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Demenz als Behinderung III: Kognitivableismus und Demenz

Entwurf 10.08.2025

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Man sollte sich im Kontext mit dem Thema > Demenz als Behinderung, stets auch die kommunikativen Ansätze anschauen. Es macht Sinn, sich in voller Ernsthaftigkeit (und das ist besonders wichtig) auf vielleicht vollkommen phantastische Ebenen, die Menschen mit einer demenziellen Veränderung zu Ausdruck bringen können, einzulassen. Die Frage wäre adressieren, was daran „schädlich“ oder von Nachteil für Betroffene sein könnte, wenn ein Gegenüber, gerade in dessen Rolle als ein Gesprächspartner, sich auf exakte Veränderungen einlässt und deren Ausdruck wichtig nimmt. Durch das ernst gemeinte Einlassen können möglicherweise kommunikative Zugänge entwickelt werden, die Isolationserfahrungen bei Betroffenen entgegenwirken können.

Demenz kann keine Leerstelle in Sachen Wirklichkeitserfahrung sein

Wechselseitigkeitsverhältnisse zwischen „Erkenntnis“, „Bedeutsamkeit“ und „Beziehung“ beachten

 Demenz gilt in den, in der Gesellschaft vorherrschenden Vorstellungen über die Erkrankung, als ein den Geist umfassenden fortschreitenden Verlust von Sprache, Orientierung und Teilen der Identität, wegen der einhergehenden kognitiven Einbußen. Dieses Narrativ ist aber nicht wirklich neutral und vor allem ist es defizitär-informiert. Ein normatives Weltbildes kommt dabei zum Ausdruck, das kognitive Funktionen in einem besonderen Punkt (beabsichtigt oder unbeabsichtigt) über die menschliche Würde stellt. Menschen mit Demenz werden in dieser Sichtweise an Kriterien gemessen, die eine von-Krankheit-unabhängige-Integrität entwerten, da hier ausgeblendet wird, dass auch jenseits kognitiver Normen – auch wenn eine kognitive Veränderung krankheitsbedingt ist und mit einem gewissen Leid und Leiderfahrungen einhergeht – Welt erfahrbar ist und mitgeteilt wird. Sprache, Orientierung und Identität behalten ihre Relevanz und sollten aus kognitivableismus-kritischer Sicht thematisiert werden und zum Achtsamkeitsmittelpunkt werden, wenn man die Interessen von Betroffenen zu unterstützen sucht.

Menschen mit Demenz leben nicht „im Nebel“, bei dem einfach und ausschließlich eine vormalige Normalität verloren geht. Auch mit einer demenziellen Veränderung ist ein Betroffener ganz da, auf seine Weise. Auch mit der demenziellen Veränderung wird gedacht und artikuliert, und wenn Formen des Ausdrucks nicht in „unsere“ Logik passen, dann gestattet uns das dennoch nicht, schlussfolgernde Mutmaßungen über den geistigen Zustand eines Menschen als Ganzes anzustellen.

Und, was die Ebene des Sich-Einbringens und sozialer Interaktionen anbetrifft, sind Betroffene nicht irgendwelche „verlorenen Biografien“, sondern gegenwärtige Mit-Wirkende an- und in der Welt. Auch jetzt, auch so, wie sie im Zustand einer Erkrankung und jeglicher neuronalen Veränderung sind.

Ihre Aussagen, ihre Bilder, ihre vielleicht fragmentierten Sätze, ihr Rhythmus: Das alles ist nicht bloß Ausdruck von Verwirrung, sondern beinhaltet Erkenntnis, Versuche, mit der eigenen Situation zurechtzukommen, und aber immer auch Denken im allgemeinen. Es gibt keinen Denkprozess, der nicht ein allgemeingültiger Denkprozess ist und der Teil des geistigen Lebens eines Menschen ist. Ein Denken, das beeinflusst ist durch eine, das-Kognitive-betreffende maßgebliche Veränderung (Behinderung, Krankheit, Trauma … ), hört nicht auf Denken zu sein.

Und hierbei bemerkt: Eben diese Haltung ist der zentrale Punkt, dem wir beim Kognitivableismus immer wieder, wenn auch in unterschiedlichen Formen, mit unterschiedlichen Bezugspunkten, begegnen. Das Denken wird in einer Art und Weise definiert, die Denken auf Funktionen reduziert, und dem Konzept von „Geist“ im wesentlichen widerspricht. In dem Augenblick, in dem ich einem Menschen somit sein „funktionales Denken“ unter ableistischen Vorgaben abspreche, postuliere ich auch die Existenz eines nicht ganz oder nicht richtig funktionierenden Geistes. Ist der Mensch krank oder behindert, kann es in solch einem Weltbild sein, dass ein Mensch auch als im Geist „vermindert“ eingestuft wird. Wie wir an anderer Stelle erklären […] ist die Vorstellung, sowie der Begriff, einer das Geistige anbetreffenden Einstufung als ‚gesund‘ oder ‚krank‘, ‚voll da‘ oder ‚beeinträchtigt‘, aber nicht logisch nachvollziehbar, sondern ein Relikt aus ‚noch weitaus stärker‘ sozialdarwinistisch geprägten Zeiten, um nicht noch weiter zurückzugehen in der Problematik ableistischer Fehleinstufungen.

Vielleicht liegt bei einem von demenziellen Veränderungen Betroffenen kein stets „für jedermann“ nachvollziehbar lineares und somit „normales“ Denken vor, aber im Mindesten ein existentielles. Und die Kommunikationsebene, welche Stimmungen und Eindrücke zu vermitteln versucht, über die Mitte dessen, die sich einem (gemeinsam) darbietet und die bleibt, sollte ergriffen werden, ernst genommen werden, und hier kann geschaut werden, wie auch ein tieferes oder besseres Verständnis für die Inhalte des Betroffenen ausgebaut werden können, die ihn zu einem jeweiligen Zeitpunkt beschäftigen können.

Der von einer demenziellen Veränderung Betroffene wird immer versuchen zu vermitteln, was ihn oder sie beschäftigt, und es ist wichtig dem Menschen mit der vollen Anerkennung gegenüberzutreten, ohne ihn wegen der Erkrankung auf der geistigen Ebene und der Ebene von Sinn und Sinnhaftigkeit (überhaupt) zu entwerten. Tun wir dies, brechen wir alle Brücken zu einem Menschen ab, der sich in einer kognitiv hilflosen Situation befindet, was das „Funktionieren“ in der Normalgesellschaft anbetrifft.

„Demenz“ ist nicht das Gegenteil von „Bedeutung“ – weder  ist ‚Demenz zu haben‘ gleichzusetzen mit Bedeutungslosigkeit der Erfahrung, noch sind Menschen, die eine Demenz attestiert bekommen haben und Symptome aufweisen, nun plötzlich in irgendeiner bestimmten, den Menschen reduzierenden Weise zu betrachten.

„Demenz“ ist nicht das Gegenteil von „Bedeutung“, im Sinne dessen, dass wer „Demenz hat“ einfach von Sinnen ist und auch so zu adressieren und überhaupt wahrzunehmen ist. Unser Umgang mit der Erkrankung, drückt selbst – in der Klassifikation und im Sozialen – viel von unseren gesellschaftlich üblichen Umgehensweisen mit Dingen wie: Sinn im Zusammenhang mit Vergänglichkeit, Zugehörigkeit und Beziehung aus. Erodieren diese, und scheinen diese nicht mehr und nur schwerlich oder verzerrt möglich zu sein, im Vergleich zu unserer Norm, reagieren wird schnell mir tiefer Unsicherheit, Schwierigkeiten der Zuordnung und letztendlich mit einem Missverstehen gegenüber einer unbekannten Variable und Situation.

Wer Menschen mit Demenz ausschließlich als Pflegefälle oder vage „verloren“ betrachtet, verweigert ihnen das Recht auf (die Bedeutungsfülle von) Subjektivität, als Menschen, die von einer Form der kognitiven Behinderung betroffen sind. Und damit einhergehend wird den Betroffenen auch ein ganz grundsätzlicher ‚Wahrheitsanspruch‘ entzogen. Wir meinen, dass wir über diese Menschen alles Relevante wüssten, dass es nichts von profunder Bedeutung geben kann für diese Welt und alle Menschen, was dieser Mensch nun noch denkt und tut, in der Welt.

Was wir dringend anerkennen müssen in Hinblick auf Menschen, die von demenziellen Veränderung betroffen sind oder als solche diagnostiziert sind, und was folglich deren Rechte als Menschen mit Behinderung anbetrifft, ist – und hier muss gerade der Umgang mit älteren Menschen in der Gesellschaft einer kritischen Überprüfung unterzogenen werden von Seiten des Behindertenrechts im Punkte > Kognitivableismus und Demenz, ist:

In einer neurodiversen Welt gibt es nicht die eine Form von Wirklichkeit. Es gibt viele. Auch in der Demenz. Erlebte Wirklichkeiten müssen nicht für jeden gleich aussehen, und dennoch finden wir Mitten.

Vielleicht ist das Entscheidende nicht, Menschen mit Demenz „zurückzuholen“, sondern ihnen zu folgen. Nicht um sie zu „retten“, sondern um mit ihnen gemeinsam neue, wenn auch punktuelle Mitten zu entdecken – Orte individueller, authentischer Begegnung, der Kommunikation, des Seins.

Nicht: Wie bringe vermittle ich Dir (offen oder subtil) Abseitigkeit? Sondern: Wie kann ich mit bei Deinen Themen sein, was beschäftigt Dich und was kann ich, von meiner Seite her, mit Dir teilen, so dass wir eine Mitte finden, die Austausch bedeuten kann.

Wer zuhört und eingeht, beginnt empathisch zu verstehen: Demenz ist kein Ende von menschlich-subjektiver Erfahrung, sondern eine vielleicht veränderte und andere Weise, diese zu zeigen. Das sollte völlig selbstverständlich sein für jeden, aber dennoch haben wir es in der Gesellschaft immer wieder mit einem kognitivableistischen Set an Vorstellungen und Beurteilungen darüber zu tun, was in welcher Form als bedeutungsvoller und als ‚unsinniger‘ aufgefasst und zugeordnet wird. Auf kognitive Divergenz wird sich allgemeinhin immer noch wenig eingelassen – so ist immer wieder zu beobachten.

Weiter in dem Gedankenstrang:

Demenz ist nicht „das Ende“ – sondern eine andere Mitte

Ein Gedankenabriss über Wirklichkeit, Erkenntnis und das Recht auf phantastisches Sein von Läns Lensel:

Er spricht aufs Geratewohl über Dinge, die hier nicht „normal“ scheinen. Die einen würden sagen oder denken: das ist die Alterssenilität. Ich denke: das ist spannend. Vor allen heißt hier nichts, dass hier irgendjemand verloren zu sein hat. Oder will das jemand?
Ich denke mir: Es wäre für jeden gut, dorthin zu hören, was passiert, wenn jemand aus einem alten Normal tritt.

Demenz gilt gemeinhin als Verlust von Gedächtnis, Orientierung, Sprache, Persönlichkeit. So erzählt es die Medizin, so spiegeln es Pflegestrukturen, so sehen es die meisten, so fürchten es viele. Doch diese Erzählung ist eine des Mangels und eben nicht die des nackten, bloßen Seins. Menschen mit Demenz werden an einer Vorstellung von Normalität gemessen, in der nicht hinterfragt, sondern vorausgesetzt wird.

Was, wenn wir umdenken würden und Demenz nicht als Verschwinden begreifen, sondern als Veränderung. Nicht als Wegfallen von Sinn, sondern als nötige Entfaltung eines anderen Sinns, angesichts einer Veränderung eines körperlichen Zustanden, einer Erkrankung. Vor allem, was ist, wenn eine andere Wirklichkeit sich im Rahmen aller Wirklichkeiten bewegt und nicht einfach auf allen Ebenen bloß Quatsch ist?

In der Perspektive der Neurodiversität wird verstanden: Menschen nehmen wahr, erinnern, denken und sprechen verschieden. Nicht besser, nicht schlechter – anders. Diese Vielfalt ist kein Fehler, sie verschwindet auch nicht wenn medizinisch pathologische Prozesse stattfinden – die Vielfalt, Plastizität und Beweglichkeit des fühlbar Geistigen ist immer Teil eines eigentlichen Daseins und endet nicht einfach mit einer Diagnose.

Menschen mit Demenz sind nicht irgendwie „weg“ aus allem. Sie sind anwesend – nur auf eine Weise, die das Umfeld oftmals nicht mit den typischen Alltagsschablonen verstehen können will oder kann.

Betroffene sprechen vielleicht in Fragmenten, in Bildern, in scheinbaren Schleifen und Repetitionen. Vielleicht leben sie auch in einer Zeit, die sich irgendwie verschiebt oder verschoben anfühlt, anders ausrichten kann, nicht nur linear ist, die sich nicht mehr anpassen mag, sondern vielmehr fließen will. Aber auch das ist erlebte Zeit. Auch jede Verschiebung wäre einfach Welt und Sein.

Auch im Falle von Demenz als Behinderung gilt: Nicht einfach defizitär betrachten.

Die übliche Reaktion ist der Vergleich mit dem „Normalen“, auch wenn bewusst kein Rückholen, Re-orientieren, Beruhigen stattfindet, aber man lässt sich anmerken, dass man dem Betroffenen nicht unbedingt folgen möchte in irgendetwas Absurde und ‚pathologisch Begründete‘. Man spekuliert, dass das eine irreale, absurde Erlebniswelt sein muss und ist oder ein Rückfall in einen eingebrannten Infantilismus, als sowas wie ein Urzustand. Als wäre das, was „des Menschen Sein“ ist?

Wenn wir verstehen, dass es nicht darum gehen muss, Menschen mit Demenz in eine ihnen verordnete Ordnung zu bringen oder sie auf die eine oder andere Weise in eine Ecke zu packen, in der Form, wie wir ihnen helfend begegnen möchten, als die Ecke, in der ihr Zustand erklärbar wird – dann sollten wir doch auch mal die Möglichkeit in Betracht ziehen können, dass wir mit Betroffenen gemeinsam neue Mittelpunkte entdecken können, bei denen auch sie aktiv mit ihren Fähigkeiten in ihrer Erkrankung weiter mitwirken, ohne nervigen Auftrag, und unter der Annahme, dass ein Mensch, ein Wesen, nicht einfach defizitär zu betrachten ist.

Erkenntnis ist erstaunlicherweise eben nicht zwingendermaßen normabhängig

Was oft übersehen wird: Menschen mit Demenz sind nicht bloß Empfänger von Fürsorge, sie sind auch Erkennende, Wahrnehmende, Agierende. Nicht „trotz“ ihrer Veränderung – sondern oft selbst in der Veränderung selbst, durch sie hindurch, mit ihr, durch jeweilige individuelle Erfahrungsspektren.

In Worten, Bildern, Verbindungen liegt auch hier die Besonderheit individuell gefasster Wahrheit, eigene Perspektive auf Wahrheiten. Ein Mensch verliert nicht sein eigenes Wahrsein und seine Bezüge zu Wahrheiten, allein weil er neurodivergent ist, in dem Fall aufgrund einer Erkrankung, die sich auf die Kognition verändernd auswirkt.
Menschen können mit Sicherheit aber in ihrem Wahrheitsbezug und in ihrem Ausdruck tief verunsichert sein, und daher kann ihr Standpunkt unklar und tastend wirken – aber er ist spürbar und erkennbar.

Es geht uns hier auch nicht darum, dass irgendeine Wahrheitserfahrung „tief/er“ oder „fundamental“ zu sein hätte, angesichts einer im Krankheitsfall durchlebten existentiellen Krise, sondern es geht uns hier einfach darum, dass Dinge, Zustände, Erkenntnisse anders wirklich sein können, in der Hinsicht auf das Abweichende von einem Festgelegten normativen.

Vielleicht nehmen Menschen mit einer demenziellen Veränderung teils Dinge wahr, die uns aus vielen logischen Gründen entgehen. Vielleicht berühren sie inhaltlich etwas, das wir mit unseren geschlossenen Systemen nicht unbedingt wahrnehmen, etwas was von individueller Bedeutung sein kann und sich nicht jedem zu jeder Zeit erschließen muss, was aber für den Betroffenen unmittelbar wichtig ist. Erkenntnis geschieht nicht nur in intentionierten, geordneten, kontrollierten Vorgängen, die auch immer komplett vermittelbar sein müssen  – sondern auch im Phantasievollen, im Musischen, im Laut, im Blick und im scheinbar Wirren.

Wenn wir das nicht in einer vollen Tragweiten mit anerkennen wollen, entziehen wir Menschen mit kognitiven und neuronalen Veränderung potenziell auch eher deren epistemisches Recht etwas Eigenes und Wesentliches beizutragen und das Recht, Bedeutung zu haben für sich und für uns alle in einer handfesten, realen Weise, die sich in keinem Abseits befindet.

Merke: Man kann im Rahmen der Behindertenrechte keine „Sonderräume“ schaffen, in denen man reflexartig festlegen möchte, dass hier auf irgendeiner Grundlage gewissen Grundrechte, die Eigenschaften von Menschen betreffen, weniger relevant zu sein hätten.

Mehr als Biografien

Wir versuchen oft, Menschen mit Demenz über ihre Vergangenheit zu verstehen: „Früher war er/sie – er/sie war immer … .“ Doch was, wenn das Jetzt zählt? Menschen sind nicht bloß die Summe ihrer Erinnerungen, keine Container ihrer Biografie, sondern schöpferische stets Mit-Wirkende an „Welt“. Auch in einer Demenz. Auch wenn Sprache sich verändert. Auch wenn Zeitnormen anders gelebt werden, ehemalige Tätigkeiten nicht mehr ausgeführt werden können. Auch dann gibt es Ausdruck, Beziehung, Sinnstiftung. Nicht als Simulation – sondern als echtes, gegenwärtiges Sein. Demenz ist kein Rückzug ins Leere. Sie ist eine andere Weise, Welt zu gestalten – und das tut ein Betroffener auch unter durch Erkrankung hervorgerufene kognitive Veränderungen.

Phantastische Kommunikation mitgehen

Wenn wir uns auf eine in der Richtung veränderte Ebene eines Menschen einlassen, dann beginnt auch eine soziale Aufgabe, die in die Kontexte von Betroffenen eingreift. Eine sensible Ethik wird notwendig, den häufig schroffen bis distanziert scheinempathischen Arten von Reaktionen entgegenzutreten, denen Menschen mit Demenz häufig immernoch ausgesetzt sind, wegen vieler Shortcomings in unserer Gesellschaft in der Art, wie Demenz in Theorie (Kognitivableismus, fehlende Anerkennung von Demenz als Behinderung) und Praxis (qualitative Unterschiede bei angewandten Modelle, Lücken in sozialen Realitäten) begegnet wird.

Helfen kann:

Betroffenen nicht kontrollierend mit einer Haltung der Abwertung und Pathologisierung zu begegnen, sondern mit einer ernstgemeinten Resonanz, die auch eine Tragweite berücksichtigt, in der Interaktionsebenen Relevanz besitzen und nicht nur Stereotypien seitens der Begleitpersonen voraussetzen und fordern.

Akzeptanz zu vermitteln, Teilhabe zu fördern, ohne auf Anpassung zu drängen, sondern „Mitgehen“ – auch im Glauben daran, dass zu zeigen, dass man den anderen ernst nimmt, und nicht einfach den Definitionen eines pathologischen Bildes unterordnet, kommunikationstechnisch Sinn machen kann.

Das Verstehen wollen nicht einem Raster unterordnen, sondern Räume grundsätzlich auch offen zu lassen.

Hinhören – auch ins Offene.

Das wäre Care, nicht als Dienstleistung, sondern als bürgerschaftliche mitmenschliche Beziehung. Das wäre Anerkennung, und das eben nicht zum Preis von erst-durch-die-Gesellschaft-abgenickten üblichen „Werten“, ab denen jemand etwas gilt, das jenseits von ableistischen Stigmatisierungen liegt, denen Menschen begegnen, die von dem noch wenig erörterten Kognitivableismus betroffen sind.

Es gilt hier eine Anerkennung zu schaffen, die immer und ohne Kompromisse zu hundert Prozent existenziell zum Tragen kommt, was Gerechtigkeit bedeutet auch auf einer „Wissensebene“, nicht nur gefühlt.

Wer mit Menschen mit Demenz spricht, spricht nicht ins Nichts. Er spricht mit einer Gegenwart, die wir erst zu entdecken und in anderer Form ernst zu nehmen lernen, als dies bis in die Gegenwart hinein noch geschieht.

Demenz als Teil von Welt – und nicht am Rand des Menschseins

Die Gesellschaft behandelt Demenz oft wie einen Grenzzustand. Ein Davor und Danach. Ein Noch und ein Nicht-mehr. Aber vielleicht liegt gerade darin der Fehler. Vielleicht ist Demenz nicht der Rand –
sondern ein anderer Mittelpunkt, der gerade so wichtig ist, weil der Mensch hier zwangsläufig eine Veränderung seiner Kognition miterlebt, die nicht bedeuten darf, dass dadurch sein Menschsein, sein Personensein irgendwie im Mitleidenschaft gezogen werden sollte.

Kognitive Veränderungen können auch mental „Orte“, Erfahrungen beinhalten, an dem Welt sich partiell anders zeigt. Perspektiven ändern sich durch eigene Erlebnisse, Gefühle, aber: auch reagieren Menschen anders auf einen, ordnen einen zu – anders zu als zuvor. Das heißt soziale Erlebnisse ändern sich auch drastisch.

Es können also diese Räume entstehen, in dem die eigene Sprache oder der eigene Akt der Kommunizieren anderen Menschen, die mehrheitlich normativen Logiken folgen, als nicht logisch erscheint, die für einen selbst aber bedeutsam sind und die vielleicht „abweichende“ Logiken einbeschließen, die auch Sinn ergeben im wirklich großen und ganzen, das sich Menschen mit Grenzerfahrungen oft in neuen Blickpunkten zeigt.

Andere Inhalte können notwendig werden, wenn z.B. ein Mensch sich aus einem Abschnitt in einen anderen bewegt, in seiner Lebenserfahrung. Auch so können die Situationen einer schwer vermittelbaren Erkenntnis und schwer vermittelbarer allgemeiner Erlebnisse (persönlich, sozial, physisch, emotional) entstehen, die einen Betroffenen kommunikationstechnisch in eine isolierte Lage versetzen und welche die gefühlte Abgehängtheit aus der Gesellschaft im Falle von Kognitivableismus noch verstärken.

In einem Rahmen von Akzeptanz und von einer Raum- und ‚umraumbedingten‘ Verlässlichkeit kann hingehen auch in solch einer Krankheitserfahrung ein Rhythmus auftauchen, in dem Sinn entsteht oder Sicherheit erfährt – nicht aus Kontrolle, sondern aus Beziehung und mit der Umwelt.

Schlussfolgernd

Demenz ist nicht das Ende. Sie ist eine andere Mitte. Man lebt mit einer kognitiven Veränderung und Erkrankung. Wer bereit ist, sich auf eine vernünftigere menschengerechtere Sicht auf von-Demenz-betroffener-Menschen einzulassen, entdeckt mehr, als Menschen in eine programmatische Starre zwängen zu wollen (oftmals bestehend aus pflegewissenschaftlicher Lückenhaftigkeit, sozial unklarer Pflegepraxis, bis hin zu diskriminatorischer ‚Alltagbegleitung‘ oder auch noch therapeutischem Scheinverständnis).

Es führt tatsächlich kein Weg daran vorbei, sich gemeinsam auf den Weg zu begeben, Wirklichkeit im Plural zu entdecken und zu akzeptieren: Erkrankter und Begleitender sind immer beide ganz paritätisch Mit-Wirkende an „Welt“. Immer. Und auf ihre Weise.

Auf der sozio-moralischen Ebene wirken beide Teile mit, müssen beide Teile [Betroffener/Patient und therapeutisches und soziales Umfeld] mit einbezogen werden, und es darf kein kategorisches In-Abrede-stellen von Ausdruckfähigkeit stattfinden, das sich auf kognitivableistische Stereotypien versucht zu berufen.

 

 

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