Squatting Practical Ethics
Skizze: Gedankenfleisch I
Entwurf 01.08.26, Tierrechte Messel
Das Problem an der Schnittstelle zwischen Kapitalismuskritik und Tierobjektifizierung bzw. Speziesismus liegt – gerade auch unter Berücksichtigung der Unterschiedlichkeit von „Kapitalien“, also jener Strukturen, die tatsächlich Leben organisieren und unser aller Leben ausmachen – darin, dass häufig eine entscheidende Ebene übersehen wird:
Damit etwas im Sinne einer Ware käuflich werden kann, muss es zunächst innerhalb einer Gesellschaft einen Objektstatus erhalten. Es muss als etwas erscheinen, das getrennt vom eigenen Sein betrachtet, bewertet, verfügbar gemacht und verwertet werden kann.
Genau diese Prozesse übersieht eine allgemeine Kapitalismuskritik häufig: den langen und komplizierten historischen Weg der Herausbildung des Subjekt-Objekt-Verhältnisses gegenüber Tieren, aber auch gegenüber Natur insgesamt.
Es geht daher nicht erst um die Frage, ob etwas Besitz ist. Die grundlegendere Frage lautet:
Warum wird etwas überhaupt innerhalb jener Kategorien gedacht, die für menschliche Ordnungssysteme relevant erscheinen? Warum wird Leben zum Objekt gemacht, sodass die existentielle Frage selbst auf eine objektifizierbare Größe reduziert werden kann?
Diese Reduktion ist eine besondere Form von erteilter Unfreiheit.
Die Gefahr menschlicher Ideologien, Machtgefüge und Interessensysteme besteht immer darin, dass sie genau diesen grundlegenden Fehler ausblenden. Denn diese Frage richtet sich nicht nur gegen äußere Strukturen, sondern stellt die eigene ethische Haltung infrage.
Warum Veganismus aus tierrechtlicher Sicht noch kein ausreichendes Tierrechtsbewusstsein darstellt
Ebenso muss auch die Position von Veganern und Tierrechtlern selbst untersuchbar bleiben. Denn es geht um eine Unrechtsfrage, die bisher vielfach nicht auf jener Ebene betrachtet wird, auf der sie eigentlich liegt: beim unabhängigen Tiersein in der Welt selbst.
Viele Veganer und auch manche Tierrechtler gehen davon aus, dass eine veränderte Praxis automatisch auch eine Veränderung des speziezistischen Denkens bewirkt. Doch häufig bleibt die grundlegende Ordnung unangetastet: Tier wird weiterhin primär über Biologie definiert und Mensch weiterhin über Denken, Sprache oder bestimmte Fähigkeiten.
Damit wird die gesellschaftliche Bewertung von Tieren nicht grundsätzlich hinterfragt, sondern lediglich die eigene Teilnahme an bestimmten Nutzungsformen verändert.
Wer jedoch das Unrecht nicht nur als historische Folge einer Jäger-und-Sammler-Geschichte oder als kulturelle Gewohnheit normalisieren möchte, sondern als gesellschaftlich produziertes Verhältnis untersuchen will, stößt häufig auf Unverständnis – auch innerhalb veganer und tierrechtlicher Zusammenhänge.
Gerade deshalb kann der alltägliche Speziesismus weiter bestehen. Es fehlt nicht nur an einer Veränderung individueller Praxis, sondern an einer detaillierten Systemkritik: an einer Kritik der Kategorien selbst, durch die Tiere überhaupt erst zu Objekten menschlicher Ordnung gemacht werden.
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