Antispe – Stimme schwach? Argument auch.
Wenn Diskurs nach Persönlichkeit bewertet wird, stirbt das Argument.

In der öffentlichen Debatte um Tierrechte wird oft nicht der Inhalt diskutiert, sondern es wird auf die Person reagiert, die den Inhalt äußert. Ideen werden eher sozial in ein Ranking populärer, auch gerne sehr einfacher Ansätze einsortiert, statt dass Nachdenken und offener Austausch möglich wären. Ideen werden sekundär, die Zuordnung der Idee wird Angriffsziel oder Affirmationsgrund – genau das, was gesellschaftlich-dominante Strukturen nutzen, um radikale Kritik zu neutralisieren. Rechte und ethische Prinzipien werden somit aber auch relativiert: Normen, Institutionen und Machtinteressen entscheiden dann nämlich auch, wann gerade terminologische, kulturell-/gesellschaftlich normierte Gewaltprozesse gegen Tiere akzeptabel sind oder bleiben können.

Speziesismus wird durch routinierte innergesellschaftliche Kommunikationsabläufe nicht nur an wesentlichen Stellen immer wieder toleriert, sondern fast willkürlich reproduziert. Die marginalisierten Subjekte – die Tiere – geraten in den Hintergrund, während Interessen der sich in der Diskurshoheit wähnenden dominanten Gruppen meinen, Richtung und Regeln vorgeben zu dürfen. Was für eine Grundhaltung! So stehen sämtliche Rahmenwerke und die sich an diese bindenden sozialen Dominanzstrukturen im Vordergrund, und eine grundlegende Hinterfragung genau dieser Rahmenwerke findet hier nicht statt.

Wer diesen Mechanismus stört, riskiert, auf der ganz „persönlichen“ Ebene diskreditiert zu werden, gerade weil er den Mehrheitsfluss stört, der eigentlich bei der Kritik von Speziesismus keinerlei Rolle mehr spielen dürfte. Während der eigentliche Diskurs über Macht und Gewalt ausgeklammert wird, ist man Herr über die Frage, welches „Wir“ moralisch den richtigen Weg einschlägt.

Die Erfahrung radikaler Praxis, wie sie sich im Punk historisch zum Teil verkörpern konnte – als Anti-Hierarchie und insofern als eine radikale Subjektzentrierung, die einen Bruch mit der gesellschaftlichen gleichmacherischen Normalität vollzieht – ist für uns an dem Punkt vom Erkenntnisansatz her relevant: Vor dem Hintergrund der Formulierung von Standpunkten vis-à-vis Gesellschaft und Tieren und deren ihnen verweigerten Rechte wird sichtbar, dass normative Schärfe wirklich nicht durch Kompromissdenken oder gesellschaftliche Akzeptanz abgeschwächt werden sollte – eine Rücksicht auf mögliche eigene Allianzen wird nicht in den Vordergrund gerückt, sondern die Entlarvung von faulen Kompromissen ist das weitreichendere Ziel. Visionäre Perspektiven wie diese werden in Hinsicht auf eine Aufdeckung speziesistischer Normen belächelt oder marginalisiert; so weit dürfe Kritik an der Gesellschaft nicht gehen, das sei zu roh, und vielleicht sei zu viel Kritik und Hinterfragung in dem Beziehungsgeflecht ja zwangsläufig schon menschenfeindlich, weil der Mensch dabei in einem überaus unguten Licht dastehe. Also nicht, weil die Kritiken an den Gegebenheiten inhaltlich falsch wären, sondern weil sie bestehende Machtstrukturen stören, deren Teil man selbst zu diesem oder jedem Grad nun mal eben selbst noch ist, liegt hier eine kommunikative Störung und Unerwünschtheit vor. Man behauptet dann, dass Anschlussfähigkeit im Sinne der Sache wäre. Und was als Schutz des Menschlichen ausgegeben wird, ist nicht selten der Schutz hegemonialer Normalität. Die Betonung eigener Vulnerabilität kann so – unabhängig von individueller Intention – dazu beitragen, strukturelle Verstrickungen unsichtbar zu halten.

Antispeziesistische Praxis bedeutet aber, Rechte unabhängig von gesellschaftlich-dominanten Strukturen zu denken. Das heißt auch: Nicht die Person, die einen Standpunkt darlegt, der auf Aspekte von Unterdrückung von Tieren durch menschliche Gesellschaften hinweist, muss sich rechtfertigen, sondern das System müsste sich eigentlich erklären. Gewalt (jeglicher Art) darf im Kontext mit Tierrechten nicht relativiert werden, nur weil sie an unterschiedlichen Stellen weiterhin in verschiedener Weise normiert oder institutionell verankert ist. Inhalte und Prinzipien stehen über sozialen Konventionen, und radikale Perspektiven sind nicht nur legitim – sie sind sogar notwendig. Es sollte sich daher keiner einschüchtern lassen von den dominierenden Strukturen und Diskursen in der Gesellschaft, auch nicht, wenn sie aus den Reihen kommen, die Tierthemen einfach mit dem Altgewohnten kompatibilisieren und dabei nun mal lediglich eine halbherzige Analyse faunazidaler Psychologie betreiben.

 

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