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Empowerment und Persönliche Assistenz (2)

(Entwurf, überarbeitet am: 05.04.2022)

Das Zivilgesellschaftliche im sozialen Austausch als Beziehungs- oder Interaktionsplattform

Persönliche Assistenz und eine gleichzeitig stattfindende gemeinsame Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Problematiken kann möglich sein

Mit der allgemeinen Leitlinie für die Assistenz: “Grundpflege können und sich zurücknehmen können” weiß ich nicht, wie ich folgende Situationen, die ich in der PA von Menschen mit Behinderung erlebt habe, hätte navigieren sollen:

1. Person X. möchte Betreuung loswerden. Umfeld unterstützt dies nicht, selbst nicht die Eingliederungshelfer*innen. Person X. kann verbal nicht sprechen, hat eine Tetraspastik, kann Talker nur begrenzt verwenden. Freund*in von Person X. will Betreuung nicht übernehmen, sagt aber zu, dass Situation gemeinsam mit Assistent*innen und Eingliederungshelfer*innen machbar sein sollte. Ich übernehme Schriftverkehr mit Gericht und mit verschiedenen Adressaten, bei denen wir uns informieren und beraten lassen. Person X. versuchte bereits vor einigen Jahren dass Betreuung aufgehoben wird. Damals ohne Erfolg. Wir argumentieren nun anders bei Gericht als Person X. das vor 5. Jahren tat. Erklären Ziele und wie Person X. diese realisieren möchte. Die Betreuung wird diesmal aufgehoben.

2. Person Y. ist schwerstbehindert durch langjährigen schwierigen Kankheitsverlauf. Das Thema Umwelt liegt ihr am meisten am Herzen, sagt sie. Sie möchte ihre Stimme hörbar und/oder ein Engagement sichtbar machen in Sachen Umweltschutz. Wir überlegen gemeinsam, wie wir das machen können. Zuletzt finden wir erstmal nur diese Lösung: Ich führe mit ihr Kurzinterviews, mache auf ihren Wunsch hin schriftliche Aufzeichnungen damit ihre Botschaft mit Dritten geteilt werden kann.

Dass Empowerment ein gemeinsamer und gemeinschaftlicher Prozess ist – wenn die Gesellschaft für marginalisierte Menschen immer noch insgesamt ein Ort systemischer Diskriminierung ist – wird auf dem Arbeitsmarkt für “Persönliche Assistenz” nicht bewusst reflektiert.

Es ist, bei allem Anspruch, dass es anders sein soll, eben doch einfach ein Job aus dem Sektor “Pflege”. Der Anspruch ist ein anderer. Aber was für einer eigentlich genau? Verlaufen die Ansprüche darauf, was PA sein soll, für Assistenznehmer und -geber immer parallel?

Zum Thema Persönliche Assistenz werfen sich für mich jetzt, nachdem ich erste deutliche Erfahrungen mit dem Spannungsfeld und Diskrepanzen zwischen “Pflege” und “Assistenz” als übergeordnete Organisationsformen beobachte, etliche Fragen auf.

Warum finde ich zu der Problematik, der ich im Bereich “Assistenz” begegne so wenig Erfahrungsberichte oder Auseinandersetzungen mit Problemen, die meinen Erfahrungen auch nur entferntest ähneln könnten? Mit anderen Worten: erlebe nur ich Schnittstellen zwischen “Job und Funktionsträger” und “Mensch- und Bürgersein”?

(In dem gesellschaftlich anders zu lokalisierenden Thema “Plegesektor” geht es mir, mit Verlaub, ähnlich: Viele Probleme werden nicht offen thematisiert. Die bekannte katholische Schwester Liliane Juchli hat für die Pflege den hilfreichen Satz formuliert: “Ich pflege als die, die ich bin” https://www.unifr.ch/nt/de/news/news/24454/todesanzeige? – das heißt der Pflegende kann und sollte als ganzer Mensch erkennbar werden und nicht schlichtweg eine abstrakte, von ihm losgelöste Funktion erfüllen. Das ist ein anderes Thema, das sich an der Stelle allerdings überschneidet, an dem Altsein und Behinderung in Kombination mehr in den Fokus rücken.)

Persönliche Motivation

Persönlich befinde ich mich in einer hybriden Situation. Zuhause helfen mein Partner und ich uns gegenseitig – ich als Mensch mit eher “unsichtbarer” Behinderung und mein Partner als Mensch mit “sichtbarer” und “unsichtbarer” Behinderung. In meinem Aktivitätsfeld als PA von anderen Menschen mit Behinderung komme ich nun aber in eine Situation, in der ich zwischen zwei Fronten wählen soll. De facto entspricht eine hundertprozentige feste Zuordnung meinen sozialen Erfahrungsebenen nicht. Die echten Konstellationen innerhalb von Situationen die ich erlebe, finden sich in dem umstrittenen Spannungsfeld nicht wieder. Die Situationen im Kontexten von persönliche Assistenz sind nicht rein funktional erklärbar meiner Ansicht nach.

Die eine Seite erlebt Ableismus, die andere Seite bezeugt Ableismus

Mir fällt er etwas schwer mich einfach so als PA zu bezeichnen, weil ich mich mit der Rolle der Assistent*in aufgrund meiner eigenen (unsichtbaren) Behinderung nicht wirklich identifizieren kann – ich bin vielleicht gar kein vollwertiger Assistent in dem Sinne, wie ich verstehe, dass Assistenz allgemeinhin gelesen wird und gewünscht ist.

Was mich in meiner Situation stört, ist dass von mir in meiner Rolle als PA eine gewisse Roboterhaftigkeit und menschliche Austauschbarkeit erwartet wird, dass aber andererseits meine Reflektion von Assistenznehmenden eine ganzheitlich Anerkennende sein muss, damit ich dem Gegenüber vernünftig gegenübertreten kann um dementsprechend “Einsatz zu liefern” – also nicht einfach nach irgendeinem verhaltenstechnischen “Schema F”.

Dies ist ein grundsätzliches Problem, das ich – man muss es sagen – auch aus dem verhassten “Pflegesektor” kenne und dort beklage. Das Problem wird leider auch in der Persönlichen Assistenz noch nicht hinreichend analysiert: Als unterstützender Faktor im Leben/Alltag des anderen soll ich als entkernter Mensch funktionieren.

Wie geht das? Für mich kann das nicht so ganz gehen.

Idee

Die Lösung, die ich im ganzen pflegerischen sowie assistierenden Bereich sehe, ist die eines bürgerschaftlichen Engagements, das – was die ökonomische Ebene anbetrifft – wie bei der ehrenamtlichen Tätigkeit, soweit finanziell honoriert werden könnte, dass der Assistenzgebende (oder aber auch der “Pflegende” oder Unterstützende) davon grundsätzlich Leben kann, damit er/sie eben auch “helfen” kann und seine/ihre Rolle auch ökonomisch ermöglicht wird.

Eine zwischenmenschliche bürgerschaftliche Hilfe bedeutet für mich zum Beispiel: Ich teile gerne mit anderen das, was ich ihnen an Unterstützung zugute kommen lassen kann. Jede*r hilft dem/der anderen da wo und wie er/sie kann. Gemeinsam können wir uns dann idealerweise dafür einsetzen oder zumindest das leben, dass Menschen ihre Würde und ihre Rechte gegenseitig stärken und unterstützen, auf praktische sowie ideeller Ebene. Das wäre Assistenz im Graswurzel-ebenen-Bereich.

Der kapitalgesteuerte Kontrollmechanismus zur Verhinderung systemischer gesellschaftlich-basierender Ungleichbehandlung?

Wenn der Assistenzbegriff leicht missbraucht werden kann um klassische Machtverhältnisse beizubehalten, heißt das auch, dass Assistenzgebende selbst sich ihrer zweischneidigen oder problembehafteten und leicht missbräuchlichen Rolle und der Geschichte der Pflege etc. etc. nicht bewusst sein sollten. Aufklärung, Bewusstseinsschärfung und ein gemeinschaftliches emanzipatives Denken wird eher nicht über den Hebel ökonomischer Entscheidungshoheit angestoßen werden können.

Alle Beteiligten müssen ein Stück weit emanzipativ denken und handeln um den involvierten Positionen gerecht zu werden. Wenn ich mich allein kapitalistischer Wege bediene um soziale Fragen zu lösen, dann fördere ich eine Situation für Assistent*innen und Assistenznehmende ähnlich wie sie etwa in der Altenpflege in den 24 Stunden-Modellen vorherrscht. Der Assistenzgeber ist allein vom Geld anhängig und hat zu funktionieren auf Basis eines relativ kleinen sozialen gemeinsamen Nenners, und der Assistenznehmende fokussiert auf die reibungslose Funktion. Die Beteiligten merken aber doch immer wieder, dass hier zwei Menschen den Raum teilen – mit allen Vor- und Nachteilen. Beide Seiten funktionieren nicht einfach nur. Beide Seiten sind komplexe Wesen. Und beide Seiten generieren auch eine Interaktionsebene von sozialer Synergie.

Mir kommt es vor als würde diese Synergie im Beriech der Persönlichen Assistenz zu kontraktualistisch gedacht werden, und dass die Probleme die entstehen, zu wenig beleuchtet werden um evtl. ein Facettenreichtum an möglichen Lösungen zu erschließen, die allgemein eine vernünftigere Grundlage innerhalb der Dyaden bieten würde. Zudem durch das Kontraktualistische, das das Verhältnis regelt, ist die Beziehung und die Situation kaum mehr auf der sozialen Ebene beeinflussbar.

Ökonomischer Kontraktualismus

Ich finde die Haltung, egal wo sie auftritt, entwürdigend, Menschen über das Mittel Geld zu versuchen zu lenken oder sich passend zu machen. Ich glaube das geht in sozialen Bereichen auch nicht, außer mit einem Maß an gewissem Selbstbetrug. Die einzelnen Menschen sind nicht mehr die agierenden, das gemeinschaftliche verantwortungsvoll und kritisch Mitgestaltende, sondern sie übernehmen bloße Funktionen, die beinahe hierarchischen Rangordnungen gleichen.

“Die Assistenz dreht die Machtverhältnisse von Arbeitgeber (Institutionen) und deren verlängertem Arm (Fachleute) auf der einen Seite und den Behinderten als ohnmächtige Opfer, die dem Machtpotential der Institutionen und sogenannter Fachleute ausgesetzt sind, um. Assistenz macht das Opfer des alten Systems (weniger mächtige Behinderte) zur mächtigeren ArbeitgeberIn und die HelferInnen zu machtlosen GehilfInnen ihrer anordnungsberechtigten ArbeitgeberInnen. Es werden die Verhältnisse auf den Kopf gestellt, um den Betroffenen Selbstbestimmung zu ermöglichen.”

http://bidok.uibk.ac.at/library/gl3-99-selbstbestimmung.html

Eigentlich könnte oder, ich finde, sollte sich die Behindertenrechtsbewegung an der Stelle mit anderen Bürgerrechtsbelangen verlinken. Klassismus , selbst wenn sehr punktuell und indirekt, in dem Fall staatlich induziert, ist Teil des Bodens “sozialer Ungleichheit”: die vermeintliche Privilegierung der einen Seite, als Ausgleich für Ungerechtigkeit/Diskriminierung und Marginalisierung, wird zugunsten von anderen sozialen Hemmnissen geschaffen, die dadurch eben an anderer Stelle wieder verstärkt werden.

Wenn der Staat mir Geld in die Hand gibt, um einem diskriminatorischen Übel zu entfliehen, möchte ich persönlich das nicht anhand von anderen unterdrückerischen Mechanismen in dieser Gesellschaft ausgleichen.

Ich selbst habe in der Hand die Fehler in der Beziehung zwischen Institution, pädagogischen- und sozialen Einrichtungen, mir selbst und in dem Punkte zu erkennen, dass Diskriminierung immer ein gesamtgesellschaftliches Problem ist, dass folglich auch die Durchschnittsgesellschaft Ort von Veränderung sein muss – und dass Hebel und Stellschrauben an den richtigen, passenden Stellen gestellt werden müssen.

Und das ist nicht unbedingt der Hebel den Anderen zu meinem “Hire and Fire”-Arbeitnehmer zu machen, den ich nach Gutdünken feuern kann. “Antidiskriminierung” muss immer als Thema raus aus privat, persönlich Erlebten hinein in die gesellschaftlich Diskurse, und Antidiskriminierung ist noch mehr als eine Frage des Kampfes mit Behörden und der Politik “von oben”.

Ein Teil dessen, gegen ableistische Diskriminierungsformen zu kämpfen, ist meiner Meinung nach auch emanzipatorische Verhältnisse in der Beziehung zwischen Bürger*innen mit-, mit teilweiser und mit Bürger*innen ohne Behinderung umsetzen zu können.

Höchst problematisch find ich persönlich – als Gegensatz dazu – solche behavioristisch anmutenden Ansätze: eine “Social exchange theory / Austauschtheorie” und dazu gleich auch einige sehr offensichtliche Kritikpunkte:

“Critiques: Katherine Miller outlines several major objections to or problems with the social exchange theory as developed from early seminal works. The theory reduces human interaction to a purely rational process that arises from economic theory. […] The theory assumes that the ultimate goal of a relationship is intimacy when this might not always be the case. The theory places relationships in a linear structure, when some relationships might skip steps or go backwards in terms of intimacy.”

https://en.wikipedia.org/wiki/Social_exchange_theory#Critiques

Ich würde tatsächlich auch nicht auf die emotionalen Beziehungseben fokussieren. Ich sehe eher das Zivilgesellschaftliche in dem sozialen Austausch als Beziehungs- oder aber eher Interaktionsplattform, die Emotives in einem größeren Rahmen mit kontextualisiert als das allein individuell Sozialpsychologische. Aber der erste Punkt in der Kritik scheint mir hier entscheidend:

“The theory reduces human interaction to a purely rational process that arises from economic theory.”

> Die Theorie reduziert die menschliche Interaktion auf einen strikt rationalen Vorgang, der sich aus der Wirtschaftstheorie heraus herleitet.

Die Beziehung wird auf eine Art Kosten-Nutzen-Rechnung für beide Seiten reduziert. Gemeinsame zivilgesellschaftliche emanzipative Prozesse sind damit wahrscheinlich erledigt.

“Für den Fokus dieser Arbeit ist der austauschtheoretische Ansatz von besonderer Relevanz. Das Arbeitgebermodell ist in seinem Proprium als Tauschbeziehung angelegt. Die persönlichen Assistenten geben ihre Arbeitskraft und Arbeitszeit in Form von Assistenzleistungen ihren behinderten Arbeitgebern, diese bezahlen dafür mit Hilfe des persönlichen Budgets ihren Helfern einen regelmäßigen monatlichen Lohn. Die Tauschbeziehung ist per Arbeitsvertrag gesetzlich verankert und sorgt dafür, dass der behinderte Arbeitgeber sein Leben weitgehend selbstbestimmt leben kann.”

https://www.hausarbeiten.de/document/131359

Natürlich kann man die ganze Welt unter ökonomischen Gesichtspunkten betrachten …


Die arbeitstechnischen Fronten. Wie soll man erstmal nach bronzenen statt goldenen Mitten suchen?

Interessant fand ich diese Schilderungen über die Konflikte zwischen den verschiedenen Interessensstandpunkten, die bis heute inhaltlich noch nicht geklärt sind und der ganzen Situation der Persönlichen Assistenz für alle involvierten Seiten anhaften.

Das ist letztendlich eine trockene, relativ harte Diskussion zwischen den Fronten, die wir zur Zeit immer noch haben. Und ich glaube zum Teil auch deswegen, weil wir uns zu wenig Hintergrundfragen dazu stellen, was das ganze Thema “Assistenz” alles eigentlich so an offenen zivilgesellschaftlichen, einschließlich zwischenmenschlicher Fragen heraufspült.

Problemfelder bei der Assistenz, bei mit Idealen arbeitenden Dienstleistern, die selbst die Arbeitskräfte beschäftigen werden hier benannt:

“Nicht derjenige muss entlassen werden, der von allen Assistenznehmern abgelehnt wird, sondern der, bei dem es unter Abwägen der Lebensumstände des ‘überflüssigen’ Assistenzgebers am sozialverträglichsten ist.
Nicht mehr nur die Wünsche der Assistenznehmer bestimmen Länge und Aufteilung der einzelnen Arbeitsschichten, sondern auch das Arbeitszeitgesetz und der Betriebsrat. Auch der Assistent kann nicht mehr so einfach kündigen, wenn er mit dem Assistenznehmer nicht zurechtkommt. Der schwierige Arbeitsmarkt und der Druck der Agentur für Arbeit sorgen dafür, dass er auch in nicht gewollten Assistenzen arbeiten muss. Die Assistenznehmer sind bei der Firma ‘HAG’ angestellt, sie stehen als Gruppe mit eigenen Interessen der Geschäftsführung gegenüber. Diese Gruppeninteressen sind nicht immer die gleichen wie die Interessen des einzelnen Assistenzgebers.”

“In diesem ganzen Gestrüpp aus verschiedenen Interessen und gesetzlichen Auflagen bleibt das Recht der von Assistenz Abhängigen auf Selbstbestimmung nicht selten ganz oder teilweise auf der Strecke.”

Zum Thema Arbeitsschutz, allgemein:

“[…] Abhängigkeit von der möglichen Willkür der jeweiligen Behinderten insbesondere im sog. Arbeitgebermodell; außerdem werden elementare Arbeitnehmerrechte – z.B. im Arbeitsschutz – in vielen ambulanten Diensten nicht umgesetzt, da Arbeitnehmervertretungen in diesen Diensten keineswegs durchgängig etabliert sind.”

Die Zitate stammen aus: “Text zur persönlichen Assistenz und den Rechten der Assistenten”, siehe:

http://www.autonomleben.de/pers-assistenz.html

http://www.autonomleben.de/mediapool/125/1252082/data/artikel_zur_assistenz.doc

Siehe dazu auch:

Gerlef Gleiss: Selbstbestimmung, Persönliche Assistenz und die Arbeiterrechte

https://www.zedis-ev-hochschule-hh.de/files/gleiss_19042010.pdf

Noch ein Lesetipp auf den ich über Gerlef Gleiss’ Text stieß:

Prof. Dr. Dr. Klaus Dörner: „De-Institutionalisierung im Lichte von Selbstbestimmung und Selbstüberlassung – Absichten, Einsichten und Aussichten entlang der Sozialen Frage“

https://www.zedis-ev-hochschule-hh.de/files/dorner_deinstitutionalisierung.pdf

(Ich bin Gerlef Gleiss sehr dankbar für diesen wichtigen Vortrag, Auch wenn ich selbst da noch einiges andere dazu sagen würde. Aber hier werden die Probleme von beiden Seiten her arbeitstechnisch und sozial detailliert umrissen!)

 

 

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Mad Studies

VerRücktheitsforschung und Betroffenheit

Statt Ökotherapie > Ökoaktivismus https://baumgemeinschaften.wordpress.com/

Links, die für mich Eye-Opener waren in der letzen Zeit …

Peter Beresford: ‘Mad’, Mad studies and advancing inclusive resistance

Ein Bericht über die Teilnahme an einem Emowerment-Training von Eva Buchholz, der mich sehr beeindruckt hat. Generell eine sehr empfehlenswerte Seite: http://www.handbuch-empowerment.de/

Info-Hub: Mad in America: Science, Psychiatry and Social Justice

Dr Lucy Johnstone: The Power Threat Meaning Framework. Towards the identification of patterns in emotional distress, unusual experiences and troubled or troubling behaviour, as an alternative to functional psychiatric diagnosis

Psyche und wie man Psyche erlebt …

Warum diese Links hier, jetzt an dieser Stelle? Meine Auseinandersetzung mit den Zusammenhängen zwischen Formen der Diskriminierung gegenüber Menschen mit vermeintlichen kognitiven “Abweichungen”, speist sich auch aus der Erfahrung an mir selbst als betroffenem Menschen. Ich frage mich immer wieder, ob ich meine Geschichte diesbezüglich offener angehen sollte oder sie weiter eher verborgen halten sollte, soweit wie möglich.

Das Problem, was sich für mich zu einer offen Thematisierung hinzugesellt ist, dass Teile meiner persönlich erlebten Diskriminierung in besonders starker Form nicht allein von einem gesellschaftlichen Vorurteilsdenken, von uniformierten oder “merkwürdig gesonnenen” Psycholog*innen und Psychiater*innen oder auch von ehemaligen Bekannten und Freund*innen herrührte. All diese Menschen waren irgendwo immer noch “draußen” – schlimm war für mich eine kontinuierliche Abwertung, die ich innerfamiliär durch eine meiner engsten Verwandten erfahren habe. Schlimm war auch, dass diese Verwandte beruflich im Bereich ‘Antisikriminierung’ unterwegs war/ist.

Emotinal abuse, sibling abuse, abuse within the close family … das sind leider Kategorien die mir bei meinem innerfamiliären Problem von Diskriminiertheitserlebnissen nicht weiterhelfen. Es gibt viele Formen solcher Spannungsverhältnisse, die wir in kein vorgekautes Muster packen können. So sind zum Beispiel auch Eltern oft Opfer seelischer Gewalt ihrer Kinder – aber sowas ist kein Thema. Und so ist auch das Problem, das ich mit einem Geschwistetteil hatte “kein Problem”. Aber in Wirklichkeit gibt es eben doch immer mehr Probleme, als die allgemein beschriebenen und benannten.

Mein Problem in der Familie war folgendes, in Stichworten: 1990 wurde ein Mordversuch an mir begangen. Ich merke, dass ich im Detail über das Geschehen noch nach 30 Jahren ungerne offen rede. Der Täter wurde von der Staatsanwaltschaft wegen versuchten Mordes angeklagt. Wie Ihr seht, konnte ich dem Täter damals entgehen. Sogar körperlich unverletzt. Meine Seele hat damals aber einen gewaltigen Knacks bekommen, an dem ich über zehn Jahre litt, in allen möglich Formen, die sich psychisch (und natürlich auch psychosomatisch) äußerten.

Damals war es noch nicht so “normal” oder üblich (außer man war beim Militär und dort traumatisiert … ) dass einem ein posttraumatisches Belastungssyndrom diagnostiziert wurde. Zum Teil wollte ich auch gar nicht über mein Erlebnis sprechen, weil ich auch davon ausging, dass man mir unterstellen würde, dass ich gewiss übertreibe um mich interessant zu machen oder etwas aufblasen würde. Den Leuten die reißerischen Zeitungsartikel aus der Lokalpresse über das Geschehene vorzulegen, wäre für mich absurd gewesen.

Wenn man als weiblich-identifizierte Person Opfer von einer männlich-identifizierten Person geworden ist, nimmt das Ganze sowieso kaum jemand mehr ernst, weil dieser Gender-Kampf an der Tagesordnung steht und solche Fälle, in der es zu Übergriffen kommt, in die besonders unappetitliche Ecke gerückt werden. Gendergewalt ist ziemlich durchsetzend und verhält sich nicht erkennbar linear, dass man sagen könnte, die Unterdrücker sind immer nur die Männer und es sind immer nur die unkritischen Menschen. Langes Thema.

Der Täter war zudem noch religiös (ein Thema für sich) gespeist, ich kam aus einer säkularen, aber, man kann sogar sagen eher ‘modern heidnisch-orientierten Familie’, die betreffende Verwandte jedoch ist und war aber auch sehr religiös motiviert, zwar von eine anderen Religion her, aber nichtsdestotrotz. Das macht die Sache auch noch schwer, … . Ethnische, kulturelle, religiöse Hintergründe, ethische weltanschauliche Haltungen, politische Einstellungen, all das.

Egal auf jeden Fall hatte mein PTBS, das mir bis heute kein*e Psycholog*in und kein*e Psychiater*in ‘zugestanden’ hat, auch die Folge, dass die Reaktionen in der Familie auf mich und meine Situation und mein Erleben völlig auseinander trifteten: Meine Eltern standen total zu mir, aber eine meiner engen Verwandten … und genau das ist, was mich hindert über meine Geschichte offen zu reden. Die seelische Gewalt ist konstant da, biografisch ganz nah, geht nicht weg. Es gibt Menschen, die haben in unserer Gesellschaft einen zu starken Zugang zu einem persönlich: so wie z.B. einige sehr enge Verwandte.

Ich darf zudem wahrscheinlich auch aus Datenschutzgründen gar nicht offen über mein Erleben diesbezüglich reden, sobald mein Name öffentlich ist und man die Identität meiner Verwandten ableiten kann via Google. Also mach ich es nun so … . Ich glaube ich habe endlich meine Lobby-Gruppe gefunden. Die Mad Studies bieten einen Rahmen für eine vernünftige Diskussion – wobei ich auch für eine “Entakademisierung” solch einer Diskussion bin, das aber allgemein … denn Klugheit und Besonnenheit darf nicht an Bildungsvorgaben und Bildungsvorstellungen gekoppelt sein. Bildung kann vieles sein und auch Menschen, die sich schlecht ausdrücken können oder die nichts von Cross-References halten … haben gleichermaßen wertvolle und wichtige Beiträge zu allen Belangen in der Gesellschaft zu machen. Ganz, ganz wichtig!

Über das Empowerment, die Mad Studies und die Disability Rights Bewegung, über diesen Weg kann ich einfach mal über alles reden, indem ich eigentlich immer noch keine klinische Klarheit in meiner eigene Situation hinein-formuliere. Selbsttherapie als Kunst und “Verrücktsein” ist, wenn man Grenzerfahrungen, die von außen negativ bewertet wurden, selbst neu bezeichnet. Seelisch verletzt sein ist das, um was es mir hier gerade geht und das, was für mich psychisch Krank heißen kann.

Ein Thema über das man auch mal reden müsste ist eine neue Differenzierung von psychisch abweichendem Verhalten. Das geht aber erst wenn man weg von den Diagnosen im alten Sinne kommt.

Mehr über mich und meine geliebten Eltern und meine Schwester Miriam und den Rest meiner geliebten Familie erzähle ich hier > You and me. Das ist ein mir heiliger virtueller Ort, an dem ich meiner Liebe zu meiner Familie uneingeschränkt Ausdruck geben kann. Es ist meine autoethnografische Liebes-Map.

Dir lesendes Wesen alles Gute … !!!