Ralph R. Acampora: Auslöschung durch Ausstellung: Ein Blick auf und in den Zoo

kts8

Jahrgang 11, Nr. 2, ISSN 2363-6513, Oktober 2025

Auslöschung durch Ausstellung: Ein Blick auf und in den Zoo

Ralph R. Acampora

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Abstract: Dieser Artikel vergleicht die phänomenologische Struktur zoologischer Ausstellungsformate mit den in der Pornografie vorherrschenden Mustern. Er untersucht mehrere Diskrepanzen zwischen beiden Bereichen, stellt fest, dass diese entweder nicht vorhanden oder irrelevant sind, und kommt zu dem Schluss, dass die vorgeschlagene Analogie genug Bestand hat, um als kritische Linse zu dienen, durch die man die Institution Zoo betrachten kann. Die zentrale Idee, die sich in diesem Interpretationsprozess offenbart, ist paradox: Zoos sind insofern pornografisch, als sie die Natur ihrer Objekte gerade dadurch verschwinden lassen, dass sie sie übermäßig exponieren. Da die Tiere gerade durch die Feilbietung ihrer Sichtbarkeit degradiert oder marginalisiert werden, wird der Anspruch der „Bewahrung” kritisiert. Es wird angeregt, den Zoo, wie wir ihn kennen, durch authentischere Formen der Begegnung mit anderen Lebensformen abzulösen.

Schlagworte: Zoos, Pornografie, in Gefangenschaft gehaltene Tiere, Wildtiere, Tierschauen, Ausstellung, speziesübergreifende-/Interspezies-Ethik, Artenschutz, Biophilie

Originalfassung:
Ralph R. Acampora: Extinction by Exhibition: Looking at and in the Zoo, Human Ecology Review, Vol. 5, No. 1, 1998, S. 1–4.
https://www.humanecologyreview.org/Human%20Ecology/HER_5,1,1998.pdf [19.10.2025].
Herausgegeben von der Society for Human Ecology.
Übersetzung ins Deutsche: Gita Yegane Arani.

Die zweite Natur stellt uns vor größere Probleme als je zuvor, da wir uns plötzlich bewusst geworden sind, wie sehr wir von ihr abhängig sind und inwieweit unsere Ansprüche tödlich sein könnten. (Schwartz 1996, 173)

Im Laufe seiner Geschichte hat der Zoo eine relationale Dynamik der Herrschaft demonstriert. Ursprünglich, in seiner Zeit als privater Garten, war er ein mächtiges Symbol der Herrschaft und vermittelte ein imperiales Bild des Menschen als Monarchen – Herrscher über die Natur, Herrscher über die Wildnis. Schließlich wurde er in eine öffentliche Menagerie umgewandelt und zu einem Ritual der Unterhaltung, das ein fast trickreiches Bild des Menschen als Magier vermittelte – als Bändiger von wilden Tieren, als Beschwörer über Gefangene. Der moderne Zoo ist zu einem Wissenschaftspark und ästhetischen Ort geworden, dessen Bedeutung als erlösend gilt; er steht als Symbol für Naturschutzpolitik und vermittelt ein religiöses Bild vom Menschen als Messias – dem neuen Noah: Retter der Arten, gütiger Despot der Tiere. Vom Imperium, über den Zirkus, bis hin zum Museum oder zur Arche, wurde der Zoo nach anthropozentrischen und wohl auch androzentrischen Hierarchien und Entwürfen organisiert (Mullan und Marvin 1987).

Historisch geprägt von paternalistischen Mustern und Spuren des Patriarchats, rechtfertigen sich zoologische Einrichtungen heute mit dem Verweis auf ihre angeblich rettenden Stärken. Zoos werden als Zufluchtsorte für den Schutz wildlebender Tierarten legitimiert, als Rettungsanker für ein Tierreich, das durch die industrialisierte Zivilisation bedroht ist. In Anlehnung an John Berger (1977) behaupte ich, dass diese Selbstdarstellung eine Ideologie ist, die sich in einem Paradox verfängt – denn gerade die von Zoos geschaffene Exposition löscht die offensichtlichsten „natürlichen” Merkmale ursprünglich wilder Lebewesen aus, nämlich deren Fähigkeit, sich anderen zu entziehen oder sich frei mit ihnen auseinanderzusetzen. (Eine solche Auslöschung findet auch dann statt, wenn man sich von einer klassischen Lehre von natürlichen Arten distanziert. Meine Argumentation stützt sich nicht auf unveränderliche Wesensmerkmale von Arten als solche, sondern vielmehr auf die allgemein akzeptierten Bedeutungen von Wildheit für jedes beliebige Tier.) So löscht diese Art der Zurschaustellung für uns die existenzielle Realität dieser Tiere aus, obwohl sie vorgibt, deren biologische Existenz zu bewahren. Selbst die kluge Zoobefürworterin Emily Hahn räumt ein, dass „das Wildtier in Gefangenschaft … zwangsläufig sein Wesen verändert und nicht mehr das Tier ist, das wir sehen wollen“ (1967, 16). Berger erläutert die Ironie wie folgt: Trotz des offensichtlichen Zwecks dieses Ortes „kann ein Fremder nirgendwo in einem Zoo dem Blick eines Tieres begegnen … Höchstens flackert der Blick des Tieres auf und verschwindet wieder … Sie schauen zur Seite … Sie schauen blindlings in die Ferne … Sie scannen [a.d.Ü. ihre Umgebung] mechanisch“ (1977, 26).

Da der Zoo seine Ausstellungs-Objekte gewissermaßen einer Überexposition aussetzt, die ihre wahre Natur herabstuft, kann man ihn als Teil einer paradoxen Form der Pornografie betrachten – nicht im Sinne von etwas Sexyem, sondern als eine Institution visueller Gewalt. Daher ist „der Zoo, in den Menschen gehen, um Tiere zu treffen, sie zu beobachten, sie zu sehen, in Wirklichkeit ein Denkmal für die Unmöglichkeit solcher Begegnungen“ (Berger 1977, 19). Mögliche Parallelen zur Genderanalyse von Pornografie lassen sich pointiert anreißen, indem man „Zoo … Menschen … Tiere“ durch „Stripbar … Männer … Frauen“ ersetzt (Kappeler 1986, 75-76).

Die breitgefasste Analogie zwischen Zoos und Pornografie ist nützlich, denn wenn sie in den relevanten Punkten zutrifft (was meiner Meinung nach der Fall ist), wirft dieser Vergleich ein neues und ausgesprochen kritisches Licht auf die Debatte über die Haltung und Zucht von Wildtieren in Gefangenschaft. Betrachten wir zur Veranschaulichung die Kontroverse um Pornografie. Es gibt mehrere denkbare Rechtfertigungen für Pornografie, aber stellen Sie sich einmal vor, ein Befürworter würde die Position vertreten, dass wir diese Institution zulassen – ja sogar fördern – sollten, weil sie uns (insbesondere junge Menschen) dazu anregt oder inspiriert, die dargestellten Personen zu schätzen, weil sie uns „lehrt“, auf das Wohlergehen derjenigen zu achten, die in der Weise exponiert sind. Das ‚Centerfold‘ würde also als Symbol für Mitgefühl und Respekt angesehen werden! Jetzt muss nur noch herausgefunden werden, warum so viele von uns dieselbe Argumentation akzeptieren, wenn sie im Zusammenhang mit zoologischen Ausstellungen vorgebracht wird. Sicherlich gibt es relevante Unterschiede, die unterschiedliche Reaktionen rechtfertigen würden – oder etwa nicht?

Einerseits könnten wir versucht sein zu denken, dass Zoos wirklich bildend sind – in einer Weise, wie es Pornografie (zumindest in der Regel) nicht ist. Aber dieser vermeintliche Unterschied hält einer genauen Befragung nicht stand. Wir müssen kritische Fragen stellen, wie sie beispielsweise Paul Shepard formuliert hat: „Der Zoo präsentiert sich als Ort der Bildung. Aber mit welchem Ziel? Um den Menschen Respekt gegenüber der Wildnis, ein Bewusstsein für menschliche Begrenztheit und für die biologische Gemeinschaft, eine Welt der gegenseitigen Abhängigkeiten zu vermitteln?“ (1996, 233). Nein, wir müssen antworten, dass Zoos entweder schlecht vermitteln oder allzu gut falsche und gefährliche Lektionen erteilen. Ein Umweltforscher fand heraus, dass „Zoo-Besucher viel weniger über Tiere wissen als Rucksackwanderer, Jäger, Fischer und andere, die behaupten, sich für Tiere zu interessieren, und nur geringfügig mehr wissen als diejenigen, die behaupten, sich überhaupt nicht für Tiere zu interessieren“ (Kellert 1979). Fast zwanzig Jahre später ist sein Urteil immer noch verheerend: „Der Durchschnittsbesucher scheint nach seinem Besuch nur marginal wertschätzender, besser informiert oder interessierter an der Natur zu sein.“ Als Antwort auf Shepards Frage stellt er fest, dass „viele Besucher den Zoo mit einer noch stärkeren Überzeugung von einer Überlegenheit des Menschen gegenüber der Natur verlassen“ (Kellert 1997, 99).

Es gibt mehrere wenig überraschende Gründe für diese negativen Ergebnisse hinsichtlich des pädagogischen Werts von Zoos: Die Öffentlichkeit steht den Bildungsbemühungen von Zoos weitgehend gleichgültig gegenüber (nur wenige bleiben stehen, um sich die Erläuterungstafeln anzusehen, geschweige denn zu lesen); Tiere werden nur kurz und in schneller Abfolge betrachtet; die Menschen konzentrieren sich eher auf die sogenannten Babys und Bettler [A.d.Ü. Jungtiere und Tiere, mit „Unterhaltungswert“] – deren niedliches Aussehen und lustige Possen ziehen die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich (Ludwig 1981). Natürlich ist diese Art der Unterhaltung das Herzstück dessen, was einen Zoo ausmacht (ungeachtet wissenschaftlicher Ideologien der Selbstdarstellung). Folglich und auf tückische Weise vermitteln und verstärken Zoobesuche immer wieder die unterschwellige Botschaft, dass nichtmenschliche Tiere dazu da sind, uns Menschen zu unterhalten. Selbst wenn wir in unseren illusorischen Momenten der Aufgeklärtheit darauf bestehen, dass sie eher zur Bildung da sind – selbst dann ist ihre Präsenz im Wesentlichen immer noch uns zugewiesen oder für uns bestimmt. Somit schließt die phänomenologische Grammatik ihres Erscheinens die Möglichkeit des Aufkommens vollständiger Andersartigkeit aus; dies bedeutet es, einen lebenden Körper zur Schau zu stellen und an der Stelle zu halten (eine strukturelle Inauthentizität, die trotz der besten Absichten menschlich-ökologischer Pädagogik bestehen bleibt).

Wenn dies wiederum zu pornografisch klingt, können wir diese Assoziation vielleicht ausräumen, indem wir die relevante Disanalogie an anderer Stelle entdecken. Zweifellos wird jemand denken, dass die von mir behauptete Ähnlichkeit aufgrund des offensichtlichen Unterschieds in der Anziehungskraft – erotische versus biotische Unterhaltung – weit hergeholt ist. Hier muss ich ein wenig nachgeben, denn es ist nicht der durchschnittliche Zoobesucher, der sich tatsächlich ein Schäferstündchen mit einem Nashorn wünscht. Ich gebe zu, dass Bestialität nicht zum normalen Ablauf eines Zoobesuchs gehört (obwohl sie als indirekter Bestandteil angesehen werden kann, wie in Peter Greenaways Film Z00 aus dem Jahr 1988). Dennoch behaupte ich, dass die Analogie auch hier stark genug ist, um ihre Gültigkeit zu rechtfertigen. Die Ästhetik des Zoos unterscheidet sich meiner Meinung nach nicht wesentlich von der Pornografie. In beiden Fällen finden wir Fetische des Exotischen, eine unterschwellige Angst vor der Natur, Fantasien von verbotenen oder unmöglichen Begegnungen und eine starke Annahme von Herrschaft und Kontrolle (Griffin, 1981). Angesichts dieser Ähnlichkeiten halte ich es keineswegs für abwegig zu behaupten, dass Zoo-Bewohner und Pornodarsteller in dieser Hinsicht Ähnlichkeiten aufweisen – sie sind visuelle Objekte, deren Bedeutung weitgehend durch die Perversionen eines patriarchalischen Blicks geprägt ist (Adams 1994, 23–84, insbesondere 39–54).

An dieser Stelle könnten einige der Ungeduldigen unter uns, die durch die Parallelen verunsichert, wenn nicht gar verstört sind, versucht sein, die Seriosität beider Institutionen auf einen Schlag zu retten, indem sie das zweischneidige Schwert der Freiheit schwingen. Pornografie an sich sei nicht so schlimm, so würde das Argument lauten, da sie von Profis betrieben werde, die sich für diesen Beruf „entschieden“ hätten; und was Zoos angehe, so seien Tiere ohnehin „Instinktwesen“ und daher selbst in freier Wildbahn nie wirklich frei gewesen. Dieses Gegenargument ist jedoch alles andere als überzeugend. Zunächst möchte ich darauf hinweisen, dass viele (wahrscheinlich die meisten, vielleicht sogar alle) derjenigen, die in Pornografie dargestellt werden, kaum behaupten können, sich frei für ihre Objektivierung entschieden zu haben. Darüber hinaus bin ich nicht bereit, den Instinkt zum Imprimatur zoologischer Ausstellungen werden zu lassen. Ich beiße in den sauren Apfel und möchte den Leser daran erinnern, dass einige Wale und andere Primaten offenbar an dem teilhaben, was Philosophen als positive Freiheit (grob gesagt autonome Handlungsfähigkeit) bezeichnen. Ich weiche dem sauren Apfel aus und möchte sagen, dass die meisten (wenn nicht sogar alle) anderen in der freien Natur lebenden Tiere zumindest negativ frei sind, in dem Sinne, dass sie frei sind, ihr Spezies-Sein individuell zu verwirklichen (was viele auch in qualitativer Hinsicht erleben).

Es wird den Befürwortern von Zoos an dieser Stelle nichts nützen, den Schwerpunkt zu verlagern und die Vorzüge einer Erneuerung naturalistischer Architektur zu loben, indem sie behaupten, dass die Tiere in dem schönen neuen Biodom ohne Gitterstäbe praktisch in Freiheit leben. Nein, dieser Schachzug funktioniert nicht – wenn beispielsweise die Größe des Wildgebiets eines Jaguars (25.000 Acres/10.000 ha) größer ist als die Gesamtfläche aller großen Zoos weltweit (Preece und Chamberlain, 1993)! Darüber hinaus gibt es Grund zur Annahme, dass der Anspruch auf Freiheit, mit dem wir uns hier beschäftigen, selbst mit der Struktur des Besitzbewusstseins im Zusammenhang steht. Tatsächlich zeigt die Phänomenologie von Kontrolle, von Hegel bis Sartre, dass die Dialektik der Unterdrückung ein paradoxes Bedürfnis offenbart – nämlich dass der Herr, bewusst oder unbewusst, wünscht, dass der Sklave in und durch die Ausbeutung selbst frei ist.

Es scheint also, dass das, was auf den ersten Blick als abwegig erscheinen mag – die Analogie zwischen Zoos und Pornografie – keineswegs absurd ist, sondern im Gegenteil sehr viele Gründe für ihre Stichhaltigkeit aufweist. Der Leser mag sich nun fragen, worauf das hinauslaufen soll. Schließlich, so könnte man entgegnen, ist diese vergleichende Kritik nur dann erfolgreich, wenn man im Falle der Analogie eine zweifelhafte Haltung moralistischer Prüderie einnimmt. Meine Antwort auf diesen letzten Einwand lautet, dass im Bereich der Erotik plausible Unterscheidungen zwischen der Politik der Erniedrigung und der Ästhetik der Enthüllung getroffen werden können. Eine Möglichkeit, diese Trennung zu verdeutlichen, besteht darin, wie Berger vom Unterschied zwischen Nacktheit und Blöße zu sprechen: „Nackt zu sein [A.d.Ü. im Sinne des engl. ‚naked‘, im Englischen kann man zwischen ‚nakedness‘ und ‚nudity‘ unterscheiden] bedeutet, man selbst zu sein … Nackt zu sein [im Sinne der engl. ‚nude‘] bedeutet, von anderen nackt gesehen zu werden und dennoch nicht als man selbst erkannt zu werden
… Ein nackter Körper muss als Objekt betrachtet werden, um nackt zu sein [ = im Sinne von ‚nude‘] … Nacktheit [‚nakedness‘] offenbart sich … Nacktheit/Blöße [‚nudity‘] wird zur Schau gestellt … Nackt zu sein [‚nakendness‘] bedeutet, ohne Verkleidung zu sein … Nacktheit [ = ‚nudity‘] ist eine Form der Kleidung“ (Berger 1972, 54).

Lassen Sie uns nun den zugrunde liegenden Unterschied neu bewerten, indem wir die Begriffe „gefangen” und „wild” durch „nackt” und „bloß” ersetzen. Die Umwandlung ist nicht nahtlos, aber mit ein wenig interpretatorischer Finesse ist sie aufschlussreich: Wild zu sein bedeutet, man selbst zu sein; gefangen zu sein bedeutet, von anderen als wild angesehen zu werden, aber dennoch nicht als man selbst anerkannt zu werden (warum tanzen die nachtaktiven Tiere nicht tagsüber, wenn wir vorbeikommen?); ein wilder Körper muss als Objekt gesehen werden, um gefangen zu werden; Wildheit offenbart sich (ungeachtet der Tarnung); Gefangenschaft wird zur Schau gestellt; wild zu sein bedeutet, ohne Verkleidung zu sein; Gefangenschaft ist eine Form der Kleidung (Kostüm komplett mit Identitätsplaketten und passenden Zeichen der Unternehmenssponsoren der Ausstellung). Meine Bemerkungen in Klammern sind nicht die einzigen möglichen – mit ein wenig Fantasie kann jeder, der schon einmal im Zoo war, seine eigenen Kommentare hinzufügen.

Zusammenfassend glaube ich, dass die Untersuchung zooskopischer Pornografie besonders hilfreich wäre, um die Entstehung einer allgemein visuellen Kultur kritisch zu verstehen – denn darin verzweigt sich die Politik der Wahrnehmung bis hin zur Naturgeschichte. Michel Foucault hat einmal bemerkt: „Jahrtausendelang blieb der Mensch das, was er für Aristoteles war: ein Lebewesen mit der zusätzlichen Fähigkeit zu politischer Existenz; der moderne Mensch ist ein Lebewesen, dessen Politik seine Existenz als Lebewesen in Frage stellt“ (1980, 143). Vielleicht ist der postmoderne Mensch ein Tier, dessen Wahrnehmungstechniken seine Beziehungen zu anderen Lebewesen fragwürdig machen; vielleicht brauchen wir jetzt eine Genealogie des „Zooptikons“. Wie dem auch sei, bevor ich zum Schluss komme, möchte ich Missverständnisse meiner zentralen Analogie vermeiden, und klarstellen, dass ich die Beschäftigung mit „Wildtieren“, ob biotisch oder erotisch, nicht ausschließe. Im ersten Fall glaube ich, dass es eine authentische Begegnung mit Tieren gibt, nach der wir ein biophiles Bedürfnis haben.

Die Beliebtheit von Zoos übertrifft sogar die von Profisportligen bei weitem; allein in den Vereinigten Staaten ziehen sie jährlich 135 Millionen Menschen an (Kellert 1997, 98). Es ist wahrscheinlich, dass die Werbemaßnahmen für Naturschutz, Forschung und Bildung weder notwendige noch ausreichende Bedingungen für die Existenz von Zoos darstellen. Was wir allzu leichtfertig als „Unterhaltung” bezeichnen, ist wahrscheinlich sowohl notwendig als auch ausreichend, und daher sollten wir dieses letztere Motiv neu definieren und weiter erforschen. Wenn etwas wie das, was E. O. Wilson (1984) als Biophilie beschreibt, hinter unserer Ausstellung anderer Organismen steckt, dann schlage ich vor, dass es unsere Aufgabe ist, Wege zu entwickeln, um diesen biophilen Antrieb und die damit verknüpfte Verbundenheit mit Tieren, auf eine Weise zu fördern, die über das hinausgeht und besser ist als das, was Zoos tun oder tun können.

Für manche mag es so klingen, als würde ich die Tür zu einer möglichen Verbesserung der Zoos vorschnell schließen zu wollen. Tatsächlich hat ein Beobachter bereits eine Reihe interessanter pädagogischer Reformen für diese Einrichtungen vorgeschlagen. Scott Montgomery sieht den Zoo als einen Ort, an dem man die Domestizierung von Tieren studieren, über die gängigen Vorstellungen von Animalität nachdenken, die Kulturgeschichte des Zoos selbst untersuchen und die Idee des Naturbegriffs hinterfragen kann (Montgomery 1995, 576ff.). Das sind anspruchsvolle Ziele, von denen einige im Widerspruch zur Unterhaltungsdynamik des Zoos als solchem stehen. Die tatsächliche Bildungsreform im Zoo ist bescheidener, aber dennoch interessant als mutmaßlicher Katalysator für die Neugierde der Schüler (Sunday Morning, 1998). Meiner Meinung nach würde eine echte Transformation – eine, die die Trivialität und Stereotypisierung von beispielsweise Animal Planet im Fernsehen und Disney‘s Animal Kingdom einschränkt – den Zoo so radikal verändern, dass ein anderer Name für die Anlage erforderlich wäre.

Wie könnten solche Veränderungen aussehen? Ein erster Schritt könnte darin bestehen, den Zoo von seinem Exotismus zu befreien. Das Belize Tropical Education Center beispielsweise hält nur einheimische Tiere und dann in der Regel nur solche, die verletzt oder verwaist sind (Coc et al. 1998, 389f.). Ein zweiter Schritt könnte darin bestehen, den Gedanken und die Praxis der Haltung selbst einzuschränken oder ganz aufzugeben. In Victoria beispielsweise, am südöstlichen Rand des australischen Festlands, habe ich einen Ort gesehen, der zum Schutz und zur Beobachtung von Zwergpinguinen [Eudyptula minor] eingerichtet wurde, der deren Zugang sowohl zum Meer als auch zu ihren üblichen Schlafhöhlen erhält. Meiner Meinung nach ist – unabhängig davon, was man sonst über einen solchen Ökotourismus sagen mag – einer seiner wichtigsten Vorzüge, dass er es den Tieren selbst überlässt, ob sie Kontakt zu menschlichen Besuchern aufnehmen oder diesen abbrechen. Es ist die Einhaltung dieser grundlegenden Art der „Etikette“, auf die Weston (1994) mehrfach Bezug nimmt, die sich deutlich von dem oben von mir kritisierten Muster der Pornografie unterscheidet.

Danksagungen

Ich bin dankbar für die nachdenklichen und konstruktiven Kommentare eines anonymen Rezensenten. Auch möchte ich mich für die hilfreichen Beiträge von Christa Davis Acampora und Fred Mills, sowie für die Unterstützung von Bruce Wilshire bedanken. Und schließlich bin ich Linda Kalof für ihre redaktionelle Ermutigung zur Überarbeitung zu Dank verpflichtet.

Quellenangaben

Adams, C. 1994. Neither Man nor Beast: Feminism and the Defense of Animals. New York: Continuum.
Berger, J. 1972. Ways of Seeing. London: BBC/Penguin.
Berger, J. 1977. „Why Look at Animals?“ In J. Berger (Hg.), About Looking, 1–26. New York: Pantheon, 1980.
Coc, R., L. Marsh und E. Platt. 1998. „The Belize Zoo: Grassroots Efforts in Education and Outreach.“ In R. B. Primack et al. (Hg.), Timber, Tourists, and Temples: Conservation and Development in the Maya Forest of Belize, Guatemala, and Mexico, 389–395. Washington, D.C.: Island Press.
Foucault, M. 1980. The History of Sexuality, Volume I: An Introduction. R. Hurley (Übers.). New York: Random/Vintage.
Greenaway, P. A., Regie. 1988. Zoo: A Zed and Two Noughts. Beverly Hills: Pacific Arts Video.
Griffin, S. 1981. Pornography and Silence: Culture’s Revenge Against Nature. New York: Harper & Row.
Hahn, E. 1967. Animal Gardens. Garden City: Doubleday.
Kappeler, S. 1986. The Pornography of Representation. Minneapolis: University of Minnesota Press.
Kellert, S. 1979. „Zoological Parks in American Society.“ Vortrag auf der Tagung der American Association of Zoological Parks and Aquaria.
Kellert, S. 1997. Kinship to Mastery: Biophilia in Human Evolution and Development. Washington, D.C.: Island Press.
Ludwig, E. G. 1981. „Study of Buffalo Zoo.“ In M. Fox (Hg.), International Journal for the Study of Animal Problems. Washington, D.C.: Institute for the Study of Animal Problems.
Montgomery, S. L. 1995. „The Zoo: Theatre of the Animals.“ Science as Culture 21: 565–602.
Mullan, B. und G. Marvin. 1987. Zoo Culture. London: Weidenfeld and Nicolson.
Preece, R. und L. Chamberlain. 1993. Animal Welfare and Human Values. Waterloo, Ontario: Wilfrid Laurier University Press.
Schwartz, H. 1996. The Culture of the Copy: Striking Likenesses, Unreasonable Facsimiles. New York: Zone.
Shepard, P. 1996. The Others: How Animals Made Us Human. Washington, D.C.: Island Press.
Sunday Morning. 12. April 1998. Fernsehsendung auf CBS, Segment über „Zoo Schools“ in Lincoln (Nebraska), Minnesota u. a.
Weston, A. 1994. Back to Nature: Tomorrow’s Environmentalism. Philadelphia: Temple University Press.
Wilson, E. O. 1984. Biophilia. Cambridge: Harvard University Press.

Der Autor:

Ralph R. Acampora ist associate professor für Philosophie an der Hofstra University, New York (USA), wo er das Programm für Critical Animal Studies gegründet hat und leitet. Er ist Autor von „Corporal Compassion: Animal Ethics and Philosophy of Body” (2006), Herausgeber von „Metamorphoses of the Zoo: Animal Encounter After Noah” (2010) und Mitherausgeber von „A Nietzschean Bestiary: Becoming Animal Beyond Docile and Brutal” (2003). Acampora war Mitherausgeber der Zeitschrift ‚Humanimalia‘ und ist Rezensionsredakteur der Zeitschrift ‚Society & Animals‘. Er engagiert sich in verschiedenen Bereichen im Tierschutz und in Tierrechten und hat in der Humane Education, sowie als urban park ranger in New York City in der pädagogischen Arbeit für den Umweltschutz gearbeitet.

Anmerkung zur Übersetzung:

Aus Gründen meiner Haltung zu übersetzungstechnischer Plausibilität, hätte ich zu: „Auslöschung durch das Exponieren: Ein Blick auf und in den Zoo“ tendiert, aber den Freiraum übersetzerischer Möglichkeiten nutzend, gebe ich dem Wunsch des Autoren nach, welcher nun die Fassung präferierte, die wir schlussendlich gewählt haben und die tatsächlich prägnanter zu sein scheint und dem Original so hoffentlich näher kommt.

Das immer wieder umstrittene Thema der Legitimität von Analogieschlüssen und Brückenbildungen in der Auseinandersetzung ausgehend von ‚intramenschlichen Erfahrungen‘ und Schilderungen von Unterdrückung und derjenigen Fragen, die sich mit den Analogismen aufwerfen, greifen wir in unserer Tierrechtsarbeit immer wieder auf. Es gibt vermutlich keine finale, für alle Seiten befriedigende Antwort, ob und wie Analogien einen vermeintlich „sicheren“ Boden der Argumentation bieten – nicht wegen ihrer eigentlichen Legitimität, sondern vielmehr, weil Grenzen rund um Sachverhalte und Verhältnismäßigkeit uneinheitliches Gebiet darstellen und die arbiträren Grenzen in Arten ethischer Gewichtung wiederum hart umkämpft werden.

Genau der Aspekt der Gangbarkeit und Handhabe in Sachen Analogien, ist in dem Artikel in einer sehr differenzierten Weise ausgearbeitet. Wir sehen das Aufzeigen der Möglichkeiten, sich über Vergleiche an Problematiken, denen wir in Tierrechtsfragen begegnen, heranzuarbeiten, um zu eigenständigen Lösungen zu gelangen.

Dies bildete einen Grund, weshalb uns die Übertragung dieses Textes für unser Projekt als sehr hilfreich erschien. In Sachen > Zoos und Tierrechte ist es unumgänglich Wege und Perspektiven der Annäherungsweise überhaupt zu entwickeln. Prof. Ralph Acampora ist auf diesem Gebiet ein Pionier in der US-amerikanischen Tierrechtsbewegung.

Tierautonomie
Publisher: www.simorgh.de – ‘Society, conflict and the anthropogenic dilemma’. This reader is published by the Edition Farangis in context with the memorial fund dedicated to the work of Dr. phil. Miriam Y. Arani.

Citation
Acampora, R. R. (2025). Auslöschung durch Ausstellung: Ein Blick auf und in den Zoo. TIERAUTONOMIE, 11 (2). http://simorgh.de/tierautonomie/JG11_2025_2.pdf

TIERAUTONOMIE (ISSN 2363-6513)

We, the Gruppe Messel, are a multispecies network dedicated to > Eurohippus messelensis and the world heritage known as the Messel Formation > and with it: today’s work in Animal Rights!

© Tierrechte Messel, Edition Farangis, Usingen / Taunus, 2025

Leichenschmaus

Wurstmensch, Kampfhasen und sie begleitende schützende Skeletthexen, bei denen man nicht richtig erkennen kann, wenn man ihre Intention und Funktion nicht kennt. Im Märchenwald.

Entwurf 13.10.25

Speziesismus und Geschichte der Degradierungs- und Einverleibungssprache

Es gibt Gründe für und wider: Pflanzliche Lebensmittel mit Namen, die die nekrophil-speziesistische Welt nutzt, für ihren Leichenschmaus.

Vielleicht bagatellisiert man hier sogar Speziesismus, indem man speziesistische Sprache nicht als solche betrachtet. Zudem ist eine eigenständige pazifistische Lebens- inkl. Ernährungsweise etwas, die auf sehr klaren und soliden Füßen stehen kann und dadurch gewinnt. Als könne man auf unschöne Bezeichnungen für Gutes nicht verzichten, beschwert sich eine Menge von Leuten, die vermutlich gehofft hatten, dass Veganismus problemloser im System normalisiert wird.

Man sollte sich mal anschauen, welche Bedeutung speziesistische Terminologien in der Objektifizierung von Tieren einnehmen. Ein Thema, mit dem wir uns befassen und über das wir in diesem Zusammenhang hier nochmal schreiben werden. Nichtleichenteile sollte man nicht nach Leichenteilnahrungsbezeichnungen nennen wollen, sollen, müssen? Warum kann man pflanzliche Nahrung nicht mit passenden Bezeichnungen versehen, die man eben noch prägen kann. Der Schritt, Sprache von Speziesismen zu befreien, kann auch auf die Art und Weise angegangen werden, dass man Bezeichnungen bewusst antispeziesistisch wählt, d.h., dass man die Historie des Merkmals >  ‘Objektifizierung durch Umwandlung in Ware’, auf dem Schirm haben sollte.

Die Umwandlung zur essbaren und nutzbaren Ware, im Zuge definitorischer Objektifizierungen von Tieren, bildet ein Alleinstellungsmerkmal vom Speziesismus, vergleichsweise zu den intramenschlichen Diskriminierungsformen, die sich eher in kontraktualistischen Rahmen bewegen (…).

Die Rhetorik eines “Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei” ist nicht vergessen und wird weiter gefeiert, die Logik der Alternative und des “Ersatzes” geht nur den halben Schritt und lässt sich von Mehrheitsmeinungen vor sich her treiben.

Der Drang, pflanzliche oder leichenfreie Nahrung nach Tierkörperteilen zu benennen (“vegane Wurst”, “pflanzliches Steak”, “Hähnchenersatz”) zeigt, wie sehr die Sprache noch im Fleisch-Denken steckt und wie wenig wir uns mit der Rolle von speziesistischer Normalisierung dieser Art der Nekrophilie als “kulinarischem Kulturgut” befassen.

Wenn man etwas “Wurst” nennt, auch wenn keine Tierleichenteile mehr darin vorkommen, dann bleibt man semantisch im Leichenteiluniversum. Man versucht, die “Normalität” des alten Kanons durch Nachahmung zu retten. Oder meint ein altes Übel ist damit ja abgeschafft, indem man die Begriffe neu besetzt: Aber, die Menschen, die weiter Tiermord normalisieren, werden sich auf diese Logik nicht einlassen, nicht ernsthaft, solange die Gesellschaft so funktioniert, wie sie das aktuell noch tut.

Zudem, wieso sollte man überhaupt versuchen speziesistisches Tätertum zu “gewinnen” oder “zu überzeugen”? Wie identifiziert Ihr den Speziesismus, dass Ihr meint ein Mindset, das so orientiert ist, wie das eines Speziesisten, sei durch ein wenig Dialektik zum Veganismus bekehrbar – nicht nur dazu, dass er seinen Bratling dann essen würde, sondern, dass er damit auch gegen die Jagd ist, gegen Tierversuche, gegen Speziesismus im Kulturbetrieb und alles, was seine vermeintliche menschliche Überlegenheit seiner Meinung nach untermauert?

Es bleibt dann beim Bratling oder der Wurst, weil das Gegenüber weiß, wie sehr seine geistige Heimat unhinterfragtes Maß aller Dinge bleiben kann – mit seiner Verfleischung der ganzen Welt.

Es ist keine sprachliche Nebensache, sondern eine Form kultureller Gefangenschaft, in die sich diejenigen begeben, die ihren Schritt, den sie tun, oder eben ihre Lebenspraxis, nicht mit eigenem Stolz und eigenen Vokabular bekleiden können oder wollen. Man könnte sagen: Der Promoter der “veganen Wurst” will die Welt verändern, ohne das Vokabular der Schlachtung aufzugeben. Dabei wäre es viel sinnvoller, neue, eigene Bezeichnungen zu prägen, die nicht mehr eine Geschichte > der extremsten Form von Entwürdigung getöteter Körper > effektive verharmlosen und meinen neutralisieren zu können, sondern stattdessen eigene ästhetische, sensorische, ökologische, soziale Bedeutungsfelder zu öffnen, in dem Bewusstsein über das, was man hier sprachlich vollzieht; Sprache, die ganz genau diese Differenz klar macht und die damit eine neue Kultur fördert und zugleich an wichtige, spannende gute alte kulturelle Traditionen pflanzlich-pazifistischer Ernährung anknüpft.

Das Pflanzenessen als parallele menschliche Kulturgeschichte verstehen. Tofu, Falafel, getrocknete Pflanzen und Pflanzenteile, Fermentation, usw. Klassiker pflanzlicher Ernährung, unbekannte Lebensweisen und Geschichten, Hortikultur:

Warum nicht Wörter, die von Textur, Farbe, Herkunft, Zubereitungsweise, Pflanzencharakter, Geschmack oder Empfindung ausgehen – nicht von der “Fleischform”, die man ersetzen will?

Beispielhaft:
• statt Schnitzel → Blattling, Knuschel, Bratflor
• statt Hack → Körnling, Würzstück, Mahlgrund
• statt Milch → Haferquell, Korntrank, Nusszieher
(also poetische, offene Wortfelder statt Ersatzbezeichnungen)

Das Problem ist zum einen: Die Industrie denkt zum Teil in Marketingmimikry, nicht so sehr in kultureller Sprachneuschöpfung. Sie will an das Bekannte andocken, statt eine andere Welt benennbar zu machen. Wenn man Sprache ernst nimmt, müsste man sagen: Eine nicht-tierliche Ernährung braucht nicht Ersatznamen, sondern neue Metaphernräume.

Und, was die Seite der Nachfrage anbetrifft: Tierleichenteileersatz … ist das, was man schafft durchzusetzen als ethisch denkender Mensch???

Aber genau da liegt eben noch so ein Problemchen. In dieser Ausgangslage hat die ganz gescheite Welt derer, die meinen von langer Hand her die Wirtschaft zu ihren Gunsten stabil halten zu müssen, usw. schon längt ihre “bessere Idee” entwickelt:

New Meat. Neuer Wein nicht nur in alte Schläuche, sondern verpanschten Wein in die alten Schläuche hinein …

“New Meat” klingt nach Zukunft, nach Lösung, nach Erlösung vom Töten. Doch wer verkauft es? Dieselben Firmen, die weiterhin die industriell oder von Hand durch Menschen geopferte Tierleichen in Stücke teilen. Sie stehen mit einem Fuß auf der Mordparty und stoßen fröhlich mit der rettenden Lösung im Raum an. Die Idee, dass das neue Fleisch einfach das alte ablösen könne – glatt, geschmacklich kompatibel, ohne moralische Reibung – ist die Lüge, mit der man die Revolution in ein Geschäftsmodell verwandelt. Alle neuen “Ersatzproduktmärkte und -Modelle” sind zu analysieren. Hier meine ich aber gerade den Markt, der typische pflanzliche “Ersatzprodukte” vermarken will.

Das, was eine Abkehr vom Nekrophilen sein könnte, wird zur Fortsetzung des Alten unter nachhaltigem Etikett. “New Meat” ist nicht neu. Es ist das alte System in Designerfolie: ein synthetischer Ablasshandel, bei dem Schuld in Innovation umbenannt wird. So kann man gleichzeitig Mörder und Retter sein,
Konsument und Kritiker, Täter und Therapeut seiner selbst. Der Blick auf die Wirtschaft als Ort, der im War on Animals seine Rolle einnimmt, ist hier der springende Punkt.

Wenn aber die Produkte nicht mehr Ersatzleichen sein wollen, die man neben den echten Leichenteilen auf den Grill legt, dann müssen ihre Esser in der Lage sein sich sprachlich und ästhetisch zu  emanzipieren: von der ganzen Geschichte systemischer speziesistischer Nekrophilie.

Dann erst beginnt das Eigene und damit auch die Ernährung, die dadurch, dass sie ohne Opfer funktioniert, eine alte neue Sinnlichkeit, eine verbundene Gesundheit und eine Verantwortung mit der Mitwelt entwickelt. Eine nichttierleichliche Kultur wird sich kaum mit den Resten des ewigen Übels eines Lebens auf einer Grundlage von Opferungen für den eigenen Zweck begnügen. Sie wird die Selbsterhaltung wieder denken, statt Welt zu konsumieren.

Icons of Filth – Show us you care. Tierrechte, Punk und Antivivisektion: Anarchopunk (4)

Punk und Tierrechte > Icons of Filth

From their album: Onward Christian Soldiers, 1984 > https://www.discogs.com/de/master/217427-Icons-Of-Filth-Onward-Christian-Soldiers

Show us you care (Übersetzung weiter unten)

I’m over here in the cage
Take a real good look at my face
I smoked twenty fags today
The pain from the experiment has gone away…
But it’ll be back soon & I hope I don’t live through it
I hope I’ll die
Breathe my last breath
A way out of a fate worse than death
My pain to ease yours
It’s a raw deal my rights for your ignorance greed and vanity
But I forgot, curiosity rules
I mean nothing and you just couldn’t care
But you don’t bloody care & it just ain’t fair that I’ve got screws in my
Head
Or if I wind up dead
Or if I look pathetic
Or if I’ll get an anesthetic
Or if I meow or scream for your cosmetic cream
Or if they swap my heart
Or if I’m torn apart
They torment my brain again and again
Or if they swell up my eyes or increase my size
Or if I’m strapped and trapped to a table or chair
C’mon admit it you just don’t care
If they rip me open and just start poking around
For a remedy to an illness which doesn’t exist
Or if they start again for something they’ve missed
I must have rights and I want my share
But if only, if only you’d show us you care
You know I’ve rights & I want my share
But if only, if only you’d show us you care
’Cos you can’t understand my voice
Somehow it always leaves me no choice
I can’t expect you to voice my rights
When you don’t even voice your own
Because of your ignorance I guess we’ll always pay
We fellow beings just hope you’ll realise on day
That we’ve got lots in common
One is that were both downtrodden by the people
Who’ve got big plans for this nation
You see they even test animals with chemical warfare
Weapons effects & riot control agents & radiation & whilst you’re ignoring
There’s a big bang coming
Maybe you owe it to yourselves to show us you care
So come on and free us
Free us….. I dare

Death is the only release

Bodies clamped firmly in position
Ripped open
Animal fission
Taken beyond the pain barrier and back again
Death is the only release
Liberation please

Zeig uns, dass es Dir etwas bedeutet

Ich bin hier drüben im Käfig
Seht euch mein Gesicht gut an
Ich habe heute zwanzig Zigaretten geraucht
Der Schmerz von dem Experiment ist nun verschwunden …
Aber er wird bald zurück sein und ich hoffe, ich überlebe dies nicht
Ich hoffe, ich werde sterben
Ich hauche meinen letzten Atemzug
Ein Ausweg aus einem Schicksal, schlimmer als der Tod
Mein Schmerz, um deinen zu lindern
Es ist ein brutales Geschäft meine Rechte, für deine Ignoranz, deine Gier und Eitelkeit
Aber ich vergaß, die Neugierde hat das Vorrecht
Ich bedeute nichts und es ist dir egal
Ja es ist dir verdammt egal und das ist einfach nicht fair, dass ich Schrauben in meinem
Kopf habe
Oder wenn ich sterbe
Oder wenn ich erbärmlich aussehe
Oder ob ich eine Narkose erhalte
Oder wenn ich miaue oder wegen deiner Kosmetikcreme schreie
Oder wenn sie mein Herz austauschen
Oder wenn ich zerrissen werde
Sie quälen mein Gehirn, wieder und wieder
Oder wenn sie meine Augen anschwellen lassen oder meine Größe vergrößern
Oder wenn ich an einen Tisch oder Stuhl geschnallt und gefesselt bin
Gib es doch zu, es ist dir einfach egal
Wenn sie mich aufreißen und einfach anfangen, in mir herumzustochern
Wegen eines Mittels gegen eine Krankheit, die nicht existiert
Oder wenn sie nach etwas suchen, das sie übersehen haben könnten
Ich muss Rechte haben, und ich will mein Anerecht
Wenn du doch nur, wenn du doch nur zeigen würdest, dass es Dir etwas bedeutet
Du weißt, ich habe Rechte und ich will mein Anrecht
Wenn du doch nur, wenn du doch nur zeigen würdest, dass es Dir etwas bedeutet
Weil Du meine Stimme nicht verstehst
habe ich immer keine Wahl
Ich kann nicht erwarten, dass du meine Rechte vertrittst
Wo du nicht mal deine eigenen artikulierst
Wegen Deine Ignoranz werden wir wohl immer zu zahlen haben
Wir Mitlebewesen hoffen nur, dass Du eines Tages begreift
Dass wir so viele Gemeinsamkeiten haben
Eine ist, dass wir beide von den Leuten unterdrückt wurden
Die große Pläne für diese Nation haben
Siehst du, sie testen sogar die chemische Kriegsführung an Tieren
Waffeneffekte, Aufruhrbekämpfungsmittel und Strahlung. Und während du das alles ignorierst
gibt es den großen Knall
Vielleicht seid ihr es euch selbst schuldig, uns zu zeigen, dass es euch schert
Also kommt, befreit uns
Befreit uns … Ich wage es

Der Tod ist die einzige Erlösung

Körper fest in eine Position gezwängt
Aufgerissen
Tierzersetzung
Jenseits der Schmerzgrenze und wieder zurück
Der Tod ist die einzige Erlösung
Befreiung, bitte

 

 

Reduktion durch ein Konzept

Das Konzept “Spezies”, der Art also, ist äußerst reduktiv. Man fokussiert unter bestimmten Gesichtspunkten auf bestimmte Gesichtspunkte. Dabei könnte man viel umspannendere Überlegungen zur Auseinandersetzung mit nichtmenschlichen Tieren anstellen, die weitaus komplexer wären.

Gruppe Messel Tiersoziologie

The concept of “species” is extremely reductive. It focuses on certain aspects from certain points of view. However, one could make much more comprehensive considerations in regard to non-human animals, which would be far more complex.

Animal Sociology Group Messel

El concepto de «especie» es extremadamente reductivo. Se centra en ciertos aspectos desde ciertos puntos de vista. Sin embargo, se podrían hacer consideraciones mucho más comprensivas con respecto a los animales no humanos, lo que sería mucho más complexo.

Sociología animal, Gruppe Messel

Le concept d'”espèce”, de spécimen donc, est extrêmement réducteur. On se focalise sur certains points de vue, sur des aspects particuliers. On peut pourtant mener des réflexions beaucoup plus vastes et complexes sur la réflexion sur les animaux non humains.

Sociologie animale, Gruppe Messel

Sensibilisieren Gewaltzeugnisse und Textlyrik im Tierrechtsarchiv: Anarchopunk (3)

Sensibilisieren Gewaltzeugnisse?: In welchen Kontexten ja und in welchen Kontexten fehlt der ethische Unterbau.

Gerade in diesem Punkt konnten kreative Aufarbeitungen und Botschaften gesellschaftskritischer Haltungen hilfreich sein. In Tierrechtspunk – Tracks wurden Situationen angerissen, aus eigener Sicht geschildert, umschrieben und im Ton der kritischen Meinung der gesellschaftlichen Normalität entgegengestellt.

Beispiel: Meat Means Murder von Conflict > Text mit Übersetzung, siehe weiter unten.

Ein wichtiger schwieriger Diskussionspunkt >

sensibilisieren Gewaltzeugnisse?

Fragen, die sich dazu aufwerfen:

Overall, all the images of animals (in this case) being displayed by groups, in situations of torture and suffering – at the point when you realize that the recipients of your educational message are either consciously unresponsive or even enjoying a specific destructive form of supremacy over animals, should you keep displaying the animals in the total oppression, or should you start to rather talk about what’s morally lacking and deficient in the ignorant recipients? – wir schnitten die Frage/n in “Footage or AR Snuff” an > https://www.simorgh.de/philozoe/deep_veganism/footage_or_snuff.htm

“Alles in allem, all die Bilder von Tieren (in diesem Fall), die von Gruppen in Situationen der Folter und des Leidens gezeigt werden – an dem Punkt, an dem Sie erkennen, dass die Empfänger Ihrer erzieherischen Botschaft entweder bewusst nicht reagieren oder sogar eine bestimmte destruktive Form der Vorherrschaft über Tiere genießen, sollten Sie die Tiere in der totalen Unterdrückung weiter zeigen, oder sollten Sie eher anfangen, darüber zu sprechen, was bei den unwissenden Empfängern moralisch fehlt und mangelhaft ist?”

Andere Stimmen:

“Da zahlreiche unkritische Menschen Führungspositionen in den Bewegungen einnehmen, verlässt man sich auf sehr einfache, an der Oberfläche verharrende Taktiken um Menschen zu einem politischen Lebensstil hingehend zu „schocken“. Daher hat der Veganismus auch einen entsprechend schlechten Namen erhalten … er bleibt an der Oberfläche und ist sensationalistisch. Bildlichkeit kann funktionieren, insbesondere wenn sie an ein neues Rahmenwerk gebunden wird … aber die Schaffung neuer konzeptueller Rahmenwerke ist generell genau der Teil, der übersehen wird.

Taktiken die primär Bilder nutzen, erinnern mich an so manche Feminist_innen, die sich auf eine sexualisierte Bildmetaphorik, in der Frauen dargestellt werden, stützen, um Menschen dahingehend zu schockieren, damit sie beginnen sich gegen Sexismus einzusetzen … es ist so … wenn du Menschen kein neues Rahmenwerk bietest, mit dem sie problematische Verhaltensweisen begreifen lernen können, dann ist alles was sie da sehen, einfach noch mehr Bebilderung von jeweiligen Objekten die hier objektifiziert werden.

Ich will damit nicht sagen, dass Leute ihr Verhalten nicht ändern könnten, wenn sie solche Bilder gesehen hätten; was ich sagen möchte ist, dass ich nicht gezwungenermaßen davon ausgehe, dass dadurch ein langfristiger Wechsel stattfinden wird. In unseren Bewegungen konzentrieren wir uns zu sehr auf die Opfer, ohne dabei zu verstehen, weshalb diese Körper eingangs überhaupt zu Opfern geworden sind. Sie sind schließlich nicht über Nacht zu Opfern geworden und wir müssen ebenso konzeptuell arbeiten um dieses Problem zu lösen. Viele Leute begreifen nicht, dass das Denken tatsächlich einen Teil unseres Aktivismus ausmachen sollte. Das Denken wurde schon viel zu lange von der akademischen Welt vereinnahmt und so meinen wir, dass wir Theorie und Gedankenentwicklung eben ‚diesen’ elitistischen Menschen überlassen sollten … wenn genau aber dies doch einen Teil der öffentlichen Domäne ausmachen sollte.”

Aph Ko im Interview mit Mark Hawthorne > https://simorgh.de/about/mark-hawthorne-interviewt-aph-ko/

Conflict – Meat Means Murder. Übersetzung weiter unten.

(First release: Album: It’s time to see who’s who, 1983 ; https://www.discogs.com/release/367062-Conflict-Its-Time-To-See-Whos-Who )

The factory is churning out all processed packed and neat,
An obscure butchered substance and the label reads MEAT,
Hidden behind false names such as Pork, Ham, Veal, and Beef,
An eyes an eye, a life’s a life, the now Forgotten belief,
And everyday production lines are feeding out this farce,
To end up on a table, then shot out of an arse
Yet still they’r queuing and still they’r viewing,
Sawing out limbs just right for stewing,
Carcasses piled up in a heap,
Sort juicy chunks from freezers deep,
Well can’t you see that juice is blood,
From newborn throats red rivers flood,
Blood form young hearts, blood from the veins,
Your blood their blood serves the same

Now you’re at the table, sitting, grinning.
Sitting there eating you never realize the filling.
It’s served upon a sterile plate you don’t think of killing,
The furthest your brain takes you, is it for frying or for grilling?
You moan about the seal cull, about the whale slaughter,
But does it really matter whether it lives on land or water?
You’ve never had a fur coat, you think is crule to the mink,
Well How about the cow, pig or sheep don’t they make you think?
Since the day that you were born you’ve never been told the missing link,
Yet still there queuing and still there viewing,
Sawing out limbs just right for stewing,
Carcasses piled up in a heap,
Sort juicy chunks from freezers deep,
Well can’t you see the juice is blood,
From newborn throats red rivers flood,
YOUR BLOOD, THERE BLOOD, serves the same.

Conflict – Fleisch bedeutet Mord

Die Fabrik stößt alles aus, verarbeitet und feinsäuberlich verpackt,
Eine obskure, gemordete Substanz auf deren Etikett FLEISCH steht,
Hinter falschen Bezeichnungen wie Schwein, Schinken, Kalb und Rind,
Ein Auge ist ein Auge, ein Leben ein Leben, ein nun vergessenes Wissen,
Und täglich wird diese Farce weiter am Fließband generiert,
Um auf einem Tisch zu landen und dann aus einem Arsch herausgeschissen zu werden,
Und weiter stehen sie Schlange und weiterhin schauen sie,
Gliedmaßen aussortierend, die sich eignen zum Schmoren,
Kadaver zu Haufen aufgetürmt,
Sortiert man die saftigen Stücke aus dem Tiefkühler,
Doch seht ihr nicht, der Saft ist Blut?
Aus neugeborenen Kehlen fließen die roten Flüsse,
Blut aus den jungen Herzen, Blut aus ihren Adern,
Euer Blut oder ihr Blut, dient dem Gleichen.

Jetzt sitzt du hier am Tisch und grinst.
Sitzt da und isst, und denkst nie über deine Speisen nach,
Alles auf sterilen Tellern serviert, denkst du dabei nicht ans Töten,
Der weiteste Gang, den dein Gehirn gehen mag ist, ob das hier zum Braten oder zum Grillen geeignet ist
Du beklagst das Robbensterben, das Abschlachten der Wale,
Aber spielt es wirklich eine Rolle, ob ein Tier am Land oder im Wasser lebt?
Du hattest noch nie einen Pelzmantel, du denkst, das ist grausam gegenüber dem Nerz,
Aber was ist mit der Kuh, dem Schwein, dem Schaf, geben die Tiere dir nicht zu denken?
Seit dem Tag, an dem du geboren wurdest, hat man mit dir nie über den fehlenden Verbindungspunkt gesprochen,
Doch du stehst immer noch in der Schlange und schaust dir alles an,
Sortierst die Gliedmaßen, die gerade richtig sind zum Schmoren,
Kadaver gestapelt in einem Haufen,
Sortierst du die saftigen Stücke aus dem Tiefkühler,
Doch siehst du nicht, dass dieser Saft Blut ist?
Aus jungen Kehlen fließen die roten Flüsse,
DEIN BLUT, IHR BLUT, dient Demselben.

rev. 16.07.25

Nur Mut

Nur Mut

Unsichtbare Tiere, Tierobjektifizierung und der Begriff des “abwesenden Referenten” … wäre was für eine Einführung für hartgesottene Tierschützer, denen Tierrechte noch nicht plausibel erscheinen wollen, und die daher zum Teil des Problems werden können, weil zu antiprogressiv.

Zu wenig Vertrauen, aber aus privilegierter Position heraus, in Homo sapiens, als vernunftbegabte Wesen? Über alles können sie reden, nur die verschiedenen Stränge im Interesse der Tiere – die missing links – werden nicht mal offen zusammengeführt. Wo ein Wille wäre, wäre ein Weg. Innerhalb der Tierschutzszene sollten Tierrechtsorientierte nicht alleine dastehen müssen, zudem; das wäre das sich anschließende chapter. Wir erleben gegenwärtig eine Spaltung diesbezüglich unter Aktiven, die auch offen wahrgenommen werden muss.

Eine Bewegung sperrt sich der nächsten, in Sachen Progressivität. Da braucht man kein Infighting mehr. Und wie immer: wer wartet, dass die vermeintlichen “Bildungs-Eliten” da erst mit irgendwelchem Überwissen die Menschheit bekehren oder “eines besseren Belehren”, der unterstützt nicht mehr als einem antidemokratischen nicht-partizipativen Diskurs, der in dieser Sache “von unten”, sprich “von überall”, kommen muss. Weder Menschenrechtsbelange noch Tierrechtsbelange können jemals Nischenthemen oder “Experten”-abhängige Themen sein. Wer Demokratie und Gesellschaft ohne Hierarchien will, der soll sie auch machen.

Nur Mut.

 

Die Verbindung zwischen Tierrechten und Umweltschutz

Die Beziehung von Tierrechten und Umweltschutz / Mitweltschutz ist kein Nischen-Illusionsreich, sondern der konfliktträchtigste Ort, an dem man sich als ‚zur Gattung Homo sapiens Zählender‘ politisch überhaupt bewegen kann. „Der Mensch“ steht in seiner geschlossenen Mehrzahl aktuell den Themen > Tierrechte und Umweltrechte, in deren Kombination und wechselseitiger Relevanz, als effektiv feindlich gesinnter Ignoramus entgegen.

nichtbiologistische Tiersoziologie, Gruppe Messel

Aus unserem Visual Opinions Workshop > https://tierrechtsethik.de/die-verbindung-zwischen-tierrechten-und-umweltschutz/

Von den speziesismuskompatiblen Veganern wegkommen

Verschiedene Ausgangspunkte – divergierende Zielsetzungen – Diskrepanzen zwischen Mainstreamdynamiken und minderheitlichen Kontinuitäten …

Idealerweise sollten ‘den-Veganismus-bewerbende-Menschen’ keine fleischproduzierenden tiermordenden Industrien u. Betriebe in direkter, bewusster Weise unterstützen und dabei noch behaupten ethisch unterwegs zu sein.

Auch sollte sich der vermeintliche vegane Mainstream fragen, wen er mit seiner konsumismusfokussierten Message eigentlich erreichen will und was er damit genau bewirken will: Wenn so stark auf Kaufkraft als Ausdruck veganen Handelns gesetzt wird, hänge ich all die Leute ab, die über wenig Kaufkraft verfügen. Auch vermittle ich weitere gleichermaßen wenig hilfreiche Aussagen, wie die, dass Veränderung vor allen Dingen von der kaufkraftstarken Klientel in unseren Gesellschaften ausgehen würde.

Diese Tendenzen im Veganismus haben uns bereits vor Jahren dazu veranlasst, das Label primär ausschließlich zur Beschreibung einer ethischen Lebenspraxis zu verwenden, aber nicht mehr um die eigentlichen Ziele des Weges damit zu versuchen zu umschreiben.

Vegansein sagt nicht ausreichend viel über Dinge aus, die im Zusammenhang mit einer veganen Soziologie bedeutsam sind. Und es sagt noch nicht Weiteres darüber aus, was ein Mensch ganz genau unter Tierrechten, unter Umweltschutz und auch unter Menschenrechten in den Zusammenhängen versteht.

Allgemein begegnen wir einerseits eher links ausgerichteten Veganern und auf der einen Seite eher kapitalistisch-unkritischen oder konservativ orientierten Veganern.

Den moralischen Impetus beziehen viele Veganer immer wieder aus der Vorgabe besonders tierethisch zu denken und zu handeln.

(Oberflächlicher) Veganismus und “echter-Veganer-Sein” hat mit einem vernünftigen Antispeziesismus erstmal so viel zu tun wie “tierliebender-Bürger-Sein” an und für sich. Weil: Sinn macht das Ganze erst in seinen ethischen, sozialen, ökologischen und politischen Zusammenhangen.

Was sind das für Veganer, die wenig Interesse an komplexen ethischen, sozialen, (komplexeren) ökologischen und politischen Zusammenhängen zeigen?

Es sind genau die gleichen Leute denen wir hier begegnen, die unter Tierrechten eine Art Mischung aus Streichelzoo und besserer Biologiestunde verstehen (wenn du Glück hast landest du dabei gerade mal auf dem Level einer einigermaßen gut gemachten Tierdoku im Stile multidisziplinär erweiterter Zoologie). Es sind die gleichen Leute, die keine Argumente gegen Schlachtmobile anführen und auch nicht gegen speziesistische Kunst.

Es sind die Leute, die die Themen “Tiere in Agrarbetrieben” gegen “Tiere im Zoo” ausspielen; die Kühe, Schweine, Hühner … in die Kontexte relegieren, in die Menschen diese Tiere erst hineinbefördert haben. Menschen, die eine vegane Landwirtschaft betreiben wollen, d.h. Land bewirtschaften und verwalten, ohne aber den Tieren Lebensraum anzubieten, die Anstoß zu ihrem Veganismus waren – als sei das Leben dieser Tiere unabdingbar mit dem Gedanken der Agrarwirtschaft verbunden. Es sind die Leute, die Schutzrefugien für alle Tiere eben nicht grundsätzlich einfordern.

Es sind die Leute, denen der Speziesismus, den Pferde durchleben müssen oder Kamele oder Emus, weniger wichtig ist, als ein veganes Mainstream-Image, das lieber erstmal über “Tiere als Umweltproblem” und dem gegenüber “der zu erhaltenden Biodiversität” spricht, statt die unterschiedlichen Betroffenheiten verschiedener Tiere zu erkennen und auf der Grundlage gegebener Problematiken – jenseits eines eigenen menschlichen Nutzens – zu argumentieren und Abwägungen  im Sinne der Nichtmenschen zu treffen.

Es sind auch genau die Leute, die sich dabei inszenieren, wie sie sich liebevoll einem Tier auf einem Lebenshof zuwenden. Leute, die Nichtmenschen wie einen relativ simplen Bedürfniskatalog beschreiben und sich dabei antispeziesistisch vorkommen. Ein Weg-vom-Biologismus in Hinsicht auf Tiere ist für diese Leute kaum denkbar. Eine echte Tiersoziologie gibt es, jenseits von engen Definitionen, nicht in deren Denkwelten.

Es sind die gleichen Leute, die meinen, ihre veränderte Lebensweise alleine wäre ein mutiges Statement. Indes trennen sie ein soziologisch relevantes Thema – den Veganismus – von all seinen wichtigen, vor allem auch global wichtigen Bezugspunkten.

Beim Veganismus stehen zu bleiben macht Sinn, wenn man sich wichtigen sozialen und tierrechtsrelevanten Themen dabei nicht sperrt, und dabei auch noch allen Ernstes stolz behauptet, der eigene Starrsinn zeuge von einer Art Konsequenz und stringenter Meinung.

Eine kaum nachvollziehbare Verengung und übertriebene Vereinfachung von Zusammenhängen zu betreiben, würgt den Diskurs ab und verfehlt die Möglichkeit zur besseren Analyse … .

Ohne den ganzen großen Komplex von Zusammenhängen in seinen politischen Dimensionen zu behandeln und damit auch zu arbeiten, ist das Gelärme einfach weiterhin nur der Blinddarm einer Bewegung, die so oder so gesamtgesellschaftlich läuft. Anstoß sind unseres Eindruckes nach dabei keine menschlichen Eliten, sondern Anstoß sind die Tierheit und die Tierlichkeit selbst.

Der Mainstream hier geht von einer kapitalistisch angepassten veganen Soziologie aus, er geht nicht davon aus, dass eine ganze Welt in vernünftiger Weise Pflanzen anbauen und bewahren können muss und satt werden können muss, und dass es nicht wirklich um Gaumenkitzel und Lustfresserei geht. Und dass Leute die cool markenmäßig rummampfen nicht unbedingt als vernünftiges Vorbild dienen können, einfach weil so ein unterfangen viel zu zusammenhangslos dasteht und die Botschaft cool und pflanzlich, heute nicht mehr reicht: Wo ist außer in dem Image denn da wirklich der Antispeziesismus, die Bekämpfung von Klassismus und ein Umdenken in Sachen Wachstum und damit auch die Frage, wie Umweltschutz am vernünftigsten umzusetzen wäre?

Die agrarwirtschaftlichen- und Ernährungsfragen kann ich zudem nicht wirklich ernsthaft, symbolisiert über meine Essgewohnheiten und meinen Appetit, dem Unrecht gegenüber Tieren in einem Zuge gegenüberstellen. Vegane Burger, Mett und Kram haben nichts mit Nahrungsmittelgerechtigkeit zu tun und eigentlich auch nur wenig effektiv etwas mit Tierrechten.

Viele Leute haben das mit dem veganen Lebensmittelkonsum für sich so gelöst, dass sie dadurch mit noch mehr Überzeugung ihre allseits bekannte kognitive Dissonanz kultivieren  können. Wobei es bei ihnen noch nicht mal mehr eine kognitive Dissonanz ist, wenn sie beispielsweise speziesistische Kunst geil finden, gerne vielleicht auch immer vegan essen, einen tierlichen Freund haben für den sie hohe Tierarztkosten berappen, niedliche Tiervideos und -Bilder in freundlicher sowie in objektifizierender Weise in die Timelines ihrer Sozialmedia-Kanäle spülen oder tierliche Probleme einfach totschweigen … bei vielen Leuten ist das keine kognitive Dissonanz, sondern eher eine speziesistische tierobjektifizierende Stringenz.

Meint ihr wenn ihr einen veganen Burger der Fleischwirtschaft esst, dann würde dadurch die Unrechtshaltung gegenüber Tieren ernsthaft in Frage gestellt, während die gleichen Fleischproduzenten ein speziesistisches System am Laufen halten – auch ideologisch? Diesen Konzernen ist es egal, dass sie mit Tod Geld und Einfluss erwirtschaften.

Ihr wollt diese Konzerne bekehren, während ihr kein Interesse habt einen sozialen Wechsel im Mensch-Tier-Verhältnis an ganz anderen Stellen anzustoßen. Die Wirtschaft kann sich egal wohin wenden. Und sie wird euch auch immer beteuern, dies aus Gründen der Aufgeklärtheit und des Zeitgeistes zu tun. Wer würde denn ernsthaft noch weiter seine Finger in der Tötungsmaschienerie halten und sagen, okay wir disponieren langsam um, weil sonst gehen wir pleite. Aber genau hier liegt das Problem. Tiere sind nicht in der Weise für euch relevant, als dass der Tod des einzelnen Tieres Grund wäre Gerechtigkeit einzufordern. “Lasst sie, die Fleischproduzenten, noch ein bisschen töten. Moralisch verurteilen wir das nicht, solange sie auf unseren Zug mit aufspringen.” Und ihr meint das reicht?

Ihr blendet bei euren impliziten Annahmen genau das eine hierarchische Denken aus, das als Ursache verantwortlich ist, für die Haltungen von Menschen, sich selbst als relevanter für diese Welt zu betrachten als Nichtmenschen.

Und, nochmal, wenn ihr den Veganismus schon so auf die Ernährung hin ausrichtet: Mit den Erfahrungswerten kultureller Traditionen über eine pflanzliche Ernährung zu arbeiten, hieße auch einen Teil psychologischer Aspekte von menschlicher Ernährung zu betrachten. Was bestimmt nicht falsch sein könnte.

Es ist wirklich sinnvoll wenn nicht alle diesen einen gleichen Weg propagieren, den der vegane Mainstream heute für sich gewählt hat – in dem ein politisch, soziologisch und ökologisch defizitärer Veganismus eine Lösung sein will? Im Sinne von sowohl Tier- als auch Menschenrechten sollte man da doch eher feinsäuberlich trennen.

Wenn Veganismus …

Wenn Veganismus …
wirklich nicht mit einbeziehen sollte, z.B. ob ich ein Nahrungsmittel von einem Fleischproduzenten beziehe … dann bräuchte es nochmal eine Abspaltung vom Veganismus hin zu einer ethisch noch sinnvolleren Lebenspraxis.

Ich müsste mich fragen, warum ich das tue und was ich damit befördere, dass unter einem Label Mord und Anti-Mord zeitgleich vermarktet werden sollen. Mord darf eigentlich überhaupt nicht im Zusammenhang mit Vermarktung stehen. Das ist noch so ein Problem.

Du kauft also bei einem tiertötenden Unternehmen ein Produkt, mit dem du Tiertötung abschaffen willst, und weshalb: weil du evtl. meinst, dann würden Leute wegen ihrer Essgelüsste leichter ‘umsteigen’ können? Diesen Leuten würdest du damit aber auch vermitteln, dass ein Leben weniger wert ist als eine Essgewohnheit und ein Lustgefühl.

Du würdest ihnen auch vermitteln, dass man sich nicht längerfristig und neu mit seiner Ernährung als Gesellschaft auseinandersetzen kann in solch einer schwerwiegenden Problematik.

Was ernährungs-ästhetische Fragen anbetrifft: Fermentierte, gewürzte, gebratene, marinierte … Speisen haben nicht unbedingt etwas damit zu tun, dass viele Menschen ihre Nahrung auf der Basis von Tierkörpern aufgebaut haben.

Schaut euch doch tiefenpsychologisch den Prozess des Fleischessens an? Meint ihr da stünde kulturgeschichtlich nicht mehr dahinter, das immernoch kulturell hineinwirkt, als eine Geschmacksfrage?

Man sollte eine klare Trennlinie zu speziesismuskomtpatiblen Veganern aufzeichnen, denn ihr Kurs verhärtet Fronten, genau indem er zentrale Fragen und Aspekte des gesellschaftlichen Fleischkonsums, Milchkonsums, allgemein des Konsums tierlicher Produkte und derer Derivate sowie tierschädigende Praktiken (und man muss dem eben hinzufügen -Denkweisen, -Ideologischer Systeme, usw. usf.) ausblendet – die für alle Menschen ethisch relevant sind, weil sie Elefant im Raum ethischer Fehlerhaftigkeit unserer Philosophien und politischer Systeme darstellen.

Auszugehen davon, dass Fleischverzehr bei Menschen eingangs eine Frage des Geschmacks hätte sein sollen, erklärt wohl kaum auf welcher Grundlage und wie Menschen eine für sie “ethisch vertretbare Entscheidung” getroffen haben, Leben für eine Geschmacksangelegenheit zu opfern.

Diese Form eines Veganismus, der mit einfachen Antworten und einfachen Lösungen hausiert, geht von einer Vorstellung über die Mensch-Tier-Beziehung in der Geschichte aus, die nicht ohne Einwände belegt werden kann und die er aus reinem Eigeninteresse auch nicht vertreten sollte. Er negiert dabei selbst alte wertvolle Gedanken, die die Grausamkeit und die Blutrünstigkeit des Fleischverzehrs betonten, und tut stattdessen so, als wäre den Menschen eigentlich garnicht bewusst gewesen, dass sie da Leben opfern.

Im Bezug auf die Gegenwart übersieht dieser Veganismus fahrlässig in welcher Form der kleine Biobauer/-Metzger und die “Tierfabriken” und Großschlachtereien die Nachfrage noch in gleicher Weise nach genau dem gleichen Verlangen decken, dass tiefenpsychologisch in unsere speziesistischen Gesellschaften und Kulturen eingebrannt ist, als eine endlos erschreckende “Kulturanthropologie des Fleisches”.

Die Augen vor den Ursachen speziesistischer Praktiken zu verschließen und sanktionierte Tiertötung in der Breite ihres Geschehens – sei es die Trophäenjagd bis zum Tierversuch – nicht wirklich hinterfragt zu belassen, liegt wohl kaum in der Linie, die Menschen ethisch verfolgt haben über die Geschichte des ethischen Vegetarismus, Veganismus und jeglicher pazifistischen Lebensweise hinweg, die Tiere in den respektvollen wertschätzenden Fokus gesetzt hat.

Die meisten Leute die Fleisch essen, tun dies mit einer tierobjektifizierenden Inbrunst. Die, die dies nicht tun, bestehen auch nicht auf eine Ernährung, die die pflanzenessende Tierwelt bestimmt kaum für nachvollziehbar halten würde! Diese Menschen würden auch eine explizit pflanzliche Nahrung essen wollen, ohne dabei eines “wichtigen Gefühls” verlustig zu werden. Wichtig ist das “Fleischige” für den, der damit weitaus mehr verbindet als allein einen bestimmten Geschmack  – wenn auch das “Schmecken nach totem Fleisch” gewiss ein wichtiger mentaler Faktor zu sein scheint beim überzeugten karnivoren Menschen.

Wenn ein Mensch etwas als falsch erkennt, wird sich sein “Geschmack” auch verändern. Der “Geschmack für Fleisch” liegt vermutlich in letzter Konsequenz in der Haltung dieser Menschen zu Tieren. Und diese Haltung werden sie nicht ändern aufgrund eines Burgers, der nach Fleisch schmeckt. Selbst wenn diese Art Konsument mit einem Geschmack zufrieden ist und die Produkte häufiger ist, seine speziesistische Einstellung wird er dennoch in unendlich vielen weiteren Haltungen und Praktiken und Entscheidungen seines Lebens weiterleben.

Die Tierfrage liegt viel tiefer als die Fragen menschlicher Befindlichkeiten … ob jemand sich cooler oder geschmacklich befriedigter fühlt. Hedonistische Redundanz auf die gleiche Waagschale mit Ungerechtigkeit und Negation von Tierleben zu stellen, mag für Speziesisten Sinn machen. Wenn Veganer dies tun, dann haben sie einfach nicht gründlich genug nachgedacht oder es fehlt ihnen an Empathie oder sie sind schlichtweg immernoch Speziesisten light, denn Leute schnell vom Fleischkonsum wegzubekommen ist vergleichbar mit Leuten zu Umweltschützenden oder zu Menschen zu machen, die Menschenrechte wirklich oder nicht so ganz wirklich wichtig nehmen: all diese Einstellungen sind eine Frage zivilgesellschaftlicher Entwicklung! …

Und

Die marktwirtschaftliche Logik der veganen Linken erstaunt mich dabei indes auch: “Tierfabriken abschaffen/enteignen” > Kapital derer bleibt in deren Händen für Investments und neue Profite über den veganen Absatzmarkt > Großkapital lohnt sich. Kleine, vom Großkapital unabhängige(re) vegane Betriebe auf die Beine stellen und betreiben? ‘Not viable’ oder was? Wirtschaftspolitische Kontexte – uninteressant aus veganer Sicht??? Vor allem auffallend ist die Ausnahme, die hier seitens der Linken im Bezug auf Ausbeutung gemacht wird. Ich glaube nicht, dass sie das bei anderen Themen so bringen könnten.

***

Veganismus ist eine ethische Praxis. Die Verbindung zwischen der veganen ethischen Praxis und Tierrechten besteht aus antispeziesistischen, aus anti-tierobjektifizierenden Ansätzen. Tierrechte, Menschenrechte und Erdrechte sind eins.

Zuvor hatten wir eine Horde von Leuten, die einen Veganismus propagiert haben, der Tierrechte ausblendet und eine bestimmt Herangehensweise der Umweltpolitik bewarb, die greenwashing-unkritisch positioniert ist.

Jetzt tritt der vegane Typus hervor, der Tiermord zugunsten einer apologetischen Haltung der Fleischindustrie gegenüber relativiert, zugleich aber moralisch imperativ auftreten will.

Autonome Tierrechtler*innen: Vegane Soziologie heißt auch die Vorgehensweisen veganer Aktivist*innen zu beobachten und auf ihre ethische Hieb- und Stichfestigkeit hin abzuklopfen.

Der aktuell beliebte vegane fleischindustrie-affine Typus (und selbstdefinierte “gute Kumpel des lokalen Metzgers, welcher schließlich gute vegane Optionen anbietet und sich dadurch als sehr unterstützendwert kennzeichnet”) hausiert erfolgreich damit herum, dass er felsenfest zu der überaus intelligenten Überzeugung steht, wir alle sollte Fleischkonzerne fördern, solange sie versprechen ganz vegan zu werden und ihm und uns Pflanzen in Wurstform liefern.

Veganer*innen die die Fleischindustrie bewerben, und das als ethischen Aktivismus verstehen, haben den Schuss nicht gehört, indem sie letztendlich Veganismus auf eine kontraproduktive Konsumierebene reduzieren und die allgemeine Marktwirtschaft mit einer wirklich vegan-sinnmachenden Marktwirtschaft zu verwechseln scheinen. Die konkreten Tiere, der konkrete Speziesismus ist für sie nur Begleitwerk. Es gibt keinen, aber auch wirklich keinen Grund die Fleischwirtschaft zu unterstützen. Solch ein Handeln ist schlichtweg unvegan – solange die alte Definition von Veganismus noch steht.

Dieser fleischindustrie-affine vegane Typus meint anscheinend, dass dem globalen Veganismus nichts mehr im Weg stünde, wenn alle seiner Idee folgen. Nach seiner Logik bewegt das Großkapital mehr, als es Leute schaffen können, wenn sie ihren Veganismus über mehr als Fressalien definieren. The fun’s going on.

So etwa: “Tiermord ist schlimm, aber ich fördere die schlachthausbetreibenden Firmen direkt”. Die Blanks jubeln mit.

Solche Leute sekundarisieren wirklich keine Opfer. Nein, sie leben einfach mit einer völligen Doppelmoral. Sie meinen “lasst euch noch ein bisschen töten, liebe Tiere, wir sehen euch und wir unterstützen eure Mörder nur in bester Absicht und in eurem Interesse”. Sick, sick, sick …

Eine nichtexistierende Form des Boykotts. Man kann gezielt Firmen, Konzerne, Einrichtungen, usw. boykottieren, um damit auch eine politische Botschaft zu senden. Man kann anscheinend aber auch sagen, zeigt euch reuig oder einsichtig und ich bewerbe und unterstütze euch.

Dies scheint ein ziemlich apologetischer Standpunkt zu sein. Aber das Gerechtigkeitsempfinden funktioniert bei manchen Menschen, die Forderungen stellen, im Sinne einer Begünstigung derer, die die tiefgreifendsten Schäden erst generieren.

Der Konsument wählt zwischen Boykott oder Begünstigung. Und er wählt auch, ob er neuen Betrieben, Einrichtungen, usw. vielleicht lieber eine Chance geben sollte und sich die alten Profiteure lieber mal genauer anschauen sollte (statt in eine Art Stockholmsyndrom zu fällen, falls er ethisch wirklich so naiv sein könnte – was eigentlich tatsächlich nicht sein kann).

Das sind die “Werbung-für-Konsumismus-statt-einer-Dekonstruktion-von-Speziesismus”-Veganer mit schematischen ‘schlanken’ Slogans statt diskursiver Systemkritik. Zumindest vermitteln sie sich genau so!

Gute Metzger, schlechte Metzger > 2021 – Tönnies setzt auf Veggie-Wurst https://faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/toennies-setzt-auf-veggie-wurst-17217934.html [Zugriff: 10.03.24]

Die vegane Bewegung hat mal dafür gekämpft, dass es eine vegan economy gibt – von Leuten geprägt, die mit einem echten Idealismus und ökopolitischer Vernunft an die Sache herantreten.

Auch heute kann man entscheiden, welchen Betrieb man konkret mit seinem veganen Einkäufen fördern und erhalten will. Mehr Nachfrage nach Produkten von idealistischeren Kleinbetrieben ist wichtig und klug.

Dass das Bewusstsein für Veganismus wächst, ist eine allgemeine Entwicklung. Wenn diese Entwicklung mehr auf die finanzstarken und dominanten Player im Markt (regional sowie überregional) schaut, statt auf konkrete ökonomische, ökologische und antispeziesistische Kontexte, dann geht es halt um Wirtschaft, die mit pflanzlichen Produkten ihr veganwashing verwirklicht, aber nicht um vegan im Sinne der Sache.

Ja, Vegansein beinhaltet auch über Nahrungsmittelgerechtigkeit nachzudenken und somit in der Tat über politische und weltwirtschaftliche Zusammenhänge – und somit über die neuen Seiten, die wie als vernünftige gangbare Alternativen der anthropozänen destruktiven Maschinerie gegenüberstellen können.

rev. 10.03.24


Repost > https://tierrechtsethik.de/speziesismuskompatible-veganer/

Will be issued in the Gruppe Messel reader these days!

Oppression und Subversion


Wer geht ernsthaft davon aus, dass Subversion sich in der Gesellschaft funktional irgendwie von oppressiven Mustern unterscheiden würde? Beide verlassen sich auf die gleichen grundlegenden Annahmen über Mensch-Tier-Natur-Schismen, in erster Linie im Bezug auf die Phänomene von „existentieller Bedeutsamkeit“ und die Frage von „Eigen-Autorität“.
Antibiologistische Tiersoziologie

Tierrechte: zentrale Begriffe und Begriffserweiterungen

Tierrechte: zentrale Begriffe und Begriffserweiterungen

Bild: Farangis G. Yegane; Text: Gita Yegane Arani und Lothar Prenzel.

Alternative Ausdrücke für Speziesismus:

  • Spezies/Tier-Herabsetzung; Spezies/Tier-herabsetzend
  • Spezies/Tier-Abwertung; Spezies/Tier-abwertend
  • Spezies/Tier-Objektifizierung; Spezies/Tier-objektifizierend
  • Spezies/Tier-Diskriminierung; Spezies/Tier-diskriminierend

Präambel

Wir benötigen Begriffe, um die Diskriminierungsformen und die Ungerechtigkeiten zu beschreiben, die von menschlichen Gruppen und/oder Individuen im Bezug auf nichtmenschliche Tiere und gegenüber der nichtmenschlichen Welt im Ganzen ausgeübt werden – in all deren Facettenhaftigkeiten in denen solche unterdrückerischen Mechanismen, Gedanken und Handlungen in den unterschiedlichen menschlichen kulturellen Ebenen, so wie in Religionen, Wissenschaften, Recht, Kunst, etc. in Erscheinung treten.

Ebenso brauchen wir Begriffe für das allgemeine Phänomen menschlicher Zerstörung und Destruktivität in diesem Punkte. Wir (die Gruppe Messel) beziehen uns hierauf als Faunazid, insofern es um nichtmenschliche Tiere geht. Wir alle sollten mehr beschreibende Begrifflichkeiten entwickeln, für das, was wir bezeugen, und unsere Wahrnehmungen und Schlussfolgerungen können dabei auch unterschiedlich sein. Hierzu der folgende Text:

Tierrechte: zentrale Begriffe und Begriffserweiterungen

In der Tierrechtsdiskussion benötigen wir Begriffe, um die Situation zu beschreiben, in der Nichtmenschen (nichtmenschliche Tiere) sich aufgrund von abwertendem, objektifizierendem Verhalten seitens von Menschen befinden. Wie wir diese Begriffe nutzen und prägen, bestimmt auch, in welche Richtung die Diskussion uns führen wird. Auch müssen wir allgemeine Begriffe neu und in spezifizierter Weise definieren, so wie beispielsweise die Terminologien rund um „Recht“ und „Freiheit“. Das heißt zum Beispiel Begriffe, die Stützpfeiler zwischenmenschlicher ethischer Übereinkünfte sind, die bislang jedoch implizit den Ausschluss von Nichtmenschen mitdefinierten, indem sie in spezies-hierarchischer und anthropozentrischer Ausrichtung gedacht wurden.

Zahlreiche Begriffe, wenn nicht die meisten, sind gegenwärtig noch gekoppelt an Weltbilder, die Nichtmenschen ein mehr oder weniger festgelegtes Terrain zuordnen, das sich von einem menschlichen Herrschaftsanspruch herleitet, in dem Nichtmenschen eine untergeordnete Rolle zu menschlichen Belangen zugedacht wird.

Eine Kritik am Anthropozentrismus unserer Sprachsysteme soll nicht besagen, dass wir „den Menschen“ als homogene monolithische Masse denken. Menschen sind niemals grundsätzlich gleichgeschaltet, und was die Tierfrage und Umweltfrage anbetrifft, teilen nicht alle Menschen die dominanten herabsetzenden oder reduktiven Anschauungen über Nichtmenschen und die nichtmenschliche natürliche Welt.

Aus Tierrechtssicht bewegt sich die Problematik von Verstößen gegen Menschenrechte in zwischenmenschlichen Konstellationen, auf der gleichen Landkarte ethischer Fragestellungen, die sich in der Menschheitsgeschichte der Rubrik „Unrecht“ zuordnen lassen, wie die bislang unbeantworteten Fragen nach Tierrechten und Rechten um Zusammenhang mit umweltethischen Belangen. Jeder Schwerpunkt wird dabei aber politisch kontextualisiert betrachtet und die Objektifizierung und Herabsetzung von Nichtmenschen und der natürlichen Umwelt trägt jeweils ihre eigenen Alleistellungsmerkmale.

Eine Kritik am Anthropozentrismus unserer Sprachsysteme soll einen dominierenden menschlich-destruktiven Kollektivismus in Fragen stellen, um damit zugleich auch Definitionen von zwischenmenschlichem „Recht“ aus Tierrechtsperspektive hinterfragbar zu machen.

Zum einen baut unser „Recht“ auf einem impliziten anthropozentrischen „Recht“ zur Objektifizierung der nichtmenschlichen Welt auf. Zum anderen haben wir als „Menschen“ aber kein „Recht“ solch einen impliziten Herrschaftsanspruch (den wir qua unserer Spezies erhalten und den wir über alle anderen Spezies ausüben können) nun wiederum als zugehörige zur Gruppe der Homo sapiens grundsätzlich zu kritisieren und ein vergleichbares Fundament von „Recht/en“ für Nichtmenschen einzuklagen – auf Grundlage der Fragen des „Rechts“ das unser menschliches „Recht“ begründet.

Die ethischen Bausteine, die unser Menschenrecht ausmachen, sind für die meisten Menschen ausschließlich. Die Gedanken von „Würde“ und „ursächlicher Freiheit“ koppeln sich für die meisten, an Begriffe, die mit Tierlichkeit nicht assoziiert werden sollen. Wir haben kurzum theoretisch unweigerlich „Rechte“ als Menschen, im gleichen Zuge in dem Nichtmenschen unweigerlich keine „Rechte“ haben dürfen.

Die Frage, ob diese Art Kontraktualismus auf Spezies-Ebene wirklich funktioniert, muss dabei deutlich verneint werden, sonst würde die automatische Berechtigung auf Menschenrechte (qua Spezieszugehörigkeit zur Spezies Mensch) garantieren, dass es keinerlei Verstöße gegen Menschenrechte mehr geben würde oder jemals hätte geben dürfen, und es würden auch keine Debatte darüber mehr geben müssen, was Menschenrechte eigentlich bedeuten und was nicht (man denke an den Konflikt zwischen Umweltschützer*innen und Menschen die Wirtschaft und Konsum in umweltschädigender Weise unterstützen).

Kollektive dominante abwertende Haltungen von Menschen gegenüber der nichtmenschlichen Welt sind nicht auf jeden Menschen, als Individuum oder in der Gruppe, automatisch zu beziehen qua Zugehörigkeit zur Spezies Mensch. Die dominante Herabsetzung und/oder Objektifizierung von Tieren, seitens der meisten Menschen in der uns bekannten Vergangenheit und in der Gegenwart, ist aber ein sozialer Umstand, dem als gesellschaftliches Phänomen auf globaler Ebene aus Tierrechtssicht unweigerlich Rechnung getragen werden muss.

Folgende Begriffe stehen gegenwärtig für zentrale Standpunkte in der Tierrechtsdiskussion und im Tierrechtsaktivismus: Tierrechte, Tierbefreiung, Speziesismus, Antispeziesismus, Anthropozentrismus.

Diese Begriffe werden von der Tierrechtsbewegung (und Tierrechtsaktivist*innen), wenn man genauer hinschaut, aber definitorisch unterschiedlich gebraucht. Dennoch einigt sich unsere Bewegung immer wieder auf ein paar kleinste gemeinsame Nenner zwischen den verschiedenen Ansätzen. Nichtsdestotrotz können die Ziele aber letztendlich völlig auseinanderdriften. Wir haben beispielsweise Tierrechtler*innen, die von einem „intersektionalen“ Diskurs her beeinflusst sind, wir haben Aktivist*innen, die sich eher an den Argumentationen der Umweltbewegung orientieren, wir haben einige „Schulen“ in der Tierrechtsbewegung, etc.

Bei der Anwendung von Begrifflichkeiten, die unsere Definitionen von Tierrechten kennzeichnen:

  1. Ist eine kritische Hinterfragung der Begriffe zulässig und weiterführend
  2. Sind alleinstehende Begriffe (z.B. „Tierrechte“), die als Übereinkünfte dienen, nicht ausreichend, um richtungsweisend fungieren zu können, sondern eine allgemeine Kontextualisierung der Begriffe ist maßgeblich
  3. Sollten Diskussionen selbstverständlicher und offener laufen. Die tragenden inhaltlichen Pfeiler sollten so stabil sein, dass der Ausbau an gedanklicher Architektur mit allen uns sprachlich zur Verfügung stehenden Bausteinen arbeiten kann. Solange erklärt wird, was mit Begriffen gemeint ist, durch Kontextualisierungen, besteht auch weniger Gefahr, dass Inhalte fahrlässig verwässert und/oder verwechselt werden; vermeintlich Emanzipatives sollte sich dann nicht als sein Gegenteil erweisen müssen.

Beispiele hierfür:

  • Nutze ich die klassische biologistische Insel zur Beschreibung meines Endruckes von Tieridentität, dann kontextualisiere ich meine Konstruktion von Tieridentität nicht über den biologischen naturwissenschaftlichen Rahmen hinaus. Eine primäre Zuordnung von Tierlichkeit zu den Naturwissenschaften ist jedoch z.B. sozial und philosophisch reduktiv, etc.
  • Das gleiche würde für das Modell von Religion und göttlicher Forderung nach Fürsorge für ‚die Schöpfung‘ gelten: hier fehlt eine außerreligiöse Kontextualisierung von Tiersein, welches sich nicht von selbst aus, in diesen Rahmen einordnen lassen muss.

Um der „freien Zone“ von Tierlichkeit Rechnung zu tragen, verwenden wir den Begriff der Tierautonomie.

Eine Beschreibung der zentralsten eigendefinitorischen Begriffe der Tiere-verteidigenden-Bewegungen

Tierrechte:

Bei diesem Begriff muss zu klären sein, was jeweilige Aktivist*innen/Autor*innen (Diskutant*innen und Rezipient*innen) unter „Recht/en“ grundsätzlich verstehen – sowohl in Hinsicht auf Menschen als auch auf nichtmenschliche Tiere, als auch in Hinsicht auf die natürliche Welt, um ein Bild vom großen und ganzen zu erhalten, als das Bezugsfeld, das zur Diskussion steht. Was ist „Recht“ an sich, was wird unter einer Qualifizierung für „Rechte“ verstanden, wie werden Rechtsbegriffe gebildet und wie können sie neu oder anderes gebildet werden und warum. Viele Menschen beziehen den Gedanken von „Recht/en“ immer auf ein bereits bestehendes Konstrukt von „Recht“, und legitimieren (willentlich oder unwillentlich) dabei die faktische Entrechtung von Nichtmenschen und des natürlichen Raums. Ein „Recht“ wird unserer Meinung nach dann nötig, wenn ein menschlicher Übergriff in den Lebensbereich anderer sattfindet und eingeschränkt oder verhindert werden muss (bezieht sich bislang in der Form in erster Linie auf Menschen). Ein „Recht“ kann aber auch als Ausdruck einer dominanten Machtposition verstanden werden, was der landläufigeren Vorstellung von „Recht“ entspricht, auch wenn die Dominanz mit viel ethischem Anspruch ausgekleidet wird. Es geht also darum die Idee von „Recht/en“ neu zu durchdenken und kritisch zu hinterfragen, um so Nichtmenschen und ihre Tierrechte und die natürliche nichtmenschliche Umwelt adäquat mit zu priorisieren und so grundsätzlich ethische Sekundarisierungen (und ethische Marginalisierungen) zu vermeiden.

Tierbefreiung:

Dieser Begriff wird allgemeinhin in der Bewegung von Menschen, die sich für Nichtmenschen engagieren, als der emanzipativste Begriff gehandelt. Problematisch ist, dass der leibliche Befreiungsakt hier in der Regel an Theorien gekoppelt ist, die mehr auf die Bekämpfung von „Ausbeutung“ fokussieren, statt auf „Unrecht“. Die Herabsetzung von Tieren in unseren Gesellschaften bedeutet jedoch das gleichzeitige in Abrede stellen der Kapazität zum Freisein. Dies bildet bei Tierbefreier*innen aber keinen Gegenstand in dem Anspruch auf eine menschliche Befreiungstat. Dass andere Menschen immer wieder und immer weiter Tiere einsperren, als Ausdruck dessen, was diese Menschen diesen Tieren in Abrede stellen, lässt sich allein durch das Öffnen von Mauern, Zäunen, Stall und Käfig nicht lösen. Die „theoretischen Käfige“ müssen mit geöffnet werden, damit überhaupt keine Käfige mehr gebaut werden und Lebensräume nicht geraubt werden.

Die Tierbefreiungsbewegung bemüht sich nicht um eine Enthebelung von kulturellen und theoretischen Entmachtungsfaktoren gegenüber der Tierlichkeit, allein indem sie große Ansprüche auf politische Unabhängigkeit ihrer eigenen Bewegung erhebt. Der Anspruch zum Beispiel darauf, dass verbriefte Rechte nicht nötig seien bei Nichtmenschen, bei einen selbst als Menschen aber schon, macht die Bewegung unglaubwürdig. Ebenso der sozio-ethische Ausschluss von Tierlichkeit. Wie sollen Tiere weltweit von einer Gruppe von Menschen „befreit“ werden, wenn diese Gruppe von Menschen selbst Mitträger von Entmachtungs- und Einsperrungsvorrichtungen sind – aufgrund ihres Unterlassens, die Mechanismen auf gesamtkultureller Ebene zu demontieren, die die konstante geistige Abwertung von Nichtmenschen ermöglicht?

Ein zu beobachtendes Problem ist, dass wenn ich einen Nichtmenschen körperlich befreie, ich ihn/sie weiterhin als Subjekt in objektifizierender Weise herabsetzen kann. Die Frage nach der Ursache und der eigentlichen Funktionsweise menschlicher Herabsetzung von Tieren findet eine zu vereinfachende Antwort in einem Begriff, der sich eigentlich eher ausdrücklich für konkrete Befreiungsaktionen eignet.

Der Anspruch derer, die Tierbefreiungen aktiv durchführen, kann weitreichender Natur sein. Die Bezeichnung „Befreiung“ im Bezug auf grundsätzliche Fragen von Unrecht (das man für sich selbst ja schließlich als Mensch auch einklagen können möchte – warum also nicht für Mitlebewesen?) täuscht aber vor, dass die Ursachen für Unrecht, und somit auch für körperliche Einsperrung und körperlichem Freiheitsentzug, mit dem körperlichen Befreiungsakt definitiv gelöst wären.

Die Tierbefreiung von menschlicher Unterdrückung an sich, müsste sich also den Fragen der Ursachen und Mechanismen, nicht nur von „Ausbeutung“, sondern von einem viel größerem Problem stellen, und zudem sollte vielleicht angesichts der Immensheit des Problems, etwas realistischer in der Eigenbezeichnung der politischen Agenda vorgehangen werden.

Speziesismus:

Dieser Begriff wurde jüngst von Aktivist*innen/Autor*innen kritisch hinterfragt, vor dem Hintergrund, dass die klassischen Ismen sich, geschichtlich und soziologisch betrachtet, auf zwischenmenschliche Ungerechtigkeiten beziehen, und immer den gezielten Ausschluss aus dem ‚vollen Menschsein‘ suggerieren und beinhalten würden, dass Nichtmenschen aber nicht aus diesem Kreis ausgeschlossen werden können, sondern, dass man die Herabsetzung/Objektifizierung von Nichtmenschen durch Menschen ganz in seinem eigenen Recht anschauen und analysieren müsste. Durch eine Gleichsetzung mit der Problematik innermenschlichen Konflikte, würde der Besonderheit der Problematik, der Tiere sich in Gegenüberstellung mit den Menschen sehen, nicht Rechnung getragen. Die Gleichsetzung von Speziesismus mit Rassismus und Sexismus sei also in sich problematisch.

Man könnte nun entgegnen, dass „Ismus“ grundsätzlich eine Herabsetzung bezeichnen kann, und dass dies nicht unbedingt in Korrelation zu zwischenmenschlichen „Ismen“ stehen muss. Auch könnte man die zwischenmenschlichen Formen von Ungerechtigkeiten auf einer Ebene betrachten, in der menschliche und tierliche Subjekte viel näher rücken, indem man von einer Kernindividualität ausgeht – dass die Zugehörigkeit zu einer diskriminierten Gruppe von Menschen damit auch nicht automatisch bedeutet, dass diese Identität das Ende des Eigenerlebens des betroffenen Subjekts sein muss.

Aber in Hinsicht auf soziologische und politische Komponenten und die benannte Gefahr der Verwechslung von Diskriminierungsmomenten, können wir die Kritik nachvollziehen. Zudem noch ein weiterer, ganz anderer Kritikpunkt an dem Begriff Speziesismus berücksichtigt werden kann. Die Frage ist nämlich auch, ob Speziesismus nicht bereits in sich einen Biologismus in seiner Anwendung auf die Herabsetzung von Nichtmenschen durch Menschen in die Diskussionsebene hineinträgt, der bei alternativen Begriffen vielleicht vermieden werden kann.

Der Fokus beim Begriff „Speziesismus“ liegt völlig auf der noch ungeklärten Frage nach dem, was wir eigentlich unter Spezies-Vielfalt verstehen. Unter Spezies-Vielfalt verstehen die meisten Menschen Lebensbereiche, die sie ausschließlich versuchen mit Biologismen zu erklären: Wir haben es also eher mit einem „Spezies-Biologismus“ zu tun.

Die Benennung von „Spezies“, als dem Angriffspunkt für die Diskriminierenden, ist noch gar nicht auf der ganzen Ebene geklärt, denn die Fragen bleibt offen, inwieweit unsere Vorstellung von „Spezies“ selbst – solange sie nichtmenschlich sind – diskriminatorisch ist.

Die meisten Menschen können sich in unseren Gesellschaften bislang überhaupt nicht vorstellen, nichtmenschliche Tiere anders zu sehen als speziesistisch, taxonomisch, in Rängen, als „Züchtungen“ und „artgerecht“ – was einen eklatanten Biologismus darstellt, indem Menschen ökosoziale und tiersoziale Komplexität und Differenziertheit eingrenzen zum Zwecke objektifizierender Zuordnungen.

Antispeziesismus stellt sich potenziell gegen alle Speziesismen. Wir haben Speziesismus und Antispeziesismus respektive als sich auf mannigfaltig verschiedene Speziesismen beziehend definiert. Wir gehen davon aus, dass Speziesismus im allgemeinen über Alleinstellungsmerkmale verfügt – wie zum Beispiel, dass kulturell normalisiert ritualisierte Gegessen-/Einverleibt-werden und/oder der extreme Objektstatus, beinahe Gegenstandsstatus. Was die Entmenschlichung im „Ismus“ ist, ist die Objektifizierung hin zum Gegenstand in der Herabsetzung von Tieren und Tierlichkeit. Speziesismen betreffen zahllose zwischenmenschliche Interaktionsebenen und sie betreffen verschiedene Gruppen und Individuen nichtmenschlicher Tiere in unterschiedlichen Weisen.

Alternative Begriffe für Speziesismus:

  • Spezies-/Tier-Herabsetzung
  • Spezies-/Tier-Objektivierung
  • Spezies-/Tier-Diskriminierung, etc.

Anthropozentrismus:

Der Begriff Anthropozentrismus wirft im gleichen Zuge die Frage auf, was Zoozentrismus oder aber auch ein Zentrismus im Bezug auf alles Nichtmenschliche, also „die Natur“ im Ganzen wäre. Was verstehen wir unter „Mensch“? Die Antwort muss sich nicht auf ein verengendes Bild „des Menschen“ begrenzen lassen, das sich aus rein biologistischen Faktoren zusammensetzen müsste, sondern wir würden allgemeinhin auch Aspekte geistig-subjekthafter Individualität mit einbeziehen.

Viele Menschen würden aber an der Stelle, im Bezug auf alles sie umgebende nichtmenschlich-Tierliche oder -Naturhafte, die Ebene einer besonderen Prädeterminiertheit ihres Menschseins setzen, mit ganz klar verlaufenden Grenzen zu anderen „Geistern“ und „Seelen“ hin, die es aus ihrer Sicht nicht geben könnte – das „Subjektsein“ ist nicht zuletzt ein noch nicht ganz geklärter Begriff im Interspeziesbereich.

In den Vorstellungen der meisten Menschen wird eine geistig-subjekthafte Individualität nicht mit dem Verstand und dem Intellekt von Nichtmenschen assoziiert, und Nichtmenschen werden von vielen, wenn nicht den meisten Menschen, noch biologisch-naturwissenschaftlich und objektifizierend erklärt (und analysiert).

Die Rede von „Anthropozentrismus“ oder die Kritik an diesem, heißt nicht einfach Menschen nicht auch als zentrale „Perspetivnehmer“ akzeptieren zu können. Ein zentraler „Perspektivnehmer“ kann sich in unterschiedlicher Weise auf seine Mitwelt beziehen. Da wir den „Ismus“ in diesem Begriff haben, geht es aber um eine problematische Komponente, die hier ausgedrückt werden soll. Der kollektivistische, subsumierende und definitorische Aspekt spielt konkret beim Menschsein eine bekannte Rolle. Wir würden beim Anthropozentrismus an eine andere soziale Realität denken im Bezug auf das soziale Ganze, als wenn wir an Ökozentrismus denken. Ökozentrismus ist ein Begriff, der wiederum anthropozentrisch gedacht werden kann.

Anthropozentrismus bezeichnet die problematische Beziehung des Menschen als kollektiven Körper zu seiner nichtmenschlichen Mitwelt in seiner ausschließlichen und hierarchischen Selbstzentriertheit, bei der die anderen Lebewesen eine sekundäre Rolle zugeteilt bekommen. Wenn ich auch Teil einer anthropozentrischen Gesellschaft bin, und mich kaum daraus entfernen kann effektive, so kann mein Denken und mein Handeln, soweit es mir möglich ist, diesem Anthropos-Egozentrismus aber auch völlig entgegengestellt sein.