Referat zum Thema interkulturelle Pflege

Referat zum Thema interkultureller Pflege

G. Yegane Arani, 2017

  1. Einleitung

Angesichts fortwährender soziokultureller und demografischer Veränderungen innerhalb unserer Gesellschaft, die einen stetigen Zuwachs an Zuwanderung und Migration erlebt, rückt die Wichtigkeit der Berücksichtigung von Verschiedenheit kultureller Hintergründe und Prägungen, als wahrgenommene und gelebte kulturelle Vielfalt, zunehmend in das Bewusstsein aller unterschiedlichen sozialen Interaktionsrahmen.

Insbesondere Menschen bei denen ein maßgeblicher Pflegebedarf besteht und die sich somit in einer vulnerablen körperlich-gesundheitlichen Situation befinden, benötigen eine achtsame Form der Unterstützung auf der gesundheitsfördernden Ebene, bei der die Aufmerksamkeit mit auf die jeweiligen kulturellen Herkunfts- und Identitätsschwerpunkte gelegt werden muss. Religiöse Wertvorstellungen und Praktiken, weltanschauliche Hintergründe und andere prägende soziale, den Menschen mitbestimmende Parameter müssen in die Pflegeplanung mit einbezogen werden. In dieser Hausarbeit betrachte ich Aspekte kultursensibler Pflege im Bezug auf einen von mir begleiteten Fall in der Praxis, im Rahmen meiner Ausbildung in einem Böhm-Wohnbereich in der stationären Pflege.

  1. Was ist kultursensible Pflege

Kultursensible Pflege bedeutet die Ausrichtung der Pflegepraxis an „der in den spezifischen kulturellen Kontext eingebundenen Individualität eines Menschen“ [1]. Zentral ist dabei eine wertschätzende Haltung innerhalb einer offenen interkulturellen Orientierung, die eine Ausrichtung an kultureller, weltanschaulicher und religiöser Vielfalt und Besonderheit mit sich bringt. Pflegeeinrichtungen, Institutionen und professionell am Pflegeprozess beteiligte sollten über interkulturelle Kompetenz verfügen, was die Fähigkeit beinhaltet konkrete Handlungs- und Interaktionsformen aus einer informierten wertschätzenden Haltung abzuleiten. Der fremde kulturelle Kontext wird bewusst adressiert und pflegerisch berücksichtigt.

Kennzeichen kultursensibler Pflege:

  • Unterschiede kultureller Prägung beeinträchtigen den Pflegeprozess nicht, sondern finden vor dem Hintergrund kultureller Heterogenität statt
  • Pflege richtet sich nach den kulturellen Werten unter Berücksichtigung jeweils individueller Ausprägungen, individueller Werte und Kontextbedingungen aus, und wird auf die Bedürfnisse des pflegebedürftigen Menschen individuell abgestimmt

Kultursensible Pflege kann somit auch als „Materialisierung der Menschenwürde, der

individuellen Freiheit und des Rechts auf persönliche Entfaltung“ [2] im Zustand der Pflegebedürftigkeit aufgefasst werden.

Die Werte die hiermit gewährleistet sind, entsprechen den nach dem Grundgesetz, der Charta der Grundrechte der Europäischen Union und der Europäischen Menschenrechtskonvention geschützten Grundrechten [3]. Weitere entsprechende Vorgaben innerhalb der BRD finden wir in der „Charta der Rechte hilfe- und pflegebedürftiger Menschen“ der Bundesministerien für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) und für Gesundheit (BMG) [4], die als Maßnahmenkatalog und Orientierungshilfe dient und bestehende hier greifenden Bundesgesetze aus verschiedenen Rechtsbereichen und –ebenen in einer Übersicht zusammenführt [5].

„Jeder hilfe- und pflegebedürftige Mensch hat das Recht, seiner Kultur und Weltanschauung entsprechend zu leben und seine Religion auszuüben“, heißt es beispielsweise in Artikel 7 der Charta [6].

  1. Teilbiografie von Frau S.

Frau S. ist Koreanerin. Sie stammt aus der südkoreanischen Stadt Kimch’ŏn (auch Gimcheon), in der sich ein berühmter buddhistischer Templer „Chiksi-sa“ [7] befindet.

[ … ] Aus Datenschutzgründen hier weggekürzt.

3.1 Hintergründe zu prägenden ethisch-religiösen Wertvorstellungen in der koreanischen Kultur: Der Konfuzianismus

Korea wird als Kultur mit starker ethischer Bedeutung kollektivisticher Eigenschaften verstanden [9] – ein Resultat des Konfuzianismus, der Korea jahrhundertelang geprägt hat, wobei in der koreanischen Kultur Einflüsse der umliegenden Kulturen des Fernen Ostens, insbesondere derer von Japan und China, naheliegend sind [10]. Folgende Religionen gehören zum heutigen koreanischen Kulturkreis [11]:

Eine Erklärung unter dieser Statistik im Begleittext weist darauf hin, wie es zum besonderen Einfluss des Konfuzianismus in Korea kommt, obgleich seine Anhängerschaft religiös nur eine geringe Anzahl in der Bevölkerung ausmacht:

„Angesichts der Vielfältigkeit religiöser Ausdrucksweise war der Einfluss von Religionen auf die gesellschaftliche Entwicklung komplex; der Ursprung von Traditionen geht jedoch oft mehr auf die kulturelle Entwicklung zurück und weniger auf religiöse Rituale […] Buddhismus und Konfuzianismus hatten den größten Einfluss auf das koreanische Volk […] Der Konfuzianismus ist eher eine Handlungsrichtlinie und Ideenlehre als eine Religion. Loyalität, Ehrfurcht der Kinder vor den Eltern und ähnliche Tugenden gehören zu den wichtigsten Grundsätzen des Konfuzianismus.“ [12]

Konfuzianische Wertvorstellungen spielen auch im von modernen sozialkommunikativen Technologien geprägten Korea noch immer eine wichtige Rolle in der Struktur interpersonaler Beziehungen und im sozialen Miteinander. Eine besondere Rolle spielt das „Wir-Gefühl“ innerhalb der Gesellschaft und deren Nukleus, der Familie, die von festen traditionsbedingten Hierarchien geprägt ist.

In der Beziehungspflege kommen insbesondere zwei indigene koreanische Gefühlsmodi – Shimjung und Jung – als Schlüsselkonzepte für das Verständnis koreanischer Interaktionsmechanismen zum Tragen [13].

Exkurs, die Bedeutung von Shimjung und Jung:

Shimjung ist ein komplexer Modus der verbalen wie auch der nonverbalen Kommunikation, in dem auf kommunikative Weise das Interesse am Wohlbefinden des anderen bekundet wird [14].

Das Jung ist die emotionale Bindung. So bindet sich das Morphem ‚Jung’ an Qualifikatoren auf das dieses Gefühl jeweils Bezug nimmt, wie etwa in Jung-suh als Konsolidierung des Gefühls, Ae-jung als Zuneigung, Leidenschaft ist Yul-jung und Sympathie Dong-jung, usw. Jung ist das Gefühl einer Zugewandtheit. Einsamkeit wird überwunden indem Menschen das Jung-Gefühl einander mitteilen [15].

Im konfuzianischen Weltbild versteht sich der Mensch immer durch seine Beziehungskonstellation zu anderen Menschen, innerhalb eines geordneten Prozesses auf dem sich die gesellschaftlichen Hierarchien errichten, dabei machen „konkret definierte reziproke Beziehungen zwischen Menschen […] den Hauptinhalt aus“. [16] Zentral sind dabei die Beziehungskonstellation zwischen der hierarchisch übergeordneten Instanz und dem Untergebenen, die Vater-Sohn-Beziehung, die Beziehung des Ehemanns zur Ehefrau, der Älteren zu den Jüngeren und innerhalb von Freundschaftsbeziehungen. Fünf Verhaltensregeln stehen dabei im Zentrum der Beziehungssteuerung [17]:

  • Humanität und Zwischenmenschlichkeit (In 인), dieses Konzept gilt als eines der Wichtigsten in der konfuzianischen Ethik
  • Rechtschaffenheit (Eu 의)
  • Angemessenheit und Schicklichkeit (Ye 예)
  • Kultiviertheit und Wissen (Chi 지) und
  • gegenseitiges Vertrauen (Shin 신) [18]

Eine Zuordnung im Vergleich zu anderen Religionen kann folgende besondere Kriterien im Konfuzianismus herausfiltern:

  • Grundlage des religiösen Funktionstypus: Gemeinschaftlich, Gemeinschaft/Gesellschaft stehen im Mittelpunkt
  • Referenz-Subsystem,Hauptwert: Bürgerliche Tugenden (Solidarität)
  • Gottesbild: Heiligkeit des Diesseits
  • Gerechtigkeitskriterium: Status
  • Sozialpolitische Ideologie: Familismus [19]

Eine Problematik spielt im traditionellen Konfuzianismus die unterdrückte Rolle der Frau, die innerhalb der Ehe als dem Mann untergeordnet betrachtet wird, sowie im Familiensystemen und innerhalb der Gesellschaft. Von der Frau wird erwartet sich diesem System unterzuordnen. Diese Rolle hat sich in den letzten Jahrzehnten zunehmends geändert [20] und befindet sich in fortlaufenden Veränderungsprozessen zugunsten frauenfreundlicher sozialer Umgestaltung (wie wir sie auch global in unterschiedlichem Maße wahrnehmen können).

Im Fall von Frau S. hat innerhalb ihrer eigenen Biografie ein Bruch zugunsten ihrer Selbstverwirklichungsmöglichkeiten stattgefunden, wie wir oben in ihren biografischen Daten erfahren haben.

  1. Anamnese zur fallbezogenen kulturspezifischer Problemlage

Frau S. ist die einzige Koreanerin und die einzige Person mit einem fernöstlichen kulturellen Hintergrund in unserem Wohnbereich. Ihr Ehemann besucht sie täglich und fängt ihre ausgeprägte soziale Sensibilität auf, aber im Miteinander, das im Kontext unseres Wohnbereichs eine zentrale Rolle spielt, wird Frau S. meines Erachtens nach sozial noch nicht hinreichend eingebunden. Dies ergibt sich aus dem betreuerischen Angebot, das den kulturellen Hintergrund von Frau S. bislang wenig in der Betreuungsgestaltung mit berücksichtigt. Zwei Faktoren scheinen sich beispielsweise zur Einbindung anzubieten. So zum einen eine geförderte Integration in die bislang im Wohnbereich angebotenen spezifisch kulturell/traditionell deutsch-geprägten Beschäftigungsangebote und sozialen Interaktionen. Hierbei spielen einige Mitbewohner aber eine wichtige Rolle: Einige Mitbewohner versuchen Frau S. immer wieder, soweit es ihren möglich ist, in das Gruppengeschehen mit einzubeziehen. Dieser Umstand müsste von den Betreuern stärker beachtet werden. Zum anderen sollten auf Frau S. abgestimmte Betreuungsangebote erstellt werden, in denen beispielsweise koreanische Kulturgüter in die Milieugestaltung und in das Beschäftigungsangebot mit einbezogen werden.

Im pflegerischen Handeln hat die WBL einige Schrifttafeln auf Koreanisch ausgedruckt, und die Pfleger, insbesondere die PA, sind bemüht mit Frau S. ganzheitlich und sensibel pflegerisch zu interagieren. Seitens der PA wird auch auf die Verwendung eines besonderen Essbestecks geachtet. In der Pflegebedarfserhebung wurden biografische und zeitgeschichtliche Begebenheiten erhoben und in die Pflegeplanung grundsätzlich mit einbezogen. Herr M. hat eine zusätzliche Kurzbiografie über seine Frau verfasst, die den Pflegern wichtige Hinweise über zu berücksichtigende Faktoren im Leben von Frau S. bietet.

  1. Die 5 Phasen interkultureller Kompetenzförderung und Möglichkeiten des sich daraus ergebenden fallbezogenen praktischen Pflegehandelns
  • Aneingnung von Informationen, Entwicklung von Interesse: Der kulturelle Hintergrund des Konfuzianismus war mir im Detail bislang weniger bekannt. In der Auseinandersetzung haben sich einige meiner kulturellen Eindrücke im Bezug auf das Verhalten von Frau S. positiv bestätigt, so zum Beispiel die Wichtigkeit der Nuancierung in verbalen wie nonverbalen Kommunikationsebenen (Bejahung, Ablehnung, Verneinung, Ausdruck von Freude, Trauer, Sorge beispielsweise).
  • Einüben des Perspektivwechsels: Die Situation in einer anderen Sprache und anderen Verhaltenscodices beheimatet zu sein, zugleich aber auch den zweiten neueren Kulturkreis zu kennen und sich dabei in einer Situation physiologischer und mentaler relativer Hilflosigkeit zu befinden, ist ein wichtiger Vergegenwärtigungsgegenstand im pflegerischen Handeln von Menschen mit einem Migrationshintergrund. Der Perspektivwechsel sollte immer wieder reflektierend, selbstreflektorisch und in der Besprechung im Team überprüft und nachvollzogen werden.
  • Erkennen und Überwinden von Ethnozentrismus: Auch dies sollte im Team neben der Selbstreflektion als interkulturelle Kompetenz geübt und bewusst in die Praxis umgesetzt werden, z.B. durch die Beachtung der Wichtigkeit sozialer Einbindung ergänzend zur Berücksichtigung der individuellen Bedürfnisse, die sich aus dem jeweiligen kulturellen Hintergrund ableiten.
  • Reflektieren von Situationen des kulturellen Umgangs: Auf gegebene Kommunikationsmöglichkeiten konstruktiv aufbauen, so sollten alle Möglichkeiten und Schritte in der Entwicklung eines optimierten pflegerischen Beziehungsaufbaus verfolgt und im Team, interprofessionell und mit Angehörigen besprochen werden.
  • Fördern von Einstellungen und Werten: Aufmerksamkeit sollte auch auf Pflegekräfte gerichtet werden, die wenig Kenntnisse über jeweilige kulturelle Hintergründe oder Besonderheiten haben. Hier ist der Austausch im Team wieder von zentraler Bedeutung.
  1. Umsetzung kultursensibler Maßnahmen

Die oben beschriebenen Beobachtungen und daraus gezogenen Erkenntnisse habe ich versucht folgendermaßen umzusetzen:

  1. kontinuierliche Kommunikation mit der PA über die Situation hinsichtlich des emotionalen und körperlichen Befindens von Frau S., d.h. eine verstärkte Beobachtung und Beachtung, da Frau S. sich schwieriger selbst mitteilen kann bzw. da die Gefahr von Fehlinterpretationen ihres Verhaltens oder ihrer Äußerungen größer sein kann, wegen Besonderheiten kulturell teilweise besonders geprägter Expressionsformen.
  2. Unterstützung der sozialen Interaktion anderer Bewohner mit Frau S. bei denen ich bereits ein hervorgehobenes sozial-empathisches Interesse im Bezug auf Frau S. beobachtet habe, und die ihren Wunsch zeigten und äußerten Frau S. mehr ins gemeinschaftliche Handeln mit einzubeziehen.
  3. Das Angebot von koreanischen Kurztexten in ausgedruckter Form.
  4. In Planung: weitere koreanische Gegenstände sowie Musik Frau S. anzubieten.
  5. Auseinandersetzung mit der koreanischen Kultur.
  6. Ideenaustausch zum Thema kultursensibler und interkultureller Pflege im Team versuchen anzuregen.
  1. Reflektion der Lernerfahrung

Im relativ kurzen Zeitrahmen zur Umsetzung kultursensibler Pflegemaßnahmen ist mir die Menge an Möglichkeiten bewusst geworden, sowie der Mangel an Zeit diese umzusetzen. Mir fehlten teilweise die Ressourcen zur Umsetzung einiger meines Erachtens wichtiger Angebote. Im Moment sehe ich seitens der Betreuer im Bezug auf Frau S. wenig Beachtung kultursensibler Ansätze; das Thema sollte meiner Meinung nach gemeinsam adressiert werden.

  1. Fazit

Kultursensible Pflege ist unerlässlich. Die Beschäftigung steht für einen pflegebedürftigen Menschen in Abhängigkeit zum Angebot und der Bereitstellung von Möglichkeiten seitens des Pflegers und der Pflegeeinrichtung. Kulturelle Identität und Spiritualität sind zentrale sinnstiftende Faktoren, die Menschen im Leben einüben, erlernen und (selbst) entwickeln, eventuell ändern im Laufe der Zeit. Zur ganzheitlichen Pflege gehört die Förderung dieses Aspekts des Menschseins als Grundrecht zur Selbstentfaltung und Verwirklichung.

  1. Literaturverzeichnis

[1] Dömling, Gregor: Kennzeichen kultursensibler Pflege, Diakonie Deutschland – Evangelischer Bundesverband 2010, S. 4, http://www.fh-diakonie.de/obj/Bilder_und_Dokumente/DiakonieCare/FH-D_DiakonieCare_Doemling-G_Kennzeichen-kultursensibler-Pflege_lang.pdf , Stand: 20.11.2017.

[2] Vgl. ebd. S. 5.

[3] Vgl. ebd.

[4] Vgl. ebd.

[5] Auch spielt der demografische Wandel in Hinsicht auf Menschen mit Migrationshintergrund in der BDR eine wesentliche Rolle für die Relevanz kultursensibler Pflege. So wurden Anfang der 1990er Jahre erste Arbeitsansätze in der ambulanten und stationären Altenhilfe zu kultursensibler Pflege und zur sogenannten interkulturellen Öffnung entwickelt. Bereits zu dieser Zeit bestanden Prognosen über einen deutlichen Zuwachs in der Anzahl älterer Migranten, im Bezug auf die schon in den 1980ern bekannt war, dass Schwierigkeiten im Zugang und in der Nutzung medizinischer und pflegerischer Dienste bestanden. Arbeitsansätze zur Adressierung bestehender Probleme wurden vom Arbeitskreis Charta für eine kultursensible Altenhilfe (Vorläufer des Forums für eine kultursensible Altenhilfe) über mehrere Jahre erarbeitet und im 2002 in einem „Memorandum für eine kultursensible Altenhilfe“ formuliert. In Deutschland haben ca. 16,5 Millionen Menschen laut Mikrozensus 2013 einen Migrationshintergrund, davon sind etwa 1,5 Millionen über 65 Jahre alt. Man schätzt, dass ihre Zahl bis 2030 auf 3,6 Millionen ansteigen und sich somit in ca. 15 Jahren mehr als verdoppeln wird. Vgl. Zanier, Gabriella, Altern in der Migrationsgesellschaft: Neue Ansätze in der Pflege – kultursensible (Alten-) Pflege und Interkulturelle Öffnung, 2015, http://www.bpb.de/gesellschaft/migration/kurzdossiers/211007/altern-in-der-migrationsgesellschaft?p=all , Stand: 20.11.2017.

[6] Vgl. BMFSFJ/BMG 2005, Art. 7. https://www.bmfsfj.de/blob/93450/cb3a711f218cca72c859592655ef723c/charta-der-rechte-hilfe-und-pflegebeduerftiger-menschen-data.pdf , Stand: 20.11.2017, siehe auch http://www.pflege-charta.de/de/startseite.html , Stand: 20.11.2017.

[7] Die Angaben in der Kurzbiografie stammen überwiegend aus einer schriftlich festgehaltenen Biografie über Frau S., die ihre Tochter im Pflegeheim vorgelegt hat. Eine Kopie liegt mir vor.

[8] ebd.

[9]  Scherpinski, Anja, Die Bedeutung von Emotionen in der koreanischen Interaktion, interculture-journal: Online-Zeitschrift für interkulturelle Studien, I Jahrgang 10, I Ausgabe 14 I, 2011, Seite 89, http://www.interculture-journal.com/download/article/scherpinski-lee_2011_14.pdf , Stand: 20.11.2017.

[10] Die westliche Literatur sieht den Konfuzianismus (oder Neo-Konfuzianismus) als  das Charakteristikum koreanischer Kultur schlechthin, die ostasiatischen Kulturen werden insgesamt als konfuzianische Kulturen bezeichnet. Dies stellt aber eine gewisse Blickverengung dar, denn das dominante ethisch-religiöse Denksysteme bildet zwar eine wesentliche Komponente des gesellschaftlichen Wertesystems, die Einflüsse durch den Taoismus und den Buddhismus müssen aber gleichermaßen mit in das ethisch-religiöse Gesamtbild fernöstlicher Kultur einbezogen werden. Weitere kulturelle Zusammenhänge innerhalb der fernöstlichen Kulturlandschaften ergeben sich auch aus der Verwandtschaft der Schriftzeichen, die sich unterscheiden, aber allesamt auf dem chinesischen Alphabet basieren. Daher spricht man hier auch von der sog. chinesischen “Schriftkulturregion”. Und letztendlich finden wir in den fernöstlichen Kulturen auch Gemeinsamkeiten im Lebensstils, Ästhetik und Ernährung, wodurch nahe gelegt werden kann die Kulturgeschichte der jeweiligen Länder im breiteren Kontext zu betrachten. Vgl. Heui Lee , Yeong, Normative Rahmenbedingungen in Korea, Berlin 2003, Seite 10, http://www.fagus-berlin.de/abstracts/pdf/2003_FaPa_Langfassung_Normative_Rahmenbedingungen.pdf , Stand: 20.11.2017.

[11] Korea.net, Religionen in Korea, Übersicht, Abb., http://german.korea.net/upload/content/editImage/160509_Religion_german.jpg , Stand: 20.11.2017.

[12] O.V., Korea.net, Religionen in Korea, Übersicht, o.J., Abb., http://german.korea.net/AboutKorea/Korean-Life/Religion , Stand: 20.11.2017.

[13] Scherpinski, Anja, Die Bedeutung von Emotionen in der koreanischen Interaktion, interculture-journal: Online-Zeitschrift für interkulturelle Studien, I Jahrgang 10, I Ausgabe 14 I, 2011, Seite 96, http://www.interculture-journal.com/download/article/scherpinski-lee_2011_14.pdf , Stand: 20.11.2017.

[14] Hrsg. Kim, Uichol, et al., Indigenous and Cultural Psychology: Understanding People in Context, 2006, S. 365, http://indigenouspsych.org/Resources/Indigenous%20and%20Cultural%20Psychology%20-%20Understanding%20People%20in%20Context.pdf , Stand: 20.11.2017.

[15] Sung Park, Andrew, Racial Conflict and Healing: An Asian-American Theological Perspective, 1996, S. 110, https://books.google.de/books?id=-FZMAwAAQBAJ&pg=PA110&lpg=PA110&dq#v=onepage&q&f=false , Stand: 20.11.2017.

[16] Scherpinski, Anja, Die Bedeutung von Emotionen in der koreanischen Interaktion, interculture-journal: Online-Zeitschrift für interkulturelle Studien, I Jahrgang 10, I Ausgabe 14 I, 2011, Seite 91, http://www.interculture-journal.com/download/article/scherpinski-lee_2011_14.pdf , Stand: 20.11.2017.

[17] Vgl. ebd.

[18] Ebd.

[19] Dömling, Gregor: Kennzeichen kultursensibler Pflege, Diakonie Deutschland – Evangelischer Bundesverband 2010, S. 2-3, http://www.fh-diakonie.de/obj/Bilder_und_Dokumente/DiakonieCare/FH-D_DiakonieCare_Doemling-G_Kennzeichen-kultursensibler-Pflege_lang.pdf , Stand: 20.11.2017.

[20] o.V., Changing Role of Women, U.S. Library of Congress, o.J., http://countrystudies.us/south-korea/40.htm , Stand: 20.11.2017.

Demenz, Sterbehilfe und Behindertenrechte


Abb. 1, Kunst mit Demenz

Abb. 2, Kunst ohne Demenz

In der Gesellschaft herrschen starke Vorurteile im Bezug auf kognitive ‘Einschränkungen’/ Veränderungen / Abweichungen. Dies schürt Ängste vor Krankheitsbildern, die demenzielle Veränderungen verursachen. Auch das Wissen darüber, dass Menschen mit demenziellen Veränderungen in der Gesellschaft kaum für sich selbst eintreten können, dass Demenz in fortgeschrittenen Stadien ein Ausgeliefertsein an äußere Umstände bedeutet, die oftmals Einschränkend sind, schürt die Ängste davor jemals den eigenen  “geistigen Verfall” erleben zu müssen.

Ängste, die sich eigentlich auf äußere Gegebenheiten betreffend einer demenziellen Veränderung beziehen, können Anlass dazu bieten, dass Menschen glauben, ein Leben mit Demenz käme automatisch einem Verlust der eigenen menschlichen Würde gleich.

Es ist jedem sein Recht an irgendeinen Status quo zu glauben, an dem er/sie seine eigenen Werte bemisst. Dass das Leben nur mit einer vermeintlich gesunden Art der Intelligenz funktioniert, kann ein Mensch für sich subjektiv annehmen, aber dieser Schluss sollte nicht verallgemeinert werden.

Eine Veränderung in der Kognition sollte nicht automatisch als Defizit gewertet werden.

Demenz ist eine Behinderung. In diesem Sinne poste ich ein paar spontan gesichtete kritische Links zum Thema Sterbehilfe und Behinderung:

https://notdeadyet.org/

Alison Davis: A Disabled Person’s Perspective on Euthanasia
https://dsq-sds.org/article/view/512/689

Alison Davis campaigned against legalising assisted suicide despite her own suffering
https://www.telegraph.co.uk/news/obituaries/medicine-obituaries/10512019/Alison-Davis-obituary.html

https://www.carenotkilling.org.uk/

Dr. Gregor Wolbring: Why Disability Rights Movements Do Not Support Euthanasia: Safeguards Broken Beyond Repair
https://www.independentliving.org/docs5/Wolbringeuthanasia.html

Elizabeth Picciuto: Why Disability Advocates Say No to Doctor-Assisted Death
https://www.thedailybeast.com/why-disability-advocates-say-no-to-doctor-assisted-death

‘It’s about people like me’: disabled and dead against euthanasia
https://mercatornet.com/its-about-people-like-me-disabled-and-dead-against-euthanasia/22151/

What’s the difference between assisted suicide and euthanasia?
https://www.bbc.com/news/uk-47158287

Abbildungen:

Abb. 1: https://www.boredpanda.com/alzheimers-disease-self-portrait-paintings-william-utermohlen/?utm_source=google&utm_medium=organic&utm_campaign=organic

Abb. 2: https://www.nytimes.com/2012/08/24/world/europe/botched-restoration-of-ecce-homo-fresco-shocks-spain.html

Links: 24.04.2020

Antidiskriminierung und demenzielle Veränderung

Antidiskriminierung und demenzielle Veränderung
(Entwurf)

Die Behinderung ‘demenzielle Veränderung’ wird zur außergewöhnlichen und tragischen Belastung für den Betroffenen, wenn es zu Diskriminierungsmomenten kommt. Aber was ist diskriminierend für einen Menschen, dessen Kognition sich in der Art starker Form der Veränderung und vermeintlichen “Disfunktionalität” befindet?

Die Behinderung ‘demenzielle Veränderung’ stellt den betroffenen Menschen vor enorme Herausforderungen. Der Verlust oder eher die Veränderung kognitiver Vorgänge heißt eine komplette prozesshafte Umorientierung, eine Veränderung, die vom sozialen Umfeld als Abbau gewertet und wahrgenommen wird und die das gewohnte “Funktionieren” im Alltag zunehmend unmöglicher macht.

Aber ist es nur ein Verlust oder birgt die kognitive Behinderung auch Gewinne für den Betroffenen* in sich? Entwickelt der Betroffene neue, andere Perspektiven und treten andere Aspekte des Lebens in den Vordergrund, die wenig durch strikte Rationalität, dafür aber zunehmend durch sensiblere Nuancierungen kognitiver Wahrnehmung gekennzeichnet sind?

* Die maskuline Form bezieht sich hier auf alle Gender.

Demenz als Behinderung, Kurzfassung

Im Wesentlichen sind es drei Punkte, die mir in meiner ersten Auseinandersetzung mit dem Thema ‘demenzielle Veränderung’ und Momenten und Risiken der Diskriminierung eingangs besonders wichtig erscheinen:

1. Unterschiedlichen Vor- und Nachteile verschiedener Pflegetheoretischer Ansätze in diesem Kontext.

2. Fragen der Kommunikationskultur oder Unkultur. Ein Faktor, der in dieser ersten intensiven Erfahrung in der Pflege demenziell veränderter Menschen begleitend war, schien mir das Problem des Bildes, das wir uns vom Menschen mit Demenz machen, zu sein [I] , das bei Pflegern wie Angehörigen immer ein individuell unterschiedliches zu sein schien. Die Auswahl der Kommunikationsebene oder –art schien sich nach solch einem Bild zu richten. Die Frage die in der Pfleger-Pflegebedürftigen-Interaktion zumeist im Raum stand, war: „bekommt die pflegebedürftige Person im Prinzip alles mit“, „was bekommt sie mit“, „was versteht sie“ und „wie versteht sie was“. Lebt der dementiell veränderte Mensch „in einer eigenen Welt“ oder befindet sich diese Welt auch noch in einer gemeinsamen, geteilten, umfassenden großen Welt, in der verschiedene Realitätsempfindungen ihr Zuhause haben? [II; III]

Dazu:

[I] Kategorische Unterschiede in der Sichtweise über Demenz sind klassischerweise in einer rein medizinischen Sichtweise im Vergleich zu einer personenzentrierten psychologischen Sichtweise wie der von Tom Kitwood zu erkennen, siehe Möllering, Nina: Der person-zentrierte Ansatz von Tom Kitwood, https://bit.ly/2ubnuYOhttps://www.dgpalliativmedizin.de/images/
stories/M%C3%B6llering_Personenzentrierter%20Ansatz%20nach%20Kidwood_
Hausarbeit_%2019.04.2012.pdf
, 2012, S. 13, Stand 12.09.2017.

[II] Der Umgang mit demenziell Veränderten Menschen stellt Menschen vor viele Fragen. Wie ein Mensch mit Demenz sich fühlt und wie er das Leben erlebt hängt von weitaus mehr ab als von der Erkrankung bzw. Behinderung. Auf diesen Umstand wird immer wieder in Ratgebern über Demenz hingewiesen, so beispielsweise in Alzheimer’s Society (o.V.): Understanding and supporting a person with dementia, https://bit.ly/2qBqQBx
https://www.alzheimers.org.uk/info/20046/
help_with_dementia_care/31/understanding_and_supporting_a_person_with_dementia
, Stand 12.09.2017.

[III] Lunge, Angela: See the person, not the disease, with Alzheimer’s caregiving, 2014, http://www.mayoclinic.org/diseases-conditions/alzheimers-disease/expert-blog/in-dementia-caregiving-avoid-labeling/bgp-20096344 , Stand 12.09.2017. Siehe in diesem Zusammenhang auch eine Information der britischen Alzheimergesellschaft zum Thema: Gleichberechtigung, Diskriminierung und Menschenrechte: Equality, discrimination, and human rights (o.V.) , https://bit.ly/2zp0cnB , https://www.alzheimers.org.uk/info/20091/
what_we_think/141/equality_discrimination_and_human_rights
, Stand 24.09.2017.

3. Diskriminierung und Antidiskriminierung. Die Begleitung und die pflegerische Fürsorge für Menschen mit Demenz ist ein Bereich in der Pflege in dem die Überschneidungen seelisch-psychischer, physiologischer und sozialer Fragen ganz besonders in den Vordergrund treten. So fällt der dementiell veränderte Mensch im Zuge seiner Behinderung [IV][V] zunehmend aus der sozialen Rolle, die er vorher im Leben eingenommen hat, heraus und sieht sich mit einer Situation konfrontiert in der er ab einem gewissen Grad der Behinderung eine teilweise Lenkung seines Verhaltens von Außen zum Schutze seiner selbst erfährt. Es ist eine Gratwanderung für den Pfleger sowie für die Angehörigen, dass sich ein Abhängigkeitsverhältnis welches über das rein physische hinaus bis in seelisch-psychische Belange hineinreichen kann, nicht als eine Art der Bevormundung oder Fremdbeeinflussung anfühlt. Die britische Alzheimer Gesellschaft führt als mit den Menschenrechten unvereinbare Diskriminierungsmomente, die Menschen mit Demenz häufig erfahren, folgende Faktoren an:

– Altersdiskriminierung (Ageism)
– das Stigma und die Diskriminierung die häufig mit der Erkrankung bzw. Behinderung im Zusammenhang steht
– und der Mangel an Möglichkeit für Betroffene sich selbst gegen derart Vorfälle zu wehren und solche zu melden. [VI]

Die Wichtigkeit der Autonomiewahrung von Demenz betroffener Menschen und die damit verbundenen Problematiken müssen gesellschaftlich, pflegerisch und individuell eine besondere Beachtung unter dem Gesichtspunkt der Berücksichtigung der Menschen- und Behindertenrechte erfahren. Durch ein verbessertes Bewusstsein über die Situation dementiell veränderter Menschen kann auch der unbeabsichtigten oder fehlinformierten Diskriminierung entgegengewirkt werden.

Dazu:

[IV] Demenz sollte als Behinderung statt als Krankheit betrachtet werden, so fordert ein neuer Bericht der Mental Health Foundation: “Dementia should be considered a disability rather than a disease, maintains a new report from the Mental Health Foundation.” Dementia: Disability or Disease? (o.V.), 2015, http://www.mcknightsseniorliving.com/news/dementia-disability-or-disease/article/441747/ , Stand 24.09.2017. Der Autor bezieht sich dabei auf die Schlussfolgerungen dieses Diskussionspapiers der britischen Mental Health Foundation: Dementia, rights, and the social model of disability: A new direction for policy and practice?
https://www.mentalhealth.org.uk/file/1342/download?token=v-HKaVVi bzw. https://www.mentalhealth.org.uk/publications/dementia-rights-and-social-model-disability Stand 24.09.2017.

[V] Heidenreich, Ulrike: Demenz als Behinderung, Barrierefreiheit im Kopf, 2015, http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/demenz-als-behinderung-barrierefreiheit-im-kopf-1.2402536 , Stand 24.09.2017.

[VI] Equality, discrimination, and human rights (o.V.) , https://bit.ly/2zp0cnB , https://www.alzheimers.org.uk/info/20091/
what_we_think/141/equality_discrimination_and_human_rights
, Stand 24.09.2017.

 

Demenz als Behinderung I

Im Zuge einer pflegerischen Ausbildung hatte ich erste Berührungen mit demenziell veränderten Menschen und mit Herangehensweisen an die Thematik. Meine anfängliche Auseinandersetzung mit dem Thema lässt sich am besten anhand eines Lernerfahrungsberichts verdeutlichen, den ich zu dem Zeitpunkt erstellt hatte. Im nächsten Eintrag werde ich die wesentlichen Punkte aus dieser kurzen Arbeit herausfiltern, die auch den Einstieg in den Versuch einer antidiskriminatorischen Arbeit mit und für demenziell veränderte Menschen markieren sollen.

Hier also meine kleine Hausarbeit zum Thema:

  1. Einleitung

In dieser Hausarbeit geht es um die Begleitung und Pflege demenziell veränderter älterer Menschen. Im Rahmen der Praxisaufgabe wurden im Bezug auf zwei pflegebedürftige Personen die relevanten pflegerisch-medizinischen und biografischen Daten gesichtet um Rückschlüsse auf eine förderliche individuelle Herangehensweise an den pflegebedürftigen Menschen zu ziehen. Die daraus entwickelten Überlegungen zum eigenen pflegerischen Handeln konnten daraufhin in Rücksprache mit der Praxisanleitung im Ausbildungsbetrieb zum Teil eine praktische Umsetzung finden. Hier wird allein die daraus gewonnene Lernerfahrung beschrieben.

  1. Lernerfahrungen bezogen auf Aufgabe 3

In beiden Fällen – beide Bewohnerinnen leiden unter einer Alzheimer-Erkrankung in unterschiedlichen Stadien – konnte ich feststellen, dass abgesehen von den medizinischen Erfordernissen stetiger Durchführung der ärztlich angeordneten Behandlung vorliegender Krankheitssymptome, die ganzheitliche Pflege beim dementiell veränderten Menschen ein besonderes Maß an Aufmerksamkeit in der Betreuung erfordert. Die Pflegemodelle die sich speziell der Demenz zuwenden finden hier einen unumgänglichen Einsatz. In meinem Ausbildungsbetrieb wird mit dem psychobiografischen Pflegemodell nach Erwin Böhm gearbeitet. Ich habe die vom Pflegeteam erarbeiteten Einschätzungen der Bewohnerinnen nach Böhm gesichtet und soweit es mir nach meinem momentanen Kenntnisstand möglich war interpretiert. Durch die Kenntnisse aus der Berufsschule habe ich auch die Einschätzungsparameter von Kora van der Kooji und Naomi Feil in der eigenen Beobachtung hinzugezogen und mit den Parametern des Böhmschen Modells im Bezug auf die Pflegepersonen verglichen: Ein besseres Verständnis im Zugang zu beiden Bewohnerinnen haben mir alle drei Modelle ermöglicht und alle drei Modelle bieten dem Pflegenden wichtige Möglichkeiten der Einschätzung.

Die Anwendbarkeit praktischer Herangehensweisen in der Pflege und der damit einhergehende kommunikative Austausch mit den Pflegebedürftigen schien mir bei den drei Modellen verschieden leicht oder schwerer umsetzbar zu sein. So ist das Modell von Böhm komplexer in der empfohlenen Dokumentation und mehr auf das Ziel der Verbesserung des Zustands gerichtet [1], Naomi Feil fokussiert auf den direkten interagierenden Austausch der vorwiegend verbalen Kommunikation zwischen Patient und Pfleger [2] und van der Kooji gibt ganz konkrete Empfehlungen in der Interpretation des Handelns des Pflegebedürftigen um möglichen Spannungen zwischen Pflegebedürftigen und Pflegenden in herausfordernden Situationen entgegenzuwirken [3].

Ein Faktor, der in dieser ersten intensiven Erfahrung in der Pflege demenziell veränderter Menschen begleitend war, schien mir das Problem des Bildes, das wir uns vom Menschen mit Demenz machen, zu sein [4], das bei Pflegern wie Angehörigen immer ein individuell unterschiedliches zu sein schien. Die Auswahl der Kommunikationsebene oder –art schien sich nach solch einem Bild zu richten. Die Frage die in der Pfleger-Pflegebedürftigen-Interaktion zumeist im Raum stand, war: „bekommt die pflegebedürftige Person im Prinzip alles mit“, „was bekommt sie mit“, „was versteht sie“ und „wie versteht sie was“. Lebt der dementiell veränderte Mensch „in einer eigenen Welt“ oder befindet sich diese Welt auch noch in einer gemeinsamen, geteilten, umfassenden großen Welt, in der verschiedene Realitätsempfindungen ihr Zuhause haben? [5][6]

Betreffend der Schwierigkeiten in der Kommunikation, die immer wieder auftreten konnten in den individuellen pflegerischen Situationen, habe ich bei den interagierenden Parteien – seitens des Pflegepersonals, der Angehörigen und der Demenzbetroffenen selbst – mehr oder weniger starke Spannungsfelder beobachten können. Ich hatte dabei nicht den Eindruck, dass die Pflegebedürftigen sich kommunikativer Spannungen emotional nicht oder weniger gewahr gewesen wären; ganz im Gegenteil ließ sich auf ihrer Seite häufig eine emotional hilflose Reaktion in Situationen gemeinsamer kommunikativer Schwierigkeiten innerhalb von Interaktionsmomenten beobachten.

Eine häufige Problemsituation scheint die von Böhm beschriebene Wichtigkeit in der Beachtung der Adaptionszeit des Pflegebedürftigen zu sein [7]. Ein Impuls wird seitens des Pflegenden gegeben und der Impuls muss nun auf der Seite des demenziell veränderten Pflegebedürftigen verstanden und in eine Reaktion umgesetzt werden. Der Pflegebedürftige soll beispielsweise essen, trinken, sich setzten, etwas greifen, laufen und ist durch seine Erkrankung bzw. Behinderung in seinem Handeln aber unsicher und mehr oder weniger desorientiert oder „anders orientiert“; solche Momente stellen Situationen dar die das Risiko von Spannungsfeldern mit sich bringen.

Die Lösung der Problematik in der pflegerischen Interaktion mit dementiell veränderten Menschen liegt in der Anwendung pflegerischer Modelle wie der von Böhm, Feil, van der Kooji, u.a. da hier ein professioneller pflegerischer Rahmen für das Verständnis über das „dementiell Verändertsein“ beim Menschen gesteckt wird. Aber nichtsdestotrotz bleibt die menschliche Konfrontation und der Umgang mit der Demenz für Pfleger und Betroffene eine Grenzsituation, in der der Pfleger sich im Zuge seiner Verantwortungsübernahme immer wieder neu nach dem Befinden und den Bedürfnissen des Pflegebedürftigen ausrichten muss um der Situation individuell gerecht zu werden. Dies ist nicht nur häufig schwierig wegen der Knappheit an personalen Ressourcen und dem daraus resultierenden Zeitmangel, sondern die Herausforderung ist ein der Situation immanenter Aspekt.

  1. Kompetenzentwicklung bezogen auf die Lernziele

Während dieses Praxiseinsatzes fand meine dritte praktische Benotung seitens des Ausbildungsträgers statt. Die Beurteilung der mich benotenden Praxisanleiterinnen legte den Schwerpunkt besonders auf die sozialen Kompetenzen im Umgang mit den Bewohnerinnen. Ich habe in diesem Punkt ein sehr positives Feedback von den Praxisanleiterinnen erfahren. Meine Lernerfahrung zeigte mir, dass sich Methoden- und Fachkompetenz über Herangehensweisen im pflegerischen Umgang mit dementiell veränderten Menschen auf der Ebene der sozialen Interaktion zwischen Bewohner und Pfleger bewähren müssen, und dass dies seitens des Pflegenden eine fortwährende Offenheit für zwischenmenschliche Erfahrungsprozesse erfordert. Die Umsetzung pflegerischer Theorie in Praxis und die Entwicklung der persönlichen sozialen Kompetenz müssen dabei immer in Übereinstimmung miteinander gebracht werden.

Zugleich habe ich aber auch gelernt wie wesentlich es ist den physiologischen Zustand der Bewohnerinnen stets im Auge zu behalten, mittels der Übersicht über die ärztlichen Diagnosen und die verordnete Medikation, Assessmenttools zur Einschätzung und Erfassung des physiologisch erforderlichen Pflegebedarfs und die tägliche Beobachtung des Allgemeinzustands des pflegebedürftigen Menschen.

  1. Offene Fragen und weiterer Lernbedarf

Die Umsetzung aller wirklich nötigen Pflegehandlungen und eine ausreichend förderliche soziale Komponente innerhalb eines engen Zeitrahmens in den Griff zu bekommen scheint mir persönlich noch ein schwer erreichbares Ziel zu sein. Ich sehe bei Kollegen wie sie dies teils besser oder in manchen Situationen auch mal schlechter bewältigen, und merke, dass ich selbst im Zeitmanagement in der Pflege noch einen großen Lernbedarf habe.

Eine Frage, die sich mir bereits im letzten praktischen Ausbildungsabschnitt gestellt hat und die für mich auch immer noch relevant ist, ist die Frage wie Kommunikation mit Kollegen besser konfliktfrei stattfinden kann, an Punkten in denen unterschiedliche Standpunkte zu Pflegethemen zur Diskussion stehen. Auch hier sehe ich bei mir einen weiteren Lernbedarf. Und schließlich noch in der Praxis verschiedener pflegerischer Handlungen, wie bei der Positionierung und dem Umgang mit Kontrakturen beispielsweise.

  1. Fazit

Die Begleitung und die pflegerische Fürsorge für Menschen mit Demenz ist ein Bereich in der Pflege in dem die Überschneidungen seelisch-psychischer, physiologischer und sozialer Fragen ganz besonders in den Vordergrund treten. So fällt der dementiell veränderte Mensch im Zuge seiner Behinderung [8][9] zunehmend aus der sozialen Rolle, die er vorher im Leben eingenommen hat, heraus und sieht sich mit einer Situation konfrontiert in der er ab einem gewissen Grad der Behinderung eine teilweise Lenkung seines Verhaltens von Außen zum Schutze seiner selbst erfährt. Es ist eine Gratwanderung für den Pfleger sowie für die Angehörigen, dass sich ein Abhängigkeitsverhältnis welches über das rein physische hinaus bis in seelisch-psychische Belange hineinreichen kann, nicht als eine Art der Bevormundung oder Fremdbeeinflussung anfühlt. Die britische Alzheimer Gesellschaft führt als mit den Menschenrechten unvereinbare Diskriminierungsmomente, die Menschen mit Demenz häufig erfahren, folgende Faktoren an:

  • Altersdiskriminierung (Ageism)
  • das Stigma und die Diskriminierung die häufig mit der Erkrankung bzw. Behinderung im Zusammenhang steht
  • und der Mangel an Möglichkeit für Betroffene sich selbst gegen derart Vorfälle zu wehren und solche zu melden. [10]

Die Wichtigkeit der Autonomiewahrung von Demenz betroffener Menschen und die damit verbundenen Problematiken müssen gesellschaftlich, pflegerisch und individuell eine besondere Beachtung unter dem Gesichtspunkt der Berücksichtigung der Menschen- und Behindertenrechte erfahren. Durch ein verbessertes Bewusstsein über die Situation dementiell veränderter Menschen kann auch der unbeabsichtigten oder fehlinformierten Diskriminierung entgegengewirkt werden.

  1. Literaturverzeichnis

[1] Siehe Assessmentbögen zum psychobiografischen Pflegemodell nach Erwin Böhm im Anhang (nicht online zugänglich).

[2] Validation Training Institute (o.V.): What is Validation? https://vfvalidation.org/what-is-validation/ , Stand 12.09.2017.

[3] van Rooijen, Eva Maria: Implementierung des mäeutischen Pflege- und Betreuungsmodells nach Dr. Cora van der Kooij im Sozialzentrum Altach, 2012, S. 13, https://sozialzentrum.altach.at/pflegeheim/pflege/pflegemodell/abschlussarbeit-maeeutik.pdf , Stand 12.09.2017.

[4] Kategorische Unterschiede in der Sichtweise über Demenz sind klassischerweise in einer rein medizinischen Sichtweise im Vergleich zu einer personenzentrierten psychologischen Sichtweise wie der von Tom Kitwood zu erkennen, siehe Möllering, Nina: Der person-zentrierte Ansatz von Tom Kitwood, https://www.dgpalliativmedizin.de/images/stories/
M%C3%B6llering_Personenzentrierter%20
Ansatz%20nach%20Kidwood_Hausarbeit_%2019.04.2012.pdf
, 2012, S. 13, Stand 12.09.2017.

[5] Der Umgang mit demenziell Veränderten Menschen stellt Menschen vor viele Fragen. Wie ein Mensch mit Demenz sich fühlt und wie er das Leben erlebt hängt von weitaus mehr ab als von der Erkankung bzw. Behinderung. Auf diesen Umstand wird immer wieder in Ratgebern über Demenz hingewiesen, so beispielsweise in Alzheimer’s Society (o.V.): Understanding and supporting a person with dementia,
https://www.alzheimers.org.uk/info/20046/help_with_dementia_care/
31/understanding_and_supporting_a_person_with_dementia
, Stand 12.09.2017.

[6] Lunge, Angela: See the person, not the disease, with Alzheimer’s caregiving, 2014, http://www.mayoclinic.org/diseases-conditions/alzheimers-disease/expert-blog/in-dementia-caregiving-avoid-labeling/bgp-20096344 , Stand 12.09.2017. Siehe in diesem Zusammenhang auch eine Information der britischen Alzheimergesellschaft zum Thema: Gleichberechtigung, Diskriminierung und Menschenrechte: Equality, discrimination, and human rights (o.V.) https://www.alzheimers.org.uk/info/20091/
what_we_think/141/equality_discrimination_and_human_rights
, Stand 24.09.2017.

[7] Prell, Markus: Psychobiographisches Pflegemodell nach Prof. Böhm, S.3, (o.D.), https://brueckenzurdemenz.files.wordpress.com/2010/03/
artikel_prell_2005.pdf
, Stand 12.09.2017.

[8] Demenz sollte als Behinderung statt als Krankheit betrachtet werden, so fordert ein neuer Bericht der Mental Health Foundation: “Dementia should be considered a disability rather than a disease, maintains a new report from the Mental Health Foundation.” Dementia: Disability or disease? (o.V.), 2015, http://www.mcknightsseniorliving.com/news/dementia-disability-or-disease/article/441747/ , Stand 24.09.2017. Der Autor bezieht sich dabei auf die Schlussfolgerungen dieses Diskussionspapiers der britischen Mental Health Foundation: Dementia, rights, and the social model of disability: A new direction for policy and practice?

https://www.mentalhealth.org.uk/file/1342/download?token=v-HKaVVi bzw. https://www.mentalhealth.org.uk/publications/dementia-rights-and-social-model-disability Stand 24.09.2017.

[9] Heidenreich, Ulrike: Demenz als Behinderung, Barrierefreiheit im Kopf, 2015, http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/demenz-als-behinderung-barrierefreiheit-im-kopf-1.2402536 , Stand 24.09.2017.

[10] Equality, discrimination, and human rights (o.V.) https://www.alzheimers.org.uk/info/20091/
what_we_think/141/equality_discrimination_and_human_rights
, Stand 24.09.2017.