Alltagspraxis und Diskursrichtungen in der Tierbefreiung
Aus anarchopunk-Sicht hat eine Tierbefreiung, die weiterhin auf menschliche Definitionsmacht, moralische Hierarchien, institutionelle Anerkennung und Szenelogiken angewiesen ist, den Bruch mit Herrschaft noch nicht vollzogen.
Sie verändert ihre Sprache vordergründig, logischerweise bleiben Machtverhältnisse so auch bestehen und gerade deshalb erscheint der deutschsprachige Tierbefreiungsdiskurs vielfach so unzureichend: Er bleibt häufig auf einer Ebene stehen, auf der bekannte Herrschaftsformen moralisch verurteilt werden, während die eigenen Denkwerkzeuge, Begriffe, ästhetischen Normen, kulturellen Milieus und sozialen Geflechte weitgehend unangetastet bleiben.
Dabei beginnt Radikalität gerade dort, wo nicht nur Institutionen, sondern auch die eigenen Begriffe, die eigene Ästhetik, die eigene Kultur und die eigenen sozialen Beziehungen einer fortwährenden Kritik unterzogen werden.
Begriffe müssen zerlegt, Normen irritiert und die eigene Szene als mögliches Herrschaftsverhältnis analysiert werden. Fehlt diese Bereitschaft, entsteht keine Befreiung, sondern Selbstbestätigung. Die Kritik bleibt flach, vorhersehbar und letztlich kompatibel mit genau den Macht- und Herrschaftsverhältnissen, die sie zu überwinden vorgibt.
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Wie wenig selbstverständlich eine solche Selbstkritik ist, zeigte sich für uns kürzlich in einem Podcast einer bekannten deutschen Tierbefreierin. Dort wurde die Frage diskutiert, ob Tiere bemerken, dass sie sterben.
Die Antwort lautete: Nein, Tiere merkten das nicht. In einer späteren Folge schien diese Position wiederum relativiert oder ihr sogar widersprochen zu werden – allerdings ohne den Widerspruch selbst zum Gegenstand einer kritischen Reflexion zu machen.
Genau an solchen Stellen sehen wir das eklatante Problem. Statt die eigenen Voraussetzungen, Begriffe und Erkenntnisansprüche offenzulegen und infrage zu stellen, werden Aussagen > über das Erleben anderer Tiere mit einer Selbstverständlichkeit getroffen, die selbst Ausdruck anthropozentrischer und biologistischer Denkmuster ist.
Dass sich solche epistemischen Setzungen bis dato selbst in einer als besonders progressiv verstandenen Tierbefreiung reproduzieren – und letztlich auch an zentrale Prämissen der klassischen Animal-Liberation-Theorie, etwa bei Peter Singer, anschließen –, ist für uns Ausdruck eines tiefgreifenden Mangels an kritischer Selbstreflexion.
Wir erwarten von diesem Diskurs gegenwärtig auch keine grundlegenden neuen Impulse. Und erscheint es gerade deswegen notwendig, Punkte wie die folgenden aber immer wieder zu benennen.
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Sterben diskutieren
Die Armseligkeit des hiesigen Pseudotierbefreiungsdiskurses
- Um irgendwo anzusetzen. Aktuell war gerade das Thema: Der Tod. Und das natürlich als begriffliches Herrschaftsinstrument
- Der heimliche Humanismus der Tierbefreiung
- Freiheit als Mangelware
- Die neue Verlogenheit: Rebranding statt Bruch
- Szene wie Gesellschaft;
- Konsequenz: Raus aus der Szene und Milieus und deren Netzwerken kritisch analysieren
- Ästhetischer (ästhetisierender) Speziesismus und die Grenzen der deutschsprachigen Tierbefreiung
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Die Armseligkeit des hiesigen Pseudotierbefreiungsdiskurses
(oder: Warum moralische Verwaltung keine Befreiung ist)
Was hierzulande unter Tierbefreiung firmiert, ist in weiten Teilen kein Projekt der Befreiung (im einen emanzipativen Sinn), sondern eines der moralischen Selbstberuhigung. Nicht einzelne Akteur:innen sind das Problem, sondern ein ganzes Milieu aus Theoretiker:innen, Aktivist:innen, sehr weniger (sichtbarer) Künstler:innen, Kommentator:innen und tausendfachen Nachplapper:innen oder Leuten die ihren Konsumerismus irgendwie einzubringen bemüht sind, die ein intellektuell dürftiges, anthropozentrisches Weltbild als Fortschritt ausgeben. Man darf sich darüber nichts vormachen: Diese Szene ist nicht besser als die Gesellschaft, aus der sie hervorgegangen ist — sie trägt nur andere Label.
- Um irgendwo anzusetzen. Aktuell war gerade das Thema: Der Tod. Und das natürlich als begriffliches Herrschaftsinstrument
Ein zentrales und besonders entlarvendes Merkmal des hiesigen Tierbefreiungsdiskurses ist die obsessive Beschäftigung mit Begriffen, die aus den klassisch menschlichen, hegemonial-anthropozentrischen Selbstverständnissen stammen, statt Befreiung vom Fundament her zu denken.
Und zu hegemonial gehört fast zwangsläufig eine Fixierung auf eine unumstößlich begriffene Vorstellung von menschlicher Macht, die den „Tod der Tiere“ sogar auch noch zu definieren weiß, der hier bemerkenswerterweise aber nahezu ausschließlich als menschliches Denkspiel verhandelt wird, flankiert von den immer gleichen Fragen: Dürfen „wir“? Sollen „wir“?
Eine wirkliche Abweichung vom alten Herrschaftsdenken findet hier nicht statt.
Es entstehen keine eigenen begrifflichen Fundamente. Stattdessen wird aus einem kollektiven Deutungsrahmen heraus argumentiert, der alles durch dieselbe Brille betrachtet. Die Welt ist, so heißt es implizit, so und nicht anders.
Und in diesem sicheren, abgeschlossenen Denkraum wird der tierliche Tod dann beiläufig „mitverhandelt“.
Die Arroganz dieser Diskussionspraxis zeigt sich darin, dass bei Gesprächen über ein derart fundamentales Thema zwei elementare Differenzen systematisch verwischt werden:
- Der menschliche Begriff vom Tod ist nicht identisch mit dem Phänomen selbst.
- Er sagt nichts Verlässliches darüber aus, wie andere Wesen Leben, Sterben oder Endlichkeit oder Unendlichkeit erfahren, empfinden oder für sich strukturieren. Denken tut bei den Tierbefreiern ja auch nur der Mensch.
Was hier als Mitgefühl ausgegeben wird, ist in Wahrheit spekulative Projektion.
Auffällig ist dabei das ständig bemühte „Wir“, das jede ernsthafte Reflexion ersetzt. Nicht Denken, sondern kollektive Selbstvergewisserung findet statt. Bei all diesen Gesprächen.
Man spricht über Tiere, indem man sie in die engstmöglichen menschlichen Begriffsrahmen presst — gutmeinend, aber blindfolded — und erklärt diese intellektuelle Gewalt zur Aufklärung, die angeblich keiner Kritik bedürfe.
Respekt wäre Zurückhaltung. Stattdessen herrscht epistemische Anmaßung.
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- Der heimliche Humanismus der Tierbefreiung
Das hiesige Verständnis von Tierbefreiung ist tief humanistisch durchsetzt — nicht im emanzipatorischen, sondern im herrschaftsstabilisierenden Sinn.
Der Mensch bleibt:
- Maßstab des Leidens,
- Maßstab von Denken und der Definition von Geist
- Maßstab dessen, was überhaupt gedacht werden darf und kann und was nicht,
- Instanz, die festlegt, wer denken kann, darf und wie gedacht werden soll,
- Interpret von Sinn und Unsinn, Bedeutung und Relevanz überhaupt,
- Einzig Wissender über Irrelevanz,
- Und vor allen immer: der Verwalter von Freiheit die er anderen einräumt oder nicht einräumt.
Tiere erscheinen darin nicht als eigene soziale und existenzielle Akteure, sondern als Objekte moralischer Fürsorge.
Man will sie zwar „retten“, aber nicht in voller Tragweite anerkennen — und schon gar nicht unter grundsätzlich neuen, offenen Begriffen. So entsteht die paradoxe Figur des „Tierfreundes“, der ununterbrochen über Tiere spricht, ohne ihnen jemals epistemische Autonomie zuzugestehen.
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- Freiheit als Mangelware
Besonders fatal ist der Mangel an einem ernstzunehmenden Freiheitsbegriff.
Freiheit bedeutet hier meist:
- weniger Leid, wobei Leid in den Rahmen von Biologisierung gesteckt wird – wie sonst – und Unrecht nicht in Sichtweite der Gegenstand schlechthin wird,
- bessere Haltung aka „artgerechte Freiheit“, diese Leute sprechen Tieren ihre Autonomiefähigkeit ab und pressen alles in starre paternalistische Schablonen,
- das menschliche Primat beinhaltet derer Meinung nach kein Problem, das alleinig seines ist: Ur-Speziesismus wird wieder und wieder normalisiert, weil er auch immer da ist,
- moralisch korrektes Töten im „Notfall“, tierlicher Tod und palliative Ansätze denkt man nicht, sondern denkt bei Tieren fest im Sinne von Euthanasie, Tiere als „Leidzustand“
- keine wirkliche Auseinandersetzung mit Freiheit; Autonomie oder palliative Perspektiven jenseits menschlicher Kontrolllogik sieht man nicht.
Das ist keine Befreiung, sondern Optimierung von Herrschaft.
Dass sich ein solches Denken als radikal, progressiv oder gar revolutionär inszeniert, ist blanke Selbsttäuschung. Es handelt sich nicht um Befreiung, sondern um ethische Verwaltung im Zeichen des Anthropozäns.
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- Die neue Verlogenheit: Rebranding statt Bruch
Tierthemen werden zunehmend instrumentalisiert, um menschliche Konflikte zu befrieden, Identitäten zu stabilisieren oder moralische Selbstreparatur zu leisten. Wo Tiere als Projektionsflächen für menschliche Krisen dienen sollen, werden sie zugleich vorgeschoben – und bei Bedarf auch missbraucht, um andere Menschen symbolisch zu treffen, zu erziehen oder zu disziplinieren.
Tiere sind keine Therapeut:innen, keine moralischen Reparaturinstanzen, keine Ressource für menschliche Läuterung. Dass Menschen sich für Tiere einsetzen können, ist kein Verdienst, sondern ein Privileg. Nicht Tiere schulden uns Dankbarkeit – wir schulden ihnen Dank dafür, dass sie uns ertragen, dass sie sozial mit uns sind, dass sie überhaupt noch in Beziehung treten, trotz der permanenten Gewaltverhältnisse.
Diese Perspektive muss radikal zurechtgerückt werden. Solange Tiere als Mittel zur menschlichen Selbstveredelung erscheinen, bleibt der speziesistische Narrativrahmen intakt – egal, wie korrekt die Sprache oder wie empathisch der Tonfall ist.
Als wäre das nicht genug, brüstet sich die Szene inzwischen damit, dass ehemalige Rechte oder Aussteiger:innen aus extrem rechten Milieus nun Lebenshöfe betreiben oder als geläuterte „Tierbefreier“ auftreten. Das Problem ist nicht, dass Menschen sich verändern können. Das Problem ist, dass hier kein wirklicher Bruch stattfindet.
Autoritäre Denkformen, Führungsfantasien, Erlösungsnarrative und moralische Reinheitsvorstellungen bleiben erhalten – sie werden lediglich neu etikettiert.
Was früher nationalistisch war, wird nun moralisch. Was früher exklusiv war, wird nun ethisch aufgeladen. Das ist keine Transformation. Das ist Rebranding.
Völkisch? Zum Thema „Rechts“ und „Rechte“ > bei „Sprechen“ > https://simorgh.de/sprechen/?s=rechts , insbesondere https://simorgh.de/sprechen/vertiert-der-wald-ohne-den-falschen-geist/ [as of 11/29/25]
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Revolution Happens
- Szene wie Gesellschaft
Die hiesige Tierbefreiungsszene reproduziert exakt das, was sie vorgibt zu kritisieren:
- Hierarchien,
- „Insiderwissen“,
- moralische Überlegenheit,
- soziale Ausschlüsse.
Sie ist so verlogen wie die Gesellschaft selbst — nur mit besseren Worten allerhand Ansprüchen. Für ehrlichere, reflektiertere Menschen ist das kaum auszuhalten. Und es ist auch kein Zufall, dass viele, genau an den Diskrepanzen zwischen Ansprüchen und Wirklichkeiten in den jeweiligen Szenerien, genau so das Gefühl entwickeln müssen zu scheitern, wie das eben auch in der Gesellschaft im großen und ganzen für viele Leute so das Gefühl ist, so wie harte Realität.
- Konsequenz: Raus aus der Szene und Milieus und deren Netzwerken kritisch analysieren
Wer es ernst meint, sollte sich nichts vormachen: Diese Szene ist kein Ort für Befreiung oder emanzipativen Fortschritt.
Die einzige realistische Perspektive liegt darin,
- Pluralismus wert zu schätzen
- Milieus, die zu stark durch nationale, seilschaftartige Vorgehensweisen auffallen zu verlassen,
- sich international zu orientieren,
- Und vor allem mit einzelnen Menschen zu arbeiten statt mit identitätspolitischen Kollektiven.
Befreiung in Sachen Tierrechtsbewusstsein entsteht nicht aus Szenen, sondern aus Beziehungen, Brüchen und wir brauchen mehr transnationale Allianzen.
Revolution happens.
Nicht im wohltemperierten Diskurs. Nicht im moralischen Ringelpietz mit Anfassen und das gegenseitige aktivistische Selbstlob, sondern dort, wo man aufhört, sich selbst für „die Guten“ zu halten und beginnt, die eigenen Begriffe stärker zu analysieren und notfalls zu dekonstruieren; all jene Begriffe, die noch nicht mal den eigenen Anspruch darauf, echt Tierrechtler zu sein, erfüllen beim genaueren Hinschauen.
Die eigenen Begriffe sind zum Besseren hin auflösbar und transformierbar, da, wo sie immer wieder kompatibel sein zu wollen scheinen, dort, wo sie allzu kompatibel sind mit den klassischen speziesistischen dominanten Narrativen.
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- Ästhetischer (ästhetisierender) Speziesismus und die Grenzen der deutschsprachigen Tierbefreiung
Ein zentrales Problem des deutschsprachigen Tierbefreiungsdiskurses ist die Menge an begrifflichem, strategischem und sozialstrukturellem Müll, den die Szene selbst produziert — und hinter dem niemand dauerhaft hinterherräumt.
Die Mainstream-Tierbefreiung im DACH-Raum hat, nüchtern betrachtet, keinen nennenswerten gesellschaftlichen Impact. Sie inszeniert sich als relevant, als Stimme, als Bewegung — produziert aber, von wenigen Ausnahmen abgesehen, vor allem theoretischen Ausschuss. Besonders dort, wo sie eng gekoppelt ist an Kulturindustrie, akademische Verwertungslogiken und das Bildungssystem.
Anschlussfähigkeit nach oben ersetzt Wirksamkeit nach außen.
Die ethisch aufgeladenen Themen menschlicher Eigenstilisierung im Verhältnis zur Mitwelt erfüllen dabei eine paradoxe Funktion:
Einerseits versucht man, das eigene Nischendenken zu retten;
andererseits wird der Mensch weiterhin ideologisch hochgehalten, während man sich rhetorisch „vortastet“, um revolutionstauglich zu wirken.
Man möchte vorne sein — ist es aber nicht.
Ästhetisierender Speziesismus
Ein besonders tief sitzender Aspekt speziesistischer Narrative, mit dem auch innerhalb der Szene nicht ernsthaft aufgeräumt wird, ist die ästhetische Aufladung von aggressiver oder passiv-aggressiver Gewalt an Tieren.
In Sprache, Ritualen, Kunst und Spektakel werden Tiere nicht als denk- und komplexest-fühlfähige Subjekte [die Sentience des Animal Sapiens!] wahrgenommen, sondern als Material für menschliche Selbstverortung, Selbstüberhöhung und kulturelle Distinktion.
Diese Ästhetik reproduziert:
- kulturelle Legitimation für extreme Instrumentalisierung von Tieren,
- Distinktionsmerkmale für Milieus, die sich selbst als avantgardistisch inszenieren,
- Schutzmechanismen gegen Kritik: Wer widerspricht, gilt als „kulturfeindlich“, „moralisch naiv“ oder „zu radikal“ oder gar als „echter Spinner“ (…).
Der Status solcher Praktiken ist eng an kulturelle Autorität gebunden.
Blut, Gewalt und Tierobjektifizierung als „künstlerisches Material“ werden in den hiesigen Kulturszenen kaum kritisiert — und auch die „Tierbefreiung“ bleibt davon nicht unberührt, weil sie selbst in vielen Bereichen auf Anerkennung, Anschlussfähigkeit und moralisches Branding angewiesen ist.
Der Kampf gegen die Normalisierung und Ästhetisierung von Speziesismus, Tierhass und Tierobjektifizierung muss daher weiterhin auf Pionierebene geführt werden.
Dass selbst unter sogenannten Tierfreund:innen massive Unterstützung für offen speziesistische Kunstformen existiert — exemplarisch sichtbar etwa im Fall Nitsch — zeigt, wie tief diese ‚Blindheit‘ reicht.
Konsequenzen
Eine im deutschsprachigen existierende „Tierbefreiung“ (im einem wenn überhaupt möglich) angestrebt idealisierten Sinne besteht faktisch nicht aus einer Bewegung, sondern aus Einzelpersonen — und wenn überhaupt aus all jenen nichtmenschlichen Individuen, denen Hilfe versprochen wird oder glücklicherweise tatsächlich zuteilwird.
Diese Konstellation könnte eine lebendige Synergie darstellen, eine Avantgarde, die gesellschaftlichen Veränderungen vorausgeht. Stattdessen erzeugen selbsternannte Sprecher:innen, Labels und Szene-Insider häufig nur den Anschein von Relevanz, ohne ihre Konzepte an reale Macht-, Gewalt- und Herrschaftsverhältnisse anzupassen.
Bewegung entsteht dort, wo gehandelt, gedacht und reflektiert wird — unabhängig von Szenezugehörigkeit, Namen, Statussymbolen oder Sozialprestige.
Und vor allem: unabhängig von der Spezies.
Nicht das Label zählt.
Nicht die Zugehörigkeit.
Nicht der Name.
Nicht irgendein Machtfaktor.
Die Bewegung machen wir selbst — mit dem, was wir tun.
Und dieser Aktionsraum ist weit.
Wird diese Vielfalt nicht wahrgenommen, findet auch keine förderliche multilaterale Entwicklung der Konstituent:innen der Bewegung statt.
Wenn Tierbefreiung ästhetisch kompatibel, kulturell anschlussfähig und moralisch dekorativ wird, verliert sie ihren Bruchcharakter.
Und ohne Bruch gibt es keine „Befreiung“ im Sinne von Liberation — nur neue Formen der Verwaltung von irgendeiner Form von Gewalt.
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Befreiung bedeutet nicht, eine neue unantastbare Perspektive gegen eine alte auszutauschen. Ein wirklicher Befreiungsgedanke muss auch sich selbst der Möglichkeit des Irrtums, der Begrenztheit und der Herrschaftsförmigkeit aussetzen. Keine Autorität, kein Begriff, keine Ästhetik und keine eigene Bewegung darf sich außerhalb der Kritik stellen. Wo eine Bewegung beginnt, sich selbst als moralisch gereinigten Raum zu verstehen, endet die Befreiung und beginnt die Verwaltung des eigenen Anspruchs.
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Diese Kritik steht in Zusammenhang mit dem bereits früher formulierten Ansatz, dass der entscheidende Hebel gesellschaftlicher Veränderung nicht allein in institutionellen Forderungen liegt, sondern in den kommunikativen, begrifflichen und sozialen Grundlagen, durch die Wirklichkeit überhaupt hergestellt wird.
Genau hier setzt auch der Ansatz „Wie kann ich meine menschlichen Grundrechte geltend machen zur Einforderung fundamentaler Tierrechte?“ an: Die Frage nach Tierrechten beginnt nicht erst bei einer Erweiterung bestehender Rechtsordnungen, sondern bei der kritischen Untersuchung jener menschlichen Denk- und Kommunikationsformen, durch die Tiere historisch aus dem Kreis anerkannter Subjekte ausgeschlossen wurden.
Eine Befreiungsperspektive muss deshalb nicht nur fordern, dass Tiere anders behandelt werden, sondern hinterfragen, wie Begriffe wie Recht, Freiheit, Subjektivität und Autonomie überhaupt verwendet werden. Die gesellschaftliche und kommunikative Ebene ist dabei kein Nebenschauplatz, sondern der Ort, an dem Herrschaftsverhältnisse stabilisiert oder aufgebrochen werden.
Siehe dazu:
Gruppe Messel: „Wie kann ich meine menschliche Grundrechte geltend machen zur Einforderung fundamentaler Tierrechte?“
E-Reader: Gruppe Messel, Jahrgang 4, Nr. 7, 2022
https://farangis.de/reader/e-reader_gruppe_messel_2022_7.pdf
https://d-nb.info/1270042017/34
https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:101:1-2022101200225868900363
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