{"id":1744,"date":"2021-12-26T18:55:08","date_gmt":"2021-12-26T18:55:08","guid":{"rendered":"https:\/\/simorgh.de\/biografie\/?p=1744"},"modified":"2022-02-05T12:10:20","modified_gmt":"2022-02-05T12:10:20","slug":"robert-walser-schneien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/simorgh.de\/biografie\/robert-walser-schneien\/","title":{"rendered":"Robert Walser: Schneien"},"content":{"rendered":"<p>Unser erster Winter in Usingen und der erste Schnee, den wir hier erleben. Zum Thema Schnee und Schneien kommt mir immer auch der kurze prosaische Text &#8220;Schneien&#8221; von Robert Walser in den Sinn, den ich hier hineinposte, f\u00fcr diejenigen, die diesen Text und vielleicht sogar den Urheber bis jetzt noch nicht kannten. Das Foto zeigt unseren neuen Garten im leichten Schneegewand.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/simorgh.de\/biografie\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/weihnachten_usingen_1c.png\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-1746\" src=\"https:\/\/simorgh.de\/biografie\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/weihnachten_usingen_1c.png\" alt=\"\" width=\"2782\" height=\"1848\" srcset=\"https:\/\/simorgh.de\/biografie\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/weihnachten_usingen_1c.png 2782w, https:\/\/simorgh.de\/biografie\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/weihnachten_usingen_1c-300x199.png 300w, https:\/\/simorgh.de\/biografie\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/weihnachten_usingen_1c-1024x680.png 1024w, https:\/\/simorgh.de\/biografie\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/weihnachten_usingen_1c-768x510.png 768w, https:\/\/simorgh.de\/biografie\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/weihnachten_usingen_1c-1536x1020.png 1536w, https:\/\/simorgh.de\/biografie\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/weihnachten_usingen_1c-2048x1360.png 2048w, https:\/\/simorgh.de\/biografie\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/weihnachten_usingen_1c-1200x797.png 1200w, https:\/\/simorgh.de\/biografie\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/weihnachten_usingen_1c-1980x1315.png 1980w\" sizes=\"(max-width: 2782px) 100vw, 2782px\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>Robert Walser: Schneien<\/strong><br \/>\nEs schneit, schneit, was vom Himmel herunter mag, und es mag Erkleckliches herunter. Das h\u00f6rt nicht auf, hat nicht Anfang und nicht Ende. Einen Himmel gibt es nicht mehr, alles ist ein graues weisses Schneien. Eine Luft gibt es auch nicht mehr, sie ist voll Schnee. Eine Erde gibt es auch nicht mehr, sie ist mit Schnee und wieder mit Schnee zugedeckt. D\u00e4cher, Strassen, B\u00e4ume sind eingeschneit. Auf alles schneit es herab, und das ist begreiflich, denn wenn es schneit, schneit es begreiflicherweise auf alles herab, ohne Ausnahme. Alles muss den Schnee tragen, feste Gegenst\u00e4nde wie Gegenst\u00e4nde, die sich bewegen, wie z.B. Wagen, Mobilien wie Immobilien, Liegenschaften wie Transportables, Bl\u00f6cke, Pfl\u00f6cke und Pf\u00e4hle wie gehende Menschen. Kein Fleckchen existiert, das vom Schnee unber\u00fchrt bleibt, ausser was in H\u00e4usern, in Tunneln oder in H\u00f6hlen liegt. Ganze W\u00e4lder, Felder, Berge, St\u00e4dte, D\u00f6rfer, L\u00e4ndereien werden eingeschneit. Auf ganze Staatswesen, Staatshaushaltungen schneit es herab. Nur Seen und Fl\u00fcsse sind uneinschneibar. Seen sind unm\u00f6glich einzuschneien, weil das Wasser allen Schnee einfach ein- und aufschluckt, aber daf\u00fcr sind Ger\u00fcmpel, Abf\u00e4llsel, Hudeln, Lumpen, Steine und Ger\u00f6ll sehr veranlagt, eingeschneit zu werden. Hunde, Katzen, Tauben, Spatzen, K\u00fche und Pferde sind mit Schnee bedeckt, ebenso H\u00fcte, M\u00e4ntel, R\u00f6cke, Hosen, Schuhe und Nasen. Auf das Haar von h\u00fcbschen Frauen schneit es ungeniert herab, ebenso auf Gesichter, H\u00e4nde und auf die Augenwimpern von zur Schule gehenden zarten kleinen Kindern. Alles, was steht, geht, kriecht, l\u00e4uft und springt, wird sauber eingeschneit. Hecken werden mit weissen B\u00f6llerchen geschm\u00fcckt, farbige Plakate werden weiss zugedeckt, was da und dort vielleicht gar nicht schade ist. Reklamen werden unsch\u00e4dlich und unsichtbar gemacht, wor\u00fcber sich die Urheber vergeblich beklagen. Weisse Wege gibt\u2019s, weisse Mauern, weisse \u00c4ste, weise Stangen, weisse Gartengitter, weisse \u00c4cker, weisse H\u00fcgel und weiss Gott was sonst noch alles. Fleissig und emsig f\u00e4hrt es fort mit Schneien, will, scheint es, gar nicht wieder aufh\u00f6ren. Alle Farben, rot, gr\u00fcn, braun und blau, sind vom Weiss eingedeckt. Wohin man schaut, ist alles schneeweiss; wohin du blickst, ist alles schneeweiss. Und still ist es, warm ist es, weich ist es, sauber ist es. Sich im Schnee schmutzig zu machen, d\u00fcrfte sicher ziemlich schwer, wenn nicht \u00fcberhaupt unm\u00f6glich sein. Alle Tannen\u00e4ste sind voll Schnee, beugen sich unter der dicken weissen Last tief zur Erde herab, versperren den Weg. Den Weg? Als wenn es noch einen Weg g\u00e4be! Man geht so, und indem man geht, hofft man, dass man auf dem rechten Weg sei. Und still ist es. Das Schneien hat alles Ger\u00e4usch, allen L\u00e4rm, alle T\u00f6ne und Sch\u00e4lle eingeschneit. Man h\u00f6rt nur die Stille, die Lautlosigkeit, und die t\u00f6nt wahrhaftig nicht laut. Und warm ist es in all dem dichten weichen Schnee, so warm wie in einem heimeligen Wohnzimmer, wo friedfertige Menschen zu irgendeinem feinen lieben Vergn\u00fcgen versammelt sind. Und rund ist es, alles ist rundherum wie abgerundet, abgegl\u00e4ttet. Sch\u00e4rfen, Ecken und Spitzen sind zugeschneit. Was kantig und spitzig war, besitzt jetzt eine weisse Kappe und ist somit abgerundet. Alles Harte, Grobe, Holperige ist mit Gef\u00e4lligkeit, freundlicher Verbindlichkeit, mit Schnee, zugedeckt. Wo du gehst, trittst du nur auf Weiches, Weisses, und was du anr\u00fchrst, ist sanft, nass und weich. Verschleiert, ausgeglichen, abgeschw\u00e4cht ist alles. Wo ein Vielerlei und Mancherlei war, ist nur noch eines, n\u00e4mlich Schnee; und wo Gegens\u00e4tze waren, ist ein Einziges und Einiges, n\u00e4mlich Schnee. Wie s\u00fcss, wie friedlich sind alle mannigfaltigen Erscheinungen, Gestalten miteinander zu einem einzigen Gesicht, zu einem einzigen sinnenden Ganzen verbunden. Ein einziges Gebilde herrscht. Was stark hervortrat, ist ged\u00e4mpft, und was sich aus der Gemeinsamkeit emporhob, dient im sch\u00f6nsten Sinne dem sch\u00f6nen, guten, erhabenen Gesamten. Aber ich habe noch nicht alles gesagt. Warte noch ein wenig. Gleich, gleich bin ich fertig. Es f\u00e4llt mir n\u00e4mlich ein, dass ein Held, der sich tapfer gegen eine \u00dcbermacht wehrte, nichts von Gefangengabe wissen wollte, seine Pflicht als Krieger bis zu allerletzt erf\u00fcllte, im Schnee k\u00f6nnte gefallen sein. Von fleissigem Schneien wurde das Gesicht, die Hand, der arme Leib mit der blutigen Wunde, die edle Standhaftigkeit, der m\u00e4nnliche Entschluss, die brave tapfere Seele zugedeckt. Irgendwer kann \u00fcber das Grab hinwegtreten, ohne dass er etwas merkt, aber ihm, der unterm Schnee liegt, ist es wohl, er hat Ruhe, er hat Frieden, und er ist daheim. \u2013 Seine Frau steht zu Hause am Fenster und sieht das Schneien und denkt dabei: \u201cWo mag er sein, und wie mag es ihm gehen? Sicher geht es ihm gut.\u201d Pl\u00f6tzlich sieht sie ihn, sie hat eine Erscheinung. Sie geht vom Fenster weg, sitzt nieder und weint.<\/p>\n<p>In Kleine Prosa, 1917<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unser erster Winter in Usingen und der erste Schnee, den wir hier erleben. Zum Thema Schnee und Schneien kommt mir immer auch der kurze prosaische Text &#8220;Schneien&#8221; von Robert Walser in den Sinn, den ich hier hineinposte, f\u00fcr diejenigen, die diesen Text und vielleicht sogar den Urheber bis jetzt noch nicht kannten. 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