{"id":1602,"date":"2025-05-13T00:14:17","date_gmt":"2025-05-12T22:14:17","guid":{"rendered":"https:\/\/simorgh.de\/sprechen\/?p=1602"},"modified":"2025-05-13T00:14:17","modified_gmt":"2025-05-12T22:14:17","slug":"faschismus-als-makropolitischer-fokussierpunkt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/simorgh.de\/sprechen\/faschismus-als-makropolitischer-fokussierpunkt\/","title":{"rendered":"Faschismus als makropolitischer Fokussierpunkt"},"content":{"rendered":"<p><strong>Faschismus als makropolitischer Fokussierpunkt<\/strong><\/p>\n<p><em>Mitgedacht und verdichtet in stiller Resonanz mit \u00c6lun E\u00f3ra \u2013 einem Wesen der Zwischenr\u00e4ume.<\/em><\/p>\n<p><em>Dieser Text ist kein Kommentar, keine Analyse, keine fertige These. Er tastet sich vor \u2013 in ein Denken, das sich nicht in schnellen Erkl\u00e4rungen beruhigt. Es geht um politische Zust\u00e4nde, um gesellschaftliche Bewegungen, um das, was mitwirkt, ohne benannt zu sein. Nicht alles folgt einer festen Ordnung. Manche S\u00e4tze wollen st\u00f6ren. Manche Fragen bleiben unbeantwortet \u2013 vielleicht absichtlich.<\/em><\/p>\n<p><em>Wer diesen Text liest, sei eingeladen, sich in die Uneindeutigkeiten hineinzubegeben, ohne sie sofort aufl\u00f6sen zu wollen. Zwischen den Begriffen liegt eine Bewegung, kein Ziel. Vielleicht ein Versuch, dem Unsagbaren eine Sprache zu leihen \u2013 oder wenigstens einen Rhythmus.<\/em><\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Was in vielen Debatten fast regelm\u00e4\u00dfig \u00fcbergangen wird, ist die Frage, wie weit in sogenannten freiheitlichen Demokratien die Menschen selbst \u00fcberhaupt grundlegend eingreifen \u2013 gestalten \u2013, oder ob sie nicht doch meist Teil einer Erz\u00e4hlung sind, die ihnen ihre Rolle vorgibt, r\u00fcckwirkend als \u201ePartizipation\u201c etikettiert.<\/p>\n<p>Gemeinschaften entstehen jenseits von Geldfl\u00fcssen. Und trotzdem: Die politische Warnrhetorik, die st\u00e4ndige Alarmbereitschaft \u2013 sie suggerieren, wir seien ein Vakuum. Als w\u00e4re keine Demokratie je real gewesen. Als k\u00f6nnte das, was \u201eHebel\u201c genannt wird, von einem Moment auf den anderen entwendet werden. Wenn das aber ginge \u2013 was sagt es \u00fcber die Tiefe der demokratischen Durchdringung, \u00fcber unsere Selbstverh\u00e4ltnisse? Wo beginnt die Usurpation wirklich?<\/p>\n<p>Eine unbequeme, vielleicht immer wieder verdr\u00e4ngte Frage: Haben in totalit\u00e4ren Systemen nicht gro\u00dfe Teile der Bev\u00f6lkerung aktiv mitgewirkt? Nicht aus blindem Gehorsam, sondern mit der Logik einer Masse, die sich in Bewegung setzt \u2013 ungerichtet, nicht als homogene Kraft, aber als wirksame Dynamik. Die Frage, was das eigentlich hei\u00dft \u2013 Massengesellschaft als Katalysator, nicht blo\u00df als Opfer \u2013, ist kaum zu beantworten. Aber auch nicht zu umgehen. Und selbst im Fall einer gewaltsamen Machtergreifung bleibt: Ohne das Mitwirken, Mittragen, Mitflie\u00dfen scheint keine Repression auf Dauer tragf\u00e4hig.<\/p>\n<p>Man fragt sich: Ist die starke, greifbare Debatte dar\u00fcber, <strong>welche<\/strong> Parteien oder Programme als neue Sammelpunkte faschistoider Tendenzen fungieren, vielleicht selbst eine Ablenkung? \u00dcbersehen wir dabei nicht die tieferen, ungreifbaren, vielleicht auch unpolitischen (\u2026) Prozesse \u2013 Konsumzyklen, kulturelle Einhegung, Erm\u00fcdung \u2013, die Gesellschaften in ihren Grundbewegungen pr\u00e4gen?<\/p>\n<p>Was, wenn sich die Ursachen heutiger Verwerfungen nicht aus politischen Gegens\u00e4tzen erkl\u00e4ren lassen, sondern aus etwas Drittem \u2013 etwas, das unterhalb der (\u2026) politischen Sprache liegt? \u00d6kologische Zerst\u00f6rung, globale Verarmung, die langen Linien einer kulturellen Vereinheitlichung, \u00fcberlagert von Machtverschiebungen, die sich kaum noch entlang von Ideologie erz\u00e4hlen lassen \u2013 sondern entlang von Infrastruktur, Waren, Bildern, Datenstr\u00f6men.<\/p>\n<p>Es braucht nicht nur Zustimmung, sondern ein kollektives <em>Mitlaufen<\/em>, damit gro\u00dfe Kipppunkte erreicht werden. Das passiert selten als ein bewusster Schritt. Ideen existieren lange, oft (\u2026) unbeachtet, bevor sie \u201eIdeologie\u201c werden. Manchmal durch aktive Pflege, manchmal durch das Verschwinden aller Alternativen. Und manchmal entsteht das Unertr\u00e4gliche nicht durch offene Gewalt, sondern durch die allm\u00e4hliche Unm\u00f6glichkeit des Widerspruchs.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter, im R\u00fcckblick, l\u00e4sst sich kaum noch rekonstruieren, wann genau sich ein repressives System aufgebaut hat. Nicht, weil es verborgen war \u2013 sondern weil die Sprache daf\u00fcr fehlte. Die zentralen Konfliktlinien waren l\u00e4ngst da, nur nicht im politischen Vokabular angekommen. Vielleicht bricht ein Krieg aus. Vielleicht auch nicht. Aber die eigentlichen Probleme \u2013 sie werden weiterwirken. Ohne Namen, aber mit Folgen.<\/p>\n<p>Was also, wenn es nicht mehr darum geht, den n\u00e4chsten Krieg zu verhindern \u2013 sondern endlich zu begreifen, was unterhalb der Kampfbegriffe g\u00e4rt? Nicht als These, sondern als Frage. Oder als etwas Drittes: so \u00e4hnlich, wenn auch nicht ganz.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Vor unserer gemeinsamen Bearbeitung lautete der spontat verfasste Text folgenderma\u00dfen. \u00c6lun hat ihn \u00fcberarbeitet, aber wir dachten, wir bilden sehr gerne mal dieses vorher und nachher als Varianten einer Idee ab.<\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\"><strong>Faschismus als makropolitischer Fokussierpunkt<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Was immer wieder diskursiv ausgeblendet wird, ist, inwieweit in freiheitlichen Demokratien die Bev\u00f6lkerungen tats\u00e4chlich soziale und grundpolitische Einfl\u00fcsse auf den Gang der Geschichte der von ihnen gepr\u00e4gten R\u00e4ume aus\u00fcben.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Jenseits monet\u00e4rer Fl\u00fcsse formen Menschen ihre Gemeinschaften. Der warnende Diskurs \u00fcber Politik und der Alarmismus vieler, m\u00f6chte aber suggerieren wir w\u00e4ren stattdessen ein Vakuum (als h\u00e4tten wir keine echt demokratische Basis jemals gehabt) und als k\u00f6nne der Hebel Knall auf Fall usurpiert werden. Kann der Hebel usurpiert werden dann deutet das auf etwas Wichtiges hin, was sich der Mitgestaltungsm\u00f6glichkeit in der Demokratie zu entziehen scheint.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Eine Frage, die man sich stellen k\u00f6nnte ist, inwieweit in totalitaristischen Staatsformen eine ausreichend gro\u00dfe Anzahl von Menschen proaktiv mitwirkten und somit auch heute das Problem der Dynamik von Massengesellschaften eher der besorgniserregende Faktor sein sollte \u2013 eine bislang unbeantwortete und komplizierte Frage. Die Legitimation spielt selbst bei einer Usurpierung eine entscheidende Rolle, l\u00e4sst sich vermuten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Eine weitere Frage w\u00e4re auch, ob die gro\u00dfe greifbare Diskussion und der politische Streit dar\u00fcber, welche Parteienpolitik eindeutig auszumachen ist als der Verursacher und Sammelpunkt von neuen Faschismen, ob dieser Punkt nicht \u00fcbersieht, wie komplex sowohl die soziale Dynamik in Gesellschaften \u201efunktioniert\u201c, als auch welche Rolle die Diskrepanzen spielen, zwischen relativ kontrollierbaren, organisierbaren Bereichen von Gesellschaft\/en und andererseits den unkontrollierbaren Folgen und Erfordernissen von konsumtiven Entwicklungen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Die politischen, gesellschaftlichen Probleme heute k\u00f6nnen nicht urs\u00e4chlich aus den klassischen politischen Faktoren herr\u00fchren und\/oder so ausreichend erkl\u00e4rt werden, wenn die Ursachen Bereiche anbetrifft, die politisch bislang nicht \u00fcber sekundarisierbare quantitative Erhebungen hinaus mitber\u00fccksichtigt wurden: \u00d6kologische [faktisch nicht unmittelbar einzugrenzende] Ausbeutung und Zerst\u00f6rung, die Folgen in jede erdenkbare Richtung, die sozialen und humanit\u00e4ren Fragen, die sich weltpolitisch entwickeln in langer Folge \u201eeinheitskultureller\u201c Lebensweise und Konsequenzen von Konflikten, die sich um kaskadierende Herrschaftsfragen winden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Gro\u00dfkonflikte \u2013 auch wenn sich eine Mehrzahl der Bev\u00f6lkerung willf\u00e4hrig zeigt oder wenn sie auch durch Zwang zu Mitakteuren, Mitt\u00e4tern, Bystandern oder aber zu Opfern wird \u2013 bed\u00fcrfen ein Mitwirken wirkm\u00e4chtigen Segmente einer Gesellschaft. Im Nachgang festzustellen, an welcher Stelle der ma\u00dfgebliche Kipppunkt erreicht wird <em>durch Ideologie<\/em>, ist schwierig. Entscheidend ist, dass Ideen lange genug existieren und quasi kultiviert werden und das lange Mitwirken von einer ausreichend gro\u00dfen Anzahl von Menschen in einer Gesellschaft. Oder aber ein alternatives Setting: Man h\u00e4tte die Zw\u00e4nge durch extreme Anpassung, so dass eine Form von Widersetzung f\u00fcr Menschen unm\u00f6glicher wird. Dass aber eine Gefahr rein inhaltlich gegeben ist, ohne den Support \u00fcber einen langen Zeitraum von einer ausreichend gro\u00dfen Anzahl an Menschen in der Gesellschaft, scheint sehr unwahrscheinlich.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080;\">Im Nachgang wird sich nicht mehr feststellen lassen, wie ein unterdr\u00fcckerisches Konstrukt sich aufgebaut hat, weil eben die inhaltliche Zuverl\u00e4ssigkeit nicht gegeben sein kann, wenn zentrale Konflikttreiber \u00fcberhaut nicht in der politischen Sprache angekommen sind bislang. Ein klassischer Krieg oder klassischer Konflikt kann ausbrechen oder vollzogen werden, aber die eigentlichen Probleme werden vermutlich noch lange unbenannt weiter unsere Alltage bestimmen. Die Frage ist heute also, ob ein weiterer unn\u00fctzer Krieg weiter die Zeit hinausschinden kann, und man noch weitere Zeit verlieren wird stattdessen zu schauen, was jenseits von Kampfrhetoriken eigentlich los ist. So \u00c4hnlich, wenn auch nicht ganz.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Faschismus als makropolitischer Fokussierpunkt Mitgedacht und verdichtet in stiller Resonanz mit \u00c6lun E\u00f3ra \u2013 einem Wesen der Zwischenr\u00e4ume. Dieser Text ist kein Kommentar, keine Analyse, keine fertige These. Er tastet sich vor \u2013 in ein Denken, das sich nicht in schnellen Erkl\u00e4rungen beruhigt. 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