Heimtückischer Rassismus: kollektive Deutungsordnungen, Geschichtsbilder

Palang Latif Yegane

Rassismus beginnt dort, wo Menschen nicht mehr als Individuen erscheinen, sondern als vermeintliche Verkörperungen eines kollektiven Wesens gelesen werden. Er beschwört eine vermeintliche Gleichheit innerhalb einer als solidarisch konstruierten Gemeinschaft, in der das Individuum verschwindet und nur noch als Teil eines Kollektivs existiert.

Gesellschaftliche, kulturelle und individuelle Besonderheiten anderer Gruppen werden im Vergleich zu den eigenen normativen Ordnungssystemen kategorisch abgewertet und aufgrund ihrer Verschiedenheit grundsätzlich als im Vergleich „relativ sinnlose Lebensweisen“ dargestellt. Rassifizierte Gruppen werden dabei als monolithische „Volkssysteme“ oder geschlossene Sozialverbände konstruiert, denen ein einheitlicher Wille, gemeinsame Interessen und festgelegte Ziele zugeschrieben werden.

Individualität wird „von außen“ negiert und durch kollektive Zuschreibungen ersetzt. Ein Prozess der gleichermaßen natürlich auch innerhalb der meisten menschlichen Gemeinschaften stattfindet. Das Individuum gerät dadurch in zweierlei Räume sozialer Erwartungen: entweder „von innen“ der Anpassung innerhalb der angestammten sozialen Räume oder „von außen“ der völligen Gleichsetzung mit einem als „minderwertiger“ eingestuften ethnisch-sozialen Gefüge.

Ein bestimmtes Weltgeschichtsnarrativ wird bei dem ganzen Prozess zum einzig gültigen Narrativ erklärt. Andere Erfahrungen, Erinnerungen und Perspektiven werden systematisch hierarchisiert, entwertet oder auch kleinteilig aus den Diskursen ausgelöscht.

Die Annahme, allein der Antisemitismus habe ein besonderes ideologisches Hassgebäude hervorgebracht, kann dazu führen, die strukturellen Erzähl- und Entwertungsmechanismen anderer Formen von Rassismus oder Rassismen aus dem Blickfeld zu verlieren. Dadurch besteht die Gefahr, rassistische Muster [weiterhin] zu normalisieren oder sie auf vermeintlich bloß äußerliche Merkmale zu reduzieren.

Tatsächlich operieren rassistische Ideologien regelmäßig mit der Vorstellung, äußere Merkmale seien Ausdruck eines vermeintlichen inneren Wesens: Im Antisemitismus zeigt sich dies in einer historisch spezifischen Weise – etwa in der Konstruktion eines angeblich verborgenen, gefährlichen Wesens, das auch ikonografisch und propagandistisch visualisiert wurde. Zugleich findet sich derselbe grundlegende Mechanismus in anderen Formen des Rassismus: Körperlichen Merkmalen werden dabei immer wieder moralische, geistige oder charakterliche Eigenschaften zugeschrieben und diese sozial und politisch aufgeladen.

In allen Fällen werden Merkmale des Äußeren und der „Repräsentation“ zu einem vermeintlichen „Indikator des Inneren“ erhoben. Aus Erscheinung und „Lesbarkeit“ und damit einhergehender rassistischer Kodifizierung wird der Rückschluss auf Wesen, Moral, Charakter oder gesellschaftlichen Wert vollzogen, während die eigenen körperlichen und kulturellen Merkmale zugleich als Ausdruck einer überlegenen oder humaneren Norm inszeniert werden; und dies aber wieder im Sinne von Angepasstheit (Fragen der Akzeptanz und Übereinkunft) und Großgruppen (demographische Zugehörigkeit).

Menschen werden nicht mehr primär als Individuen wahrgenommen. Die Zuordnung ihrer Erscheinung und ihre zugeschriebene Gruppenzugehörigkeit gilt als ausreichender Beweis für einen angeblich feststehenden Charakter oder eine unveränderliche Identität, die jeweils im eigenen hierarchischen Denken auf einer vermeintlich „primitiveren“ Ebene zu verstehen wären.

Gerade diese besondere Vorgehensweise von Essentialisierung gehört zu den grundlegenden Mechanismen rassistischen Denkens, und aus ihr führt auch kein Weg hinaus – dazu müsste ein Geschichtsverständnis sich vermutlich erst ändern und die Chancen dazu sind bei vermutlich allen jeweils herrschenden Großnarrativen eher gering.

 

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