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Sterben

Über das Sterben reden

Jerg Ratgeb: Auferstehung Christi (Herrenberger Altar, Außenflügel rechts)

Im Vorab. Ich weiß, dass das Thema Sterben und Tod ein ganz schwieriges ist. Dies sind nur einige ungeschickte Gedanken dazu und ein eigener Versuch sich offen mit Fragen, die sich mir zum Thema stellen, auseinanderzusetzen. Was mir nach dem Schreiben dieses Eintrags noch auffällt ist, dass ich finde, dass zu einer guten Auseinandersetzung mit Fragen von Würde, Sterben und Todsein und Tod bezeugen, auch wirklich ein achtsamer und respektvoller Umgang mit dem Tod selbst wichtig ist, im Sinne von Bestattung, Friedhofskultur und Gedenken …

Thema: Ehrenamtliches Engagement in der Sterbebegleitung

Lebenssinn, Sterben und Palliativphase

Ich führte heute ein Gespräch mit einer Freundin über die Frage, inwieweit ich mich bei einer/einem Sterbenden mit Fragen von Spiritualität und Fragen nach dem Lebenssinn auseinandersetzen sollte und könnte,

a.) ohne dabei mit meinen mit meinen eigenen Weltanschauungen irgendwie negativ und unbeabsichtigt zu interferieren, das heißt meine Haltung sollte sehr neutral sein, in Hinsicht auf weltanschauliche Fragen und

b.) wie kann ich trotzdem der Schwierigkeit der Situation als “ganzer Mensch” begegnen und nicht stereotyp allein nach theoretischer Anleitung. Stereotyp wäre es, so glaube ich, zu versuchen ein Verhaltensschema anzuwenden, das in so einer Situation vermeintlich “immer richtig” und “moralisch unverfänglich” ist. So ein Verhalten könnte roboterhaft wirken. Es stellt sich die Frage nach unausweichlicher und im besseren Fall bewusst gehandhabter Authentizität in der Begegnung:

Wie trete ich einer/einem Sterbenden entgegen mit dem Bewusstsein, dass diese Situation völlig einmalig und völlig bedeutungsvoll ist, ohne die Situation aber in “ungeschickter Weise” zu überfrachten, ohne etwas “falsch” zu machen?

Ich kenne die Bedürfnisse meines Gegenübers nicht unbedingt ausreichend um Fehler in meinem Verhalten völlig auszuschließen. Ich gehe davon aus, dass der/die Sterbende sich in einem ultimativst sensibilisierten Zustand befindet. An welchen Punkten und wie kann ich verhaltenstechnisch im Bezug auf seelische, emotionale Bedürfnisse meiner Gegenübers hilfreich sein?

Meine Freundlich ging davon aus, dass sich dem/der Sterbenden nicht zwingendermaßen Fragen, die bislang vielleicht unbeantwortet sind und die vielleicht noch ihren Ausdruck suchen, stellen würden. Ich gehe hingegen davon aus, dass das der Fall sein kann in dieser fragilen Situation. Keine Situation kann mehr Fragezeichen in sich tragen, als die des Bewusstseins des nahen Todes und der Schwierigkeit, das Sterben zu schaffen, wo wir diesen Prozess doch nicht selbst als Sterbende*r im Griff haben können … .

Eine weitere Frage die sich mir stellt, ist die Frage, wie ich mit unterschiedlichen Grundkonzeptionen von Tod umgehen sollte, in der Konfrontation mit der Situation des Sterbens eines Mitmenschen.


Meine Sicht als Tierrechtlerin

Agonie erlebt jedes Lebewesen und so auch jeder Mensch bestimmt individuell, aber das Menschsein bringt als übergeordnete soziologische Kategorie auf der Karte der Lebenden und Sterbenden Wesen (wenn wir alle Wesen als große ökosoziale Einheit und Vielheit erkennen) bestimmt eine eigene Problematik mit sich …

Menschen haben, so glaube ich eine ganz eigenen Problematik mit der Auseinandersetzung mit dem eigenen unmittelbar bevorstehenden Tod. Ich glaube, dass nichtmenschliche Tiere weniger agonische Unsicherheiten aus sich selbst heraus gedanklich generieren, weil sie sich ihrerseits überhaupt nicht in einem Konfliktverhältnis zum Naturhaften befinden. (Ich erkläre jetzt hier aber nicht, warum ich definitiv das Denken der Tiere als Fakt akzeptiere.)

Bei Nichtmenschen steht, so glaube ich, eher die Angst vor dem Menschen und dem menschlichen Raum im Vordergrund, weil dies für Tiere tragischerweise die Hauptgründe zu Angst und Angst vor dem Tod sein müssen. Ich weiß nicht weshalb Menschen einfach so immer davon ausgehen, dass Tiere sich ihrer Sterblichkeit nicht bewusst wären. Ich halte das für ein biologistisch-speziesistisches Vorurteil. Wir haben Tiere bei ihrem natürlichen Sterbeprozess begleitet und sehr wohl haben wir deren starke psychischen Ängste miterlebt, wobei ich persönlich diese Ängste als verschieden zu menschlichen agonischen Gedanken und Erlebnissen denke und beschreiben würde und meine so beobachtet zu haben.

Ich glaube, dass die Eigenkonzeption des Menschen als “Menschen” ihn/sie soweit entfernt hat von – ich nenne es mal – einem “kosmischen Gleichgewicht”, dass sich für sie/ihn andere Fragen stellen, nämlich solche nach seinem/ihrem Sinn oder ihrer Sinnlosigkeit spezifisch mit der Erlebniswelt des Menschseins als sich im hybismäßignen Zustand befindend, in Ablösung und in der Abgelöstheit vom geistigen Reichtum des Nichtmenschlichen.


Und wir?

Aber zurück zu der Begegnung, der Begleitung und dem Zusammensein mit Menschen, die bald sterben werden oder bereits im Sterben liegen, sich also in einer palliativen Phase befinden:

Meine Freundin machte mich also auf die Gefahr aufmerksam, das das eigene Weltbild und eigene Vorstellungen über Leben und Tod dem Gegenüber zu sehr aufgedrückt werden könnten. Man solle beachten, dass der/die andere schwach und vulnerabel sei, und dass man ihm/ihr in dem Sinne im sozialen Kontakt in dem Moment nicht auf gleicher Augenhöre begegnen würde, z.B. in der verbalen Kommunikation.

Sie sagte Geistliche würden zum Beispiel ihr Weltbild oder ihren Glauben dem anderen komplett aufdrücken. Sie ging davon aus, dass man dem/der Sterbenden möglichst neutral und unterstützend begegnen solle, aber völlig wertfrei, was die Weltbilder anbetrifft.

Ich sagte, dass ich glaube, dass man sein eigenes Weltbild unweigerlich mit sich trägt, und dass das Gegenüber unweigerlich merkt, dass der andere Mensch immer in seinem eigenen Menschsein unneutral befangen ist.

So erkläre ich mir zum Beispiel auch, warum es Menschen im Sterbeprozess oftmals wichtig ist, sich wenn möglich, nur mit Vertrauenspersonen zu umgeben um von ihnen eine zuverlässige, ihnen bekannte Geborgenheit und Verständnis zu erhalten. Kennt mich der/die andere, so weiß er/sie auch, wie die verschiedenen Weltbilder im sozialen Kontakt am besten miteinander navigiert werden. Kenne ich einen Menschen nicht, so kann ich eine Gleichheit in Konzeptionen über vieles voraussetzen, aber mich nicht unbedingt auf diese Voraussetzung verlassen.

Der haken ist also folgender: Bin ich im Sterben mit fremden Menschen konfrontiert, so muss ich mich auf deren neutrale Haltung mir gegenüber verlassen. Da ich aber Zugewandtheit erhoffe, wegen der erhöhten Verletzlichkeit und Sensibilität, muss ich mein menschlichen Gegenüber aber erst Erkennen können in Hinsicht auf sein echtes Wesen und/oder seine Authentizität im Verhalten mir gegenüber.

Würde ich dem/der Sterbenden begegnen in einer Form wie sie in irgendeinem Lehrbuch beschrieben wird, so wirkte meine Position neutral, aber nichtsdestotrotz wüsste ich, sowie der/die Sterbende, dass ich irgendeine nicht-ganz-neutrale Haltung zu ihm/ihr einnehme, z.B. auch weil mein Gegenüber nicht zwingend die höchste Priorität genießt in meinen Augen, weil ich den Menschen nicht ausreichend kenne … Gründe, die keiner von beiden involvierten Seiten irgendwie verschulden würde, sondern die sich einfach aus der Situation heraus ergeben.

Der Sterbende, so vermute ich, benötigt in seiner Sterbephase Zugewandtheit, Aufmerksamkeit und ein starkes Einfühlungsvermögen. Ich glaube dies ist kaum bestreitbar.

Dies würde aber auch darauf hinweisen, dass sich sehr wohl immer auch eine Frage nach dem eigenen Sinn in der Welt (und auch der jenseitigen Welt denke ich) stellen muss: Ich will beachtet werden, weil ich sinnvoll bin. Der Mensch hat nicht einfach einen bloßen “Wert”, sondern er/sie hat einen Sinn. Für sich selbst. Das Gegenüber kann mich aber auch einfach in meinem “Wert” für die Gesellschaft, etc. wahrnehmen. Dieses Risiko besteht.

(Sterbenden wird wirklich nicht immer in unserer Gesellschaft adäquat begegnet. Ich habe auf diesem Blog schon ein paar Mal etwas über meine Kritik am Umgang mit dem Sterben z.B. in Heimen gesagt – ein Problem, das sich nicht einfach von der Hand weisen lässt.)

Meine Freundin sagte man müsste auf der Grundlage des Naturrechts einfach Menschen ihre natürliche Würde zugestehen. Ich sagte, das wäre grundsätzlich klar, dass Menschen unter den Begriff Menschenwürde oder mit “Menschenwürde” aber trotz allem in letzter Konsequenz sehr Verschiedenes verbinden. Allein wenn ich zum Beispiel die Phantasiebegabtheit eines Kindes unterdrücke oder missachte, kann ich schon einen Verstoß gegen die Würde eines Menschen – wenn auch unbeabsichtigt – vollziehen. Jede Diskriminierung, sei sie auch unbenannt in ihrer Kategorie oder noch so subtil und versteckt, ist ein Verstoß gegen die Menschenwürde. Eine*r meint es gehöre zu seiner/ihrer Menschenwürde frei konsumieren zu könnten, ein*e andere*r meint, der Sozialismus wäre Ausdruck der Anerkennung von Menschenwürde, ein*e nächste*r meint er/sie dürfe die Umwelt seinem Wohl opfern, das wäre der Bedeutung seiner/ihrer Menschenwürde geschuldet, und der/die nächste wiederum meint, die Natur zu schützen, wäre sein/ihr Recht und dieses Recht müsse aufgrund seiner/ihrer Menschenwürde geschützt sein. Die Vorstellungen von Würde können miteinander in Konflikt stehen und das ist dann wahrscheinlich auch der einzige Fall, in dem wir die Fragilität von Menschenwürde als losgelösten absoluten Faktor in der Welt erkennen können.

Die Würde eines Sterbenden, um zum Thema zurückzukommen, die Würde eines Sterbenden zu achten, befördert auch immer die Frage mit, nach unseren jeweiligen Vorstellungen von Leben, Lebenssinn und Tod und dem was wir uns unter Tod vorstellen und wie wir auf soziologischer Ebene mit Menschen umgehen, die bald keine “Funktion” innerhalb der Welt der diesseitig Lebenden mehr einnehmen werden. Außer sie werden als Denkmäler oder museal gewürdigt z.B.

Ich glaube zum Beispiel, dass echte Altersdiskriminierung auch immer damit etwas zu tun hat, dass ein alter Mensch auf jeden Fall auf sein Lebensende zuschreitet. Wir wollen das ‘Neue’, das ‘Frische’, das ‘Unverbrauchte’, das ‘noch nicht Enttäusche’, das ‘definitiv Hoffnungsvolle’ sehen. Positionswechsel: Wer stirbt weiß nicht ob seine Hoffnungen auf eine Existenzform nach dem “körperlichen Tod” – wenn er/sie eine hegt – berechtigt ist.

Ich finde es schwer eine klare Lösung dafür zu finden, wie ich dem Sterbenden als Gegenüber am besten eine Unterstützung sein kann in Hinsicht auf die Fragen, die sich in der Situation allesamt stellen können. Es ist klar, dass man sein Bestes gibt, aber es ist auch klar, dass die Situationen viel an Reflektion bedürfen. Ich fand es wichtig, dass man gemeinsam über das Thema spricht und habe auch im Netz einige sehr hilfreiche Anregungen gefunden zum Thema:

Palliativfürsorge und seelisch-emotionale Komponenten …

Einige spontan gesammelte Links:

“Die Seelsorger empfehlen, den Kranken selbst entscheiden zu lassen, ob er über den Abstieg der Frankfurter Eintracht oder seine Ängste vor dem Sterben reden möchte. Es ist hilfreich, diesen Menschen in seinen Gedanken nicht allein zu lassen, wenn er das wünscht.”

https://www.ekhn.de/service/angebote/sterbebegleitung/umgang-mit-sterbenden.html

“Ich will hoffen dürfen, auch wenn sich die Gründe für mein Hoffen verändern. Die Menschen, die mich begleiten, sollen mich dabei unterstützen.”

https://www.betanet.de/palliativphase-kommunikation.html

Regine Halentz: “Die Todesangst wird durch das Erleben der Sinnhaftigkeit des eigenen Lebens gelindert; der Kranke sucht einen neuen Lebenssinn. Die Bedrohung der eigenen Existenz wird geleugnet. Der Sterbende durchschreitet Phasen tiefer Depression, bis er den Tod am Ende annimmt.”
… “Zu sehen sind […] oft einsame, von Ärzten wie Angehörigen verlassene Sterbende.”
… “Wenn Gott nichts sei, so heißt es bei Peter Noll in seinen ‘Diktaten über Sterben & Tod’, so wolle er dieses Nichts sehen. ‘Möchte wissen, warum aus nichts alles geworden ist.’ Walter Jens sagt dazu: ‘Es wäre, nach aller Erfahrung, verwunderlich, wenn nichts mehr wäre – danach.’ Also doch Hoffnung. Und die Ungewissheit, die den Tod umgibt, garantiert uns, dass diese Hoffnung niemals enttäuscht werden kann.”

https://www.wissenschaft.de/allgemein/was-zuletzt-stirbt-ist-die-hoffnung/

“But, while many people think to prepare for the practical aspects of dying, too often they give short shrift to the emotional side of dying—meaning, what to do so that your death has more meaning and is less emotionally trying for yourself and those left behind.”

https://greatergood.berkeley.edu/article/item/how_to_bring_more_meaning_to_dying

“Although concern is often raised about the nonspecificity of somatic symptoms in reaching a diagnosis of depression, clinical wisdom and experience suggest that greater diagnostic emphasis should be placed on psychological symptoms, such as depressed mood, loss of interest, helplessness, hopelessness, excessive guilt, feelings of worthlessness, and desire for death, as opposed to physical criteria.”

… “Spirituality and Existentialism: Spirituality is variably understood, with one comprehensive review of the health literature counting 92 separate definitions. These definitions were divided between seven major thematic categories, including: a relationship to God, a spiritual being, a higher power, or a reality greater than the self; not of the self; transcendence or connectedness unrelated to a belief in a higher being; existential, not of the material world; meaning and purpose in life; life force of the person, integrating aspect of the person; and summative definitions that combined multiple themes. Spirituality embodies a sense of connectedness to a personal god or higher force or power, and is considered a broader construct than religion.”

https://acsjournals.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.3322/canjclin.56.2.84

Alexandra Jax: “Der letzte wichtige Punkt in meiner Arbeit war es herauszufinden, ob Menschen in der Palliativphase einen Lebenssinn haben. Mit Hilfe des „Schedule of Meaning in Life Evalutation“ (SMILE) konnte gezeigt werden, dass der Lebenssinn als Basisinhalt eines glücklichen Lebens, sich im Laufe des Lebens verändert. Vor allem in kritischen Phasen kommt es zu einer Umlagerung um sich Situationen anzupassen. Vor allem Bereiche der Spiritualität und Natur gewinnen in der Palliativphase an Bedeutung während die Bereiche Freunde und Arbeit in den Hintergrund gelangen. Das Instrument SMILE stellt in erster Linie eine Möglichkeit dar, Lebenssinne von Individuen abzubilden um vor allem Patienten in der Palliativphase bestmöglich zu betreuen.”

https://online.medunigraz.at/mug_online/wbAbs.getDocument?pThesisNr=26328&pAutorNr=&pOrgNr=

Lebenssinn am Lebensende: Eine Erhebung mit dem Schedule for Meaning in Life Evaluation (SMiLE) bei Palliativpatienten

https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/abstract/10.1055/s-0028-1088430

Anita Vukovic: “Sinnfragen stellen können: Menschen, die im Sterben liegen oder gezwungen sind sich stark mit dem Thema Tod auseinanderzusetzen, stellen sich selbst viele Sinnfragen. Fragen wie: ‘Habe ich mein Leben so gelebt, wie ich es wollte? Hatte mein Leben einen Sinn? Was bleibt von mir, wenn ich nicht mehr da bin? Für wen war es wichtig, dass ich gelebt habe und für wen hat es eine Bedeutung, dass ich gehen muss? Wer wird mich vermissen?’, und viele weitere Fragen quälen diese Menschen. Sich diese Fragen anzuhören und mit den Betroffenen darüber zu reden, gehört auch zu einer der Aufgaben der Palliativpflege (Feichtner 2014, S.65). Auch Bronnie Ware hat sich in ihrem Buch stark mit dieser Thematik auseinandergesetzt. Mit dem Titel: ‘5 Dinge die Sterbende am Meisten bereuen’, schrieb sie ein Buch über ihre Erfahrungen mit sterbenden und schwer kranken Menschen. Für sie waren vor allem diese Sinnfragen und Reuefaktoren im Fokus und was wir Verbleibenden aus ihnen lernen können.”

https://online.medunigraz.at/mug_online/wbAbs.getDocument?pThesisNr=48450&pAutorNr=&pOrgNr=

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