Seelische / geistige / kognitive Vielfalt

Eine sehr schnelle Notiz, die ich gerade an jemanden aus meinem Freundeskreis als Mail und als Gedankenstütze für mich rausgeschrieben habe:

Ich setze mich gegenwärtig teilweise mir dem Thema intellectual disabilities und Inklusion auseinander und bin dabei nochmal auf das Behindertenrecht und die UN-Behindertenrechtskonvention gestoßen … . Psychische Erkrankungen, Demenz und geistige Behinderung treffen sich alle an dem Punkt, wo es um die Frage “normaler” kognitiver Fähigkeiten geht.

Bei einer Sendung über Inklusion im Radio [1] neulich hatte ich vermisst, dass man Menschen mit geistiger Behinderung als Radiomacher thematisch mit einbezieht. Auch hätte man das Thema Menschen mit geistiger Behinderung in higher education auch in dem Zuge mit thematisieren können, man sprach  allein über hochgebildete Menschen mit körperlicher Behinderung ( – zumindest wurde die spezifische Problematik, der sich Menschen mit “geistiger” Behinderung gegenübergestellt sehen, nicht explizit mit angesprochen. Da das aber ein ganz wichtiger Aspekt in der Frage von Inklusion spezifisch im öffentlichen Raum darstellt, hätte ich eine Thematisierung für sinnvoll empfunden.)

Ich stieß bei einer Suche im Internet auf wichtige Ansätze zu Inklusion von Menschen mit “geistiger” Behinderung (finde den Begriff “geistig” plus Behinderung schwierig, werde das an anderer Stelle unbedingt nochmal thematisieren): https://epale.ec.europa.eu/en/blog/facilitating-access-education-adults-intellectual-disabilities-why-fully-inclusive-models-work

Interessant sind die Trennungen, die wir machen zwischen geistiger Behinderung, Demenz und physischer / seelischer Beeinträchtigung, in Hinsicht auf eine Ableitung von “Normen” in Rezeption und Denken, die man mit diesen unterschiedlichen, als “unnormal” verstandenen Zuständen in Verbindung bringt.

Die Denkwelten von “nicht normal” funktionierender Kognition werden tendenziell als hyper-subjektiv und auf das denkende Subjekt isoliert betrachtet. Das heißt man geht tendenziell davon aus, dass, ein “unnormales” Denken nicht wirklich die Welt spiegelt , wie sie objektiv zu verstehen ist, oder ein “unnormales” Denken sei in seinen objektivitätsrelevanten Inhalten nicht sachlich vermittelbar. (Besonders gefährlich finde ich ist eine Deutung von anderem Denken als “Intelligenzminderung” oder “Minderbegabung”.)

Der gemeinsame Nenner in Welterfahrung zwischen Individuen, die die Welt unterschiedlich rezipieren, ist in dem Moment, in dem eine mentale Beeinträchtigung von der “Norm” vorliegt, aber nur deshalb nicht zu finden, weil das “normale” künstliche Eingrenzungen in Rezeption / Denken vornimmt.

Ich glaube man verlangt, was den Maßstab “normaler” Kognition anbetrifft, noch keine radikale Änderung an diesem “Normal”, das man durch Vielfalt (Denk- und Rezeptionsvielfalt) ersetzen könnte. Die Übergänge geistig-kognitiver Zustände sind fließend, so wie auch die von Behinderung und Nichtbehindertsein in Hinsicht auf körperlich “normal” oder “nicht-normal” im Allgmeinen … .

Links, die ich mir dazu spontan angesehen habe:

Sozialverband VDK: Psychische und seelische Behinderung

behindertenrechtskonvention.info: Menschen mit Behinderungen

behindertenbeauftragte.de: Die UN-Behindertenrechtskonvention

familienratgeber.de: Psychische Behinderung

Bildquelle: http://dhss.alaska.gov: Disability History Exhibit

[1] Kulturelle Vielfalt und Inklusion: Radio Inklusive – Barrierefrei am Mikrofon , sehr empfehlenswerte Sendung vom 13.05.2020 (Wiederholung) im DLF

Links: 14.05.2020

P.S. Aus Tierrechtssicht – ich bin in erster Linie ja Tierrechtler, daher diese zusätzlich Anmerkung – muss ich hierzu noch sagen, dass das Thema der Normbegriffe von Denken auch ein ganz wesentlicher Punkt ist, wenn wir uns die Diskussion über Tierrechte, Tiere-Kognition und Behinderung anschauen. Zum einen ist der Vergleich von Menschen mit kognitiver Behinderung und nichtmenschlichen Tieren problematisch, da a.) Behinderung ich sage mal ganz grob: falsch betrachtet wird, wenn es um geistige Kapazitäten geht (Stichwort: Denkvielfalt statt “Minderbegabung”) und b.) ist es falsch zu sagen, man würde nichtmenschliche Tiere reduziert betrachten, wenn man sie mit Menschen mit”geistiger” Behinderung gleichsetzen würde, weil das Tier voll entwickelt und nicht “behindert” sei. Dieser Ansatz existiert in der Tierrechtsdiskussion, bei dieser Argumentation wird in dem Moment aber ausgeblendet, dass Menschen mit geistiger Behinderung diskriminierend betrachtet werden hinsichtlich kognitiver Normen und es werden von genau diesen Tierrechtsproponenten weiterhin biologistische Schemen auf das Tierdenken wiederum angesetzt. Der Ansatz ist also in zweierlei Hinsicht untauglich oder unausgegoren.
Das Problem ist, dass sowohl Tiere als auch Menschen falsch betrachtet werden in dem Moment, in dem man beginnt verschiedene Körper und Geister miteinander zu vergleichen in Gegenüberstellungen zu einem vermeintlichen “Ideal” einer Norm, die der “normale” Mensch als Parameter quasi abgibt.

Dazu aber nochmal später auf meinem Tierrechtsblog: Stichwort Pluralitäten, Differenzierungen, ethische Schnittstellen.

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