Entwurf, 06.07.25
rePet Unwissend:
„Linke Buchläden sind heute auch nicht mehr, das, was sie mal waren“
Die oberflächlichen Gründe dafür sind hinreichend bekannt, so vermute ich mal ganz dreist, aber:
Es liegt aber auch daran, wie die Kulturindustrie selbst heute gerade in der BRD Linkssein als besten Persilschein einer Gesellschaft erkannt hat, die aus sich selbst heraus noch viel Unklarheiten in sich trägt darüber, was denn nun eigentlich das Mindset des NS Totalitarismus überhaupt genau ausgemacht hat.
Ein Frage die ich hier stellen will ist also:
Existiert eine gewisse Verschiebung im Verständnis von „links“ und eine Unaufgeklärtheit über die historischen Tiefen des NS, die durchaus miteinander zusammenhängen können?
Ist irgendetwas „links“, einfach weil es nicht „Nazi“ ist. Wer hat beschlossen, dass so eine Formelhaftigkeit unüberprüft gültig sein soll?
Klar kann man davon ausgehen, dass der Mainstreamer hier ein Interesse hat erstmal von nichts ernsthaft Schlimmen in seinem Verständnis von „Normal“ auszugehen. Aber nein, das mach noch nicht alles nicht nazimäßige zu linker Unschuld. Was ist nazimäßig und wo fängt das an. Gerade heutzutage, gerade undeklariert, gerade wo jeder sich als politisch vertrauenswürdig verkaufen will, weil warum nicht, wenn man trotzdem machen kann was man will, solange es eben nicht „Nazi“ ist.
Und was den Kulturbetrieb anbetrifft:
Linkssein als Persilschein
In der Kulturindustrie – also Verlage, Theater, Medien, Museen – wird „links“ heute oft als moralische Absicherung verwendet. Eine Haltung, die man sich anheftet: gegen rechts, gegen Rassismus, für Vielfalt. Das Problem dabei ist, dass diese Haltung oft oberflächlich performativ bleibt, ohne dass tatsächliche gesellschaftliche Verhältnisse analysiert oder verändert würden. „Links“ wird dann zur ästhetischen Marke, nicht zur praktischen Kritik. Man könnte sagen: 👉 Antifaschismus wird zur Haltung, ohne dass Faschismus tief verstanden oder seine materiellen Grundlagen angegriffen würden.
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Weiter, da hatten wir noch:
Eine unklare Auseinandersetzung mit dem NS
Tatsächlich hat die BRD – trotz jahrzehntelanger Gedenkpolitik – nicht konsequent mit den selbst nicht eingestandenen Aspekten eines NS-Mindset gebrochen, das ganz offensichtlich in der Gesellschaft noch als attraktiv als „urdeutsch“ hinübergerettet werden soll, und das schlichtweg mit dem Morphen arbeitet.
Die Zeit bleibt nicht stehen, auch nicht bei Undercurrents. Viele Fragen wurden niemals weiter verfolgt oder überhaupt jemals in einer bestimmten Allgemeinheit überhaupt gestellt. Gerade an die Stelle rückte „links“, weil hier alles klar erschien und man doch deutlich eine historische Abgrenzung politischer Interessen vorweisen konnte.
Was war aber das gesellschaftliche Fundament des Nationalsozialismus – also nicht nur die Ideologie in letzter Konsequenz, sondern die Affektstruktur, der Opportunismus, das Kleinbürgertum, der Gleichheitszwang und Gleichheitswunsch, der Vorteil, den man im autoritären Charakter sah, das Ideal über „Deutschsein“ kleinteilig und in bestimmter Ausprägung, was schied die Geister (jenseits von Klischees) auf Kulturebene, was machte Makro- und Mikrostrukturen von Identitätsgeschichten aus, woher rührte der Antisemitismus ideologisch, dass es sein konnte, dass es der NS-Ideologie gelang jüdische Deutsche und andere jüdische Bürger in Europa ihrer nationalen Identitäten als Zugehörigkeit zu berauben?
Wie wurde nach 1945 eigentlich weitergemacht – institutionell, personell, psychologisch?
Welche Kontinuitäten gibt es im Denken, wie kann man Wertvorstellungen innerdeutsch differenzieren, ohne nach rechts oder links driften zu müssen, in der Staatsauffassung, in der Normalität? Wer lenkt welche Diskurse und wie? Wer ist hörbar in Bürgerrechtsbestrebungen und auf welche Art und Weise, typischerweise in der BRD? Warum darf „links“ nicht kritisch beäugt werden?
Wenn diese Fragen offen bleiben, wird „links“ zur Ersatzhandlung: Man zeigt sich als „aufgeklärt“ und „progressiv“, ohne jede eigene Verstrickung in historische und strukturelle Gewaltverhältnisse reflektieren zu müssen. Man merkt nicht mal, wie man selbst funktioniert und wird zur autoritären Linken.
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Die Rolle linker Buchläden und Kulturorte
Auch wenn es mal anders war und anderes angestrebt und angedacht war. Was hat sich durchgesetzt, das alte Übel. Es ist naiv oder veraltet romantisch, linke Kulturorte oder Buchläden heute noch „grundsätzlich“ als kritische Gegenräume zu idealisieren. Viele haben sich längst in betriebene Milieus mit klaren Interessenlagen verwandelt, in denen politischer Gehalt oberflächlich, den heutigen Strukturen angepasst, Konsumbedürfnisse erfüllen und schnelle Aufmerksamkeit, Anschlussfähigkeit und ökonomische Selbstsicherung im Mittelpunkt stehen (sprich das legitimiert den sich direkt anbietenden Klüngel, der ja auch links sein kann, Günstlingswirtschaft, Geschäftlhuberei und all die Klassiker).
Was sich abbildet ist
- Ignoranz gegenüber Themen: Es geht oft nicht darum, Inhalte tief zu durchdringen oder gar radikal zuzuspitzen, sondern darum, dass sich Themen gut verwerten lassen. Ein neuer Trend, ein neues Diskursthema – rein ins Programm, egal ob verstanden oder nicht. Hauptsache man hat alles schonmal durch. „Wir wissen und kennen alles, was man wissen muss und was relevant ist. Uns kann keiner was erzählen, also weiter so … „
- Vermarktung von Kritik: Politische Haltung wird zur Ware. Auch vermeintlich linke Begriffe („Dekolonial“, „Care“, „Solidarität“, „Klasse“, „Intersektionalität“) werden in Veranstaltungsreihen, Buchcovern, Podien in Dauerschleife verwertet, ohne dass die Strukturen hinterfragt würden, die sie reproduzieren. Es geht vielmehr darum, sich selbst und andern vorzumachen, niemand auf der Welt hätte seine eigenen Agendas (die nicht nur förderlich sind). Alles sei glaubwürdig, usw. Vor allen Dingen man selbst ist durch seinen linken Wissenskonsum von jeder Kritik auszunehmen, da durch rechts ja bereits die alleinig ernstzunehmende Gefahr auf der Welt droht.
- Klüngel & Gegenseitige Begünstigung: Im Kulturbetrieb – auch im sogenannten „linken“ – gibt es Netzwerke, Vetternwirtschaft, symbolische Aufwertungsmechanismen. Wer drin ist, wird eingeladen, empfohlen, zitiert. Wer nicht anschlussfähig oder zu unbequem ist, bleibt draußen. Macht funktioniert hier wie überall, nur eben im Gewand von „Awareness“ und „progressiver Haltung“. Was auch okay ist, nur gibt es jenseits dieser Wohlfühlwelten, die einem selber dienen eben nicht nur den rechten Gegner. Es gibt die Themen, die links und rechts gemeinsam überhaupt nicht in ihre Raster fügen können.
Diese Milieus reproduzieren genau das, was sie vermeintlich kritisieren:
- Ausschlussmechanismen
- Hierarchien
- Symbolpolitik statt realer Veränderung
- Anpassung an Förderlogiken und Aufmerksamkeitseffekte
Das ist kein Betriebsunfall. Es ist ein struktureller Zyklus.
Er beginnt immer wieder neu, weil das System Kulturförderung, Veranstaltungsbetrieb und akademisierte Linke selbst Teil der Institutionen geworden ist, die es mal bekämpfen wollte.
