Aus den winterlichen Randnotizen zur Sittenkunde der Spätmenschen: Weihnachten
(Halvard Halvardson, aufgezeichnet zur Zeit der kurzen Tage)
Wenn die Sonne tief steht und die Tage kaum noch tragen, begehen die Spätmenschen ein altes Ritual der Selbstvergewisserung. Sie nennen es Nächstenliebe und sprechen es laut aus, damit es wirklich werde. Doch wie bei vielen Beschwörungen bleibt die Wirkung ungewiss.
Man versammelt sich um Worte, nicht um Taten. Ein fernes Leid wird angerufen – Meere, Grenzen, große Hungerräume –, denn die Ferne eignet sich besser zur Reinwaschung als das Nahe. Das Eigene bleibt unberührt, der Tisch gedeckt, die Ordnung gewahrt.
Ein sonderbares „Ihr“ wird beschworen, ein Kollektiv ohne Gesicht, dem Schuld zugeschrieben wird. Wer spricht, tritt aus dem Kreis der Angesprochenen heraus und wärmt sich an der Glut der rechten Haltung. So bleibt die Gemeinschaft erhalten, während der Bann der Kritik sicher nach außen weist.
Von den galaktisch-irdischen nichtmenschlichen Wesen, die täglich geopfert werden, ist in diesen Reden selten die Rede. Sie gelten als Teil „der Welt“, nicht als Verletzung. Die Nächstenliebe reicht nur so weit, wie sie im Mindesten keinerlei Umkehr verlangt.
Die Alten hätten dies nicht Tugend genannt, sondern Schonung des eigenen Standorts. Doch die Spätmenschen sind geschickter. Sie errichten aus Moral ein Haus, in dem man wohnen kann, ohne die Fundamente zu prüfen.
Am Ende des Rituals herrscht Ruhe. Man hat bekannt, man hat benannt, man hat sich verortet. Die Gewalt bleibt. Der Winter auch.
