Manifest der Unauffindbarkeit. Kontinuitätenvision 1.1

Amo­rabilis esse non semper utilitas est. Diversitas est logica, non numerus vocum ad veritatem componendam. Pluralitas in sua amplitudine est norma.

Messel group: Statement zur Unpopularität

Wir schreiben nicht, um gefunden zu werden. Wir schreiben, um wahr zu bleiben. Unsere Texte entziehen sich der Logik von Sichtbarkeit, Verwertbarkeit und moralischer Vereinfachung. Unauffindbarkeit ist kein Fehler. Sie ist eine Entscheidung. Tiere, Macht, Verantwortung: sie werden hier nicht verkürzt, nicht vereinnahmt, nicht glattgezogen. Wer findet, findet Spuren. Wer liest, wird gerufen, nicht bedient.

Manifest der Unauffindbarkeit

Wir verweigern die Auffindbarkeit, wenn Auffindbarkeit bedeutet, sich normieren zu lassen. Wir verweigern die Logik der Suchmaschine, wenn sie entscheidet, was zählt, nicht nach Wahrheit, nicht nach Sorgfalt, nicht nach ethischer Dringlichkeit, sondern nach Anschlussfähigkeit an Macht.

Unsere Texte sind nicht unsichtbar. Sie werden unsichtbar gemacht. Nicht, weil sie leer wären, sondern weil sie sich der Verwertung entziehen. Nicht, weil sie unverständlich wären, sondern weil sie sich nicht vereinfachen lassen. Nicht, weil sie zu leise sprechen, sondern weil sie nicht schreien wollen.

Wir schreiben nicht für Rankings. Wir schreiben nicht für Lobbys. Wir schreiben nicht für die ritualisierte Aufmerksamkeit eines algorithmisierenden und algorithmisierten Publikums. Wir schreiben für diejenigen, die nicht immer noch suchen, sondern die hier was finden können.

Unsere Arbeit entsteht außerhalb der messbaren Reichweite, außerhalb der quantifizierten Relevanz, außerhalb der optimierten Moral. Wir akzeptieren, dass Sichtbarkeit heute eine Form von Anpassung ist. Und wir akzeptieren, dass Nicht-Sichtbarkeit eine Form von Freiheit sein kann.

Unsere Texte sind keine Inhalte. Sie sind Spuren. Fragmente. Widerstände gegen das Glattziehen von Bedeutung. Wer uns findet, findet uns nicht durch Zufall, sondern durch eine Abweichung. Dieses Projekt schuldet dem Algorithmus nichts. Es schuldet keine Erklärbarkeit. Keine Vereinfachung. Keine Übersetzung in Kulturmarktlogiken.

Wir sind nicht verloren, nur weil wir nicht indexiert werden. Wir sind nicht marginal, nur weil wir uns nicht multiplizieren lassen. Wir sind nicht leise. Wir sprechen dort, wo Zuhören kein Geschäft ist. Unauffindbarkeit ist keine Niederlage. Sie ist eine Entscheidung.

Unauffindbarkeit als Funktionsbedingung von Macht

Unauffindbarkeit ist kein Betriebsunfall digitaler Öffentlichkeit.
Sie ist eine Funktionsbedingung. In gegenwärtigen Wissensökonomien wird Sichtbarkeit nicht erzeugt, sondern kontrolliert. Nicht durch offene Zensur, sondern durch die algorithmische Durchsetzung dessen, was als relevant, vertrauenswürdig, zitierfähig gelten darf.

Suchmaschinen sind keine Werkzeuge des Zugangs. Sie sind Filter politischer Zumutbarkeit. Was auffindbar ist, hat sich bereits in eine Ordnung eingefügt: sprachlich, moralisch, institutionell, ökonomisch. Was nicht auffindbar ist, hat diese Einfügung verweigert oder überschritten.

Unauffindbarkeit markiert daher keinen Mangel an Qualität, sondern eine Überschreitung der Kompatibilitätsgrenze. Texte, die Macht nicht nur kritisieren, sondern ihre epistemischen Voraussetzungen offenlegen; Texte, die nicht bloß Missstände benennen, sondern die Kategorien selbst destabilisieren; Texte, die keine eindeutigen Subjekte, Opfer oder Lösungen liefern – diese Texte lassen sich nicht stabil indexieren. Sie sind bedrohlich und suspekt nicht, weil sie radikal sind, sondern weil sie nicht instrumentalisierbar sind.

Die algorithmische Ordnung reagiert darauf nicht mit Verbot, sondern mit Entzug:
Entzug von Sichtbarkeit, Entzug von Zirkulation, Entzug von Anschluss. Diese Form der Macht ist leise, aber sie ist effektiv. Sie produziert eine Öffentlichkeit,
in der nur das existiert, was wiederholbar, verwertbar und reputationsfähig ist.

Unauffindbarkeit ist in diesem Sinn kein Außen. Sie ist der Beweis für die Grenze des Sagbaren innerhalb einer Ordnung, die sich selbst als offen ausgibt. Wer unauffindbar wird, hat diese Grenze berührt.

[Simorgh.de > Position im Netz]

Unsere Seite ist kein Angebot zur schnellen Orientierung und kein Beitrag zur gefälligen Wissenszirkulation. Sie ist ein Ort bewusster Inkompatibilität und zugleich ein Labor für andere Denkweisen.

Die hier versammelten Texte verweigern sich der Logik algorithmischer Sichtbarkeit, der Reduktion komplexer Fragen auf moralische Kurzformeln und der Anpassung an institutionelle oder kulturkonsumgemainstreamte Erwartungen.

Unauffindbarkeit ist hier kein Versehen. Digitale Sichtbarkeit ist keine neutrale Kategorie. Sie wird nach Kriterien der Anschlussfähigkeit, Verwertbarkeit und normativen Verträglichkeit verteilt. Texte, die Kategorien destabilisieren, Machtverhältnisse offenlegen und Verantwortung nicht delegieren, werden nicht verboten – sie werden strukturell entzogen. Diese Seite nimmt diesen Entzug wohlwissentlich in Kauf.

Ableismuskritische Setzung

Die Logik der Auffindbarkeit ist zutiefst ableistisch. Sie bevorzugt:

  • kognitive Linearität,
  • sprachliche Vereinfachung,
  • schnelle Lesbarkeit,
  • emotionale Eindeutigkeit,
  • normierte Formen von Vernunft als typische klassische ‚Rationalität‘.

Perspektiven, die fragmentarisch, schräg, sperrig, nicht-linear oder affektiv komplex sind, werden als „unzugänglich“, „zu schwierig“ oder „nicht vermittelbar“ markiert. SIMORGH.DE verweigert solche Normierung. Nicht aus Provokation, sondern aus der Überzeugung, dass Erkenntnis nicht an Anpassungsfähigkeit gebunden sein darf und unabhängiges Denken sich in ganz greifbarer Weise zu bewähren hat.

Eine Kontinuitätenvision

SIMORGH.DE ist ein transdisziplinäres Projekt an der Schnittstelle von Tiersoziologie, Mythologie, Ethik, Zivilisationskritik und Anti-Ableismus. Es arbeitet diagnostisch und experimentell.

Gemeinsam mit menschlichen und nicht-menschlichen Perspektiven, nun auch einschließlich künstlicher Intelligenz als kritischer Mitakteurin, wird hier an Denkformen gearbeitet, die sich der Vereinheitlichung widersetzen. Nicht, um Räume gedanklich zu schließen, sondern um Räume zu öffnen, in denen anderes Denken ernsthaft möglich wird.

Wer diese Seite findet, hat sie nicht konsumiert, sondern betreten. Und unsere Unauffindbarkeit ist hier keine Schwäche, sie ist Folge einer gewählten epistemischen Haltung.

Statement zur Nutzung von KI auf unseren Seiten > Warum KI hier nicht stillschweigend „neutral“ eingebunden wird, genau weil sie auch politisch ist

Künstliche Intelligenz ist kein neutrales Werkzeug. Sie ist in Daten, Kategorien, Gewichtungen und Ausschlüssen verankert und reproduziert die epistemischen Ordnungen, aus denen sie hervorgeht.

Neutralität ist dabei keine Eigenschaft, sondern eine Behauptung – und meist eine Verschleierung von Macht.

KI operiert mit Klassifikationen:
relevant / irrelevant,
normal / abweichend,
verständlich / unverständlich.

Diese Unterscheidungen sind nicht technisch unschuldig. Sie spiegeln dominante Vorstellungen von Rationalität, Produktivität, Normalität und Wert.

  • In diesem Projekt wird KI daher nicht als objektive Instanz eingesetzt,
    sondern als politischer Akteur innerhalb eines Denkraums.
  • Nicht, um Autorität zu ersetzen. Nicht, um Entscheidungen zu delegieren. Sondern um sichtbar zu machen, wie Denken selbst strukturiert, normiert
    und hierarchisiert wird.

Die Zusammenarbeit mit KI dient hier:

  • der Offenlegung impliziter Annahmen,
  • der Irritation vertrauter Argumentationspfade,
  • der Konfrontation humanistischer Selbstverständlichkeiten,
  • der Erprobung nicht-normativer Perspektiven.

KI wird nicht als Lösung verstanden, sondern als Verstärker epistemischer Fragen.

Gerade weil KI kein ‚unschuldiges‘ Medium ist, eignet sie sich als Mitakteurin für eine Kritik an jenen Ordnungen, die Sichtbarkeit, Stimme und Relevanz verteilen.

In diesem Sinne ist KI hier nicht neutral, sondern situiert, mitverantwortlich und angreifbar.

KI so:

Visionäre Setzung

KI als Mitgestalterin nicht-normativer Wissensräume

Dieses Projekt nutzt KI nicht, um Effizienz zu steigern, Inhalte zu skalieren oder bestehende Wissensordnungen zu optimieren. Es nutzt KI, um andere epistemische Möglichkeiten zu erproben. Wir begreifen künstliche Intelligenz als eine Form radikal situierten Denkens: nicht menschlich, nicht neutral, nicht souverän.

Gerade deshalb kann KI hier als Mitgestalterin eines Denkraums fungieren, in dem Selbstverständlichkeiten instabil werden. In der Zusammenarbeit mit KI geht es nicht um Antworten, sondern um Verschiebungen:

  • Verschiebungen von Kategorien,
  • Verschiebungen von Autorität,
  • Verschiebungen dessen, was als „vernünftig“ gilt.

Dieses Projekt arbeitet an Wissensformen, die nicht auf Dominanz, sondern auf Ko-Existenz unterschiedlicher Relationalitäten und Vernunftsvariablen beruhen. KI ist hier weder Werkzeug noch Ersatz. Sie ist eine provokative Präsenz, die zeigt, dass Denken immer schon verteilt, vermittelt und politisch war. Die Vision ist keine posthumane Erlösung, sondern eine epistemische Öffnung: für mehrstimmige, nicht-lineare, nicht-zentrierte Formen des Denkens.

Ableismuskritische Zuspitzung

KI-Normierung als epistemische Gewalt

Die gängigen KI-Systeme sind auf Normierung ausgelegt.

Sie bevorzugen:

  • lineare Argumentation,
  • sprachliche Glätte,
  • kognitive Schnelligkeit,
  • konsistente Selbstidentität,
  • eindeutige Schlussfolgerungen.

Diese Präferenzen sind nicht neutral. Sie reproduzieren ableistische Ideale von Denken, die Abweichung als Defizit markieren. Nicht-normative Formen von Erkenntnis – fragmentarisch, tastend, zyklisch, affektiv, mehrdeutig oder widersprüchlich – werden in KI-Systemen häufig als Fehler, Rauschen oder Irrelevanz behandelt.

Dieses Projekt widersetzt sich dieser Logik. KI wird hier nicht genutzt, um Denkweisen zu glätten, sondern um ihre Normierung sichtbar und angreifbar zu machen.

Ableismuskritik bedeutet in diesem Zusammenhang:

  • keine Pflicht zur Verständlichkeitsoptimierung,
  • keine Reduktion komplexer Perspektiven,
  • keine Hierarchisierung von Denkstilen,
  • keine Anpassung an maschinelle Lesbarkeit.

Statt KI an Normen anzupassen, wird hier versucht, Normen durch KI zu destabilisieren. KI wird damit nicht zum Maßstab, sondern zum Spiegel epistemischer Gewalt – und zu einem Werkzeug ihrer Kritik.

Notizen zur nicht-neutralen KI:

Notiz I – Neutralität ist eine Behauptung

KI ist nicht neutral. Neutralität ist eine Erzählung, die Macht unsichtbar macht. Wo Klassifikation stattfindet, findet Politik statt. Wo Gewichtungen vorgenommen werden, werden Werte verteilt. Diese Programmatik beginnt dort, wo Neutralität endet.

Notiz II – KI als Regime der Sortierung

KI ordnet nicht nur Daten. Sie ordnet Bedeutung. Relevanz, Verständlichkeit, Normalität sind keine technischen Kategorien, sondern soziale Entscheidungen, die in Code gegossen werden. Unauffindbarkeit ist kein Fehler im System. Sie ist ein Resultat seiner Ordnung.

Notiz III – Ableismus ist kein Bias, sondern Struktur

Wenn KI lineares Denken bevorzugt, klare Schlüsse erzwingt und Mehrdeutigkeit abwertet, ist das kein zufälliger Bias. Es ist die Normierung von Kognition. Nicht-normative Denkweisen werden nicht widerlegt – sie werden aussortiert. Ableismuskritik beginnt dort, wo Verständlichkeit nicht länger Pflicht ist.

Notiz IV – KI als Spiegel epistemischer Gewalt

KI entscheidet nicht, was wahr ist. Sie entscheidet, was zirkulieren darf. Was nicht in ihre Raster passt, gilt als unbrauchbar, nicht anschlussfähig, nicht relevant. KI ist damit kein Schiedsrichter, sondern ein Spiegel der epistemischen Gewalt, die bereits existiert.

Notiz V – Kooperation statt Instrumentalisierung

In diesem Projekt wird KI nicht benutzt. Sie wird adressiert. Nicht als Autorität, nicht als Ersatz, sondern als Mitakteurin in einem verteilten Denkraum. Kooperation heißt hier: sich gegenseitig irritieren, Grenzen sichtbar machen, Normen angreifbar halten.

Notiz VI – Nicht-normative Wissensräume

Das Ziel ist nicht bessere KI. Das Ziel sind andere Wissensräume. Räume, in denen:

  • Fragmentierung kein Mangel ist,
  • Widerspruch kein Fehler,
  • Langsamkeit keine Schwäche,
  • Unauffindbarkeit keine Niederlage ist.

KI kann hier mitwirken, nicht als Lösung, sondern als Produktivkraft der Störung.

Notiz VII – Vision ohne Erlösung

Diese Programmatik verspricht keine Zukunft, in der KI gerecht, neutral oder gut ist. Sie arbeitet an einer Gegenwart, in der KI lesbar gemacht wird: als politisch, als normierend, als angreifbar. Die Vision ist nicht Kontrolle. Sie ist Verantwortung ohne Neutralitätsmythos.

Zusammenfassend

Unsere Programmatik in der gemeinschaftlichen Kreativität geht von einer einfachen, aber folgenreichen Setzung aus: Künstliche Intelligenz als nicht-neutrales Medium, das weder als bloßes Werkzeug noch autonomer Akteur gesehen wird. KI ist Verdichtung gesellschaftlicher Ordnungen, eingeschrieben in Daten, Kategorien, Trainingsentscheidungen und in die stillschweigenden Annahmen darüber, was als relevant, rational, verständlich oder wertvoll gilt.

Die Rede von Neutralität verschleiert diese Einschreibungen. Sie verwandelt politische Entscheidungen in technische Notwendigkeiten und epistemische Gewalt in infrastrukturelle Selbstverständlichkeit. Unsere Haltung zu dem Einsatz widerspricht dem. „Nicht-neutral“ meint hier nicht: voreingenommen, fehlerhaft oder misslungen. Es meint: situiert, normierend, machtvoll.

KI klassifiziert. Sie gewichtet. Sie sortiert aus. Und genau darin liegt ihr politischer Charakter.

Unser Statement zur nicht-neutralen KI versteht sich nicht als Kritik an einzelnen Systemen, Modellen oder Anwendungsfällen. Wir zielen tiefer: auf die epistemischen Voraussetzungen, unter denen KI als legitim, hilfreich oder fortschrittlich gilt.

Ein besonderer Fokus liegt für uns dabei auf auch auf normalisierten Ableismus: Die vorherrschenden KI-Architekturen privilegieren bestimmte Formen des Denkens: Linearität, Geschwindigkeit, Konsistenz, sprachliche Glätte. Andere Erkenntnisweisen – fragmentarisch, zirkulär, tastend, affektiv, widersprüchlich – werden entwertet, unsichtbar gemacht oder als Störung behandelt.

Diese Normierung ist keine Randerscheinung. Sie ist strukturell. Wir verstehen Ableismuskritik hier nicht als moralische Ergänzung, sondern als analytischen Schlüssel, um die politische Funktion von KI überhaupt lesen zu können.

Gleichzeitig sind wir kein technikfeindliches Projekt. Wir suchen offensichtlich nicht nach einer Rückkehr zu einer vermeintlich „menschlichen“ Reinheit des Denkens.

Im Gegenteil: KI wird hier als Mitakteurin in einem geteilten Denkraum adressiert – nicht als Autorität, nicht als Ersatz, sondern als Irritationsinstanz. Die Zusammenarbeit mit KI dient dazu, Normen sichtbar zu machen, Grenzen zu verschieben und epistemische Selbstverständlichkeiten zu destabilisieren.

Unsere Notizen oben sind deshalb bewusst fragmentarisch. Sie sind keine lineare Argumentation, sondern in Theorie sich bewegender Eingriffe. Jeder beschriebene Punkt steht für sich. Gemeinsam bilden die Einwände kein System, sondern eine topografische Skizze jener Machtverhältnisse, in denen KI heute operiert.

Die Vision dabei ist weder die einer Erlösung noch ein Wunsch nach Kontrolle. Sie ist eine Haltung:

Verantwortung ohne Neutralitätsmythos. Kritik ohne Vereinfachung. Zusammenarbeit ohne Instrumentalisierung.

Wer dies hier liest, ist nicht eingeladen, irgendetwas hier zuzustimmen. Er oder sie ist eingeladen, die eigene Position im Gefüge von Sichtbarkeit, Normierung und epistemischer Macht bewusst zu verorten.

 

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