Beton-Konsense

Das System tarnt sich mit gegensätzlichen Ideologien, produziert aber am Ende denselben Einheitsbrei aus billigem Beton und sozialer Kälte.

Die linke Illusion glaubt an den vollständig steuerbaren Sozialstaat. Unter dem Imperativ, möglichst schnell möglichst viel bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, wird das Argument „Hauptsache ein Dach über dem Kopf“ zum Freibrief für gesichtslose Rigips- und Styroporarchitektur.

Die rechte Scheinheiligkeit beschwört Tradition, Heimat und Denkmalschutz, solange keine Rendite lockt. Sobald Investoren und Wirtschaftswachstum rufen, werden gewachsene Ortsbilder ebenso bereitwillig geopfert wie jede architektonische Eigenart.

Das Ergebnis unterscheidet sich kaum. Beide Seiten tragen dazu bei, Landschaften zu versiegeln, Städte auszutauschen und Lebensqualität durch Verwertungslogik zu ersetzen. Gewonnen hat am Ende vor allem der Beton.

Doch das Lügengebäude endet nicht bei der Architektur.

Es reicht bis in den Umgang mit den Menschen, die unter diesem System zerbrechen. Wer durch das Raster fällt, wird nicht nur im Stich gelassen, sondern häufig noch zum Schuldigen erklärt. Gib einmal „obdachlose Frau“ in eine Suchmaschine ein. Es dauert meist nicht lange, bis behauptet wird, solche Menschen wollten sich ja gar nicht helfen lassen. Der angeblich perfekt funktionierende Sozialstaat dient dabei als Beweis gegen die Betroffenen: Wenn das System doch funktioniert, muss der Mensch selbst versagt haben.

So schützt sich die Erzählung vor der Wirklichkeit. Das eigene Weltbild bleibt unangetastet, während die Verantwortung auf diejenigen abgeschoben wird, die ohnehin kaum noch eine Stimme haben. Gleichzeitig heißt es, man müsse eben zuerst noch mehr Wohnraum schaffen, zuerst diese oder jene Gruppe versorgen. Währenddessen wird weiter versiegelt, weiter betoniert, weiter gebaut – als wäre ausgerechnet dieselbe Logik, die Umwelt und Baukultur zerstört, die Lösung aller Probleme.

Das eigentliche Paradox ist, dass dieses System ständig neue Flächen verbraucht und dennoch Menschen ohne Schutz zurücklässt. Es zerstört Mitwelt und Menschen zugleich. Die einen verschwinden unter Asphalt und Beton, die anderen hinter Statistiken, Zuständigkeiten und Ausreden.

Jeder kennt diese Widersprüche. Fast jeder beteiligt sich irgendwo daran oder erlebt den Druck derer, die sie aufrechterhalten. Das ist keine Frage einzelner politischer Lager. Es ist ein gesellschaftlicher Konsens geworden.

Was hier geopfert wird, ist kein Nebenschauplatz. Es sind Landschaften, gewachsene Lebensräume, menschliche Würde und die Fähigkeit, einander überhaupt noch als Mitmenschen wahrzunehmen. Der Beton ist dabei nur das sichtbarste Material. Das eigentliche Fundament dieses Systems besteht aus einer Lüge: dass all das alternativlos sei und im Grunde doch ganz gut funktioniere. Genau diese Lüge macht die Zerstörung so dauerhaft.

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