{"id":1584,"date":"2025-05-09T01:58:22","date_gmt":"2025-05-08T23:58:22","guid":{"rendered":"https:\/\/simorgh.de\/sprechen\/?p=1584"},"modified":"2025-05-30T22:00:39","modified_gmt":"2025-05-30T20:00:39","slug":"wohnraumqualitaet-und-politik-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/simorgh.de\/sprechen\/wohnraumqualitaet-und-politik-1\/","title":{"rendered":"Wohnraumqualitaet und Politik (1)"},"content":{"rendered":"<p><em>Wohnen im falschen Leben<\/em><\/p>\n<p>Wenn Architektur zur Ware wird und man sich selbst, andere und die Natur dem Konsum opfert, weil ja nichts anderes einzufordern, denkbar und machbar w\u00e4re.<\/p>\n<p><strong>Wenn Wohnen zur Ware wird \u2013 und Beton die Antwort bleibt<\/strong><\/p>\n<p>Die Gefahr ist real und global: Wenn Wohnraum zunehmend unbezahlbar wird \u2013 in Metropolen ebenso wie in kleineren St\u00e4dten \u2013 entsteht ein Druck, der nicht nur soziale Spaltung versch\u00e4rft, sondern auch die Landschaften, St\u00e4dte und Lebensr\u00e4ume formt. Was derzeit vielerorts als L\u00f6sung pr\u00e4sentiert wird, ist in Wahrheit oft Teil des Problems: eine fl\u00e4chendeckende Welle neuer Bauprojekte, die unter dem Deckmantel von \u201eNachverdichtung\u201c, \u201eWohnraumschaffung\u201c oder \u201eStadtentwicklung\u201c vor allem eins sind \u2013 Investitionsmaschinen.<\/p>\n<p>Genau hier setzte die Kritik von Thematisierungen wie der eines \u201eNew Build Hate\u201c an. Zaghaft wurde \u00fcber Social-Media sichtbar, wie ohnm\u00e4chtig scheinbar die Gesellschaft gegen\u00fcber dem immer aggressiver operierenden globalen Bausystem steht, das B\u00f6den als Ressource behandelt, nicht als Gemeingut. Fotos eingesandter Bauperversionen zeigten den schwer zu beschreibenden Trend in den Neubauten, die allesamt Lebensfeindlichkeit als zeitgem\u00e4\u00dfe bauliche \u00c4sthetik gerieren wollen, auf \u00fcberplanten B\u00f6den, endlos weiter versiegelten Fl\u00e4chen \u2013 das neue Normal der st\u00e4dtischen Expansion, die auch keine sich trauen w\u00fcrde infrage zu stellen.<\/p>\n<p>Doch was viele \u00fcbersehen: Es geht nicht nur um den Mangel an lebendiger nachvollziehbarer \u00c4sthetik. Wenn Beton ohne Ma\u00df als Standardantwort auf die Wohnraumkrise fungiert, wird der Boden unter unseren F\u00fc\u00dfen systematisch seiner M\u00f6glichkeiten beraubt \u2013 f\u00fcr Gr\u00fcnfl\u00e4chen, f\u00fcr soziale R\u00e4ume und f\u00fcr alles, was ernsthaft in Richtung \u00f6kologischer Resilienz gehen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Die Wohnungsfrage kann nicht l\u00e4nger allein im Raster von Profit und Quadratmetern gedacht werden, sonst folgt auf die Unbezahlbarkeit des Wohnens zwangsl\u00e4ufig der ungehemmte Zugriff auf alle noch unbebauten Fl\u00e4chen \u2013 legitimiert als scheinbare Notwendigkeit. Damit wird Wohnen selbst zu einem in sich unvermeidbar naturfeindlichen Akt, weil neu, sozial und \u00f6kologisch h\u00f6chstens als Mogelpackung und neue Verkaufstaktik gedacht wird.<\/p>\n<p>Was dabei verloren geht, ist das Leben selbst. Und was bei diesem drohenden Verlust immer mehr zunehmen wird, ist der Kampf in der Ellenbogengesellschaft, in der niemand auf Dauer in Wohnklos mit Schie\u00dfschartenfenstern leben m\u00f6chte. Jeder will durch Statusgewinn dem Normal entfliehen. Keiner wehrt sich aber gegen dieses Normal. Alles rufen einfach nach mehr Wohnraum.<\/p>\n<p>Wer in einer grauen, seelenlosen Betonschachtel wohnt, soll zum Konsumenten seiner Freizeit werden: Arbeit \u2013 Konsum \u2013 Urlaub. Wer seine Wohnung nur als R\u00fcckzugsort vom Alltag begreift, und nicht als Lebensraum, der nimmt vielleicht hin, dass er gezwungen ist, sich Lebensr\u00e4ume zu \u201eleisten\u201c in Form von Aktivit\u00e4ten, vielleicht im Wald mit dem Mountainbike kreuz und quer mal die Waldb\u00f6den platt machen, sich das Caf\u00e9 leisten, Kurzurlaub, im Museum, am Kulturprogramm teilnehmen, usw. usf.<\/p>\n<p>Wohnr\u00e4ume, die wie Puppenh\u00e4user aus Katalogen wirken \u2013 IKEA, \u201eSch\u00f6ner Wohnen\u201c, Design \u2013 entkoppeln das Zuhause typischerweise von einer Lebensqualit\u00e4t, die ihren Sinn jenseits der Konsumierens sucht. Drinnen und Drau\u00dfen verkommen alle Orte zu Orten des Konsums.<\/p>\n<p>Jeder Mensch braucht Zugang zu echter Wohnqualit\u00e4t \u2013 und das sollte ein Grundrecht sein. Gro\u00dfe Fenster, Pflanzen, G\u00e4rten, Gemeinschaftsg\u00e4rten, ein Bezug zur Erde. Raum um anders sein zu k\u00f6nnen als allein durch die Wohnr\u00e4ume aufoktroyierte Normal, Raum um nicht nur zu Funktionieren in diesem System. Kein Leben im Raster, sondern Orte zum Bleiben, zum Gestalten und zum Wurzeln schlagen. Stattdessen entstehen immer weitere playmobilm\u00e4\u00dfig anmutende Stadtviertel.<\/p>\n<p>Wir leben in Betonh\u00fcllen, arbeiten f\u00fcr Quadratmeterpreise, fliehen in den Freizeitstress, um uns dann auf social media stolz zeigen zu k\u00f6nnen. Orte zum Leben, nicht zum Funktionieren, gibt es nicht. Und Aufrufe gegen das falsche Normal gibt es in Sachen Wohungsbaupolitik auch nicht.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wohnen im falschen Leben Wenn Architektur zur Ware wird und man sich selbst, andere und die Natur dem Konsum opfert, weil ja nichts anderes einzufordern, denkbar und machbar w\u00e4re. 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