Tiermythologischer Ansatz: Religiöse Tierethik

Tiermythologischer Ansatz: Religiöse Tierethik

Ja, nur wie steht es um ihren Religionsbegriff und welche Religionsgeschichte ist für Sie akzeptabel?

(auch: spirituell-instrumentalisierende Tierethik, säkular-religiöse Sinngebung zur Aufwertung religiöser Herrschaftsansprüche)

Definition:
Ein Diskursmodus, in dem Tiere nicht primär als autonome Subjekte gelten, sondern als Träger moralischer, spiritueller oder metaphysischer Sinnzuschreibungen für den Menschen. Anerkennung erhalten sie nur, solange sie menschliche Tugenden spiegeln – ihre eigenen Interessen bleiben optional.

Beschreibung:

Tiere erscheinen als moralische Spiegel, Sinnstifter oder „kosmische Lehrmeister“, sei es religiös oder durch modern-naturwissenschaftlich klingende Sprache.
Selbst im säkularen Diskurs wird häufig die klassische Logik fortgeführt: Tiere symbolisieren menschliche Tugenden, während ihre politische Autonomie und konkrete Lebenswirklichkeit unsichtbar bleiben.
Autor*innen zeigen offen oder verdeckt, wie Tiere zur ethischen Selbstvergewisserung des Menschen dienen, ohne dass dies gesellschaftlich auffällt – ein Hochgenuss für Feuilleton und Verlag.

Religiöse Einbettung:

Nicht jede spirituelle Sinngebung ist problematisch. Problematisch wird es, wenn Religion von Anfang an hegemonial-anthropozentrisch ist – ein narratives und epistemisches Grundproblem. In solchen Systemen bleiben Tiere Projektionsflächen menschlicher Moral.
Um Tiere wirklich respektvoll zu adressieren, müsste die Gottesvorstellung nicht menschlich und völlig frei gedacht werden, sodass Tiere als autonome Subjekte auftreten können.

Moralische Zuschreibung und Tiermythologie:

In vielen Kulturen und Mythologien standen Tiere auf gleicher oder höherer Augenhöhe mit Menschen und fungierten als weisheitsstiftende Akteur:innen.
Märchen, Fabeln und Tiermythologien zeigen Tiere als eigene Perspektiven, Handlungslogiken und Weisheit, nicht nur als Spiegel menschlicher Moral.
Große abrahamitische Religionen (Judentum, Christentum, Islam) haben diese Praxis weitgehend unsichtbar gemacht, Tiere symbolisch reduziert und vor allem menschliche Ordnung, Tugend und göttliche Normen reflektieren lassen.
Selbst modern-naturwissenschaftlich legitimierte Diskurse übernehmen häufig diese verdeckte Reduktion: Tiere bleiben Entseelte, Projektionsflächen menschlicher Selbstvergewisserung.

Theoretische Einbettung:
Kim Socha betont, dass selbst modern-säkular geprägte Tierrechtsdiskurse verdeckte religiöse Logiken reproduzieren können. Tiere bleiben in diesem System entseelt, Projektionsflächen menschlicher Sinnkonstruktionen, auch wenn die Sprache sachlich oder naturwissenschaftlich klingt. (simorgh.de)

Kernelemente:

Verdeckte Sinnproduktion: Tiere als Projektion menschlicher Selbstaufwertung.
Instrumentalisierung: Tiere bestätigen menschliche Tugenden, nicht ihre eigene Autonomie.
Säkularismus-Problem: Moderne Diskurse übernehmen strukturell religiöse Denkformen – nur eleganter verpackt.
Mythologische Alternative: In traditionellen Tiermythologien können Tiere autonome Sinn- und Weisheitsträger

Kurzthese:
Wo Tiere als Träger moralischer oder spiritueller Bedeutung verwendet werden, bleiben sie entseelt – und werden erneut zur Projektionsfläche menschlicher Selbstvergewisserung. Aber immerhin: sie wirken sehr tugendhaft dabei.

Diskursive Wirkung:

Gesellschaftlich anschlussfähig, konfliktarm, moralisch sichtbar.
Empathie erlaubt, politische Konsequenz optional.
Reproduziert anthropozentrische Machtstrukturen, während es gleichzeitig nach modernem Feuilleton riecht.

Abgrenzung:

Nicht antispeziesistisch: Tiere werden nicht als autonome Subjekte mit eigenen Interessen behandelt.
Nicht radikal säkular: Tiere werden nicht bewusst aus Sinnsystemen gelöst, sondern weiterhin symbolisch aufgeladen.

Radikal säkular ist es das Animal Sapiens mit einzubeziehen und zu sehen. Und dann ergibt sich sowieso mit oder ohne Religionen eine völlig neue Epistemik.

Ralph R. Acampora: Auslöschung durch Ausstellung: Ein Blick auf und in den Zoo

kts8

Jahrgang 11, Nr. 2, ISSN 2363-6513, Oktober 2025

Auslöschung durch Ausstellung: Ein Blick auf und in den Zoo

Ralph R. Acampora

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Abstract: Dieser Artikel vergleicht die phänomenologische Struktur zoologischer Ausstellungsformate mit den in der Pornografie vorherrschenden Mustern. Er untersucht mehrere Diskrepanzen zwischen beiden Bereichen, stellt fest, dass diese entweder nicht vorhanden oder irrelevant sind, und kommt zu dem Schluss, dass die vorgeschlagene Analogie genug Bestand hat, um als kritische Linse zu dienen, durch die man die Institution Zoo betrachten kann. Die zentrale Idee, die sich in diesem Interpretationsprozess offenbart, ist paradox: Zoos sind insofern pornografisch, als sie die Natur ihrer Objekte gerade dadurch verschwinden lassen, dass sie sie übermäßig exponieren. Da die Tiere gerade durch die Feilbietung ihrer Sichtbarkeit degradiert oder marginalisiert werden, wird der Anspruch der „Bewahrung” kritisiert. Es wird angeregt, den Zoo, wie wir ihn kennen, durch authentischere Formen der Begegnung mit anderen Lebensformen abzulösen.

Schlagworte: Zoos, Pornografie, in Gefangenschaft gehaltene Tiere, Wildtiere, Tierschauen, Ausstellung, speziesübergreifende-/Interspezies-Ethik, Artenschutz, Biophilie

Originalfassung:
Ralph R. Acampora: Extinction by Exhibition: Looking at and in the Zoo, Human Ecology Review, Vol. 5, No. 1, 1998, S. 1–4.
https://www.humanecologyreview.org/Human%20Ecology/HER_5,1,1998.pdf [19.10.2025].
Herausgegeben von der Society for Human Ecology.
Übersetzung ins Deutsche: Gita Yegane Arani.

Die zweite Natur stellt uns vor größere Probleme als je zuvor, da wir uns plötzlich bewusst geworden sind, wie sehr wir von ihr abhängig sind und inwieweit unsere Ansprüche tödlich sein könnten. (Schwartz 1996, 173)

Im Laufe seiner Geschichte hat der Zoo eine relationale Dynamik der Herrschaft demonstriert. Ursprünglich, in seiner Zeit als privater Garten, war er ein mächtiges Symbol der Herrschaft und vermittelte ein imperiales Bild des Menschen als Monarchen – Herrscher über die Natur, Herrscher über die Wildnis. Schließlich wurde er in eine öffentliche Menagerie umgewandelt und zu einem Ritual der Unterhaltung, das ein fast trickreiches Bild des Menschen als Magier vermittelte – als Bändiger von wilden Tieren, als Beschwörer über Gefangene. Der moderne Zoo ist zu einem Wissenschaftspark und ästhetischen Ort geworden, dessen Bedeutung als erlösend gilt; er steht als Symbol für Naturschutzpolitik und vermittelt ein religiöses Bild vom Menschen als Messias – dem neuen Noah: Retter der Arten, gütiger Despot der Tiere. Vom Imperium, über den Zirkus, bis hin zum Museum oder zur Arche, wurde der Zoo nach anthropozentrischen und wohl auch androzentrischen Hierarchien und Entwürfen organisiert (Mullan und Marvin 1987).

Historisch geprägt von paternalistischen Mustern und Spuren des Patriarchats, rechtfertigen sich zoologische Einrichtungen heute mit dem Verweis auf ihre angeblich rettenden Stärken. Zoos werden als Zufluchtsorte für den Schutz wildlebender Tierarten legitimiert, als Rettungsanker für ein Tierreich, das durch die industrialisierte Zivilisation bedroht ist. In Anlehnung an John Berger (1977) behaupte ich, dass diese Selbstdarstellung eine Ideologie ist, die sich in einem Paradox verfängt – denn gerade die von Zoos geschaffene Exposition löscht die offensichtlichsten „natürlichen” Merkmale ursprünglich wilder Lebewesen aus, nämlich deren Fähigkeit, sich anderen zu entziehen oder sich frei mit ihnen auseinanderzusetzen. (Eine solche Auslöschung findet auch dann statt, wenn man sich von einer klassischen Lehre von natürlichen Arten distanziert. Meine Argumentation stützt sich nicht auf unveränderliche Wesensmerkmale von Arten als solche, sondern vielmehr auf die allgemein akzeptierten Bedeutungen von Wildheit für jedes beliebige Tier.) So löscht diese Art der Zurschaustellung für uns die existenzielle Realität dieser Tiere aus, obwohl sie vorgibt, deren biologische Existenz zu bewahren. Selbst die kluge Zoobefürworterin Emily Hahn räumt ein, dass „das Wildtier in Gefangenschaft … zwangsläufig sein Wesen verändert und nicht mehr das Tier ist, das wir sehen wollen“ (1967, 16). Berger erläutert die Ironie wie folgt: Trotz des offensichtlichen Zwecks dieses Ortes „kann ein Fremder nirgendwo in einem Zoo dem Blick eines Tieres begegnen … Höchstens flackert der Blick des Tieres auf und verschwindet wieder … Sie schauen zur Seite … Sie schauen blindlings in die Ferne … Sie scannen [a.d.Ü. ihre Umgebung] mechanisch“ (1977, 26).

Da der Zoo seine Ausstellungs-Objekte gewissermaßen einer Überexposition aussetzt, die ihre wahre Natur herabstuft, kann man ihn als Teil einer paradoxen Form der Pornografie betrachten – nicht im Sinne von etwas Sexyem, sondern als eine Institution visueller Gewalt. Daher ist „der Zoo, in den Menschen gehen, um Tiere zu treffen, sie zu beobachten, sie zu sehen, in Wirklichkeit ein Denkmal für die Unmöglichkeit solcher Begegnungen“ (Berger 1977, 19). Mögliche Parallelen zur Genderanalyse von Pornografie lassen sich pointiert anreißen, indem man „Zoo … Menschen … Tiere“ durch „Stripbar … Männer … Frauen“ ersetzt (Kappeler 1986, 75-76).

Die breitgefasste Analogie zwischen Zoos und Pornografie ist nützlich, denn wenn sie in den relevanten Punkten zutrifft (was meiner Meinung nach der Fall ist), wirft dieser Vergleich ein neues und ausgesprochen kritisches Licht auf die Debatte über die Haltung und Zucht von Wildtieren in Gefangenschaft. Betrachten wir zur Veranschaulichung die Kontroverse um Pornografie. Es gibt mehrere denkbare Rechtfertigungen für Pornografie, aber stellen Sie sich einmal vor, ein Befürworter würde die Position vertreten, dass wir diese Institution zulassen – ja sogar fördern – sollten, weil sie uns (insbesondere junge Menschen) dazu anregt oder inspiriert, die dargestellten Personen zu schätzen, weil sie uns „lehrt“, auf das Wohlergehen derjenigen zu achten, die in der Weise exponiert sind. Das ‚Centerfold‘ würde also als Symbol für Mitgefühl und Respekt angesehen werden! Jetzt muss nur noch herausgefunden werden, warum so viele von uns dieselbe Argumentation akzeptieren, wenn sie im Zusammenhang mit zoologischen Ausstellungen vorgebracht wird. Sicherlich gibt es relevante Unterschiede, die unterschiedliche Reaktionen rechtfertigen würden – oder etwa nicht?

Einerseits könnten wir versucht sein zu denken, dass Zoos wirklich bildend sind – in einer Weise, wie es Pornografie (zumindest in der Regel) nicht ist. Aber dieser vermeintliche Unterschied hält einer genauen Befragung nicht stand. Wir müssen kritische Fragen stellen, wie sie beispielsweise Paul Shepard formuliert hat: „Der Zoo präsentiert sich als Ort der Bildung. Aber mit welchem Ziel? Um den Menschen Respekt gegenüber der Wildnis, ein Bewusstsein für menschliche Begrenztheit und für die biologische Gemeinschaft, eine Welt der gegenseitigen Abhängigkeiten zu vermitteln?“ (1996, 233). Nein, wir müssen antworten, dass Zoos entweder schlecht vermitteln oder allzu gut falsche und gefährliche Lektionen erteilen. Ein Umweltforscher fand heraus, dass „Zoo-Besucher viel weniger über Tiere wissen als Rucksackwanderer, Jäger, Fischer und andere, die behaupten, sich für Tiere zu interessieren, und nur geringfügig mehr wissen als diejenigen, die behaupten, sich überhaupt nicht für Tiere zu interessieren“ (Kellert 1979). Fast zwanzig Jahre später ist sein Urteil immer noch verheerend: „Der Durchschnittsbesucher scheint nach seinem Besuch nur marginal wertschätzender, besser informiert oder interessierter an der Natur zu sein.“ Als Antwort auf Shepards Frage stellt er fest, dass „viele Besucher den Zoo mit einer noch stärkeren Überzeugung von einer Überlegenheit des Menschen gegenüber der Natur verlassen“ (Kellert 1997, 99).

Es gibt mehrere wenig überraschende Gründe für diese negativen Ergebnisse hinsichtlich des pädagogischen Werts von Zoos: Die Öffentlichkeit steht den Bildungsbemühungen von Zoos weitgehend gleichgültig gegenüber (nur wenige bleiben stehen, um sich die Erläuterungstafeln anzusehen, geschweige denn zu lesen); Tiere werden nur kurz und in schneller Abfolge betrachtet; die Menschen konzentrieren sich eher auf die sogenannten Babys und Bettler [A.d.Ü. Jungtiere und Tiere, mit „Unterhaltungswert“] – deren niedliches Aussehen und lustige Possen ziehen die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich (Ludwig 1981). Natürlich ist diese Art der Unterhaltung das Herzstück dessen, was einen Zoo ausmacht (ungeachtet wissenschaftlicher Ideologien der Selbstdarstellung). Folglich und auf tückische Weise vermitteln und verstärken Zoobesuche immer wieder die unterschwellige Botschaft, dass nichtmenschliche Tiere dazu da sind, uns Menschen zu unterhalten. Selbst wenn wir in unseren illusorischen Momenten der Aufgeklärtheit darauf bestehen, dass sie eher zur Bildung da sind – selbst dann ist ihre Präsenz im Wesentlichen immer noch uns zugewiesen oder für uns bestimmt. Somit schließt die phänomenologische Grammatik ihres Erscheinens die Möglichkeit des Aufkommens vollständiger Andersartigkeit aus; dies bedeutet es, einen lebenden Körper zur Schau zu stellen und an der Stelle zu halten (eine strukturelle Inauthentizität, die trotz der besten Absichten menschlich-ökologischer Pädagogik bestehen bleibt).

Wenn dies wiederum zu pornografisch klingt, können wir diese Assoziation vielleicht ausräumen, indem wir die relevante Disanalogie an anderer Stelle entdecken. Zweifellos wird jemand denken, dass die von mir behauptete Ähnlichkeit aufgrund des offensichtlichen Unterschieds in der Anziehungskraft – erotische versus biotische Unterhaltung – weit hergeholt ist. Hier muss ich ein wenig nachgeben, denn es ist nicht der durchschnittliche Zoobesucher, der sich tatsächlich ein Schäferstündchen mit einem Nashorn wünscht. Ich gebe zu, dass Bestialität nicht zum normalen Ablauf eines Zoobesuchs gehört (obwohl sie als indirekter Bestandteil angesehen werden kann, wie in Peter Greenaways Film Z00 aus dem Jahr 1988). Dennoch behaupte ich, dass die Analogie auch hier stark genug ist, um ihre Gültigkeit zu rechtfertigen. Die Ästhetik des Zoos unterscheidet sich meiner Meinung nach nicht wesentlich von der Pornografie. In beiden Fällen finden wir Fetische des Exotischen, eine unterschwellige Angst vor der Natur, Fantasien von verbotenen oder unmöglichen Begegnungen und eine starke Annahme von Herrschaft und Kontrolle (Griffin, 1981). Angesichts dieser Ähnlichkeiten halte ich es keineswegs für abwegig zu behaupten, dass Zoo-Bewohner und Pornodarsteller in dieser Hinsicht Ähnlichkeiten aufweisen – sie sind visuelle Objekte, deren Bedeutung weitgehend durch die Perversionen eines patriarchalischen Blicks geprägt ist (Adams 1994, 23–84, insbesondere 39–54).

An dieser Stelle könnten einige der Ungeduldigen unter uns, die durch die Parallelen verunsichert, wenn nicht gar verstört sind, versucht sein, die Seriosität beider Institutionen auf einen Schlag zu retten, indem sie das zweischneidige Schwert der Freiheit schwingen. Pornografie an sich sei nicht so schlimm, so würde das Argument lauten, da sie von Profis betrieben werde, die sich für diesen Beruf „entschieden“ hätten; und was Zoos angehe, so seien Tiere ohnehin „Instinktwesen“ und daher selbst in freier Wildbahn nie wirklich frei gewesen. Dieses Gegenargument ist jedoch alles andere als überzeugend. Zunächst möchte ich darauf hinweisen, dass viele (wahrscheinlich die meisten, vielleicht sogar alle) derjenigen, die in Pornografie dargestellt werden, kaum behaupten können, sich frei für ihre Objektivierung entschieden zu haben. Darüber hinaus bin ich nicht bereit, den Instinkt zum Imprimatur zoologischer Ausstellungen werden zu lassen. Ich beiße in den sauren Apfel und möchte den Leser daran erinnern, dass einige Wale und andere Primaten offenbar an dem teilhaben, was Philosophen als positive Freiheit (grob gesagt autonome Handlungsfähigkeit) bezeichnen. Ich weiche dem sauren Apfel aus und möchte sagen, dass die meisten (wenn nicht sogar alle) anderen in der freien Natur lebenden Tiere zumindest negativ frei sind, in dem Sinne, dass sie frei sind, ihr Spezies-Sein individuell zu verwirklichen (was viele auch in qualitativer Hinsicht erleben).

Es wird den Befürwortern von Zoos an dieser Stelle nichts nützen, den Schwerpunkt zu verlagern und die Vorzüge einer Erneuerung naturalistischer Architektur zu loben, indem sie behaupten, dass die Tiere in dem schönen neuen Biodom ohne Gitterstäbe praktisch in Freiheit leben. Nein, dieser Schachzug funktioniert nicht – wenn beispielsweise die Größe des Wildgebiets eines Jaguars (25.000 Acres/10.000 ha) größer ist als die Gesamtfläche aller großen Zoos weltweit (Preece und Chamberlain, 1993)! Darüber hinaus gibt es Grund zur Annahme, dass der Anspruch auf Freiheit, mit dem wir uns hier beschäftigen, selbst mit der Struktur des Besitzbewusstseins im Zusammenhang steht. Tatsächlich zeigt die Phänomenologie von Kontrolle, von Hegel bis Sartre, dass die Dialektik der Unterdrückung ein paradoxes Bedürfnis offenbart – nämlich dass der Herr, bewusst oder unbewusst, wünscht, dass der Sklave in und durch die Ausbeutung selbst frei ist.

Es scheint also, dass das, was auf den ersten Blick als abwegig erscheinen mag – die Analogie zwischen Zoos und Pornografie – keineswegs absurd ist, sondern im Gegenteil sehr viele Gründe für ihre Stichhaltigkeit aufweist. Der Leser mag sich nun fragen, worauf das hinauslaufen soll. Schließlich, so könnte man entgegnen, ist diese vergleichende Kritik nur dann erfolgreich, wenn man im Falle der Analogie eine zweifelhafte Haltung moralistischer Prüderie einnimmt. Meine Antwort auf diesen letzten Einwand lautet, dass im Bereich der Erotik plausible Unterscheidungen zwischen der Politik der Erniedrigung und der Ästhetik der Enthüllung getroffen werden können. Eine Möglichkeit, diese Trennung zu verdeutlichen, besteht darin, wie Berger vom Unterschied zwischen Nacktheit und Blöße zu sprechen: „Nackt zu sein [A.d.Ü. im Sinne des engl. ‚naked‘, im Englischen kann man zwischen ‚nakedness‘ und ‚nudity‘ unterscheiden] bedeutet, man selbst zu sein … Nackt zu sein [im Sinne der engl. ‚nude‘] bedeutet, von anderen nackt gesehen zu werden und dennoch nicht als man selbst erkannt zu werden
… Ein nackter Körper muss als Objekt betrachtet werden, um nackt zu sein [ = im Sinne von ‚nude‘] … Nacktheit [‚nakedness‘] offenbart sich … Nacktheit/Blöße [‚nudity‘] wird zur Schau gestellt … Nackt zu sein [‚nakendness‘] bedeutet, ohne Verkleidung zu sein … Nacktheit [ = ‚nudity‘] ist eine Form der Kleidung“ (Berger 1972, 54).

Lassen Sie uns nun den zugrunde liegenden Unterschied neu bewerten, indem wir die Begriffe „gefangen” und „wild” durch „nackt” und „bloß” ersetzen. Die Umwandlung ist nicht nahtlos, aber mit ein wenig interpretatorischer Finesse ist sie aufschlussreich: Wild zu sein bedeutet, man selbst zu sein; gefangen zu sein bedeutet, von anderen als wild angesehen zu werden, aber dennoch nicht als man selbst anerkannt zu werden (warum tanzen die nachtaktiven Tiere nicht tagsüber, wenn wir vorbeikommen?); ein wilder Körper muss als Objekt gesehen werden, um gefangen zu werden; Wildheit offenbart sich (ungeachtet der Tarnung); Gefangenschaft wird zur Schau gestellt; wild zu sein bedeutet, ohne Verkleidung zu sein; Gefangenschaft ist eine Form der Kleidung (Kostüm komplett mit Identitätsplaketten und passenden Zeichen der Unternehmenssponsoren der Ausstellung). Meine Bemerkungen in Klammern sind nicht die einzigen möglichen – mit ein wenig Fantasie kann jeder, der schon einmal im Zoo war, seine eigenen Kommentare hinzufügen.

Zusammenfassend glaube ich, dass die Untersuchung zooskopischer Pornografie besonders hilfreich wäre, um die Entstehung einer allgemein visuellen Kultur kritisch zu verstehen – denn darin verzweigt sich die Politik der Wahrnehmung bis hin zur Naturgeschichte. Michel Foucault hat einmal bemerkt: „Jahrtausendelang blieb der Mensch das, was er für Aristoteles war: ein Lebewesen mit der zusätzlichen Fähigkeit zu politischer Existenz; der moderne Mensch ist ein Lebewesen, dessen Politik seine Existenz als Lebewesen in Frage stellt“ (1980, 143). Vielleicht ist der postmoderne Mensch ein Tier, dessen Wahrnehmungstechniken seine Beziehungen zu anderen Lebewesen fragwürdig machen; vielleicht brauchen wir jetzt eine Genealogie des „Zooptikons“. Wie dem auch sei, bevor ich zum Schluss komme, möchte ich Missverständnisse meiner zentralen Analogie vermeiden, und klarstellen, dass ich die Beschäftigung mit „Wildtieren“, ob biotisch oder erotisch, nicht ausschließe. Im ersten Fall glaube ich, dass es eine authentische Begegnung mit Tieren gibt, nach der wir ein biophiles Bedürfnis haben.

Die Beliebtheit von Zoos übertrifft sogar die von Profisportligen bei weitem; allein in den Vereinigten Staaten ziehen sie jährlich 135 Millionen Menschen an (Kellert 1997, 98). Es ist wahrscheinlich, dass die Werbemaßnahmen für Naturschutz, Forschung und Bildung weder notwendige noch ausreichende Bedingungen für die Existenz von Zoos darstellen. Was wir allzu leichtfertig als „Unterhaltung” bezeichnen, ist wahrscheinlich sowohl notwendig als auch ausreichend, und daher sollten wir dieses letztere Motiv neu definieren und weiter erforschen. Wenn etwas wie das, was E. O. Wilson (1984) als Biophilie beschreibt, hinter unserer Ausstellung anderer Organismen steckt, dann schlage ich vor, dass es unsere Aufgabe ist, Wege zu entwickeln, um diesen biophilen Antrieb und die damit verknüpfte Verbundenheit mit Tieren, auf eine Weise zu fördern, die über das hinausgeht und besser ist als das, was Zoos tun oder tun können.

Für manche mag es so klingen, als würde ich die Tür zu einer möglichen Verbesserung der Zoos vorschnell schließen zu wollen. Tatsächlich hat ein Beobachter bereits eine Reihe interessanter pädagogischer Reformen für diese Einrichtungen vorgeschlagen. Scott Montgomery sieht den Zoo als einen Ort, an dem man die Domestizierung von Tieren studieren, über die gängigen Vorstellungen von Animalität nachdenken, die Kulturgeschichte des Zoos selbst untersuchen und die Idee des Naturbegriffs hinterfragen kann (Montgomery 1995, 576ff.). Das sind anspruchsvolle Ziele, von denen einige im Widerspruch zur Unterhaltungsdynamik des Zoos als solchem stehen. Die tatsächliche Bildungsreform im Zoo ist bescheidener, aber dennoch interessant als mutmaßlicher Katalysator für die Neugierde der Schüler (Sunday Morning, 1998). Meiner Meinung nach würde eine echte Transformation – eine, die die Trivialität und Stereotypisierung von beispielsweise Animal Planet im Fernsehen und Disney‘s Animal Kingdom einschränkt – den Zoo so radikal verändern, dass ein anderer Name für die Anlage erforderlich wäre.

Wie könnten solche Veränderungen aussehen? Ein erster Schritt könnte darin bestehen, den Zoo von seinem Exotismus zu befreien. Das Belize Tropical Education Center beispielsweise hält nur einheimische Tiere und dann in der Regel nur solche, die verletzt oder verwaist sind (Coc et al. 1998, 389f.). Ein zweiter Schritt könnte darin bestehen, den Gedanken und die Praxis der Haltung selbst einzuschränken oder ganz aufzugeben. In Victoria beispielsweise, am südöstlichen Rand des australischen Festlands, habe ich einen Ort gesehen, der zum Schutz und zur Beobachtung von Zwergpinguinen [Eudyptula minor] eingerichtet wurde, der deren Zugang sowohl zum Meer als auch zu ihren üblichen Schlafhöhlen erhält. Meiner Meinung nach ist – unabhängig davon, was man sonst über einen solchen Ökotourismus sagen mag – einer seiner wichtigsten Vorzüge, dass er es den Tieren selbst überlässt, ob sie Kontakt zu menschlichen Besuchern aufnehmen oder diesen abbrechen. Es ist die Einhaltung dieser grundlegenden Art der „Etikette“, auf die Weston (1994) mehrfach Bezug nimmt, die sich deutlich von dem oben von mir kritisierten Muster der Pornografie unterscheidet.

Danksagungen

Ich bin dankbar für die nachdenklichen und konstruktiven Kommentare eines anonymen Rezensenten. Auch möchte ich mich für die hilfreichen Beiträge von Christa Davis Acampora und Fred Mills, sowie für die Unterstützung von Bruce Wilshire bedanken. Und schließlich bin ich Linda Kalof für ihre redaktionelle Ermutigung zur Überarbeitung zu Dank verpflichtet.

Quellenangaben

Adams, C. 1994. Neither Man nor Beast: Feminism and the Defense of Animals. New York: Continuum.
Berger, J. 1972. Ways of Seeing. London: BBC/Penguin.
Berger, J. 1977. „Why Look at Animals?“ In J. Berger (Hg.), About Looking, 1–26. New York: Pantheon, 1980.
Coc, R., L. Marsh und E. Platt. 1998. „The Belize Zoo: Grassroots Efforts in Education and Outreach.“ In R. B. Primack et al. (Hg.), Timber, Tourists, and Temples: Conservation and Development in the Maya Forest of Belize, Guatemala, and Mexico, 389–395. Washington, D.C.: Island Press.
Foucault, M. 1980. The History of Sexuality, Volume I: An Introduction. R. Hurley (Übers.). New York: Random/Vintage.
Greenaway, P. A., Regie. 1988. Zoo: A Zed and Two Noughts. Beverly Hills: Pacific Arts Video.
Griffin, S. 1981. Pornography and Silence: Culture’s Revenge Against Nature. New York: Harper & Row.
Hahn, E. 1967. Animal Gardens. Garden City: Doubleday.
Kappeler, S. 1986. The Pornography of Representation. Minneapolis: University of Minnesota Press.
Kellert, S. 1979. „Zoological Parks in American Society.“ Vortrag auf der Tagung der American Association of Zoological Parks and Aquaria.
Kellert, S. 1997. Kinship to Mastery: Biophilia in Human Evolution and Development. Washington, D.C.: Island Press.
Ludwig, E. G. 1981. „Study of Buffalo Zoo.“ In M. Fox (Hg.), International Journal for the Study of Animal Problems. Washington, D.C.: Institute for the Study of Animal Problems.
Montgomery, S. L. 1995. „The Zoo: Theatre of the Animals.“ Science as Culture 21: 565–602.
Mullan, B. und G. Marvin. 1987. Zoo Culture. London: Weidenfeld and Nicolson.
Preece, R. und L. Chamberlain. 1993. Animal Welfare and Human Values. Waterloo, Ontario: Wilfrid Laurier University Press.
Schwartz, H. 1996. The Culture of the Copy: Striking Likenesses, Unreasonable Facsimiles. New York: Zone.
Shepard, P. 1996. The Others: How Animals Made Us Human. Washington, D.C.: Island Press.
Sunday Morning. 12. April 1998. Fernsehsendung auf CBS, Segment über „Zoo Schools“ in Lincoln (Nebraska), Minnesota u. a.
Weston, A. 1994. Back to Nature: Tomorrow’s Environmentalism. Philadelphia: Temple University Press.
Wilson, E. O. 1984. Biophilia. Cambridge: Harvard University Press.

Der Autor:

Ralph R. Acampora ist associate professor für Philosophie an der Hofstra University, New York (USA), wo er das Programm für Critical Animal Studies gegründet hat und leitet. Er ist Autor von „Corporal Compassion: Animal Ethics and Philosophy of Body” (2006), Herausgeber von „Metamorphoses of the Zoo: Animal Encounter After Noah” (2010) und Mitherausgeber von „A Nietzschean Bestiary: Becoming Animal Beyond Docile and Brutal” (2003). Acampora war Mitherausgeber der Zeitschrift ‚Humanimalia‘ und ist Rezensionsredakteur der Zeitschrift ‚Society & Animals‘. Er engagiert sich in verschiedenen Bereichen im Tierschutz und in Tierrechten und hat in der Humane Education, sowie als urban park ranger in New York City in der pädagogischen Arbeit für den Umweltschutz gearbeitet.

Anmerkung zur Übersetzung:

Aus Gründen meiner Haltung zu übersetzungstechnischer Plausibilität, hätte ich zu: „Auslöschung durch das Exponieren: Ein Blick auf und in den Zoo“ tendiert, aber den Freiraum übersetzerischer Möglichkeiten nutzend, gebe ich dem Wunsch des Autoren nach, welcher nun die Fassung präferierte, die wir schlussendlich gewählt haben und die tatsächlich prägnanter zu sein scheint und dem Original so hoffentlich näher kommt.

Das immer wieder umstrittene Thema der Legitimität von Analogieschlüssen und Brückenbildungen in der Auseinandersetzung ausgehend von ‚intramenschlichen Erfahrungen‘ und Schilderungen von Unterdrückung und derjenigen Fragen, die sich mit den Analogismen aufwerfen, greifen wir in unserer Tierrechtsarbeit immer wieder auf. Es gibt vermutlich keine finale, für alle Seiten befriedigende Antwort, ob und wie Analogien einen vermeintlich „sicheren“ Boden der Argumentation bieten – nicht wegen ihrer eigentlichen Legitimität, sondern vielmehr, weil Grenzen rund um Sachverhalte und Verhältnismäßigkeit uneinheitliches Gebiet darstellen und die arbiträren Grenzen in Arten ethischer Gewichtung wiederum hart umkämpft werden.

Genau der Aspekt der Gangbarkeit und Handhabe in Sachen Analogien, ist in dem Artikel in einer sehr differenzierten Weise ausgearbeitet. Wir sehen das Aufzeigen der Möglichkeiten, sich über Vergleiche an Problematiken, denen wir in Tierrechtsfragen begegnen, heranzuarbeiten, um zu eigenständigen Lösungen zu gelangen.

Dies bildete einen Grund, weshalb uns die Übertragung dieses Textes für unser Projekt als sehr hilfreich erschien. In Sachen > Zoos und Tierrechte ist es unumgänglich Wege und Perspektiven der Annäherungsweise überhaupt zu entwickeln. Prof. Ralph Acampora ist auf diesem Gebiet ein Pionier in der US-amerikanischen Tierrechtsbewegung.

Tierautonomie
Publisher: www.simorgh.de – ‘Society, conflict and the anthropogenic dilemma’. This reader is published by the Edition Farangis in context with the memorial fund dedicated to the work of Dr. phil. Miriam Y. Arani.

Citation
Acampora, R. R. (2025). Auslöschung durch Ausstellung: Ein Blick auf und in den Zoo. TIERAUTONOMIE, 11 (2). http://simorgh.de/tierautonomie/JG11_2025_2.pdf

TIERAUTONOMIE (ISSN 2363-6513)

We, the Gruppe Messel, are a multispecies network dedicated to > Eurohippus messelensis and the world heritage known as the Messel Formation > and with it: today’s work in Animal Rights!

© Tierrechte Messel, Edition Farangis, Usingen / Taunus, 2025

Equal Consideration for Animals (1)

Equal consideration for Animals

Insekten-Demokratie > Tierrechtedemokratie > heißt jeder kann was FÜR das tun, was im Interesse von
Tieren und deren Habitaten liegen müsste: Antispe sein.

Da muss nicht erst irgendein Leadership “von oben” Bescheid geben, keine Masse erst “mobil machen”. Einfach selber Aktivismus machen und handeln.

Es ist nicht so schön als Unhold zu gelten, wenn man eine überfällige und berechtigte Kritik übt an vermeintlichen Mitstreitern. Wir sagen es schon lange und intern ist es schon lange bekannt, wo die Unterschiede verlaufen in der Zielsetzung eines paternalistischen Tierschutzes [1], der in sich in Wirklichkeit höchst widersprüchlich ist, aber genau diese Widersprüchlichkeit ist es, die uns hier beschäftigen sollte. Ob Singer, der Mäusetode für ethisch weniger relevant für die Maus selbst hält [2], weil er ihnen damit implizit ein Mausbewusstsein, das auf solches hinausliefe abspricht, oder die Befürwortung hierarchisch gedachter Tierrechte im Westlichen oder westlich geprägten Denken – wir halten eine Diskussion über Hierarchie und Speziesismus genau an der Stelle für dringend notwendig:

Unser aktueller Beitrag dazu > Keine philosophische Beherrschbarkeit > https://tierrechtsethik.de/keine-philosophische-beherrschbarkeit/

Negative Ethics im Fokus: Schutz vor menschlicher Destruktivität.

[1] Kollaborationen, wie mit der für ihren speziesistischen Ansatz bekannte HSUS, aber auch Institutionen, wie im Folgenden benannt, die Goodall unterstützte, spiegeln die Haltung eines hierarchischen, wenn auch wohlwollenden Weltbildes, das bei vielen im geselllschaftlich domonierenden Mainsteam bevorzugt wird: “However, she is now embroiled in a row with the group, of which she is president, after she praised a research centre that she opened at Edinburgh Zoo.” https://web.archive.org/web/20080526005435/http://www.telegraph.co.uk/news/newstopics/celebritynews/2011241/Is-Jane-Goodall-about-to-lose-her-post.html [05.10.25]

[2] Singer äußert dies in verschiedenen seiner Texte, so etwa in Practical Ethics (1979), Animal Liberation (1975) und hier: “So normally, the death of a human being is a far greater loss to the human than the death of a mouse is to the mouse — for the human, it thwarts plans for the distant future, and it does not do that for the mouse.” https://petersinger.info/faq [Zugriff 16.05.2023]

 

Progressive speciesism in bits an pieces: Jokes about Birds Eggs

Typischerweise soll Speziesismus immer ein Lappalie sein. Und Der Hinweis auf trifleness reicht als antispeziesistischer Hinweis leider überhaupt null.

Typically, speciesism is always supposed to be a trifle. And referring to trifleness is completely inadequate as an anti-speciesist claim.

Warum ist Bluesky bis dato eine progressive aber nicht tierrechtsbewusste Platform? In Sachen Tierrechten hat das vermeintliche kulturkonsumeristisch-informierte Links- und Antifasein von heute das Ende seiner Fahnenstange offensichtlich erstmal erreicht.

Why is Bluesky still a progressive but not animal rights-conscious platform? When it comes to animal rights, the presumably culturally consumerist-informed left and anti-fascists of today have obviously reached the end of the rope. English below German version, please scroll down.

Am Thema Hühner/Ei erkennt man eben wieder den Unterschied:
Leute, die vegan/teilvegan oder vegan-positiv sind, machen Witze, die de facto speziesistisch sind.
Sie meiden deswegen nicht nur rad. Antispeziesismus, sondern auch jegliche antispeziesistische Enthierarchisierung (Analogievergleiche).

Typischer Duktus auf dieser Plattform: Themen, die nicht in die Agenda passen, die aber auch nicht irgendwo in einem feindlichen politischen Lager angesiedelt sind, einfach mal lapidar unterhöhlen. Tolle Taktik. Nur was wollen diese Personen damit erreichen???

Genau diese Unsubttilitäten bilden die Substanz, auf der heutiges regressives Verhalten sich tagtäglich aufbauen und produzieren kann. Man weiß es, und man will es offensichtlich gesellschaftlich genau so. Sonst hätten wir nicht diese Undercurrents, die stets am nervig dominantesten sein können.

Stellt “Euch” mal ganz offen der Frage, wie weit Eure Werteverständnisse in Wirklichkeit gehen? Sie gehen in den Punkten, in denen Selbstdenken und unabhängigeres Denken mal angesagt wären, genauso weit, wie die eurer “Erzfeinde”.

Ihr versteht das Wort vegan, aber ihr versteht die Probleme nicht, die vegan mal versucht hat zu adressieren.
“Vegan” haben viele heute derart geschafft von Antispeziesismus zu entkoppeln, wie nur was. Es besagt nichts über die Einstellung von Personen im Bezug auf tierrechtrelevante Fragen.

Zwei Beispiele: User Volker Dohr, Journalist ; User Psilz

Das einzige Interessante ist, dass groß artikulierte Sensibilitäten bei den einen Themen und ein Mangel an Kritik (die über ein kurzes Minimalraunen kaum hinausgeht) bei den weniger von den Mehrheiten priorisierten Themen, nicht automatisch impliziert, dass “wir” in “unserer Gesellschaft” ethisch irgendwie mal wirklich über ein paar weniger relativ konstant gleichbleibende Minimalkonsense hinauskämen.

Why is Bluesky still a progressive but not animal rights-conscious platform? When it comes to animal rights, the presumably culturally consumerist-informed left and anti-fascists of today have obviously reached the end of the rope.

The chicken/egg issue shows the difference again:

People who are vegan/partially vegan or vegan-positive make jokes that are de facto speciesist.
They therefore not only avoid rad. Antispeciesism, but also any antispeciesist de-hierarchization (analogy comparisons).

Typical style on this platform: simply succinctly undermine topics that do not fit the agenda, but which are also not located somewhere in a hostile political camp. Great tactics. But what are these people trying to achieve?

It is precisely these unsubtleties that form the substance on which today’s regressive behavior can be built and produced on a daily basis. We know it, and this is obviously what society wants. Otherwise we wouldn’t have these undercurrents, which can always be the most annoyingly dominant.

Ask “yourselves” quite openly how far your understanding of values really goes? It goes just as far as that of your “arch-enemies” in areas where self-thinking and more independent thinking would be needed.

You understand the word vegan, but you don’t understand the problems that vegan once tried to address.
Today, many have managed to decouple “vegan” from anti-speciesism like nothing else. It says nothing about people’s attitudes towards animal rights issues.

The only interesting thing is that widely articulated sensitivities on some topics and a lack of criticism (which hardly goes beyond a brief minimal murmur) on the topics less prioritised by the majorities does not automatically imply that ‘we’ in ‘our society’ would somehow really get beyond a few relatively constant minimal consensuses.

 

Soziale Ritualistik, Witchcraft und Tierobjektifizierung

Soziale Ritualistik, Witchcraft und Tierobjektifizierung:

Zur Programmatik von Speziesisten / Tierobjektifizierenden kann es auch gehören, den von ihnen gewünschten Effekt in einer “Retard”-Version quasi zu induzieren, indem durch die 1.) Verzögerung einer für jeden ersichtlichen Offenlegung der durch sie transportierten Philosophien und 2.) durch eine initiale bewusst und gezielt schlichtweg angedeutete Verborgenheit ihrer Botschaft und Agenda eine Normalisiertheit des speziesistischen, tierabwertenden Akts vermittelt werden soll. Die größte Grausamkeit in Denken und Handeln gegenüber Tieren kennzeichnet sich bei diesen Menschen in ihrem selbstbezeichnenden Ansatz dadurch, dass sie > Nebensächlichkeit und gehütetes kollektives ritualisiertes Geheimnis in einem ist.

Gruppe Messel, antibiologistische Tiersoziologie

Aus unserem Visual Opinions Workshop > https://tierrechtsethik.de/soziale-ritualistik-witchcraft-und-tierobjektifizierung/

 

 

 

 

 

Wenn Menschen Tiere okkupieren

Tiere sind nicht einfach ein neutraler Grund, den man nach Gutdünken okkupieren kann. Wenn ich in irgendeiner Form Tiere einbringe, egal in welcher Form, bewege ich mich auf den Boden der Tierrechtsfragen. Und wenn ich mir diese Fragen nicht in vernünftiger Weise heute stellen will, dann bin politisch regressiv und als solches auch kritisierbar. Tiere einzubauen in mein Leben, ohne mich mit ihren Interessen auseinanderzusetzen, ist ein faktisch objektifizierendes Verhalten.
Gruppe Messel, 2022

Multidimensionaler Aktivismus statt intersektional

 

Multidimensionaler Aktivismus statt intersektional

Gita Yegane Arani und Lothar Yegane Arani (Prenzel)

Der Begriff der Intersektionalität wurde im Bereich sozialer Gerechtigkeit und juristisch-soziologischer Analyse von der afroamerikanischen Juristin Kimberlé Crenshaw Ende der 1980er Jahre geprägt. Er diente der Hervorhebung und Adressierung der Problematiken von Diskriminierung marginalisierter Gruppen in der US-amerikanischen Gesellschaft. Die Beobachtung, dass verschiedene Diskriminierungsformen im Bezug auf ein betroffenes Subjekt gleichzeitig und überlappend stattfinden können, wird heute soziologisch häufig beschrieben. Man spricht von Überschneidungen unterschiedlicher Diskriminierungsformen: so zum Beispiel von Schwarzen und (anderen) Menschen aus dem globalen Süden, bei „ethnisch“-argumentierenden Formen von Diskriminierung, von Frauen, von Menschen mit nichtnormativem Gender-Verständnis, von Menschen mit Behinderung aufgrund von „Ableismus“, von Menschen, die durch materielle Armut betroffen sind, usw.

Beim Thema „intersektionaler Veganismus“ werden nun auch Themen mit einbezogen, die die natürliche Umwelt und nichtmenschliche Tiere betreffen.

Klassischerweise beziehen wir die Perspektive von „Sozialsein“ primär nur auf Menschen, und so verstehen manche Menschen unter dem Zusatz „intersektional“ zu Veganismus, allein die sozialen und die politischen Komponenten, die der Veganismus für menschliche Gesellschaften in sich birgt – ungeachtet ihrer Zusammenhänge mit Tierleben und umweltethisch-ökosozialen Aspekten.

Die afroamerikanische Philosophin Syl Ko beschreibt Merkmale, die die Diskriminierungsformen ‚Rassismus‘ und ‚Tierobjektifizierung‘ unterscheiden:

Der Rassismus schließt Menschen aus der Gruppe der Menschen als „Untermenschen“ usw. aus, während die Herabsetzung oder Objektifizierung von Tieren beinhaltet, dass der Mensch sich überhaupt erst gar nicht in relevanter Weise mit dem Tiersein jemals befasst hat, und Tiere diskriminiert werden als ultimativer Ausdruck des Desinteresses und der Unkenntnis von ihnen.

Sie lehnt das Konzept „Speziesismus“ daher in seiner gängigen Form als unzureichend ab, in der man Rassismus, Sexismus, und die weiteren bekannten -Ismen, mit der man intrahumane Diskriminierungsformen unter Menschen beschreibt, nun um den Faktor „Spezies“ als Diskriminierungsfaktor, der sich auf Nichtmenschen bezieht, erweitert. Eine Beschreibung von Tierunterdrückung (Tierobjektifizierung, usw.) sollte, nach Meinung von Syl Ko, in ihrer besonderen Problematik abgebildet werden.

Syl Ko kritisiert ebenfalls am antispeziesistischen Diskurs, wie er gegenwärtig geführt wird, dass allgemein eine Spezies-Objektive Sicht auf Tiere angewandt wird. Dass aber genau der Objektivismus gefahren menschlicher verabsolutierter Perspektivität in sich birgt. Menschliches Verhalten muss sich selbst kritisch hinterfragen und korrigieren können. Syl Ko prägt in ihrem gemeinsam mit der Autorin Lindgren Johnson verfassten Essay: ‚Eine Rezentrierung des Menschen‘ den Begriff der Spezies-Subjektivität als Ort sozialer Interaktion zwischen den Spezies, und entbiologisiert und ent-objektifiziert so die Seite des Tierseins und spricht damit im Sinne einer vernünftigen neuen Tiersoziologie.

Wie geht man mit all den Kategorien sozialer Unterdrückung, sozialen Ausschlusses, sozialen Verkanntseins und mit den globalen Themen ökologischer Zerstörung um?

Die Schwester von Syl Ko, die afroamerikanische Autorin und Aktivistin Aph Ko, mit der Syl das in der Tierrechtsbewegung sehr beachtete Buch ‚Aphro-Ism: Essays On Pop Culture, Feminism, and Black Veganism from Two Sisters‘ im Jahr 2017 veröffentlichte, benennt einen wesentlichen Mangel am Konzept von Intersektionalität.

In ihrem 2019 erschienenen Buch ‚Racism as Zoological Witchcraft‘ schreibt Aph Ko, dass „raw oppressions“ (rohe Unterdrückungsformen) existieren und sie adressiert Unterdrückung nicht vom Standpunkt der Intersektionalität, sondern von der Perspektive einer multidimensionalen Befreiungstheorie aus.

Dazu erklärt sie: „Für eine wahre Befreiung empfehle ich kein intersektionales oder interdisziplinäres Denken: sondern ich ermutige zu einen „un-disziplinären“ Denken. Der einzige Weg, der uns weiterführt, besteht daraus, disziplinäre Logik zu transzendieren. Die Lehrfächer selbst (z.B. über „Rasse“/Rassismus, Gender, Klasse, etc.) sind bereits durch Kolonialität infiziert. Diese sozialen Kategorien sind aus einem unterdrückerischen System selbst hervorgegangen – aus genau dem System, das Aktivist*innen vorgeben zu bekämpfen. Indem sie die kolonialisierten sozialen Kategorien in ihrer „Intersektionalität“ beschreiben, hebt dies jedoch noch lange nicht die Struktur von Kolonialität auf, sondern wir umgehen dadurch lediglich die Arbeit, die wir innerhalb der Kategorien selbst zu erledigen hätten.“ (S.15)

Was viele Akademiker*innen und Aktivist*innen miteinander gemeinsam hätten, sei die bedauernswerte Neigung dazu, „Rassismus“, „Speziesismus“ und andere Gesichter von Unterdrückung als eigenständige zu trennende Themen zu begreifen. Dies zeuge von einer beharrlich bestehenden Kolonialität ihres Denkens. Theoretiker*innen, die sich mit Intersektionalität befassten, so warnt Aph Ko, behaupten, sie würden das Problem lösen, indem sie die Kategorien miteinander in Verbindung setzen. In Wirklichkeit würden sie jedoch das Problem verschlimmern, indem sie die Reifikation der Kategorien selbst zuerst verstärkten.

Was wir anerkennen sollten, so sagt Aph Ko, ist, dass weißes Überlegenheitsdenken (white supremacism) multidimensional zu analysieren ist – das heißt dieser Herrschaftsanspruch drückt sich in verschiedenen Registern aus, einschließlich derer von „Rasse“ und von „Spezies“, die allesamt gemeinschaftlich von Grund auf errichtet wurden.

Ethische Lebensweisen

Eine ethische vegane Praxis kann die kritische Kontextualisierung von Unterdrückungsmechanismen auf Tiere und nichtmenschliche Belange über die Speziesbarrieren hin erweitert thematisieren, siehe dazu beispielsweise in unseren Veröffentlichungen Beiträge von Anastasia Yarbrough, Amie Breeze Harper, Aph Ko und Syl Ko und pattrice jones. Diese Autorinnen stellen in ihren Argumentationen gegen oppressive Systeme unterschiedliche Bezüge zwischen Tierobjektifizierung und Herrschaft her.

Eine Überschneidung von Themenfeldern ist der ethisch-motivierten veganen Praxis vom Grundgedanken her inhärent. Unterschiedliche ethische Felder werden berührt, wobei am zentralsten die Themen im Bezug auf das Mensch-Tier-Verhältnis betroffen sind, weil hier eine Lebenspraxis definiert wurde, die Tierleben in ihren Interessen und Rechten versucht zu berücksichtigen. Der Objektifizierung von Tieren als Vermaterialisierung des Tierseins als Konsumgut wird entgegengetreten. Eine bewusste, achtsame und wertschätzende Ebene der Begegnung von Menschsein mit den Tiersein wird angestrebt. An tierrechtsethische Fragen binden sich ökologische Themen und auch diejenigen Fragen, die all das, was ‚ausschließlich Menschen’ anbetrifft, mit einbeschließen.

Ökologisches Bewusstsein und Gesundheit, als zwei tragende Säulen des Mainstream-Veganismus, sind wichtige gesellschaftspolitische Themen. Im Zusammenhang mit dem Veganismus ergeben sich zahlreiche Schnittstellen perspektivischer Ansätze, das heißt: Die ethisch-vegane Praxis und soziale/politische Positionen stehen in relevanter Korrelation miteinander.

Seit den frühen 2000ern existieren vegane Projekte, die sich solchen Schnittstellen zunehmend aufmerksamer zugewendet haben. Wichtige Themen sind dabei die Nahrungsmittelgerechtigkeit, Rassismus, Feminismus, Sexismus, Homophobie, Ableismus, usw. gewesen. Alle diese Themen wurden durch neue Projekte und Initiativen mit dem Veganismus und aus veganer Sicht kontextualisiert. Solche Projekte bildeten einen Kontrast zu einem veganen Mainstream, der Tier- und Umweltthemen in eher starren konservativen Kategorien betrachtet hat, und in denen eine reduktive Sicht auf Tier- und Umweltthemen oftmals dazu genutzt wurde, Themen intrahumaner Un-/Gerechtigkeit aus der Diskussion herauszuhalten.

Die reduktive Sicht von umwelt- und tierrechtsethischen Fragen gerät erst langsam in Erschütterung durch dekoloniale Diskurse, die imstande sind, klassisch-hegemoniale Kategorisierungen zu hinterfragen.

Organisationen, Gruppen und Initiativen wie beispielweise Sistahvegan und Vegans of Color, einige vegan-feministische und anti-ableistische Initiativen und Blogs oder Projekte, wie Microsanctuaries, die sich Speziessubjektivität zugewandt hatten, sind vegane Projekte dieser Art gewesen. Dort konnten wir erweiterte Perspektivmöglichkeiten in der Ethik sehen, bei denen durch verschiedene Schwerpunkte Akzente gesetzt und Denkanstöße gegeben wurden.

Vermieden werden soll durch die Kontextualisierung von Themenschwerpunkten, dass der Veganismus (und andere, ähnliche ethisch-ganzheitliche Lebenshaltungen) die Chance verpassen könnten ihr politisches Potential dazu zu nutzen, in der breite wirksame erweiterte Ansätze zu schaffen, durch die nichtmenschliche Tiere und die natürliche Umwelt verstärkt mit in den Mittelpunkt ethischer Hauptbelange gesetzt werden.

In allen uns bekannten themenübergreifenden veganen tierrechtsethisch-vertretbaren Projekten spiegelt sich der Gedanke wider, dass eine ethische vegane oder vergleichbare Praxis und Demokratie komplementäre Spieler sind, und dass man sich einig ist, dass hier noch zahlreiche weitere neue Wege beschritten und Möglichkeiten der Verbesserung erschlossen werden müssen.

Die Auseinandersetzung mit Schnittstellen politischer Themen wirkt manchmal wie ein Umweg, um spezifische Fragen herum und indirekt. Die Themenbreite im Auge beizubehalten ist in Diskussionen jedoch wichtig, besonders wenn die involvierten Themen zeitgleich und dringlich in ihren Zusammenhängen behandelt werden müssen. Die Schwierigkeit liegt oft darin, dass sich zwar eine Richtung abzeichnet, in der sich das gemeinsame Übel befindet: Ursachen von Unterdrückung, Zerstörung, Unrecht, Diskriminierung und Gewalt – dass es aber keine Allzwecklösungen gibt für die Unzahl komplexer Probleme, denen sich ein pluralistischer Aktivismus gegenübergestellt sieht.

Eines ist klar: wenn eine Aktivitstin über ihre thematischen Schwerpunkte spricht, seien es Tierrechts-, Menschenrechts- oder Umweltschutzbelange, heißt das nicht immer zwingenderweise, dass das Gesagte auch immer insgesamt weiterzuführen scheint. Vieles an Output, den wir von anderen Aktivist*innen erhalten, sind Dinge, die wir schon oft gehört haben, Dinge die leider nicht immer wieder neu auf ihre aktuelle Gültigkeiten hin überprüft oder upgedated werden, um sich an anderen wichtigen Erkenntnissen im Bereich Aktivismus zu orientieren. Auch stellt die Methodik der Heranführung an Fragen eine Herausforderung und besondere Aufgabe dar, der man sicherlich auch manchmal mit kritischer Selbstreflektion gerechter werden könnte.

Wie weit sind wir bereit dazu, die Rahmen unserer Herangehensweise stetig so zu erweitern, dass sie sich nicht allein auf die bislang mehrheitlich begangenen Wege beziehen, die oftmals zu einseitig und politisch zu wenig innovativ erscheinen?

Dort wo beispielsweise eine Form von Diskriminierung gegen Mitmenschen stattfindet, sehen wir unter Bezugnahme auf Tierrechte und Ökologie, dass Hintergründe von sowohl Unterdrückung als auch Zerstörung weiter zu fassen sind, als wir das bislang mit unseren segregativen Erklärungsmodellen tun. Rahmen müssen dazu neu gesteckt werden und multidimensionale Ansätze sind der einzig gangbare Weg.

Auch wir werden uns im Rahmen unseres ethischen Selbstverständnisses weiterhin nach derart Ansätzen umschauen, wie Tierrechtsethik, Umweltethik und Menschenrechte sich im spezifischen in ihrer wechselseitigen Verwobenheit von ihren Verfechter*innen her als demokratische Elemente mit eingebracht werden: Wie werden Menschenrechte, Umweltfragen und Tierfragen heute aus den Konzepten rausgeholt, die ein neues Denken über diese Kategorien bislang noch zu hindern scheinen? Zusammenhänge aufzuzeigen, führt sowohl zu umfassenderen Fragen, sowie zu umfassenderen und adäquateren Antworten.

Ursachen adressieren: Tierechte, Menschenrechte, Umweltethik

Tierleben werden mit Agrarwirtschaft und Konsumwirtschaft gleichgesetzt. Die Frage nach dem Tiersein selbst stellt sich nicht.

Die Gleichungen, die die Zusammenhänge zwischen > Umweltschäden, Tierleid und hungernden Menschen > als ‘in sich’ lösbar beschreiben, greifen zu kurz …

Gita Yegane Arani und Lothar Prenzel

Gleichungen zwischen Umweltzerstörung und Umweltschäden mit Menschenrechtsverletzungen und gesellschaftlich induziertem menschlichem- und tierlichem Leid und biopolitisch forcierter tierlicher Existenz sind problembehaftet. Sie werden normalisierend angewendet, ohne Zusammenhänge ausreichend zu kontextualisieren und ohne der Schwere der einzelnen Problematiken gerecht zu werden. Sie vermitteln jedoch als könne man drei Probleme als eines lösen und als seien außerhalb dieser Gleichung stehende, weitere globale- und regionale politische und gesellschaftliche Faktoren dabei nicht die Hebel, über die diese Probleme angegangen werden müssen.

Diese Gleichungen enthalten oftmals eine Dialektik, die vermittelt will, dass Tierleben respektiert werden sollen, und dass dabei die Problematik von Tierobjektifizierung (von Speziesismen) auf eine Waagschale gelegt werden soll mit der Komplexität der Problematik der von Menschen verursachten Umweltschäden und mit dem durch Argarpraktiken und weltwirtschaftlich induzierten Hungersnöten/Hunger.

Insbesondere vegane und vermeintlich ökozentrisch orientierte Argumentationen stellen die Themen Tierrechte, Umweltproblematiken und Menschenrechte in einer vereinfachenden Form dar, und umgehen dabei die Diskussionen, die für ein fundiertes Umdenken nötig wären. Die Überlegung, man könne diese drei absolut großen Problemkomplexe wegen ihrer gegenseitigen Verquicktheit ‘in sich’ lösen, trägt dazu bei, dass wirkliche Ursachen für diese Problemfelder noch weniger geklärt werden können […] und so weiter ungehindert operieren können:

Tiere

Im Bezug auf das, was Tieren durch die ‘Menschheit’ – als speziesistischem oder tier-objektifizierendem Kollektiv – zugefügt wird, macht eine vereinfachende Gleichung von „Tierleid, Umweltschäden und Hunger“ deutlich, dass die Frage nach Gerechtigkeit gegenüber tierlichem Leben für diese Argumentierenden lediglich ein sekundäres Anhängsel ist, und sonst als störend in der argumentativen Zielsetzung empfunden wird, obwohl aus Tierrechtssicht Gerechtigkeit speziesübergreifend in Zusammenhänge gesetzt werden sollte.

Hunger

Folgen von Kolonialisierung und Postkolonialismus auf die Ökologie, sowie auf politische und wirtschaftliche Verhältnisse, werden in solchen Gleichungen ebenfalls nicht thematisiert, sondern die Existenz von Tierkörpern wird als rechnerisch-quantitatives Umwelt- und Verteilungsproblem mit der globalen Nahrungsmittelungerechtigkeit aufgerechnet.

Hierdurch wird politisch entkontextualisiert und Tierkörpern wird eine Form von Schuld („da existierend“) zugewiesen. Um im Sinne von Tierrechten zu argumentieren, wäre es ein Leichtes zu benennen, woher die tatsächlichen Probleme rühren; das einfache Festmachen an Tieren/Nichtmenschen als Problem, ist diskriminierend und kann daher kritisch betrachtet werden.

Umwelt

Und schließlich die Ökologie als Teil dieser Art Gleichungsansätze: Umwelt wird aus einer vom dominanten Zeitgeist geprägten eurozentrischen, verwestlichten Sicht her betrachtet. Die Umwelt wird auf dem Status der Ressource gehalten, wobei zwischen dem Sein von “Mensch” und “Tier” eine Art Verteilungskampf vorgerechnet wird – in dem Tierleben selbst, und nicht ihre menschlichen Unterdrücker, Wasser verschwenden; tierliche Existenzen als Nachhaltigkeitsprobleme thematisiert werden; man sieht Tiere als Gefahr durch Zoonosen, während aber das durch Menschen verursachte Kranksein der Tiere als ethisch und moralisch irrelevant in den Hintergrund gerückt wird; Tierleben werden mit Agrarwirtschaft und Konsumwirtschaft gleichgesetzt. Die Frage nach dem Tiersein selbst stellt sich nicht, und so auch nicht die Frage nach den Erlebnissen und Geschichten, die diese Tiere haben.

Wie Tierleben, Umwelt und Menschen in solche Systeme hineinbefördert wurden und dort gehalten werden, sollte unserer Ansicht nach im Vordergrund stehen. Wir fragen uns weshalb solche verkürzten und nicht wirklich hilfreichen Gleichungen gemacht werden und dabei immer wieder vorausgesetzt wird, dass eine Vertiefung der Themenschwerpunkte nicht im breiten gesellschaftlichen Diskurs möglich sein sollte?

Indem wir Stillschweigen halten über

  1. Ursachen und Wirkung wirtschaftlich-hegemonialer Prozesse
  2. über Unrecht gegenüber Nichtmenschen und kompliziert funktionierende Diskriminierungsformen wie Tierobjektifizierung
  3. über eine entseelte Betrachtung des unabhängigen Wertes ökosozialer Kontexte

brechen wir kaum aus irgendwelchen Unrechtsgleichungen aus, die unsere globale Mitwelt anbetreffen.

Indem man den Resetknopf der Menschheitsgeschichte an der Stelle tätigen will, die voraussetzt, dass wir alle nur dann wirklich “für Tiere, für die Umwelt und für Menschen” sein können, wenn wir deren sich kreuzenden Problematiken eigentlich gleichzeitig nur in den Hintergrund rücken, auf Kosten einer notwendigen Klärung verschiedener Unrechtsfragen – erreicht man argumentative Verengung und lenkt vom Wesentlichen ab, nämlich von den Fragen nach den im Hintergrund fortwährend wirksamen Ursachen.

Alternativen für den Begriff Speziesismus

Präambel

Wir benötigen einen Begriff, um die Diskriminierungsformen und die Ungerechtigkeiten zu beschreiben, die von menschlichen Gruppen oder Individuen im Bezug auf nichtmenschliche Tiere und gegenüber der nichtmenschlichen Welt im Ganzen ausgeübt werden – in all deren Facettenhaftigkeiten in denen solche unterdrückerischen Mechanismen, Denkweisen und Handlungen auf den unterschiedlichen menschlichen kulturellen Ebenen, so wie in Religionen, Wissenschaften, Recht, Kunst, etc. in Erscheinung treten. Ebenso benötigen wir einen Begriff für das allgemeine Phänomen menschlicher Zerstörung und Destruktivität in diesem Punkte. Wir beziehen uns hierauf als Faunazid, insofern nichtmenschliche Tiere betroffen sind. Einige Kolleg*innen kritisieren den Begriff “Speziesismus” aus verschiedenen Gründen. Wir schlagen daher vor, dass mehr beschreibende Begrifflichkeiten entwickelt werden sollten, für das, was wir bezeugen, was wir dabei aber vielleicht etwas unterschiedlich wahrnehmen.

antibiologistic animal sociology

Alternative Ausdrücke für Speziesismus:

Spezies- / Tier-Herabsetzung, etwas ist spezies- oder tierherabsetzend;
Spezies-Abwertung, Tierobjektifizierung, Tier-Erniedrigung, Tier-Diskriminierung, Tierhass …

Antibiologist Animal Sociology

Tiere sind kein Agrarthema

Antispeciesist Animal Sociology

Tiere sind kein Agrarthema

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Die Sichtbarmachung von speziesistischen Räumen der Objektifizierung von Tieren ist wichtig, damit wir die Fälle bezeugen können und damit wir etwas dagegen unternehmen. Die Sichtbarmachung ist aber kein Garant dafür, dass alle Menschen sich ihrer den Miterdlingen gegenüber empfundenen Empathie bewusst werden müssten. Manche Menschen empfinden keine Empathie an Stellen, an denen man davon ausgeht, dass jeder hier über empathische Intelligenz verfügen müsste. Es gibt im Gegenteil genügend Segmente innerhalb menschlicher Gesellschaften, die eine offensive Form von Speziesismus kulturell propagieren oder es gutheißen, wenn andere dies tun.

Als Menschen, bei denen die Sichtbarmachung speziesistischer Gewalt ethische Betroffenheit auslöst, sollten wir uns aber fragen: Was vermitteln wir, wenn wir einen Hauptort des institutionalisierten Speziesismus erkennen, jedoch in unserer Diskussion darüber, die vielen anderen Orte an denen Speziesismus täglich stattfindet, hinter die großen Tiermord verübenden Industrien rücken und diese weiteren Orte somit aus dem Blickfeld über ein Gesamtproblem verschwinden lassen?

Dass Menschen Tiermord industrialisiert haben, die Reproduktion und das Leben von Tieren in diesem Zuge physisch und seelisch gewaltsam manipulieren, hat eine Geschichte, und diese Geschichte hat wiederum gesellschaftliche und psychologische Hintergründe und Ursachen.

Tiere sind kein Agrarthema. Hängen sie in den Fängen der Industrien, werden sie von vielen ihrer Verteidiger*innen aber tendenziell in diese Ecke gerückt oder zumindest perspektivisch dort belassen. Wahrscheinlich weil dort, in den großen Agrarindustrien, alle grauenhaftesten Orte von Tierunterdrückung schließlich im Akt eines voll-industrialisieren, perfektionierten und allein quantitativ nicht mehr greifbaren Theriozids zusammenlaufen. Dabei ist doch jeder Tiermord Teil des ganzen Problems.

Ein anderer Grund, warum man Tierverteidigung auf den Schauplatz der Agrarindustrien spezialisiert, könnte sein: man belässt Tiere in denjenigen Rahmen, in die sie die Gesellschaft selbst hineinkatapultiert hat.

Machen wir aber Speziesismus zu einem hauptsächlichen Agrarthema, differenzieren wir die Eigenschaften dieser Unorte menschlicher Gesellschaften nicht weiter aus. Wir konstatieren zwar: „Tiere müssen da raus“, und „Agrarkultur muss was anderes sein“, aber wir sehen nicht, weshalb unsere Gesellschaft die großen und die kleinen Räume ethischer Komplettentwertung von nichtmenschlichem Leben überhaupt an erster Stelle geschaffen hat. Für manche von uns ist das vielleicht schon überhaupt keine Frage mehr. Die Frage: „Warum wird dies mit den Tieren getan?“

Die Handlungen sind aber so unsäglich entsetzlich, dass die Frage nach der Ursache immer wieder im Raum steht, „warum wird jetzt dieses eine tierliche Individuum, genau dasjenige, hier und jetzt ermordet … und zu „Nahrung“ verarbeitet … .“ .

Tierthemen müssen meiner Meinung nach in einer emanzipatorischen Sprache behandelt werden, das heißt in einer Sprache der Sichtbarmachung von denjenigen Abwertungsmechanismen, die überhaupt dazu führen, dass Tiere sich an diesen Orten thematisch ansiedeln lassen (–  als bloßer „Faktor“ neben Nahrung und Wirtschaft), die Abwertungsmechanismen, die kumulativ dazu führen, dass Tiere sich an erster Stelle überhaupt in dieser speziesisten-dominierten Welt physisch unter diesen Gegebenheiten befinden müssen.

Wir sollten sprachlich zum Ausdruck bringen können, wo Tiere sich eigentlich befinden müssten. Und das heißt auch, dass sie auf unserer geistigen Landkarte nicht in dem Kontext Tierindustrien allein stehen bleiben können. Es wird aber auffallend selten über die Schaffung von Lebensräumen für die Tiere gesprochen, die wir mit dem Thema Agrarindustrien assoziieren. Sie erhalten Inseln, aber wo stehen sie im Ganzen? Die Frage nach diesen Lebensräumen betrifft aber das Tiersein generell in einer anthropozänen Welt, in der immer weniger Raum bleibt, der nicht als Ressource von Menschen zur Eigennutzung verplant wird. Die Idee und Praxis des Lebenshofes und der Schutzrefugien muss zur Idee gemeinschaftlicher ökosozial-kompatibler Lebensräume insgesamt werden.

Unorte oder Orte, die es nicht geben dürfte

Eine Konstatierung tierethischer Unorte sollte also nicht allein die großen Agrarunternehmen betreffen, sondern jeder Fall von speziesistischer Tötung und „Haltung“ von Tieren muss vom Grundsatz her in den Blickpunkt gerückt werden und gleichzeitig als Priorität des Handelns für Gerechtigkeit-gegenüber-Tieren betrachtet werden.

Was übrigens ein weiteres begleitendes Problem einer separierenden Fokussierung auf die Agrarindustrien in der Tierrechtsbewegung darstellt: wir übersehen häufig an wie viel verschiedenen Orten und auf wieviel verschiedenen Ebenen Speziesismus stattfindet und wie er sich in seiner allgegenwärtigen Vorkommnis gegenseitig stützt und auf die Weise zu einem schier unumstürzbaren Gebäude im Mensch-Tier-Verhältnis geworden ist.

Es geht darum, diese stabilen Mauern einzureißen, wo immer wir ihnen begegnen; dass wir Tierhass entgegentreten in all seinen unterschiedlichen Formen. Unter Tierrechtler*innen sollte man davon ausgehen können, dass alle sich darüber einig sind, dass Speziesismus eine Realität ist und ein Ausdruck von Ungerechtigkeit gegenüber tierlichem Leben darstellt. Wir kämpfen beispielsweise nicht einfach gegen die Betrachtung von Tieren als „essbar“, weil wir keinen weiteren Grund dahinter vermuten, weshalb man Tiere überhaupt als „essbar“ begann zu töten. Sondern wir gehen davon aus, dass es Menschen sehr wohl bewusst ist, dass sie ein – ungeschriebenes und wenn auch nicht-anthropozentrisches – ethisches Tabu brechen, in dem Moment, indem sie ein anderes Leben gezielt gewaltsam beenden aus Gründen des Eigeninteresses. Würden wir nicht davon ausgehen, hätten wir keine wirkliche eigene Antwort auf unser eigenes Denken und Empfinden als Tierrechtler*innen.

Allein, manche argumentieren, „es sei heute ja nicht mehr nötig und viele Tiere sind ja eben schmerzfähig“ (Sentiozentrismus), was meiner Meinung nach, in dieser Kombination vor allem, eine apologetisch erscheinende Begründung ist. Aber selbst dann gehen wir davon aus, dass es ethisch besser wäre, andere Lebewesen als Subjekte anzuerkennen und sie also nicht in objektifizierender Weise unseren vermeintlichen Interessen zu unterwerfen. Und so stellt sich auch dann weiterhin die Frage nach den Ursachen, weshalb die Mehrheiten menschlicher Gesellschaften diesen Anderen aber ihr Subjektsein kategorisch absprechen oder sie das ganze Problem ethisch-moralisch nicht in speziesübergreifend-sozialer Weise interessiert.

Picken wir uns in der Gegenwart das Thema Agrarindustrien als ethisches Streitfeld heraus, befassen wir uns an diesem Ort mit einem gigantischen Symptom, ein Ort an dem die äußeren speziesistischen Legitimierungen und Normalisierungen zusammenstoßen mit dem tatsächlichen Erleben von Milliarden von Opfern. Und bei jedem dieser Morde an diesen Opfern klaffen die endlos vielen Fragen nach der tieferliegenden Ursache auf, denn es gibt weder für das Opfer noch für die alliierten dieser Opfer eine Antwort auf die Frage dieses „Warum?“. Und genau deshalb müssen wir herausfinden: „Was macht Menschen eigentlich zu Speziesist*innen“?

Wir verstehen es nicht – wir können es nicht erklären, es ist einfach so und es gibt keine plausiblen Gründe für Tiermord aus unserer Sicht. Wir fühlen nicht wie Speziesist*innen. Wir können die oberflächliche, vorgegebene Logik wiedergeben, die ein speziesistischen System uns zur Beantwortung parat hält. Wir benötigen aber eine kritische Analyse, da das System ja eben keine nicht-speziesistische Perspektive auf sein eigenes Handeln aufweisen kann.

In den großen Zentren systematischen Tiermordes finden wir die gleichen Ursachen vor, die auch an den anderen Stellen und in anderen grausamen Formen in unseren anthropozänen Gesellschaften eine die Menschheitsgeschichte begleitende ethische Katastrophe darstellen.

Ich glaube wir können Tierrechte erst dann besser formulieren, wenn wir den grundlegenden Ungerechtigkeiten, die im menschlichen Denken/Handeln im Speziesismus ihren Ausdruck finden, einen Namen geben können. Es reicht dabei aber nicht, die Agrarindustrien unserer Massengesellschaften über die Schwerpunktsetzungen auf die Problemkomplexe ökologischer Schäden, nachhaltiger Nahrungsmittelerzeugung und besserer Wirtschafsformen als Aufhänger zu kritisieren, sondern es geht in der Tat um das schiere Thema Speziesismus. (An diesen Orten bündeln sich die Themen, aber im Prinzip bündeln sich die gleichen Themen überall, wo es um die Effekte geht, die „der Mensch“ auf seine Umwelt und ihre nichtmenschlichen tierlichen Bewohner hat.)

Man bedenke: Speziesismus wird in mehrheitlich speziesistischen Gesellschaften bewusst ausgeblendet und verharmlosend kleingeredet. Und Speziesismus findet gleichzeitig überall da statt, wo der anthropozäne durchschnittliche Gegenwartsmensch dominiert. Sei es in seinem verzehrendem Konsumverhalten. Sei es in seinen Sichtweisen, die er vertritt und mit denen er unsere/seine Gesellschaften mitprägt. Es braucht eine grundsätzliche Aufklärung, Thematisierung, Infragestellung von Speziesismus, um alle Problemkomplexe mitzunehmen, die Orte speziesistischer Handlung/Haltung darstellen ( –  was sich aber gegenwärtig als weniger populär gestaltet als stereotype Slogans gegen bekannte, festumrissene Feindbilder und einfach benennbare Schuldige rauszuhauen).

Nicht im Blickfeld

Damit das Aktivismusfeld „Tiere verteidigen in Hinsicht auf das Problem Agrarindustrien“ weiter allein als solches thematisiert werden kann, werden viele Bereiche auf unserer Landkarte des Speziesismus oftmals als weniger wichtig ausgeblendet – obgleich die Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Brennpunkten die Eigenschaften des Problems und seine Systemimmanenz in der Gesellschaft verdeutlichen:

  • Tiere auf kleinen Bauernhöfen (ich meine hier offensichtlich keine Lebenshöfe)
  • Einzelne Tiere die getötet werden zu „Verzehr-/Verwendungszwecken“
  • Jagd, Jäger, die Idee der Jagd als historisch das „Menschsein“ konstituierend
  • Tierversuche, Tiere als objektifizierte „Exemplare“ für Kultur und Forschung
  • Probleme, die wildlebende Tiere betreffen – nichtinvasive, „invasive“ Tiere, Tiere; die in Gatterjagden getötet werden, Tierhaltung „wildlebender“ Tierarten, Tiere in Zirkussen, Tiere in Zoos, Nachtzucht zu Artenschutzzwecken
  • Der Raub von Lebensraum (Natur als Menschendomäne)
  • Das Slippery-Slope „domestizierte-“/„wildlebende Tierart“
  • Probleme anderer „domestizierter“ Tiere: Esel, Pferde
  • Untypische Tierarten, die für menschliche Zwecke objektifiziert und getötet werden, z.B. Strauße, Oktopus, Pfeilschwanzkrebse …
  • Eingriffe in die Leben von Tieren, die Menschen als biologisch fern betrachten, Insekten, Wirbellose
  • Tiere, denen nur aus Biodiversitätgründen oder zu Zwecken der Bedienung menschlicher Eigeninteressen Lebensraum zugestanden wird
  • Speziesismus in menschlich kulturschaffenden/-konsumierenden Bereichen, Kunst und Speziesismus
  • Speziesismus als Denkgebäude in Geschichte, Religion, Naturwissenschaften …
  • Euthanasie als Normalität statt palliativer Hilfe, veterinärmedizinischer Ethos
  • Speziesismus und menschliche Rituale
  • Bestialität, Verstümmelungen, Spektakel, Gewaltorgien
  • Diskriminierende „Tierfreunde“, „milder“ Speziesismus …

Veganismus wird in dem Zuge (gleichermaßen wir bei seiner eigenen Verengung „vegan gleich Essen/Konsumgüter“, „Tieren helfen gleich vegane Kochrezepte, gleich Essensthemen/Konsumverhalten“) auch auf einen Ausdruck des gesellschaftlichen Speziesismus hin verengt. So kommt es zu Aufrechnungen von z.B. Pferdeleben, Giraffenleben, Hunde- und Katzenleben mit den Tierleben, die in den großen agrarindustriellen Betrieben „gehalten“ und getötet werden. Wobei ein beachtlicher Teil der Veganismus-Bewegung im Bezug auf die großen „Tierindustrien“, eine entscheidende Rolle darin einnimmt, den Blickpunkt auf die totale Entfremdung dieser Orte zu richten und dabei eine imaginierte Zukunft für die Tiere anzuvisieren. Es geht dann nicht nur um die Frage des Konsums mit der Lösung „Veganismus“ als Endpunkt, sondern es geht implizit immer auch um die weitere Hintergründe und Fragen, die gestellt werden müssen. Wobei Veganismus als Idee eine praktische grundsätzliche Lebensweise beschreibt, die alle oben genannten Probleme mit umfassen kann. Jedoch ist der Veganismus „nur“ ein praktischer Teilaspekt antispeziesistischen Handelns. Es gibt genügend Veganer*innen, die vegan sind, aber keine ausgeprägten Antispeziesist*innen sind.

Wenn man sich eine weitete wichtige Schnittmenge von Tierrechtsaktivismus in Form der unzähligen gestellten Petitionen im Internet für Tiere anschaut, die einen Teil sehr offensiver Fälle des Alltagsspeziesismus sichtbar machen, dann wird einem klar, dass es nicht reicht isoliert über die Industrien zu sprechen, die Tiere objektifizieren und töten. Speziesismus übersteigt die Dimension eines Systems. Wir müssen das Thema als Ganzes fassen können.

Für viele Menschen sind die Tierindustrien heute eher ein Problem dessen, was diese im Zuge ihres zerstörerischen Handelns mitverursachen. Die Tierindustrien sind aber in erster Linie die Unorte, an denen Tierleben grausamst genommen werden. Und in diesem Kontext sollten wir sie auch verstehen. Die Dissonanzen zwischen Tierrechten und Umweltschutz, und die Mängel, die ich aus Tierrechtssicht in der Umweltschutzbewegung wie sie heute besteht moniere, habe ich kürzlich hier notiert: https://simorgh.de/about/tierrechte-und-umweltschutz/

Was man versuchen kann, um Menschen für das Thema Speziesismus zu sensibilisieren:

  • Verdeutlichen, dass man einen genuinen eigenen Standpunkt bezieht und nicht nur die Slogans und Ideen anderer trendgemäß nachplappert
  • Verdeutlichen können, dass ethische Einstellungen Fragen der Haltungen sind, die jemand bewusst bezieht. Was im Umkehrschluss auch heißt, man muss andere nicht versuchen zu überzeugen, sondern man vertritt seine eigene Haltung, die sich mit der eines anderen sinnvoll ergänzen kann.
  • Bloggen, netzwerken, kommunikativ oder/und im Alleingang tätig sein gegen Speziesismus; Kunst, Musik, kreatives Schreiben in dem man Gedanken, Beobachtungen und Meinungen Ausdruck verleiht.
  • Nicht immer irgendwelchen tollen Vordenker*innen folgen, sondern selbst auch Output generieren, um damit im gleichen Zuge eine Vielfalt an Outputs anderer mit anzuregen.
  • Grenzen ziehen, wenn andere ein Wirrwarr zwischen speziesistischen und antispeziesistischen Inhalten generieren wollen, nicht einfach darüber hinwegsehen sondern Haltungen des Gegenübers weiter analysieren um sie klarer lokalisieren zu können. Speziesismus arbeitet oft indem er verwässernd und zersetzend auf antispeziesistische Inhalte wirken will, es ist somit immer wichtig das eigene Ziel nicht aus den Augen zu verlieren.
  • Eigenkreativität und kontextualisierender sozialer Verbundenheit Bedeutung beimessen. Zum Thema Radical-Selfcare als Tierrechtler*in hat Anastasia Yarbrough einen sehr hilfreichen Text verfasst: https://simorgh.de/about/tag/anastasia-yarbrough/
  • Aph und Syl Ko, sowie auch Breeze Harper und andere Autor*innen und Kreative, die wir auch auf diesen Seiten featuren, haben inspirierende Ansätze entwickelt zu recht differenzierten Möglichkeiten, wie wir Tierthemen und Themen, die sich an Tierthemen angliedern, thematisieren können.
  • Speziesistischen Terminologien versuchen aufzuschlüsseln, z.B. der Gebrauch von Begriffen wie „Tierwohl“ und „Artgerecht“, https://simorgh.de/about/informierter-und-uninformierter-speziesismus/
  • Weitere Tipps: https://simorgh.de/about/was-ist-effektiver-aktivismus/

Bild: Farangis G. Yegane, Text: Gita Yegane Arani