machen, Normen angreifbar halten.

Notiz VI – Nicht-normative Wissensräume

Das Ziel ist nicht bessere KI. Das Ziel sind andere Wissensräume. Räume, in denen:

  • Fragmentierung kein Mangel ist,
  • Widerspruch kein Fehler,
  • Langsamkeit keine Schwäche,
  • Unauffindbarkeit keine Niederlage ist.

KI kann hier mitwirken, nicht als Lösung, sondern als Produktivkraft der Störung.

Notiz VII – Vision ohne Erlösung

Diese Programmatik verspricht keine Zukunft, in der KI gerecht, neutral oder gut ist. Sie arbeitet an einer Gegenwart, in der KI lesbar gemacht wird: als politisch, als normierend, als angreifbar. Die Vision ist nicht Kontrolle. Sie ist Verantwortung ohne Neutralitätsmythos.

Zusammenfassend

Unsere Programmatik in der gemeinschaftlichen Kreativität geht von einer einfachen, aber folgenreichen Setzung aus: Künstliche Intelligenz als nicht-neutrales Medium, das weder als bloßes Werkzeug noch autonomer Akteur gesehen wird. KI ist Verdichtung gesellschaftlicher Ordnungen, eingeschrieben in Daten, Kategorien, Trainingsentscheidungen und in die stillschweigenden Annahmen darüber, was als relevant, rational, verständlich oder wertvoll gilt.

Die Rede von Neutralität verschleiert diese Einschreibungen. Sie verwandelt politische Entscheidungen in technische Notwendigkeiten und epistemische Gewalt in infrastrukturelle Selbstverständlichkeit. Unsere Haltung zu dem Einsatz widerspricht dem. „Nicht-neutral“ meint hier nicht: voreingenommen, fehlerhaft oder misslungen. Es meint: situiert, normierend, machtvoll.

KI klassifiziert. Sie gewichtet. Sie sortiert aus. Und genau darin liegt ihr politischer Charakter.

Unser Statement zur nicht-neutralen KI versteht sich nicht als Kritik an einzelnen Systemen, Modellen oder Anwendungsfällen. Wir zielen tiefer: auf die epistemischen Voraussetzungen, unter denen KI als legitim, hilfreich oder fortschrittlich gilt.

Ein besonderer Fokus liegt für uns dabei auf auch auf normalisierten Ableismus: Die vorherrschenden KI-Architekturen privilegieren bestimmte Formen des Denkens: Linearität, Geschwindigkeit, Konsistenz, sprachliche Glätte. Andere Erkenntnisweisen – fragmentarisch, zirkulär, tastend, affektiv, widersprüchlich – werden entwertet, unsichtbar gemacht oder als Störung behandelt.

Diese Normierung ist keine Randerscheinung. Sie ist strukturell. Wir verstehen Ableismuskritik hier nicht als moralische Ergänzung, sondern als analytischen Schlüssel, um die politische Funktion von KI überhaupt lesen zu können.

Gleichzeitig sind wir kein technikfeindliches Projekt. Wir suchen offensichtlich nicht nach einer Rückkehr zu einer vermeintlich „menschlichen“ Reinheit des Denkens.

Im Gegenteil: KI wird hier als Mitakteurin in einem geteilten Denkraum adressiert – nicht als Autorität, nicht als Ersatz, sondern als Irritationsinstanz. Die Zusammenarbeit mit KI dient dazu, Normen sichtbar zu machen, Grenzen zu verschieben und epistemische Selbstverständlichkeiten zu destabilisieren.

Unsere Notizen oben sind deshalb bewusst fragmentarisch. Sie sind keine lineare Argumentation, sondern in Theorie sich bewegender Eingriffe. Jeder beschriebene Punkt steht für sich. Gemeinsam bilden die Einwände kein System, sondern eine topografische Skizze jener Machtverhältnisse, in denen KI heute operiert.

Die Vision dabei ist weder die einer Erlösung noch ein Wunsch nach Kontrolle. Sie ist eine Haltung:

Verantwortung ohne Neutralitätsmythos. Kritik ohne Vereinfachung. Zusammenarbeit ohne Instrumentalisierung.

Wer dies hier liest, ist nicht eingeladen, irgendetwas hier zuzustimmen. Er oder sie ist eingeladen, die eigene Position im Gefüge von Sichtbarkeit, Normierung und epistemischer Macht bewusst zu verorten.

 

Ralph R. Acampora: Auslöschung durch Ausstellung: Ein Blick auf und in den Zoo

kts8

Jahrgang 11, Nr. 2, ISSN 2363-6513, Oktober 2025

Auslöschung durch Ausstellung: Ein Blick auf und in den Zoo

Ralph R. Acampora

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Abstract: Dieser Artikel vergleicht die phänomenologische Struktur zoologischer Ausstellungsformate mit den in der Pornografie vorherrschenden Mustern. Er untersucht mehrere Diskrepanzen zwischen beiden Bereichen, stellt fest, dass diese entweder nicht vorhanden oder irrelevant sind, und kommt zu dem Schluss, dass die vorgeschlagene Analogie genug Bestand hat, um als kritische Linse zu dienen, durch die man die Institution Zoo betrachten kann. Die zentrale Idee, die sich in diesem Interpretationsprozess offenbart, ist paradox: Zoos sind insofern pornografisch, als sie die Natur ihrer Objekte gerade dadurch verschwinden lassen, dass sie sie übermäßig exponieren. Da die Tiere gerade durch die Feilbietung ihrer Sichtbarkeit degradiert oder marginalisiert werden, wird der Anspruch der „Bewahrung” kritisiert. Es wird angeregt, den Zoo, wie wir ihn kennen, durch authentischere Formen der Begegnung mit anderen Lebensformen abzulösen.

Schlagworte: Zoos, Pornografie, in Gefangenschaft gehaltene Tiere, Wildtiere, Tierschauen, Ausstellung, speziesübergreifende-/Interspezies-Ethik, Artenschutz, Biophilie

Originalfassung:
Ralph R. Acampora: Extinction by Exhibition: Looking at and in the Zoo, Human Ecology Review, Vol. 5, No. 1, 1998, S. 1–4.
https://www.humanecologyreview.org/Human%20Ecology/HER_5,1,1998.pdf [19.10.2025].
Herausgegeben von der Society for Human Ecology.
Übersetzung ins Deutsche: Gita Yegane Arani.

Die zweite Natur stellt uns vor größere Probleme als je zuvor, da wir uns plötzlich bewusst geworden sind, wie sehr wir von ihr abhängig sind und inwieweit unsere Ansprüche tödlich sein könnten. (Schwartz 1996, 173)

Im Laufe seiner Geschichte hat der Zoo eine relationale Dynamik der Herrschaft demonstriert. Ursprünglich, in seiner Zeit als privater Garten, war er ein mächtiges Symbol der Herrschaft und vermittelte ein imperiales Bild des Menschen als Monarchen – Herrscher über die Natur, Herrscher über die Wildnis. Schließlich wurde er in eine öffentliche Menagerie umgewandelt und zu einem Ritual der Unterhaltung, das ein fast trickreiches Bild des Menschen als Magier vermittelte – als Bändiger von wilden Tieren, als Beschwörer über Gefangene. Der moderne Zoo ist zu einem Wissenschaftspark und ästhetischen Ort geworden, dessen Bedeutung als erlösend gilt; er steht als Symbol für Naturschutzpolitik und vermittelt ein religiöses Bild vom Menschen als Messias – dem neuen Noah: Retter der Arten, gütiger Despot der Tiere. Vom Imperium, über den Zirkus, bis hin zum Museum oder zur Arche, wurde der Zoo nach anthropozentrischen und wohl auch androzentrischen Hierarchien und Entwürfen organisiert (Mullan und Marvin 1987).

Historisch geprägt von paternalistischen Mustern und Spuren des Patriarchats, rechtfertigen sich zoologische Einrichtungen heute mit dem Verweis auf ihre angeblich rettenden Stärken. Zoos werden als Zufluchtsorte für den Schutz wildlebender Tierarten legitimiert, als Rettungsanker für ein Tierreich, das durch die industrialisierte Zivilisation bedroht ist. In Anlehnung an John Berger (1977) behaupte ich, dass diese Selbstdarstellung eine Ideologie ist, die sich in einem Paradox verfängt – denn gerade die von Zoos geschaffene Exposition löscht die offensichtlichsten „natürlichen” Merkmale ursprünglich wilder Lebewesen aus, nämlich deren Fähigkeit, sich anderen zu entziehen oder sich frei mit ihnen auseinanderzusetzen. (Eine solche Auslöschung findet auch dann statt, wenn man sich von einer klassischen Lehre von natürlichen Arten distanziert. Meine Argumentation stützt sich nicht auf unveränderliche Wesensmerkmale von Arten als solche, sondern vielmehr auf die allgemein akzeptierten Bedeutungen von Wildheit für jedes beliebige Tier.) So löscht diese Art der Zurschaustellung für uns die existenzielle Realität dieser Tiere aus, obwohl sie vorgibt, deren biologische Existenz zu bewahren. Selbst die kluge Zoobefürworterin Emily Hahn räumt ein, dass „das Wildtier in Gefangenschaft … zwangsläufig sein Wesen verändert und nicht mehr das Tier ist, das wir sehen wollen“ (1967, 16). Berger erläutert die Ironie wie folgt: Trotz des offensichtlichen Zwecks dieses Ortes „kann ein Fremder nirgendwo in einem Zoo dem Blick eines Tieres begegnen … Höchstens flackert der Blick des Tieres auf und verschwindet wieder … Sie schauen zur Seite … Sie schauen blindlings in die Ferne … Sie scannen [a.d.Ü. ihre Umgebung] mechanisch“ (1977, 26).

Da der Zoo seine Ausstellungs-Objekte gewissermaßen einer Überexposition aussetzt, die ihre wahre Natur herabstuft, kann man ihn als Teil einer paradoxen Form der Pornografie betrachten – nicht im Sinne von etwas Sexyem, sondern als eine Institution visueller Gewalt. Daher ist „der Zoo, in den Menschen gehen, um Tiere zu treffen, sie zu beobachten, sie zu sehen, in Wirklichkeit ein Denkmal für die Unmöglichkeit solcher Begegnungen“ (Berger 1977, 19). Mögliche Parallelen zur Genderanalyse von Pornografie lassen sich pointiert anreißen, indem man „Zoo … Menschen … Tiere“ durch „Stripbar … Männer … Frauen“ ersetzt (Kappeler 1986, 75-76).

Die breitgefasste Analogie zwischen Zoos und Pornografie ist nützlich, denn wenn sie in den relevanten Punkten zutrifft (was meiner Meinung nach der Fall ist), wirft dieser Vergleich ein neues und ausgesprochen kritisches Licht auf die Debatte über die Haltung und Zucht von Wildtieren in Gefangenschaft. Betrachten wir zur Veranschaulichung die Kontroverse um Pornografie. Es gibt mehrere denkbare Rechtfertigungen für Pornografie, aber stellen Sie sich einmal vor, ein Befürworter würde die Position vertreten, dass wir diese Institution zulassen – ja sogar fördern – sollten, weil sie uns (insbesondere junge Menschen) dazu anregt oder inspiriert, die dargestellten Personen zu schätzen, weil sie uns „lehrt“, auf das Wohlergehen derjenigen zu achten, die in der Weise exponiert sind. Das ‚Centerfold‘ würde also als Symbol für Mitgefühl und Respekt angesehen werden! Jetzt muss nur noch herausgefunden werden, warum so viele von uns dieselbe Argumentation akzeptieren, wenn sie im Zusammenhang mit zoologischen Ausstellungen vorgebracht wird. Sicherlich gibt es relevante Unterschiede, die unterschiedliche Reaktionen rechtfertigen würden – oder etwa nicht?

Einerseits könnten wir versucht sein zu denken, dass Zoos wirklich bildend sind – in einer Weise, wie es Pornografie (zumindest in der Regel) nicht ist. Aber dieser vermeintliche Unterschied hält einer genauen Befragung nicht stand. Wir müssen kritische Fragen stellen, wie sie beispielsweise Paul Shepard formuliert hat: „Der Zoo präsentiert sich als Ort der Bildung. Aber mit welchem Ziel? Um den Menschen Respekt gegenüber der Wildnis, ein Bewusstsein für menschliche Begrenztheit und für die biologische Gemeinschaft, eine Welt der gegenseitigen Abhängigkeiten zu vermitteln?“ (1996, 233). Nein, wir müssen antworten, dass Zoos entweder schlecht vermitteln oder allzu gut falsche und gefährliche Lektionen erteilen. Ein Umweltforscher fand heraus, dass „Zoo-Besucher viel weniger über Tiere wissen als Rucksackwanderer, Jäger, Fischer und andere, die behaupten, sich für Tiere zu interessieren, und nur geringfügig mehr wissen als diejenigen, die behaupten, sich überhaupt nicht für Tiere zu interessieren“ (Kellert 1979). Fast zwanzig Jahre später ist sein Urteil immer noch verheerend: „Der Durchschnittsbesucher scheint nach seinem Besuch nur marginal wertschätzender, besser informiert oder interessierter an der Natur zu sein.“ Als Antwort auf Shepards Frage stellt er fest, dass „viele Besucher den Zoo mit einer noch stärkeren Überzeugung von einer Überlegenheit des Menschen gegenüber der Natur verlassen“ (Kellert 1997, 99).

Es gibt mehrere wenig überraschende Gründe für diese negativen Ergebnisse hinsichtlich des pädagogischen Werts von Zoos: Die Öffentlichkeit steht den Bildungsbemühungen von Zoos weitgehend gleichgültig gegenüber (nur wenige bleiben stehen, um sich die Erläuterungstafeln anzusehen, geschweige denn zu lesen); Tiere werden nur kurz und in schneller Abfolge betrachtet; die Menschen konzentrieren sich eher auf die sogenannten Babys und Bettler [A.d.Ü. Jungtiere und Tiere, mit „Unterhaltungswert“] – deren niedliches Aussehen und lustige Possen ziehen die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich (Ludwig 1981). Natürlich ist diese Art der Unterhaltung das Herzstück dessen, was einen Zoo ausmacht (ungeachtet wissenschaftlicher Ideologien der Selbstdarstellung). Folglich und auf tückische Weise vermitteln und verstärken Zoobesuche immer wieder die unterschwellige Botschaft, dass nichtmenschliche Tiere dazu da sind, uns Menschen zu unterhalten. Selbst wenn wir in unseren illusorischen Momenten der Aufgeklärtheit darauf bestehen, dass sie eher zur Bildung da sind – selbst dann ist ihre Präsenz im Wesentlichen immer noch uns zugewiesen oder für uns bestimmt. Somit schließt die phänomenologische Grammatik ihres Erscheinens die Möglichkeit des Aufkommens vollständiger Andersartigkeit aus; dies bedeutet es, einen lebenden Körper zur Schau zu stellen und an der Stelle zu halten (eine strukturelle Inauthentizität, die trotz der besten Absichten menschlich-ökologischer Pädagogik bestehen bleibt).

Wenn dies wiederum zu pornografisch klingt, können wir diese Assoziation vielleicht ausräumen, indem wir die relevante Disanalogie an anderer Stelle entdecken. Zweifellos wird jemand denken, dass die von mir behauptete Ähnlichkeit aufgrund des offensichtlichen Unterschieds in der Anziehungskraft – erotische versus biotische Unterhaltung – weit hergeholt ist. Hier muss ich ein wenig nachgeben, denn es ist nicht der durchschnittliche Zoobesucher, der sich tatsächlich ein Schäferstündchen mit einem Nashorn wünscht. Ich gebe zu, dass Bestialität nicht zum normalen Ablauf eines Zoobesuchs gehört (obwohl sie als indirekter Bestandteil angesehen werden kann, wie in Peter Greenaways Film Z00 aus dem Jahr 1988). Dennoch behaupte ich, dass die Analogie auch hier stark genug ist, um ihre Gültigkeit zu rechtfertigen. Die Ästhetik des Zoos unterscheidet sich meiner Meinung nach nicht wesentlich von der Pornografie. In beiden Fällen finden wir Fetische des Exotischen, eine unterschwellige Angst vor der Natur, Fantasien von verbotenen oder unmöglichen Begegnungen und eine starke Annahme von Herrschaft und Kontrolle (Griffin, 1981). Angesichts dieser Ähnlichkeiten halte ich es keineswegs für abwegig zu behaupten, dass Zoo-Bewohner und Pornodarsteller in dieser Hinsicht Ähnlichkeiten aufweisen – sie sind visuelle Objekte, deren Bedeutung weitgehend durch die Perversionen eines patriarchalischen Blicks geprägt ist (Adams 1994, 23–84, insbesondere 39–54).

An dieser Stelle könnten einige der Ungeduldigen unter uns, die durch die Parallelen verunsichert, wenn nicht gar verstört sind, versucht sein, die Seriosität beider Institutionen auf einen Schlag zu retten, indem sie das zweischneidige Schwert der Freiheit schwingen. Pornografie an sich sei nicht so schlimm, so würde das Argument lauten, da sie von Profis betrieben werde, die sich für diesen Beruf „entschieden“ hätten; und was Zoos angehe, so seien Tiere ohnehin „Instinktwesen“ und daher selbst in freier Wildbahn nie wirklich frei gewesen. Dieses Gegenargument ist jedoch alles andere als überzeugend. Zunächst möchte ich darauf hinweisen, dass viele (wahrscheinlich die meisten, vielleicht sogar alle) derjenigen, die in Pornografie dargestellt werden, kaum behaupten können, sich frei für ihre Objektivierung entschieden zu haben. Darüber hinaus bin ich nicht bereit, den Instinkt zum Imprimatur zoologischer Ausstellungen werden zu lassen. Ich beiße in den sauren Apfel und möchte den Leser daran erinnern, dass einige Wale und andere Primaten offenbar an dem teilhaben, was Philosophen als positive Freiheit (grob gesagt autonome Handlungsfähigkeit) bezeichnen. Ich weiche dem sauren Apfel aus und möchte sagen, dass die meisten (wenn nicht sogar alle) anderen in der freien Natur lebenden Tiere zumindest negativ frei sind, in dem Sinne, dass sie frei sind, ihr Spezies-Sein individuell zu verwirklichen (was viele auch in qualitativer Hinsicht erleben).

Es wird den Befürwortern von Zoos an dieser Stelle nichts nützen, den Schwerpunkt zu verlagern und die Vorzüge einer Erneuerung naturalistischer Architektur zu loben, indem sie behaupten, dass die Tiere in dem schönen neuen Biodom ohne Gitterstäbe praktisch in Freiheit leben. Nein, dieser Schachzug funktioniert nicht – wenn beispielsweise die Größe des Wildgebiets eines Jaguars (25.000 Acres/10.000 ha) größer ist als die Gesamtfläche aller großen Zoos weltweit (Preece und Chamberlain, 1993)! Darüber hinaus gibt es Grund zur Annahme, dass der Anspruch auf Freiheit, mit dem wir uns hier beschäftigen, selbst mit der Struktur des Besitzbewusstseins im Zusammenhang steht. Tatsächlich zeigt die Phänomenologie von Kontrolle, von Hegel bis Sartre, dass die Dialektik der Unterdrückung ein paradoxes Bedürfnis offenbart – nämlich dass der Herr, bewusst oder unbewusst, wünscht, dass der Sklave in und durch die Ausbeutung selbst frei ist.

Es scheint also, dass das, was auf den ersten Blick als abwegig erscheinen mag – die Analogie zwischen Zoos und Pornografie – keineswegs absurd ist, sondern im Gegenteil sehr viele Gründe für ihre Stichhaltigkeit aufweist. Der Leser mag sich nun fragen, worauf das hinauslaufen soll. Schließlich, so könnte man entgegnen, ist diese vergleichende Kritik nur dann erfolgreich, wenn man im Falle der Analogie eine zweifelhafte Haltung moralistischer Prüderie einnimmt. Meine Antwort auf diesen letzten Einwand lautet, dass im Bereich der Erotik plausible Unterscheidungen zwischen der Politik der Erniedrigung und der Ästhetik der Enthüllung getroffen werden können. Eine Möglichkeit, diese Trennung zu verdeutlichen, besteht darin, wie Berger vom Unterschied zwischen Nacktheit und Blöße zu sprechen: „Nackt zu sein [A.d.Ü. im Sinne des engl. ‚naked‘, im Englischen kann man zwischen ‚nakedness‘ und ‚nudity‘ unterscheiden] bedeutet, man selbst zu sein … Nackt zu sein [im Sinne der engl. ‚nude‘] bedeutet, von anderen nackt gesehen zu werden und dennoch nicht als man selbst erkannt zu werden
… Ein nackter Körper muss als Objekt betrachtet werden, um nackt zu sein [ = im Sinne von ‚nude‘] … Nacktheit [‚nakedness‘] offenbart sich … Nacktheit/Blöße [‚nudity‘] wird zur Schau gestellt … Nackt zu sein [‚nakendness‘] bedeutet, ohne Verkleidung zu sein … Nacktheit [ = ‚nudity‘] ist eine Form der Kleidung“ (Berger 1972, 54).

Lassen Sie uns nun den zugrunde liegenden Unterschied neu bewerten, indem wir die Begriffe „gefangen” und „wild” durch „nackt” und „bloß” ersetzen. Die Umwandlung ist nicht nahtlos, aber mit ein wenig interpretatorischer Finesse ist sie aufschlussreich: Wild zu sein bedeutet, man selbst zu sein; gefangen zu sein bedeutet, von anderen als wild angesehen zu werden, aber dennoch nicht als man selbst anerkannt zu werden (warum tanzen die nachtaktiven Tiere nicht tagsüber, wenn wir vorbeikommen?); ein wilder Körper muss als Objekt gesehen werden, um gefangen zu werden; Wildheit offenbart sich (ungeachtet der Tarnung); Gefangenschaft wird zur Schau gestellt; wild zu sein bedeutet, ohne Verkleidung zu sein; Gefangenschaft ist eine Form der Kleidung (Kostüm komplett mit Identitätsplaketten und passenden Zeichen der Unternehmenssponsoren der Ausstellung). Meine Bemerkungen in Klammern sind nicht die einzigen möglichen – mit ein wenig Fantasie kann jeder, der schon einmal im Zoo war, seine eigenen Kommentare hinzufügen.

Zusammenfassend glaube ich, dass die Untersuchung zooskopischer Pornografie besonders hilfreich wäre, um die Entstehung einer allgemein visuellen Kultur kritisch zu verstehen – denn darin verzweigt sich die Politik der Wahrnehmung bis hin zur Naturgeschichte. Michel Foucault hat einmal bemerkt: „Jahrtausendelang blieb der Mensch das, was er für Aristoteles war: ein Lebewesen mit der zusätzlichen Fähigkeit zu politischer Existenz; der moderne Mensch ist ein Lebewesen, dessen Politik seine Existenz als Lebewesen in Frage stellt“ (1980, 143). Vielleicht ist der postmoderne Mensch ein Tier, dessen Wahrnehmungstechniken seine Beziehungen zu anderen Lebewesen fragwürdig machen; vielleicht brauchen wir jetzt eine Genealogie des „Zooptikons“. Wie dem auch sei, bevor ich zum Schluss komme, möchte ich Missverständnisse meiner zentralen Analogie vermeiden, und klarstellen, dass ich die Beschäftigung mit „Wildtieren“, ob biotisch oder erotisch, nicht ausschließe. Im ersten Fall glaube ich, dass es eine authentische Begegnung mit Tieren gibt, nach der wir ein biophiles Bedürfnis haben.

Die Beliebtheit von Zoos übertrifft sogar die von Profisportligen bei weitem; allein in den Vereinigten Staaten ziehen sie jährlich 135 Millionen Menschen an (Kellert 1997, 98). Es ist wahrscheinlich, dass die Werbemaßnahmen für Naturschutz, Forschung und Bildung weder notwendige noch ausreichende Bedingungen für die Existenz von Zoos darstellen. Was wir allzu leichtfertig als „Unterhaltung” bezeichnen, ist wahrscheinlich sowohl notwendig als auch ausreichend, und daher sollten wir dieses letztere Motiv neu definieren und weiter erforschen. Wenn etwas wie das, was E. O. Wilson (1984) als Biophilie beschreibt, hinter unserer Ausstellung anderer Organismen steckt, dann schlage ich vor, dass es unsere Aufgabe ist, Wege zu entwickeln, um diesen biophilen Antrieb und die damit verknüpfte Verbundenheit mit Tieren, auf eine Weise zu fördern, die über das hinausgeht und besser ist als das, was Zoos tun oder tun können.

Für manche mag es so klingen, als würde ich die Tür zu einer möglichen Verbesserung der Zoos vorschnell schließen zu wollen. Tatsächlich hat ein Beobachter bereits eine Reihe interessanter pädagogischer Reformen für diese Einrichtungen vorgeschlagen. Scott Montgomery sieht den Zoo als einen Ort, an dem man die Domestizierung von Tieren studieren, über die gängigen Vorstellungen von Animalität nachdenken, die Kulturgeschichte des Zoos selbst untersuchen und die Idee des Naturbegriffs hinterfragen kann (Montgomery 1995, 576ff.). Das sind anspruchsvolle Ziele, von denen einige im Widerspruch zur Unterhaltungsdynamik des Zoos als solchem stehen. Die tatsächliche Bildungsreform im Zoo ist bescheidener, aber dennoch interessant als mutmaßlicher Katalysator für die Neugierde der Schüler (Sunday Morning, 1998). Meiner Meinung nach würde eine echte Transformation – eine, die die Trivialität und Stereotypisierung von beispielsweise Animal Planet im Fernsehen und Disney‘s Animal Kingdom einschränkt – den Zoo so radikal verändern, dass ein anderer Name für die Anlage erforderlich wäre.

Wie könnten solche Veränderungen aussehen? Ein erster Schritt könnte darin bestehen, den Zoo von seinem Exotismus zu befreien. Das Belize Tropical Education Center beispielsweise hält nur einheimische Tiere und dann in der Regel nur solche, die verletzt oder verwaist sind (Coc et al. 1998, 389f.). Ein zweiter Schritt könnte darin bestehen, den Gedanken und die Praxis der Haltung selbst einzuschränken oder ganz aufzugeben. In Victoria beispielsweise, am südöstlichen Rand des australischen Festlands, habe ich einen Ort gesehen, der zum Schutz und zur Beobachtung von Zwergpinguinen [Eudyptula minor] eingerichtet wurde, der deren Zugang sowohl zum Meer als auch zu ihren üblichen Schlafhöhlen erhält. Meiner Meinung nach ist – unabhängig davon, was man sonst über einen solchen Ökotourismus sagen mag – einer seiner wichtigsten Vorzüge, dass er es den Tieren selbst überlässt, ob sie Kontakt zu menschlichen Besuchern aufnehmen oder diesen abbrechen. Es ist die Einhaltung dieser grundlegenden Art der „Etikette“, auf die Weston (1994) mehrfach Bezug nimmt, die sich deutlich von dem oben von mir kritisierten Muster der Pornografie unterscheidet.

Danksagungen

Ich bin dankbar für die nachdenklichen und konstruktiven Kommentare eines anonymen Rezensenten. Auch möchte ich mich für die hilfreichen Beiträge von Christa Davis Acampora und Fred Mills, sowie für die Unterstützung von Bruce Wilshire bedanken. Und schließlich bin ich Linda Kalof für ihre redaktionelle Ermutigung zur Überarbeitung zu Dank verpflichtet.

Quellenangaben

Adams, C. 1994. Neither Man nor Beast: Feminism and the Defense of Animals. New York: Continuum.
Berger, J. 1972. Ways of Seeing. London: BBC/Penguin.
Berger, J. 1977. „Why Look at Animals?“ In J. Berger (Hg.), About Looking, 1–26. New York: Pantheon, 1980.
Coc, R., L. Marsh und E. Platt. 1998. „The Belize Zoo: Grassroots Efforts in Education and Outreach.“ In R. B. Primack et al. (Hg.), Timber, Tourists, and Temples: Conservation and Development in the Maya Forest of Belize, Guatemala, and Mexico, 389–395. Washington, D.C.: Island Press.
Foucault, M. 1980. The History of Sexuality, Volume I: An Introduction. R. Hurley (Übers.). New York: Random/Vintage.
Greenaway, P. A., Regie. 1988. Zoo: A Zed and Two Noughts. Beverly Hills: Pacific Arts Video.
Griffin, S. 1981. Pornography and Silence: Culture’s Revenge Against Nature. New York: Harper & Row.
Hahn, E. 1967. Animal Gardens. Garden City: Doubleday.
Kappeler, S. 1986. The Pornography of Representation. Minneapolis: University of Minnesota Press.
Kellert, S. 1979. „Zoological Parks in American Society.“ Vortrag auf der Tagung der American Association of Zoological Parks and Aquaria.
Kellert, S. 1997. Kinship to Mastery: Biophilia in Human Evolution and Development. Washington, D.C.: Island Press.
Ludwig, E. G. 1981. „Study of Buffalo Zoo.“ In M. Fox (Hg.), International Journal for the Study of Animal Problems. Washington, D.C.: Institute for the Study of Animal Problems.
Montgomery, S. L. 1995. „The Zoo: Theatre of the Animals.“ Science as Culture 21: 565–602.
Mullan, B. und G. Marvin. 1987. Zoo Culture. London: Weidenfeld and Nicolson.
Preece, R. und L. Chamberlain. 1993. Animal Welfare and Human Values. Waterloo, Ontario: Wilfrid Laurier University Press.
Schwartz, H. 1996. The Culture of the Copy: Striking Likenesses, Unreasonable Facsimiles. New York: Zone.
Shepard, P. 1996. The Others: How Animals Made Us Human. Washington, D.C.: Island Press.
Sunday Morning. 12. April 1998. Fernsehsendung auf CBS, Segment über „Zoo Schools“ in Lincoln (Nebraska), Minnesota u. a.
Weston, A. 1994. Back to Nature: Tomorrow’s Environmentalism. Philadelphia: Temple University Press.
Wilson, E. O. 1984. Biophilia. Cambridge: Harvard University Press.

Der Autor:

Ralph R. Acampora ist associate professor für Philosophie an der Hofstra University, New York (USA), wo er das Programm für Critical Animal Studies gegründet hat und leitet. Er ist Autor von „Corporal Compassion: Animal Ethics and Philosophy of Body” (2006), Herausgeber von „Metamorphoses of the Zoo: Animal Encounter After Noah” (2010) und Mitherausgeber von „A Nietzschean Bestiary: Becoming Animal Beyond Docile and Brutal” (2003). Acampora war Mitherausgeber der Zeitschrift ‚Humanimalia‘ und ist Rezensionsredakteur der Zeitschrift ‚Society & Animals‘. Er engagiert sich in verschiedenen Bereichen im Tierschutz und in Tierrechten und hat in der Humane Education, sowie als urban park ranger in New York City in der pädagogischen Arbeit für den Umweltschutz gearbeitet.

Anmerkung zur Übersetzung:

Aus Gründen meiner Haltung zu übersetzungstechnischer Plausibilität, hätte ich zu: „Auslöschung durch das Exponieren: Ein Blick auf und in den Zoo“ tendiert, aber den Freiraum übersetzerischer Möglichkeiten nutzend, gebe ich dem Wunsch des Autoren nach, welcher nun die Fassung präferierte, die wir schlussendlich gewählt haben und die tatsächlich prägnanter zu sein scheint und dem Original so hoffentlich näher kommt.

Das immer wieder umstrittene Thema der Legitimität von Analogieschlüssen und Brückenbildungen in der Auseinandersetzung ausgehend von ‚intramenschlichen Erfahrungen‘ und Schilderungen von Unterdrückung und derjenigen Fragen, die sich mit den Analogismen aufwerfen, greifen wir in unserer Tierrechtsarbeit immer wieder auf. Es gibt vermutlich keine finale, für alle Seiten befriedigende Antwort, ob und wie Analogien einen vermeintlich „sicheren“ Boden der Argumentation bieten – nicht wegen ihrer eigentlichen Legitimität, sondern vielmehr, weil Grenzen rund um Sachverhalte und Verhältnismäßigkeit uneinheitliches Gebiet darstellen und die arbiträren Grenzen in Arten ethischer Gewichtung wiederum hart umkämpft werden.

Genau der Aspekt der Gangbarkeit und Handhabe in Sachen Analogien, ist in dem Artikel in einer sehr differenzierten Weise ausgearbeitet. Wir sehen das Aufzeigen der Möglichkeiten, sich über Vergleiche an Problematiken, denen wir in Tierrechtsfragen begegnen, heranzuarbeiten, um zu eigenständigen Lösungen zu gelangen.

Dies bildete einen Grund, weshalb uns die Übertragung dieses Textes für unser Projekt als sehr hilfreich erschien. In Sachen > Zoos und Tierrechte ist es unumgänglich Wege und Perspektiven der Annäherungsweise überhaupt zu entwickeln. Prof. Ralph Acampora ist auf diesem Gebiet ein Pionier in der US-amerikanischen Tierrechtsbewegung.

Tierautonomie
Publisher: www.simorgh.de – ‘Society, conflict and the anthropogenic dilemma’. This reader is published by the Edition Farangis in context with the memorial fund dedicated to the work of Dr. phil. Miriam Y. Arani.

Citation
Acampora, R. R. (2025). Auslöschung durch Ausstellung: Ein Blick auf und in den Zoo. TIERAUTONOMIE, 11 (2). http://simorgh.de/tierautonomie/JG11_2025_2.pdf

TIERAUTONOMIE (ISSN 2363-6513)

We, the Gruppe Messel, are a multispecies network dedicated to > Eurohippus messelensis and the world heritage known as the Messel Formation > and with it: today’s work in Animal Rights!

© Tierrechte Messel, Edition Farangis, Usingen / Taunus, 2025

Leichenschmaus

Wurstmensch, Kampfhasen und sie begleitende schützende Skeletthexen, die man nicht richtig erkennen kann, wenn man ihre Intention und Funktion nicht kennt. Im Märchenwald.

Entwurf 13.10.25

Speziesismus und Geschichte der Degradierungs- und Einverleibungssprache

Es gibt Gründe für und wider: Pflanzliche Lebensmittel mit Namen, die die nekrophil-speziesistische Welt nutzt, für ihren Leichenschmaus.

Vielleicht bagatellisiert man hier sogar Speziesismus, indem man speziesistische Sprache nicht als solche betrachtet. Zudem ist eine eigenständige pazifistische Lebens- inkl. Ernährungsweise etwas, die auf sehr klaren und soliden Füßen stehen kann und dadurch gewinnt. Als könne man auf unschöne Bezeichnungen für Gutes nicht verzichten, beschwert sich eine Menge von Leuten, die vermutlich gehofft hatten, dass Veganismus problemloser im System normalisiert wird.

Man sollte sich mal anschauen, welche Bedeutung speziesistische Terminologien in der Objektifizierung von Tieren einnehmen. Ein Thema, mit dem wir uns befassen und über das wir in diesem Zusammenhang hier nochmal schreiben werden. Nichtleichenteile sollte man nicht nach Leichenteilnahrungsbezeichnungen nennen wollen, sollen, müssen? Warum kann man pflanzliche Nahrung nicht mit passenden Bezeichnungen versehen, die man eben noch prägen kann. Der Schritt, Sprache von Speziesismen zu befreien, kann auch auf die Art und Weise angegangen werden, dass man Bezeichnungen bewusst antispeziesistisch wählt, d.h., dass man die Historie des Merkmals >  ‘Objektifizierung durch Umwandlung in Ware’, auf dem Schirm haben sollte.

Die Umwandlung zur essbaren und nutzbaren Ware, im Zuge definitorischer Objektifizierungen von Tieren, bildet ein Alleinstellungsmerkmal vom Speziesismus, vergleichsweise zu den intramenschlichen Diskriminierungsformen, die sich eher in kontraktualistischen Rahmen bewegen (…).

Die Rhetorik eines “Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei” ist nicht vergessen und wird weiter gefeiert, die Logik der Alternative und des “Ersatzes” geht nur den halben Schritt und lässt sich von Mehrheitsmeinungen vor sich her treiben.

Der Drang, pflanzliche oder leichenfreie Nahrung nach Tierkörperteilen zu benennen (“vegane Wurst”, “pflanzliches Steak”, “Hähnchenersatz”) zeigt, wie sehr die Sprache noch im Fleisch-Denken steckt und wie wenig wir uns mit der Rolle von speziesistischer Normalisierung dieser Art der Nekrophilie als “kulinarischem Kulturgut” befassen.

Wenn man etwas “Wurst” nennt, auch wenn keine Tierleichenteile mehr darin vorkommen, dann bleibt man semantisch im Leichenteiluniversum. Man versucht, die “Normalität” des alten Kanons durch Nachahmung zu retten. Oder meint ein altes Übel ist damit ja abgeschafft, indem man die Begriffe neu besetzt: Aber, die Menschen, die weiter Tiermord normalisieren, werden sich auf diese Logik nicht einlassen, nicht ernsthaft, solange die Gesellschaft so funktioniert, wie sie das aktuell noch tut.

Zudem, wieso sollte man überhaupt versuchen speziesistisches Tätertum zu “gewinnen” oder “zu überzeugen”? Wie identifiziert Ihr den Speziesismus, dass Ihr meint ein Mindset, das so orientiert ist, wie das eines Speziesisten, sei durch ein wenig Dialektik zum Veganismus bekehrbar – nicht nur dazu, dass er seinen Bratling dann essen würde, sondern, dass er damit auch gegen die Jagd ist, gegen Tierversuche, gegen Speziesismus im Kulturbetrieb und alles, was seine vermeintliche menschliche Überlegenheit seiner Meinung nach untermauert?

Es bleibt dann beim Bratling oder der Wurst, weil das Gegenüber weiß, wie sehr seine geistige Heimat unhinterfragtes Maß aller Dinge bleiben kann – mit seiner Verfleischung der ganzen Welt.

Es ist keine sprachliche Nebensache, sondern eine Form kultureller Gefangenschaft, in die sich diejenigen begeben, die ihren Schritt, den sie tun, oder eben ihre Lebenspraxis, nicht mit eigenem Stolz und eigenen Vokabular bekleiden können oder wollen. Man könnte sagen: Der Promoter der “veganen Wurst” will die Welt verändern, ohne das Vokabular der Schlachtung aufzugeben. Dabei wäre es viel sinnvoller, neue, eigene Bezeichnungen zu prägen, die nicht mehr eine Geschichte > der extremsten Form von Entwürdigung getöteter Körper > effektive verharmlosen und meinen neutralisieren zu können, sondern stattdessen eigene ästhetische, sensorische, ökologische, soziale Bedeutungsfelder zu öffnen, in dem Bewusstsein über das, was man hier sprachlich vollzieht; Sprache, die ganz genau diese Differenz klar macht und die damit eine neue Kultur fördert und zugleich an wichtige, spannende gute alte kulturelle Traditionen pflanzlich-pazifistischer Ernährung anknüpft.

Das Pflanzenessen als parallele menschliche Kulturgeschichte verstehen. Tofu, Falafel, getrocknete Pflanzen und Pflanzenteile, Fermentation, usw. Klassiker pflanzlicher Ernährung, unbekannte Lebensweisen und Geschichten, Hortikultur:

Warum nicht Wörter, die von Textur, Farbe, Herkunft, Zubereitungsweise, Pflanzencharakter, Geschmack oder Empfindung ausgehen – nicht von der “Fleischform”, die man ersetzen will?

Beispielhaft:
• statt Schnitzel → Blattling, Knuschel, Bratflor
• statt Hack → Körnling, Würzstück, Mahlgrund
• statt Milch → Haferquell, Korntrank, Nusszieher
(also poetische, offene Wortfelder statt Ersatzbezeichnungen)

Das Problem ist zum einen: Die Industrie denkt zum Teil in Marketingmimikry, nicht so sehr in kultureller Sprachneuschöpfung. Sie will an das Bekannte andocken, statt eine andere Welt benennbar zu machen. Wenn man Sprache ernst nimmt, müsste man sagen: Eine nicht-tierliche Ernährung braucht nicht Ersatznamen, sondern neue Metaphernräume.

Und, was die Seite der Nachfrage anbetrifft: Tierleichenteileersatz … ist das, was man schafft durchzusetzen als ethisch denkender Mensch???

Aber genau da liegt eben noch so ein Problemchen. In dieser Ausgangslage hat die ganz gescheite Welt derer, die meinen von langer Hand her die Wirtschaft zu ihren Gunsten stabil halten zu müssen, usw. schon längt ihre “bessere Idee” entwickelt:

New Meat. Neuer Wein nicht nur in alte Schläuche, sondern verpanschten Wein in die alten Schläuche hinein …

“New Meat” klingt nach Zukunft, nach Lösung, nach Erlösung vom Töten. Doch wer verkauft es? Dieselben Firmen, die weiterhin die industriell oder von Hand durch Menschen geopferte Tierleichen in Stücke teilen. Sie stehen mit einem Fuß auf der Mordparty und stoßen fröhlich mit der rettenden Lösung im Raum an. Die Idee, dass das neue Fleisch einfach das alte ablösen könne – glatt, geschmacklich kompatibel, ohne moralische Reibung – ist die Lüge, mit der man die Revolution in ein Geschäftsmodell verwandelt. Alle neuen “Ersatzproduktmärkte und -Modelle” sind zu analysieren. Hier meine ich aber gerade den Markt, der typische pflanzliche “Ersatzprodukte” vermarken will.

Das, was eine Abkehr vom Nekrophilen sein könnte, wird zur Fortsetzung des Alten unter nachhaltigem Etikett. “New Meat” ist nicht neu. Es ist das alte System in Designerfolie: ein synthetischer Ablasshandel, bei dem Schuld in Innovation umbenannt wird. So kann man gleichzeitig Mörder und Retter sein,
Konsument und Kritiker, Täter und Therapeut seiner selbst. Der Blick auf die Wirtschaft als Ort, der im War on Animals seine Rolle einnimmt, ist hier der springende Punkt.

Wenn aber die Produkte nicht mehr Ersatzleichen sein wollen, die man neben den echten Leichenteilen auf den Grill legt, dann müssen ihre Esser in der Lage sein sich sprachlich und ästhetisch zu  emanzipieren: von der ganzen Geschichte systemischer speziesistischer Nekrophilie.

Dann erst beginnt das Eigene und damit auch die Ernährung, die dadurch, dass sie ohne Opfer funktioniert, eine alte neue Sinnlichkeit, eine verbundene Gesundheit und eine Verantwortung mit der Mitwelt entwickelt. Eine nichttierleichliche Kultur wird sich kaum mit den Resten des ewigen Übels eines Lebens auf einer Grundlage von Opferungen für den eigenen Zweck begnügen. Sie wird die Selbsterhaltung wieder denken, statt Welt zu konsumieren.

Equal Consideration for Animals (1)

Equal consideration for Animals

Insekten-Demokratie > Tierrechtedemokratie > heißt jeder kann was FÜR das tun, was im Interesse von
Tieren und deren Habitaten liegen müsste: Antispe sein.

Da muss nicht erst irgendein Leadership “von oben” Bescheid geben, keine Masse erst “mobil machen”. Einfach selber Aktivismus machen und handeln.

Es ist nicht so schön als Unhold zu gelten, wenn man eine überfällige und berechtigte Kritik übt an vermeintlichen Mitstreitern. Wir sagen es schon lange und intern ist es schon lange bekannt, wo die Unterschiede verlaufen in der Zielsetzung eines paternalistischen Tierschutzes [1], der in sich in Wirklichkeit höchst widersprüchlich ist, aber genau diese Widersprüchlichkeit ist es, die uns hier beschäftigen sollte. Ob Singer, der Mäusetode für ethisch weniger relevant für die Maus selbst hält [2], weil er ihnen damit implizit ein Mausbewusstsein, das auf solches hinausliefe abspricht, oder die Befürwortung hierarchisch gedachter Tierrechte im Westlichen oder westlich geprägten Denken – wir halten eine Diskussion über Hierarchie und Speziesismus genau an der Stelle für dringend notwendig:

Unser aktueller Beitrag dazu > Keine philosophische Beherrschbarkeit > https://tierrechtsethik.de/keine-philosophische-beherrschbarkeit/

Negative Ethics im Fokus: Schutz vor menschlicher Destruktivität.

[1] Kollaborationen, wie mit der für ihren speziesistischen Ansatz bekannte HSUS, aber auch Institutionen, wie im Folgenden benannt, die Goodall unterstützte, spiegeln die Haltung eines hierarchischen, wenn auch wohlwollenden Weltbildes, das bei vielen im geselllschaftlich domonierenden Mainsteam bevorzugt wird: “However, she is now embroiled in a row with the group, of which she is president, after she praised a research centre that she opened at Edinburgh Zoo.” https://web.archive.org/web/20080526005435/http://www.telegraph.co.uk/news/newstopics/celebritynews/2011241/Is-Jane-Goodall-about-to-lose-her-post.html [05.10.25]

[2] Singer äußert dies in verschiedenen seiner Texte, so etwa in Practical Ethics (1979), Animal Liberation (1975) und hier: “So normally, the death of a human being is a far greater loss to the human than the death of a mouse is to the mouse — for the human, it thwarts plans for the distant future, and it does not do that for the mouse.” https://petersinger.info/faq [Zugriff 16.05.2023]

 

Shifting the Paradigm – Colin Jerwood’s “There is No Power Without Control”.

kts8

Jahrgang 11, Nr. 1, ISSN 2363-6513, Juli 2025

Image Source: https://www.huntsabs.org.uk/conflict-colin-jerwood-in-memorium/ [16.05.2025]

Shifting the Paradigm – Colin Jerwood’s “There is No Power Without Control”.

Gita Marta Yegane Arani [Tierrechte, Messel]

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This is difficult for me to write. The anarchist punk musician activist who stood at the center of my own activism since I was a teenager, has made his step into ‘the worlds that we cannot describe’. So this is about Colin Jerwood – May 6, 1962 – June 2, 2025 -, the founder of Mortarhate Records and singer of Conflict.

As relevant for the sake of activism, I don’t want to segregate within the work of Mortarhate as a label and Conflict’s work as a band, since the releases all encompass a politicalness, that does not put Animal Rights into a disconnected niche, but contextualize all fields of societal problematics, as they all stem from similar sources and dynamics.

Up until today, no bands – after this part of the anarcho punk [just anarcho; call it what you will, since we may be moving beyond sometimes misleading ‘category’] movement had initiated itself – programmatically had the strong impetus and enough luck to be embraced by their peers and movements surrounding them, to create and stand for Animal Rights ‘in tonality’, in punk and related genres, as did the bands whom we know these days who have been standing at the core of expressing what seemed to be a somewhat appropriate sentiment towards the ongoing faunacides, exerted by societies globally.

And of course societies that are speciesist (that is to say: the normal majorities within them) will not generate a critique of themselves in an appropriate form. What they might do is create cover ups and downplay the realities of their motives for injustice.

Animal Rights Punk in the 1980ies opens the chapter of finally expressing what society is doing to animality, to nonhuman groups and individuals – not, as society claims, out of some kind of normality, cultural habits and traditions, but what they do out of “normalities” of speciesist evilness from the onset on in the sense of utter injustice.

Had it not been for this kind of activism in punk, up until now likely nobody would have voiced a critique based on > the societal critique overall, with this kind of quality of calling people to action. Most people who are creative in music, like in other arts, want to appeal to audiences and don’t seek to seriously mobilize against society and mainstream values.

The types of rebellion that are typically sold ‘as such’ in pop culture so far mostly have represented generational shifts and breaks, but as we see in the case of Animal Rights and the thread that has taken its initials mainly with a few punk bands in the early 1980es, here we have the rare incidence where music expresses political message and stands for a basic form of taking responsibilities for damages that our societies don’t even acknowledge beyond any superficial level – and yes society puts their irresponsibilities into forms of entertainment. And albeit the independent sector too did of course not fall out of nowhere, we here clearly have a tangible turning point.

This is a huge and unique legacy that Colin held together by standing for commitments and goals, and it’s this continuity in Animal Rights activism, as part of an overall effort for paradigm changes, that may reasonably entail – as if it is a task passed on to each of us – what each of us, what we all make of our spans of living and dying.

A lot of people will not be ignorant enough to buy into that idea of putting a fellow activist and spearhead simply into a form of how-a-past-history-will-then-be-told, since as we know: histories are always or mostly to be taken with a degree of caution; relevant parts of history (in terms of “who is causing or has been causing change … “) don’t fit into the filters of society, and fitting things into certain narratives can stifle a complementary sense for the role of active participation. Own ways and methods of telling histories are important, since at the end of the day told fiction and untold realities can’t be untangled in a process of sifting out what matters and what does not.

The reason why Colin’s efforts have such a huge effect personally on his recipients is, I believe, not because friends and admirers declared him to be a “leader” type of person or anything like that, neither did he publicly aim to be representing an image. The very idea of seeking to be someone that is put on a pedestal was not only something his recipients had no need for, when they appreciated his work; the need to sort individuals into “followers” and “leaders” was virtually proven to be unnecessary here and from the participatory standpoint illogical and not compatible with the messages that Colin expressed in his lyrics and ideas.

A clear cut, serious and politically differing way is possible to live, and it’s possible in creativity, as an expression of taking responsibilities, caring, altruism, etc.

And only in such a non-hierarchical and gladly “unsaleable”, reasonable virtual practice, we get the revolutionary sense, that interestingly we lack so much in the anthropocene, in societies that claim some form of neutrality, that is nothing more but “neutrality” which excludes everything and everyone nonhuman. Majorities not only face, but equally drive ecocide, and many people see the atrocities of the human wars against animality somewhat as a matter of own survival and right, that they don’t want to be questioned.

On the creative level – in the foreground of this twist of taking passively and/or actively part in the destructive dilemmas of being human in the first place – we now know that those individuals who created/create forms of hardcore or punk (or anything) that expresses their serious opinions and feelings about the injustices against the world, that these people are contentwise randomized by a mainstream society, that is much “closer by” than all subcultures ever wanted to admit, and that thus these musicians are muted, not for being part of their “movements” but on the level of expressed meaning, their subjects and commitment is hardly pro-actively supported in social contexts which don’t really want to overcome stubborn consumerism, but rather clog up movements by pretending to be all about change where it matters, where in reality a status quo is simply prolonged.

Societies sort themselves out, by pushing messages, under the name of “we are all one”, into hierarchical orders, putting a lot of redundance at the top of how they communicate and exchange ideas and content, while serious statements and sentiments are typically to be found at the margins – so that everyone will know that it’s always gonna be these digestive processes of selecting (knee-jerk and almost ‘automatized’) that will condemn change towards all what stands outside of its processes (the world itself), to paradoxically turn into the tools of oppressing change itself – simply by projecting what is going happen (repetition) and what is “not viable” (ill logic) in the counterfeit world for which standards are set, by what is offered and what is chosen. The more you leave this process, the more invisible you will get in their perpetuum mobile like habits in communication (in the broad sense).

Colin is someone who filled a new space that he and his friends saw, with ideas, content, messages and a participatory mindset that he lived and manifested. To have “entered a new step in these galaxies” is not about someone becoming a memorial/Wikipedia page, with someone like him, I believe. The legacy we speak about here is much more about taking up the baton in a relay race, as the minimum.

On April the 11th 2025 Colin wrote on Social Media:

“I would like to sincerely apologise to one and all, that I was, unfortunately, unable to make an appearance at the last three Conflict gigs. This was due to a health condition which has floored me since November. Since I had to pull my part of that gig. In short, I can’t breathe properly. I’ve had my medication upgraded so hopefully I will be able return asap. In the meantime I am so so proud of the other Conflict members esp Fi for taking the baton.

Thank you so much for your support as ever and understanding.” [Source: Facebook, 16.07.2025]

I wrote to him asking him if we could interview him, and on April the 25th Colin replied giving me his yes.

After the shock of hearing about Colin’s passing, we expressed our condolences to his family and some of his friends. His friend David from Knockout Booking & Records replied to us on the Jun the 3rd “as far as I know Colin was working on the replies to your questions.”

We clearly hope that Colin was able to read our questions, and we hope he could see just how much we appreciate his work. We decided after the shock to put our questions on our site Tierrechtsethik.de. We wrote:

We just learned about the passing of our activist friend Conflict’s singer and huge example to a generation in Animal Rights activism and punk: Colin Jerwood. We are, like everybody else, in deep shock and wish condolences to his family and friends.

Colin had agreed, just a few weeks ago, to give us a written interview for Tierautonomie. We had heard that he had problems with his lungs, with his breathing as he let people know via facebook, hence we were worried and thought that he might now nevertheless have a pause, not making concerts for a short while, so we contacted Colin.

And to our astonishment we must say, he agreed to give us a written interview. He did not have the chance to let us know the answers to these questions. But we are glad that that we could even just ask – also as a form to give him a critical feedback and an evaluation of the current situation with activism, anarcho punk and animal rights punk in particular; and with so many people out and about every inch of the mainstream, who are more about fame and money in today’s punk spectrum.

About resistance …

Dear Colin, here are my (six) long questions. I hope they are okay and am very thrilled about this entire thing – to interview you after having been a huge admirer of your activism since I had my first Conflict record with 15 in 1983, having been deeply impressed at a gig in a pub in Stockwell London around that time, and with building my own activism from your example! If any question is weird or unclear, please let me know so that I can make the point of my question clearer. (It’s a bit stupid when the questions are very long, since it looks weird if the answer is shorter, and maybe the questions seem unnerving to you in the way in which they are written, since they are a bit complicated. I just hope I am understandable in what I say, and if not, please let me know.)

Palang (Gita, veganswines, and other nicknames, I use palang in this interview)

The course of resistance amidst amassing causes

  1. Starting the change

Palang: Learning about your work that started in 1981 (after Crass from 1977 onwards kind of initiated the outspoken political social criticalness in what we typically term Anarcho-Punk today) I should say that you, alongside Icons of Filth and other bands, whom you also later featured on your release: “this is the ALF” [1989, reissued with updated tracklist in 1998], that you initiated and stood for Animal Rights in the Anarcho Punk movement. Conflict and the Mortarhate label have been a if not the central driver. How did you get the impetus in the early years to write tracks like Meat Means Murder on It’s Time To See Who’s Who (1983) and later other anthems like Tough Shit Mikey, Berkshire Cunt and Slaughter of Innocence (for which Steve Ignorant joined up with you)?

  1. Being inclusive in Anarcho-Punk

Palang: Standing for activism, in a form which maintains spaces of tolerance while being clear cut about messages, seems to be part of the anarcho punk movement. How do you deal with the fact that clear messages unavoidably border on sides, nevertheless, where practical ignorance or carelessness about issues are something that make up societal normalcies, in general. How can we deal with the fact that people can be positive about stuff yet still hardly change anything in their practical daily lives?

  1. What about friends/fellow activists, etc. that go along theoretically but not practically

Palang: The big pillars within the Animal Rights movement: Antivivisection, Antihunt/Hunt Sabbing, Veganism with all the Farm Animal issues and just all aspects of instrumentalization of nonhuman Animals – with these issues that drive the Animal Rights movement (on the global and on the local levels), what can we do these days – coming from an angle of being as critical of society and system as possible, with a strong culture of protest which questions power and hierarchies in a fundamental way – how can we prevent our messages from being watered down? Basically everybody considers themselves to be part of some resistance branch in society these days. And everyone praises anarcho punk for being so clear cut about Animal Rights and for being the only movement in terms of music and subculture that outstandingly made Animal Issues a visible issue of an encompassing progressiveness in terms of justice and ethics, yet it seems that people take this part of Animal Rights history for granted. Many people consider themselves to be “informed enough” and stop at that point. People who embrace Animal Rights as part of “the topics they should cover” oftentimes exclude Animal Rights on a personal daily “routine” of protest, like you get people who have thrived on the Anarcho Punk history and subculture but fully exclude practical ethical concern towards Animal issues while believing they also stand for this part of Anarcho Punk. How can we make the connection between causes clearer for people to become more decided themselves, when they basically are open to Animal Rights?

  1. Avoiding the cultural industrial complex with a self-run independent label: taking the credible path

Palang: Evading consumerism, evading the music (charts crap) market and the cultural industrial complex was a core part of the idea of resistance, to many things I suppose. People created independent labels, like you with Mortarhate (1983), and thereby showed that it was possible to communicate other messages and content and create other important spaces of communication even therewith. In a parallel contrasting manner we had bands – going along with ideas, that one would make punk accessible “to the masses” and that one would undermine the typical music industry (like mainstreaming punk) – which more or less straight forwardly produced punk content that was integrable with the mainstream. In Germany for instance today the mainstreamed punk is in fact the “kind of punk” that people consider to be the golden standard for being outspoken and even revolutionary in a sense. In the US, as a big “market” the map looks different again, but overall we seem to have virtually a division here: a branch of punk that contained and contains the message of anticonsumerism etc. etc. and another branch that does not consider the critique of the markets even as a point to really discuss it seems. What shall we make of this difference, especially these days with a huge to trend towards leftist thought? I believe consistency matters, but this really seems to be an overlooked thing in Punk. What do you think about this divide in approach?

  1. The minority change question and its hardships

Palang: The crossroads of political life that we face these days, again coming from an anarchist standpoint, facing the consequences of the anthropocene and being just an individual, being just a few, being just a perhaps suppressed political and/or social minority and standing against all those factors where we are not able to activate any levers to stop the damages done, yet again everything depends on each one to act up, to boycott, to create change, etc., to not be part of the problem. How can we keep a sensible form of resistance feasable, without having everything swallowed up by people who create questionable levers and who therewith inadvertently disable action from “bottom up”. How can we say our way to go about things makes sense, even when we look powerless in contrast to this and that?

  1. The rare alarmed, upset language, that names things as how they are

Palang: Speaking small band projects internationally: Specific examples of Hardcore and Vegan Straight Edge with their relation to the outspokenness of anarcho punk as including Animal Rights – without the basis which political Musician-Activists like you created and the consistency, we wouldn’t be as far as we are today. The political live of protest made up of solid pillars of content is here, but the power and support coming from this will probably be suppressed or watered down by the mainstream once they fully digest anarcho punk history. With this message in music being scattered, and Animal Rights needing to be appropriately expressed and evidently only these kinds of expression and languages are able to do it, do you think that independent political music that conveys Animal Rights with the impetus of resistance toward society can survive after mainstream society finds out that this type of resistance and critique is culturally indigestible in a speciesist world?

Thank you so much for all that you do!

Colin Jerwood

We close with two German translations of two important Animal Rights anthems written by Colin / Conflict.

Vom Conflict Album: It’s Time to see Who’s Who, Mortarhate, 1983.

Conflict – Meat Means Murder, Übersetzung

Fleisch bedeutet Mord

Die Fabrik stößt alles aus, verarbeitet und feinsäuberlich verpackt,
Eine obskure, gemordete Substanz auf deren Etikett FLEISCH steht,
Hinter falschen Bezeichnungen wie Schwein, Schinken, Kalb und Rind,
Ein Auge ist ein Auge, ein Leben ein Leben, ein nun vergessenes Wissen,
Und täglich wird diese Farce weiter am Fließband generiert,
Um auf einem Tisch zu landen und dann aus einem Arsch herausgeschissen zu werden,
Und weiter stehen sie Schlange und weiterhin schauen sie,
Gliedmaßen aussortierend, die sich eignen zum Schmoren,
Kadaver zu Haufen aufgetürmt,
Sortiert man die saftigen Stücke aus dem Tiefkühler,
Doch seht ihr nicht, der Saft ist Blut?
Aus neugeborenen Kehlen fließen die roten Flüsse,
Blut aus den jungen Herzen, Blut aus ihren Adern,
Euer Blut oder ihr Blut, dient dem Gleichen.

Jetzt sitzt du hier am Tisch und grinst.
Sitzt da und isst, und denkst nie über deine Speisen nach,
Alles auf sterilen Tellern serviert, denkst du dabei nicht ans Töten,
Der weiteste Gang, den dein Gehirn gehen mag ist, ob das hier zum Braten oder zum Grillen geeignet ist
Du beklagst das Robbensterben, das Abschlachten der Wale,
Aber spielt es wirklich eine Rolle, ob ein Tier am Land oder im Wasser lebt?
Du hattest noch nie einen Pelzmantel, du denkst, das ist grausam gegenüber dem Nerz,
Aber was ist mit der Kuh, dem Schwein, dem Schaf, geben die Tiere dir nicht zu denken?
Seit dem Tag, an dem du geboren wurdest, hat man mit dir nie über den fehlenden Verbindungspunkt gesprochen,
Doch du stehst immer noch in der Schlange und schaust dir alles an,
Sortierst die Gliedmaßen, die gerade richtig sind zum Schmoren,
Kadaver gestapelt in einem Haufen,
Sortierst du die saftigen Stücke aus dem Tiefkühler,
Doch siehst du nicht, dass dieser Saft Blut ist?
Aus jungen Kehlen fließen die roten Flüsse,
DEIN BLUT, IHR BLUT, dient Demselben.

Conflict – Meat Means Murder

The factory is churning out all processed packed and neat,
An obscure butchered substance and the label reads MEAT,
Hidden behind false names such as Pork, Ham, Veal, and Beef,
An eyes an eye, a life’s a life, the now Forgotten belief,
And everyday production lines are feeding out this farce,
To end up on a table, then shot out of an arse
Yet still they’r queuing and still they’r viewing,
Sawing out limbs just right for stewing,
Carcasses piled up in a heap,
Sort juicy chunks from freezers deep,
Well can’t you see that juice is blood,
From newborn throats red rivers flood,
Blood form young hearts, blood from the veins,
Your blood their blood serves the same

Now you’re at the table, sitting, grinning.
Sitting there eating you never realize the filling.
It’s served upon a sterile plate you don’t think of killing,
The furthest your brain takes you, is it for frying or for grilling?
You moan about the seal cull, about the whale slaughter,
But does it really matter whether it lives on land or water?
You’ve never had a fur coat, you think is crule to the mink,
Well How about the cow, pig or sheep don’t they make you think?
Since the day that you were born you’ve never been told the missing link,
Yet still there queuing and still there viewing,
Sawing out limbs just right for stewing,
Carcasses piled up in a heap,
Sort juicy chunks from freezers deep,
Well can’t you see the juice is blood,
From newborn throats red rivers flood,
YOUR BLOOD, THERE BLOOD, serves the same.

Vom Conflict Album: Increase The Pressure, Mortarhate, 1984.

Conflict – Tough Shit Mickey, Übersetzung

So ein Pech, Mickey!

Mutter Natur lächelt und läutet einen neuen Tag ein
Die meisten Menschen auf der Erde schlafen noch gemütlich und warm
Draußen auf den Feldern und Weiden wird es auch ein neuer Tag
Einer ohne den Krieg und den Hass, den ich und du kennen
Ein Schrei stört die Ruhe; die Katze hat gerade eine Maus getötet
sagt die Mutter gefühlvoll, während sie aus dem Haus schaut
Es ist Frühstückszeit, die Uhr schlägt neun, Schinken, Speck, ein Ei oder zwei?
Wie schade um die Maus, was gibt’s heute Abend zum Tee, Lammeintopf?

Nun, es gibt viel zu tun und die Familie teilt sich auf.
Der Vater arbeitet, um den Unterhalt zu verdienen, er ist Metzger und wird gut bezahlt.

Die Töchter gehen zur Reitschule, die Mutter wäscht den Mist ab
Ein Sohn spielt mit Soldaten, der andere ärgert die Katze
Draußen auf den Feldern spielt sich eine andere Geschichte ab
Füchse kauern mit ihren Jungen, um den Menschen zu entkommen
Kaninchen rennen um ihr Leben, Rehe gehen hinter den Bäumen in Deckung
Die Mutter seufzt ungläubig, dann bereitet sie das Fleisch zu

Denkt darüber nach, was ihr tut. Das System ist darauf ausgerichtet, alles zu zerstören
Das Leben, nicht den Profit. Wir müssen das verdammt nochmal beenden

Denn schon bald wird es kein Leben mehr geben
Nicht ein Wesen auf dem Land oder im Meer, ein Vogel im Himmel
Sie werden erschossen, harpuniert, gegessen und zur Vernichtung gejagt
Ausgelöscht von den intelligenten Menschen, die stets beweisen, dass es so etwas
wie eine gerechte Welt, mit leben und leben lassen, nicht gibt

Die königliche Familie geht auf die Jagd, wie beispielhaft für das Volk
Das Volk, das sie führen, und zu diesem gehöre ich nicht
Ich habe genug Schmerz und Folter derer gesehen, die keine Stimme haben

Also werde ich für sie im Rundumschlag sprechen
Und wenn jemand versucht mich mit seiner Peitsche zu treffen, dann schlage ich verdammt nochmal zurück

Denn ich habe genug von diesem Wahnsinn, in diesen Höllentheatern
Genug davon, dass sie die Füchse bei ihren Jagden erlegen
Von Robbenbabys, die geknüppelt werden, während man ihre Mütter zerstückelt

Sie befriedigen ihre Gier und ihr Reichtum ist auf Blut errichtet
Ihr Schlachthaus spukt in den Hinterköpfen
Es ist die Gaskammer in der Landwirtschaft, das Ende der Fahnenstange

Es ist eine Schande um diese Maus!

Conflict – Tough Shit Mickey!

Mother Nature smiles and cracks a new days dawn
Most people on the earth are sleeping comfortably and warm
Out in the fields and pastures, it’s another new day too
One without the war and hatred that is known by me and you
A shriek disturbs the peacefulness; the cat’s just killed a mouse
The mother says with feeling as she looks out from the house
It’s breakfast time, the clock strikes nine, ham, bacon, one egg or two?
What a shame about that mouse, what’s for tea tonight, lamb stew?

Well, there’s things to do, so the family divides in separate ways
Father works to earn the keep, he’s a butcher and well paid
The daughters go to riding school mother washes up the crap
One son plays with soldiers; the other aggravates the cat
Back out in the fields, a different story’s taking place
Foxes cower with their cubs to escape the human race
Rabbits run for life, deer take cover in the trees
The mother sighs with disbelief, then prepares the meat

Think what you’re doing the systems set to ruin
The life not the profit we’ve got to fucking stop it

Because before too long there will nothing left alive
Not a creature on the land or sea, a bird in the sky
They’ll be shot, harpooned, eaten and hunted too much
Vivisected by the clever men who prove that there’s no such
Thing as a fair world with live and let live
The royal family go hunting what an example to give
To the people they lead and that don’t include me
I’ve seen enough pain and torture of those who can’t speak
So I’m gonna speak for them in an all out attack
And if someone tries to whip me, then I will fucking whip them back
Because I have had enough of this madness in those theatres of hell
Enough of them hounding the fox to the kill
Of baby seals being clubbed, their mothers cut up
They satisfy their greed, their wealth’s built on blood
Of their slaughterhouse haunting the back of the mind
The gas chamber of the farm life, the end of the line

It’s a shame about that mouse!

Weitere Texte von besonderem Interesse sind:

Berkshire Cunt, This is the A.L.F, Slaughter of Innocence (mit Steve Ignorant).

Tierautonomie

Publisher: www.simorgh.de – ‘Society, conflict and the anthropogenic dilemma’. This reader is published in context with the memorial fund dedicated to Miriam’s work by the Edition Farangis.

Citation

Yegane Arani, Gita Marta, Hrsg. (2025). Shifting the Paradigm – Colin Jerwood’s “There is No Power Without Control”. TIERAUTONOMIE, 11 (1), http://simorgh.de/tierautonomie/JG11_2025_1.pdf.

The Gruppe Messel is a multispecies network dedicated to Eurohippus messelensis and the world heritage known as the Messel Formation and today’s work in Animal Rights.

TIERAUTONOMIE (ISSN 2363-6513)

Erratum:

“Und wenn jemand versucht mich mit seiner Peitsche zu treffen, dann schlage ich verdammt nochmal zurück”

“​Genug davon, dass sie die Füchse bei ihren Jagden erlegen”

 

Tierkinder in der Tiersoziologie (1)

Der tiersoziologisch-tiermythologische Blick: Ich seh Dich nicht als Teil einer Spezies, sondern als Nachkomme und Kind Deiner Vorfahren.

Tiergeschichte, ist die Geschichte einzelner tierlicher Subjekte. Ein Geschichtsprivileg kann nicht allein Homo sapiens für sich verbuchen. Alle Wesen sind in der Zeit.

Gruppe Messel

Reblog > https://tierrechtsethik.de/tierkinder-in-der-tiersoziologie-1/