{"id":3876,"date":"2021-07-31T15:03:41","date_gmt":"2021-07-31T15:03:41","guid":{"rendered":"https:\/\/simorgh.de\/about\/?p=3876"},"modified":"2021-08-02T11:39:24","modified_gmt":"2021-08-02T11:39:24","slug":"tierrechtsethik-fleisch-und-gesellschaftskritik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/simorgh.de\/about\/tierrechtsethik-fleisch-und-gesellschaftskritik\/","title":{"rendered":"Tierrechtsethik, Fleisch und Gesellschaftskritik"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/simorgh.de\/about\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/faunacide_1b.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-3880\" src=\"https:\/\/simorgh.de\/about\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/faunacide_1cc_small.png\" alt=\"\" width=\"1467\" height=\"2086\" srcset=\"https:\/\/simorgh.de\/about\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/faunacide_1cc_small.png 1467w, https:\/\/simorgh.de\/about\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/faunacide_1cc_small-211x300.png 211w, https:\/\/simorgh.de\/about\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/faunacide_1cc_small-720x1024.png 720w, https:\/\/simorgh.de\/about\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/faunacide_1cc_small-768x1092.png 768w, https:\/\/simorgh.de\/about\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/faunacide_1cc_small-1080x1536.png 1080w, https:\/\/simorgh.de\/about\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/faunacide_1cc_small-1440x2048.png 1440w, https:\/\/simorgh.de\/about\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/faunacide_1cc_small-250x355.png 250w\" sizes=\"(max-width: 1467px) 100vw, 1467px\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>Tierrechtsethik, Fleisch und Gesellschaftskritik<\/strong><\/p>\n<p>Fleisch beinhaltet Tiermord. Dem Tiermord geht die Objektifizierung von Tieren voraus. Die Bezeichnung \u201eFleisch\u201c ist, anthropologisch betrachtet, wohl eine der am st\u00e4rksten eingebetteten sprachlichen Verankerungen von Tier-Objektifizierung in der Gesellschaft. Wie thematisieren wir als Tierrechtler*innen das Thema und den Begriff \u201eFleisch\u201c? Ein aktuell bekannter Ansatz stammt von der amerikanischen Psychologin Melanie Joy, die aufzeigt, dass bestimmte Tiere mit \u201eFleisch\u201c gleichsetzt werden, und dass die Menschen zu den Tieren, die diese Zuordnungen erfahren, keinerlei sensible und reflektierende Beziehung mehr in ihrem sozialen Verh\u00e4ltnis aufnehmen k\u00f6nnen oder wollen, w\u00e4hrend sie hingegen mit anderen Tieren, n\u00e4mlich denjenigen, die designiert sind als \u201eHaustiere\u201c (oder \u201ecompanion animals\u201c respektive im Englischen) in deren Leben aufzutreten, ganz andere sensiblere Beziehungen herstellen k\u00f6nnen. Und das, ohne dass die Gesellschaft daran Ansto\u00df nimmt oder sagen w\u00fcrde, dass sei \u201enicht richtig\u201c oder \u201enicht normal\u201c. Bestimmte Tiere werden der Fleischproduktion zugeordnet, auch wenn diese Zuordnung kulturell und lokal unterschiedlich ausf\u00e4llt.<\/p>\n<p>Wir thematisieren als Tierbefreier*innen (Tierrechler*innen, Tierfreunde, etc.) prim\u00e4r die Tierindustrien als Orte der Fleischproduktion, ohne dabei aber klarzustellen, dass Objektifizierung und Entsubjektifizierung von Tieren nicht erst zu relevanten Problemen werden, wenn wir sie quantitativ betrachten. Wir verdeutlichen in unseren Protesten nicht, dass die ganz grunds\u00e4tzliche Einstellung zu Tieren als \u201eFleischlieferanten\u201c bereits der Punkt ist, an dem mental und gesellschaftlich Tierobjektifizierung stattfindet, da wir Tierthemen nicht grundlegend in ihren gesellschaftlichen Dimensionalit\u00e4ten kritisch diskutieren, sondern erst sekund\u00e4r als relevant in einer Funktion von Begleitfaktoren kapitalistisch-anthopoz\u00e4ner Zerst\u00f6rungsnormalit\u00e4t beleuchten. Damit blenden wir zeitgleich aus, wie die Gesellschaft in sich im Detail tierobjektifizierend aufgebaut ist. Orte, an denen Entsubjektifizierung stattfinden, sind nicht erst die Metzgereien und die Schlachtbetriebe, sondern alle Orte an denen Tiere in einer Art Antagonismus zum Menschsein angenommen werden.<\/p>\n<p>In dem Punkt kann man wirklich vom abwesenden Referenten sprechen, den Carol J. Adams in sehr plakativer Weise erkannt und benannt hat in der Darstellung von Tierlichkeit als \u201eFleisch\u201c in der Werbeindustrie. Eine Diskreditierung vom Tiersein ist nicht erst dort in relevanter Weise am Arbeiten, wo sie sichtbar wird. In tierobjektifizierenden Gesellschaften ist sie bereits an den Orten mit zu lokalisieren, an denen sie unsichtbar hineinwirkt. <em>Wenn wir akzeptieren, dass die Problematiken die Tiere erfahren erst existent sind in dem Moment in dem Tiere sich bereits an Orten befinden, in die Menschen sie \u00fcber die Zeit hinweg immer wieder hineinkatapultiert haben, dann sehen wir die Tierlichkeit kaum mehr als abwesende Referenten in dem gro\u00dfen bestimmenden anthropoz\u00e4nen Raum.<\/em><\/p>\n<p>Menschliche Gesellschaft ist in Hinsicht auf Tiersein jedoch nicht als unab\u00e4nderlicher Monolith zu betrachten. Menschen haben ihre Gesellschaften erst so gebildet, dass Tierlichkeit darin einen untergeordneten Wert zugeteilt bekommen hat. Und wie sie dies getan haben, wirft fragen dar\u00fcber auf, was verschiedene Menschen zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten \u00fcber ihre tierliche Mitwelt gedacht haben. Das was der Begriff \u201eFleisch\u201c vermittelt, ist Teil einer tierobjektifizierenden Menschheitsgeschichte. Die ideologische Komponente, die sich darin abbildet, verst\u00e4rkt sich selbst durch die Art und Weise wie Objektifizierung durch solch einen Begriff funktioniert. \u201eFleisch\u201c l\u00e4sst keine Metaphorik zu, sondern ist die radikalste Form einem Gegen\u00fcber zu begegnen. Es ist die negierendste Form dem Subjektsein des anderen zu begegnen.<\/p>\n<p>Die Menschheitsgeschichte ist in Hinsicht auf Tiere kein Automatismus gewesen und ist es auch heute nicht. Es hat immer Menschen gegeben, die keine Mehrheitsmeinungen \u00fcber Tiere teilten, und selbst wenn es keine Pr\u00e4zedenzen gegeben h\u00e4tte, so sind Menschen aber immer in der Lage individuell neu und kritisch zu denken und selbst die als am unver\u00e4nderlichsten erscheinenden Normen zu hinterfragen. Dass wir diese Ver\u00e4nderlichkeit in Hinsicht auf Tierthemen f\u00fcr undenkbar halten wollten &#8211; w\u00e4hrend wir aber bei Themen die andere Menschen betreffen \u00c4nderungsm\u00f6glichkeiten denken wollen &#8211; zeigt, dass einige von uns in ihrem Denken \u00fcber das Mensch-Tier-Verh\u00e4ltnis noch sehr dem menschlich-chauvinistischen Gewohnheitsrecht verhaftet sind.<\/p>\n<p><em>Wir k\u00f6nnen in dem Moment \u00fcber \u201eFleisch\u201c kritisch sprechen, in dem wir Gesellschaften kritisch hinterfragen k\u00f6nnen.<\/em> In dem Moment geht es auch nicht mehr ausschlie\u00dflich um Mi\u00dfhandlungsf\u00e4lle in Schlachtbetrieben, sondern es geht \u00fcberhaupt um die Denkweise Tiere seien \u00fcber eine \u201eAnthropologie des Fleisches\u201c diskutierbar. Diese Denkweise wird von vielen Menschen schon so lange als ethisch falsch und den Tieren gegen\u00fcber <em>ethisch ungerecht<\/em> betrachtet, dass ich mich frage, weshalb wir es heute immernoch nicht wirklich schaffen, uns die Gesellschaften \u2013 eine Menschheit \u2013 die tierobjektifizierendes Denken hervorgebracht hat, kritischst zu hinterfragen, statt ausschlie\u00dflich an den Symptomen objektifizierenden Denkens herumzuoperieren.<\/p>\n<p>Sagen wir Menschen w\u00fcrden die industrielle Tierhaltung und -t\u00f6tung abschaffen, und sagen wir Tiere w\u00fcrde nicht mehr vor ihrer Schlachtung misshandelt werden, was w\u00fcrden Tierbefreier*innen dann zum Tiermord selbst sagen, der immernoch genauso das Kernproblem ist, wie er es in milliardenfacher Menge ist und wie er es ist, begleitet von zus\u00e4tzlichen Grausamkeiten, die jedem Theriozid noch hinzugef\u00fcgt werden k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Ich glaube selbst viele wohlwollende Menschen trauen sich nicht Gesellschaft in Hinsicht auf Tierlichkeit und Tiersein weitaus kritischer zu beleuchten als es heute selbst noch in der Tierbefreiungsbewegung getan wird. Der <em>Mensch als Norm<\/em> wird immernoch soweit vorausgesetzt, dass wir seine Geschichte als J\u00e4ger und Sammler unhinterfragt weiterhin als Argumentationsstr\u00e4nge leitendes Hauptnarrativ akzeptieren statt andere Narrative zu thematisieren und in den Mittelpunkt zu r\u00fccken. Das wollen die meisten Menschen nicht, gleichwohl wir vom Anthropoz\u00e4n sprechen und somit ja offen zugeben, dass wir das stolze zerst\u00f6rende Ma\u00df aller Dinge sind.<\/p>\n<p>Der Durchschnittsmensch, sowie der\/die Durchschnittstierbefreierin teilen Begriffe von Vernunft als allein <em>anthropoz\u00e4n bemessbaren<\/em> Vorgang. Insofern sieht er\/sie die Welt auch nur aus Sicht der einen vermeintlich wahren \u201eVernunft\u201c. Die ganze Tierverteidigung taugt aber solange viel zu wenig, solange wir aus solchen Paradigmen nicht heraustreten k\u00f6nnen, um Dinge zu akzeptieren, die wir wahrscheinlich nicht problemlos greifen k\u00f6nnen, die uns aber gewahr sind und wegen derer wir \u00fcberhaupt Tierbefreier*innen sind. Wir teilen keine Vorstellungen a la Destcartes und Followerschip, die Tiere und Maschinen in eine Ecke r\u00e4umen. Doch m\u00fcssen wir unseren Betrachtungsgegenstand, unsere Kritik an objektifizierenden Bildern von Tieren, erst noch genauer untersuchen, um nicht selber weiterhin in den Fu\u00dfstapfen objektifizierender Normenvorstellungen \u00fcber Mensch und Tier zu tappen.<\/p>\n<p>Wenn Fleisch das ist, was es ist: ein Teil eines tierlichen Lebewesens, dem unvorstellbarste Scherzen zugef\u00fcgt worden sind und dessen k\u00f6rperliche Herabsetzung als so etwas wie z.B. ein \u201ek\u00f6stliches menschliches Ern\u00e4hrungserlebnis\u201c normalisiert und zelebriert wird, auf den unterschiedlichsten anthropologisch betrachtbaren Ebenen, dann ist Fleisch der direkteste Ausdruck einer geschaffenen un\u00fcberwindbaren ethischen Kluft innerhalb der Menschheit und jenseits \u201eder Menschheit\u201c Fakt der totalen Negierung. Es geht hier nicht einfach um Essen, Einverleiben und stattdessen ein anderes Bewusstsein von Essen und Lebensmitteln zu schaffen. Genau in diese R\u00e4ume reicht ein Objektifizierungsmechanismus tierlichem Seins hinein. Warum packen viele Tierbefreier*innen Nichtmenschen rhetorisch in reduktive R\u00e4ume hinein: <em>Tierthemen werden als Streitthemen der Agrarwirtschaft aufgefasst, w\u00e4hrend das Recht auf Rechte nicht tierethisch angegangen wird. Die \u201eAnthropologie des Fleisches\u201c wird normalisiert vorausgesetzt, indem Ideologien ruraler Rituale und Tierobjektifizierung als Kulturgut nicht dekonstruiert werden.<\/em><\/p>\n<p>Tierrechtsethik kann klarmachen, dass objektifizierende R\u00e4ume dekonstruiert werden m\u00fcssen, statt als unumst\u00f6\u00dfliche menschheitsgeschichtliche Normen, und insofern als Menschseinsbestimmend, vorausgesetzt zu werden. R\u00e4ume tierlicher Objektifizierung waren, gleich wo und gleich wie, immer das gleiche. Sie waren vor allen Dingen niemals ethisch harmlos. Objektifizierende Rhetorik muss in keinem Bereich von Aktivist*innen \u00fcbernommen werden, sondern ad\u00e4quate Landkarten k\u00f6nnen aufgezeichnet werden, in denen Tatsachen von Tiersubjektivit\u00e4t als von Menschen wahrgenommen gekennzeichnet sind.<\/p>\n<p><em>Ich setze in diesem Text das Subjektsein als ein ethisch-moralisches Imperativ voraus. Objektifizierung geht nur vom Betrachtenden aus, w\u00e4hrend Subjektivierung ein grunds\u00e4tzlich sozialerer Moment ist.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tierrechtsethik, Fleisch und Gesellschaftskritik Fleisch beinhaltet Tiermord. Dem Tiermord geht die Objektifizierung von Tieren voraus. Die Bezeichnung \u201eFleisch\u201c ist, anthropologisch betrachtet, wohl eine der am st\u00e4rksten eingebetteten sprachlichen Verankerungen von Tier-Objektifizierung in der Gesellschaft. Wie thematisieren wir als Tierrechtler*innen das Thema und den Begriff \u201eFleisch\u201c? 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