Warum ich selbst pflegte

Referat zum Thema: “Warum ich selbst Pflegte” – Modelle des Pflegens – Angehörigenpflege / Zugehörigenpflege. Basierend auf einem Interview, dass ich mit Werner L., einem selbstpflegenden Angehörigen, führte.

Dieses Referat kam mir sehr entgegen, da ich hier mein Lieblingsthema: Angehörigenpflege thematisieren konnte!

Gita Yegane Arani, 2018

  1. Einleitung

In diesem Interview stelle ich die Erfahrungen von Werner L. vor, der sich trotz eigener körperlicher Behinderung dafür entschied, sich in der Pflege seiner Familienangehörigen, soweit ihm das möglich war, aktiv einzubringen. Werner L. wohnte teilweise mit seinen Eltern zusammen um die Mutter bei der Pflege des schwer asthmakranken Vaters zu unterstützen. Später begleitete er gemeinsam mit seiner Mutter die Schwester der Mutter, seine Tante, im Endstadium ihrer Krebserkrankung. Zuletzt pflegte er seine Mutter, in den Phasen der leichten Pflegebedürftigkeit bis zur Sterbebegleitung. Werner L. sagt, dass ihm die Entscheidung, die Eltern selbst zu pflegen, eine wesentliche war und er in dem Prozess „gewachsen“ sei. Werner L. war damals ledig und hatte keine eigenen Kinder. Er arbeitet in einem technischen Beruf in Handwerk und Entwicklung.

  1. Beweggründe: „Deshalb habe ich selbst gepflegt … “

Werner L. machte die ersten Erfahrungen in seinem Leben mit Pflegebedürftigkeit mit sich selbst als Betroffenem. Infolge eines schweren Autounfalls war er eineinhalb Jahre an den Rollstuhl gefesselt und musste zahlreiche wiederherstellende Operationen durchmachen. Mehrere Jahre nach dem Unfall konnte er wieder in sein normales Berufsleben eintreten. Inzwischen hatte sich aber das Befinden des Vaters, der sein Leben lang Former und Gießer bei einem traditionsreichen Metallunternehmen war, infolge seiner Berufstätigkeit, in der er ständig gesundheitsschädigenden Dämpfen und Feinstaub ausgesetzt gewesen war, verschlechtert. Das Asthma, unter dem der Vater zunehmend litt, schränkte dessen tägliches Leben zunehmends ein und letztendlich kam es zur unumkehrbaren schweren Pflegebedürftigkeit.

Werner L.s Mutter war zu der Zeit noch imstande den Vater viel an pflegerischer Unterstützung selbst zu bieten, doch dem Sohn war es wichtig seine Eltern in dieser Phase zu unterstützen. „Ich wusste, was es bedeutet, pflegebedürftig zu sein und ich wollte meinen Eltern etwas zurückgeben.“ Der Arzt hatte zu dieser Zeit auch empfohlen, dass der Vater hinaus aus dem Ballungsgebiet in eine ländliche Gegend wegen der besseren Luft ziehen solle, wenn ihm das möglich wäre. So organisierte die Familie einen Umzug in eine ländliche Gegend Hessens. Schon zu der Zeit bahnte sich ein Konflikt mit den Geschwistern von Werner L. an. Ihnen war, so Werner L., die Pflegebedürftigkeit des Vaters lästig und wenn sie kamen hätte es oft Streit gegeben. Werner L. sagte, er wollte auch die Mängel in der Familie kompensieren, die durch das „rücksichtslose Verhalten“ der Geschwister im Familiengefüge entstanden waren.

  1. Die Praxis des Pflegens Angehöriger: Helfen, aber wie? (Pflegepraxis, Umsetzung)

Werner L. merkte bald, dass er detaillierte Beratung für die Pflege des Vaters zuhause benötigte. Die Ärzte informierten ihn über Medikation, die Verabreichungsarten und was alles zu berücksichtigen sei. Werner L. sagt von den Ärzten und von der Lungenklinik, die er und sein Vater nun häufig aufsuchen mussten, hätten sie viel an Unterstützung und Expertise erfahren. Schlechte Erfahrungen machte Werner L. damals mit einem initial beauftragten Pflegedienst. Die Pflegerin habe den Vater „infantilisierend“ angesprochen, „als sei er ein Kleinkind“. Werner L. fragte die Pflegekraft, ob sie mit selbst mit ihrem eigenen Kind in der Art sprechen würde, und er entschied, die Pflege, solange er das gemeinsam mit der Mutter stemmen könne, selber zu machen – ohne die Hilfe professioneller Pflegeeinrichtungen und Pflegedienste. Doch konstatiert Werner L. auch, dass er Anfangs „wie ein Ochs vorm Berg“ gestanden hätte und ihm ganz basales Wissen und Tipps, insbesondere vom MDK und den Krankenschwestern, geholfen habe was die alltägliche Pflegepraxis anbetraf. Er „stoppelte“ sich alles an Informationen was er ringsum bekommen konnte zusammen, von allen Instanzen denen er im Kontext mit der Pflegebedürftigkeit seiner Vaters begegnete. Der MDK und die Krankenkassen, sagt er, hätte ihn aber auch am ehesten eine Einweisung in ein Pflegeheim nahegelegt, im Falle sowohl seines Vaters als auch seiner Mutter dann später. Er lehnte diesen Schritt für sich ab und er wusste, dass seine Eltern auch nicht „von Fremden“ gepflegt werden wollten.

  1. Die Finanzierung der Angehörigenpflege, Ressourcen und Hilfsmittel

Die finanziellen Ressourcen hätten, was die Pflegehilfsmittel anbetrifft, nicht wirklich gereicht. Das Finanzielle war aber auch nicht der Grund, warum Werner L. ein Pflegeheim als Alternative abgelehnt hatte. Um sich im Bezug auf die Hilfsmittel zu helfen, baute Werner L. mehrere Utensilien für die Barrierefreiheit im Haus der Eltern selbst, „teils gibt es auf dem Mark auch nicht genau das, was du brauchst“. Pflegegeld habe er nur später bei der Pflege seiner Mutter beantragt, denn bei Ihr machte er 14-24 Stunden 7 Tage die Woche Pflege. Hilfsmittel wurden auch über die Krankenkasse und den Arzt beschafft.

  1. Zeitmanagement

Was alles an Pflegetätigkeiten anfiel und was er alles für seinen Vater tat, frage ich Werner L.. Er wusch den Vater, reichte ihm an, renovierte das Haus innen und außen, kümmerte sich um die Besorgung und die Verabreichung der Medikamente, brachte den Vater zum Arzt und häufig ins Krankenhaus. Er wollte, so gut es ging, dem Vater eine soziale und körperliche Stütze sein. All das konnte er nur soweit verwirklichen, wie ihm sein eigenes Zeitmagagement das zuließ, da Werner L. zu dieser Zeit voll berufstätig war. Wäre seine Mutter nicht da gewesen und man hätte sich die Pflege geteilt, wäre alles in der Form nicht möglich gewesen.

  1. Wahrnehmung von Pflegebedürftigkeit (und daraus resultierende Konflikte in der erweiterten Familie)

Auch seine Tante, die Schwester seiner Mutter, pflegte Werner L. gemeinsam mit seiner Mutter, da der eigene Ehemann und sie Söhne der Tante ihren Fall nach dem dritten Rezidiv ihres Brustkrebses aufgegeben hatten. Der Brustkrebs hatte nun ins Gehirn gestreut, und so litt Werner L.s Tante nun an einem Gehirntumor der nicht mehr operabel oder heilbar war. Werner L. und seine Mutter besuchten die Tante täglich im Krankenhaus, fast ein Jahr lang. Durch die Metastasen kam es zu Wesensveränderung, der kognitive Zustand der Tante war beeinträchtigt. Werner L. sagt, insbesondere dies sei ein Umstand gewesen, mit dem der Ehemann und die Söhne seiner Tante sich nicht auseinandersetzen wollten oder konnten. Werner L. besteht auf die Wichtigkeit einen Menschen immer in seiner vertrauen Art und Weise anzusprechen, ihm nichts an Wahrnehmungskapazitäten abzusprechen, selbst wenn der andere sich kognitiv nicht mehr wie vorher äußern könne. „Jede Phase ist wertvoll,“ sagt Werner L. Auch im Falle der Tante übernahmen Werner L. und seine Mutter gemeinsam Aspekte der Körperpflege, der Förderung des körperlichen Wohlbefindens und soziale und seelische Unterstützung. Wichtig war Werner L., dass es in der Bewältigung und den Umgang mit der Situation eigentlich keine „absolute Demarkationslinie“ zwischen Pflegebedürftigen und Pflegendem gegeben hätte, sondern dass ein permanenter Austausch zwischen den Beteiligten stattgefunden hätte, indem immer wieder Pflegender wie Pflegebedürftiger gemeinsam schauten, was der Pflegebedürftige in dem Moment brauchen könnte und was der Pflegende dazu einbringen kann. Zwischen beiden Seiten müsse eine kommunikative Harmonie hergestellt werden, dies vermisse er zum Teil in den Pflegeeinrichtungen/-diensten, die bisher im engeren und erweiterten Kreise kennengelernt habe.

Damals hatte Werner L. er immer noch den sozialen Halt durch seine Mutter. Gemeinsam konnte man über alle Probleme sprechen, die man vom pflegebedürftigen Familienmitglied fernhalten wollte und musste, um diesen nicht unnötig und überfordernd zu belasten. Wenige Jahre später, nach dem Tod von L.s Vater und Tante, kam es bei Werner L.s Mutter aber auch zu gesundheitlichen Einbußen, zu einem operativen Eingriff, bei dem ein Fehler gemacht wurde, und zu einer schleichenden aber unaufhaltsamen Zunahme an Pflegebedürftigkeit. Die Konflite innerhalb der Kernfamilie wurden schlimmer und belasteten Werner L. und seine Mutter. Werner L. sagt, er habe ähnliches auch von Freunden gehört, dass in Familien in der Regel nicht allein Pflegebedürftigkeit als zunehmender „Abbau an Fähigkeiten“ gleich einem Manko beurteilt würde, sondern, dass damit oft auch eine Art Abwertung der ganzen Historie und derer Kontinuität bei einer Person betrieben würde. Man sähe den Zustand des Alterns als eine Art „Verfall“, im negativ konnotierten Sinne. Die Solidarität fiele dabei letztendlich flach.

  1. Entscheidungsfindungen in schwierigen Situationen

Werner L. und seine Mutter entschieden sich diese Phase gemeinsam durchzustehen und zusammen für sich anzunehmen. Werner L. suchte zu dem Zeitpunkt auch eine gemeinsame Wohnung, in die er hätte mit seiner Mutter wohnen wollen, denn er war zwischenzeitlich in die Nähe seines Arbeitsplatzes gezogen. Er hat bereits eruiert, wie ihm sein Netzwerk an Freunden bei der Pflege der Mutter helfen könnte. Der Zustand der Mutter verschlechterte sich aber sehr plötzlich. Sie war über einen Monat im Krankenhaus, zuletzt in der Intensivstation. In jeder Phase ihrer Pflegebedürftigkeit begleitete Werner L. seine Mutter. Auch im Krankenhaus übernahm er soviel Aufgaben wie möglich um ihr Geborgenheit und Sicherheit zu geben.

Besonders in den Phasen der Pflegebedürftigkeit seiner Mutter war Werner L. mit der Frage konfrontiert, ob ein Pflegeheim oder eine dauerhafte Begleitung durch einen ambulanten Pflegedienst zukünftig in Frage kommen würde. Seitens der medizinischen Instanzen und Einrichtungen (Ärzte, Krankenhäuser und Krankenkassen) wurde ihm dieser Weg immer wieder empfohlen. Für die Entscheidung zur häuslichen familiären Pflege erhielt er nur seitens seiner Freunde Zuspruch und Unterstützung. Er und seine Mutter machten nochmal einen Versuch mit einer ambulanten Pflege und auch wurde seine Mutter über drei Wochen in einer geriatrischen Kurzzeitpflege untergebracht innerhalb eines Krankenhauses nach einem operativen Eingriff. Beide Erfahrungen waren aus Sicht von Werner L. und seiner Mutter nicht produktiv und für die Mutter emotional belastend. Der Druck, der seitens solcher Institutionen latent ausgeübt wird, sei jedoch immens. So würde bei älteren Patienten oft eine Überweisung in eine Pflegeeinrichtung oder eine Versorgung durch einen ambulanten Pflegedienst empfohlen, auch wenn die Alternative familiärer Unterstützung deutlich von den Angehörigen vorgetragen wird. Man scheine das den Menschen manchmal nicht zuzutrauen. Es sei Schwierig und vieles sei eine Zerreißprobe, aber man könne es gemeinsam schaffen.

Werner L. begleitete seine Eltern und seine Tante im Sterbeprozess. Alles, so sagt er, seien gemeinsam gegangene Schritte gewesen, an denen er gewachsen sei. Er sei froh, dass er eine klare Entscheidung bezüglich dieser Fragen im Leben getroffen habe, und auch, entgegen zahlreicher Widerstände, danach gehandelt habe.

  1. Fazit

Nach der Theorie des systemischen Gleichgewichts von M.L. Friedemann ist das Ziel der Pflege „der Prozess, der das Streben nach Kongruenz im System erleichtert und ermöglicht“. [1] Das Ziel des Empfängersystems ist die Gesundheit. Ohne Kongruenz gerät die Balance im sozialen System der Gemeinschaft und beim Einzelnen aus dem Lot, auch im Bezug auf die Gesamtumwelt. Bei Werner L. findet ein kontinuierliches Austarieren verschiedener beeinflussender Faktoren statt. Bemühungen werden erkennbar kongruente Verhältnismäßigkeiten anzustreben zur Stabilität, zum Wachstum, zur Regulation/Kontrolle und wegen der Spiritualitätsaspekte, wie sie Friedemann in ihrem Modell des systemischen Gleichgewichts als Achsen der Balance beschreibt. Im Sozialgefüge von Werner L. werden zugleich aber auch als auf das System der Kernfamilie schädigend empfundene Einflüsse bewusst abgegrenzt und es wird ein als befriedend empfundener Rahmen hergestellt, innerhalb umgebender spannungsreicher Konfliktfelder (die sich auf das System mit auswirken). Die soziale Ebene des Systems wird erweitert, indem statt Angehörige auch Zugehörige bewusst mit wahrgenommen und einbezogen werden.

Durch das Ziel der Herstellung und des Erhalts einer Balance des sozialen Systems, unter Berücksichtigung der Bedürfnisse der pflegebedürftigen Beteiligten, wird im Falle Werner L.s der Versuch unternommen, die Gesundheit der Einzelnen als ganzheitlichen Prozess anzustreben. Es wird aber auch kennzeichnenderweise eine Grenze gezogen, zwischen als schädigend und als förderlich empfundenen Einflussfaktoren. Erfahrungen körperlicher Pflegebedürftigkeit als Leidensfaktoren, die des konstruktiven Umgangs bedürfen, und die Limitiertheit in der Stärke des Einzelnen, die sich daraus entwickelnden Probleme aufzufangen, prägen das Bild. Dennoch gelingt es den Beteiligten ihren Weg in ihrem selbst gestalteten System zu gehen und die ganzheitliche Gesundheit erfährt ein erlebtes Wachstum zugunsten der Kohärenz des Gefüges.

Auch kommt in dem Fall von Werner L. eine Bedeutsamkeits- und Sinnhaftigkeitskomponente in seinem Kohärenzgefühl zu tragen, das er aus seiner familiären Struktur schöpft: Tun, Biographie und Leben werden als sinnvoll betrachtet. Die Aufgaben die L. lösen will, sind es wert, die nötige Energie dafür aufzubringen, auch unter dem Risiko es könnte etwas schief gehen. Das Leben lohnt sich und das Risiko wird auf sich genommen. Die Komponente der „Sinnhaftigkeit“ gilt unter den drei Komponenten des von Antonovsky definierten Kohärenzgefühls (in seinem Modell des Salutogenese) als wichtigstes Element. [2] und das Kohärenzgefühl eines Menschen hat wechselseitige Auswirkungen auf dessen generalisierte Widerstandsressourcen [3], die Antonovsky als Voraussetung für eine erlebte Gesundheit beschrieben hat.

  1. Quellen

[1] Friedemann, M.L., Die Theorie des systemischen Gleichgewichts, o.J., http://faculty.fiu.edu/~friedemm/DieTheoriedesSystemischenGleichgewichts2.htm , Stand 7.3.18.

[2] Bengel J. et al., Was erhält Menschen gesud= Antonovskys Modell der Salutogenese – Diskussionsstand und Stellenwert, 2001, S. 143, http://kurse.fh-regensburg.de/kurs_20/kursdateien/L/SalutogeneseBZgA.pdf , Stand 7.3.18.

[3] Vgl. ebd. S. 145.

Referat zum Thema interkulturelle Pflege

Referat zum Thema interkultureller Pflege

G. Yegane Arani, 2017

  1. Einleitung

Angesichts fortwährender soziokultureller und demografischer Veränderungen innerhalb unserer Gesellschaft, die einen stetigen Zuwachs an Zuwanderung und Migration erlebt, rückt die Wichtigkeit der Berücksichtigung von Verschiedenheit kultureller Hintergründe und Prägungen, als wahrgenommene und gelebte kulturelle Vielfalt, zunehmend in das Bewusstsein aller unterschiedlichen sozialen Interaktionsrahmen.

Insbesondere Menschen bei denen ein maßgeblicher Pflegebedarf besteht und die sich somit in einer vulnerablen körperlich-gesundheitlichen Situation befinden, benötigen eine achtsame Form der Unterstützung auf der gesundheitsfördernden Ebene, bei der die Aufmerksamkeit mit auf die jeweiligen kulturellen Herkunfts- und Identitätsschwerpunkte gelegt werden muss. Religiöse Wertvorstellungen und Praktiken, weltanschauliche Hintergründe und andere prägende soziale, den Menschen mitbestimmende Parameter müssen in die Pflegeplanung mit einbezogen werden. In dieser Hausarbeit betrachte ich Aspekte kultursensibler Pflege im Bezug auf einen von mir begleiteten Fall in der Praxis, im Rahmen meiner Ausbildung in einem Böhm-Wohnbereich in der stationären Pflege.

  1. Was ist kultursensible Pflege

Kultursensible Pflege bedeutet die Ausrichtung der Pflegepraxis an „der in den spezifischen kulturellen Kontext eingebundenen Individualität eines Menschen“ [1]. Zentral ist dabei eine wertschätzende Haltung innerhalb einer offenen interkulturellen Orientierung, die eine Ausrichtung an kultureller, weltanschaulicher und religiöser Vielfalt und Besonderheit mit sich bringt. Pflegeeinrichtungen, Institutionen und professionell am Pflegeprozess beteiligte sollten über interkulturelle Kompetenz verfügen, was die Fähigkeit beinhaltet konkrete Handlungs- und Interaktionsformen aus einer informierten wertschätzenden Haltung abzuleiten. Der fremde kulturelle Kontext wird bewusst adressiert und pflegerisch berücksichtigt.

Kennzeichen kultursensibler Pflege:

  • Unterschiede kultureller Prägung beeinträchtigen den Pflegeprozess nicht, sondern finden vor dem Hintergrund kultureller Heterogenität statt
  • Pflege richtet sich nach den kulturellen Werten unter Berücksichtigung jeweils individueller Ausprägungen, individueller Werte und Kontextbedingungen aus, und wird auf die Bedürfnisse des pflegebedürftigen Menschen individuell abgestimmt

Kultursensible Pflege kann somit auch als „Materialisierung der Menschenwürde, der

individuellen Freiheit und des Rechts auf persönliche Entfaltung“ [2] im Zustand der Pflegebedürftigkeit aufgefasst werden.

Die Werte die hiermit gewährleistet sind, entsprechen den nach dem Grundgesetz, der Charta der Grundrechte der Europäischen Union und der Europäischen Menschenrechtskonvention geschützten Grundrechten [3]. Weitere entsprechende Vorgaben innerhalb der BRD finden wir in der „Charta der Rechte hilfe- und pflegebedürftiger Menschen“ der Bundesministerien für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) und für Gesundheit (BMG) [4], die als Maßnahmenkatalog und Orientierungshilfe dient und bestehende hier greifenden Bundesgesetze aus verschiedenen Rechtsbereichen und –ebenen in einer Übersicht zusammenführt [5].

„Jeder hilfe- und pflegebedürftige Mensch hat das Recht, seiner Kultur und Weltanschauung entsprechend zu leben und seine Religion auszuüben“, heißt es beispielsweise in Artikel 7 der Charta [6].

  1. Teilbiografie von Frau S.

Frau S. ist Koreanerin. Sie stammt aus der südkoreanischen Stadt Kimch’ŏn (auch Gimcheon), in der sich ein berühmter buddhistischer Templer „Chiksi-sa“ [7] befindet.

[ … ] Aus Datenschutzgründen hier weggekürzt.

3.1 Hintergründe zu prägenden ethisch-religiösen Wertvorstellungen in der koreanischen Kultur: Der Konfuzianismus

Korea wird als Kultur mit starker ethischer Bedeutung kollektivisticher Eigenschaften verstanden [9] – ein Resultat des Konfuzianismus, der Korea jahrhundertelang geprägt hat, wobei in der koreanischen Kultur Einflüsse der umliegenden Kulturen des Fernen Ostens, insbesondere derer von Japan und China, naheliegend sind [10]. Folgende Religionen gehören zum heutigen koreanischen Kulturkreis [11]:

Eine Erklärung unter dieser Statistik im Begleittext weist darauf hin, wie es zum besonderen Einfluss des Konfuzianismus in Korea kommt, obgleich seine Anhängerschaft religiös nur eine geringe Anzahl in der Bevölkerung ausmacht:

„Angesichts der Vielfältigkeit religiöser Ausdrucksweise war der Einfluss von Religionen auf die gesellschaftliche Entwicklung komplex; der Ursprung von Traditionen geht jedoch oft mehr auf die kulturelle Entwicklung zurück und weniger auf religiöse Rituale […] Buddhismus und Konfuzianismus hatten den größten Einfluss auf das koreanische Volk […] Der Konfuzianismus ist eher eine Handlungsrichtlinie und Ideenlehre als eine Religion. Loyalität, Ehrfurcht der Kinder vor den Eltern und ähnliche Tugenden gehören zu den wichtigsten Grundsätzen des Konfuzianismus.“ [12]

Konfuzianische Wertvorstellungen spielen auch im von modernen sozialkommunikativen Technologien geprägten Korea noch immer eine wichtige Rolle in der Struktur interpersonaler Beziehungen und im sozialen Miteinander. Eine besondere Rolle spielt das „Wir-Gefühl“ innerhalb der Gesellschaft und deren Nukleus, der Familie, die von festen traditionsbedingten Hierarchien geprägt ist.

In der Beziehungspflege kommen insbesondere zwei indigene koreanische Gefühlsmodi – Shimjung und Jung – als Schlüsselkonzepte für das Verständnis koreanischer Interaktionsmechanismen zum Tragen [13].

Exkurs, die Bedeutung von Shimjung und Jung:

Shimjung ist ein komplexer Modus der verbalen wie auch der nonverbalen Kommunikation, in dem auf kommunikative Weise das Interesse am Wohlbefinden des anderen bekundet wird [14].

Das Jung ist die emotionale Bindung. So bindet sich das Morphem ‚Jung’ an Qualifikatoren auf das dieses Gefühl jeweils Bezug nimmt, wie etwa in Jung-suh als Konsolidierung des Gefühls, Ae-jung als Zuneigung, Leidenschaft ist Yul-jung und Sympathie Dong-jung, usw. Jung ist das Gefühl einer Zugewandtheit. Einsamkeit wird überwunden indem Menschen das Jung-Gefühl einander mitteilen [15].

Im konfuzianischen Weltbild versteht sich der Mensch immer durch seine Beziehungskonstellation zu anderen Menschen, innerhalb eines geordneten Prozesses auf dem sich die gesellschaftlichen Hierarchien errichten, dabei machen „konkret definierte reziproke Beziehungen zwischen Menschen […] den Hauptinhalt aus“. [16] Zentral sind dabei die Beziehungskonstellation zwischen der hierarchisch übergeordneten Instanz und dem Untergebenen, die Vater-Sohn-Beziehung, die Beziehung des Ehemanns zur Ehefrau, der Älteren zu den Jüngeren und innerhalb von Freundschaftsbeziehungen. Fünf Verhaltensregeln stehen dabei im Zentrum der Beziehungssteuerung [17]:

  • Humanität und Zwischenmenschlichkeit (In 인), dieses Konzept gilt als eines der Wichtigsten in der konfuzianischen Ethik
  • Rechtschaffenheit (Eu 의)
  • Angemessenheit und Schicklichkeit (Ye 예)
  • Kultiviertheit und Wissen (Chi 지) und
  • gegenseitiges Vertrauen (Shin 신) [18]

Eine Zuordnung im Vergleich zu anderen Religionen kann folgende besondere Kriterien im Konfuzianismus herausfiltern:

  • Grundlage des religiösen Funktionstypus: Gemeinschaftlich, Gemeinschaft/Gesellschaft stehen im Mittelpunkt
  • Referenz-Subsystem,Hauptwert: Bürgerliche Tugenden (Solidarität)
  • Gottesbild: Heiligkeit des Diesseits
  • Gerechtigkeitskriterium: Status
  • Sozialpolitische Ideologie: Familismus [19]

Eine Problematik spielt im traditionellen Konfuzianismus die unterdrückte Rolle der Frau, die innerhalb der Ehe als dem Mann untergeordnet betrachtet wird, sowie im Familiensystemen und innerhalb der Gesellschaft. Von der Frau wird erwartet sich diesem System unterzuordnen. Diese Rolle hat sich in den letzten Jahrzehnten zunehmends geändert [20] und befindet sich in fortlaufenden Veränderungsprozessen zugunsten frauenfreundlicher sozialer Umgestaltung (wie wir sie auch global in unterschiedlichem Maße wahrnehmen können).

Im Fall von Frau S. hat innerhalb ihrer eigenen Biografie ein Bruch zugunsten ihrer Selbstverwirklichungsmöglichkeiten stattgefunden, wie wir oben in ihren biografischen Daten erfahren haben.

  1. Anamnese zur fallbezogenen kulturspezifischer Problemlage

Frau S. ist die einzige Koreanerin und die einzige Person mit einem fernöstlichen kulturellen Hintergrund in unserem Wohnbereich. Ihr Ehemann besucht sie täglich und fängt ihre ausgeprägte soziale Sensibilität auf, aber im Miteinander, das im Kontext unseres Wohnbereichs eine zentrale Rolle spielt, wird Frau S. meines Erachtens nach sozial noch nicht hinreichend eingebunden. Dies ergibt sich aus dem betreuerischen Angebot, das den kulturellen Hintergrund von Frau S. bislang wenig in der Betreuungsgestaltung mit berücksichtigt. Zwei Faktoren scheinen sich beispielsweise zur Einbindung anzubieten. So zum einen eine geförderte Integration in die bislang im Wohnbereich angebotenen spezifisch kulturell/traditionell deutsch-geprägten Beschäftigungsangebote und sozialen Interaktionen. Hierbei spielen einige Mitbewohner aber eine wichtige Rolle: Einige Mitbewohner versuchen Frau S. immer wieder, soweit es ihren möglich ist, in das Gruppengeschehen mit einzubeziehen. Dieser Umstand müsste von den Betreuern stärker beachtet werden. Zum anderen sollten auf Frau S. abgestimmte Betreuungsangebote erstellt werden, in denen beispielsweise koreanische Kulturgüter in die Milieugestaltung und in das Beschäftigungsangebot mit einbezogen werden.

Im pflegerischen Handeln hat die WBL einige Schrifttafeln auf Koreanisch ausgedruckt, und die Pfleger, insbesondere die PA, sind bemüht mit Frau S. ganzheitlich und sensibel pflegerisch zu interagieren. Seitens der PA wird auch auf die Verwendung eines besonderen Essbestecks geachtet. In der Pflegebedarfserhebung wurden biografische und zeitgeschichtliche Begebenheiten erhoben und in die Pflegeplanung grundsätzlich mit einbezogen. Herr M. hat eine zusätzliche Kurzbiografie über seine Frau verfasst, die den Pflegern wichtige Hinweise über zu berücksichtigende Faktoren im Leben von Frau S. bietet.

  1. Die 5 Phasen interkultureller Kompetenzförderung und Möglichkeiten des sich daraus ergebenden fallbezogenen praktischen Pflegehandelns
  • Aneingnung von Informationen, Entwicklung von Interesse: Der kulturelle Hintergrund des Konfuzianismus war mir im Detail bislang weniger bekannt. In der Auseinandersetzung haben sich einige meiner kulturellen Eindrücke im Bezug auf das Verhalten von Frau S. positiv bestätigt, so zum Beispiel die Wichtigkeit der Nuancierung in verbalen wie nonverbalen Kommunikationsebenen (Bejahung, Ablehnung, Verneinung, Ausdruck von Freude, Trauer, Sorge beispielsweise).
  • Einüben des Perspektivwechsels: Die Situation in einer anderen Sprache und anderen Verhaltenscodices beheimatet zu sein, zugleich aber auch den zweiten neueren Kulturkreis zu kennen und sich dabei in einer Situation physiologischer und mentaler relativer Hilflosigkeit zu befinden, ist ein wichtiger Vergegenwärtigungsgegenstand im pflegerischen Handeln von Menschen mit einem Migrationshintergrund. Der Perspektivwechsel sollte immer wieder reflektierend, selbstreflektorisch und in der Besprechung im Team überprüft und nachvollzogen werden.
  • Erkennen und Überwinden von Ethnozentrismus: Auch dies sollte im Team neben der Selbstreflektion als interkulturelle Kompetenz geübt und bewusst in die Praxis umgesetzt werden, z.B. durch die Beachtung der Wichtigkeit sozialer Einbindung ergänzend zur Berücksichtigung der individuellen Bedürfnisse, die sich aus dem jeweiligen kulturellen Hintergrund ableiten.
  • Reflektieren von Situationen des kulturellen Umgangs: Auf gegebene Kommunikationsmöglichkeiten konstruktiv aufbauen, so sollten alle Möglichkeiten und Schritte in der Entwicklung eines optimierten pflegerischen Beziehungsaufbaus verfolgt und im Team, interprofessionell und mit Angehörigen besprochen werden.
  • Fördern von Einstellungen und Werten: Aufmerksamkeit sollte auch auf Pflegekräfte gerichtet werden, die wenig Kenntnisse über jeweilige kulturelle Hintergründe oder Besonderheiten haben. Hier ist der Austausch im Team wieder von zentraler Bedeutung.
  1. Umsetzung kultursensibler Maßnahmen

Die oben beschriebenen Beobachtungen und daraus gezogenen Erkenntnisse habe ich versucht folgendermaßen umzusetzen:

  1. kontinuierliche Kommunikation mit der PA über die Situation hinsichtlich des emotionalen und körperlichen Befindens von Frau S., d.h. eine verstärkte Beobachtung und Beachtung, da Frau S. sich schwieriger selbst mitteilen kann bzw. da die Gefahr von Fehlinterpretationen ihres Verhaltens oder ihrer Äußerungen größer sein kann, wegen Besonderheiten kulturell teilweise besonders geprägter Expressionsformen.
  2. Unterstützung der sozialen Interaktion anderer Bewohner mit Frau S. bei denen ich bereits ein hervorgehobenes sozial-empathisches Interesse im Bezug auf Frau S. beobachtet habe, und die ihren Wunsch zeigten und äußerten Frau S. mehr ins gemeinschaftliche Handeln mit einzubeziehen.
  3. Das Angebot von koreanischen Kurztexten in ausgedruckter Form.
  4. In Planung: weitere koreanische Gegenstände sowie Musik Frau S. anzubieten.
  5. Auseinandersetzung mit der koreanischen Kultur.
  6. Ideenaustausch zum Thema kultursensibler und interkultureller Pflege im Team versuchen anzuregen.
  1. Reflektion der Lernerfahrung

Im relativ kurzen Zeitrahmen zur Umsetzung kultursensibler Pflegemaßnahmen ist mir die Menge an Möglichkeiten bewusst geworden, sowie der Mangel an Zeit diese umzusetzen. Mir fehlten teilweise die Ressourcen zur Umsetzung einiger meines Erachtens wichtiger Angebote. Im Moment sehe ich seitens der Betreuer im Bezug auf Frau S. wenig Beachtung kultursensibler Ansätze; das Thema sollte meiner Meinung nach gemeinsam adressiert werden.

  1. Fazit

Kultursensible Pflege ist unerlässlich. Die Beschäftigung steht für einen pflegebedürftigen Menschen in Abhängigkeit zum Angebot und der Bereitstellung von Möglichkeiten seitens des Pflegers und der Pflegeeinrichtung. Kulturelle Identität und Spiritualität sind zentrale sinnstiftende Faktoren, die Menschen im Leben einüben, erlernen und (selbst) entwickeln, eventuell ändern im Laufe der Zeit. Zur ganzheitlichen Pflege gehört die Förderung dieses Aspekts des Menschseins als Grundrecht zur Selbstentfaltung und Verwirklichung.

  1. Literaturverzeichnis

[1] Dömling, Gregor: Kennzeichen kultursensibler Pflege, Diakonie Deutschland – Evangelischer Bundesverband 2010, S. 4, http://www.fh-diakonie.de/obj/Bilder_und_Dokumente/DiakonieCare/FH-D_DiakonieCare_Doemling-G_Kennzeichen-kultursensibler-Pflege_lang.pdf , Stand: 20.11.2017.

[2] Vgl. ebd. S. 5.

[3] Vgl. ebd.

[4] Vgl. ebd.

[5] Auch spielt der demografische Wandel in Hinsicht auf Menschen mit Migrationshintergrund in der BDR eine wesentliche Rolle für die Relevanz kultursensibler Pflege. So wurden Anfang der 1990er Jahre erste Arbeitsansätze in der ambulanten und stationären Altenhilfe zu kultursensibler Pflege und zur sogenannten interkulturellen Öffnung entwickelt. Bereits zu dieser Zeit bestanden Prognosen über einen deutlichen Zuwachs in der Anzahl älterer Migranten, im Bezug auf die schon in den 1980ern bekannt war, dass Schwierigkeiten im Zugang und in der Nutzung medizinischer und pflegerischer Dienste bestanden. Arbeitsansätze zur Adressierung bestehender Probleme wurden vom Arbeitskreis Charta für eine kultursensible Altenhilfe (Vorläufer des Forums für eine kultursensible Altenhilfe) über mehrere Jahre erarbeitet und im 2002 in einem „Memorandum für eine kultursensible Altenhilfe“ formuliert. In Deutschland haben ca. 16,5 Millionen Menschen laut Mikrozensus 2013 einen Migrationshintergrund, davon sind etwa 1,5 Millionen über 65 Jahre alt. Man schätzt, dass ihre Zahl bis 2030 auf 3,6 Millionen ansteigen und sich somit in ca. 15 Jahren mehr als verdoppeln wird. Vgl. Zanier, Gabriella, Altern in der Migrationsgesellschaft: Neue Ansätze in der Pflege – kultursensible (Alten-) Pflege und Interkulturelle Öffnung, 2015, http://www.bpb.de/gesellschaft/migration/kurzdossiers/211007/altern-in-der-migrationsgesellschaft?p=all , Stand: 20.11.2017.

[6] Vgl. BMFSFJ/BMG 2005, Art. 7. https://www.bmfsfj.de/blob/93450/cb3a711f218cca72c859592655ef723c/charta-der-rechte-hilfe-und-pflegebeduerftiger-menschen-data.pdf , Stand: 20.11.2017, siehe auch http://www.pflege-charta.de/de/startseite.html , Stand: 20.11.2017.

[7] Die Angaben in der Kurzbiografie stammen überwiegend aus einer schriftlich festgehaltenen Biografie über Frau S., die ihre Tochter im Pflegeheim vorgelegt hat. Eine Kopie liegt mir vor.

[8] ebd.

[9]  Scherpinski, Anja, Die Bedeutung von Emotionen in der koreanischen Interaktion, interculture-journal: Online-Zeitschrift für interkulturelle Studien, I Jahrgang 10, I Ausgabe 14 I, 2011, Seite 89, http://www.interculture-journal.com/download/article/scherpinski-lee_2011_14.pdf , Stand: 20.11.2017.

[10] Die westliche Literatur sieht den Konfuzianismus (oder Neo-Konfuzianismus) als  das Charakteristikum koreanischer Kultur schlechthin, die ostasiatischen Kulturen werden insgesamt als konfuzianische Kulturen bezeichnet. Dies stellt aber eine gewisse Blickverengung dar, denn das dominante ethisch-religiöse Denksysteme bildet zwar eine wesentliche Komponente des gesellschaftlichen Wertesystems, die Einflüsse durch den Taoismus und den Buddhismus müssen aber gleichermaßen mit in das ethisch-religiöse Gesamtbild fernöstlicher Kultur einbezogen werden. Weitere kulturelle Zusammenhänge innerhalb der fernöstlichen Kulturlandschaften ergeben sich auch aus der Verwandtschaft der Schriftzeichen, die sich unterscheiden, aber allesamt auf dem chinesischen Alphabet basieren. Daher spricht man hier auch von der sog. chinesischen “Schriftkulturregion”. Und letztendlich finden wir in den fernöstlichen Kulturen auch Gemeinsamkeiten im Lebensstils, Ästhetik und Ernährung, wodurch nahe gelegt werden kann die Kulturgeschichte der jeweiligen Länder im breiteren Kontext zu betrachten. Vgl. Heui Lee , Yeong, Normative Rahmenbedingungen in Korea, Berlin 2003, Seite 10, http://www.fagus-berlin.de/abstracts/pdf/2003_FaPa_Langfassung_Normative_Rahmenbedingungen.pdf , Stand: 20.11.2017.

[11] Korea.net, Religionen in Korea, Übersicht, Abb., http://german.korea.net/upload/content/editImage/160509_Religion_german.jpg , Stand: 20.11.2017.

[12] O.V., Korea.net, Religionen in Korea, Übersicht, o.J., Abb., http://german.korea.net/AboutKorea/Korean-Life/Religion , Stand: 20.11.2017.

[13] Scherpinski, Anja, Die Bedeutung von Emotionen in der koreanischen Interaktion, interculture-journal: Online-Zeitschrift für interkulturelle Studien, I Jahrgang 10, I Ausgabe 14 I, 2011, Seite 96, http://www.interculture-journal.com/download/article/scherpinski-lee_2011_14.pdf , Stand: 20.11.2017.

[14] Hrsg. Kim, Uichol, et al., Indigenous and Cultural Psychology: Understanding People in Context, 2006, S. 365, http://indigenouspsych.org/Resources/Indigenous%20and%20Cultural%20Psychology%20-%20Understanding%20People%20in%20Context.pdf , Stand: 20.11.2017.

[15] Sung Park, Andrew, Racial Conflict and Healing: An Asian-American Theological Perspective, 1996, S. 110, https://books.google.de/books?id=-FZMAwAAQBAJ&pg=PA110&lpg=PA110&dq#v=onepage&q&f=false , Stand: 20.11.2017.

[16] Scherpinski, Anja, Die Bedeutung von Emotionen in der koreanischen Interaktion, interculture-journal: Online-Zeitschrift für interkulturelle Studien, I Jahrgang 10, I Ausgabe 14 I, 2011, Seite 91, http://www.interculture-journal.com/download/article/scherpinski-lee_2011_14.pdf , Stand: 20.11.2017.

[17] Vgl. ebd.

[18] Ebd.

[19] Dömling, Gregor: Kennzeichen kultursensibler Pflege, Diakonie Deutschland – Evangelischer Bundesverband 2010, S. 2-3, http://www.fh-diakonie.de/obj/Bilder_und_Dokumente/DiakonieCare/FH-D_DiakonieCare_Doemling-G_Kennzeichen-kultursensibler-Pflege_lang.pdf , Stand: 20.11.2017.

[20] o.V., Changing Role of Women, U.S. Library of Congress, o.J., http://countrystudies.us/south-korea/40.htm , Stand: 20.11.2017.

Gedanken über Pflegenormen

Schwerpunkt Altenpflege. Referat zum Thema:  Fördernd pflegen mit einer fürsorglichen Haltung: Das berufliche Selbstverständnis. Das Referat sollte sich um die Begriffe: Normen, Werte, Moral, Ethik und Prinzipien winden.

Gita Yegane Arani, 2017

Schaubild

Normen → Handlungsrichtlinien.

Werte → bilden sich aus … Moral und Ethik.

→ Moral, individuelles Empfinden und Handeln; steht im kritischen oder affirmativen Bezug zu gemeinschaftlichen Konventionen über Sittlichkeit.

→ Ethik, gemeinschaftliche Schlüsse, Erkenntnisse und verbindliche Übereinkünfte; Richtschnur über Sinnhaftigkeit und Werte im Leben und das grundsätzlich Existenzielle anbetreffend.

Prinzipien → bilden dafür Fundamente, Säulen, Träger.

  1. Einleitung

Im Pflegealltag sind alle beteiligten Instanzen, sowohl die helfenden als auch die Hilfe empfangenden, durch Implikationen ethischer Grundsätze betroffen, über die in unserer Gesellschaft und Wertegemeinschaft allgemein anerkannte und gesetzlich verankerte Übereinkünfte bestehen. Diese ethischen Werte werden über moralische Konsense, über das tägliche praktische Handeln, das Interagieren und das Rezipieren ständig beeinflusst, und die Gemeinschaftlichkeit befindet sich in einem fortwährenden Prozess der Mitgestaltung, des Miterfahrens und der Mitreflektion. Dieses Referat stellt sich die Frage seitens des Verantwortungsbereichs professioneller Pflege und ihres pflegerischen Handelns, darüber, wie ethisches Erkennen, Bewusstsein und Handeln als sinnstiftende Elemente dem gemeinschaftlichen Sein stetig aktualisiert zugetragen werden können.

  1. Was entspricht meinem beruflichen Selbstverständnis (Wert)

Mein Ideal eines Selbstverständnisses für die Praxis der pflegenden Berufe speist sich aus Werten, die ich einerseits den allgemeinen Diskursen in unserer Gesellschaft über die Mitverantwortlichkeit gegenüber hilfsbedürftigen Menschen, den anderen Mitmenschen und Mitlebewesen und der Umwelt, als ethisch-moralische Werte verstehen kann, und die ich andererseits auch nach eigenen Vernunftskriterien persönlich nachvollziehen kann. Hier sehe ich urmenschliche Maßstabssetzungen für Richtigkeit als „Werte“, wie ich sie in meiner allgemeinen Lernerfahrung bereits bei den bekannten Moralphilosophen kennengelernt habe. Werte sind in meiner Sichtweise normative Übereinkünfte über Richtigkeit, und bilden somit Leitlinien für die Ausrichtung des Handelns. Diese Richtigkeit wird aber ebenso über die eigene Reflexion verifiziert und nicht blind ausgeführt.

Parallel hierzu wird mir seit Beginn meiner Ausbildung zur Pflegefachkraft der gesetzliche Rahmen für die Pflegeberufe vertraut. So erfahre ich, dass sich Grundsätze der Unantastbarkeit der menschlichen Würde [1] in übertragener Formulierung in den Gesetzen betreffend behinderter, kranker, pflegebedürftiger und sterbender Menschen [2] in spezifizierter Form wiederfinden.

Die ethisch-moralischen Werte der Gemeinschaft befinden sich im Einklang mit der eigenen Erkenntnis und Erfahrung über die Sinnhaftigkeit des sozialen Miteinanders durch die Universalität dieser Werte. (Ethisch-moralische) Werte sind also ebenso Grundsätze, die den Gemeinsinn und das Funktionieren der Gemeinschaft untermauern, indem sie sich als feststehende gesetzliche Übereinkünfte ausdrücken lassen können.

  1. Wie erkenne ich, was der Lebensgestaltung einer anderen Person entspricht? (Moral)

Die rein persönliche Ebene der Approximation an das Gegenüber birgt eine Gefahr im pflegerischen Handeln Grenzüberschritte zu begehen. So ist einerseits das persönlich-emotive Teil des kritisch zu beobachtenden möglichen Spannungsfelds und bildet aber auch den Raum gefühlter persönlich-individueller Empathie und Sympathie, andererseits reicht diese Annäherung aber nicht und wird den nötigen sozialen Mechanismen professioneller Pflege nicht gerecht.

Das primär Persönliche, in der Annäherung an das Wertesystem meines Gegenübers (im Sinne seiner moralischen Empfindungen und seiner Moralität), birgt die potenzielle Gefahr fehlerhafter Annahmen über den Anderen z.B. aus Unkenntnis oder mangelnden Informationen. Ein Mensch ist nicht zu trennen von seinen moralischen Empfindungen über „moralisch richtig“ und „moralisch falsch“. Hier besteht aber ein individueller Spielraum, und das persönliche Empfinden und individuelle Wertesystem des anderen muss erst über Informationen, Kennenlernen und Erfahrung eruiert werden um es in seiner individuellen Ausprägung zu verstehen.

Der Pflegende hat Zugriff auf einen Großteil persönlicher Lebensbelange des Pflegebedürftigen und so trägt er eine besondere Verantwortung, die sich in der sorgfältigen Bewusstmachung über die Prioritäten in der Lebensgestaltung des pflege- und hilfsbedürftigen Gegenübers ausdrücken sollte.

Moral impliziert moralisches Empfinden. Dieses folgt immer auch einer individuellen Ausprägung beim Menschen [3]. Hier entsteht ein Raum, der gleichermaßen Spannungsfelder sowie auch Harmonie beinhalten kann. Die wechselseitige Beziehung zwischen professionell Pflegendem und Pflegebedürftigem muss den Faktor einer Individualität moralischen Empfindens berücksichtigen und diesen bewusst und sorgsam wahrnehmen, damit der individuelle emotiv-beeinflusste Aspekt der Beziehung zum pflegebedürftigen Gegenüber von Autonomiewahrung im Bezug auf dessen Empfinden geprägt ist, und in jedem Falle unbewusst manipulative Situationen im Bezug auf das moralische Empfinden [4] des Pflegebedürftigen im Pflegekontext vermieden werden.

  1. Wofür bin ich im Berufsfeld Altenpflege verantwortlich (Norm)

Grundsätze ethischen Erkennens und moralischen Handelns [5] stellen in der professionellen Pflege den Kern dar, dem die Pflegeberufe und seine Ausübenden als inhärent bindende Leitlinien verpflichtet sind und sie bilden somit eine Norm. Diese Normen sind genau formuliert und konkret vorgegeben: durch Gesetze (das GG und das AltPflG) [6], durch für das Selbstverständnis des Berufsstands verbildliche Ethikkodices und Leitlinien [7] und durch medizinische ausgerichtete Pflegestandards [8].

Die soziale Mitverantwortung und Mitmenschlichkeit innerhalb unserer Gesellschaft (und der Lebensgemeinschaft von Menschen und Umwelt insgesamt) sind Werte, die – sei es über humanistische Ideale (der Menschenwürde) oder auch das ideal christlicher Nächstenliebe (und Verantwortlichkeit für die Schöpfung) – bindend und verpflichtend sind, und sie gelten vom Grundsatz her als ein klarer Maßstab. Hier greifen Ethik und Normen wechselseitig ineinander.

Die Praxis unserer Wertegemeinschaft wird also auch durch das eigene Handeln und Mitdenken beeinflusst. So ist der Pflegende nicht allein Teil einer übergeordneten Systematik aus medizinisch-ausgerichteten, pflegerisch stetig optimierten Funktionsmechanismen und sozioökonomischen institutionellen Rahmenbedingungen, sondern er gestaltet ebenso die Prozesse des pflegerisch-sozialen Aspekts täglich in Entscheidung und Handeln mit. Dies findet in gleicher Weise auf der individuellen Ebene statt, im Team, multiprofessionell und gemeinschaftlich mit dem Pflegebedürftigen und dessen Mit- und Angehörigen.

Die Verantwortlichkeit als Norm ist ein von außen gesetzter und erwarteter Maßstab, sowie auch das innere Maß, an dem ich mein Pflegehandeln und seine Ziele und Ideale bemesse. Die pflegerischen Normen sind Übereinkünfte, die aus entwickelten Standards und durch Pflegeverbände formulierten Ethikkodices für das Berufsfeld bestehen. Beide Eckpfeiler der Altenpflege: die physiologisch-pflegende und die ethische Komponente, werden im Zuge der Ausbildung verinnerlicht, reflektiert und in der eigenen Pflegepraxis im Beruf täglich als Norm realisiert und umgesetzt.

  1. Für welche Werte und Normen setze ich mich in der Altenpflege ein (Ethik)

Die Werte und Normen im Umgang mit pflege- und hilfsbedürftigen Menschen werden besonders klar im Verstoß gegen diese und in den Folgen davon: Die Gräuel von Euthanasie und Eugenik im letzten Jahrhundert, insbesondere im Nationalsozialismus [9], die schwärzesten Kapitel der Menschheitsgeschichte im Umgang mit körperlich und/oder geistig behinderten Menschen und auf der anderen Seite die einzelnen Tragödien von Missbrauchsfällen in Pflegeeinrichtungen an Hilfe- und Pflegebedürftigen, von denen unsere Gegenwartsgesellschaft immer wieder Notiz nimmt [10], stehen in letzter Konsequenz alle in Zusammenhang mit menschlichem fehlinformierten Denken und Handeln auf der soziologischen Makro- und Mikroebene.

Die Tragweite von ethischer Mitverantwortung und Mitgestaltung wurde von Menschen, insbesondere denjenigen die extreme, traumatisierende Situationen bezeugt oder selbst erlebt haben, immer wieder in der jüngeren Geschichte betont wenn es um die Verstöße gemeinschaftlicher, menschlicher Ethikkodices geht. So wie der Einzelne Schaden in der Gemeinschaft anrichten kann, indem er destruktiv gegen die Menschenwürde handelt, so ist der einzelne Mensch aber auch im Umkehrschluss der, dessen eigenes Handeln und Denken eine positive Wirksamkeit und Wichtigkeit in der Gemeinschaft hat.

Die Anerkennung im Berufsfeld für eine Stärke eigenverantwortlichen Handelns, anhand ethischer Werte und Normen, ist mit Sicherheit ein gelebter Wert der Berufspraxis mit günstigen Folgen für das Gemeinwohl. Die Werte und Normen, die bindend für das Berufsfeld sind, wurden und werden in der Pflegeethik, den Ethics of Care und der Care-Ethik (d.h. in den speziellen Ausrichtungen der Ethik für die Pflege- und Heilberufe) [11] immer weiter formuliert. Hier finden wir die Formulierungen des beruflichen Ethos, den wir vertreten und der unsere ethischen Werte und Normen in der Pflege bildet.

Ethik kommt nicht ohne Werte und Normen aus. Sie kann ohne die Ebenen von Erkennen (Werte), Entscheiden und Handeln (Normen) nicht wachsen, und würde als reine Theorie wirkungslos bleiben. Der Begriff des Berufsethos drückt diese Verbindung aus.

  1. Wie kann „Pflegen mit einer fürsorglichen Haltung“ realisiert werden (Prinzip)

Die Zielsetzung: was geht, was geht nicht, die gemeinsame Erörterung im interdisziplinären Team, die Heranziehung wie z.B. des Palliativbereichs, eines Ethik-Rates, der Pflege-Forschung, medizinischen- und psychologischen Forschung (z.B. im Bezug auf demenziell veränderte Pflegebedürftige), des Ehrenamts, die Vernetzungsmöglichkeiten im Betrieb und darüber hinaus und die direkte Einbeziehung des Gegenübers, für dessen Wohl, Sicherheit und Geborgenheitsempfinden wir eine berufliche Verantwortung mit tragen auf soziologischer Ebene [12] bilden alle mitsamt eine Leitstruktur für Prinzipien, die in der Pflegepraxis zum Tragen kommen.

Die Prinzipien in der Pflege – die sich aus der angestrebten optimalen Funktionalität aller teilhabenden und betroffenen Instanzen ergeben – sind die tragenden Säulen, die den Normen als Handlungsebene und den Werten, die auf moralischem Empfinden und ethischen Übereinkünften basieren, ein festes Fundament verschaffen, und so für eine stabile Statik der Pflege-Architektur mit all ihren Bausteinen als ganzem Komplex sorgen. Das wesentliche Prinzip, das hier zugrunde liegt, ist das der Menschlichkeit, das den gesamten soziologischen Bereich der Pflege und der Pflegebedürftigkeit durchdringt [13].

  1. Fazit

Ethische Dilemmata gehören nicht nur zur Pflege, sondern sie werden uns zwangsläufig in allen Lebenssituationen gewahr, insbesondere heute in einer komplexen Welt, in der Zusammenhänge von Mitverantwortung häufig kaum mehr deutlich wahrgenommen werden in einer kollektiv beschädigten Welt, und Möglichkeiten erforderlicher Verantwortung häufig fast unmöglich einzulösen sind, wenn es um die Makroebenen globalen Ausmaßes geht.

Nichtsdestotrotz weist der Weg immer nach vorn, ist Lösungsorientiert. So ist es zielführender konstruktiv zu denken und manchmal nur einen Tropfen auf den sprichwörtlichen heißen Stein fallen zu lassen [14], als davon auszugehen, dass jeder Veränderungsversuch eine schier vergebliche Sisyphusarbeit sei. Das eigenverantwortliche kritische Denken [15] bietet die voraussetzende Möglichkeit, an den Stellen zu handeln, an dem ein Umlenken bzw. Eingreifen notwendig ist.

  1. Literaturverzeichnis

[1] § 1 Abs. 1 der GG (Schutz der Menschenwürde), siehe http://www.bundestag.de/parlament/aufgaben/rechtsgrundlagen/grundgesetz/gg_01/245122 , Stand 09.12.2017, bzw. https://www.gesetze-im-internet.de/gg/BJNR000010949.html , Stand 09.12.2017. Der im ersten Paragraphen, Artikel eins des Grundgesetzes ausgedrückte prioritäre Wert der Würde des Menschen baut auf einer Geschichte moraltheoretischer Handlungswerte (Christentum, Humanismus) auf, wie sie durch wegweisende Philosophen wie Emanuel Kant und andere humanistische Denker formuliert wurden, siehe dazu z.B.: Bundeszentrale für politische Bildung: Einfach Politik: Das Grundgesetz – Die Grundrechte. Die Würde des Menschen ist unantastbar, http://www.bpb.de/politik/grundfragen/politik-einfach-fuer-alle/236724/die-wuerde-des-menschen-ist-unantastbar, Stand 09.12.2017. Wobei bemerkt werden muss, dass humanistisch bedeutsame Werte nicht allein ein Ergebnis der christlich sowie humanistisch geprägten okzidentalen Welt, sondern universeller Natur sind. So wurden beispielweise Menschen als „Zweck ihrer Selbst“ (Kant) anerkannt, die Definition wer aber ein Mensch sei bis in das 18. und 19. Jahrhundert aber noch lange nicht eindeutig in allen Instanzen westlicher Aufgeklärtheit und Humanität geklärt war. Vgl.: Breuer, Ingeborg: Freiheit, Toleranz oder Menschenwürde, Über die weltweite Bedeutung humanistischer Werte, http://www.deutschlandfunk.de/freiheit-toleranz-oder-menschenwuerde.1148.de.html?dram:article_id=180699 , Stand 09.12.2017.

[2] Charta der Rechte hilfe- und pflegebedürftiger Menschen. BMFSFJ/BMG 2005, https://www.bmfsfj.de/blob/93450/cb3a711f218cca72c859592655ef723c/charta-der-rechte-hilfe-und-pflegebeduerftiger-menschen-data.pdf , Stand: 20.11.2017, siehe auch http://www.pflege-charta.de/de/startseite.html , Stand: 20.11.2017. „In der Charta wird konkret beschrieben, welche Rechte Menschen in Deutschland haben, die der Hilfe und Pflege bedürfen“. Siehe BMFSFJ Der Hintergrund der Charta der Rechte hilfe- und pflegebedürftiger Menschen: https://www.pflege-charta.de/de/die-pflege-charta/hintergrund.html , Stand: 09.12.2017.

[3] Nach Lawrence Kohlbergs Stadienmodell der moralischen Entwicklung /

Stages of Moral Development wird in den Stadien 6.: “Following self-chosen ethical

principles even if they violate the law” und 5. “Valuing rights of others and upholding absolute values and rights regardless of the majority‘s opinion” beschrieben, dass Moralität eigenen Entscheidungsprozessen folgen kann und sich dadurch als eine Form individueller Vernunftsbegabtheit qualifiziert (letztendlich ist selbst neorobiologisch der Denk- und Abtraktionsprozess in letzter Konsequenz ein ursächlich individueller Akt; das Abwägen und die letzendliche Entscheidung, die ein Mensch trifft, stellen immer eine dem Menschen eigene Handlungsebene dar). Vgl.: Hrsg. Becker, Lawrence C., Becker, Charlotte B., Encyclopedia of Ethics, S. 1122, 2013,

https://books.google.de/books?id=KfeOAQAAQBAJ&lpg=PA1122&ots=21C1BfW0Ps&dq=%22Following%20self-chosen%20ethical%20principles%22&hl=de&pg=PA1122#v=onepage&q=%22Following%20self-chosen%20ethical%20principles%22&f=false , Stand: 09.12.2017.

[4] “Ethische Probleme erkennen: Moralisches Empfinden und ethische Kenntnisse erhöhen die Wahscheinlichkeit ethische Probleme und Dilemmata wahrzunehmen” siehe Lay, Reinhand, Ethik in der Pflege: Ein Lehrbuch für die Aus-, Fort- und Weiterbildung , S. 36, 2012, https://books.google.de/books?id=LxYuBQAAQBAJ&pg=PA36&lpg=PA36&dq=%22moralisches+empfinden%22+definition&source=bl&ots=gxmd8bL2tM&sig=YNKIxyBJjJqa-to_Qce1iXKpruo&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwj-h5aitf3XAhWDcRQKHUVpDyoQ6AEITjAI#v=onepage&q=%22moralisches%20empfinden%22%20definition&f=false , Stand: 09.12.2017. Ergänzend kann man aber zu dieser wichtigen Kompetenz aus der Pflege auch sagen, dass sich eine Wichtigkeit des „moralischen Empfindens“ aber nicht allein auf der Seite der Pfleger befindet – wobei hier selbsterständlich die Professionalität eine bewusste, durch ethische Grundsätze geleitete Praxis mit sich bringt. Wichtig ist aber auch bei der Frage des Umgangs mit der unausweichlichen Vorkommnis ethischer Dilemmata, dass der Pflegebedürfige selbst ebenso eine ethisch aktive und auch in dem Sinne relevante Position mit einnimmt, die geichermaßen Komponenten eines sozialen Mieinanders gestaltet und die mit berücksichtig werden muss nicht allein als passiv; selbst die Rezeption von Verhalten stellt einen aktiven Vorgang dar (Stichwort: Interaktions- und Kommunikationsethik).

[5] “Das ‚Oxford Dictionary’ definiert Ethik als „moralische Prinzipien, die das Verhalten einer Person oder die (Art der) Ausführung einer Handlung bestimmen […]“ und als „der Zweig der Wissenschaften/menschlichen Wissens, der sich mit den moralischen Prinzipien befasst […] Weder Metaphysik noch Ethik beheimaten die Religion.“ Moral wiederum wird im ‚Oxford Dictionary’ definiert als „[sich befassend] mit den Prizipien richtigen und falschen Verhaltens […].“ Und als „[sich befassend] mit oder [sich] ableitend von dem Verhaltenskodex, der in einer bestimmten Gesellschaft als richtig oder akzeptabel empfunden wird. […] Ethik ist grob gesagt die Art und Weise wie eine Gesellschaft ihre Überzeugungen, ihre Wertvorstellungen und ihre langfristigen Entscheidungen gestaltet. Beide Konzepte sind somit unvermeidbar miteinander verbunden […].“ Siehe: Oxford Learning College, o.V., Ethics Versus Morals – Critical Thinking, 2014 https://www.oxfordcollege.ac/news/ethics-versus-morals/ , Stand: 09.12.2017.

[6] Vgl.: das Grundgesetz, das Altenpflegesetz (AltPflG) und die relevanten Gesetze für die Pflegeberufe.

[7] Im Wesentlichen geht es hierbei um den für die Pflegeberufe maßbeblichen ICN-internationalen Ethikkodex für Pflegende, Übersetzung, Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK), https://www.dbfk.de/media/docs/download/Allgemein/ICN-Ethikkodex-2012-deutsch.pdf , Stand: 10.12.2017; Originalfassing: International Council of Nurses, The ICN code of ethics for nurses, rev. 2012, http://www.icn.ch/images/stories/documents/about/icncode_english.pdf , Stand: 10.12.2017. Zudem existieren aber auch ethische Richtlinien und Wegweiser, die durch andere Stellen und Autoren formuliert wurden, vgl. Deutschen Pflegerat e.V., Rahmen – Berufsordnung für professionell Pflegende, 2004, S. 9, http://www.deutscher-pflegerat.de/Downloads/DPR%20Dokumente/Rahmenberufsordnung.pdf , Stand 10.12.2017.

[8] Gemeint sind hiermit die Expertenstandards des DNQP und die hauseigenen Standards (die eventuell teilweise abweichen, sich primär aber an den Expertenstandards ausichten) der jeweiligen Träger und Einrichtungen.

[9] Ich mache diesen drastischen zeitlichen Sprung um zu verdeutlichen, dass im geschichtlichen Kontrast erst immer klar wird, wie mühevoll und hart erkämpft die Menschenrechte insbesonders vulnerabler Bevölkerungsschichten und –gruppen immer wieder geschützt werden mussten. Und dass das Selbstverständliche in Zeiten vergangener Gewaltherrschaft (Euthanasie im Nationalsozialismus) aber selbst auch in Zeiten relativer Normalität (die Eugenik in den westlichen Nationen, wie in den USA anfang und mitte des letzen Jahrhunderts) nicht immer das war, was selbst den chronologisch weitaus früheren Vorstellungen von Menschenrechten und Menschenwürde entsprach. Aber auch in unserer Gegenwartsgesellschaft spielt die Diskriminierung Behinderter (Ableimus, Disableismus) sowie aber auch alter und hochaltriger Menschen (die heutzutage in der Gesellschaft als relativ schwach bewertet werden und deren Probleme häufig für die Gesellschaft unsichtbar bleiben) eine Rolle, die der ständigen kritischen und mahnenden Auseinandersetzung bedarf. Die Bewusstmachung der Wichtigkeit ethischer und moralischer Werte in Hinsicht auf marginalisierte und hilfsbedürftige Gruppen ist immer wieder ein wichtiger gesellschaftlich-sozialer Prozess, der ständig vergegenwärtigt werden muss und Auseinandersetzung benötigt, damit diese Teile der Gesellschaft nicht im Abseits bleiben oder dahin gerückt werden, mit ihren Problemen und Belangen. Zahlreiche Veröffentlichungen von staatlichen wie nichtstaatlichen Organisationen zu den Themen Behinderung, dem Schutz kranker und alter Menschen belegen diese Relevanz. Die folgende Beobachtung drückt das spezifisch gegenwärtige Problem der Wichtigkeit der Intersektionalität zwischen Alter und Behinderung treffend aus: „Viele Behinderte werden alt, und viele Alte sind behindert. Diese Überschneidung auszublenden bedeutet den (sich ähnelnden) Ursachen die Aufmerksamkeit mittels Verständnis und Auseinandersetzung zu entziehen, damit die Diskriminierung beider Gruppen letztendlich zu fördern und den Schutz für beide Gruppen zu mindern“, siehe Francis, Leslie Pickering and Silvers, Anita (2009) Bringing Age Discrimination and Disability Discrimination Together: Too Few Intersections, Too Many Interstices, Marquette Elder’s Advisor: Vol. 11: Iss. 1, Article 8, http://scholarship.law.marquette.edu/cgi/viewcontent.cgi?article=1017&context=elders , Stand 10.12.2017.

[10] Eine zeitbegrenzte Google-Suche über Missbrauchsfälle in den letzten ein- bis zwei Jahren ergab zahlreiche Treffer zu Meldungen über Missbrauchsfälle in Pflegeienrichtungen aus der allgemeinen bundesweiten Medienlandschaft. Für persönliche Zwecke habe ich mir eine Auflistung solcher Fälle erstellt.

[11] Vgl. Internet Encyclopedia of Philosophy, o.V., Care Ethics, o.J., http://www.iep.utm.edu/care-eth/ , Stand 10.12.2017.

[12] Versteht man die Pflege (in Sinne ihrer Fürsorglichkeitshaltung) als ursoziale Handlung und ursozial-menschliches Phänomen, so wird aus ganz verallgemeinernder Sicht klar warum man von einer Soziologie der Pflege, Pflegezosiologie, einer sociology of care, etc. spricht. Die Pflege ist offensichtlich ein sozialer Beruf und offensichtlich Gegenstand soziologischer Gesichtspunkte und Betrachtungen. Der gesellschaftliche Faktor ist für mich der entscheidende bei der Pflege, um auch von vorkommenden oder wahrnehmbaren Prinzipien zu sprechen, denn grundlegend stellen Humanität und Menschlichkeit Prinzipien im klassichen Sinne dar und beide sind leitend und maßgeblich in den sozialen Berufen, und somit auch in der Pflege.

[13] Riedel stellt 2015 zu pflegerischer Ethik dar, dass „Im Hinblick auf die stationäre Langzeitpflege […] pflegeethische Sensibilität z. B. die situative Wahrung von und das Respektieren der Autonomie, die Achtung der Freiheitsrechte oder auch die sensible Abwägung zwischen dem Respekt der Privatheit und dem Angebot der Teilhabe [bedeutet]. Die geforderte ethische Sensibilität begründet sich in diesem Setting u. a. aus den spezifischen Charakteristika einer ‚Totalen Institution’ heraus.“

Zugleich formuliert sie aber auch, dass deutlich sei, dass es in der Pflege keine leitenden Werte oder Prinzipien gäbe, es gäbe aber Werte die wiederkehrend und  „deren Berücksichtigung im Kontext pflegeprofessioneller Entscheidungen unumstritten sind – wie z. B. die (Menschen-)Würde, die Autonomie, die Fürsorge, die Teilhabe und die Verantwortung. Die exemplarisch benannten Bezugspunkte (wie der ICN- Ethikkodex, Pflegetheorien, Chartas, UN-BRK) lösen mit ihren ethischen Anhaltspunkten indes nicht die in der Pflegepraxis vorhandenen ethischen Fragestellungen und Konfliktfelder. Vielmehr können die benannten und für die professionelle Pflege handlungsleitenden Werte selbst ein ethisches Spannungsfeld auslösen, so z. B. zwischen dem Wert der Autonomie und der Fürsorge […]“

Ich sehe hier einen gewissen Widerspruch hinsichtlich einer Soziologie der Pflege, die ich als Prizipienebene betrachte. Werte und Prinzipien finden sich eingebettet in die Struktur gesellschaftlicher normativer Handlungsebenen, wie wir sie in anderen soziologisch relevanten Bereichen kennen. Der ethische Konflikt in der Pflegepraxis alleine hebelt für mich noch nicht die leistrukturbildende Funktion von sozialen Grundsätzen, wie wir sie in allen menschlichen Interaktionen, betrachtet aus der Ebene der Relevanz für den öffentlichen Raum kennen, aus. In der Pflege kann es sich hinsichtlich der Existenz von leitenden Prinzipien und Werten nicht anders verhalten, wie in jeglichem Bereich der durch ethisch bedeutsame Spannungsfelder beeinträchtigt ist. Vgl. Riedel, Annette, Pflegerische Ethik, 2017 http://www.bpb.de/gesellschaft/umwelt/bioethik/182461/pflegerische-ethik , Stand 10.12.2017.

[14] In einer Geschichte beschreibt die Umweltaktivistin und Friedensnobelpreisträgerin Wangari Maathai die Geschichte des Kolibris: als eines Tages ein Feuer im Wald ausbricht kommen alle Tiere in Schrecken zusammen und sind wie gelähmt. Nur ein kleiner Kolibri holt einen Tropfen Wasser nach dem anderen aus dem nahe gelegenen Fluss und lässt so jeden einzelnen Tropfen über dem Feuer fallen. Die anderen Tiere würden weitaus mehr schaffen, wie der große Elefant mit seinem Rüssel. Doch alle stehen wie gebannt vor lauter Angst vor der Feuerwand. Die Tiere werfen dem Kolibli Anmaßung vor, er sei doch viel zu klein das große Feuer zu löschen. Der Kolibri entgegnet ihnen: „Ich tue das was ich kann, ich tue mein Bestes.“ Vlg: Schreier, Doro, Die Geschichte des Kolibris, wie Wangari Maathai sie erzählt hat, 2013, https://netzfrauen.org/2013/08/11/die-geschichte-des-kolibries-wie-wangari-maathai-sie-erzaehlt-hat/ , Stand 10.12.2017.

[15] Folgende Aussage in einem Lehrbuch über Pflegepädagogik beschreibt die Möglichkeit des Eingreifens in den Situationen ethischer Dilemmata zutreffend: „Pflegeethik und Grenzsituationen: Ethische Normen sollen den Menschen bei der Entscheidungsfindung unterstützen. Im konkreten Einzelfall, z.B. einer bestimmten Pflegesituation, ist der Mensch jedoch aufgefordert, sich kritisch mit diesen Normen auseinanderzusetzen und ihre Bedeutung für den Einzelfall zu reflektieren. Die kritische Auseinandersetzung ist eine wichtige Voraussetzung für den Umgang mit ethischen Normen in der Pflege.“ Siehe: o.V., Thieme Pflegebpädagogik: Pflegeethik und Grenzsituationen, o.J., https://www.thieme.de/de/pflegepaedagogik/48-pflegeethik-und-grenzsituationen-68957.htm , Stand 10.12.2017.

5 Thesen zur Fürsorglichkeitshaltung und –pflicht in der Pflege:

  1. Was entspricht meinem beruflichen Selbstverständnis (Wert)

Mein Selbstverständnis richtet sich nach Werten aus, die auf gemeinschaftlicher Ebene formuliert sind (Gesetze, Richtlinien) und individuell von mir reflektiert werden. Es geht dabei um die Fürsorgepflicht gegenüber Hilfe- und Pflegebedürftige. Konstruktive Werte diesbezüglich bilden in meiner Sichtweise normative Übereinkünfte über Richtigkeit, und geben somit eine Ausrichtung im Handeln vor. Diese Richtigkeit wird über eigene Reflexion verifiziert und nicht blind ausgeführt.

  1. Wie erkenne ich, was der Lebensgestaltung einer anderen Person entspricht? (Moral)

Die rein persönliche Ebene zur Annäherung an das Gegenüber genügt nicht. Hier muss eine professionelle Haltung eingenommen werden. Ein Mensch ist nicht zu trennen von seinen moralischen Empfindungen über moralisch „moralisch richtig“ und „falsch“. Das persönliche Empfinden und individuelle Wertesystem des anderen muss über fortwährend aktualisierte Informationen, Kennenlernen und Erfahrung eruiert werden um es in seiner individuellen Ausprägung zu verstehen.

  1. Wofür bin ich im Berufsfeld Altenpflege verantwortlich (Norm)

Grundsätze ethischen Erkennens und moralischen Handelns stellen in der professionellen Pflege den Kern dar, dem die Pflegeberufe und seine Ausübenden als inhärent bindende Leitlinien verpflichtet sind, und sie bilden somit eine Norm. Diese Normen sind genau formuliert und konkret vorgegeben: durch Gesetze (das GG und das AltPflG), durch für das Selbstverständnis des Berufsstands verbindliche Ethikkodices und Leitlinien und durch medizinisch ausgerichtete Pflegestandards. Soziale Mitverantwortung und Mitmenschlichkeit innerhalb unserer Gesellschaft sind Werte, die bindend und verpflichtend sind, und sie gelten vom Grundsatz her als ein klarer Maßstab. Hier greifen Ethik und Normen wechselseitig ineinander.

  1. Für welche Werte und Normen setze ich mich in der Altenpflege ein (Ethik)

Werte und Normen im Umgang mit pflege- und hilfsbedürftigen Menschen werden besonders klar im Verstoß gegen diese und in den Folgen davon. Fehlhandeln steht im Zusammenhang mit menschlich fehlinformierten Denken und Handeln. So wie der Einzelne Schaden in der Gemeinschaft anrichten kann, so ist der einzelne Mensch aber auch im Umkehrschluss der, dessen eigenes Handeln und Denken eine positive Wirksamkeit und Wichtigkeit in der Gemeinschaft hat. Schlüsselbegriffe sind hier also wiederum die selbstständige und informierte mitverantwortliche Haltung und Mitmenschlichkeit

  1. Wie kann „Pflegen mit einer fürsorglichen Haltung“ realisiert werden (Prinzip)

Die Zielsetzung, die gemeinsame Erörterung im interdisziplinären Team und die Einbeziehung des Gegenübers, für dessen Wohl, Sicherheit und Geborgenheitsempfinden wir eine berufliche Verantwortung mit tragen, bilden eine Leitstruktur für Prinzipien, die in der Pflegepraxis zum Tragen kommen.