Der Ableismus und Ageismus gegen Senior*innen ist in unserer Gesellschaft so tief verwurzelt und normalisiert, dass er von politisch sensiblen Menschen oft schlicht übersehen wird.
Linke Kritik fokussiert sich häufig auf klassische Achsen wie Klasse, Gender oder Rassismus. Die spezifische Diskriminierung alters- und pflegebedingter Einschränkungen bleibt oft ein theoretischer Blindstrom.
Wer sich selbst als „gut“, „links“ oder „systemkritisch“ definiert, neigt paradoxerweise eher dazu, das eigene konkrete Handeln weniger streng zu hinterfragen.
Die Fachkräfte glauben, durch ihre persönliche Empathie das System von innen heraus abzumildern. Sie übersehen dabei, dass sie als Rädchen der „totalen Institution“ die entmenschlichenden Abläufe dennoch exekutieren.
Um den Widerspruch zwischen dem eigenen emanzipatorischen Anspruch und der täglichen Praxis (wie dem Durchtakteten von Mahlzeiten oder Intimpflege im Minutentakt) auszuhalten, wird die Realität verdrängt oder als „alternativlose Fürsorge“ umgedeutet.
Wenn Pflegekräfte – gerade jene mit linkem oder systemkritischem Anspruch – Senior*innen in starre, entmenschlichende Heimabläufe pressen, erzeugt das Schuldgefühle.
Die Erzählung vom „schönen Platz“ dient als psychologischer Puffer. Sie redet das Heim als idyllischen Zufluchtsort schön, um nicht anerkennen zu müssen, dass man eine geschlossene, segregierende Struktur verwaltet.
Wenn das Leben ohnehin „gelebt“ ist, verliert der alltägliche Protest der Senior*innen seine politische und moralische Tragweite. Es rechtfertigt, die drängenden Bedürfnisse nach Freiheit, Intimität und gesellschaftlicher Teilhabe im straffen Zeitkorsett der Einrichtung hintenanzustellen.
Der kolonialisierende Blick der Jüngeren
Zynische Passivierung: Die Haltung offenbart den internalisierten Ageismus der Fachkräfte. Die jüngere Generation maßt sich an, zu bewerten, wann ein Lebenslauf „vollständig“ oder „abgeschlossen“ ist. Damit wird den Betroffenen die fortlaufende Urteilsfähigkeit über ihr eigenes aktuelles Wohlbefinden abgesprochen.
Und dann kommt man mit seiner Epistemik der Endlichkeit und jeder Ausweg ist geschlossen: das Umfeld frisst die Bedeutung seiner Mitmenschen sozusagen im kollektiven Narrativ.
Mehr Beiträge zum Thema sowie Kritik am Konzept von „Pflege“, finden sich auf unserem Disablismus-Blog > https://simorgh.de/disablismus/?s=pflege
