Auf welches Großfinanz-Event gehst du heute, um dich revolutionär zu fühlen?

Auf welches Großfinanz-Event gehst du heute, um dich revolutionär zu fühlen?

Es ist schon eine eigentümliche Zeit.

Früher hatten Herrschaftssysteme ein Problem mit Gegenkulturen. Heute besitzen sie sie oft selbst. Das ist ungleich effizienter.

Die Rebellion wird nicht mehr verfolgt. Sie wird organisiert, vermarktet und als Wochenenderlebnis verkauft. Man kauft ein Ticket, bekommt ein Armband und darf sich für ein paar Tage als Außenseiter fühlen. Danach fährt man heim. Die Rendite bleibt dort, wo sie immer geblieben ist.

Das eigentlich Bemerkenswerte ist gar nicht, dass internationale Finanzfonds an Festivals, Labels oder Musikrechten verdienen. Bemerkenswert ist vielmehr, wie selten noch über Eigentum gesprochen wird. Man diskutiert über Haltung, Identität, Repräsentation und Zeichen. Aber kaum darüber, wem die kulturellen Infrastrukturen eigentlich gehören.

Dabei entscheidet Eigentum oft mehr als jede politische Parole.

Der Kapitalismus hat etwas gelernt. Er muss Widerstand nicht mehr verbieten. Er integriert ihn. Er macht aus Kritik ein Marktsegment. Aus Opposition wird Lifestyle. Aus Subkultur wird Markenpflege. Das funktioniert erstaunlich geräuschlos.

Und viele helfen dabei bereitwillig mit.

Vielleicht ist das der unangenehmste Gedanke überhaupt: Die meisten Menschen wollen gar keine Unabhängigkeit. Sie wollen dazugehören. Das ist verständlich. Gemeinschaft ist angenehm. Orientierung ebenfalls. Man möchte wissen, welche Bands man hört, welche Bücher man liest, welche Meinung gerade als reflektiert gilt und auf welches Festival man fährt, um sich weiterhin für einen kritischen Menschen halten zu können.

Der Markt liebt genau dieses Bedürfnis.

Er verkauft nicht nur Produkte. Er verkauft Zugehörigkeit.

Und wenn der Mainstream irgendwann langweilig wird, verkauft er eben den Gegenmainstream gleich mit.

Deshalb genügt es nicht, neue Räume zu eröffnen. Man muss auch aufpassen, dass man nicht dieselbe Logik wieder hineinschleppt. Sonst entsteht bloß der nächste Kanon. Die nächste Szene. Die nächste kulturelle Hierarchie. Die nächste kleine Elite, die darüber wacht, was gerade authentisch genug ist.

Dann konsumiert man plötzlich nicht mehr Pop, sondern Underground. Nicht mehr das Feuilleton, sondern den alternativen Kanon. Nicht mehr die Charts, sondern die richtige Playlist. Die Mechanik bleibt dieselbe.

Vielleicht beginnt Freiheit viel früher.
Vielleicht dort, wo man aufhört, Kultur hauptsächlich zu konsumieren.
Wo man wieder selber macht.
Selber organisiert.
Selber schreibt.
Selber streitet.
Selber musiziert.
Selber scheitert.
Nicht perfekt. Nicht anschlussfähig. Nicht skalierbar.
Einfach weil man es für sinnvoll hält.

Kapital interessiert sich fast ausschließlich für Wachstum. Für Reichweite. Für Rendite. Genau deshalb bleiben die kleinen, unperfekten, lokalen und selbstverwalteten Räume oft erstaunlich frei. Nicht weil sie romantisch wären. Sondern weil sie ökonomisch uninteressant sind.

Und vielleicht muss man sich damit abfinden, dass das auch so bleibt. Denn der eigentliche Gegenpol zum Konsummainstream wird immer eine Minderheit sein.

Nicht, weil Minderheiten automatisch klüger wären. Sondern weil die meisten Menschen lieber Sicherheit als Autonomie wählen. Lieber Zugehörigkeit als Unsicherheit. Lieber ein fertiges kulturelles Angebot als die Mühe, selbst etwas aufzubauen.

Das ist weder böse noch überraschend. Man sollte sich nur nichts vormachen. Wer wirklich unabhängig sein will, wird auf Dauer kaum massentauglich sein.

Sobald etwas allen gefällt, sobald daraus eine Marke wird, sobald Investoren einsteigen und Rankings, Festivals und Reichweiten wichtiger werden als Beziehungen, beginnt derselbe Kreislauf von vorne.

Vielleicht ist Anarchie am Ende gar kein großes Ereignis. Vielleicht ist sie einfach die hartnäckige Weigerung, sich jede Form von Zugehörigkeit fertig liefern zu lassen. Und vielleicht besteht die eigentliche Freiheit nicht darin, das bessere Festival zu finden. Sondern irgendwann gar nicht mehr zu fragen, wo man dazugehören könnte. Sondern damit anzufangen, gemeinsam mit anderen etwas hervorzubringen, das niemand bestellt hat, niemand verwaltet und niemand als Produkt verkaufen kann.

 

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