Ein imaginäres Interview mit Euch/Dir, wenn Du Dich zur Gruppe seelisch-psychisch behinderter Menschen zählst, und zwar zu den Themen: Mad Studies, Diagnosen aufbrechen/hinterfragen und seelische Selbstverteidigung

Hallo!

Ich will kurz unser eigenes (Blog-)Projekt > https://simorgh.de/disablismus/ > und unser Anliegen als Fragende/Interviewende vorstellen, da ich davon ausgehe, dass Leser*innen dieses Interviews (die z.B. über eine Google-Suche auf diesen Text stoßen) unser Projekt garantiert nicht kennen. Wir von ‚Denkvielfalt, Kognition, Würde‘ beschreiben uns mit dem Untertitel: ‚Antidiskriminierung, psychische und kognitive Behinderungen. Eine Herangehensweise im Freistil.‘ Wir befassen uns mit diesen Themen auf spontane, intuitive Weise. Hauptsächlich sind wir ein Tierrechtsprojekt, aber dieser Blog ist die Seite unseres Projekts, in der wir uns mit eigenen Diskriminierungsefahrungen in Hinsicht auf Behinderung auseinandersetzen. Wir haben dabei drei große Themenkomplexe rund um Krankheiten, Probleme und Behinderungen an Seele/Psyche, Kognition und mentalen Funktionen aus einem Grunde hier zusammengefasst, und zwar weil wir immer wieder beobachten, dass Menschen, bei denen irgendwelche Abweichungen von Normen bezüglich „Seele/Psyche, Kognition und/oder mentaler Funktionen“ im Bezug auf normative Vorstellungen diesbezüglich vorliegen, in unserer Gesellschaft auf ähnlicher Grundlage diskriminiert werden: weil man ihnen eine “normale” Intelligenz abspricht, keine Vielfalt im Denkapparat zulässt als Norm und somit auch mehr über statt mit den Menschen selbst zu sprechen, bzw. ihren Stimmen auch oftmals vom Grundsatz diskreditiert. Die Auffassungen, die in unserer Gesellschaft immer noch vorherrschen, machen Abweichungen im geistig-mentalen Bereich zu einem Angriffspunkt bei betroffenen Menschen, gleich ob das Menschen mit vermeintlich “geistiger Behinderung” sind (Kognition), Menschen mit demenziellen Veränderung (mentale Funktionen), Menschen, die aufgrund von vorübergehenden Erkrankungen und/oder physiologischen Prozessen (z.B. Delir) mental “abweichend” sind und Menschen, die unter seelischen/psychischen Belastungen leiden. Obgleich diese Menschen sich in unterschiedlichen Situationen vom Ausgangunkt her befinden, so begegnen sie doch alle dem Phänomen in der Gesellschaft, dass jemand, der im Geiste/im Denkapparat irgendwie von der “Norm” abweicht, als unfähig für sich selbst und in seiner eigene Weise zu sprechen, betrachtet wird, und dass man diesen Menschen wenig an eigener Urteilskraft zuschreibt.

Mit diesem imaginären Interview möchten wir in einen gedachten Austausch treten mit Menschen, die unter psychischen/seelischen Belastungen leiden oder gelitten haben, und zeigen, dass uns ihre Meinung und ihre Ideen zu einigen Themen brennend interessieren würden.

1. Wo steht Ihr / Wo stehst Du?

Wir würdet ihr Euren Ansatz beschreiben? Emanzipativ? Habt Ihr den Eindruck, ihr könnt Euch gegen herrschende Vorurteile und Diskriminierung wehren?

2. Individuelle Erfahrungen als Mensch mit seelisch-psychischen Belastungserfahrungen und die persönliche Umgangsweise damit

2.1 Diskriminierung erfahren > von wem, wo und wie? Könntet Ihr dazu ein anekdotisches beobachtetes oder selbst erlebtes Beispiel eines Diskriminierungsmoments erzählen?

2.2 Wurde das Thema „Diskriminierungserfahrungen“ jemals von Therapierenden mit-adressiert? Wir selbst bewegen uns viel im englischsprachigen Raum und falls Ihr es noch nicht kennt wollen wir Euch in diesem Zusammenhang auf das Power Threat Meaning Framework (Macht Bedrohung/Gefährdung Bedeutung Rahmenwerk) von der englischen Psychologin Lucy Johnstone in dem Kontext aufmerksam machen. Das Analyse- und Therapie-Modell geht davon aus, dass normale Diagnosen wie sie zur Zeit vorgenommen werden nach dem „diagnostischen und statistischen Leitfaden psychischer Störungen“ (DSM), nicht die wirklich erlebten Realitäten Betroffener abbilden, und das Modell arbeitet an einem neuem Ansatz der Erklärung und des Umgangs mit psychischen und seelischen Belastungszuständen. Z.B. geht Johnstone davon aus, dass wir im Leben immer mit „Machtfaktoren“ zu tun haben, die uns traumatisieren können, dass wir aber auch selbst „Macht/Kraft“ haben, Dingen etwas selbst entgegenzusetzen > siehe https://www.bps.org.uk/sites/bps.org.uk/files/Policy%20-%20Files/PTM%20Main.pdf. Der Ansatz dieses Modells bezieht die Traumaerfahrung also in besonderer Weise ein

3 Leben mit und ohne Diagnose – Johnstone schlägt ein ‚Leben ohne Diagnose‘ vor > siehe z.B. https://www.thriveprogramme.org/controversy-mental-health-diagnosis/, da sie die klassischen Krankheitsdefinitionen im Bereich des Psychiatrie/Psychologe kritisch hinterfragt. Das ist ein recht scharfer Schnitt als theoretischer Ansatz und viele Betroffene psychisch-seelischer Belastungen haben sich inzwischen mit Diagnosen und Krankheitsbildern abgefunden und arbeiten sich oftmals an diesen ab um selbst wieder einen Weg zu selbstdefinitorischer Freiheit zu finden, aber zugleich auch oftmals um Verständnis zu erhalten und Legitimation zu schaffen für die Erfahrung mit seelisch-/psychischer Belastung. Die Übergänge zu neuen Herangehensweisen sind nicht so leicht, vor allen Dingen nicht leicht durchsetzbar gegenüber den konservativen Sichtweisen, die zur Thematik noch vorherrschen. Könntet Ihr Euch vorstellen eigene, individuell erlebte psychisch-seelische Probleme/Belastungserfahrungen nochmal unkonventionell und unter neuen analytischen oder vielleicht auch nach ganz freien Gesichtspunkten zu betrachten? Oder vielleicht tut der/die eine oder andere ja bereits Ähnliches?

4 Mad Studies / VerRücktheitsforschung – zu akademisch? Ein Thema in den Mad Studies ist ja die Furcht von der Vereinnahmung durch – ich nenne es mal: „das alte System“. Die Frage, die wir uns aber stellen, ist die nach der Akademsiertheit der Mad Studies. Wie inklusiv ist das Feld, wenn viele Betroffene durch ein Bildungs- und/oder Sprachklassismus unsichtbar bleiben. In wieweit habt ihr den Eindruck seid ihr bereits eingebunden in den selbstdefinitorischen Prozess der Mad Studies?

5 Teilhabeerfahrungen. Menschen mit seelisch-psychischen Belastungserfahrungen zählen bei langandauernden Problematiken in der BRD zur Gruppe der ‚Menschen mit Behinderung‘. Wird die seelisch-psychische Behinderung aber in der Praxis nur anerkannt, wenn der/die Betroffene sich einer gewissen Pathologisierung unterziehen lässt qua konventioneller Diagnose- und Therapiemodelle? Wer , findet Ihr, definiert seelisch-psychische Behinderung in dem Moment, indem jemand als Mensch mit seelisch-psychischer Behinderung anerkannt werden will

6 Empowerment. Kennt Ihr Menschen, die Angebote wie die zum Beispiel des ISL e.V. (Interessensvertretung selbstbestimmt Leben in Deutschland e.V.) https://www.isl-ev.de/index.php/aktuelles/projekte/empowerment-schulung; siehe auch Berichte auf http://www.handbuch-empowerment.de/ ) zur Stärkung des Empowerment-Ansatzes wahrgenommen haben? Wir haben den Eindruck, dass solche wichtigen Angebote unter Menschen mit psychisch-seelischen Behinderungen noch zu selten wahrgenommen werden. Was ist Euer Eindruck?

6.1 Alltagspraxis Empowerment. Wir sind alle Menschen mit individuellen Interessen und individuellen Lebensabläufen. Jede*r kann seine eigenen Wirkungs- und Interessensbereiche mit Aspekten eines Empowerments kombinieren. Welche Funktionen eines Empowerment kann man eher auf der gemeinschaftlichen Ebene realisieren und welche Handlungen, zur Förderung des eigenen sowie des Empowerments anderer, kann man eher auf persönliche, individuelle Weise umsetzen? Ich kann mir vorstellen, dass man nicht alles, das auf persönlicher Ebene im Leben stattfindet, in den Rahmen eines größeren gemeinschaftlichen Rahmens einbringen kann und andersherum, doch beides greift ineinander. Gerade alltägliche seelische Belastungen versucht man in der Regel häufig auf der zwischenmenschlichen Kleinstebene zu lösen. Man merkt aber, dass man die Thematik seelisch-psychischer Behinderung auch als Thema in die Gemeinschaft mit hineintragen und diskutieren muss.

7 Kreativität > ist mit Sicherheit ein Weg um in freier, assoziativer und in für jede*n zugänglicher Weise mit Themenkomplexen rund um seelisch-psychische Belastungserfahrungen und damit verbundenen gesellschaftlich- und sozial-beeinflussten Problematiken umzugehen. Habt Ihr den Eindruck, dass im Bereich von Kunst und Kultur Themen, die seelisch-physisch behinderte Menschen anbetreffen, ausreichend repräsentiert sind?

7.1 Kreativität ist ein Weg des persönlichen Ausdrucks, den viele Betroffene für sich selbst als Katalysator erproben und auch teilweise dauerhaft in der Kommunikation eigener Erfahrungen und Gedanken anwenden. Auch die Kunsttherapie spielt eine wichtige Rolle auf der Suche nach Werkzeugen der Selbstermächtigung für Betroffene. Kennt Ihr jedoch Künstler*innen, Schriftsteller*innen und/oder andere Kulturschaffende, die eigene Erfahrungen seelisch-psychischer Belastungen und oder Behinderung in ihren Arbeiten offen thematisieren und damit auch gleichzeitig öffentlich wahrgenommen werden? Muss man ein „Genie“ sein oder öffentliche Anerkennung finden oder gefunden haben um gehört zu werden, und wenn nicht, wird die Kunst von Menschen mit seelisch-psychischer Behinderung sonst nur Ausdruck durch-andere-pathologisierbarer Erfahrungen verstanden?

8. Was sind Themen und Ideen, die Euch noch einfallen? Könnt Ihr diese Themen mit Freund*innen und darüber hinaus diskutieren?

Danke, dass wir Euch diese Fragen stellen dürfen.

Lesetipp/s:

Deutschsprachig

Akademie der Unvernunft. Ein Projekt von Eliah Lüthi

müsste noch nach weiteren Links schauen …

Englisch

Ekaterina Netchitailov: The mystery of madness through art and Mad Studies

Efrat Gold: Disciplines of Dissent: On Antipsychiatry Within the Academy

Brenda LeFrançois: Sanism and the Mad Studies Project

28 Ways to Make the World Less Hostile to Mad, Neurodivergent, and Psychiatrically Disabled People

Geschichtlich interessant: British Library: Representations of Disabilities and Illnesses in Medieval Manuscript

 

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *