Wenn unter „Nazis Raus“ fragwürdige Inhalte laufen

Update: habe eine sehr gute Entdeckung af Youtube gemacht, eher zufällig: auf dem Channel von „Exterminated German Punk“ und zwar die 80ier Punk Band Carefree aus Lüdenscheid mit ihrem Song ‚Bergen Belsen‘ > https://www.youtube.com/watch?v=ijBb8_z0up8. Der Text ist gut gelungen (und die Musik), soweit ich den Worten folgen kann. Hier sieht man aber leider auch, dass es gute musikalische Beiträge im Punk gab, der weiterhin viel zu wenig von den ‚Peers‘ wahrgenommen wird … .

Wenn unter „Nazis Raus“ fragwürdige Inhalte laufen

Ich selbst habe mich als Anarcho-Punk in meiner Jugend bewusst aus etlichen ‚Szenen‘ herausgehalten und habe zur Sozialisierung unter „ähnlich gesinnten Altersgenossen“ das weitläufige Umland und das Ausland bevorzugt – allein wegen der politischen Inhalte bevorzugter Bands in bestimmten Szenen – und tatsächlich Lokalitäten. Nicht alle Punks haben die gleichen Bands gehört. Das weiß keiner, weil Punk-Bands (und deren Thematiken und Stile) einfach allgemein wenig bekannt sind aus dieser Zeit.

Ich muss sagen, es überrascht mich nicht solche Einträge, wie den im folgenden Screenshot, in gewissen politisch schwächelnden Szenerien auf sozialen Netzwerken zu finden. Es ist definitiv nicht in Ordnung, dass solche Kommunikationslevel – wie sie unten erkennbar werden – in der Breite stattfinden und als unhinterfragte „Punkgeschichte“ mit den entsprechenden Labels durchgehen, bei denen -Ismen unter der Doppelrubrik „gegen Nazis“ und „Ironisch“ verkauft werden (Selbstverwirklichungszwang, kein Aktivismus).

Es ist nicht „punk“ und es ist auch nicht „punk“ gewesen, solche inhaltlichen Fragwürdigkeiten nicht zu realisieren. Im englischsprachigen Raum existierte ähnliches respektloses Nazisprech ausschließlich unter designierten Nazi-Skinhead-Bands, wie z.B. Skrewdriver, vor allem in Hinsicht auf „White Power“ und deren ‚Rassennarzissmus‘.

Unten ein paar ältere Punk-Tracks, die mir zum Thema bekannt sind.

So läuft bagatellisierende Kommunikation:

Eine bewusste Oberflächlichkeit in der veralteten Punk-Szene. (1)

Den Text des Liedes auf das sich der Titel dieser Arbeit bezieht, findet man nur zum Teil im Netz …

Der Text ruft bei manchen Leuten folgende Reaktionen hervor

Man sieht hier, wie Verharmlosung normalisiert vorgetragen wird als „Pro-Argument“


Andere Punk-Tracks über die Nazizeit:

# die botropper Band Upright Citizens haben das Lied „Holocaust“ der englischen Punk Band Crisis gecovered. Der Text scheint unproblematisch und die kritische Haltung wird erkennbar.

# Destructors – Dachau. Bei der Neuaufnahme des Songs ist die Beschreibung der Krassheit des „deadly game“ nochmal etwas leichter zu verstehen. Hier wird die Täterperspektive der Verurteilung der Nazilogik gegenübergestellt, in kritisch zu verstehender Darbringung.

# Den „wischiwaschi“ Song „Hitler’s in the Charts again“ (1981) von The Expoited rücke ich in Richtung rechts. The Exploited haben immer ein antiaufklärerisches wenig progressives Image gehabt, zu recht. Sie waren ganz klar das Gegenteil von Bands die bei Southern oder Corpus Christi herauskamen und die als politisch aufgeklärt galten.

# Bei den immer gerne in plakativer Weise inhaltlich auffallen wollenden Pistols in ihrem Song „Belsen was a Gas“ haben wir zum Schluss die Zeilen: „Be a man, kill someone, kill yourself. Be a man, be someone, kill someone. Be a man, kill yourself“ – die recht vage sind. Die Sex Pistols haben den sexistischen Film „Rock and Roll Swindle“ gedreht, auf der Platte ist hinten ein erlegtes Reh als Bild zu ihrem Lied „Who killed Bambi“ abgebildet. Auch wenn die Pistols gehyped wurden, weiß ich nicht, ob a.) man sie als repräsentativ für allen Punk betrachten sollte, und b.) sie hatten als end-70er Band mit den sozialkritischen Bands der frühen 1980er wenig gemein gehabt und c.) kontrastierend mit der Sache oben: eine deutsche Band sollte in der Lage gewesen sein, Dinge nicht einfach nach-kaspern zu wollen, sondern in Eigenleistung Protest liefern zu können.

Eine Darstellung über die Rezeption des ‚Holocausts‘ im Punk der 1970er und 1980er Jahre in England fand ich hier:

„Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Punk ein historisches Phänomen war und der Holocaust einen großen Einfluss auf den Punk hatte: Er beeinflusste die Punk-Kleidung, die Punk-Texte und die Namen der Punk-Bands. Der Holocaust war für die Weltanschauung des Punk von zentraler Bedeutung, aber nur insofern, als er den Bands das Gefühl vermittelte, dass es keinen positiven Sinn in der Welt gab – „pretty vacant“, wie die Sex Pistols es ausdrückten. Wenn man tiefer in das dunkle Herz des Punk vordringt, ist der logische Endpunkt dieser Besessenheit vom Völkermord der Nazis der unüberwindliche Nihilismus eines Songs wie „The Intense Humming of Evil“ von den Manic Street Preachers, in dem der Holocaust sowohl die Grundlage als auch die Negation der Bedeutungen darstellt, die der Punk geschaffen hatte. Ohne jegliche erlösende oder metaphysische Bedeutung bedeuteten Orte wie Auschwitz, Belsen und Dachau für den Punk alles und nichts.“ https://usir.salford.ac.uk/id/eprint/23153/2/Punk_(IWM_2009).pdf , Boswell, MJ: Holocaust impiety in punk and post-punk, Seite 19 (2009) (Zugriff 05.11.2022). Habe die Passage der Einfachheit halber übersetzt.

Der Begriff ‚Holocaust‘ wird im Genre inflationär verwendet, zu einem augenmerklichen Teil auch in wenig reflektierter Weise. Es gibt jedoch sehr viel gute Beiträge zu Antifaschismus und Anti-Oppression.

Minderheitsbewegungen sind in sich auch Spiegelbild der allgemeinen Gesellschaft. Dass eine gesellschaftliche Minderheitsgruppierung in eine gewissen Richtung tendiert, beinhaltet aber nicht, dass die Menschen, aus denen sich die logischerweise auch zerfranste Gruppe zusammensetzt, in allen Punkten über dem Horizont gesellschaftlicher Allgemeinplätze hinausblickt.

Wenn auch jemand sich im Abseits der Mehrheitsgesellschaft und mit opponierender Haltung befindet, so greift er doch auf die gleichen allgemein kursierenden politischen und gesellschaftlichen Ankerpunkte zurück, wie die Leute, die sich nicht in einer Gegenkultur befinden.

Dass es dabei zu Oberflächlichkeit, Unbedachtsamkeit und lächerlicher Provokation kommen kann, ist klar. Aber weder die Tatsache, dass es Gegenkulturen gibt, noch, dass wir alle uns auf den gleichen Allgemeinplätzen bewegen, enthebt uns von der Verantwortung, für unsere Fehlleistungen und unseren Mangel an Sensibilität (einer Fähigkeit dem-Kritisierten-Konstruktives-in-kritischer-Weise-entgegenzusetzen) Rechnung zu tragen.

Fallen wir also in ein bloßes Oppositionsmuster, bei dem alles geht, weil wir uns auf der richtigen Seite wähnen, reicht das nicht in dem Moment, in dem wir in Eigenregie zur Masse an kommunikativer Destruktivität beitragen, nur um sagen zu können: „Ich habe protestiert! Und war auf der richtigen Seite!“

P.S. eine französische 2004er Punk-Band dreht den Spieß wieder um mit ihrem Song: Pekatralatak – Mort au Punk (SPLIT LP avec Urban Blight 2004). Pekatralatak war eine französische Anarcho-Punk-Band, die Mitte der 1990er Jahre in Seine-et-Marne gegründet wurde. Die Band löste sich 2005 auf.

Ein Bild, das sich auf Ähnliches bezieht ist noch ein Netzfund: Death To Punk! https://diyconspiracy.net/death-to-punk/ (05.11.2022)

Wie die Echokammer funktioniert:

„Sehr geiler Text: ‚Party in der Gaskammer‘, sehr ironischer Gesang, schneller Urpunk.“ http://www.weirdsystem.de/pages/MCF.htm

„MIDDLE CLASS FANTASIES aus Frankfurt/Main existierten von 1979 bis 1982. Aufgenommen wurden „Biaffra beat“ (ja, der afrikanische Staat hieß Biafra, aber was kümmerte das deutsche Punker?), „Party in der Gaskammer“ (wer jetzt „Geschmacklos!“ schreit, hat Punk nicht kapiert) und „Tradition“ 1981 von Harris Johns im Berliner Musiclab-Studio.“ https://www.ox-fanzine.de/review/tradition-114148

Und natürlich im partiotischen Lokalfunk http://www.radiox.de/sendungen/oeder-abend/playlists/7778-oeder-abend-22-08-22

Hier MCFs‘ Relativierungen im Text: Tradition (1982)

Wer schreit wieder nach Traditionen
Zapfenstreich im Fackellicht
Sie sind so geil auf Traditionen
Denn deutsch ist gut und Pflicht ist Pflicht
Jasager an die Macht, der Widerstand wird umgemacht
Auschwitz-Dachau-Bergen-Belsen
Wie’s früher einmal war

Die Kirche schreit, der Pabst gibt’n Segen
Nur ein Christ hat Recht zu leben
Dein Reich, mein Reich, Drittes Reich
Für Kreuz und Vaterland, da wollen sie sterben
Christ, Soldat und Hitlers Erben
Die Suppe stinkt nach alter Scheiße
Alle wollen sie das gleiche
Wie’s früher einmal war

Disziplin und Selbstjustiz, Ordnung, Heimat, Volksbeschiss
Sie wollen’s wirklich, sie wollen’s hart
Ich kotze auf eure beschissene Fahne
Ich pisse auf eure Vaterlandspflicht
Schwarz-rot-gold, Gott, Kreuz und Mist
Zuviel sind schon dafür verreckt
Am Arsch

„Die EP „Tradition“ jedoch ist und bleibt ein früher Deutsch-Punk-Klassiker, der auf Parolengedresche verzichtet und brisanten Stoff bietet, um nicht nur die 68-er Generation vor den Kopf zu stoßen, sondern auch musikalisch spielerisch zeitlose Akzente setzt, die so untypisch für den Deutsch Punk waren.“ https://www.underdog-fanzine.de/2018/04/01/middle-class-fantasies-tradition/

(1) Die Inhalte müsste man sich halt auch mal genauer anschauen: Jörg Jacoby, „Party in der Gaskammer“ – Die Erinnerung an den Nationalsozialismus im frühen Punk- und NDW-Song bis Mitte der 1980er Jahre, Diplomarbeit HoK, https://www.uni-saarland.de/lehrstuhl/hueser/hueser/arbeiten/abschlussarbeiten.html

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