{"id":2142,"date":"2026-07-30T17:48:27","date_gmt":"2026-07-30T15:48:27","guid":{"rendered":"https:\/\/simorgh.de\/sprechen\/?p=2142"},"modified":"2026-07-30T17:48:27","modified_gmt":"2026-07-30T15:48:27","slug":"alltagspraxis-und-diskursrichtungen-in-der-tierbefreiung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/simorgh.de\/sprechen\/alltagspraxis-und-diskursrichtungen-in-der-tierbefreiung\/","title":{"rendered":"Alltagspraxis und Diskursrichtungen in der Tierbefreiung"},"content":{"rendered":"<p><strong>Alltagspraxis und Diskursrichtungen in der Tierbefreiung<\/strong><\/p>\n<p>Aus anarchopunk-Sicht hat eine Tierbefreiung, die weiterhin auf menschliche Definitionsmacht, moralische Hierarchien, institutionelle Anerkennung und Szenelogiken angewiesen ist, den Bruch mit Herrschaft noch nicht vollzogen.<\/p>\n<p>Sie ver\u00e4ndert ihre Sprache vordergr\u00fcndig, logischerweise bleiben Machtverh\u00e4ltnisse so auch bestehen und gerade deshalb erscheint der deutschsprachige Tierbefreiungsdiskurs vielfach so unzureichend: Er bleibt h\u00e4ufig auf einer Ebene stehen, auf der bekannte Herrschaftsformen moralisch verurteilt werden, w\u00e4hrend die eigenen Denkwerkzeuge, Begriffe, \u00e4sthetischen Normen, kulturellen Milieus und sozialen Geflechte weitgehend unangetastet bleiben.<\/p>\n<p>Dabei beginnt Radikalit\u00e4t gerade dort, wo nicht nur Institutionen, sondern auch die eigenen Begriffe, die eigene \u00c4sthetik, die eigene Kultur und die eigenen sozialen Beziehungen einer fortw\u00e4hrenden Kritik unterzogen werden.<\/p>\n<p>Begriffe m\u00fcssen zerlegt, Normen irritiert und die eigene Szene als m\u00f6gliches Herrschaftsverh\u00e4ltnis analysiert werden. Fehlt diese Bereitschaft, entsteht keine Befreiung, sondern Selbstbest\u00e4tigung. Die Kritik bleibt flach, vorhersehbar und letztlich kompatibel mit genau den Macht- und Herrschaftsverh\u00e4ltnissen, die sie zu \u00fcberwinden vorgibt.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Wie wenig selbstverst\u00e4ndlich eine solche Selbstkritik ist, zeigte sich f\u00fcr uns k\u00fcrzlich in einem Podcast einer bekannten deutschen Tierbefreierin. Dort wurde die Frage diskutiert, ob Tiere bemerken, dass sie sterben.<\/p>\n<p>Die Antwort lautete: Nein, Tiere merkten das nicht. In einer sp\u00e4teren Folge schien diese Position wiederum relativiert oder ihr sogar widersprochen zu werden \u2013 allerdings ohne den Widerspruch selbst zum Gegenstand einer kritischen Reflexion zu machen.<\/p>\n<p>Genau an solchen Stellen sehen wir das eklatante Problem. Statt die eigenen Voraussetzungen, Begriffe und Erkenntnisanspr\u00fcche offenzulegen und infrage zu stellen, werden Aussagen &gt; \u00fcber das Erleben anderer Tiere mit einer Selbstverst\u00e4ndlichkeit getroffen, die selbst Ausdruck anthropozentrischer und biologistischer Denkmuster ist.<\/p>\n<p>Dass sich solche epistemischen Setzungen bis dato selbst in einer als besonders progressiv verstandenen Tierbefreiung reproduzieren \u2013 und letztlich auch an zentrale Pr\u00e4missen der klassischen Animal-Liberation-Theorie, etwa bei Peter Singer, anschlie\u00dfen \u2013, ist f\u00fcr uns Ausdruck eines tiefgreifenden Mangels an kritischer Selbstreflexion.<\/p>\n<p>Wir erwarten von diesem Diskurs gegenw\u00e4rtig auch keine grundlegenden neuen Impulse. Und erscheint es gerade deswegen notwendig, Punkte wie die folgenden aber immer wieder zu benennen.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><strong>Sterben diskutieren<\/strong><\/p>\n<p>Die Armseligkeit des hiesigen Pseudotierbefreiungsdiskurses<\/p>\n<ol>\n<li>Um irgendwo anzusetzen. Aktuell war gerade das Thema: Der Tod. Und das nat\u00fcrlich als begriffliches Herrschaftsinstrument<\/li>\n<li>Der heimliche Humanismus der Tierbefreiung<\/li>\n<li>Freiheit als Mangelware<\/li>\n<li>Die neue Verlogenheit: Rebranding statt Bruch<\/li>\n<li>Szene wie Gesellschaft;<\/li>\n<li>Konsequenz: Raus aus der Szene und Milieus und deren Netzwerken kritisch analysieren<\/li>\n<li>\u00c4sthetischer (\u00e4sthetisierender) Speziesismus und die Grenzen der deutschsprachigen Tierbefreiung<\/li>\n<\/ol>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><strong>Die Armseligkeit des hiesigen Pseudotierbefreiungsdiskurses<\/strong><br \/>\n<em>(oder: Warum moralische Verwaltung keine Befreiung ist)<\/em><\/p>\n<p>Was hierzulande unter\u00a0<em>Tierbefreiung<\/em>\u00a0firmiert, ist in weiten Teilen kein Projekt der Befreiung (im einen emanzipativen Sinn), sondern eines der\u00a0moralischen Selbstberuhigung. Nicht einzelne Akteur:innen sind das Problem, sondern ein ganzes Milieu aus Theoretiker:innen, Aktivist:innen, sehr weniger (sichtbarer) K\u00fcnstler:innen, Kommentator:innen und tausendfachen Nachplapper:innen oder Leuten die ihren Konsumerismus irgendwie einzubringen bem\u00fcht sind, die ein\u00a0intellektuell d\u00fcrftiges, anthropozentrisches Weltbild\u00a0als Fortschritt ausgeben. Man darf sich dar\u00fcber nichts vormachen: Diese Szene ist nicht besser als die Gesellschaft, aus der sie hervorgegangen ist \u2014 sie tr\u00e4gt nur andere Label.<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Um irgendwo anzusetzen. Aktuell war gerade das Thema: Der Tod. Und das nat\u00fcrlich als begriffliches Herrschaftsinstrument<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Ein zentrales und besonders entlarvendes Merkmal des hiesigen Tierbefreiungsdiskurses ist die obsessive Besch\u00e4ftigung mit Begriffen, die aus den\u00a0klassisch menschlichen, hegemonial-anthropozentrischen Selbstverst\u00e4ndnissen\u00a0stammen, statt Befreiung vom Fundament her zu denken.<\/p>\n<p>Und zu hegemonial geh\u00f6rt fast zwangsl\u00e4ufig eine Fixierung auf eine unumst\u00f6\u00dflich begriffene Vorstellung von menschlicher Macht, die den \u201eTod der Tiere\u201c sogar auch noch zu definieren wei\u00df, der hier bemerkenswerterweise aber nahezu ausschlie\u00dflich als\u00a0menschliches Denkspiel\u00a0verhandelt wird, flankiert von den immer gleichen Fragen:\u00a0<em>D\u00fcrfen \u201ewir\u201c? Sollen \u201ewir\u201c?<\/em><\/p>\n<p>Eine wirkliche Abweichung vom alten Herrschaftsdenken findet hier nicht statt.<br \/>\nEs entstehen\u00a0keine eigenen begrifflichen Fundamente. Stattdessen wird aus einem kollektiven Deutungsrahmen heraus argumentiert, der alles durch dieselbe Brille betrachtet. Die Welt ist, so hei\u00dft es implizit,\u00a0so und nicht anders.<\/p>\n<p>Und in diesem sicheren, abgeschlossenen Denkraum wird der tierliche Tod dann beil\u00e4ufig \u201emitverhandelt\u201c.<\/p>\n<p>Die Arroganz dieser Diskussionspraxis zeigt sich darin, dass bei Gespr\u00e4chen \u00fcber ein derart fundamentales Thema zwei elementare Differenzen systematisch verwischt werden:<\/p>\n<ol>\n<li>Der menschliche Begriff vom Tod ist\u00a0nicht identisch mit dem Ph\u00e4nomen selbst.<\/li>\n<li>Er sagt\u00a0nichts Verl\u00e4ssliches dar\u00fcber aus, wie andere Wesen Leben, Sterben oder Endlichkeit oder Unendlichkeit erfahren, empfinden oder f\u00fcr sich strukturieren. Denken tut bei den Tierbefreiern ja auch nur der Mensch.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Was hier als Mitgef\u00fchl ausgegeben wird, ist in Wahrheit spekulative Projektion.<\/p>\n<p>Auff\u00e4llig ist dabei das st\u00e4ndig bem\u00fchte \u201eWir\u201c, das jede ernsthafte Reflexion ersetzt. Nicht Denken, sondern\u00a0kollektive Selbstvergewisserung\u00a0findet statt. Bei all diesen Gespr\u00e4chen.<\/p>\n<p>Man spricht\u00a0<em>\u00fcber<\/em>\u00a0Tiere, indem man sie in die\u00a0engstm\u00f6glichen menschlichen Begriffsrahmen\u00a0presst \u2014 gutmeinend, aber blindfolded \u2014 und erkl\u00e4rt diese intellektuelle Gewalt zur Aufkl\u00e4rung, die angeblich keiner Kritik bed\u00fcrfe.<\/p>\n<p>Respekt w\u00e4re Zur\u00fcckhaltung. Stattdessen herrscht\u00a0epistemische Anma\u00dfung.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li><strong>Der heimliche Humanismus der Tierbefreiung<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Das hiesige Verst\u00e4ndnis von Tierbefreiung ist tief humanistisch durchsetzt \u2014 nicht im emanzipatorischen, sondern im\u00a0herrschaftsstabilisierenden Sinn.<\/p>\n<p>Der Mensch bleibt:<\/p>\n<ul>\n<li>Ma\u00dfstab des Leidens,<\/li>\n<li>Ma\u00dfstab von Denken und der Definition von Geist<\/li>\n<li>Ma\u00dfstab dessen, was \u00fcberhaupt gedacht werden darf und kann und was nicht,<\/li>\n<li>Instanz, die festlegt,\u00a0wer\u00a0denken kann, darf und\u00a0wie\u00a0gedacht werden soll,<\/li>\n<li>Interpret von Sinn und Unsinn, Bedeutung und Relevanz \u00fcberhaupt,<\/li>\n<li>Einzig Wissender \u00fcber Irrelevanz,<\/li>\n<li>Und vor allen immer: der Verwalter von Freiheit die er anderen einr\u00e4umt oder nicht einr\u00e4umt.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Tiere erscheinen darin nicht als\u00a0eigene soziale und existenzielle Akteure, sondern als Objekte moralischer F\u00fcrsorge.<\/p>\n<p>Man will sie zwar \u201eretten\u201c, aber nicht in voller Tragweite\u00a0anerkennen\u00a0\u2014 und schon gar nicht unter grunds\u00e4tzlich neuen, offenen Begriffen. So entsteht die paradoxe Figur des \u201eTierfreundes\u201c, der ununterbrochen \u00fcber Tiere spricht, ohne ihnen jemals\u00a0epistemische Autonomie\u00a0zuzugestehen.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li><strong>Freiheit als Mangelware<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Besonders fatal ist der\u00a0Mangel an einem ernstzunehmenden Freiheitsbegriff.<\/p>\n<p>Freiheit bedeutet hier meist:<\/p>\n<ul>\n<li>weniger Leid, wobei Leid in den Rahmen von Biologisierung gesteckt wird \u2013 wie sonst \u2013 und Unrecht nicht in Sichtweite der Gegenstand schlechthin wird,<\/li>\n<li>bessere Haltung aka \u201eartgerechte Freiheit\u201c, diese Leute sprechen Tieren ihre Autonomief\u00e4higkeit ab und pressen alles in starre paternalistische Schablonen,<\/li>\n<li>das menschliche Primat beinhaltet derer Meinung nach kein Problem, das alleinig seines ist: Ur-Speziesismus wird wieder und wieder normalisiert, weil er auch immer da ist,<\/li>\n<li>moralisch korrektes T\u00f6ten im \u201eNotfall\u201c, tierlicher Tod und palliative Ans\u00e4tze denkt man nicht, sondern denkt bei Tieren fest im Sinne von Euthanasie, Tiere als \u201eLeidzustand\u201c<\/li>\n<li>keine wirkliche Auseinandersetzung mit Freiheit; Autonomie oder palliative Perspektiven jenseits menschlicher Kontrolllogik sieht man nicht.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Das ist keine Befreiung, sondern\u00a0Optimierung von Herrschaft.<\/p>\n<p>Dass sich ein solches Denken als radikal, progressiv oder gar revolution\u00e4r inszeniert, ist blanke Selbstt\u00e4uschung. Es handelt sich nicht um Befreiung, sondern um\u00a0ethische Verwaltung im Zeichen des Anthropoz\u00e4ns.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<ol start=\"4\">\n<li><strong>\u00a0Die neue Verlogenheit: Rebranding statt Bruch<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Tierthemen werden zunehmend instrumentalisiert, um\u00a0menschliche Konflikte zu befrieden, Identit\u00e4ten zu stabilisieren oder moralische Selbstreparatur zu leisten. Wo Tiere als Projektionsfl\u00e4chen f\u00fcr menschliche Krisen dienen sollen, werden sie zugleich\u00a0vorgeschoben\u00a0\u2013 und bei Bedarf auch\u00a0missbraucht, um andere Menschen symbolisch zu treffen, zu erziehen oder zu disziplinieren.<\/p>\n<p>Tiere sind\u00a0keine Therapeut:innen, keine moralischen Reparaturinstanzen, keine Ressource f\u00fcr menschliche L\u00e4uterung. Dass Menschen sich\u00a0<em>f\u00fcr<\/em>\u00a0Tiere einsetzen k\u00f6nnen, ist\u00a0kein Verdienst, sondern ein\u00a0Privileg. Nicht Tiere schulden uns Dankbarkeit \u2013 wir schulden ihnen Dank daf\u00fcr, dass sie uns ertragen, dass sie sozial mit uns sind, dass sie \u00fcberhaupt noch in Beziehung treten, trotz der permanenten Gewaltverh\u00e4ltnisse.<\/p>\n<p>Diese Perspektive muss radikal zurechtger\u00fcckt werden. Solange Tiere als Mittel zur menschlichen Selbstveredelung erscheinen, bleibt der\u00a0speziesistische Narrativrahmen intakt\u00a0\u2013 egal, wie korrekt die Sprache oder wie empathisch der Tonfall ist.<\/p>\n<p>Als w\u00e4re das nicht genug, br\u00fcstet sich die Szene inzwischen damit, dass ehemalige Rechte oder Aussteiger:innen aus extrem rechten Milieus nun Lebensh\u00f6fe betreiben oder als gel\u00e4uterte \u201eTierbefreier\u201c auftreten. Das Problem ist\u00a0nicht, dass Menschen sich ver\u00e4ndern k\u00f6nnen. Das Problem ist, dass hier\u00a0kein wirklicher Bruch\u00a0stattfindet.<\/p>\n<p>Autorit\u00e4re Denkformen, F\u00fchrungsfantasien, Erl\u00f6sungsnarrative und moralische Reinheitsvorstellungen bleiben erhalten \u2013 sie werden lediglich\u00a0neu etikettiert.<\/p>\n<p>Was fr\u00fcher nationalistisch war, wird nun moralisch. Was fr\u00fcher exklusiv war, wird nun ethisch aufgeladen. Das ist keine Transformation. Das ist\u00a0Rebranding.<\/p>\n<p>V\u00f6lkisch? Zum Thema \u201eRechts\u201c und \u201eRechte\u201c &gt; bei \u201eSprechen\u201c &gt;\u00a0<a href=\"https:\/\/simorgh.de\/sprechen\/?s=rechts\">https:\/\/simorgh.de\/sprechen\/?s=rechts<\/a> , insbesondere\u00a0<a href=\"https:\/\/simorgh.de\/sprechen\/vertiert-der-wald-ohne-den-falschen-geist\/\">https:\/\/simorgh.de\/sprechen\/vertiert-der-wald-ohne-den-falschen-geist\/<\/a> [as of 11\/29\/25]<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><em>Revolution Happens<\/em><\/p>\n<ol start=\"5\">\n<li><strong>Szene wie Gesellschaft<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Die hiesige Tierbefreiungsszene reproduziert exakt das, was sie vorgibt zu kritisieren:<\/p>\n<ul>\n<li>Hierarchien,<\/li>\n<li>\u201eInsiderwissen\u201c,<\/li>\n<li>moralische \u00dcberlegenheit,<\/li>\n<li>soziale Ausschl\u00fcsse.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Sie ist so verlogen wie die Gesellschaft selbst \u2014 nur mit besseren Worten allerhand Anspr\u00fcchen. F\u00fcr ehrlichere, reflektiertere Menschen ist das kaum auszuhalten. Und es ist auch kein Zufall, dass viele, genau an den Diskrepanzen zwischen Anspr\u00fcchen und Wirklichkeiten in den jeweiligen Szenerien, genau so das Gef\u00fchl entwickeln m\u00fcssen zu scheitern, wie das eben auch in der Gesellschaft im gro\u00dfen und ganzen f\u00fcr viele Leute so das Gef\u00fchl ist, so wie harte Realit\u00e4t.<\/p>\n<ol start=\"6\">\n<li><strong>Konsequenz: Raus aus der Szene und Milieus und deren Netzwerken kritisch analysieren<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Wer es ernst meint, sollte sich nichts vormachen: Diese Szene ist\u00a0kein Ort f\u00fcr Befreiung oder emanzipativen Fortschritt.<\/p>\n<p>Die einzige realistische Perspektive liegt darin,<\/p>\n<ul>\n<li>Pluralismus wert zu sch\u00e4tzen<\/li>\n<li>Milieus, die zu stark durch nationale, seilschaftartige Vorgehensweisen auffallen zu verlassen,<\/li>\n<li>sich\u00a0international zu orientieren,<\/li>\n<li>Und vor allem\u00a0mit einzelnen Menschen\u00a0zu arbeiten statt mit identit\u00e4tspolitischen Kollektiven.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Befreiung in Sachen Tierrechtsbewusstsein entsteht nicht aus Szenen, sondern aus\u00a0Beziehungen, Br\u00fcchen und wir brauchen mehr transnationale Allianzen.<\/p>\n<p>Revolution happens.<\/p>\n<p>Nicht im wohltemperierten Diskurs. Nicht im moralischen Ringelpietz mit Anfassen und das gegenseitige aktivistische Selbstlob, sondern dort, wo man aufh\u00f6rt, sich selbst f\u00fcr \u201edie Guten\u201c zu halten und beginnt, die eigenen Begriffe st\u00e4rker zu analysieren und notfalls zu dekonstruieren; all jene Begriffe, die noch nicht mal den eigenen Anspruch darauf, echt Tierrechtler zu sein, erf\u00fcllen beim genaueren Hinschauen.<\/p>\n<p>Die eigenen Begriffe sind zum Besseren hin aufl\u00f6sbar und transformierbar, da, wo sie immer wieder kompatibel sein zu wollen scheinen, dort, wo sie allzu kompatibel sind mit den klassischen speziesistischen dominanten Narrativen.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<ol start=\"7\">\n<li><strong>\u00c4sthetischer (\u00e4sthetisierender) Speziesismus und die Grenzen der deutschsprachigen Tierbefreiung<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Ein zentrales Problem des deutschsprachigen Tierbefreiungsdiskurses ist die Menge an\u00a0begrifflichem, strategischem und sozialstrukturellem M\u00fcll, den die Szene selbst produziert \u2014 und hinter dem niemand dauerhaft hinterherr\u00e4umt.<\/p>\n<p>Die Mainstream-Tierbefreiung im DACH-Raum hat, n\u00fcchtern betrachtet,\u00a0keinen nennenswerten gesellschaftlichen Impact. Sie inszeniert sich als relevant, als Stimme, als Bewegung \u2014 produziert aber, von wenigen Ausnahmen abgesehen, vor allem\u00a0theoretischen Ausschuss. Besonders dort, wo sie eng gekoppelt ist an Kulturindustrie, akademische Verwertungslogiken und das Bildungssystem.<br \/>\nAnschlussf\u00e4higkeit nach oben ersetzt Wirksamkeit nach au\u00dfen.<\/p>\n<p>Die ethisch aufgeladenen Themen menschlicher Eigenstilisierung im Verh\u00e4ltnis zur Mitwelt erf\u00fcllen dabei eine paradoxe Funktion:<\/p>\n<p>Einerseits versucht man, das eigene Nischendenken zu retten;<br \/>\nandererseits wird der Mensch weiterhin ideologisch hochgehalten, w\u00e4hrend man sich rhetorisch \u201evortastet\u201c, um revolutionstauglich zu wirken.<br \/>\nMan m\u00f6chte vorne sein \u2014\u00a0ist es aber nicht.<\/p>\n<p><strong>\u00c4sthetisierender Speziesismus<\/strong><\/p>\n<p>Ein besonders tief sitzender Aspekt speziesistischer Narrative, mit dem auch innerhalb der Szene\u00a0nicht ernsthaft aufger\u00e4umt wird, ist die \u00e4sthetische Aufladung von aggressiver oder passiv-aggressiver Gewalt an Tieren.<\/p>\n<p>In Sprache, Ritualen, Kunst und Spektakel werden Tiere nicht als denk- und komplexest-f\u00fchlf\u00e4hige Subjekte [die Sentience des Animal Sapiens!] wahrgenommen, sondern als\u00a0Material f\u00fcr menschliche Selbstverortung, Selbst\u00fcberh\u00f6hung und kulturelle Distinktion.<\/p>\n<p>Diese \u00c4sthetik reproduziert:<\/p>\n<ul>\n<li>kulturelle Legitimation f\u00fcr extreme Instrumentalisierung von Tieren,<\/li>\n<li>Distinktionsmerkmale f\u00fcr Milieus, die sich selbst als avantgardistisch inszenieren,<\/li>\n<li>Schutzmechanismen gegen Kritik: Wer widerspricht, gilt als \u201ekulturfeindlich\u201c, \u201emoralisch naiv\u201c oder \u201ezu radikal\u201c oder gar als \u201eechter Spinner\u201c (\u2026).<\/li>\n<\/ul>\n<p>Der Status solcher Praktiken ist eng an\u00a0kulturelle Autorit\u00e4t\u00a0gebunden.<br \/>\nBlut, Gewalt und Tierobjektifizierung als \u201ek\u00fcnstlerisches Material\u201c werden in den hiesigen Kulturszenen kaum kritisiert \u2014 und auch die \u201eTierbefreiung\u201c bleibt davon nicht unber\u00fchrt, weil sie selbst in vielen Bereichen auf Anerkennung, Anschlussf\u00e4higkeit und moralisches Branding angewiesen ist.<\/p>\n<p>Der Kampf gegen die Normalisierung und \u00c4sthetisierung von Speziesismus, Tierhass und Tierobjektifizierung muss daher weiterhin\u00a0auf Pionierebene\u00a0gef\u00fchrt werden.<\/p>\n<p>Dass selbst unter sogenannten Tierfreund:innen massive Unterst\u00fctzung f\u00fcr offen speziesistische Kunstformen existiert \u2014 exemplarisch sichtbar etwa im Fall Nitsch \u2014 zeigt, wie tief diese \u201aBlindheit\u2018 reicht.<\/p>\n<p><strong>Konsequenzen<\/strong><\/p>\n<p>Eine im deutschsprachigen existierende \u201eTierbefreiung\u201c (im einem wenn \u00fcberhaupt m\u00f6glich) angestrebt idealisierten Sinne besteht faktisch\u00a0nicht aus einer Bewegung, sondern aus Einzelpersonen \u2014 und wenn \u00fcberhaupt aus all jenen nichtmenschlichen Individuen, denen Hilfe versprochen wird oder gl\u00fccklicherweise tats\u00e4chlich zuteilwird.<\/p>\n<p>Diese Konstellation\u00a0<em>k\u00f6nnte<\/em>\u00a0eine lebendige Synergie darstellen, eine Avantgarde, die gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungen vorausgeht. Stattdessen erzeugen selbsternannte Sprecher:innen, Labels und Szene-Insider h\u00e4ufig nur den\u00a0Anschein von Relevanz, ohne ihre Konzepte an reale Macht-, Gewalt- und Herrschaftsverh\u00e4ltnisse anzupassen.<\/p>\n<p>Bewegung entsteht dort, wo gehandelt, gedacht und reflektiert wird \u2014 unabh\u00e4ngig von Szenezugeh\u00f6rigkeit, Namen, Statussymbolen oder Sozialprestige.<\/p>\n<p>Und vor allem:\u00a0unabh\u00e4ngig von der Spezies.<\/p>\n<p>Nicht das Label z\u00e4hlt.<br \/>\nNicht die Zugeh\u00f6rigkeit.<br \/>\nNicht der Name.<br \/>\nNicht irgendein Machtfaktor.<\/p>\n<p>Die Bewegung machen wir selbst \u2014 mit dem, was wir tun.<br \/>\nUnd dieser Aktionsraum ist weit.<br \/>\nWird diese Vielfalt nicht wahrgenommen, findet auch\u00a0keine f\u00f6rderliche multilaterale Entwicklung der Konstituent:innen der Bewegung\u00a0statt.<\/p>\n<p>Wenn Tierbefreiung \u00e4sthetisch kompatibel, kulturell anschlussf\u00e4hig und moralisch dekorativ wird, verliert sie ihren Bruchcharakter.<br \/>\nUnd ohne Bruch gibt es keine \u201eBefreiung\u201c im Sinne von Liberation \u2014 nur neue Formen der Verwaltung von irgendeiner Form von Gewalt.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Befreiung bedeutet nicht, eine neue unantastbare Perspektive gegen eine alte auszutauschen. Ein wirklicher Befreiungsgedanke muss auch sich selbst der M\u00f6glichkeit des Irrtums, der Begrenztheit und der Herrschaftsf\u00f6rmigkeit aussetzen. Keine Autorit\u00e4t, kein Begriff, keine \u00c4sthetik und keine eigene Bewegung darf sich au\u00dferhalb der Kritik stellen. Wo eine Bewegung beginnt, sich selbst als moralisch gereinigten Raum zu verstehen, endet die Befreiung und beginnt die Verwaltung des eigenen Anspruchs.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Diese Kritik steht in Zusammenhang mit dem bereits fr\u00fcher formulierten Ansatz, dass der entscheidende Hebel gesellschaftlicher Ver\u00e4nderung nicht allein in institutionellen Forderungen liegt, sondern in den kommunikativen, begrifflichen und sozialen Grundlagen, durch die Wirklichkeit \u00fcberhaupt hergestellt wird.<\/p>\n<p>Genau hier setzt auch der Ansatz \u201eWie kann ich meine menschlichen Grundrechte geltend machen zur Einforderung fundamentaler Tierrechte?\u201c an: Die Frage nach Tierrechten beginnt nicht erst bei einer Erweiterung bestehender Rechtsordnungen, sondern bei der kritischen Untersuchung jener menschlichen Denk- und Kommunikationsformen, durch die Tiere historisch aus dem Kreis anerkannter Subjekte ausgeschlossen wurden.<\/p>\n<p>Eine Befreiungsperspektive muss deshalb nicht nur fordern, dass Tiere anders behandelt werden, sondern hinterfragen, wie Begriffe wie Recht, Freiheit, Subjektivit\u00e4t und Autonomie \u00fcberhaupt verwendet werden. Die gesellschaftliche und kommunikative Ebene ist dabei kein Nebenschauplatz, sondern der Ort, an dem Herrschaftsverh\u00e4ltnisse stabilisiert oder aufgebrochen werden.<\/p>\n<p>Siehe dazu:<br \/>\nGruppe Messel: \u201eWie kann ich meine menschliche Grundrechte geltend machen zur Einforderung fundamentaler Tierrechte?\u201c<br \/>\nE-Reader: Gruppe Messel, Jahrgang 4, Nr. 7, 2022<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/farangis.de\/reader\/e-reader_gruppe_messel_2022_7.pdf\">https:\/\/farangis.de\/reader\/e-reader_gruppe_messel_2022_7.pdf<\/a><br \/>\n<a href=\"https:\/\/d-nb.info\/1270042017\/34\">https:\/\/d-nb.info\/1270042017\/34<\/a><br \/>\n<a href=\"https:\/\/nbn-resolving.org\/urn:nbn:de:101:1-2022101200225868900363\">https:\/\/nbn-resolving.org\/urn:nbn:de:101:1-2022101200225868900363<\/a><\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alltagspraxis und Diskursrichtungen in der Tierbefreiung Aus anarchopunk-Sicht hat eine Tierbefreiung, die weiterhin auf menschliche Definitionsmacht, moralische Hierarchien, institutionelle Anerkennung und Szenelogiken angewiesen ist, den Bruch mit Herrschaft noch nicht vollzogen. Sie ver\u00e4ndert ihre Sprache vordergr\u00fcndig, logischerweise bleiben Machtverh\u00e4ltnisse so auch bestehen und gerade deshalb erscheint der deutschsprachige Tierbefreiungsdiskurs vielfach so unzureichend: Er bleibt h\u00e4ufig&hellip;<a href=\"https:\/\/simorgh.de\/sprechen\/alltagspraxis-und-diskursrichtungen-in-der-tierbefreiung\/\" class=\"more-link\"><span>Weiterlesen<\/span><span class=\"screen-reader-text\">Alltagspraxis und Diskursrichtungen in der Tierbefreiung<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1808,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"templates\/template-cover.php","format":"standard","meta":[],"categories":[66,7,29,69],"tags":[17,28,10],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/simorgh.de\/sprechen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2142"}],"collection":[{"href":"https:\/\/simorgh.de\/sprechen\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/simorgh.de\/sprechen\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/simorgh.de\/sprechen\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/simorgh.de\/sprechen\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2142"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/simorgh.de\/sprechen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2142\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2143,"href":"https:\/\/simorgh.de\/sprechen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2142\/revisions\/2143"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/simorgh.de\/sprechen\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1808"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/simorgh.de\/sprechen\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2142"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/simorgh.de\/sprechen\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2142"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/simorgh.de\/sprechen\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2142"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}