Aus Pimmelfreiheit Nr. 1.

Nicht nur Pimmelfreiheit. Auch anderes muss nicht sein.

Kunst und Hegemonialität

Immer wieder wurde beobachtet, dass Kunst vielzusehr zu einem Geniekult auf der einen Seite wurde und zu einem narzisstischen Markt, der Menschsein in einer Total-Hybris umfasst. Und man hat auch festgestellt, dass Intellektuelle und Künstler immer wieder Träger oppressiver Strukturen waren, Opportunisten, Mitläufer, und Ähnliches. Viele Leute möchten suggerieren, man sei ja bloß neidisch wenn man Teile der Kulturindustrie und kreative Genies und deren Status in einer versagenden Gesellschaft in Frage stellt, an die doch alle zu glauben haben. Aber warum sollte man eine Freiheit und eine Stärke in Kreativität und Wissen einer Gesellschaft sehen, deren Grundpfeiler man sogar in Frage zu stellen vermag: Stichwort philosophisches Anthropozän. Wie lange haben, bei allem technischen Knowhow und aller Klugheit, denn genauso Zerstörung und Gewalt – sprich Unwissen – über die Welt zu ergehen? Nein, es muss nicht sein und es hätte niemals sein müsssen.

Pimmelfreie Kunst und das Genie als trojanisches Pferd

Die Kulturindustrie liebt das Genie. Es ist ihr bestes Verkaufsargument, ihre heilige Kuh, ihre immerwährende Rechtfertigung. Und warum auch nicht? Das Genie ist unantastbar. Wer es kritisiert, ist neidisch. Wer es demontiert, ist kulturfeindlich. Und wer es einfach nicht bewundert, hat es wohl nicht verstanden. Dabei ist die Genialität nur eine Maske – eine glänzende Oberfläche, die verbirgt, wie tief Kunst und Intellekt seit Jahrhunderten in Herrschaftsmechanismen verstrickt sind.

Es ist eine bequeme Lüge, dass Künstler:innen und Intellektuelle per se Rebellen, Freigeister oder Systemkritiker:innen seien. Viel öfter waren sie die Architekten der Unterdrückung. Ob Philosophen, die den Status quo der Macht als gottgegeben hinstellten, Dichter, die Nationalismus befeuerten, oder Maler, die Frauen zu mythologischen Deko-Objekten degradierten – der Kanon ist eine Parade der Mitläufer, Opportunisten und Gatekeeper.

Heute trägt das Genie nicht mehr nur einen Lorbeerkranz, sondern auch einen Businessplan. Die Kulturindustrie funktioniert nach den gleichen Prinzipien wie jeder andere Markt: Hype, Exklusivität, Markenbildung. Kreativität ist Kapital, Ideen sind Investitionen, und künstlerische Freiheit ist ein Verkaufsargument, das meist nur für jene gilt, die ohnehin keine Grenzen spüren. Wer Geld, Einfluss oder die richtigen Kontakte hat, wird gefeiert. Wer sich querstellt, bleibt ein Fußnote.

Und während sich die Gesellschaft rühmt, so klug, so innovativ, so unfassbar schöpferisch zu sein, bleibt eine Frage ungelöst: Wenn wir so verdammt brillant sind, warum führen uns unsere Erfindungen immer wieder an den Rand der Selbstzerstörung? Warum ist unsere Intelligenz so oft bloß ein Werkzeug für effizientere Zerstörung, unsere Kreativität ein Schmiermittel für den Status quo?

Der Geniekult ist ein trojanisches Pferd. In ihm sitzt nicht die Befreiung, sondern eine Armee alter Machtstrukturen, die sich nur eine neue, schicke Rüstung angezogen haben. Vielleicht ist es an der Zeit, dieses Pferd niederzubrennen.

Der Mensch als hegemoniales Zentrum – Die große Täuschung

Doch es reicht nicht, nur den Geniekult zu entzaubern. Der Mensch selbst sitzt auf einem Thron seiner Hegemonialität, den er sich durch seine Sprache und sein Denken gebaut hat, und blickt herab auf alles, was nicht seiner Gestalt entspricht. Kunst und Intellektualismus haben immer eine Sprache gewählt, die den Menschen in bestimmter Weise ins Zentrum rückt – als wäre nur er Träger von Geist und Denken, als wäre nur sein Bewusstsein das Maß aller Dinge. Dabei hat diese Hybris nichts mit Erkenntnis zu tun, sondern mit einem tiefen Missverständnis über das Wesen des Seins.

Die Welt ist nicht nur Kulisse für das menschliche Denken. Das Universum, die Erde, alle Wesenheiten – von Mikroben über Tiere bis hin zu den Elementen selbst – existieren nicht als Objekte für die menschliche Betrachtung. Und doch hat „der“ hegemonial-definierende Mensch es geschafft, alles um sich herum zu konsumieren, zu kategorisieren, zu objektifizieren. Er spricht vom „Schutz der Natur“, als sei sie ein Besitz, über künstliche Intelligenz (Robotik), als sei sie lediglich ein Spiegelbild seiner selbst und kein auf Magnetismus basierendes „Kind irdischer Elemente“, über die sog. „Ressourcen“, als sei die Materie dieser Welt, Materie und als seien alle für ihn beobachtbaren oder errechenbaren Phänomene lediglich ein Vorratslager für seinen „Fortschritt“, mit dem er seine Ziele verwirklichen wird.

Früher, als Menschen noch in magischen Bildern dachten, war dies ein Kampf – ein Ringen mit dem Unbekannten, eine Auseinandersetzung mit Kräften, die sich nicht in starre Worte oder völlig abstrahierende Begriffe zwingen ließen. Heute aber hat sich dieser Kampf in ein stilles Akzeptieren verwandelt.

Die Idee, dass der Mensch als Wesen selbst, also eigenschöpferisch, nicht subjektiver und relativer mitwirkender Mittelpunkt sein könnte – statt herrschender über Objekte – dass der Mensch in Interaktion mit allem Lebendigen stehen könnte, wurde geschluckt, verdaut und normalisiert – und die Bezugnahme und Interaktionsebene in der Welt, vom Subjekt ausgehend, wurde als Ebene von „Sinn“ völlig entwertet.

Doch was ist der Mensch? Ein Genie? Ein Schöpfer? Oder nur eine fragile, begrenzte Existenz, die dem Universum ausgeliefert ist, genauso wie alles andere? Vielleicht ist es an der Zeit, den Thron zu verlassen – bevor er uns endgültig unter sich begräbt.

 

 

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