{"id":824,"date":"2014-04-30T12:54:02","date_gmt":"2014-04-30T12:54:02","guid":{"rendered":"http:\/\/simorgh.de\/about\/?p=824"},"modified":"2014-10-28T14:45:43","modified_gmt":"2014-10-28T14:45:43","slug":"vegan-turkiye-ueber-intersektionalen-veganen-outreach-und-tierrechte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/simorgh.de\/about\/vegan-turkiye-ueber-intersektionalen-veganen-outreach-und-tierrechte\/","title":{"rendered":"Vegan T\u00fcrkiye \u00fcber intersektionalen veganen Outreach und die Rechte der Nichtmenschen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Vier Fragen \u2026 an Vegan T\u00fcrkiye \u00fcber intersektionalen veganen Outreach und die Rechte der Nichtmenschen \u2013 innerhalb der Bem\u00fchungen um eine Redefinition dessen, was eine \u201eallumfassende\u201c politische Freiheit idealerweise bedeuten k\u00f6nnte.<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" alt=\"\" src=\"http:\/\/simorgh.de\/niceswine\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/vegan_turkiye.jpeg\" width=\"512\" height=\"512\" \/><\/p>\n<p>Ein Kurzinterview das N. Eyck (<i>NiceSwine.Info<\/i>) mit der progressiv-veganen Aktivist_innengruppe Vegan T\u00fcrkiye f\u00fchrte. Es geht um die dringenden Fragen, die die Bewegung innerhalb der T\u00fcrkei anbetreffen. Von ihren Strategien und Erfahrungen lassen sich wichtige Impulse zur Redefinierung des Veganismus als aktivistisches ethisch \/ politisches Werkzeug ableiten.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/simorgh.de\/vegan_turkiye\/interview_mit_vegan_turkiye_2d.pdf\" target=\"_blank\">Dieser Text als PDF<\/a> (Link \u00f6ffnet sich in einem neuen Fenster)<\/p>\n<p>Der Blog von Vegan Turkiye ist auf <a href=\"http:\/\/veganturkiye.blogspot.de\/\">http:\/\/veganturkiye.blogspot.de\/<\/a>; auf Twitter followen auf <a href=\"https:\/\/twitter.com\/veganturkiye\">@veganturkiye<\/a>.<\/p>\n<p>N. Eyck: Ist die Tierrechts- \/ Tierbefreiungsbewegung in der T\u00fcrkei in gewisser Hinsicht \u201egezwungen\u201c dazu intersektional zu denken? Das hei\u00dft: bilden Menschenrechte und Umweltgerechtigkeit einen unumg\u00e4nglichen Kern innerhalb der TR\/TB-Bewegung unter Bedingungen politischer Oppression, in dem Grad, in dem ihr sie gegenw\u00e4rtig in der T\u00fcrkei erfahrt?<\/p>\n<p><b>Vegan T\u00fcrkiye:<\/b> Zuerst muss man sagen, dass die Menschen in der T\u00fcrkei unter politischem Druck stehen im Bezug auf das, was sie essen, was sie tragen, wen sie lieben und selbst im Bezug auf die Anzahl der Kinder, die sie \u201ehaben sollten\u201c. Menschenrechte k\u00f6nnen heute zwar offen diskutiert werden, insbesondere nach den letzten Unruhen [A.d.\u00dc.: den Gezi-Protesten], viele Menschen meinen jedoch, dass man sich um Tierrechte erst dann k\u00fcmmern sollte, wenn Verst\u00f6\u00dfe gegen die Menschenrechte nicht mehr stattfinden. Das hie\u00dft, man soll sich dessen ganz bewusst sein, dass es da Menschenrechte gibt, jedoch keine \u201eErdlingsrechte\u201c. Indem wir auf die Philosophie Tom Regans hinweisen, halten wir dem aber entgegen, dass alle Entwicklungsstufen der Menschenrechte erst einmal abzuwarten hie\u00dfe, dass wir zu den Tierrechten niemals gelangen werden.<\/p>\n<p>Die vegane Bewegung in der T\u00fcrkei lehnt die Diskriminierung aufgrund der Spezieszugeh\u00f6rigkeit (Speziesismus) und aufgrund der Klassenzugeh\u00f6rigkeit (Klassismus) ab. Wir verteidigen LGBTI-Rechte und sind gegen alle Arten baulicher Erneuerungen in der St\u00e4dteplanung, die dem Zwecke der Gewinnmaximierung dienen, und selbstverst\u00e4ndlich lehnen wir jeder Form \u00f6kologischer Zerst\u00f6rung ab. Auf der anderen Seite \u00f6ffnen sich die Arbeiterklasse und ein in der Linken traditionell herrschendes Bewusstsein, das sich auf den Kampf der Arbeiterklasse konzentriert, hier f\u00fcr die vegane Bewegung. So ein gemeinsames Bewusstsein in vielen Fragen zeigte sich bei den Occupy Gezi Demonstrationen zum Erhalt des Gezi-Parks, und es zeigt sich auch innnerhalb der veganen Bewegung. Im besetzten Gezi-Park gab es eine \u201evegane K\u00fcche\u201c, die zum Treffpunkt f\u00fcr Veganer_innen wurde, und ein Platz war, an dem Menschen dem Veganismus das erste Mal begegnen konnten.<\/p>\n<p>Einige Krankenh\u00e4user und Tier\u00e4rzte waren rund um die Uhr ge\u00f6ffnet und man bekam die Behandlung dort umsonst. Tieren, die durch das Tr\u00e4nengas betroffen waren, das bei der Besetzung gegen die Demonstranten eingesetzt wurde, konnte somit sofort geholfen werden, und tags\u00fcber gab man unter den Demonstranten die Warnmeldung heraus, dass die Tiere besser an sicherere Orte gebracht werden sollten. Eine andere, schlechte Erinnerung aus diesen Tagen war, dass mehrere Tierrechtler_innen festgenommen wurden, als sie an einer Gedenkdemonstration \u201ef\u00fcr alle Lebewesen, die im Zeitraum der Gezi-Besetzung get\u00f6tet wurden\u201c teilnahmen.<\/p>\n<p>Stra\u00dfen, Pl\u00e4tze, Universit\u00e4ten sind nicht mehr die Orte, an denen die Menschen dar\u00fcber sprechen, welche Gruppen marginalisiert werden. Die Veganer_Innen hier transponieren ihre politischen Ideen hingegegen auf jeden Lebensbereich, und dabei geht es immer darum, das wesentliche Ziel zu erreichen: das Recht der Tiere auf Freiheit. Wichtig ist auch, anderen Menschen zu vermitteln, dass das Ganze nicht allein Sache der Aktivist_innen ist; die Verletzung von Tierrechten ist eine Angelegenheit, die jeden Menschen etwas angeht.<\/p>\n<p>N. Eyck: Das Bloggen und das soziale Netzwerken spielt in der T\u00fcrkei bei der Outreach-Arbeit f\u00fcr Tierrechte und die Tierbefreiung, und diesbez\u00fcglich zum Informationsaustausch und zur Informationsverteilung, eine wesentliche Rolle. K\u00f6nnte, auf einer parallelen Ebene, ein engerer wechselseitiger Austausch (von Ideen und \u00fcber Probleme, denen man sich gegen\u00fcber gestellt sieht) auf internationaler Ebene einen neuen Impuls schaffen, und M\u00f6glichkeiten der Weiterentwicklung f\u00fcr unsere Bewegung weltweit er\u00f6ffnen? Mit anderen Worten: Besteht da nicht eine Notwendigkeit f\u00fcr den \u201erunden Tisch\u201c in der globalen veganen TR\/TB-Gemeinschaft, um von unseren gegenseitigen Erfahrungen zu lernen, usw.?<\/p>\n<p><b>Vegan T\u00fcrkiye:<\/b> Ja, das Internet ist ein entscheidendes Werkzeug um die Tierrechtsbewegung \u00fcberall im Land bekannt zu machen, und um die Materialien, die mit der Bewegung im Zusammenhang stehen, miteinander zu teilen. \u00dcber das Internet k\u00f6nnen wir als Tierrechtsaktivist_innen ein gemeinsames Brainstorming machen und andere Informieren \u2013 auf individueller Basis, als Gruppe und selbst als B\u00fcrgerrechtsorganisation, auch wenn sich unsere ethischen Vorstellungen alle zu einem gewissen Grad unterscheiden; wir verfolgen unterschiedliche Ans\u00e4tze in der Wahl unserer Aktionen und im Diskurs.<\/p>\n<p>Bisweilen treten nat\u00fcrlich auch Missverst\u00e4ndnisse und sogar recht extreme Streitigkeiten auf; soweit mussten wir aber noch nicht erleben, dass solche Streits bis zum Eklat gekommen w\u00e4ren. Online folgen und unterst\u00fctzen wir uns alle gegenseitig. Die Bewegung f\u00fcr die Freiheit der Tiere setzt sich unentwegt fort, \u00fcber die kontinuierlich miteinander \u00fcber das Internet ausgetauschten Informationen. In diesem Kontext irrt man nicht, wenn man behauptet, dass die Tierbefreiungsbewegung \u00fcber die sozialen Medien und die Blogs ihre Versorgungroute gefunden hat.<\/p>\n<p>Was die Globalit\u00e4t anbetrifft, so folgen wir bereits gr\u00f6\u00dferen, radikalen oder kreativen Gemeinschaften. Eine umfassende Zusammenkunft, bei der man die unterschiedlichen Erfahrungen, die in den verschiedenen L\u00e4ndern gesammelt werden, miteinander teilt, kann statt einem \u201eGlobalen Online\u201c als einziger Zusammenkunftsform eingerichtet werden. Es kommt schlie\u00dflich auch dazu, dass Tierrechtsaktivist_innen die lokalen sozio-\u00f6konomischen und kulturellen Unterschiede ignorieren, das hei\u00dft: eine bestimmte Art des Tierrechtsaktivismus kann an einem anderen Ort sogar nachteilige Effekte haben. Daher sollte jeder\/jede mit der Bewegung sorgsam umgehen. Au\u00dfer der Verbindung \u00fcbers Internet k\u00f6nnen Tierrechtsaktivist_innen auch au\u00dferhalb der Internets ihre Kontakte miteinander pflegen und sich auch h\u00e4ufiger im Jahr mal treffen, um dann ihr Wissen, ihre Erfahrungen und die Probleme, auf die sie sto\u00dfen, gemeinsam zu diskutieren.<\/p>\n<p>N. Eyck: Ist das theoretisieren \u00fcber Tierrechte, das verlautbar machen der eigenen Meinung, der eigenen Gedanken \u00fcber Tierrechte, etwas, dem man in der veganen Gemeinschaft in der T\u00fcrkei h\u00e4ufiger begegnen kann?<\/p>\n<p><b>Vegan T\u00fcrkiye:<\/b> Die Tierrechtsbewegung ist noch so neu, im Sinne der Organisierung. Selbst wenn einige Tierbefreiungsaktivist_innen schon lange in der Bewegung sind, kann man doch sagen, dass wir uns zur Zeit noch in der Trial-and-Error Phase befinden. Einige Ans\u00e4tze und Publikationen die aus dem Ausland stammen, haben uns zur Bewegung gebracht. In der T\u00fcrkei selbst ist es uns bislang nicht gelungen einen gemeinsamen, zentralen Diskurs zu entwickeln, und der Grund daf\u00fcr ist, dass wir es soweit nicht geschafft haben eine gemeinsame kulturelle Basis dazu zu schaffen. Nichtsdestotrotz kam die erste t\u00fcrkische Buchver\u00f6ffentlichung \u00fcber den Veganismus letztes Jahr heraus. Die Autoren sind Z\u00fclal Kalkandelen and Can Ba\u015fkent und dieses Buch wurde gemeinsam mit Lesern online erarbeitet. Es ist kein theoretisches Buch, aber es wirft, was f\u00fcr die Leserschaft wichtig ist, ein Licht auf die Tierrechtsfrage.<\/p>\n<p>N. Eyck: Glaubt ihr, dass ein praktischer und letztendlich politischer Zugang zum Veganismus eine Form des Veganismus etablieren k\u00f6nnen wird, bei dem es weniger um \u201eConvenience Foods\u201c geht und der weniger konsumorientiert sein k\u00f6nnte? Kann der Veganismus zu dem werden, was er eigentlich sein will: ein Grundpfeiler f\u00fcr eine Nahrungsmittelgerechtigkeit, die der ganzen Welt gerecht wird?<\/p>\n<p><b>Vegan T\u00fcrkiye:<\/b> Die Fragen dar\u00fcber, \u201awas ich trage, was ich esse\u2019, bringen nat\u00fcrlich nach einer Weile weitere Fragen mit sich, wie etwa: wie viel ich konsumiere und von woher die Dinge, die ich da konsumiere, eigentlich stammen. Du beginnst quasi ein System infragezustellen, das auf Ausbeutung basiert. Es gibt nunmehr einen gr\u00f6\u00dferen Markt f\u00fcr Veganer_innen, und der wirtschaftliche Mainstream schl\u00e4gt daraus seinen Vorteil. Wir bieten den Veganer_innen aber Alternativen an, da die Konsumgewohnheiten der Menschen sowieso unterschiedlich sind, so wie eben auch ihre Kulturen.<\/p>\n<p>Manche Leute meinen, dass sie an dieser Bewegung teilhaben k\u00f6nnen, ohne ihre bequemen Gewohnheiten aufgeben zu m\u00fcssen. Dieser \u201eTeil\u201c der Bewegung kann definitiv kritischer hinterfragt werden. Wir weisen Leute immer wieder darauf hin, \u00f6kologisch vertr\u00e4gliche Produktvarianten zu w\u00e4hlen, d.h. dass sie durch die Wahl der Produkte die sie kaufen, \u00f6kologische Sch\u00e4den verhindern k\u00f6nnen. In dem System in dem wir uns befinden, existieren immanente Problemfelder \u00fcber die ein gemeinsames Nachdenken mit politischen und ethischen Veganer_innen stattfinden muss.<\/p>\n<p>Menschen lieben Statistiken: F\u00fcr viele Leute ist es beispielsweise greifbar, wenn du mit ihnen dar\u00fcber sprichst, welche Prozentzahl des agrarwirtschaftlich genutzten Landes bebaut werden muss, um die zu landwirtschaftlichen Zwecken gehaltenen Tiere zu f\u00fcttern, und wie hoch die Prozentzahl der Tierversuche liegt, die den Menschen tats\u00e4chlich geholfen haben. Auch ist es sinnvoll, Leute darauf aufmerksam zu machen, dass wir heute einige Rechte haben, die vor einem Jahrhundert noch undenkbar gewesen w\u00e4ren, und, dass es m\u00f6glich ist diese Welt zu einer veganen Welt zu machen; ein wohlm\u00f6glich unumg\u00e4nglicher Schritt.<\/p>\n<p>N. Eyck: Vielen Dank f\u00fcr dieses Interview!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vier Fragen \u2026 an Vegan T\u00fcrkiye \u00fcber intersektionalen veganen Outreach und die Rechte der Nichtmenschen \u2013 innerhalb der Bem\u00fchungen um eine Redefinition dessen, was eine \u201eallumfassende\u201c politische Freiheit idealerweise bedeuten k\u00f6nnte. Ein Kurzinterview das N. Eyck (NiceSwine.Info) mit der progressiv-veganen Aktivist_innengruppe Vegan T\u00fcrkiye f\u00fchrte. 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