Kollektive Geschichte/n statt Geschichten des Abweichenden. Mehrheitskanon als Pflicht. Draft 12.09.25
Eine rezeptive Welt, unter Vorgabe der Partizipation
Aus einer antihierarchischen Sicht ist Wikipedia ein alleinig selektiv arbeitendes Instrumentarium, das unter gewissen Gesichtspunkten eine eigene Form enzyklopädischer Relevanz erzeugt, die hinterfragt werden muss, um die Generierung von Unsichtbarkeiten im öffentlichen Raum zu analysieren, und um zu klären, wie > Verläufe der Weitergabe von Informationen, bei unterschiedlicher Bewertung seitens Rezipienten und bürgerschaftlichen Akteuren, hier aber in besonderer medienabhängiger Weise als „gültig“ festgelegt werden. Eine Teilgültigkeit und eine transparente Programmatik alleine garantieren noch keine Abkehr von hierarchischen Vorstellungen, wie Kultur – ganz allgemein – sich errichten müsste. Das sich ergebende Patchwork kann auch nicht mehr zu einem anderen Ganzen zusammengesetzt werden, ohne dass Abläufe der Wissensgenerierung und wissenstheoretischen Selektion hier die nur eine mögliche Richtung weisen würden. Uns interessiert der Gegenraum, indem sich andere Realitäten befinden und andere Wissenszusammenhänge, die durch solche Systeme nicht absorbierbar sind, und somit einen Schutz gegen rezeptionsorientierte Hierarchisierungen bilden können.
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Wikipedia und die Logik der Sichtbarkeit
Aus einer antihierarchischen Perspektive erscheint Wikipedia nicht als neutrales Archiv des Wissens, sondern als ein selektiv arbeitendes Instrumentarium. Es produziert eine spezifische Form von „enzyklopädischer Relevanz“, die nicht einfach vorausgesetzt werden darf, sondern kritisch befragt werden muss. Denn gerade in dem Moment, in dem Relevanz festgelegt wird, entstehen zugleich Unsichtbarkeiten im öffentlichen Raum: Themen, die nicht als erwähnenswert gelten, verschwinden aus der Wahrnehmung – sie werden marginalisiert, noch bevor sie überhaupt sichtbar werden konnten.
Die Frage nach der Weitergabe von Informationen greift daher zu kurz. Man muss ebenso untersuchen, wie Inhalte überhaupt erst generiert werden, um das scheinbar banale, in Wahrheit aber machtvolle Kriterium der Erwähnung im kulturindustriellen Komplex zu erfüllen. Erst durch diese Vor-Legitimation wird ein Thema für die Wikipedia „einschreibbar“. Sichtbarkeit ist also nicht primär das Resultat kollektiver Offenheit, sondern das Produkt eines vorangehenden Selektionsprozesses, der an institutionalisierte Formen kultureller Anerkennung gebunden bleibt.
Die Gültigkeit eines Eintrags wird dabei in besonderer Weise durch die Logik kollektiver Wissensproduktion bestimmt. Es sind nicht nur die einzelnen Inhalte oder Rezipienten, die zählen, sondern die Dynamik einer Kollektivität, die Relevanz definiert und Ausschlüsse produziert. Wikipedia wird so zum exemplarischen Feld, in dem Mechanismen sozialer Distinktion wirksam werden.
Sichtbarkeit und Anerkennung werden in einem kollektiver Prozess an ein symbolisches Kapital gebunden. Inhalte, die bereits im Feld der Kulturindustrie Anerkennung gefunden haben, werden als legitim betrachtet und können Eingang in das Feld Wikipedia finden. Was hingegen jenseits dieses Rahmens liegt, bleibt ausgeschlossen – nicht, weil es „falsch“ wäre, sondern weil es nicht die nötige symbolische Aufladung besitzt.
So entsteht eine zirkuläre Struktur: Kollektivität akkumuliert nicht nur Wissen, sondern reproduziert auch die Mechanismen sozialer Ausschließung. Wikipedia erscheint damit weniger als horizontale Praxis der Demokratisierung, sondern vielmehr als Spiegel der bestehenden Hierarchien von Sichtbarkeit. Gerade aus antihierarchischer Sicht muss daher gefragt werden, ob die enzyklopädische Relevanz, die Wikipedia behauptet, nicht vor allem ein Effekt sozialer Machtverhältnisse ist – und ob die unsichtbar Gemachten nicht gerade dadurch in eine zweite Unsichtbarkeit gedrängt werden: in die der „relativen Nicht-Relevanz“.
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Die produktive Nicht-Relevanz
Gerade das, was als relativ „nicht relevant“ markiert wird, verdient unsere Aufmerksamkeit. Hier lässt sich ein Feld von Phänomenen beobachten, die nicht in die zielorientierten Filter einer enzyklopädischen Logik passen, sondern die in anderen, lebensnäheren Formen der Rezeption auftauchen.
Wir nehmen Kontexte wahr, die weitaus sensibler sind, als es eine schematische wissenschaftliche Ordnung zu erfassen vermag. So kann eine einzelne Beobachtung – sei es von einem einzelnen Autor, einem marginalisierten Text oder einer unauffälligen Quelle – eine besondere Dichte entfalten, die jenseits des wissenschaftlich-kollektiven Konsenses liegt. Wissenschaftliche Korpora präsentieren sich gewöhnlich als rein wissensgenerierend; doch zugleich sind sie immer auch wissensblockierend. Was dem kategorischen Filter einer kollektiven Enzyklopädie entgeht, kann im lebensnahen Blick umso deutlicher sichtbar werden. Auch wenn sie sich einem Konsens entzieht.
Hier zeigt sich zugleich auch eine paradoxe Konstellation: Ein einzelner Autor könnte, in Verantwortung und mit der nötigen Sensibilität, ein Thema umreißen, das noch keinen Platz im Kanon gefunden hat. Doch wo ein gemeinschaftliches Agreement notwendig wird, da drängt sich stets der kleinste gemeinsame Nenner auf. Und dieser bleibt unzureichend – er sichert Konsens, aber verfehlt das, was nur im Singular, im Unabgeglichenen, im sensiblen Fragment aufscheinen kann. Bei der Funktionsweise von Wikipedia ist der kollektive Nenner ein besonders markantes Problem in der Abbildung von Relevanz und somit indirekt von größeren Kontexten und „Wahrheiten“.
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Die paradoxe Relevanz des Unsichtbaren
Alles, was nicht kanonisiert vorliegt, trägt Spuren einer eigenen Geschichte des Ausschlusses. Themen, Stimmen, Beobachtungen scheitern aus unterschiedlichen Gründen daran, im mentalen Programm der Allgemeinheit als selbstverständlich oder verständlich aufzutauchen. In manchen Feldern dominiert eine Sichtweise, während andere, weniger durchgesetzte Perspektiven unsichtbar gemacht werden. Doch gerade diese Unsichtbarkeit ist von besonderem Interesse, weil sie neue Verbindungslinien eröffnet: Sie zeigt sich in Relation zu anderen Erkenntnispunkten, die abseits der dominanten Ordnung liegen.
So erscheint das Unsichtbare nicht einfach als ein Mangel, sondern als ein Relevanzmerkmal eigener Art. Es verweigert sich den dominanten Strukturen, es entzieht sich der Kanonisierung – und gewinnt gerade darin seine Bedeutung. Das Unsichtbare trägt die Möglichkeit in sich, das Festgefügte zu irritieren, das Abgesicherte zu unterlaufen, und eine Erkenntnisqualität freizulegen, die sich der kollektiven Vereinheitlichung entzieht.
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Synthese: Nicht-Relevanz als epistemischer Überschuss
Die Logik kollektiver Relevanzsysteme wie Wikipedia zeigt, wie sehr Sichtbarkeit von Macht, Konsens und symbolischem Kapital abhängt. Doch gerade das, was durch diese Mechanismen ausgeschlossen bleibt, öffnet ein anderes Erkenntnisfeld. Nicht-Relevanz verweist nicht nur auf ein Defizit an Anerkennung, sondern markiert zugleich ein Potenzial: das Potenzial, abseits der Kanonisierung eigene Formen von Dichte, Sensibilität und Zusammenhang zu entfalten.
Das Unsichtbare ist damit nicht bloß das, was fehlt – es ist das, was entzogen bleibt. Seine Stärke liegt darin, sich der Vereinnahmung durch dominierende Strukturen zu widersetzen. So wird Nicht-Relevanz zu einem epistemischen Überschuss: Sie hält jene Reste, Brüche und Fragmente bereit, die gerade nicht im Konsens aufgehen, sondern den Blick auf eine andere Ordnung von Wissen eröffnen.
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Nicht-Relevanz und Kreativität jenseits von z.B. „Geschichte als Gemeinschaftsnarrativ von Bedeutung“
Die Unsichtbarkeit und die besondere Wirksamkeit der Nicht-Relevanz findet ihr angedeutetes denkerisches „Ökosystem“ in genau jener Einsicht, die wir im Text „Ruhm, Hierarchie und die Blockierung des Bauern“ > https://simorgh.de/sprechen/ruhm-hierarchie-und-die-blockierung-des-bauern/ herausgearbeitet hatten: dass Kreativität nicht zur Währung des Ruhms umgedeutet werden sollte, nicht zur bloßen Währung innerhalb einer Kommunikationsökonomie, die Relevanz über Anerkennung und Aggregation erteilend arbeitet.
Weil: Kreativität entfaltet ihre Bedeutung nicht erst durch kollektive Absegnung oder den Stempel von Ruhm, sondern durch eine mögliche unmittelbare, wechselseitige Bezugnahme: ein Impuls, der auf einen anderen trifft, Bewegung, die auf Bewegung trifft. Je farbiger dieser Prozess, desto deutlicher zeigt sich, dass es gar kein hierarchisches System kollektiver Relevanzerzeugung braucht.
So erweist sich Nicht-Relevanz als das eigentliche Gegenfeld: Sie ermöglicht eine Kommunikation, die nicht durch die Kanäle kollektiver Anerkennung blockiert wird, sondern in der sich Relevanz im Kleinen, im 1:1, im Fragmentarischen konstituiert. Darin liegt ein epistemisch und schöpferisch freies, offenes Feld, das den hierarchischen Strukturen von Ruhm und Kanonisierung nicht nur entkommt, sondern sie praktisch ersetzt.
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