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Antidiskriminierung Persönliche Auseinandersetzung

Senior*innen im Kontext von Pflege als beinahe sozialem Hauptrahmen

Senior*innen im Kontext von Pflege als beinahe sozialem Hauptrahmen

Was erkennst Du, das nicht okay ist an der durchschnittlichen Situation in Pflegeheimen, wenn Du als Info

a.) anekdotische Berichte aus der Presse, in denen Missstände als Skandale thematisiert werden, aufgreifst
b.) selbst eine Zeit lang in einem (christlichen – ich weiß nicht ob das eine Rolle spielt) Pflegeheim, das eigentlich einen ganz guten Ruf hat, als Mitarbeiter*in Erfahrungen gesammelt hast (es hätte auch jedes andere Heim sein können … )
c.) anekdotische Erfahrungsberichte von Kolleg*innen, Bekannten, Freunden, Leuten aus Deinem eigenen sozialen Umfeld,

aufgreifst.

Das Thema ist wirklich schwer anzugehen, da Altersdiskriminierung soweit normalisiert wird, dass kaum einer Anstoß zu finden scheint, dass z.B. bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes “Altersdiskimienierung” so vage bezeichnet ist und explizit nur bezogen wird auf Menschen, die sich noch im Erwerbsleben befinden > https://www.antidiskriminierungsstelle.de/DE/ThemenUndForschung/Alter/themenjahr_alter/fragen_antworten/faq_node.html1

Was ist mit Leuten in Altersheimen? Wie können wir klären dass das, was in solchen Institutionen als Normalität gilt, bereits Altersdiskriminierung darstellt?

Allein seien es so Banalitäten wie: Jede*r soll Volksmusik und Easy Listening hören wollen … jeder soll seine Alltagsbeschäftigungen von außen her bestimmen lassen sollen …  aber es geht natürlich weiter als das … :

Fangen wir bei dem Normalsten und Wohlgemeintesten von allem an, weshalb ich mich auch dazu entschloss die Ausbildung zur Pflegehackraft abzubrechen: die Pflegeplanung.

Der Tagesablauf von den Bewohner*innen/pflegebedürftigen Personen wird komplett für sie durchgeplant, anhand von schematischen Schlüsseln wie vormals in der Regel den ABEDLs von Prof. Monika Krowinkel und heute auch häufiger der Ein-Step-Methode beispielsweise. Und dies wird nicht auch das letzte Modell zur besseren Pflegeplanung sein. Hier ging es um die Entbürokratisierung, aber genau deren Ziel war es doch bestimmt, dass man dadurch ein stärkeres Augenmerk auf die menschlichen Belange in der Pflege richten will. Wenn aber die Grundvoraussetzung eine völlige Durchplanung des Menschen nicht in Frage stellt, wird das Menschliche bei aller Entbürokratisierung aber auch kaum stärker ins Sichtfeld rücken.

Die ABELDs sind im Prinzip sehr komplex angelegt als Konzept, nichtsdestotrotz bleibt auch bei ihnen das Problem bestehen, dass der pflegebedürftige als Mitagierende/r keinen grundsätzlich gestaltenden Raum erhält. Die Rahmenbedingung sind normierend, so dass gewisse Bausteine, um von der Ausgangslage “A” zur dem Ziel “Z” zu gelangen (die gesamte Erhebung des Pflegebedarfs) statisch bleiben und in der Praxis Aspekte der Pflegesituation ausgespart werden, die aber konstituierend für Menschen, die eine Situation der Pflegebedürftigkeit erleben in stationären Einrichtungen oder im ambulanten Kontext zuhause.

Der pflegebedürftige Mensch sollte meiner Meinung nach nicht in dem Maße von außen her bestimmt werden, dass Pflegende die komplette Tagesgestaltung der Betroffenen festlegen können. Eine so strikte Regelmäßigkeit im Ablauf eines Tages gibt es in der Realität kaum – insbesondere wenn die Lebensbedingungen sich stark verändern und eigentlich Neues gestaltet werden müsste in einem Lebensabschnitt, der stark durch die Hilfebedürftigkeit mitbestimmt ist.

Die völlig strikte Regelmäßigkeit, die Passendmachung für die Begrifflichkeiten der Pflegekassen und die Normierung von Menschen finden aber in der Pflegeplanung statt, weil es uns an anderen Konzepten und Ideen zum Zusammenleben mit alten und hochaltrigen Menschen mit- und ohne Pflege- oder Hilfe- und Fürsorgebedarfen fehlt [1].

Hier muss auch bewusst eine Unterscheidung gemacht werden zwischen stark und weniger pflege- oder hilfebedürftigen Menschen. Die komplette Verplanung des Menschen findet vor allen extremst in den stationären Institution statt, die soziale Interaktion zwischen pflegendem Personal in ihren Einstätzen im ambulanten Bereich ist aber auch ohne ausreichend Flexibilität und Freiräume angedacht. Es wird erstmal davon ausgegangen, dass Senior*innen einen festen Rahmen benötigen um sich helfen zu lassen, zu ihrem eigenen Wohle.

Der Rahmen, den wir setzen wird aber gesprengt durch Erfahrungsebenen wie:

  • Was ist mit dem Alleinsein?
  • Was ist mit Menschen, die in Pflegeeinrichtungen Mobbing- oder Bullying-Erfahrugen machen?
  • Wieso wird das Thema Altersdiskriminierung und Ablesimus gegenüber alten und hochaltrigen Menschen nicht thematisiert im Rahmen der Pflegeplanung, wenn diese sich doch auf grundlegende Probleme der Betroffenen bezieht: Psyche spielt immer eine Rolle, besonders auch wenn man in unserer Gesellschaft den Problemen des “Altseins” und des “als alt wahrgenommen werdens” begegnet und diese Probleme aber auch weitestgehend tabuisiert sind
  • Was ist mit einer vernünftigen Sterbebegleitung und was ist im Gegensatz dazu mit einer in der Regel katastrophal schlechten Begleitung von Menschen, die im sterben liegen, im ambulanten Bereich falls sie allein leben und in den stationären Pflegeheimen, die eben keine Hospize sind … ?
  • Was ist mit Menschen, die z.B. bewusst sterbefasten wollen oder andere individuelle Wünsche bezüglich ihres Sterbens haben?
  • Warum darf man sich mit Menschen die pflegebedürftig sind, nicht mehr von Mensch zu Mensch befreunden (man schafft stillschweigend soziale Segregationsräume und findet das ganz normal)?
  • Warum wird in Heimen Naturverbundenheit normalerweise wenig ernst genommen, in dem Sinne dass Gärten und Pflanzen kaum eine Rolle in der Architektur spielen (und ich meine keine Architekturgärten oder Betonwüsten in die man ein paar Pflanzen hineinzwingt)?

Warum vor allen Dingen können wird uns nicht als zivilgesellschaftliche Bürger*innen, die wird sind, begegnen und in der Form füreinander verantwortlich fühlen?

Szenen, die ich erlebt habe, die mich erschüttern:

Eine Frau im andern Geschoss schreit, sie schreit jeden Tag. Sie wimmert laut. Ich frage Kolleg*innen mehrmals wer die Frau ist und was denn da los ist. Man sagt mir so etwa ‘das ist Frau sowieso, die schreit immer, die ist so schwer im Umgang’. Ich frage daraufhin, was macht man um ihr zu helfen? Man sagt: nichts, da könne man nichts machen. Sie ließe sich ja nicht helfen Man lacht über den Fall der Frau in meiner Anwesenheit, zieht das ganze irgendwie ins Lächerliche, was mir wohl vermitteln soll, dass man solche Vorkommnisse auf die leichte Schulter nehmen solle. Ich zeige mich betroffen.

Eine Frau, die fast nichts mehr sieht, die hochaltrig ist, wird sozial diskriminiert, sowohl von anderen Pflegebedürftigen als auf von mehreren Pflegenden. Die Art wie diskriminiert wird setzt sich beinahe Zusammen wie eine Inszenierung in einem Theaterstück. Die Frau sagt etwas gut gemeintes um sozial höflich und lieb zu interagieren, andere beschimpfen sie verbal, spotten über sie. Ich habe der Frau mehrmals Säfte, Tees und Blumen mitgebracht. Man hat mir von dem Versuch hier eine private Freundschaft oder freundlich-freundschaftlich gemeinte Bekanntschaft zu beginnen abgeraten und mir dies auch indirekt ‘verboten’. Die Frau hatte eine Betreuerin, die weit weg war, die sie auch eigentlich nie persönlich sah. Sie hatte keinerlei An- oder Zugehörige mehr … .

Eine Frau, die eine starke demenzielle Veränderung hatte, lag im Sterben. Eine Fachkraft stand vor dem Zimmer mit einer Angehörigen eines anderen Bewohners … beide lachten und unterhielten sich recht amüsiert. Ich wies die Fachkraft auf die Absurdität und Respektlosigkeit dieser Situation hin. Sie sagte, ich hätte ja keine Ahnung und lachte über mich.

Ich könnte jetzt endlos viele solcher Szenarien, die ich im Kontext mit verschiedenen Akteuren und Betroffenen erlebte hier schildern. Sie ähneln oder gleichen sich alle in einem Punkt: echter Altersdiskriminierung.

Du kannst den meisten Leuten so viele Beispiele wie Du willst schildern, die Art wie alten Menschen gegenübergetreten wird in unserer Gesellschaft heute ist in der Regel diskriminierend. Und man muss dabei sagen, dass ein Opfer solcher Diskriminierung niemals einfach nur zu einem Beispiel minimiert werden darf und deshalb fällt es mir auch schwer, sämtliche “Beispiele” die ich bis dato erlebt habe, hier aufzuführen (irgendetwas sträubt sich in mir dagegen, aber vielleicht sollte ich die Schilderungen meiner Erlebnisse irgendwann nochmal ergänzen. Aber ich benötige so oder so einen Text mit dem ich das Thema erstmal aus meiner Sichtweise anschneide. Und das ist jetzt erst einmal dieser Text.)

Die Begegnungen mit den Menschen, die nun zufälligerweise in diesen Kontexten stattfanden, sind für mich sozial-ethisch als Mit-/Bürger*in bedeutsam. Unsere Begegnungen müssen anonym bleiben, das ist klar. Würde ich über Menschen aus meinem eigenen näheren sozialen Umfeld sprechen, bei denen teilweise kein Anonymitätsgebot bestanden hätte, würde man das was ich schildere auch kaum ernster nehmen; man könne dann sagen, dass ich vielleicht “emotional zu nah dran” gewesen bin.

Hier geht es aber nicht um Hypersensibilitätsfragen, sondern es geht mir als Mit-/Bürger*in darum, die Frage danach aufzuwerfen, was Altersdiskriminierung in unserer Gesellschaft wirklich bedeutet. Und es ist weitaus mehr, als die Altersdiskriminierung ab 50 auf dem freien Arbeitsmarkt.

[1] Allein, dass die Unterstützung von Menschen als Pflege bezeichnet wird, limitiert die betroffenen auf ein eingegrenztes aber nun dominierendes Interaktionsfeld, in dem Moment, in dem “Pflege” in Anspruch genommen wird.

 

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