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animal rights and empowerment In Memoriam

Aktivismus darf Aktivist*innen niemals mundtod machen

Fotos als stille Zeitzeugen mal wieder. 1996, ich mit Stefanie Haupt, geborene Stefanie Helmerich.

Stefanie, sowie Tobias Graf und Ralf Kalkowski haben insbesondere über den Handel mit veganen Produkten ihrem tierrechtsaktivistischen Denken Ausdruck verliehen – in einer Zeit, als vegane Läden noch etwas völlig pionierhaftes in Deutschland darstellten. Alle drei haben gemein, dass sie im Jahr 2014 von dieser Welt gingen.

Der erste veganen Laden, der mir in DE bekannt war, war der von Marlies Kullmann und ihrer Mutter. Stefanie half dort schon mal aus, ich half dort auch zeitweise aus. Nicht alles verlief mit allen beteiligten Parteien gut, aber das Kapitel bleibt geschlossen, da dieser Eintrag hier sowieso ein nachdenklicher, trauriger Eintrag ist.

Stefanie unterstützte Iris Berger (siehe auch hier). die in den 2000ern mit Freunden den Antitierbebutzungshof gründete und damals sehr mit Direct Action zugange war. Einmal fuhren Iris und ich mit ihrer roten Ente damals Hühner die wir aus einer Batterie gerettet hatten nach Chemnitz, um sie dort Tierschützer*innen zu übergeben, damit sie dort in sichere Obhut gelangen. Auf der Fahrt war Iris total gestresst. Ich war froh als die lieben Tiere endlich übergeben konnten. Iris war eine äußerst engagierte vegane Tierrechtsaktivistin. Leider wurde ihr späteres Projekt aufgrund interner Zwistigkeiten aufgelöst.

Ich weiß von Iris, dass sie in einer damals recht bekannten Tierrechtsgruppe davor sehr aktiv war, in der sie zuletzt massiv gemobbt wurde – teils sexistisch, teils ableistisch. Ich fand das damals erschreckend, wie wehrlos einzelne Aktivist*innen innerhalb der “Szene” sich selbst zum Teil erleben mussten. Nach außen wird äußerste Progressivität vorgegeben, während untereinander jederzeit sozialer Terror stattfinden kann, und keiner spricht offen darüber, keiner legt etwas offen, alle machen irgendwelche Strukturen mit oder taten so als wäre alles in dieser Bewegung okay. War es aber nicht.

Eine ganze Reihe von Tierrechsaktivist*innen die ich damals kannte, stießen auf außerordentlich viele Hindernisse und ihnen wurde von anderen Aktivis*innen wenig am Loyalität oder Peer-Geist entgegengebracht.

Ich hatte eine Bekannte, sie war vegan straight edge und wollte sich der lokalen Tierrechtsbewegung anschließen. Sie stieß vo A-Z immer wieder auf Grenzen: Eigenkreativität völlig unerwünscht, Anpassung an interne sinnlose hierarchische soziale Interaktionsmuster hingegen strengstens erwünscht. Die Bekannte schrieb sehr interessante vegane Tierrechts-Kurzgeschichten, sie schickte sie an eine Reihe anderer Aktivist*innen, kein Feedback, kein Interesse. Man hätte einer 20-Jährigen neuen veganen Aktivistin seitens derer, die sich als “Insider” aufspielten, mehr entgegenkommen können, wenn man ein Bewusstsein für Tierrechts-Empowerment gehabt hätte.

In der Tierrechtsszene ging es immer vor allem um Profilierung und das Vorantreiben der Agendas eigener Netz- oder Klüngelwerke. Es gab ein Forum Ende der 90er anfang 2000 das vegan.de hieß. Die Seite war ein reinster Gleichschaltungs-, Zensur- und Kampfschauplatz. Die Betreiber waren Szenen-Insider. Wenn neue Leute darauf stießen und sich nicht gleich wussten ein- und irgendwie unterzuordnen in die dort vorherrschenden Dynamiken, dann verschwanden sie auch bald wieder, weil dort kein Platz war für freie Diskussionen.

Traurig war, das auch Leute, die selbst schlechte Erfahrungen in der TR-Szene machten, oftmals noch gegeneinander waren. Teilweise ergab sich das aus unterschiedlichen Vorstellungen, darüber, wie man Tierrechte voranbringen könnte oder wie besser auch nicht, und teilweise war dies bestimmt auch dem inneren Druck in dieser Szenerie geschuldet. Teilweise war es aber bestimmt auch die klassische Gehässigkeit, die als Pendelschlag zur schulderklopfenden Clustermentalität auftritt.

Stefanie hat im Laufe ihres Aktivismus erlebt, dass mehr Leute sich für veganz begeisterten als für die Idee kleiner unabhängiger Idealisten-Shops. Zum einen war es gut, das Veganismus ein immer stärker werdender Trend wurde, zum anderen mündete das aber in einer schleichenden Übernahmen a.) durch die Logik von Betrieben, die nach wirtschaftlich wachstumsorientierter Vorbildern arbeiteten und b.) ja letztendlich auch durch eine Übernahme durch das Kalkül von Großbetrieben der Nahrungsmittelindustrien, die einfach einen Sektor damit in marktwirtschaftlich handhabbar gemacht haben.

Leute wie Stefanie hat selbst die kleinkapitalistische Seite innerhalb des Veganismus in DE irgendwie überrascht hatte ich den Eindruck. Der Vegetarismus war in Deutschland nicht wirklich ein Wegbereiter für den Veganismus und die ersten lautstarken Aktivist*innen hier sahen sich einer Gesellschaft gegenüber, die wirklich null Idee von Antispeziesismus hatten.

Vielleicht schrieb Stefanie wegen solcher desillusionierenden Erfahrungen mit dem vegan Merchandising auf Faceboook man wolle ihre Träume kaputt machen? Es ist toll, dass Stefanies Seite auf Facebook weiterhin besteht. Ich fand im Netz zu wenig – so fand ich – über sie, so dass ich dachte, ich möchte ihr diesen komischen indirekten Nachruf mit-widmen. Ihr und all den anderen Aktivist*innen, die viel zu unsichtbar sind.


Stefanie hat viel Ableimsus in ihrem Leben erlebt. Ich habe diesbezüglich in den 90ern Situationen mit ihr gemeinsam erfahren, die ich damals kaum fassen konnte. Stefanie war die erste andere vegan Person mit Behinderung die ich kennen lernte.

Toll war als wir einmal zu viert eine spontane Demo gegen einen bekannten speziesistischen Künstler-Guru ( Iitsch ) gemacht haben. Die SXE-Autorin, Iris, Stefanie und ich. Stefanie war zu solchen spontanen Aktionen definitiv immer bereit, in der Zeit in der ich sie als fellow activist erleben durfte.

Wir vier waren trotz allem gemeinsamen Interesse unterschiedlicher Ansicht darüber, wie man im Aktivismus am besten voranschreiten sollte. Stefanie war daran die Radix-Idee fortzusetzen, nachdem ihre Freunde in Frankenthal den Laden bereit waren an sie zu übergeben. Die Sache mit dem Hype und das Interesse an “Wachstum” war meiner Meinung nach noch nie ganz harmlos.  Ich war überzeugt davon, dass man sich stärker politisieren müsste über das Ausbrechen von Theorien und war leidenschaftlicher Anhänger eines internationalen Austausches (das hatte auch etwas mit meinen Rassismus-Erfahrungen in Deutschland zu tun), die SXE-Autorin tendierte zu der Idee veganer Communities und zu sozialen Netzwerken und Iris schwebte definitiv die Gründung eines Lebenshofes vor, und ihr Wunsch war bestimmt eine politisch aufklärerisch agierende Lebensgemeinschaft von Menschen und Tieren zu initiieren.

Bemerkenswerterweise führten unsere unterschiedlichen Vorstellungen dazu, dass wir uns bald voneinander kontaktmäßig entfernten in dieser Konstellation, die eine kurze Zeitlang für uns aber aktivistisch interessant und anregend gewesen zu sein schien.

Im Nachhinein finde ich Stefanies Ansatz gut. Damals befürchtete ich bereits, dass sich der nackte Kapitalismus und “survuval of the fittest” im kleinen vegane Gallien unabhängiger Shops und Hersteller breit machen würde. Die Frage ist allerdings selbstverständlich bis heute: der breite Markt ist nötig, aber sollte man nicht dennoch konsequent politisch korrekt Handel betreiben? Ich glaube Stefanie hätte mit der Situation heute taktisch sehr gut und klug umgehen können, mit ihren Beobachtungen, Erfahrungen und Ansichten über vegane Ideale und veganen bodenständigen “Realismus”. Sie wäre mit Sicherheit der Typ von Mensch, der die Situation klug hätte navigieren können.


Interessant war, wie viel speziesistischen Ansichten ich auf Tierrechtssdemos unter vermeintlich Gleichgesinnten begegnet bin. Das jemand Tierrechter*in ist besagt noch lange nichts über dessen detaillierte Anschauungen über das Mensch-Tier-Verhältnis. Ein bekannter deutscher veganer Tierrechtsaktivist und Entrepreneur sagte mir mal er sei sich sicher, dass Tiere im Prinzip neidisch sind auf den Menschen. Das hat mich gewundert. Denn warum sollten wir alle die gleichen Ziele oder den gleichen Lebenssinn haben wollen.

Zurück zu Stefanie: sie ist nicht nur ein Pionier in Sachen Handel und Verbreitung veganer Produkte und der veganen Lebensweise als ethisch überzeugte Tierrechtsaktivistin gewesen, sie sah sich im Leben auch der Situation als Mensch mit Behinderung gegenübergestellt. Sie erzählte mir, dass sie eine Sonderschule besuchen musste, was ich unglaublich fand. Damals war Inklusion noch kein wirkliches Thema im schulpädagogischen Alltag. Trotz all dieser erlebten Exklusion in der Kindheit und Jugend hat sie im Leben, mit Unterstützung ihrer Großmutter so wie sie erzählte, ihre beruflichen Vorstellungen umgesetzt und sich dann schließlich erfolgreich selbstständig mit dem Radixversand gemacht. Das ist in der Tat beeindruckend und sie ist damit ein beidruckendes Vorbild für Resilienz und Selbstbewusstheit. Das sie sich für Tierrechte begeisterte und stark machte, glaube ich, gab ihr einen visionären Charakter – es ging ihr nicht einfach darum in einer ungerechten Gesellschaft Erfolg und Anerkennung zu erlangen, sondern sie übertrug ihre eigenen Erfahrungen von Ungerechtigkeit auf das große und ganze und Erkannte an welchen Stellen man sich einsetzen müsste.

Es gab einiges an Stefanie, was mich an ihrem Verhalten mir gegenüber damals sehr verletzt hat, vielleicht hat sie sich auch manchmal ein Stück weit angepasst in ihrem stereotypen Denken gegenüber so einem notorischen Außenseiter wie mir oder vielleicht hat sie sich vereinnahmen lassen von einem alltäglichen typischen mirkoaggressiven Klima, das hier Normalität ist und das weiß, wo es sich folgenlos entladen kann. Wir waren keine engen Freunde (dazu schien mir auch der Altersunterschied zwischen ihr und mir eh zu groß) einfach nur zwei Aktivist*innen, deren Wege sich eine zeitlang kreuzten.

Ich denke gerne an gemeinsam erlebte Aktionen und ich interessiere mich für Stefanies gelebten Aktivismus heute vor allem aus der Perspektive der Behindertenrechte und der Antidiskriminierungsfragen im Zusammenhang mit der veganen- und der Tierrechtsbewegung.

Menschen mit Behinderung sind leider noch unterrepräsentiert in der Tierrechtsbewegung. In dem Kreis von Menschen, die ich persönlich kenne, die ein Tierrechtsbewusstsein haben und die eine Form von Behinderung haben (ich und mein Mann Lothar inklusive), sehe ich zahlreiche Parallelen in der Art und Weise, dass die Annäherung an das Thema sich auch aus eigenen Erfahrungen mit Ausgegrenztheit oder des Diskriminiertwerdens in der Gesellschaft speist.

So einfach in das alles immer garnicht …

Stefanie hat auf ihrem FB-Profil eine Affiliation zu der Gruppe Animal Peace angegeben. Diese Gruppe wird von vielen Tierrechler*innen mit eine Naserümpfen kommentiert. Ich hielt immer nichts davon, wenn Leute von Animal Peace mit dem Thema “Intelligenz” reduktiv und biologistisch argumentierten. Biologistischer Speziesismus ist aber  mehr oder weniger durchgängig innerhalb der Tierrechtsbewegung zu finden. Ein Punkt gegen den ich schon lange arbeite, wobei ich aber auf erschreckend wenig kluge Resonanz stoße. Was ich hingegen anerkenne bei der Gruppe Animal Peace ist dass sie sehr rege in den 90ern darüber aufklärten und darauf aufmerksam machten, was die Tierindustrien sind. Letztendlich haben Animal Peace viel dazu beigetragen, dass der Veganismus seinen Start in Deutschland erfahren hat. Das muss man einfach anerkennen. Ich habe nicht mehr beobachtet was die Gruppe in den letzten Jahren wirklich gemacht hat. Ausgefallen war mir nur das eine bekannte deutsche Tierrechts-Philosophin in sozialen Netzwerken sehr abfällig über die Gruppe sprach und anriet man solle die Gruppe meiden weil sie sei rassistisch oder antisemitisch eingestellt oder mache den Holocaust-Vergleich. Ich nahm dann wahr, dass Leute von Animal Peace versuchten sich gegen die Vorwürfe des Rassismus zu wehren. Was von der Gegenseite aber nicht weiter zur Kenntnis genommen werden sollte.

Die Sache mit dem Holocaust-Vergleich in der BRD ist so eine Sache. Da man die Aufarbeitung über Ursachen und gesellschaftliche Mechanismen der Funktionsweise des typischen, deutschen NS-Rassismus wirklich noch nicht als abgeschlossen betrachten kann, kann man nachvollziehen, warum solche Vergleiche schnell als “banalisierend” und “unerhört” abtut. Würde aber klar werden, wie Rassismus funktioniert – und so auch letztendlich die NS-Variante – dann könnte man die Kontextualisierung mit Speziesismus nicht als fehlerhaft und unethisch bezichtigen.

Mein eigene These zu den Vergleichen mit Vergehen gegen Menschenrechte finden sich hier insbesondere auf Seite 6: https://farangis.de/reader/e-reader_gruppe_messel_2018_5.pdf , eine Thematisierung von Kim Socha kann man hier lesen: https://simorgh.de/socha/socha_the_dreaded_comparisons_and_speciesism.pdf und letztendlich macht selbst Alex Hershaft als Überlebender seine Vergleiche ans dieser Stelle z.B. https://simorgh.de/about/hershaft-rezension-von-einsnitz-slaughterhouse/ , in dem Zusammenhang sollten wir eingentlich nochmal dieses Interview von Richard Schwartz von Jewish Veg mit Chalres Patterson über dessen Veröffentlichung “Eternal Treblinka” reposten; hier deren Gespräch auf dem Jahre 2002: https://simorgh.de/ar/eternaltreblinka.pdf

Wenn jemand diesen Text hier liest und an meiner Wahrnehmung der Vergangenheit anstoß nimmt, dann gebe ich zu bedenken dass  Perspektiven nicht unbedingt deckungsgleich verlaufen müssen.

Ich sehe Menschen wie Stefanie, d.h verstorbene Aktivist*innen, nicht als “abgeschlossene Kapitel” mit ihrem Idealismus und Zutun, sondern ich finde ihr Sein wirkt – so esoterisch das für manche klingen mag – weiterhin auf das diesseitig Geschehende mit ein, durch das was sie taten, dachten und fühlten und mit Sicherheit auch durch das geheimnisvolle, das sie heute irgendwoanders im Universum weiterhin sind.