rev. 18.07.25
Baumschutz ohne Nutzen für Metaphoriken
Warum es schwer ist für Bäume Kampagnen zu machen, wenn die Sprache über die Natur (alles was wir darunter zusammenfassen) entseelt ist und technologisiert. Auch wenn dichterisch gesprochen wird, schlagen sich sehr oft eine oberflächliche Anthro-Ego-Engstirnigkeit und eine gebetsmühlenartige Selbstnutzen-Einstellung nieder in den angeführten Argumenten.
Ja, wie sprechen wir über Natur, welchen Bezug haben wir, wie begreifen wir Natur? Was ist das für eine Einstellung, die selektiv beseelt und die nun gefangen ist darin, separieren zu müssen zwischen Lebensformen … ? Wir sprechen immer über den Nutzen für uns, über sterile, funktionalisierende Berechnungen. Aber Leben funktioniert so nicht. Der Bezug braucht Worte, und ja, das ist nicht so einfach. Man sollte das wenigstens zugeben.
Wir haben anderes Sein so drastisch entseelt, dass wir vermutlich in unseren Berechnungen selbst sang und klanglos untergehen werden, weil da ist ja nichts außer uns – denen, die die Welt zerstören.
Warum Baumschutz (und Naturschutz) so schwer vermittelbar ist. Eine Reflexion über Sprache, Entseelung und die Enge unseres Bezugs zur Welt
Bäume sterben leise. Und wir sprechen laut darüber – aber in einer Sprache, in der sie längst nicht mehr vorkommen.
Wir haben die Natur, alles, was wir unter diesem Begriff zusammenfassen, entseelt. Und wir haben sie technisch fragmentiert, in Funktionen zerlegt, in messbare Einheiten gepresst. Wenn es um „Baumschutz“ geht, geht es plötzlich um CO₂-Bindung, Klimaregulation, urbane Kühlung – um das, was „uns nützt“.
Dabei war der Baum niemals ein Mittel zum Zweck.
Selbst in vermeintlich dichterischer Sprache spricht der Mensch oft nicht von einer co-existenten Beziehung, sondern von einem Selbstbild. Die Metaphern kreisen um ihn selbst. Die Natur ist Kulisse, Spiegel, Auslöser von Empfindung – aber selten ein eigenständiges, nicht in Formen pressbares Gegenüber.
Wir leben in einer Kultur, in der wir selektiv beseelen – in der sich Speziesismus in seinen unterschiedlichen Formen ausdrückt. In speziesistischen Denkweisen gilt typischerweise nur der Mensch als Zweck in uns selbst, während in nächster Nähe die Tiere, und damit einhergehend die noch anderen Lebewesen in objektifizierender Weise betrachtet und auf Funktionen hin reduziert werden.
Wie Sein funktioniert, das sich unseren Epistemiken zu entziehen vermag, interessiert hier keinen.
Das Haustier: darf innerhalb eines gesteckten Rahmens von Erwartungen und Kontrolle eine Persönlichkeit haben, und je nach Bedarf, wechselweise vermenschlicht werden oder seine Tierlichkeit wird von uns besser verstanden als von ihm selbst.
Das sogenannte „Nutztier“ währenddessen – Schweine, Rinder, Schafe, Hühner, Fische […] – darf ostentativ entseelt werden, je nach Lust und Bedürfnis. Es darf ein industrialisiertes Leben und einen solchen Tod erleiden müssen, da es ja auch unter den Vorzeichen von Tradition „verwertet“ werden darf. Es soll und muss Objekt sein, mehr nicht. Selbst sein Fühlen wird zum Gegenstand.
Und dann sind da eben noch die Pflanzen – um so zum Baum zu kommen: Sie dürfen dekorativ und essenziell inspirierend sein. Sie sollen schön sein und in jeder Weise nützlich sein, alles nach unseren Maßstäben versteht sich und in letzter Konsequenz für uns. Ganz wie die Tiere.
Die Blume im Garten oder in der Vase, die Zierpflanze in Wohnzimmer oder Büro, das Moos im Terrarium: alles willkommen und begehrt, solange es unsere Räume – inklusive unserer gepflegter Gärten oder unserer verwalteter, vielleicht etwas verwahrloster Grünflächen – schmückt, beruhigt und zur Erhöhung und also der Erhaltung des menschlichen Lebensstandards dient. Und dann, wenn sie schwächeln, ab in den natürlichen Kompostkreislauf oder den Baumfäller gerufen. Und wehe, sie wachsen wild, sperrig, eigensinnig – dann sind sie einfach nur „Unkraut“.
Die Pflanze bekommt ihr Etikett: mit Herkunftsangabe, Wasserbedarf, Blühzeit. Der Warenfetisch und das ästhetische Gefühl macht aus ihr Ding, ein Produkt.
Dass auch Pflanzen Lebewesen sind, dass sie kommunizieren, dass sie mit anderen Lebewesen in Beziehung stehen – all das wird bestenfalls in der Nische des „Wissens am Rande“, frei aber von Fragen über Kosmos oder All-Leben vollständig analysierbar und begriffen verortet, und es wird umgehend verrechnet mit der Art und Weise, wie dann ja wiederum > Tiere auch Lebewesen sind. und warum Menschen wen wie verwerten können, müssen, sollen, usw. Ach ja. Das mit den Lebewesen. Manche sollen sogar über einen „Geist“ verfügen, oder etwa mehr Zerstörungspotenzial?
Der Mensch darf auf jeden Fall, und da gibt es keinen Zweifel, als einziger „Geist“ haben und dieser „spezielle Geist“ (man spricht da auch von Exzeptionalismus) ist ausschließlich an seine Evolution gebunden. Allen andern Geist gibt es nicht oder der Mensch kann einen solchen nicht fassen, oder was auch immer. Oder eigentlich braucht ja keiner Geist, das sind ja alles letztendlich Wertungen und Hierarchien und der oberste Fressfeind und Endkonsument steht nunmal ganz oben.
Alles in der Welt bekommt so, von diesem einen und ausschließlichen Geist also doch immerhin Rollen zugewiesen:
Nutzwert, Zierwert, Störfaktor.
Und darin spiegelt sich dieses einmalige Verhältnis zur Welt, das nicht auf Beziehung, sondern auf Besitz und viel mehr noch, auf Inanspruchnahme gründet.
Die Fähigkeit dieses Menschen anderen selektiv einen Wert zukommen zu lassen verlangt dann auch selektive Verantwortlichkeiten. Dieser Mensch muss, damit diese und jene Zwecke erfüllbar sind: trennen, kategorisieren, entscheiden, was „schützenswert“ ist – und wie, als wären Leben und Mitsein rechnend aufteilbar.
Dass das Leben so nicht funktioniert fällt erst auf, wenn irgendetwas für einen selbst nicht mehr so ganz funktioniert. Es fällt halt schon auf.
Und genau jetzt funktioniert eben nichts mehr und trotzdem können wir nicht über das Leben reden, dem wir schaden, und wie wir ihm schaden – als Gesellschaft und als Individuen, sondern auch jetzt erstellen wir wieder eine Kosten-Nutzen-Rechnung darüber, was Natur nützt, und was nicht.
Wirkliches Leben ist Durchdringung, ist ein verwobenes Sein, das sich nicht in Nutzenverhältnisse zwingen lässt. Und Sprache ist nicht nur Ausdruck, sondern Beziehungsraum. Wenn unsere Sprache das Leben entseelt, was sie heute mehrheitlich im Diskurs über „die Natur“ tut, dann verlieren wir nicht nur den realen Bezug – wir verlieren auch das Bewusstsein für die Tragweite/n unseres zerstörerischen Handelns.
Wer Bäume retten will, muss über sie sprechen können. Nicht als Zahl, nicht als Ressource, nicht einmal nur als „Lebensraum für XY“. Sondern als lebendiges Wesen in seinem eigenen Rechte, mit eigenem Dasein, eigenem Wert in der Zeit, eigenem Ort in der natürlichen Welt, die nunmal über den menschlichen Kollektivzwecken anzusiedeln ist.
Doch wir stehen vor unseren mentalen Leerstellen. Die Worte fehlen oder zeugen wieder nur von unserem Mangel an Wertschätzung. Die Haltung fehlt. Und interessanterweise sind es genau diese Leerstellen im Denken und im Ausdruck, aus der heraus wir die Welt weiter zerstören – nicht aus bösem Willen allein, sondern aus einem kulturellen Verstummen und sich etabliert habenden Analphabetismus gegenüber der technokratischen Verwertungsmentalität, die nichtmenschliches Leben im Bestfall in Nachhaltigkeitsformeln zwängt.
Vielleicht beginnt Respekt, Schutz und eine Wertschätzung intrinsischer Rechte anderen verschiedenartigen, vielgestaltigen Lebens gerade in seiner Mannigfaltigkeit dort, wo wir zugeben:
Wir haben verlernt, wie man als Erdenbürger denken und handeln müsste. Wir haben verlernt, wie man über Anderes spricht, ohne es zu kategorisieren, zu verzwecklichen und es uns in irgendeiner Form, sei es auch allein schon theoretisch und epistemisch einzuverleiben. Aber wir könnten wieder lernen, wenn wir dem Gegenwind des „Normalen“ einfach mal mit etwas mehr an kritischem Denken, das Natur als Leben und nicht als definierbare Masse würdigt, begegnen würden.
Es ist unser Problem.
