{"id":1701,"date":"2025-07-15T22:16:02","date_gmt":"2025-07-15T20:16:02","guid":{"rendered":"https:\/\/simorgh.de\/sprechen\/?p=1701"},"modified":"2026-10-08T19:12:07","modified_gmt":"2026-10-08T17:12:07","slug":"baumschutz-ohne-nutzen-fuer-metaphoriken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/simorgh.de\/sprechen\/baumschutz-ohne-nutzen-fuer-metaphoriken\/","title":{"rendered":"Baumschutz ohne Nutzen f\u00fcr Metaphoriken"},"content":{"rendered":"<p>rev. 18.07.25<\/p>\n<p><strong>Baumschutz ohne Nutzen f\u00fcr Metaphoriken<\/strong><\/p>\n<p>Warum es schwer ist f\u00fcr B\u00e4ume Kampagnen zu machen, wenn die Sprache \u00fcber die Natur (alles was wir darunter zusammenfassen) entseelt ist und technologisiert. Auch wenn dichterisch gesprochen wird, schlagen sich sehr oft eine oberfl\u00e4chliche Anthro-Ego-Engstirnigkeit und eine gebetsm\u00fchlenartige Selbstnutzen-Einstellung nieder in den angef\u00fchrten Argumenten.<\/p>\n<p>Ja, wie sprechen wir \u00fcber Natur, welchen Bezug haben wir, wie begreifen wir Natur? Was ist das f\u00fcr eine Einstellung, die selektiv beseelt und die nun gefangen ist darin, separieren zu m\u00fcssen zwischen Lebensformen \u2026 ? Wir sprechen immer \u00fcber den Nutzen f\u00fcr uns, \u00fcber sterile, funktionalisierende Berechnungen. Aber Leben funktioniert so nicht. Der Bezug braucht Worte, und ja, das ist nicht so einfach. Man sollte das wenigstens zugeben.<\/p>\n<p>Wir haben anderes Sein so drastisch entseelt, dass wir vermutlich in unseren Berechnungen selbst sang und klanglos untergehen werden, weil da ist ja nichts au\u00dfer uns \u2013 denen, die die Welt zerst\u00f6ren.<\/p>\n<p><strong>Warum Baumschutz (und Naturschutz) so schwer vermittelbar ist. Eine Reflexion \u00fcber Sprache, Entseelung und die Enge unseres Bezugs zur Welt<\/strong><\/p>\n<p>B\u00e4ume sterben leise. Und wir sprechen laut dar\u00fcber \u2013 aber in einer Sprache, in der sie l\u00e4ngst nicht mehr vorkommen.<\/p>\n<p>Wir haben die Natur, alles, was wir unter diesem Begriff zusammenfassen, entseelt. Und wir haben sie technisch fragmentiert, in Funktionen zerlegt, in messbare Einheiten gepresst. Wenn es um \u201eBaumschutz\u201c geht, geht es pl\u00f6tzlich um CO\u2082-Bindung, Klimaregulation, urbane K\u00fchlung \u2013 um das, was \u201euns n\u00fctzt\u201c.<br \/>\nDabei war der Baum niemals ein Mittel zum Zweck.<\/p>\n<p>Selbst in vermeintlich dichterischer Sprache spricht der Mensch oft nicht von einer co-existenten Beziehung, sondern von einem Selbstbild. Die Metaphern kreisen um ihn selbst. Die Natur ist Kulisse, Spiegel, Ausl\u00f6ser von Empfindung \u2013 aber selten ein eigenst\u00e4ndiges, nicht in Formen pressbares Gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>Wir leben in einer Kultur, in der wir selektiv beseelen \u2013 in der sich Speziesismus in seinen unterschiedlichen Formen ausdr\u00fcckt. In speziesistischen Denkweisen gilt typischerweise nur der Mensch als Zweck in uns selbst, w\u00e4hrend in n\u00e4chster N\u00e4he die Tiere, und damit einhergehend die noch anderen Lebewesen in objektifizierender Weise betrachtet und auf Funktionen hin reduziert werden.<\/p>\n<p>Wie Sein funktioniert, das sich unseren Epistemiken zu entziehen vermag, interessiert hier keinen.<\/p>\n<p>Das Haustier: darf innerhalb eines gesteckten Rahmens von Erwartungen und Kontrolle eine Pers\u00f6nlichkeit haben, und je nach Bedarf, wechselweise vermenschlicht werden oder seine Tierlichkeit wird von uns besser verstanden als von ihm selbst.<\/p>\n<p>Das sogenannte \u201eNutztier\u201c w\u00e4hrenddessen \u2013 Schweine, Rinder, Schafe, H\u00fchner, Fische [\u2026] \u2013 darf ostentativ entseelt werden, je nach Lust und Bed\u00fcrfnis. Es darf ein industrialisiertes Leben und einen solchen Tod erleiden m\u00fcssen, da es ja auch unter den Vorzeichen von Tradition \u201everwertet\u201c werden darf. Es soll und muss Objekt sein, mehr nicht. Selbst sein F\u00fchlen wird zum Gegenstand.<\/p>\n<p>Und dann sind da eben noch die Pflanzen \u2013 um so zum Baum zu kommen: Sie d\u00fcrfen dekorativ und essenziell inspirierend sein. Sie sollen sch\u00f6n sein und in jeder Weise n\u00fctzlich sein, alles nach unseren Ma\u00dfst\u00e4ben versteht sich und in letzter Konsequenz f\u00fcr uns. Ganz wie die Tiere.<\/p>\n<p>Die Blume im Garten oder in der Vase, die Zierpflanze in Wohnzimmer oder B\u00fcro, das Moos im Terrarium: alles willkommen und begehrt, solange es unsere R\u00e4ume \u2013 inklusive unserer gepflegter G\u00e4rten oder unserer verwalteter, vielleicht etwas verwahrloster Gr\u00fcnfl\u00e4chen \u2013 schm\u00fcckt, beruhigt und zur Erh\u00f6hung und \u00a0also der Erhaltung des menschlichen Lebensstandards dient. Und dann, wenn sie schw\u00e4cheln, ab in den nat\u00fcrlichen Kompostkreislauf oder den Baumf\u00e4ller gerufen. Und wehe, sie wachsen wild, sperrig, eigensinnig \u2013 dann sind sie einfach nur \u201eUnkraut\u201c.<\/p>\n<p>Die Pflanze bekommt ihr Etikett: mit Herkunftsangabe, Wasserbedarf, Bl\u00fchzeit. Der Warenfetisch und das \u00e4sthetische Gef\u00fchl macht aus ihr Ding, ein Produkt.<br \/>\nDass auch Pflanzen Lebewesen sind, dass sie kommunizieren, dass sie mit anderen Lebewesen in Beziehung stehen \u2013 all das wird bestenfalls in der Nische des \u201eWissens am Rande\u201c, frei aber von Fragen \u00fcber Kosmos oder All-Leben vollst\u00e4ndig analysierbar und begriffen verortet, und es wird umgehend verrechnet mit der Art und Weise, wie dann ja wiederum &gt; Tiere auch Lebewesen sind. und warum Menschen wen wie verwerten k\u00f6nnen, m\u00fcssen, sollen, usw. Ach ja. Das mit den Lebewesen. Manche sollen sogar \u00fcber einen \u201eGeist\u201c verf\u00fcgen, oder etwa mehr Zerst\u00f6rungspotenzial?<\/p>\n<p>Der Mensch darf auf jeden Fall, und da gibt es keinen Zweifel, als einziger \u201eGeist\u201c haben und dieser \u201espezielle Geist\u201c (man spricht da auch von Exzeptionalismus) ist ausschlie\u00dflich an seine Evolution gebunden. Allen andern Geist gibt es nicht oder der Mensch kann einen solchen nicht fassen, oder was auch immer. Oder eigentlich braucht ja keiner Geist, das sind ja alles letztendlich Wertungen und Hierarchien und der oberste Fressfeind und Endkonsument steht nunmal ganz oben.<\/p>\n<p>Alles in der Welt bekommt so, von diesem einen und ausschlie\u00dflichen Geist also doch immerhin Rollen zugewiesen:<\/p>\n<p>Nutzwert, Zierwert, St\u00f6rfaktor.<\/p>\n<p>Und darin spiegelt sich dieses einmalige Verh\u00e4ltnis zur Welt, das nicht auf Beziehung, sondern auf Besitz und viel mehr noch, auf Inanspruchnahme gr\u00fcndet.<\/p>\n<p>Die F\u00e4higkeit dieses Menschen anderen selektiv einen Wert zukommen zu lassen verlangt dann auch selektive Verantwortlichkeiten. Dieser Mensch muss, damit diese und jene Zwecke erf\u00fcllbar sind: trennen, kategorisieren, entscheiden, was \u201esch\u00fctzenswert\u201c ist \u2013 und wie, als w\u00e4ren Leben und Mitsein rechnend aufteilbar.<br \/>\nDass das Leben so nicht funktioniert f\u00e4llt erst auf, wenn irgendetwas f\u00fcr einen selbst nicht mehr so ganz funktioniert. Es f\u00e4llt halt schon auf.<\/p>\n<p>Und genau jetzt funktioniert eben nichts mehr und trotzdem k\u00f6nnen wir nicht \u00fcber das Leben reden, <em>dem wir schaden<\/em>, und wie wir ihm schaden \u2013 als Gesellschaft und als Individuen, sondern auch jetzt erstellen wir wieder eine Kosten-Nutzen-Rechnung dar\u00fcber, was Natur n\u00fctzt, und was nicht.<\/p>\n<p>Wirkliches Leben ist Durchdringung, ist ein verwobenes Sein, das sich nicht in Nutzenverh\u00e4ltnisse zwingen l\u00e4sst. Und Sprache ist nicht nur Ausdruck, sondern Beziehungsraum. Wenn unsere Sprache das Leben entseelt, was sie heute mehrheitlich im Diskurs \u00fcber \u201edie Natur\u201c tut, dann verlieren wir nicht nur den realen Bezug \u2013 wir verlieren auch das Bewusstsein f\u00fcr die Tragweite\/n unseres zerst\u00f6rerischen Handelns.<\/p>\n<p>Wer B\u00e4ume retten will, muss \u00fcber sie sprechen k\u00f6nnen. Nicht als Zahl, nicht als Ressource, nicht einmal nur als \u201eLebensraum f\u00fcr XY\u201c. Sondern als lebendiges Wesen in seinem eigenen Rechte, mit eigenem Dasein, eigenem Wert in der Zeit, eigenem Ort in der nat\u00fcrlichen Welt, die nunmal \u00fcber den menschlichen Kollektivzwecken anzusiedeln ist.<\/p>\n<p>Doch wir stehen vor unseren mentalen Leerstellen. Die Worte fehlen oder zeugen wieder nur von unserem Mangel an Wertsch\u00e4tzung. Die Haltung fehlt. Und interessanterweise sind es genau diese Leerstellen im Denken und im Ausdruck, aus der heraus wir die Welt weiter zerst\u00f6ren \u2013 nicht aus b\u00f6sem Willen allein, sondern aus einem kulturellen Verstummen und sich etabliert habenden Analphabetismus gegen\u00fcber der technokratischen Verwertungsmentalit\u00e4t, die nichtmenschliches Leben im Bestfall in Nachhaltigkeitsformeln zw\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Vielleicht beginnt Respekt, Schutz und eine Wertsch\u00e4tzung intrinsischer Rechte anderen verschiedenartigen, vielgestaltigen Lebens gerade in seiner Mannigfaltigkeit dort, wo wir zugeben:<\/p>\n<p>Wir haben verlernt, wie man als Erdenb\u00fcrger denken und handeln m\u00fcsste. Wir haben verlernt, wie man \u00fcber Anderes spricht, ohne es zu kategorisieren, zu verzwecklichen und es uns in irgendeiner Form, sei es auch allein schon theoretisch und epistemisch einzuverleiben. Aber wir k\u00f6nnten wieder lernen, wenn wir dem Gegenwind des \u201eNormalen\u201c einfach mal mit etwas mehr an kritischem Denken, das Natur als Leben und nicht als definierbare Masse w\u00fcrdigt, begegnen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Es ist unser Problem.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>rev. 18.07.25 Baumschutz ohne Nutzen f\u00fcr Metaphoriken Warum es schwer ist f\u00fcr B\u00e4ume Kampagnen zu machen, wenn die Sprache \u00fcber die Natur (alles was wir darunter zusammenfassen) entseelt ist und technologisiert. Auch wenn dichterisch gesprochen wird, schlagen sich sehr oft eine oberfl\u00e4chliche Anthro-Ego-Engstirnigkeit und eine gebetsm\u00fchlenartige Selbstnutzen-Einstellung nieder in den angef\u00fchrten Argumenten. 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