Entwurf
Fremdvölkisch
Der nationalsozialistische Antisemitismus unterscheidet sich von anderen Formen des Judenhasses durch seinen biologischen Rassismus, seine totalitäre Staatsideologie und den industriell organisierten Völkermord (die Shoah).
Der nationalsozialistische Antisemitismus hatte eine spezifische ideologische Stellung innerhalb des Nationalsozialismus. Gleichzeitig beruhte das NS-System insgesamt auf einem völkischen Rassismus, der sich gegen zahlreiche Gruppen richtete. Es wäre daher verkürzt, den NS-Rassismus ausschließlich auf Antisemitismus begrenzt zu betrachten.
Der nationalsozialistische Antisemitismus verband sich vielmehr mit weiteren Feindbildern wie Antiamerikanismus, Antibolschewismus und der Ablehnung einer ethnisch und kulturell pluralen Gesellschaft. Das „Jüdische“ fungierte in der NS-Ideologie zusätzlich als eine Chiffre für all jene politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen, die als Gegensatz zur angestrebten völkischen Volksgemeinschaft konstruiert wurden.
Antisemitismus war damit nicht allein Judenfeindschaft, sondern zugleich ein zentraler ideologischer Schlüsselbegriff zur Legitimation einer rassistisch definierten nationalen Ordnung und ihrer Abgrenzung nach innen und außen.
Beim NS-Antisemitismus wurde Jüdischsein nicht mehr als Religion, Kultur oder individuelle Zugehörigkeit verstanden, sondern rassistisch umgedeutet zu einer angeblich vererbbaren, inneren Beschaffenheit. Die nationalsozialistische Ideologie behauptete eine imaginierte „jüdische Natur“, einen angeblichen Charakter, eine vermeintliche „Seele“ oder ein „Wesen“, das unabhängig von persönlichem Verhalten, Überzeugungen oder Lebensweise bestehen würde. Genau darin lag die Radikalisierung gegenüber älteren Formen religiöser Judenfeindschaft:
Menschen konnten nach dieser Logik der Stigmatisierung auch nicht mehr durch Konversion oder Anpassung „entkommen“, weil die Zuschreibung als biologisch gedacht wurde. „Assimilation“ wurde propagandistisch rassifiziert ausgeschlachtet und zum Ächtungsgegenstand.
Die Erklärung des Antisemitismus als Ausdruck von Neid auf wirtschaftlichen Erfolg oder gesellschaftlichen Einfluss verkennt die ideologische Struktur des völkischen Denkens. Entscheidend war nicht die tatsächliche soziale Stellung einzelner Menschen, sondern die rassistische Konstruktion einer tief liegenden Wesensdifferenz. Das „Jüdische“ wurde in der antisemitischen Ideologie zu einer zugeschriebenen inneren Eigenschaft erklärt, die politische, kulturelle und ökonomische Erscheinungen scheinbar miteinander verband. Die Verschwörungserzählung über „jüdische Macht“ war daher weniger Ausdruck eines bloßen Konkurrenzkonflikts als Teil einer Weltanschauung, die gesellschaftliche Komplexität durch die Konstruktion eines fremden, vermeintlich einheitlichen Kollektivwesens erklärte.
Gerade die Abwertung und Abgrenzung gegenüber dem konstruierten Fremden bildete einen zentralen Bestandteil völkisch-nationalistischer rassistischer Ideologien. Die eigene Gemeinschaft wurde nicht nur positiv beschrieben, sondern durch die Herabsetzung anderer Gruppen als vermeintlich „fremdvölkisch“ stabilisiert. Diese rassistische Hybris beruhte auf der Vorstellung einer natürlichen Höherwertigkeit des Eigenen und der Berechtigung, die umgebende Welt hierarchisch zu ordnen: als Bedrohung, als Feind oder als Objekt politischer und ökonomischer Instrumentalisierung.
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