Aus des Neuspießers Alltag

Aus des Neuspießers Alltag

Viele Menschen positionieren sich „links“ rein symbolisch oder identitär – als Abgrenzung gegen „rechts“ oder Faschismus – und verwechseln das mit einer tatsächlichen kritischen Auseinandersetzung mit Machtverhältnissen, Privilegien oder sozialen Ausschlüssen. Dabei entstehen neue blinde Flecken, gerade weil diese Formen der Ausgrenzung innerhalb „linker“ Räume auftreten – und nicht mehr leicht als „klassisch rechts“ erkannt werden können.

Die toten Flecken hier sind oft schwer greifbar, weil:

sie sich nicht in bekannten Mustern von Autoritarismus oder Rassismus zeigen,

sondern z. B. in akademischer Überheblichkeit, sozialer Kälte, impliziten Normen, Ablenkung durch Prestige- oder Distinktionsverhalten,

oder in der Unsichtbarmachung radikaler Anliegen, die nicht in den „linken Mainstream“ passen.

Viele linke Räume sind dadurch eher symbolisch abgesichert als wirklich systemkritisch. Und Soziologien oder Politikwissenschaften leisten dazu oft keinen Beitrag mehr – sie sind selbst Teil der Prestige-Ökonomie geworden oder vermeiden Konflikte mit linken Milieus, in denen sie sich selbst verorten.

„Ich bin links“ – das genügt heute oft als politischer Freifahrtschein. Denn wer gegen Nazis ist, kann nicht Teil eines Problems sein, richtig? In linken Kreisen herrscht gelegentlich die beruhigende Annahme, man sei qua Haltung schon auf der richtigen Seite der Geschichte. Dass auch diese Seite ihre fragwürdigen Ecken hat – nun, das wäre ja unhöflich zu erwähnen.

Geldarmut wegen mangelnder Kompatiblilität mit dem System? Obdachlosigkeit, weil das Hilfesystem nicht so funktioniert, wie behauptet? Tierunterdrückung als Problem, das Mensch auf gleicher Augenhöhe betrachtet? Ableistische Denkgewohnheiten trotz Barrierefreiheit und in einfacher Sprache? Alles irgendwie da – es soll einem eben nicht im eigenen Netzwerk unangenehm auffallen. Denn links ist man vor allem, weil man in den richtigen Räumen mit den richtigen Begriffen spricht und nicht unbedingt, weil man etwas grundlegend und dann doch noch grundlegender, auch in den bereits geordneten und staubgesaugten Räumen, verändert.

Und auch die kritische Theorie, früher zuständig für Störung und Unterbrechung als das Gegenüber als eindeutig autoritär bestimmbar war, hat sich vielerorts der sanften Selbstvergewisserung verschrieben. Kritik wird nunmal selektiv geübt und das an der Stelle, wo sie nicht die eigene Position (im Denken oder netzwerktechnisch) gefährdet. Man könnte ja verlieren und dann fällt der Faschismus erneut über uns alle her.

Ironisches Lexikon der politischen Selbstbilder

Eintrag Nr. 1: „Ich bin links“

Eine oft als Vollprogramm verstandene Aussage, die in etwa bedeutet: Ich habe es verstanden, ich bin moralisch integer, ich bin nicht das Problem. „Links“ sein wird dabei weniger als politische Haltung denn als Persönlichkeitsausweis verwendet – ein Label mit eingebautem Ablass.

Problematisch wird es, wenn „links“ zum Schutzschild gegen jede Form von Kritik wird: Ob Ableismus, elitäre Abgrenzung, soziale Kälte oder Tierverachtung – solange das Richtige gesagt und geteilt wird, scheint das Richtige auch getan.

Erkennungszeichen:

  • Bevorzugte Kommunikation in Hashtags, CNs und netten gepflegten das Richtige konsumierenden Hobbies, gespickt mit Botschaften „gegen alles, was deklariert oder deklarierbar rechts ist“.
  • Glaube an eine moralische Zeitachse, auf der man sich automatisch auf der richtigen Seite befindet.
  • Reflexhafte Empörung über „die da rechts“, gepaart mit freundlichem Desinteresse an struktureller Ungleichheit im eigenen Umfeld.

Subvariante:

Der akademisch-linke Ehrenbürger, der kritische Theorie zitiert, um sich vor praktischer Verantwortung zu schützen. Erkennt man daran, dass er niemals konkret wird – außer bei der Auswahl seiner Seminarliteratur. Er wird umsäumt von eine Flotte an linken Bauern auf den Feldern, die diversen Berufsfeldern entspringen können, die, wo linkes Virtue-Signalling gerade Muss ist und die ostentative Zugehörigkeit demonstriert.

Ironisches Lexikon der politischen Selbstbilder, goes on

Eintrag Nr. 2: Der Tierbefreier, der seinen eigenen Speziesismus hegt wie eine seltene Orchidee

Er ist logisch vegan, ist studiert und/oder einkommenstechnisch ausreichend gut platziert, er war auf einer Mahnwache und hat ein Netzwerk. Mit einem unauffälligen Haken: Die Grenze des Mitgefühls verläuft bei ihm oder ihr exakt dort, wo der eigene Geltungsdrang und die persönliche Lebenspraxis beginnt.

Dieser Tierbefreier unterscheidet fein zwischen den wirklich wichtigen Themen (z. B. Massentierhaltung, die aber nicht so schlimm ist, wie Menschenmord und die immer dann wichtig ist, wenn besonders gute Fotos gemacht werden konnten, nicht so wie auf dem Bauernhof) und den komplizierten Fällen (Insekten; wie Pflanzen und Tiere Symbiosen bilden, jenseits der engen Logik von „Artenvielfalt“ und „Arterhalt“; invasive Arten als Thema versus invasiver Menschen; „aggressive“ oder „verwilderte“ sog. Haustiere oder, auch ein Unthema: Menschen mit Perspektiven auf Tierlichkeit, die weitaus paritätischer sind, als die dieses Paradetierbefreiers).

Wenn es nervt, hat er plötzlich ganz individuelle Gründe, warum „das jetzt schwierig ist“ – oder „nicht der richtige Rahmen“ oder „Puh gottseidank interessiert das jetzt eh keinen“.

Er liebt Tiere – aber bitte auf seine Weise.

Er hasst Speziesismus – aber spricht in Meetings von „menschlichem Primat“, als würde er irgendjemandem damit weiterhelfen.

Er kämpft gegen Verdinglichung – doch spricht von „unseren Mitgeschöpfen“ so, als seien sie kleine Statisten auf der Bühne seines (niemals moralinsauren) Auftritts im Rahmen einer „erweiterten Ethik“ (die dann nur so veganwashing, etc. ist und mehr halt auch nicht).

Erkennungszeichen:

Hat eine emotionale Beziehung zu Schweinen, Hummeln und Leguanen, in einem Rahmen, der immernoch speziesistisch ist.

Nutzt das Wort „Empathie“ gern – damit sein Netzwerk seinen Status erhält.

Hat nie ganz geklärt, warum Pflanzen nicht mal aus dem Interesse von Tieren heraus Mitrechte haben sollten, oder warum Tiere, aufgrund von Erkenntnissen über ihr Nervensystem, hierarchisch rechtsbegrifflich ungeschützt bleiben sollen – weil das einfach zuviel ist, die Lebewesen jeweils auf Grundlage ihrer jeweiligen Eigenschaften zu verteidigen gegenüber den üblichen verzwecklichenden Argumenten und wenig hilfreichen Kategorien. Ja ja, schon klar er muss doch hierarchisch sein, damit er was bewirkt.

Subvariante:

Die speziesismuskritische Influencerin, die für jedes Mitgefühl einen ästhetischen Rahmen braucht für das entsprechende Feedback – denn Mitgefühl, das nicht schön aussieht, lässt sich leider nicht posten und nicht mal gut finden.

 

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