{"id":207,"date":"2020-09-29T16:41:26","date_gmt":"2020-09-29T16:41:26","guid":{"rendered":"https:\/\/simorgh.de\/disablismus\/?p=207"},"modified":"2022-10-04T20:18:10","modified_gmt":"2022-10-04T20:18:10","slug":"fragen-psychische-behinderung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/simorgh.de\/disablismus\/fragen-psychische-behinderung\/","title":{"rendered":"Fragen, als Anregung zur weiteren Diskussion"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ein imagin\u00e4res Interview mit Euch, wenn Ihr Euch zur Gruppe seelisch-psychisch behinderter Menschen z\u00e4hlt, und zwar zu den Themen: Mad Studies, Diagnosen aufbrechen\/hinterfragen und seelische Selbstverteidigung<\/strong><\/p>\n<p>Hallo!<\/p>\n<p>Ich will kurz unser eigenes (Blog-)Projekt &gt; <a href=\"https:\/\/simorgh.de\/disablismus\/\">https:\/\/simorgh.de\/disablismus\/<\/a> &gt; und unser Anliegen als Fragende\/Interviewende vorstellen, da ich davon ausgehe, dass Leser*innen dieses Interviews (die z.B. \u00fcber eine Google-Suche auf diesen Text sto\u00dfen) unser Projekt garantiert nicht kennen. Wir von \u201aDenkvielfalt, Kognition, W\u00fcrde\u2018 beschreiben uns mit dem Untertitel: \u201aAntidiskriminierung, psychische und kognitive Behinderungen. Eine Herangehensweise im Freistil.\u2018 Wir befassen uns mit diesen Themen auf spontane, intuitive Weise.<\/p>\n<p>Haupts\u00e4chlich sind wir ein tierrechtsethisches Projekt, das sich mit allerhand ethischen Schnittstellen befasst.<\/p>\n<p>Dieser Blog ist dabei eine Seite unseres Projekts, in der wir uns mit eigenen und beobachteten Diskriminierungsefahrungen in Hinsicht auf Behinderung auseinandersetzen. Dabei fokussieren wir auf Themenkomplexe rund um Neurodiversit\u00e4t, Trauma und Behinderungen, die Seele\/Psyche, Kognition und mentale Funktionen betreffen.<\/p>\n<p>Wir fassen diese Themen hier zusammen, weil wir beobachten konnten, dass Menschen, bei denen Abweichungen von Normen bez\u00fcglich \u201eSeele\/Psyche, Kognition und\/oder mentaler Funktionen\u201c im Bezug auf normative Vorstellungen vorliegen, in unserer Gesellschaft auf einer \u00e4hnlichen Grundlage diskriminiert werden: u.z. weil man ihnen eine &#8220;normale&#8221; Intelligenz abspricht und keine Vielfalt im Denkapparat zul\u00e4sst als Norm, und somit auch mehr <em>\u00fcber<\/em> statt <em>mit<\/em> den Menschen selbst spricht, bzw. ihre Stimmen oftmals vom Grundsatz her diskreditiert werden.<\/p>\n<p>Die Auffassungen, die in unserer Gesellschaft immer noch vorherrschen, machen Abweichungen im geistig-mentalen Bereich zu einem Angriffspunkt bei betroffenen Menschen &#8211; gleich ob das Menschen mit vermeintlich &#8220;geistiger Behinderung&#8221; sind (die Kognition betreffend), Menschen mit demenziellen Ver\u00e4nderung (mentale Funktionen betreffend), Menschen, die aufgrund von vor\u00fcbergehenden Erkrankungen und\/oder physiologischen Prozessen (z.B. Delir) mental &#8220;abweichend&#8221; sind und Menschen, die unter seelischen\/psychischen Belastungen leiden.<\/p>\n<p>Obgleich diese Menschen sich in unterschiedlichen Situationen vom Ausgangunkt her befinden, so begegnen sie doch alle dem Ph\u00e4nomen in der Gesellschaft, dass jemand, der im Geiste\/im Denkapparat irgendwie von der &#8220;Norm&#8221; abweicht, als unf\u00e4hig f\u00fcr sich selbst und in seiner eigene Weise zu sprechen, betrachtet wird, und dass man diesen Menschen wenig an eigener Urteilskraft zugesteht.<\/p>\n<p>Mit diesem imagin\u00e4ren Interview m\u00f6chten wir Menschen, die unter psychischen\/seelischen Belastungen leiden oder gelitten haben, Denkanst\u00f6\u00dfe geben, und zeigen, dass uns ihre Standpunkte und ihre Ideen zu den angeschnittenen Themen sehr interessieren w\u00fcrden.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/simorgh.de\/disablismus\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/kangaroo.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-208\" src=\"https:\/\/simorgh.de\/disablismus\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/kangaroo.jpg\" alt=\"\" width=\"1613\" height=\"432\" srcset=\"https:\/\/simorgh.de\/disablismus\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/kangaroo.jpg 1613w, https:\/\/simorgh.de\/disablismus\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/kangaroo-300x80.jpg 300w, https:\/\/simorgh.de\/disablismus\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/kangaroo-768x206.jpg 768w, https:\/\/simorgh.de\/disablismus\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/kangaroo-1024x274.jpg 1024w, https:\/\/simorgh.de\/disablismus\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/kangaroo-1200x321.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 1613px) 100vw, 1613px\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>1. Wo steht Ihr \/ Wo stehst Du?<\/strong><\/p>\n<p>Wir w\u00fcrdet ihr Euren Ansatz beschreiben? Emanzipativ? Habt Ihr den Eindruck, ihr k\u00f6nnt Euch gegen herrschende Vorurteile und Diskriminierung wehren?<\/p>\n<p><b>2. Individuelle Erfahrungen als Mensch mit seelisch-psychischen\u00a0Belastungserfahrungen und die pers\u00f6nliche Umgangsweise damit<\/b><\/p>\n<p><strong>2.1<\/strong> <strong>Diskriminierung<\/strong> erfahren &gt; von wem, wo und wie? K\u00f6nntet Ihr dazu ein anekdotisches beobachtetes oder selbst erlebtes Beispiel eines Diskriminierungsmoments erz\u00e4hlen?<\/p>\n<p><strong>2.2<\/strong> Wurde das Thema \u201eDiskriminierungserfahrungen\u201c jemals von Therapierenden mit-adressiert? Wir selbst bewegen uns viel im englischsprachigen Raum und falls Ihr es noch nicht kennt wollen wir Euch in diesem Zusammenhang auf das <strong>Power Threat Meaning Framework<\/strong> (Macht Bedrohung\/Gef\u00e4hrdung Bedeutung Rahmenwerk, eine kurze Zusammenfassung &gt; <a href=\"https:\/\/simorgh.de\/disablismus\/macht-bedrohung-bedeutung\/\">https:\/\/simorgh.de\/disablismus\/macht-bedrohung-bedeutung\/<\/a> ) der englischen Psychologinnen <strong><a href=\"https:\/\/theconversation.com\/profiles\/mary-boyle-92707\">Mary Boyle<\/a><\/strong> und <strong><a href=\"https:\/\/adisorder4everyone.com\/bio\/lucy-johnstone\/\">Lucy Johnstone<\/a>\u00a0<\/strong>in dem Kontext aufmerksam machen. Das Analyse- und Therapie-Modell geht davon aus, dass normale Diagnosen wie sie zur Zeit vorgenommen werden nach dem \u201ediagnostischen und statistischen Leitfaden psychischer St\u00f6rungen\u201c (DSM), nicht die wirklich erlebten Realit\u00e4ten Betroffener abbilden, und das Modell arbeitet an einem neuem Ansatz der Erkl\u00e4rung und des Umgangs mit psychischen und seelischen Belastungszust\u00e4nden. Z.B. geht Johnstone davon aus, dass wir im Leben immer mit \u201eMachtfaktoren\u201c zu tun haben, die uns traumatisieren k\u00f6nnen, dass wir aber auch selbst \u201eMacht\/Kraft\u201c haben, Dingen etwas selbst entgegenzusetzen &gt; <a href=\"https:\/\/www.bps.org.uk\/member-networks\/division-clinical-psychology\/power-threat-meaning-framework\">https:\/\/www.bps.org.uk\/member-networks\/division-clinical-psychology\/power-threat-meaning-framework<\/a> siehe <a href=\"https:\/\/www.bps.org.uk\/sites\/bps.org.uk\/files\/Policy%20-%20Files\/PTM%20Main.pdf\">https:\/\/www.bps.org.uk\/sites\/bps.org.uk\/files\/Policy%20-%20Files\/PTM%20Main.pdf<\/a>. Der Ansatz dieses Modells bezieht die Traumaerfahrung also in besonderer Weise ein<\/p>\n<p><strong>3 Leben mit und ohne Diagnose<\/strong> \u2013 Johnstone schl\u00e4gt ein \u201aLeben ohne Diagnose\u2018 vor &gt; siehe z.B.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.thriveprogramme.org\/controversy-mental-health-diagnosis\/\">https:\/\/www.thriveprogramme.org\/controversy-mental-health-diagnosis\/<\/a>, da sie die klassischen Krankheitsdefinitionen im Bereich des Psychiatrie\/Psychologe kritisch hinterfragt. Das ist ein recht scharfer Schnitt als theoretischer Ansatz und viele Betroffene psychisch-seelischer Belastungen haben sich inzwischen mit Diagnosen und Krankheitsbildern abgefunden und arbeiten sich oftmals an diesen ab um selbst wieder einen Weg zu selbstdefinitorischer Freiheit zu finden, aber zugleich auch oftmals um Verst\u00e4ndnis zu erhalten und Legitimation zu schaffen f\u00fcr die Erfahrung mit seelisch-\/psychischer Belastung. Die \u00dcberg\u00e4nge zu neuen Herangehensweisen sind nicht so leicht, vor allen Dingen nicht leicht durchsetzbar gegen\u00fcber den konservativen Sichtweisen, die zur Thematik noch vorherrschen. K\u00f6nntet Ihr Euch vorstellen eigene, individuell erlebte psychisch-seelische Probleme\/Belastungserfahrungen nochmal unkonventionell und unter neuen analytischen oder vielleicht auch nach ganz freien Gesichtspunkten zu betrachten? Oder vielleicht tut der\/die eine oder andere ja bereits \u00c4hnliches?<\/p>\n<p><strong>4 Mad Studies \/ VerR\u00fccktheitsforschung<\/strong> \u2013 zu akademisch? Ein Thema in den Mad Studies ist ja die Furcht von der Vereinnahmung durch \u2013 ich nenne es mal: \u201edas alte System\u201c. Die Frage, die wir uns aber stellen, ist die nach der Akademsiertheit der Mad Studies. Wie inklusiv ist das Feld, wenn viele Betroffene durch ein Bildungs- und\/oder Sprachklassismus unsichtbar bleiben. In wieweit habt ihr den Eindruck seid ihr bereits eingebunden in den selbstdefinitorischen Prozess der Mad Studies?<\/p>\n<p><strong>5 Teilhabeerfahrungen<\/strong>. Menschen mit seelisch-psychischen Belastungserfahrungen z\u00e4hlen bei langandauernden Problematiken in der BRD zur Gruppe der \u201aMenschen mit Behinderung\u2018. Wird die seelisch-psychische Behinderung aber in der Praxis nur anerkannt, wenn der\/die Betroffene sich einer gewissen Pathologisierung unterziehen l\u00e4sst qua konventioneller Diagnose- und Therapiemodelle? <em>Wer<\/em>\u00a0, findet Ihr, definiert seelisch-psychische Behinderung in dem Moment, indem jemand als Mensch mit seelisch-psychischer Behinderung anerkannt werden will<\/p>\n<p><strong>6 Empowerment.<\/strong> Kennt Ihr Menschen, die Angebote wie die zum Beispiel des ISL e.V. (Interessensvertretung selbstbestimmt Leben in Deutschland e.V.) <a href=\"https:\/\/www.isl-ev.de\/index.php\/aktuelles\/projekte\/empowerment-schulung\">https:\/\/www.isl-ev.de\/index.php\/aktuelles\/projekte\/empowerment-schulung<\/a>; siehe auch Berichte auf <a href=\"http:\/\/www.handbuch-empowerment.de\/\">http:\/\/www.handbuch-empowerment.de\/<\/a> ) zur St\u00e4rkung des Empowerment-Ansatzes wahrgenommen haben? Wir haben den Eindruck, dass solche wichtigen Angebote unter Menschen mit psychisch-seelischen Behinderungen noch zu selten wahrgenommen werden. Was ist Euer Eindruck?<\/p>\n<p><strong>6.1 Alltagspraxis Empowerment.<\/strong> Wir sind alle Menschen mit individuellen Interessen und individuellen Lebensabl\u00e4ufen. Jede*r kann seine eigenen Wirkungs- und Interessensbereiche mit Aspekten eines Empowerments kombinieren. Welche Funktionen eines Empowerment kann man eher auf der gemeinschaftlichen Ebene realisieren und welche Handlungen, zur F\u00f6rderung des eigenen sowie des Empowerments anderer, kann man eher auf pers\u00f6nliche, individuelle Weise umsetzen? Ich kann mir vorstellen, dass man nicht alles, das auf pers\u00f6nlicher Ebene im Leben stattfindet, in den Rahmen eines gr\u00f6\u00dferen gemeinschaftlichen Rahmens einbringen kann und andersherum, doch beides greift ineinander. Gerade allt\u00e4gliche seelische Belastungen versucht man in der Regel h\u00e4ufig auf der zwischenmenschlichen Kleinstebene zu l\u00f6sen. Man merkt aber, dass man die Thematik seelisch-psychischer Behinderung auch als Thema in die Gemeinschaft mit hineintragen und diskutieren muss.<\/p>\n<p><strong>7 Kreativit\u00e4t &gt;<\/strong> ist mit Sicherheit ein Weg um in freier, assoziativer und in f\u00fcr jede*n zug\u00e4nglicher Weise mit Themenkomplexen rund um seelisch-psychische Belastungserfahrungen und damit verbundenen gesellschaftlich- und sozial-beeinflussten Problematiken umzugehen. Habt Ihr den Eindruck, dass im Bereich von Kunst und Kultur Themen, die seelisch-physisch behinderte Menschen anbetreffen, ausreichend repr\u00e4sentiert sind?<\/p>\n<p><strong>7.1 Kreativit\u00e4t<\/strong> ist ein Weg des pers\u00f6nlichen Ausdrucks, den viele Betroffene f\u00fcr sich selbst als Katalysator erproben und auch teilweise dauerhaft in der Kommunikation eigener Erfahrungen und Gedanken anwenden. Auch die Kunsttherapie spielt eine wichtige Rolle auf der Suche nach Werkzeugen der Selbsterm\u00e4chtigung f\u00fcr Betroffene. Kennt Ihr jedoch K\u00fcnstler*innen, Schriftsteller*innen und\/oder andere Kulturschaffende, die eigene Erfahrungen seelisch-psychischer Belastungen und oder Behinderung in ihren Arbeiten offen thematisieren und damit auch gleichzeitig \u00f6ffentlich wahrgenommen werden? Muss man ein \u201eGenie\u201c sein oder \u00f6ffentliche Anerkennung finden oder gefunden haben um geh\u00f6rt zu werden, und wenn nicht, wird die Kunst von Menschen mit seelisch-psychischer Behinderung sonst nur Ausdruck durch-andere-pathologisierbarer Erfahrungen verstanden?<\/p>\n<p><strong>8. Was sind Themen und Ideen, die Euch noch einfallen? K\u00f6nnt Ihr diese Themen mit Freund*innen und dar\u00fcber hinaus diskutieren?<\/strong><\/p>\n<p>Danke, dass wir Euch diese Fragen stellen d\u00fcrfen.<\/p>\n<p><strong>Lesetipp\/s:<\/strong><\/p>\n<p>Deutschsprachig<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/akademie-der-unvernunft.org\/\">Akademie der Unvernunft. Ein Projekt von Eliah L\u00fcthi<\/a><\/p>\n<p><em>m\u00fcsste noch nach weiteren Links schauen &#8230;<\/em><\/p>\n<p>Englisch<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.tandfonline.com\/doi\/full\/10.1080\/09687599.2019.1619236\">Ekaterina Netchitailov: The mystery of madness through art and Mad Studies<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.madinamerica.com\/2019\/09\/disciplines-dissent-antipsychiatry-within-academy\/\">Efrat Gold: Disciplines of Dissent: On Antipsychiatry Within the Academy<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.academia.edu\/8275221\/Sanism_and_the_Mad_Studies_Project\">Brenda LeFran\u00e7ois: Sanism and the Mad Studies Project<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.radicalabolitionist.org\/radical-abolitionist\/2019\/2\/15\/26-ways-to-make-the-world-less-hostile-to-mad-neurodivergent-and-psychiatrically-disabled-people\">28 Ways to Make the World Less Hostile to Mad, Neurodivergent, and Psychiatrically Disabled People<\/a><\/p>\n<p>Geschichtlich interessant: <a href=\"https:\/\/blogs.bl.uk\/digitisedmanuscripts\/2016\/09\/disability-and-illnesses-in-medieval-manuscripts.html\">British Library: Representations of Disabilities and Illnesses in Medieval Manuscript<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein imagin\u00e4res Interview mit Euch, wenn Ihr Euch zur Gruppe seelisch-psychisch behinderter Menschen z\u00e4hlt, und zwar zu den Themen: Mad Studies, Diagnosen aufbrechen\/hinterfragen und seelische Selbstverteidigung Hallo! 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