{"id":846,"date":"2014-05-21T13:48:19","date_gmt":"2014-05-21T13:48:19","guid":{"rendered":"http:\/\/simorgh.de\/about\/?p=846"},"modified":"2021-03-29T15:43:49","modified_gmt":"2021-03-29T15:43:49","slug":"richard-ryder-darwinismus-altruismus-und-schmerzfahigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/simorgh.de\/about\/richard-ryder-darwinismus-altruismus-und-schmerzfahigkeit\/","title":{"rendered":"Richard Ryder: Darwinismus, Altruismus und Schmerzf\u00e4higkeit"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/simorgh.de\/about\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/richard-ryder-speciesism.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-3466\" src=\"https:\/\/simorgh.de\/about\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/richard-ryder-speciesism.jpg\" alt=\"\" width=\"1143\" height=\"1600\" srcset=\"https:\/\/simorgh.de\/about\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/richard-ryder-speciesism.jpg 1143w, https:\/\/simorgh.de\/about\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/richard-ryder-speciesism-214x300.jpg 214w, https:\/\/simorgh.de\/about\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/richard-ryder-speciesism-732x1024.jpg 732w, https:\/\/simorgh.de\/about\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/richard-ryder-speciesism-768x1075.jpg 768w, https:\/\/simorgh.de\/about\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/richard-ryder-speciesism-1097x1536.jpg 1097w, https:\/\/simorgh.de\/about\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/richard-ryder-speciesism-250x350.jpg 250w\" sizes=\"(max-width: 1143px) 100vw, 1143px\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>Richard Ryder: Darwinismus, Altruismus und Schmerzf\u00e4higkeit<\/strong><\/p>\n<p>Originaltitel: <i>Darwinism, Altruism and Panience<\/i>. Ein Vortrag den Dr. Richard Ryder im Sommer 1999 hielt, im Rahmen eines von der IVU veranstalteten Symposiums mit dem Titel: \u201aAnimals, People &amp; the Environment\u2019.<\/p>\n<p><i>\u00dcbersetzung aus dem Englischen: Gita Yegane Arani. Mit der freundlichen Genehmigung von Dr. Richard Ryder.<\/i><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/farangis.de\/reader\/e-reader_gruppe_messel_2021_3.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Dieser Text als PDF<\/a> &#8211; revidierte Fassung mit englischem Originaltext.<\/p>\n<p>Das ganze Thema \u00fcber den moralischen Status von Tieren tauchte zwischen 1918 und den 1960ern immer wieder latent auf. Diejenigen von uns, die dabei halfen das Thema in den 1960ern und 1970ern wiederzubeleben, begannen etwas, was in beachtlicher Weise \u00fcber die Jahre zum Anwachsen kam. Ich pers\u00f6nlich setzte von Anbeginn an als eines der Argumente das Darwinistische ein. Darwin hat die konzeptionelle Kluft zwischen der Menschheit und den Tieren geschlossen.<\/p>\n<p>Warum hat sich die viktorianische Gesellschaft so sehr \u00fcber den Darwinismus emp\u00f6rt? Ein Grund war sicherlich, weil er dem menschlichen Stolz einen Hieb versetzte. Menschen, und ganz besonders den steifen und selbstgef\u00e4lligen Viktorianern, gefiel es nicht, sich selbst als ungeb\u00e4ndigte und sexuelle Tiere zu sehen! Dies stand der ganz grunds\u00e4tzlichen Essenz viktorianischer Kultur, die aus Selbstdisziplin und der Verneinung tierischer Impulse bestand, entgegen. Aber ein anderer Grund, warum der Darwinismus die Viktorianer emp\u00f6rte, war, wegen seiner nur halb verstandenen moralischen Implikationen. Die Viktorianer begriffen sich als sehr moralisch. Sie hatten einen ausgepr\u00e4gten Moralsinn. Und sicherlich, sie hatten nun auch damit begonnen Tiere in ihr moralisches Schema einzuf\u00fcgen, aber blo\u00df als \u201eB\u00fcrger sehr zweiter Klasse\u201c \u2013 oder, vielleicht eher noch, als B\u00fcrger dritter, vierter oder f\u00fcnfter Klasse. Es gab die oberen Klassen, die Mittelklassen, die Arbeiterklassen, Ausl\u00e4nder, \u201eEingeborene\u201c (ethnisch native) und dann vielleicht Tiere. Die Errichter des viktorianischen Empires und deren Gattinnen waren daf\u00fcr bekannt, tiersch\u00fctzerische Gesellschaften in Indien, Afrika und im Fernen Osten zu errichten. Aber der gebotene Schutz war unzuverl\u00e4ssig und geschah auf herablassende Weise. G\u00fcte und Milde gegen\u00fcber Tieren sah man als Zeichen guter Manieren und Zivilisiertheit, aber die Implikation, dass Tiere und Menschen moralisch gleichstehend sein k\u00f6nnten, war schockierend; hatte Gott nicht die Menschen unter den Engeln stehend aber \u00fcber den Tieren erschaffen, und zudem noch in seinem eigenen Ebenbild?<\/p>\n<p>Darwin selber schrieb: \u201eTiere, die wir zu unseren Sklaven gemacht haben, betrachten wir nicht gerne als mit uns gleichstehend.\u201c Er sagte auch: \u201eDie Liebe f\u00fcr alle lebenden Kreaturen, ist die edelste Eigenschaft eines Menschen.\u201c<\/p>\n<p>In bedeutender Weise aber schrieb er:<\/p>\n<p>\u201eEs gibt keinen fundamentalen Unterschied in den mentalen F\u00e4higkeiten der Menschen und der h\u00f6heren S\u00e4ugetieren. Der Unterschied des Verstandes zwischen dem Mensch und den h\u00f6heren S\u00e4ugetieren, so gro\u00df wie er ist, ist mit Sicherheit nur einer des Grades, nicht aber der Art.\u201c<\/p>\n<p>Zwei wichtige moralische Implikationen k\u00f6nnen von Darwin abgeleitet werden. Die erste, die f\u00e4lschlicherweise gezogen wurde, ist, dass da die St\u00e4rksten \u00fcberleben, nur die St\u00e4rksten \u00fcberleben sollten. Diese gef\u00e4hrliche Doktrin ist falsch in mehrerlei Hinsicht: Erstens ist es falsch zu argumentieren, dass \u201ees ist so\u201c, \u201ees soll sein\u201c hie\u00dfe \u2013 dass etwas gut w\u00e4re weil es nat\u00fcrlich ist \u2013 das w\u00e4re der sogenannte naturalistische Irrtum. Man k\u00f6nnte letztendlich auch argumentieren, dass Mord und Vergewaltigung \u201enat\u00fcrlich\u201c seien, aber daraus w\u00fcrde nicht folgen, dass diese Handlungen moralisch richtig w\u00e4ren. Zweitens ist die Doktrin falsch, weil Darwin tats\u00e4chlich sagt, dass es die (biologisch) fittesten sind die \u00fcberleben, und nicht die st\u00e4rksten. \u201eFittest\u201c [gut adaptiert] kann abh\u00e4ngig von den Umst\u00e4nden die sanftesten und mitf\u00fchlendsten bedeuten.<\/p>\n<p>Die andere bedeutende moralische Implikation des Darwinismus ist, dass wenn, wie Darwin darlegt, es keinen fundamentalen Unterschied zwischen uns und den anderen (h\u00f6heren) S\u00e4ugetieren gibt, sollten wir dann nicht alle in die gleiche moralische Kategorie eingestuft werden? Wenn wir psychologisch und physiologisch gleich sind, warum dann nicht auch moralisch? Man kann davon ausgehen, dass der moralische Status von psychischen und physischen Eigenschaften abh\u00e4ngt. Wenn wir diese Eigenschaften zu einem Grad mit anderen Tieren teilen, dann ist die Moralit\u00e4t, die sich daraus ergibt auch die gleiche.<\/p>\n<p>Ich verwendete dieses Argument seit dem Jahre 1970. Meine moralische Position, die ich als \u201a<i>Painism<\/i>\u2019 (Schmerzf\u00e4higkeit) bezeichne \u2013 da der Schwerpunkt auf der Kapazit\u00e4t des Individuums zum Erleiden von Schmerz und anderem von au\u00dfen zugef\u00fcgtem physischen oder psychischen Leids liegt \u2013 verl\u00e4uft etwa so:<\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzlich glaube ich, dass es falsch ist, irgendeinem Individuum, unabh\u00e4ngig von dessen Geschlecht, Rasse oder Spezies, Leid zuzuf\u00fcgen. Ich kann jedoch akzeptieren, dass dies gerechtfertigt sein kann im Zusammenhang sich daraus ergebender Vorteile f\u00fcr ein anderes Individuum. Aber die Aggregation der Schmerzen und Vorteile vieler Individuen, betrachte ich als bedeutungslos. Schmerz ist, in seinem weitesten Sinne, das was moralisch z\u00e4hlt; er unterliegt allen anderen moralischen Kriterien. Unser erster Belang sollte dem Individuum gelten, das am st\u00e4rksten leidet.<\/p>\n<p>Lassen sie uns die Ethik betrachten. Robert Garner \u2013 ein Politikwissenschaftler, der in hervorragender Weise \u00fcber den Schutz nichtmenschlicher Tiere geschrieben hat, schrieb einst, dass meine ethische Position eine Synthese der utilitaristischen und der Rechts-Ans\u00e4tze darstellt. Im weiteren wurde mir ein sehr beachtliches Kompliment vom Pro-Jagd Philosophen Roger Scruton gemacht, dass ich als dritter Mann in ein philosophisches Trio, das noch aus Tom Regan und Peter Singer besteht, hineingemengt werden k\u00f6nne. Die literarische Figur Michael Sissons hat mich sogar als \u201eden f\u00fchrenden britischen Tierrechts-Intellektuellen\u201c beschrieben. Doch wie dem auch sei, ich entwarf den Begriff Speziesismus 1970, teilweise um zu vermeiden den Begriff \u201eRechte\u201c einzusetzen. Also wo genau stehe ich also? Bin ich ein \u201aRights\u2019-Theoretiker oder ein Utilitarist oder noch etwas anderes? Das sonderbare ist, dass sich meine ethische Position nicht sehr ver\u00e4ndert hat seit dem ich mich das erstemal 1969 im Namen der Tiere in den Kampf st\u00fcrzte. In einem Brief an eine nationale Tageszeitung, in dem ich Tierversuche attackierte (eine Tageszeitung die interessanterweise heute nicht mehr so einen Brief ver\u00f6ffentlichen w\u00fcrde, so stark ist der ungl\u00fcckliche R\u00fcckschlag gegen Tierrechte durch einige Fraktionen des Rechten Fl\u00fcgels) schrieb ich derzeit:<\/p>\n<p>\u201eEs ist nicht oft hervorgehoben worden, dass seit Darwin, Wissenschaftler selber das Foltern anderer Spezies nicht besser legitimieren konnten, als man absichtlich begangene Gewalt gegen Menschen h\u00e4tte legitimieren k\u00f6nnen, da sie ja selbst im Prinzip keine essentiellen Unterschiede zwischen dem Mensch und Tieren akzeptieren. Und es gibt in der Tat keinen Weg einen Gegenbeweis dazu zu erbringen, dass ein intelligenter Affe ein gr\u00f6\u00dferes Potential hat Schrecken, Elend der Langeweile zu erleben als zum Beispiel ein mental retardiertes Kind. Wird es nicht langsam Zeit, dass das bewundernswerte ethische Interesse der Zivilisation f\u00fcr Menschenrechte nicht in ganz logischer Weise auch auf unsere Nachbarspezies ausgeweitet werden sollte?\u201c<\/p>\n<p>Dieser Brief wurde am 7. April 1969 ver\u00f6ffentlicht. Am 3. Mai ver\u00f6ffentlichte ich einen anderen Brief im \u201aDaily Telegraph\u2019, mit dem Titel \u201aThe Rights of Non Human Animals\u2019 [die Rechte nicht-menschlicher Tiere]:<\/p>\n<p>\u201eDie Frage der Tierrechte, kann eine Frage sein, in der unsere Nation so viel in der Welt ansto\u00dfen k\u00f6nnte, dass die zivilisierte Menschheit in der Zukunft auf unsere gegenw\u00e4rtigen Ungerechtigkeiten mit so viel Grauen zur\u00fcckschauen wird, wie wir es jetzt tun auf die Versklavung, die Kinderarbeit und die andere gro\u00dfen Problemkomplexe mit denen sich die Reformbewegungen unseres Jahrhunderts auseinandersetzen.\u201c<\/p>\n<p>Ich beendete diesen Brief, indem ich meine Hoffnung ausdr\u00fcckte, \u201edass die Rechte nicht-menschlicher Tiere eines Tages ein echtes Thema bei den Wahlen bilden werden.\u201c<\/p>\n<p>1970 entwarf ich ein Flugblatt mit dem Titel Speziesismus \u2013 eine Idee die mir eines Tages im Badezimmer kam, und ich verbreitete dieses Flugblatt \u00fcberall in Oxford. Ich erhielt \u00fcberhaupt keinerlei R\u00fcckmeldung. Uneingesch\u00fcchtert fragte ich damals einen Freund, David Wood, darum, seinen Namen einer zweiten illustrierten Version des Flugblattes beizuf\u00fcgen, um so eine Universit\u00e4tsadresse dabeistehen zu haben, und verbreitete so diese Version an den Colleges in Oxford. Und wiederum, keine R\u00fcckmeldung. Immernoch unerschrocken fuhr ich fort damit drei weitere Flugbl\u00e4tter zu schreiben (die auch von Clive Hollands ver\u00f6ffentlicht wurden), alle mit einem ethischen Thema, und alle attackierten den Speziesismus. In all diesen Flugbl\u00e4ttern trat ich der Gewalt gegen Tiere entgegen und lenkte die Aufmerksamkeit auf die Gleichheit zwischen den Spezies. Ich bezog mich dabei auf Darwin, identifizierte Schmerz als die wesentliche Verletzung und lehnte die Legitimierung der Zuf\u00fcgung von Leid und des daraus resultierenden Schmerzes f\u00fcr ein Individuum im Sinne der aggregierten Vorteile f\u00fcr Viele ab. Mein Kapitel in <i>Animals, Men and Morals<\/i>, herausgegeben von Stanley und Roslind Godlovich und John Harris, ver\u00f6ffentlicht 1971, enthielt ebenfalls diese Gedanken. Als ich mich, ich glaube in dem Jahr, das erste mal mit Peter Singer traf, erinnere ich mich, dass ich all das mit ihm bei mehreren Gelegenheiten diskutierte.<\/p>\n<p>Ich liste dies alles auf, um zu erkl\u00e4ren, dass sich meine ethischen Gedanken seit 1970 nicht wirklich viel ver\u00e4ndert haben. Ich bin immer davon ausgegangen, dass Leid das grunds\u00e4tzliche \u00dcbel ist, und dass das Individuum, nicht die Spezies oder die aggregierten Erfahrungen der Gruppe, den Fokus des ethischen Interesses bilden sollten.<\/p>\n<p>Warum habe ich dann nicht einfach den Begriff \u201eRechte\u201c verwendet? Wie Sie wissen, macht das ethische Interesse f\u00fcr das Individuum einen wesentlichen Teil der Rechtstheorie aus. Ich denke die Antwort ist, dass der Begriff \u201eRechte\u201c 1970 eine stark negative Besetzung in Gro\u00dfbritannien hatte. \u201eRechte\u201c wurden in Zusammenhang gebracht mit Hausbesetzern und Schnorrern; mit denen die forderten, dass der Staat sich um sie k\u00fcmmern m\u00fcsse, ohne dass sie sich dabei M\u00fche geben sollten f\u00fcr sich selbst zu sorgen. Auch glaube ich, dass es historische Gr\u00fcnde gibt, warum das Wort in Gro\u00dfbritannien unbeliebt ist: es war ein Begriff der von Thomas Paine eingesetzt wurde, von den gef\u00e4hrlichen franz\u00f6sischen Guillotinisten der 1790er, und nat\u00fcrlich von diesen verdammten amerikanischen Rebellen! Das ist warum die Briten diesen Begriff nicht m\u00f6gen, und das sind einige Gr\u00fcnde warum ich mich f\u00fcr den Begriff \u201eSpeziesismus\u201c entschied. Aber auf einer rationaleren Ebene gab es andere Gr\u00fcnde daf\u00fcr. Ich ging davon aus, dass Leute zu oft von \u201eRechten\u201c sprachen, als ob sie eine unabh\u00e4ngige Existenz bes\u00e4\u00dfen \u2013 das erschien mir wenig durchdacht. Zweitens sah ich mich selbst nicht als einen moralischen Revolution\u00e4r, sondern hatte einfach den Wunsch, eine konventionelle, christlich-basierende Ethik auszuweiten, um die anderen Tiere darin mit einzubegreifen. (Ein pr\u00e4gender Moment meines Lebens war als meine Mutter zu mir als Kind sagte \u201eMenschen sind auch Tiere, wei\u00dft du das nicht?\u201c). 1970 f\u00fchlte ich auch, dass man einen gigantischen Fehler begangen hatte. Die Nichtmenschen sind durch eine kategoriesche Au\u00dferachtlassung aus der moralischen Gemeinschaft ausgeschlossen worden \u2013 meine Meinung dazu hat sich nicht ge\u00e4ndert. Und es macht mich w\u00fctend! Schlie\u00dflich war ich Teil der moralischen Bewegung in den 1960ern, die sich gegen die Ungerechtigkeit, gegen sexuelle Unterdr\u00fcckung und Ungleichheit in der Gesellschaft stellte, und wir begannen uns nun zunehmend mit der Umwelt zu befassen. Nach den Attacken gegen Rassismus und Sexismus schien es mir nun als allzu logisch den Speziesismus ebenfalls zu attackieren.<\/p>\n<p>Die Oxforder Gruppe ver\u00f6ffentlichte also mehrere B\u00fccher, Flugbl\u00e4tter, Stra\u00dfenposter, Radio- und Fernsehsendungen und wir hatten das Gl\u00fcck ernst genommen zu werden, nicht nur von dem jungen Peter Singer, sondern auch von Tom Regan.<\/p>\n<p>Was ich damals sagte und was ich jetzt noch sage ist, dass es <i>prima facie<\/i> falsch ist, irgendeine Art des Leids zu verursachen, ohne Zustimmung; gleich welchem Individuum, und ungeachtet dessen Geschlechts, der Ethnizit\u00e4t, der Spezies oder in der Tat seiner \u201a<i>configuration<\/i>\u2019 [Art der Gestalt]. Mit dieser letzten Kategorie meine ich, dass schmerzf\u00e4hige Au\u00dferirdische oder schmerzf\u00e4hige Maschinen, wenn sie jemals hier existieren sollten, mit in die moralische Gemeinschaft eingeschlossen werden sollten. Sie sollten das Recht erhalten, dass ihnen kein Leid zugef\u00fcgt werden darf. Die essentielle Qualifikation f\u00fcr Rechte ist die Schmerzf\u00e4higkeit \u2013 die F\u00e4higkeit Schmerz, oder anderes, von au\u00dfen zugef\u00fcgtes, physisches oder psychisches Leid in irgendeiner Form zu erfahren.<\/p>\n<p><strong>\u201a<i>Painience<\/i>\u2019 \u2013 Schmerzf\u00e4higkeit<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe, vielleicht weil ich Psychologe und Ethiker bin, lange und intensiv \u00fcber Schmerz und anderes von au\u00dfen zugef\u00fcgtes physisches oder psychisches Leid nachgedacht. Nicht allein die ganze Freudsche Tradition mit ihrer Betonung auf Freude, positive Erfahrungen, aber auch der Behaviorismus mit seinem vorherrschenden Interesse f\u00fcr die Belohung und Bestrafung, basieren beide auf Erfahrungen von Schmerzen und Freude. W\u00e4hrend die Psychologie anerkennt, dass es ein weites Spektrum von Schmerzen gibt, behandelt sie alle verschiedenen Arten des Schmerzes als in auffallender Weise gleich, ihn ihren Effekten auf das Verhalten. Das ist warum ich, wenn ich von Schmerz spreche, alle Formen von Leid meine, nicht nur den sogenannten \u201ephysischen\u201c Schmerz, sondern auch emotionalen, kognitiven, \u00e4sthetischen und jede andere Art von Schmerz. Es ist nicht nur so, dass alle Arten des Schmerzes das Verhalten negativ Verst\u00e4rkend beeintr\u00e4chtigen, sondern wir erfahren auch eine Gleichheit zwischen den Schmerzformen: wir alle m\u00f6gen Schmerzen nicht. Also ergibt es Sinn f\u00fcr mich als Psychologen, alle Formen von Leid als \u201aSchmerz\u2019 zu bezeichnen, und es ist das Wort das ich gebrauche. Sonderbarerweise gibt es keine spezifischen W\u00f6rter im Englischen um \u201edie Kapazit\u00e4t, Schmerz oder anderes Leid zu erfahren\u201c zu beschreiben, oder \u201ef\u00e4hig zu sein, Schmerz oder anderes Leid zu erfahren\u201c oder \u201eeiner der f\u00e4hig ist, Schmerz oder anderes Leid zu erfahren\u201c. Aus diesem Grund also verwende ich respektiv die W\u00f6rter \u201epainience\u201c (Schmerzf\u00e4higkeit) und \u201epainent\u201c (schmerzf\u00e4hig). Die Zeit ist reif daf\u00fcr, dass wir \u00fcber W\u00f6rter verf\u00fcgen sollten, diesen wichtigsten Bereich unseres Lebens zu beschreiben. Ich bin \u00fcberzeugt, dass dies auch f\u00fcr die Ethik von zentraler Bedeutung w\u00e4re. Und in diesem einen Punkte bin ich definitiv mit dem Utilitarismus einig: alle schlechten Dinge sind schmerzhaft and alle guten Dinge das Gegenteil davon. (Ich werde \u201aFreude\u2019 und \u201aGl\u00fccklichkeit\u2019 sp\u00e4ter noch erw\u00e4hnen.) Es ist manchmal deprimierend, das sogenannte moralische Argument zu h\u00f6ren, das immernoch Kriterien wie: Demokratie, Gerechtigkeit, Gleichheit, Frieden oder Freiheit als grunds\u00e4tzliche Tests daf\u00fcr betrachtet, was moralisch falsch und richtig ist. Sicher sind diese doch nur Trittsteine entfent vom Schmerz? Die Abwesenheit von Demokratie oder Gerechtigkeit oder Frieden und Freiheit, verursachen normalerweise Schmerz (in meinem weiten Sinne des Wortes). Das ist warum wir deren Abwesenheit dieser Dinge als schlecht betrachten. Sie sind blo\u00df die Mittel um ein Ziel zu erreichen, und das Ziel ist immer dasselbe \u2013 die Vermeidung und Reduzierung von Schmerz. All diese Dinge stehen sekund\u00e4r zum Schmerz. Schmerz ist die grundlegende Essenz des \u00dcbels.<\/p>\n<p>Als Psychologe habe ich oft Leute daraufhin befragt, was es ist, das sie versuchen zu vermeiden. Wenn sie antworteten: \u201emeine Schwiegermutter\u201c oder \u201ezu viel Pop-Musik\u201c oder \u201ematschige Erbsen\u201c oder \u201eTyrannei\u201c, fragte ich sie: \u201eWarum vermeiden Sie das?\u201c Und ich fuhr fort, sie weiter mit meinen Fragen \u201ewarum, warum, warum\u201c zu n\u00f6tigen. Und nat\u00fcrlich endeten wir immer bei derselben Antwort. Diese Dinge verursachen Schmerz, in weiteren Sinne. Wie alle Tiere, sind wir Freudesuchende und Schmerzvermeider.<\/p>\n<p>Ich werde nun kurz zwei wichtige ethische Probleme betrachten. Ich bezeichne sie als das Aggregationsproblem und das Ausgleichs- \/ Austauschsproblem.<\/p>\n<p><strong>Das Aggregationsproblem<\/strong><\/p>\n<p>Ich glaube es ergibt nicht viel Sinn die Schmerzen einer Anzahl von Individuen zu aggregieren. Das ist so, wie das zusammenz\u00e4hlen von \u00c4pfeln, Fernsehern und Ulster Unionists. Was soll der Zweck sein? Die Schmerzen eines jeden Individuums stellen ein einmaliges, eigenst\u00e4ndiges Gebilde dar, und das ist vollst\u00e4ndig getrennt von dem Schmerz eines anderen. Einen Schmerz zu erfahren und \u201eblo\u00df\u201c eines Anderen Schmerzen zu beschreiben, sind ganz verschiedene Dinge. Die Grenzen von Schmerzf\u00e4higkeit, sind die Grenzen des Individuums. Das Bewusstsein selbst, tritt nicht \u00fcber diese Grenzen. Und auch der Schmerz tut es nicht. Um jedes schmerzf\u00e4hige Individuum, gibt es eine Barriere die sowohl psychologisch und moralisch von h\u00f6chster Wichtigkeit ist. Wir k\u00f6nnen nicht wirklich genau denselben Schmerz wie andere erfahren. Die Schmerzen von anderen sind nur die leeren Schalen eines Ph\u00e4nomens. Ich kann niemals denselben Schmerz erfahren, den Sie erfahren, also ergibt es keinen Sinn meine realen Schmerzen zu den unrealen Schmerzen anderer hinzuzuf\u00fcgen oder die Schmerzen eines Individuums mit denen eines anderen zu addieren.<\/p>\n<p>Nun, ich glaube unser Hauptbelang sollte dem Schmerz des Individuums gelten, das das am meisten leidende ist (\u201a<i>maximum sufferer<\/i>\u2019). Dies hat wesentliche Implikationen: die Zuf\u00fcgung, zum Beispiel, von \u201ezehn Einheiten\u201c von Schmerz bei einem Individuum ist meiner Ansicht nach viel schlimmer als die Zuf\u00fcgung \u201eeiner einzelnen Einheit\u201c von Schmerz bei jeweils einem Einzelnen von eintausend individuellen Erleidenden, auch wenn die Gesamtzahl ihrer aggregierten Schmerzen hundertmal h\u00f6her ist. In anderen Worten, die Agonie eines Einzelnen bedeutet moralisch mehr als die Unbequemheit einer Million Individuen.<\/p>\n<p>Wir akzeptieren also nicht die Aggregation von Schmerzen und Freuden, was ein Bestandteil des Utilitarismus ist. Aber wir kommen nun zu noch einem gr\u00f6\u00dferen Problem. Es wird hier als das <i>Trade-Off<\/i>-Problem [das Austauschsproblem] bezeichnet.<\/p>\n<p><strong>Das Austauschsproblem<\/strong><\/p>\n<p>Wie k\u00f6nnen wir rechtfertigen, Schmerz bei (A) zu verursachen um den Schmerz von (B) zu reduzieren? Der Austausch ist nicht das gleiche wie die Aggregation. Austausch kann allein zwei Individuen (A) und (B) beinhalten, statt einer ganzen Anzahl von Individuen. Wir k\u00f6nnen nicht ernsthaft argumentieren, dass es niemals gerechtfertigt ist, gegen die Rechte des Individuums durch eine Verursachung von Schmerz zu versto\u00dfen. Bedenken Sie den extremen Fall, in dem wir (B) vor Todesqualen retten indem wir ein minderes Unwohlsein bei (A) verursachen. Sollte das mit Sicherheit zul\u00e4ssig sein? Wenn wir zum Beispiel einen Sadisten dabei \u00fcberraschen, wie er ein Kind qu\u00e4len will, ist es uns dann nicht erlaubt den Sadisten im Mindesten verbal zu drohen, so dass er von dem Kind abl\u00e4sst? Wir haben dem Sadisten ein geringes Unwohlsein verursacht, ihn von seinen Handlungen abgehalten und ihn erschreckt, aber haben wir keine Rechtfertigung ihm dieses geringe Ma\u00df von Schmerz zuzuf\u00fcgen? Sie m\u00f6gen sagen, dass der Sadist kein unschuldiges Individuum war, und das Kind es war. In anderen Worten, dass die Schuld des Sadisten uns dazu rechtfertigt, ihm einen minderen Schmerz zuzuf\u00fcgen. Na gut, bedenken Sie dann den Fall eines sehr dicken gehirngesch\u00e4digten Mannes, dem es nicht bewusst ist, dass er gerade auf einem Kind sitzt und es praktisch fast zu Tode dr\u00fcckt. Sind wir nicht gerechtfertigt dazu ihn anzuschreien, um das Kind zu retten? Ist es uns nicht im Rahmen unserer Ethik gestattet, den dicken Mann aufzuschrecken um das Kind vor extremen Schmerzen zu retten? Wenn wir akzeptieren, dass wir dies im Rahmen unserer ethischen Regeln tun k\u00f6nnen, wie k\u00f6nnen wir dann dieses Austauschsprinzip formulieren?<\/p>\n<p>Das ist ein H\u00e4rtepunkt f\u00fcr alle ethischen Theorien, und zwar ist der Kern des Problems folgender:<\/p>\n<p>In wie weit rechtfertigt die Reduktion des Schmerzes von (A) das Zulassen von Schmerz bei (B)? In wie weit ist es m\u00f6glich die Schmerzen von (B), gegen die Vorteile von (A) auszutauschen?<\/p>\n<p>Lassen Sie uns ein paar weitere F\u00e4lle anschauen. Erstens, Sie sind ein Lehrer\/eine Lehrerin und Sie sehen einen gro\u00dfen Jungen dabei, wie er einen kleinen Jungen auf dem Schulhof schikaniert. Trotz Ihrer verbalen Aufforderungen h\u00f6rt der tyrannisierende Junge nicht auf, den kleinen Jungen gewaltsam zu schikanieren, also schreiten Sie selber physisch ein. Sie verursachen dem Provokateur geringe Unannehmlichkeiten indem Sie ihn erfolgreich zur\u00fcckhalten. Ist das gerechtfertigt?<\/p>\n<p>Sie nehmen den Schmerz von Opfer (A) aber verursachen mindere Unannehmlichkeiten f\u00fcr den Provokateur (B).<\/p>\n<p>Zweitens, Sie sind Pr\u00e4sident der Vereinigten Staaten und sehen einen Tyrannen namens Milosevic der Kosovaner tyrannisiert. Also bombardieren Sie Milosevic aber t\u00f6ten und verletzen unbeabsichtigt einige unschuldige serbische Zivilisten. Ist das gerechtfertigt?<\/p>\n<p>Wenn die Bombardierung nicht sofort den erw\u00fcnschten Effekt hat um die Tyrannisierung der Kosovaner durch Milosevic zu stoppen, mindert diese Tatsache die Rechtfertigung f\u00fcr die Bombardierung?<\/p>\n<p>Drittens, Sie sind ein Wissenschaftler der ein sehr schmerzvolles Experiment an einem Hund durchf\u00fchrt, um ein besseres Gesichtspuder zu entwickeln. Sie finden die gew\u00fcnschten Ergebnisse bei Ihrer Forschung nicht heraus, aber zuf\u00e4llig er\u00f6ffnet sich durch das Experiment eine Heilmethode f\u00fcr eine seltene Form von Krebs. Macht diese Wendung ein ungerechtfertigtes Experiment zu einem gerechtfertigten?<\/p>\n<p>Beachten Sie, dass wir immer noch die gleiche grundlegende Frage stellen \u2013 ist der Schmerz des Hundes, der Schmerz der Schikanierenden oder der Schmerz eines serbischen Zivilisten durch die faktischen (oder die beabsichtigten) Vorteile anderer gerechtfertigt?<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich, Sie sind ein Tierrechtsfanatiker und sprengen ein Laboratorium in dem Tiere in LD50-Tests verwendet werden. Indem Sie das tun, verz\u00f6gern Sie die Testung aber verletzen ernsthaft einen der Laboratoriums-Experimentateure und einen Hund. Ist das gerechtfertigt?<\/p>\n<p>Beachten Sie, dass in all diesen F\u00e4llen ein m\u00f6glicher Austausch von den Schmerzen von (B) und den Vorteilen von (A) besteht.<\/p>\n<p>Ich habe, um diese Frage interessanter zu machen, mit Absicht einige komplizierte Faktoren mit einbezogen, z.B. den Unterschied zwischen den tats\u00e4chlichen, faktischen oder den beabsichtigten Effekten einer Handlung, nochmals die Frage der Unschuld, den Grad oder die Intensit\u00e4t von Vorteil und Schmerz und nat\u00fcrlich der Unterschied der Ethnizit\u00e4t oder Spezies.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte mich durch all diese Fragen heute nicht ablenken lassen, da zum gr\u00f6\u00dften Teil diejenigen von uns, die \u00fcber Tierethik diskutieren wollen, sich \u00fcber diese anderen Fragen ziemlich einig sind. Im Mindesten bin ich mir in meiner eigenen Meinung dar\u00fcber schl\u00fcssig, dass es die tats\u00e4chlichen Konsequenzen einer Handlung sind, und nicht die Motive, die normalerweise ausschlaggebend sind, dass Unschuld stark ambigu\u00f6s ist, und nat\u00fcrlich, dass Ethnizit\u00e4t und Spezies moralisch irrelevant sind.<\/p>\n<p>Worauf ich mich aber konzentrieren m\u00f6chte, ist die gemeinsame zugrundeliegende Idee in all diesen vier F\u00e4llen, dass eine Verursachung von Schmerz bei (B) durch die guten Effekte auf (A) gerechtfertigt sein kann.<\/p>\n<p>F\u00fcr Utilitaristen ist das Austauschsproblem leicht beantwortet. Wenn ich durch die Menge x an Verletzung von (B) Vorteile f\u00fcr (A) schaffe, die gr\u00f6\u00dfer sind als x, dann ist meine Handlung ein gute.<\/p>\n<p>F\u00fcr die meisten anderen Arten von Ethikern ist die Austauschsfrage ein Albtraum. In der Tat ist es das zentrale Problem in der Ethik. Da eine Ursache normal dem Effekt vorangeht, ist es besonders schwer, weil die Effekte meiner Handlungen in der Zukunft liegen und die Zukunft in einem gewissen Ma\u00dfe immer unvorhersehbar ist. In der Weise ist man immer \u00fcber den Grad von Schmerzen und Vorteilen, die eigene Handlungen verursachen werden, ungewiss.<\/p>\n<p>Umso gr\u00f6\u00dfer die zeitliche Spanne zwischen der Handlung und dem Effekt ist, umso st\u00e4rker ist normalerweise die Ungewissheit. Wenn ich (B) nun verletze um (A) in der Zukunft zu helfen, dann kann die Hilfe f\u00fcr (A) besonders ungewiss sein. Ist es in Ordnung (B) zu verletzen um (A) zu helfen, wenn (A) unschuldig ist und (B) nicht? Ist es in Ordnung Serben in Uniform zu bombardieren um nicht-uniformierten Kosovo-Albanern zu helfen? In welcher Form verleiht eine Uniform Schuld? Das scheint eine grobe Art der Gerechtigkeit zu sein, vor allen Dingen da ein bestimmtes Individuum in dieser Uniform ein zwanzigj\u00e4hriger Wehrpflichtiger sein k\u00f6nnte, der niemals jemanden etwas angetan hat. Wir sagen normalerweise, dass Schuld nur erwiesen werden kann durch den Gang des Gesetzes \u2013 nach einem gem\u00e4\u00df durchgef\u00fchrten Gerichtsverfahren. Man kann aber nicht so einfach ein Gerichtsverfahren in einem Flugzeug, das sich Tausende von Metern in der Luft befindet, durchf\u00fchren.<\/p>\n<p>Also nehmen Sie an wir ignorieren Schuld und Unschuld. Wir sehen Berichte \u00fcber Serben die Albaner tyrannisieren. Also, nachdem wir es nicht geschafft haben die Tyrannei durch Diplomatie zu stoppen, schreiten wir ein, indem wir Serben verletzen um den Albanern zu helfen. Hat das den gew\u00fcnschten Effekt? Nun, die Serben beschleunigten ihre ethnische S\u00e4uberung. Ich m\u00f6chte betonen, dass ich nicht versuche die Rolle der NATO im Kosovo-Krieg abzuwerten. Ich finde, dass wir eine Pflicht hatten zu tun was wir konnten um Milosevic zu stoppen, und dass die zivilisierte Welt viel zu sp\u00e4t mit milit\u00e4rischen Mitteln gehandelt hat um ihn in Bosnien in den fr\u00fchen 90ern zu stoppen, aber der Kosovo-Krieg ist ein sehr anschauliches Beispiel des Problems dem Ethiker in der Praxis gegen\u00fcberstehen.<\/p>\n<p><strong>Woher kommt Altruismus?<\/strong><\/p>\n<p>Es wird gew\u00f6hnlich angenommen, dass jede gemeinsame menschliche Eigenschaft \u2013 so wie die Gef\u00fchle von Mitgef\u00fchl oder Sympathie \u2013 sich entwickelt haben muss, weil sie einen \u00dcberlebenswert f\u00fcr unsere Gene hat. Ich habe dies immer in Frage gestellt. Denn sicher ist es theoretisch auch m\u00f6glich, dass einige unserer gemeinsamen Gef\u00fchle, Neigungen und Verhaltensweisen sich zuf\u00e4llig entwickelt haben, als Nebenprodukt von Verhaltensweisen oder physischen Eigenschaften unseres Gehirns die einen \u00dcberlebenswert besitzen. Vielleicht ist jemand unter den Zuh\u00f6rern der das widerlegen kann. Soweit habe ich keinen Biologen getroffen der mir auf diese Frage eine befriedigende Antwort geben konnte.<\/p>\n<p>Man kann sehen, dass zum Beispiel Mitgef\u00fchl und Schutzverhalten gegen\u00fcber den eigenen Kindern (ich bezeichne das das \u201eelterliches Verhalten\u201c) klar einen \u00dcberlebenswert haben m\u00fcssen. Ein Kleinkind wird eher \u00fcberleben und somit meine Gene weitergeben, wenn ich f\u00fcr das Kind sorge, es f\u00fcttere und warm und sauber halte. Also kann elterliches Verhalten einfach in evolution\u00e4ren Begriffen verstanden werden. Ist es nicht m\u00f6glich, dass ein gleiches Verhalten gegen\u00fcber Anderen, einfach ein \u00dcberfluss an solch einem \u201eelterlichem Verhalten\u201c ist? Wie erkl\u00e4ren wir G\u00fcte gegen\u00fcber Anderen, vor allen Dingen menschliche G\u00fcte f\u00fcr Individuen anderer Ethnizit\u00e4ten und auch anderer Spezies?<\/p>\n<p>Ist es blo\u00df eine Anwendung eines einzigen Prinzips? Wir glauben an das Prinzip von Mitgef\u00fchl, und so wenden wir es in cooler Art und rational an. Ich denke in der Tat, dass dies f\u00fcr einiges an G\u00fctem die wir gegen\u00fcber anderen zeigen, Rechnung tr\u00e4gt. Ich habe h\u00e4ufig Geld f\u00fcr eine Gute Sache, ohne das Gef\u00fchl eines bewussten Mitgef\u00fchls in dem Moment, gegeben. Ich sage mir selber: \u201ekomm, du glaubst daran, dass es richtig ist anderen zu helfen, also mach es.\u201c In anderen Situationen bin ich nat\u00fcrlich zutiefst bewegt durch die Not anderer und m\u00f6chte ihnen unbedingt helfen. Manchmal, wie dem auch sei, helfe ich nicht. Wie oft haben wir uns ersch\u00fcttert gef\u00fchlt, wenn wir hungernde Kinder im Fernsehen gesehen haben? Haben wir uns jedes Mal daran erinnert einen Scheck in ein Kuvert zu tun und ihn an die angegebene Adresse zu schicken? Ich wei\u00df, dass ich es oft nicht tat.<\/p>\n<p>So ist hier ein <i>prima-facie<\/i>-Beweis, sowohl von altruistischem Verhalten unbegleitet von dem Gef\u00fchl: \u201eMitgef\u00fchl\u201c, und seinem Korollarium: \u201eMitgef\u00fchl\u201c, unbegleitet von Altruismus.<\/p>\n<p>Evolutionisten haben einen ziemlich be\u00e4ngstigenden Grund f\u00fcr Altruismus ersonnen. Sie sagen, dass er sich auszahlt, weil manchmal die Vorteile unseres Altruismus eines Tages das Kompliment erwidern k\u00f6nnen. Die Vorteile unseres Altruismus werden uns also helfen. Also ist unsere Kapazit\u00e4t Mitgef\u00fchl f\u00fcr andere zu f\u00fchlen, uns angeboren weil es einen \u00dcberlebenswert f\u00fcr uns und unsere Gene hat. Nat\u00fcrlich kann das alles unbewusst sein. Alles wor\u00fcber wir uns bewusst sind, ist unser Gef\u00fchl von Mitgef\u00fchl f\u00fcr die hungernden Kinder. Aber kann diese Erkl\u00e4rung Rechnung tragen f\u00fcr unser Gef\u00fchl der Mitf\u00fchlsamkeit gegen\u00fcber nichtmenschlichen Tieren?<\/p>\n<p>Ich nehme an \u2013 da ich die Ergebnisse von verschiedenen Meinungsumfragen \u00fcber die Jahre kenne \u2013 dass die meisten Leute in diesem Raum starkes Mitgef\u00fchl empfinden w\u00fcrden, wenn sie ein offensichtlich hungerndes Katzenbaby auf diesem Podest sehen w\u00fcrden. Wenn ich dann beginnen w\u00fcrde das Katzenbaby zu foltern, w\u00fcrde das Gef\u00fchl des Mitgef\u00fchls schnell zu Zorn werden und ich w\u00fcrde nicht lange unversehrt davonkommen. Dies w\u00fcrden sehr starke Gef\u00fchle sein. Es sind die Art von Gef\u00fchlen, die mich entgegen vieler Schwierigkeiten viele Jahre angetrieben haben, so kenne ich das Gef\u00fchl aus erster Hand.<\/p>\n<p>Ich mag mich irren, aber ich denke nicht, dass die Erkl\u00e4rung der Evolutionspsychologen allein dieses starke Verhalten erkl\u00e4rt. Die Theorie muss zumindest erg\u00e4nzt werden. Ich meine, bei Katzenbabies besteht nicht die Wahrscheinlichkeit, dass sie reziprok meinen Genen zum \u00dcberleben helfen, also warum f\u00fchle ich Mitgef\u00fchl f\u00fcr sie? Warum f\u00fchle ich Mitgef\u00fchl f\u00fcr Fr\u00f6sche, M\u00e4use, selbst f\u00fcr Raupen und W\u00fcrmer? Es tut mir leid, aber die gegenw\u00e4rtige Theorie \u00fcber reziproken Altruismus erkl\u00e4rt meine Gef\u00fchle von Mitgef\u00fchl f\u00fcr solche Wesen nicht in \u00fcberzeugender Weise und auch nicht meine kleinen Handlungen von Altruismus ihnen gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>Im aller mindesten m\u00fcssen wir davon ausgehen, dass eine nat\u00fcrlich selektierte Tendenz \u2013 Altruismus \u2013 \u00fcber die Grenze gelaufen ist (\u201a<i>overspill<\/i>\u2019). Dabei ist dieser \u00dcberlauf sehr weit verbreitet. Andere Spezies zeigen auch teils f\u00fcrsorgliches Interesse \u00fcber die Speziesbarriere hinweg.<\/p>\n<p>In meinem Buch \u201aAnimal Revolution\u2019 habe ich 1989 argumentiert, dass unsere Behandlung nichtmenschlicher Tiere den Inbegriff dessen darstellt, was das Beste und das Schlechteste in der menschlichen Natur ist. Ich argumentierte, dass sowohl unser Mitgef\u00fchl und unsere Grausamkeit in uns \u201aeingebaut\u2019 sind. Das Kind, das ein Katzenbaby liebt, kann es spontan beginnen zu qu\u00e4len. Das ist, man kann sagen das Gute und das B\u00f6se in allen von uns. Unsere Lebenserfahrungen k\u00f6nnen eine oder beide dieser Tendenzen akzentuieren oder unterdr\u00fccken. Nehmen wir den allgemeinen Kult des Machismo zum Beispiel. Er scheint jetzt sowohl Frauen wie auch M\u00e4nner zu betreffen. In fast jeder Kultur vermittelt man Leuten das Gef\u00fchl, dass sie sich f\u00fcr ihr Mitgef\u00fchl sch\u00e4men sollen. Ihnen wird gesagt, dass es nicht \u201em\u00e4nnlich\u201c ist G\u00fcte zu zeigen. Das ist furchtbar! Es ist einer der Ursachen f\u00fcr Krieg: die kulturell hervorgerufene Idee, dass Mitgef\u00fchl oder ethisches Interesse f\u00fcr einen anderen Standpunkt zu zeigen, ein Zeichen von Schw\u00e4che ist. So ist Machismo einer der kulturellen Feinde des Mitgef\u00fchls. Ein anderer ist Snobismus. Sehen sie sich die Leute an, die es besser wissen m\u00fcssten, die gegenw\u00e4rtig die Fuchsjagd unterst\u00fctzen, einfach weil sie denken, dass es sie \u201aupper class\u2019 erscheinen l\u00e4sst. Wenn sie blo\u00df ein bisschen \u00fcber die Geschichte w\u00fcssten, dann w\u00fcrden sie wissen, dass, als die Fuchsjagd begann, von der Aristokratie auf sie herabgeschaut wurde als ein Zeitvertreib von Landarbeitern und \u201avulgarians\u2019 \u2013 Lord Chesterfield bezeichnete die Fuchsjagd als \u201ethe sports of boobies\u201c! Der Sport dessen, der auf der sozialen Leiter raufklettert!<\/p>\n<p>Also was ist dann Moralit\u00e4t? Ich denke das es Vernunft auf der Grundlage von Mitgef\u00fchl ist. Und was ist Mitgef\u00fchl? Es ist die F\u00e4higkeit sich mit anderen zu identifizieren und danach zu streben, ihr Leid zu vermindern \u2013 ungeachtet dessen, ob sie die Zugeh\u00f6rigkeit zu unserer Spezies teilen oder nicht. Wir leben in einer Gemeinschaft von Schmerz, und wir teilen ihn mit all den schmerzf\u00e4higen Wesen im Universum.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Richard Ryder: Darwinismus, Altruismus und Schmerzf\u00e4higkeit Originaltitel: Darwinism, Altruism and Panience. Ein Vortrag den Dr. Richard Ryder im Sommer 1999 hielt, im Rahmen eines von der IVU veranstalteten Symposiums mit dem Titel: \u201aAnimals, People &amp; the Environment\u2019. \u00dcbersetzung aus dem Englischen: Gita Yegane Arani. Mit der freundlichen Genehmigung von Dr. Richard Ryder. 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