Von Fleischgläubigen und Relativierern

Spezies-subjektive Prosa; Traktat.

Von denen, für die Fleisch ein anzubetendes Kulturgut darstellt, und denen auf der Gegenseite, die aus irgendeinem nicht nachvollziehbaren Grund begonnen haben, die Aussage „Meat means Murder“ zu relativieren

Manche meinen sie könnten ernsthaft eingefleischte Fleischfetischist*innen von einer anderen Lebensweise und einer damit einhergehenden anderen Haltung der nichtmenschlich-tierlichen Mitwelt gegenüber überzeugen, indem sie sagen: „Das mit den ‚Rechten‘ an und für sich, und genauer das mit den Tierrechten, ist so eine Sache. Die können wir ja diskutieren, aber ich überzeuge die von manchen von uns liebevoll als “Fleischi” bezeichneten Mitbürger, indem ich ihnen sage, wie wichtig so eine veränderte Lebensweise, die Tiere ethisch mitberücksichtigt, vor allem für die Umwelt und für unsere menschliche Zukunft in Hinsicht auf das Ressourcenmanagement ist … .“

Und man beruft sich dabei gerne, als den praktisch-ethischen Ansatz, den man verfolgt, auf seinen Veganismus, indem man diesen aber primär auf die pflanzliche Ernährung und -Anbauweise reduziert, und dabei geflissentlich dessen große Hoffnung auf eine aufgeklärtere Haltung im Bezug auf die Mensch-Tier-Beziehung unterschlägt.

Ja, der Veganismus hat sich aus wirklich tierethischen Gründen vom Vegetarismus bewusst abgespalten. Das war der Hauptmotor der Anfänge dieser Bewegung. Watson, Morgan, Shrigley und Co. schafften es, das Wesentliche zu fokussieren. Trotz aller vorteilhaften Begleiteffekte des Veganismus ging es ihnen in erster Linie darum, wie genau es den nichtmenschlichen Tieren geht. Full stop.

Man darf nicht vergessen, dass die ethische Debatte pro- und gegen Tiere keinesfalls neu ist.

„Nein, das glauben wir ihnen nicht!“ Doch, bitte! Denn schauen Sie sich mal die Entwicklung der vegetarischen Bewegung über die Geschichte hinweg an. Wer hier nicht das eigentliche Motiv erkennt, der ist dabei das Wichtigste in der Entwicklung zu unterschlagen. [1]

Fleischverzehr und die dazugehörigen Vorgänge des Mordens von nichtmenschlichen Tieren werden von vielen Menschen in unserer Kultur als, ihrer Meinung nach, ganz wichtige ‚Traditionen‘, ‚kulturelle Leistungen repräsentierend‘ und ‚Kulturgüter‘ betrachtet, die sie niemals in irgendeiner Weise aufgeben wollen würden und vehement verteidigen. Menschen, die solche Haltungen haben, können bezüglich anderer Themen durchaus recht aufgeklärt sein. Der Punkt aber, dass Tiere für sie in jeglicher Hinsicht da zu sein haben, in wirklich jeglicher Hinsicht, is so deeply engrained – you can’t pull it out of their mental frameworks. Und sie stoßen ja auch bequem immer wieder auf bequem zu ignorierende defensive Haltungen bei der „Gegenseite“.

Jetzt kommen manche wichtigen tierethisch-argumentierenden daher und verwässern das, wo eigentlich die klaren und normalen Zusammenhänge zwischen Rechten und Ethik bestehen, indem sie eine Reihe sophistischer Nebenschauplätze eröffnen, mit dem Argument, eine ethische Beziehung müsse bei Tieren doch auch ohne die ach so anthropozentrischen „Rechte“ möglich sein. Das heißt, wenn Menschen Tiere doch ethisch berücksichtigen würden, dann bräuchten wir doch gar keine Tierrechte und der Begriff Tierrechte würde zudem ja auch inzwischen von Leuten verwendet, die Tieren offensichtlich schaden … .

Denn was sind schon Rechte, solange es nicht die eigenen sind. Man könne ja auch für Tiere sein, indem Tiere weiterhin für uns da zu sein haben – als die, für die wir sie erklärt haben – siehe Zoologiebuch Seite XY (mit Homo sapiens on top).

Für manche Expert*innen der gesellschaftlichen Mensch-Tierbeziehung werden Schlachthausarbeiter so auch problemlos einfach nur zu einer Art Menschen, die in rationalisierter Form Tiere morden können. „Sie morden doch nicht, sie haben Gründe für das, was sie für richtig halten. Da es keine Tierrechte gibt, gibt es schlichtweg auch gar keinen Tiermord. So einfach ist das!

Diese Expert*innen suggerieren, Tiere seien so, dass man im Bezug auf sie wohl rationalisiert morden können müsste. Sonst würden Menschen das doch nicht tun?

Das Recht des Menschen mit einem humanistischen Ideal betrachtet zu werden wiegt für manche höher als Tierrechte, die man ja erstmal etablieren müsste. „Wozu denn die Mühe?“

Tiere brauchen auf einmal keine Rechte – „denn das ist ja viel zu anthropozentrisch gedacht, Rechte brauchen doch nur wir in-allen-relevanten-Dingen-begabten Wesen. Sie benötigen lediglich eine Befreiung aus den engen Haltungsbedingungen, dabei aber bitte doch ohne ein Recht auf LebensRaum und Leben, und ohne lästige Begründungen für sowas. Bloß keine Tierrechtssicht einnehmen – … und es wird stattdessen an den Symptomen aus vermeintlich tierethischer Sicht herumoperiert.

Es tut mir leid, aber die Tierethik selbst ist wirklich auch nicht mehr als das, woraus sie zumindest in Academia geboren wurde: ein Unterfach der Bioethik. Sie erscheint wie ein defensiver Ableger der Bioethik, weil aus ihr immer nicht die Tierrechtsethik werden will.

Nein wir Menschen sind aber doch kein Unterfach der Bioethik, das würden wir doch nicht dulden können. Wo bliebe denn da unsere Evolution als Homo sapiens? Manche durch uns marginalisierbaren Menschen können wir ja bioethisch diskutieren, aber uns selbst doch nicht. Und wir möchten bitte aber auch alle Rechte genießen, selbst die, vorzugeben wer Rechte haben darf und welche und wann, und wer, wann, wie und wo eben nicht. Zum Beispiel eben auch das Recht, Rechte zu haben.

Der rechtebesitzende Mensch will also keinesfalls anderen Menschen vorschreiben was sie zu essen haben und zu tun haben, weil das ein Eingriff in verbriefte Rechte wäre. Wie schnell alle denunziativ “hier” schreien, wenn sie sich auch nur ein Iota in ihrem persönlichen und kollektiv empfundenen Recht verletzt oder gar bedroht fühlen. Aber Tiere, sind eben „zu blöd“ nach Empfinden dieser Leute, als dass sie Rechte haben sollten.

Ein Recht vor uns geschützt zu werden? Vor unseren Übergriffen? „Nö, wieso denn. Das müssen wir erstmal tierethisch analysieren ob das überhaupt nötig ist“ … .

Diesen Leuten, egal wie sie sich titulieren, sind diejenigen Anderen, die eben bislang noch keine verbrieften Rechte haben, auf theoretischer Ebene so gleich, wie dem „Fleischi“ die Kluft seiner ethischen Vernunft im Bezug auf Haus-, Hof- und Wildtieren und sich selbst.

[1] Zur Geschichte des tierrechtsethischen- und Tierrechts-Denkens im Vegetarismus und Veganismus:

Ein rebellischer Dichter: der Syre Al-Ma’arri (973 – 1057 n. Chr.), https://simorgh.de/about/al-maarri/

Der vegane Prototyp des 19. Jahrhunderts, https://simorgh.de/about/der-vegane-prototyp-des-19-jahrhunderts/

Eine Übersetzung der ersten Vegan News aus dem Jahre 1944, verfasst von Donald Watson, https://simorgh.de/about/vegan-news-no-1/

Ästhetik zum Zersetzen, https://www.simorgh.de/own_public/aesthetik_zum_zersetzen.pdf

The Quest – list of quotes regarding animal ethics … https://www.simorgh.de/thequest.html

The Orphic vegetarian lifestyle in ancient Greece, Frugivore civilizations unknown, and new perspectives on the “history” of the religious murder of nonhumans, https://www.simorgh.de/objects/orphic-vegetarians/

Erdenkinder statt Taxonomie

Man kann uns Lebewesen als sowas wie “Erdenkinder” betrachten – facettenreiche interagierende Existenzen, in ihrer Einzelheit und in ihrer Vielheit. Man kann dieses gemeinschaftliche Netz der Lebewesen aber auch taxonomisch unterteilt betrachten. Facettenreiche Einmaligkeit und Verschiedenartigkeit oder verallgemeinbare biologische Kategorie.
Some of us contextualize life as “earth’s children” – as interacting multifaceted existential selves, families, groups … , while others continue to project taxonomy as the predeterminant factor of social lives on earth. Multifaceted lives on one side, are seen as biological castes on the other.
Antispeciesist Animal Sociology

3 Fragen an Kim Socha, über ihre neue Publikation: Animal Liberation and Atheism: Dismantling the Procrustean Bed

Ein Interview mit Kim Socha über ihr neu erscheinendes Buch: Animal Liberation and Atheism: Dismantling the Procrustean Bed.

Dieser Text als PDF (der Link öffnet sich in einem neuen Fenster)

Kim Socha: Animal Liberation and Atheism: Dismantling the Procrustean Bed. Erscheinungstermin: 7. Oktober 2014. Verlagsseite: http://freethoughthouse.com/animal-liberation-and-atheism.html; Facebookseite: https://www.facebook.com/AnimalLiberationAndAtheism

Wir finden religiöse Argumente für Tierrechte und die Tierbefreiung relativ häufig in der Literatur über die Tierfrage und die vita animales, den Zustand des Tieres. Argumente hingegen, die die Tierbefreiung von einer bewusst säkularen Perspektive aus betrachten, sind kaum zu finden. In ihrem Buch ‚Animal Liberation and Atheism: Dismantling the Procrustean Bed’ (Tierbefreiung und Atheismus: eine Dekonstruktion des Prokrustesbetts) initiiert Kim Socha diese Diskussion, indem sie untersucht wie das Grundkonzept ‚Religion’ sich auf inhärente Weise antithetisch zur Tierbefreiung verhält. Auch fordert Socha Säkulardenkende dazu auf, die Welt noch ganz anders zu sehen, und zwar vollständig befreit vom kulturellen Ballast der Religionen. ‚Animal Liberation and Atheism’ ist ein Aufruf an alle zur Entwicklung eines ethischen Systems, das von anthropozentrischen und speziesistischen Mythologien befreit ist, um die unnötige Gewalt gegenüber allen Lebewesen und der Umwelt zu beendigen.

Die Autorin:

Dr. phil. Kim Socha von der Indiana University of Pennsylvania, USA, ist die Autorin von Women, Destruction, and the Avant-Garde: A Paradigm for Animal Liberation (Rodopi: 2011) und Mitherausgeberin von Confronting Animal Exploitation: Grassroots Essays on Liberation and Veganism (McFarland Publishing: 2013) und Defining Critical Animal Studies: A Social Justice Approach for Liberation (Peter Lang: 2014). Unter anderem hat sie zu Themen publiziert wie: Latino/a Literatur, Surrealismus, Kritische Tierstudien (critical animal studies) und composition pedagogy. Kim Socha lehrt Englisch und ist aktivistisch tätig im Bereich der Tierbefreiung, transformativer Gerechtigkeit und der Reformierung der Drogenpolitik.

3 Fragen an Kim Socha, über ihre neue Publikation: Animal Liberation and Atheism: Dismantling the Procrustean Bed, und die Notwendigkeit, Atheismus in Beziehung zum Tierrechtsbegriff zu setzen.

N. Eyck: Religionen gründen typischer Weise dasjenige, was man als ihre „positive“ Beziehung zu nichtmenschlichen Tieren bezeichnen kann, auf Gnade und einen gewissen Grad an Mitfühlsamkeit (worin auch die Sorge für das „Tierwohl“ mit einbeschlossen ist). Eigene Tier-Rechte bilden hingegen in den Religionen keine Basis innerhalb der oder für die Mensch-Tier-Beziehung. Allerdings finden wir solche Einstellungen (zumindest welche die ähnlich genug erscheinen) auch in einigen säkularen Philosophien, und zwar die Haltung, dass ein Mensch den nichtmenschlichen Tieren gegenüber nur indirekte Pflichten hat, so dass das nichtmenschliche Tier letztendlich vom Mitgefühl und der Großmütigkeit des Menschen (und der Menschheit im Ganzen) abhängt. Wie kann eine atheistische Herangehensweise an Fragen der Tierbefreiung garantieren, dass Tiere in ihrem eigenen Rechte anerkannt werden, und dass diese Tierrechte echte Rechte sind, die nicht schlichtweg von unserer Mitfühlsamkeit und einer ihnen erteilten Gnade abhängig sind?

Kim Socha: Es herrscht die allgemeine Annahme, dass sobald eine Person mal eine säkulare Sicht über das Leben für sich annimmt (als Atheist, Agnostiker oder Humanist), er oder sie zugleich auch die Denksysteme aufgeben würde, von denen der religiöse Diskurs durchtränkt ist. Ich glaube nicht, dass das gezwungenermaßen so stattfindet. In meinem neu erscheindenden Buch Animal Liberation and Atheism: Dismantling the Procrustean Bed [A.d.Ü.: es erscheint bei Freethought House am 7. Oktober 2014, der Titel wäre in Deutsch: Tierbefreiung und Atheismus: eine Dekonstruktion des Prokrustesbetts], zitiere ich einen Abschnitt aus Michel Onfrays Atheistischem Manifest um zu erklären was ich meine: “Säkulares Denken bedeutet kein dechristianisiertes Denken, sondern ein immanentes christliches Denken. Eingebettet in eine rationale Sprache, bewahrt es nichtsdestotrotz die Quintessenz der judeo-christlichen Ethik.“ In anderen Worten heißt das, dass nur weil jemand sein Konzept über Christus aufgegeben hat, er oder sie nicht immernoch wie ein Christ in hierarchischer, anthropozentrischer und speziesistischer Weise denken könnte oder es faktisch noch tut. (Ich befasse mich in dem Buch auch mit anderen religiösen Traditionen, aber um mich hier kurz zu fassen, fokussiere ich in diesem Interview auf das westliche Christentum.) Ich finde es also nicht überraschend, dass säkulare Philosophen ebenfalls die oppresiven Sichtweisen auf andere Spezies übernommen haben, da die, die aus solchen Perspektiven geschrieben haben, in Kulturen aufgewachsen sind, die vom religiösen Denken durchtränkt waren, auch wenn diese Menschen selbst in einem atheistischen Umfeld groß geworden sind. Atheistische Tierbefreier_Innen müssen andere aus ihren Freidenkergemeinschaften aus diesem Grunde auch dazu auffordern, dass man sich dessen bewusst wird, in welcher Weise religiöse Ansichten über die gelebte Realität eventuell übernommen wurden, ganz besonders im Bezug auf nichtmenschliche Tiere. Beispielsweise, die Atheist_innen, die ich kenne (wobei man natürlich nicht alle Atheisten über einen Kamm scheren darf) unterstützen zwar die Homo-Ehe, weil ein Verbot dagegen auf religiösen Ideologien basiert, nichtsdestotrotz finde ich unter Freidenkern einen Mangel an Bewusstsein vor, über die Art und Weise in der Religion ihre Sichtweise auf andere Spezies determiniert hat. Aber, da der Atheismus den Gedanken aus dem Weg schafft, dass Menschen in irgendeiner göttlichen Weise (z.B. durch ihre Seelen) etwas besonderes sind, so denke ich doch, dass hiermit ein Zugang geöffnet wird dazu, Hierarchien einzuebnen und den Mythos menschlicher Überlegenheit zu zerstören. Menschen sind nicht, wie wir jetzt sehen, so besonders wie wir glauben sollten – besonders, im Sinne dass wir von einem Gottschöpfer auserwählt worden sind um der Sterblichkeit zu entfliehen und im Paradies leben zu dürfen, vorausgesetzt wir nehmen an den richtigen Ritualen teil und beten die richtigen Schöpfer an. Wir sind Tiere, und meine Hoffnung ist, dass indem wir uns als solche anerkennen, wir damit einhergehend auch die Leben der anderen Tiere mit mehr Mitfühlsamkeit und Sensibilität betrachten. Auch sie wollen sich in ihrem Leben freuen dürfen, dem Tod aus dem Weg gehen und sich entfalten, bis zum unvermeidbaren Ende, dem alle Wesen unterworfen sind.

N. Eyck: Innerhalb der Geschichte der Naturwissenschaften hat man die Natur (das heißt die Welt) und seine nichtmenschlichen Bewohner als unter ‚dem Menschen’ stehend klassifiziert, und damit ihre Existenz als dem menschlichen Zwecke und Nutzen dienend festgelegt. Wir finden diese Haltungen in ihrem ganz realen Ausdruck vor, bei, angefangen von der Arbeit eines Galenus (in der Antike) bis zu einem Descartes und dann später im linneischen (taxonomischen) Klassifikationsmodell, in dem der Mensch als der „Homo sapiens“, der Mensch als der Wissende, auf der Spitze der Tierreichs ganz alleine thront. Inwieweit können wir davon ausgehen, dass diese Sicht auf nichtmenschliche Tiere entweder durch religiöses Dogma oder ihre vorausliegenden mythologische Traditionen bedingt oder zumindest beeinflusst waren?

Kim Socha: Ich glaube wir haben es da in der westlichen Kultur, oder zumindest in den Vereinigten Staaten, mit einer falschen Dichotomie zu tun, in der die Wissenschaft und die Religion als zwei sich entgegengesetzte Pole des Wissensspektrums vorausgesetzt werden. Ganz im Gegenteil funktionieren Wissenschaft und Religion miteinander oft ganz gut, obgleich sie völlig unterschiedlicher Natur sind, denn sie beide priviligieren die menschliche Auffassung von „Wissen“. Und zwar können so zum Beispiel nur Menschen ein Wissen über Gott haben, Gott „kennen“, und, die Menschen sind dazu gezwungen, ihren „überlegenen“ Intellekt zu gebrauchen, um die Ziele der Menschheit zu vervollkommnen, selbst wenn das heißt eine andere Spezies zu Forschungszwecken zu gebrauchen. (Und natürlich dürfen wir nicht vergessen, dass Menschen, die als weniger intelligent eingestuft wurden, in der Geschichte auch zu Experimentier- und Forschungszwecken eingesetzt wurden.) Als solche, haben die Naturwissenschaften die menschliche Intelligenz sowohl entweder als die einzige Art der Intelligenz betrachtet, die irgendeinen Wert hat, oder aber als den höchsten Grad der Intelligenz – immerhin hoch genug um den Einsatz anderer Spezies in den Wissenschaften zu gerechtfertigen. Jedoch, wenn wir uns die Zeit dafür nehmen würden um zu verstehen wie andere Spezies die Welt begreifen (z.B. Honigbienen), würde es uns schwer fallen müssen, die nichtmenschliche Intelligenz zu verneinen. Und um ehrlich zu sein, mir könnte kaum etwas egaler sein, als die Frage ob Schweine intelligent sind, obwohl sie es sind. Was für mich entscheidend ist, ist dass sie physisch und psychisch leiden, zu Billionen, nur weil Menschen den Geschmack ihres ‚Fleisches’ mögen. Das bei weitem schlimmste Beispiel der Entwertung nichtmenschlicher Intelligenz hat René Descartes vollzogen, indem er Nichtmenschen als „bloße Automaten“ beschrieb.

Ganz gleich wie die religiöse Perspektive der Naturwissenschaftler in der Geschichte verläuft, so würde ich doch dahingehend argumentieren, dass das „religiöse Dogma und mythologische Traditionen“ definitiv die wissenschaftliche Gemeinschaft beeinflusst haben. In der Tat ist das ein Gebiet in dem Wissenschaft und Religion ineinander greifen: in dem Gedanken nämlich, dass Homo sapiens den anderen Spezies überlegen ist. Diese Auffassung finden wir übrigens vor in fast allen großen Religionen: von den abrahamitischen Traditionen hinüber zu den östlichen Religionen, wie dem Buddhismus und dem Jainismus. Vielleicht, so könnte man argumentieren, ist es ja die Natur der Tiere, einschließlich derer des Menschen, ihre eigene Spezies den anderen vorzuziehen, so dass es somit „natürlich“ wäre, Nichtmenschen zu verwenden, um die menschliche Entwicklung voranzutreiben. Ja, manche Spezies leben zum eigenen Überleben von den anderen, aber das ist nicht die ganze Geschichte was den Homo sapiens anbetrifft. Wir haben die Philosophie eines „Lebenskreislaufes“ bis hin zur Unkenntlichkeit verzerrt, indem wir unsere Ökonomien und fast jede kulturelle Institution auf der Ausbeutung anderer Tierspezies aufgebaut haben. Und in diesem Prozess haben wir natürliche Habitate zerstört, Veränderungen in den klimatischen Kreisläufen verursacht und die Auslöschung anderer Spezies zu Wege gebracht. In einem gewissen Sinne betrachte ich die Menschheit als eine „Naturkatastrophe“, aber ich möchte hierbei nicht völlig pessimistisch sein, denn es gibt viele Menschen, die gegen den dominierenden Diskurs ankämpfen und andere dazu auffordern, ihre kulturellen Dispensationen zu hinterfragen, so dass wir den Schaden, den wir als Spezies verursacht haben, anerkennen, und einige Dinge vielleicht wieder gut machen.

N. Eyck: Kann der Atheismus in einer Welt, die nichtsdestotrotz mit ihrem religiösen Erbe zu kämpfen hat, zu einer unumgänglichen Triebfeder in der Tierbefreiungsbewegung werden (und dabei einen erzieherischen und befähigenden Effekt haben)?

Kim Socha: Ich glaube daran, im säkularsten Sinne des Wortes, dass in einer atheistischen Tierbefreiungsbewegung viele Chancen liegen. Tatsächlich können wir die Vermutung auch faktisch belegen, dass die meisten Tierverteidiger Freidenker sind (ein Punkt, den ich ebenfalls in meinem Buch anspreche), selbst wenn viele ihren Atheismus / Agnostizismus / Humanismus nicht unabdingbar mit ihrer Sichtweise auf Nichtmenschen in Zusammenhang bringen. Ich denke dieser Zusammenhang sollte häufiger und bewusster erkannt werden. In der Tat ist das auch der Ausgangspunkt meines Buches, wie auch die Notwendigkeit für Säkulare, die Wahrheit in dieser Beobachtung Onfrays anzuerkennen, dass „säkulares Denken kein dechristianisiertes Denken [ist]“. Ich stehe in keinem völlig unsensiblen Verhältnis zu denen, den religiöse Traditionen wichtig sind, sowohl kulturell als auch spirituell, auch ist mir die Rolle der Religionen in unterschiedlichen sozialen Gerechtigkeitsbewegungen bewusst. Dennoch, um zum Subtitel meines Buches zu kommen – „eine Dekonstruktion des Prokrustesbetts“ –, ich meine, dass die Heranziehung von Religion zur Rechtfertigung der eigenen Opposition gegenüber Unterdrückung nicht nötig ist. Die Reaktionen aus unserem Bauchgefühl heraus, wenn wir einen Menschen unter Hunger leiden sehen oder einen Fuchs sehen, der versucht sich aus einer Fußfalle zu befreien, genügt, um zu wissen, dass wir handeln sollten um dem Lebewesen, das in Not steckt, zu helfen. Warum brauchen wir einen allmächtigen Alles-Überschauenden zur Rechtfertigung unserer Reaktionen auf Gewalt und Not? Weswegen brauchen wir das Versprechen einer ewigen Erlösung als Grund, um daraufhin Maßnahmen gegen unterdrückerische kulturelle Praktiken zu ergreifen? Diese Fragen werden besonders dann relevant, wenn wir uns überlegen, wie oft die „allmächtigen Alles-Überschauenden“ die uns vertraut sind, das menschliche Leben dem Leben anderer Spezies vorziehen. Das Leben kann auch dann Bedeutung haben, und vielleicht sogar mehr noch, wenn man die Idee der Unsterblichkeit aufgibt – ohne einen Glauben an das Übernatürliche. In der allgemeinen Bevölkerung herrscht noch immer ein gewisses Misstrauen (und wiederum mag dies eher auf die USA zutreffen) gegenüber den Gottlosen, auch wenn Studie auf Studie bewiesen worden ist, dass areligiöse Personen nicht irgendwie amoralischer, unethischer oder hedonistischer geartet sind als religiöse Menschen; tatsächlich haben soziologische Studien sogar belegt, dass mehr radikaler Aktivismus und mehr Sensibilität Unterdrückten gegenüber unter den Freidenkern anzutreffen ist. Ich denke das ist so, weil wir nur an ein einziges Leben glauben und weil wir die Notwendigkeit Gutes zu tun, nicht verspüren um uns unseren Platz in einem himmlischen Reich sicherzustellen. Wir wollen nicht leiden, und unsere Eigenakzeptanz als Tiere, die in dieser Welt, in die wir geboren sind, versuchen zu überleben, eröffnet uns ein Tor dazu, andere Spezies in der gleichen Weise zu betrachten. Als solche, können wir unsere Beziehung zu anderen Tieren erkennen und unsere kurze Zeit auf der Erde bedeutsam machen, indem wir die Welt für andere besser gestalten, statt aus Eigennutz unseren Weg zum Himmel zu erklimmen.

N. Eyck: Vielen Dank für dieses Interview Kim Socha!

N. Eyck, die das Interview führte, ist Mitaktivistim beim veganen Tierrechtsprojekt Simorgh.de. Eventuelle typographische Korrekturen werden noch vorgenommen. Übesetzung: Palang LY, NiceSwine.Info.