Gefahr der Verschiebung historischer Vergleichbarkeit

Gefahr der Verschiebung historischer Vergleichbarkeit

Der NS-Rassismus war nicht nur „biologistischer Rassismus“, sondern ein extrem flexibles System von Entmenschlichung, das u.a.:

  • Juden als „rassisch“, „kulturell“, „politisch“ und „verschwörerisch“ zugleich konstruiert hat
  • Slawen (also auch Russen, Ukrainer etc.) als „minderwertig“ oder „kolonialisierbar“ eingeordnet hat
  • und Rassifizierung mit Geopolitik, Krieg und Vernichtung verschmolzen hat

Wenn man Antisemitismus als zu eigenständig gegenüber Rassismus behandelt, kann der Eindruck entstehen, der NS-Rassismus werde „aufgeteilt“ in getrennte Logiken, statt als integriertes Herrschaftssystem verstanden zu werden.

Ich erinnere an die Unterscheidung von Genoziden: promiente Beispiele sind Goldberg und ein Konflikt der letztlich zwischen Monbiot und Chomsky entbrannt war.

Rassismus ist eine übergreifende historische Logik der Entmenschlichung und Hierarchisierung, die sich im NS radikalisiert hat und heute neue Formen (auch geopolitische) annimmt.

Im Nationalsozialismus war „Jude“ nicht primär eine Religion, sondern eine:

angeblich biologische Abstammungskategorie („Blut“)

Eine produktive Täteranalyse fragt
nicht: Wer ist Täter?
sondern: Wie wird Täterschaft möglich gemacht?

Das umfasst:
Sprache (Dehumanisierung)
Institutionen (Gesetz, Bürokratie)
soziale Belohnung (Karriere, Zugehörigkeit)
emotionale Ökonomie (Angst, Stolz, Entlastung)
Normalisierung (Alltagspraxis)

„Täter“ im NS waren selten einfach ‚Überzeugte‘.
Sie wurden durch Zugehörigkeit zur „Volksgemeinschaft“ produziert: durch Abgrenzung, Bürokratie, soziale Belohnung und moralische Entlastung.

Täterschaft entsteht nicht nur im Kopf – sondern in Systemen, die Handeln normal, sinnvoll und alternativlos machen.

Die „Volksgemeinschaft“ war keine Idee, sondern eine soziale Maschine: Sie erzeugte ein Selbstbild („wir“) nur durch permanente Produktion eines Fremden („die anderen“).

Aus dieser Struktur entsteht auch Täterschaft: nicht zuerst als Ausnahme, sondern als normalisierte Handlung innerhalb eines stabilisierten Weltbilds.

Im NS ist „Rasse“ kein biologischer Fakt, sondern ein visuelles und diskursives Produktionssystem:
Selbst- und Fremdbilder entstehen gleichzeitig.

Der Antisemitismus ist dabei das Scharnier, das das völkische Selbstbild überhaupt erst stabilisiert.

Rassismus ist kein biologisches System, das politisch missbraucht wurde, sondern ein politisches System, das biologische Sprache benutzt.

 

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