Weder links noch rechts ein Dach, das schützt

Thema Behinderung in Folge von Suchterkrankung > werden diesen Beitrag später auf unseren Disablismus-Blog verschieben.

Weder links noch rechts ein Dach, das schützt

Dieser Beitrag ist Jacqueline Mp Unzerstörbar  (Miss Unzerstörbar), https://www.facebook.com/TerrorChucky gewidmet

So grausam sind Deutsche mit Deutschen. Dass Neubürger oder Menschen mit temporären Aufenthalt ebenfalls „zu wenig“ mitmenschliche Solidarität empfinden ist schon bedauernswert genug, aber dass in diesem Land – in dem sich auf der einen Seite Antifas selbstüberzeugt tummeln und auf der anderen Seite ein Zusammenschluss aus Klassenübergreifender „Volksmasse“ ein besseres Deutschland beschwört – Menschen obdachlos sind und bis in den Tod hinein bleiben müssen,

weil

  • Sozialarbeiter eben auch nur ihren Job so machen, wie Leute halt ihre Jobs machen
  • oder es diesen an Möglichkeiten fehlt eine Koordination von hilfreichen und nötigen organisatorischen Schritten aus einer Hand zu leiten
  • weil Ämter nicht kooperieren
  • Fehler im Sozialsystem geschehen und fatale Folgen haben, die faktisch gefährlich sind für den einzelnen Menschen (besonders in einer Sucht) in der Maschinerie (geldabhängiger) alltäglicher Abläufe

lässt sich nicht mit dem Grundsatz der Unantastbarkeit der Menschenwürde vereinen.

Menschen die aufgrund einer Drogensucht in der Obdachlosigkeit landen, werden – häufig begleitet von diffamierenden Narrativen – nach deren eigenen, häufig schamhaften Aussagen, noch Steine in den Weg gelegt. An der Passivität unserer Gesellschaft gegenüber dieser Art von Entmenschlichung sehen wir, wie stark Menschenrechte in der BRD zur Zeit am Erodieren sind.

Wenn so ein Fall, wie der durch soziale Medien bekannt gewordene Fall von Jacqueline (die sich vor ihrem Tod laut Video-Dokumentationen eines Youtubers im Hamburger Drogenmilieu befand) öffentlich dazu führt, dass ihr Zustand zwar relativ umfangreich wahrgenommen und kommentiert wird, man ihre missliche Lage wahrnimmt,

aber ohne dass

> in Folge dieses Bekanntwerdens > Schwarmintelligenz, als das Einzige was hier überhaupt je etwas zu bewegen scheint, reagiert und erkennt, was Obdachlosigkeit anrichtet in so einer Situation, und den betroffenen Menschen glaubt und in irgendeiner Form hilft, ähnlich wie bei anderen Angelegenheiten …

dann ist das ein Beweis dafür, dass weder „Linke“ noch „Rechte“ ein Interesse an bestimmten Menschen in bestimmten Lebenslagen haben.

Obdachlosigkeit und Drogenabhängigkeit sind in dieser Kombination kein Thema, bei dem sozialer Alarmismus bespielt wird. Es ist einfach nicht so. Während man hingegen Endlosdebatten über Reizthemen führt, die trendig scheinen und die nicht so sehr beleuchten, was unser aller komplette Unsolidarität im Alltag am besten beweist. Jeder eigene Erfolg, jedes eigene Existieren beinhaltet einen gewissen Grad an Sozialdarwinismus. Sonst wäre die Obdachlosigkeit schon längst ein Relikt der Vergangenheit.

Eine ganze Gesellschaft führt Menschen vor, nur weil diese physisch und organisationstechnisch hilflos sind. Wir nehmen deren Not zur Kenntnis, aber wir sehen die letztendliche Schuld bei den Leuten selbst, die so wehrlos und hilflos sind, dass sie letztendlich in der Regel daran sterben. Das ist Deutschland im 21. Jahrhundert. Keine sozialistische Hilfe, keine Hilfe von Landsleuten. Einfach das, was es ist: Individuelle Ignoranz, weil es kein wichtiges Thema auf politischer und sozialer Ebene für ein „uns“ des Ausschlusses und der Entantwortung darstellt.

Die Ausgesetzten

Von der sichtbaren Unwürdigung der Schwächsten in einer narzisstisch verwalteten Welt

Von Lensetil Lensel (Läns)

In einem Land, das sich rühmt, Recht zu lieben und Ordnung zu hüten, werden Menschen sichtbar ausgesetzt – nicht im Sinne einer rituellen Verbannung, die noch einen symbolischen Rahmen hätte, sondern im banalen, grausamen Sinne:

Sie werden preisgegeben. Nicht verborgen, nicht vergessen – sondern öffentlich dem Urteil überlassen. Nicht unähnlich dem, wie auch nichtmenschliche Tiere ausgegrenzt werden – unter derselben Kälte der rationalen Nützlichkeitslogik, die fühlendes Leben hierarchisiert. Und wer die Vergleiche scheut, verkennt, dass der Mechanismus derselbe ist > Wert wird zugewiesen oder entzogen. Und Würde dürfe kein universelles Prinzip sein, sondern sie hat wie eine Währung zu funktionieren. [1]

Wir nennen Menschen „Süchtige“, „Obdachlose“, machen ihre Notlage zum sie bezeichnenden Attribut. Schon das Vokabular verlagert Ursache in Biografie, Schuld in die Einzelperson, und nimmt die Gesellschaft aus der Gleichung.

Wir leben einen funktionalen Sozialdarwinismus, durchdrungen von emotionalem Kalkül: Es ist immernoch so, wer sich anpasst, wer seinen Körper und seinen Geist in die Fortschrittslogik/en einfügt, wer seine Krisen unsichtbar in Therapieräume schiebt und am Ende „zurückkehrt“ in das, was als Norm gilt – nur der oder die gilt als wertvoll, als rettbar, als anerkennenswert.

Doch wer fällt, wer zu früh falsch abbiegt, wessen familiärer oder sozialer Kontext nicht das Netz gespannt hat, das einen auffängt, bevor man auf dem kalten Boden aufschlägt – der bleibt liegen. Und während er dort liegt, tritt man ihn mit Kommentaren, mit Deutungen, mit Diagnosen. Mit einem Beurteilungswillen, der sich für Mitgefühl hält oder als solches verbrämt.

Die Öffentlichkeit sieht zu, nicht mit Nächstenliebe oder irgendeinem Interesse am Mitmenschen, sie schaut zu wie Menschen über Menschen richten.

So kommt es, dass junge Körper mit traumatisierten Seelen auf der Straße leiden und sterben, inmitten der aufgeklärten in allem kulturträchtigen urbanen Betriebsamkeit, zwischen Glas und Beton, unter den Blicken derer, die sich nicht schuldig fühlen wollen, die dazu nichts nachhaltig empathisches sagen werden, die nicht interessiert, wie soziale Ausgliederung funktioniert.

Die Kamera ist schnell zur Hand, die Geschichte schnell zusammengefasst – die Hilfe bleibt aus, weil der Hilflose ja nur nach seinem Glück zu greifen hat, mehr nicht. Es ist alles doch nur eine Sache des Willens und nicht der Unmöglichkeit und kafkaesken Verunmöglichung in einem Sozialstaat. Das gibt es alles nicht, es ist viel einfacher beim offiziellen Skript zu bleiben.

Gerade angesichts der Zeiten von Krise, haben „wir“ (die wir handeln und anders handeln könnten) das Helfen ersetzt durch Beobachtung, das Mitfühlen durch Erklärung, das Handeln durch Distanz.

Der Zustand, in die menschliche Unmöglichkeit gerückt zu werden, weil der Anschluss nur noch das Abseits zur Gesellschaft ist,  ist als „Armut“ Allegorie, und genau dieser Allegorie entflieht der Mensch nicht mehr, wenn er einmal dieses Brandmahl trägt, so scheint es.

Die Süchtigen sollen als ihre eigenen Mahnmale dienen. Die Gestrandeten als Negativ-Ikonen eines Erfolgsmythos, den diese Gesellschaft sich selbst tagtäglich erzählt.

Und immer lautet die stille Botschaft:

„Du bist gefallen – und das bedeutet, dass Du fallen solltest.“

Es ist dies ein Schattenritual, das täglich in den Straßen deutscher Städte geschieht. Keine Mythologie des Neuspießers Ahnenopfer, kein kultischer Akt – sondern eine kalte, moderne Grausamkeit.

Die Menschenrechte sind nur noch Makulatur in dieser Inszenierung. Ans Karitative abdelegierte schwüle Barmherzigkeit sind das solidarische Emoticon, das nicht mal eine Fußnote wert ist. In einem Zeitalter, das sich für aufgeklärt hält, opfern wir die Würde von Menschen in einer unpopulären Notlage auf den Altar der Funktionalität und halten das für eine Art Realitätssinn.

[1] → In Anlehnung an eine antispeziesistische Ethik verweigert dieser Text die Hierarchisierung von Leben und erkennt an, dass Ausgrenzung entlang von Nützlichkeitszuschreibungen systemübergreifend wirkt – gegenüber Menschen wie gegenüber Tieren.

 

 

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