{"id":3725,"date":"2021-03-09T16:21:09","date_gmt":"2021-03-09T16:21:09","guid":{"rendered":"https:\/\/simorgh.de\/about\/?p=3725"},"modified":"2021-03-09T17:54:34","modified_gmt":"2021-03-09T17:54:34","slug":"tierrechte-und-tierrechte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/simorgh.de\/about\/tierrechte-und-tierrechte\/","title":{"rendered":"Tierrechte und Tierrechte"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/simorgh.de\/about\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/erinyes_abc-min.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-3732\" src=\"https:\/\/simorgh.de\/about\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/erinyes_abc-min.png\" alt=\"\" width=\"2048\" height=\"1536\" srcset=\"https:\/\/simorgh.de\/about\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/erinyes_abc-min.png 2048w, https:\/\/simorgh.de\/about\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/erinyes_abc-min-300x225.png 300w, https:\/\/simorgh.de\/about\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/erinyes_abc-min-1024x768.png 1024w, https:\/\/simorgh.de\/about\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/erinyes_abc-min-768x576.png 768w, https:\/\/simorgh.de\/about\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/erinyes_abc-min-1536x1152.png 1536w, https:\/\/simorgh.de\/about\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/erinyes_abc-min-250x188.png 250w\" sizes=\"(max-width: 2048px) 100vw, 2048px\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>Tierrechte und antibiologistische Tiersoziologie: Der Tierrechtsdiskurs kann nicht weniger komplex gef\u00fchrt werden, als Diskurse \u00fcber Menschenrechte.<\/strong><\/p>\n<p>Gita Yegane Arani<\/p>\n<p>Umso engstirniger und reduktiver unser Weltbild in Hinsicht auf Tiere ist, umso einfacher werden unsere Erkl\u00e4rungsmodelle \u00fcber das menschliche Verh\u00e4ltnis zu dessen nichtmenschlicher Mitwelt. Und so flachen auch die Erkl\u00e4rungen dar\u00fcber ab, <em>wer<\/em> Tiere sind, was deren Rechte beinhalten und was diese Rechte wiederum in unserer Gesellschaft bedeuten m\u00fcssten \u2013 f\u00fcr die Menschen, die den ganzen Planeten mit ihren definitorischen und r\u00e4umlichen Herrschaftsanspr\u00fcchen dominieren.<\/p>\n<p>Kann man wirklich ausreichend viel bewirken und was genau bewirkt man, wenn alle zusammen an der Verwirklichung einfacher Modelle f\u00fcr Tierrechte mitarbeiten, wenn es also kein inhaltliches Durcheinander gibt, weil wir uns bei Tierrechten weniger Pluralismus im Diskurs erlauben wollen als in Sachen Menschenrechten?<\/p>\n<p>Sollte sich nicht vielleicht lieber jede*r, genauso wie in punkto Menschrechte, selbst mit allen Aspekten seines\/ihres kritischen Denkens und seiner\/ihrer fein nuancierten Beobachtungsgabe mit einbringen, statt nur nach den vielleicht offensichtlicheren M\u00f6glichkeiten Ausschau zu halten, die in der Vereinfachung eines in Wirklichkeit genauso komplizierten Sachverhalts liegen?<\/p>\n<p>Das Problem ist nat\u00fcrlich, dass wir selbst bei Menschrechtsfragen oftmals lieber weniger h\u00f6ren wollen von den Geschichtegestalter*innen von unten. So haben wir selbst hier die Tendenz zu ein paar vermeintlich \u201erichtigeren\u201c gro\u00dfen Str\u00f6mungen in der Beantwortung von Fragen und den dazugeh\u00f6rigen Fragestellungen. Im Tierrechtsbereich (inkl. Tierbefreiung) ist der Mangel an echter Pluralit\u00e4t und basisdemokratischer Kommunikation aber v\u00f6llig eklatant.<\/p>\n<p>Der Anspruch auf die eigenen Menschenrechte hat nat\u00fcrlich den Vorteil, im Vergleich zum indirekten Einklagen von denjenigen Rechten, die wir f\u00fcr unsere nichtmenschlichen N\u00e4chsten einfordern, dass qua Menschenrecht jede*r an sich als vollwertiges Subjekt-von-Rechten vom Grundsatz her anerkannt wird, und dass jede*r theoretisch, und von dem uns ethisch einigenden Grundsatz her, ein Recht darauf hat seine\/ihre Meinung frei zu artikulieren. Von der Pr\u00e4misse der Menschenrechte her, darf ich f\u00fcr mich selbst als Mensch sprechen. F\u00fcr die Rechte von nichtmenschlichen Tieren muss ich eine weitaus grunds\u00e4tzlichere Leistung an Argumentation erbringen, da hier bislang fast nur speziesistische \u00dcbereink\u00fcnfte in s\u00e4mtlichen die Tiere betreffenden Bereichen vorherrschen.<\/p>\n<p>Die Artikulation von <em>seinsphilosophisch relevantem Tun und Denken<\/em> wird Tieren abgesprochen in unserem naturwissenschaftlich gepr\u00e4gten Zeitalter, mit der Begr\u00fcndung, dass sie Instinktwesen seien (gekennzeichnet als evolutionsbiologisch zu unterscheidender Antipode zum Menschen) und immer auch mit der Begr\u00fcndung, dass sie den qualifizierenden Parametern des Menschen nicht entsprechen, die sich dazu berechtigen w\u00fcrden, vollwertige Subjekte unabh\u00e4ngiger Rechte auf Freiheit und auf Unversehrtheit von menschlicher Gewalt zu sein, usw.<\/p>\n<p>Die Konsequenzen der rechtlichen Disqualifizierung lehnen Tierrechtler*innen grunds\u00e4tzlich ab und bek\u00e4mpfen sie. Die Ursachen aber f\u00fcr die Entrechtung werden noch nicht ausreichend differenziert analysiert und kritisch hinterfragt. Infolgedessen werden Ursachen von manchen Tierrechtler*innen teils sogar selbst unbewusst weiter aufrecht gehalten.<\/p>\n<p>Bei unseren Menschenrechten merken wir st\u00e4ndig, dass wir den Einsatz f\u00fcr unsere Rechte als Mensch auch st\u00e4ndig selber antidiskriminatorisch mit verwirklich m\u00fcssen \u2013 im Alltag als einzelnes Individuum sowie im Einsatz f\u00fcr das Gro\u00dfe und Ganze. Beim Speziesismus soll das jetzt anders aussehen. Tierrechte und Speziesismus sollen inhaltlich vermeintlich viel einfacher zu l\u00f6sende Diskriminierungsmomente sein. Die Diskriminierung von Tieren soll vergleichsweise ein insofern weniger komplexes Thema sein, da es sich mit dem Ziel der k\u00f6rperlichen Unversehrtheit von Tieren bereits komplett beantworten lie\u00dfe. Ich bezweifle jedoch, dass solange die bislang nicht offengelegten Ursachen in einer anthropozentrischen Gesellschaft noch weiterhin au\u00dfer Acht gelassen werden, wir zeitgleich eine wirkliche L\u00f6sung f\u00fcr die Tiere betreffenden Probleme finden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wenn man aber sagt, die alleinige Forderung nach physischem Schutz reicht noch nicht um Tierrechte auf seine ad\u00e4quaten Fundamente zu platzieren, dass es um noch mehr geht und wir immer noch eine in so vielerlei Hinsicht extrem reduktive Sicht auf das Tiersein haben, dann wird einem potenziell im Gegenzug unterstellt, man wolle dem schlimmsten \u00dcbel, das den Nichtmenschen physisch geschieht, nicht mit helfen politisch entgegenzutreten.<\/p>\n<p>Soll der Grund, wieso es \u00fcberhaupt Speziesismus gibt \u2013 oder wie auch immer wir das Problem noch nennen k\u00f6nnten (Tierhass, Tierunterdr\u00fcckung, usw. usf.) \u2013 etwa nicht zu komplex diskutiert werden, angesichts der schier unbeschreiblichen Extremheit der Situation und der gebotenen Eile Ver\u00e4nderungen herbeizuf\u00fchren? Das k\u00f6nnte ich verstehen. Aber ich finde bislang noch nicht mal einfache verbale Beschreibungen f\u00fcr die Extremheit der Situation vor. Ich pl\u00e4diere f\u00fcr Begriffe wie Faunazid oder Zoozid um die Extremheit zu bezeichnen.<\/p>\n<p>Die Situationen, die wir im Alltag im Bezug auf Tiersein und Tierlichkeit bezeugen, sollen vergleichsweise einfacher beantwortbar sein als die, wenn mir selbst etwas vergleichbares als \u201eMensch\u201c geschehen w\u00fcrde? Ich brauch mir nicht vorstellen, was w\u00e4re, wenn mir selbst so eine Art Unrecht widerfahren w\u00fcrde? Ich soll also theoretisch mein Erlebnis Subjekt zu sein als Tierrechtler*in v\u00f6llig dissoziieren von tierlichen Subjekten? Wer entscheidet das, wenn nicht ich selbst?<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/46millionturkeys.com\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-3734\" src=\"https:\/\/simorgh.de\/about\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/tierrechte_puten_und_kinder_1a.png\" alt=\"\" width=\"1522\" height=\"678\" srcset=\"https:\/\/simorgh.de\/about\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/tierrechte_puten_und_kinder_1a.png 1522w, https:\/\/simorgh.de\/about\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/tierrechte_puten_und_kinder_1a-300x134.png 300w, https:\/\/simorgh.de\/about\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/tierrechte_puten_und_kinder_1a-1024x456.png 1024w, https:\/\/simorgh.de\/about\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/tierrechte_puten_und_kinder_1a-768x342.png 768w, https:\/\/simorgh.de\/about\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/tierrechte_puten_und_kinder_1a-250x111.png 250w\" sizes=\"(max-width: 1522px) 100vw, 1522px\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>Warum es wichtig ist ein fundamentales Pluralit\u00e4tsbewusstsein im zivilgesellschaftlichen Aktivismus einzufordern. Tierrechte bilden da keine Ausnahme, sondern ganz im Gegenteil!<\/strong><\/p>\n<p>Das Thema Tierrechte ist kein inhaltlicher Monolith. Es besteht zugleich auch keinerlei zwangsl\u00e4ufige Einheitlichkeit in den allgemeinen Weltanschauungen von denjenigen Menschen, die sich proaktiv mit dem Themenkomplex auseinandersetzen. Gerade wenn es um unser Bild von Tieren und deren Rechte geht, steht auf einmal so viel bislang Ungekl\u00e4rtes zur Frage, und es muss derart viel neu durchdacht werden, dass wir dabei vielleicht manchmal vergessen, dass auch dieses neu erscheinende Denken erst im Zusammenhang mit dem Entsteht, was uns bereits vorher besch\u00e4ftigt hat.<\/p>\n<p>Damit zeigen sich meiner Beobachtung nach auch die verschiedenartigen Vorstellungen von dem, wie Rechte nicht-anthropozentrisch verstanden werden k\u00f6nnen, und wie der Blick von Menschen auf Nichtmenschen v\u00f6llig divers ist. Immerhin ist unser typisches, normales, durch die menschliche Hybris gekennzeichnetes Bild von Nichtmenschen ein sich immer nur an der Oberfl\u00e4che befindendes unzureichendes Projektionswerk gewesen. Ein einzelner Mensch hat sich, introspektiv betrachtet, aber seine\/ihre eigene Meinung bilden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das Thema Tierrechte und unsere Betrachtungen \u00fcber menschliche Sichtweisen auf Tiere als einfach zu beschreiben, w\u00fcrde bedeuten das Denken \u00fcber Tiere auf einen Tunnelblick begrenzt zu halten. Die Komplexit\u00e4t in menschlichen Herangehensweisen an das Thema bildet nicht einfach ein sinnloses Chaos, sondern sie bildet idealerweise einen wichtigen hilfreichen Hintergrund f\u00fcr die Kl\u00e4rung von dem, was wir dann letztendlich gemeinschaftlich in differenzierter Weise unter Tierrechten verstehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen Tierrechte nur dann sinnvoll definieren, wenn wir dabei transparent machen und offen mit einbeziehen, dass es um unsere eigenen <em>richtigen und falschen<\/em> Approximationen geht, dass sich hier unsere Vorstellungswelten spiegeln, die es erm\u00f6glichen uns den Fragen anzun\u00e4hern, und wir uns so und nicht anders den Nichtmenschen in ihrer Autonomie von menschlichen Beherrschungsanspr\u00fcchen konstruktiv oder destruktiv begegnen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Es existiert kein zwangsl\u00e4ufiges Bild, das alle Menschen im Bezug auf Tiere teilen. Mehrheitlich multiplizieren sich Stereotype, die \u00fcber Identit\u00e4ten gebildet werden. Mehrheitlich, kann man speziesistische Attributisierungen, im Sinne dass das Menschliche \u201egut\u201c und das Tierliche \u201eschlecht\u201c sei betreiben. Das ist aber ein d\u00fcnnes ideologisches Konstrukt, dass sich im Moment der unabh\u00e4ngigen Reflektion der tierlichen Gegen\u00fcber schnell aufl\u00f6st auf den individuellen Erlebnisebenen von Menschen. Und es sind auch nicht alle kulturellen \u00dcberlieferungen klinisch rein von dem, was antispeziesistisch vertr\u00e4glich oder hilfreich ist.<\/p>\n<p>(Mit \u201erichtigen\u201c und \u201efalschen\u201c Ann\u00e4herungen an das Thema meine ich das gleiche \u201erichtig\u201c und \u201efalsch\u201c, das auch immer wieder neu in den Menschenrechten austariert werden muss, wenn es um die Anerkennung von Rechten geht und um die Erkenntnis \u00fcber Unrecht damit einhergehend. Zu allen Zeiten werden Diskriminierungsmomente auch gegen Menschen ausgeblendet und kaschiert.)<\/p>\n<p><strong>Ursachen des Faunazids benennen<\/strong><\/p>\n<p>Mein eigener Hauptfokus in der Frage dessen, was Tierrechte bedeuten m\u00fcssen, ist eine antibiologistische Herangehensweise an das Thema. Mir ist \u00fcber die letzten vollen zwanzig Jahre in der Tierrechtbewegung (und in der Tierbefreiungsbewegung) aufgefallen, dass immer noch eine Sichtweise \u00fcber Nichtmenschen als normal vorausgesetzt wird, die Tiere in erster Linie mit biologischen Terminologien liest, und dass Tieren infolgedessen selbst in diesen Bewegungen eine, philosophisch betrachtet, verminderte Rolle im Gesamtgeschehen zugeordnet wird.<\/p>\n<p>Das ist ein Anthropozentrismus, der bestimmte Vorstellungen von \u201eMenschsein\u201c als einzig gestaltend im Weltgeschehen in den Mittelpunkt r\u00fcckt, und bei dem dieses Menschsein als qualifiziert erkannt wird, anhand von den Merkmalen, die im Laufe der j\u00fcngeren Menschheitsgeschichte als biologische Unterscheidungsmerkmale in wertender Weise gekennzeichnet wurden.<\/p>\n<p>Anhand von biologischen Merkmalen wird hergeleitet, welche Handlungen gesamtgeschichtlich f\u00fcr die Menschheit relevant sind und welche bedeutungslos und marginalisierbar sind. Wird der Blick (etwas fortschrittlicher) auf die ganze Natur biozentrisch gerichtet, dann bleibt der biologistische Anthropozentrismus erhalten, indem die Naturgeschichte eine Zone ist, in der nichts vergleichbares wie das menschliche Denken stattfindet.<\/p>\n<p>Das menschliche Denken wird anhand der eigenen Fr\u00fcchte des eigenen menschlichen Handelns abgelesen, und in seiner Unvergleichlichkeit unter allen biologischen Lebewesen als ma\u00dfgeblicher verstanden, insofern, dass der Mensch \u00fcber eine unbedingte Selbstbestimmtheit als biologische Einheit verf\u00fcgen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Die zentrale Frage ob wir <em>tierliches Denken<\/em> endlich nicht mehr als einen kausalistischen sondern als einen freien Prozess anerkennen, wird in bislang in keiner Weise komplex diskutiert und \u00fcber \u00fcberhaupt als relevant f\u00fcr Tierrechte (und die Tierbefreiung) lokalisiert. Die Verbindung von nichtmenschlicher Intelligenz im gesamten nichtmenschlichen Raum \u2013 das hei\u00dft auch: Tiere als Meister in ihrer \u00d6kosozialit\u00e4t \u2013 \u2026 ist f\u00fcr uns also noch kein Kriterium um Intelligenz ausreichend neu zu bedenken.<\/p>\n<p>Ich fordere meine Kolleg*innen immer wieder auf, dass wir auch die theoretischen K\u00e4fige aufbrechen m\u00fcssen. Das hei\u00dft, die Erkl\u00e4rungswelt \u00fcber Tiere ben\u00f6tigt eine Erweiterung in der Wahrnehmungssensibilit\u00e4t und in der Wahrnehmung beschreibenden Sprache von Menschen. Die Gesellschaft tut sich, selbst in ihren widerst\u00e4ndlerischen Segmenten, noch au\u00dfergew\u00f6hnlich schwer mit einem Paradigmenwechsel in der Perspektivit\u00e4t, die sie zur Beschreibung der nichtmenschlichen Welt anwendet.<\/p>\n<p>Vielversprechendere Ans\u00e4tze als die des \u201ewei\u00dfen Mainstreams\u201c finden sich teils bei Autor*innen, die von einem eher dekolonialen Hintergrund her kommen und deren Sichtweisen \u00fcber das Mensch-Tier-Verh\u00e4ltnis sich zum Teil erkennbar unterschiedlichen Kosmologien zuordnen l\u00e4sst. Es scheint, dass indem das Konstrukt \u201eMensch\u201c ein anderes ist, das \u201eTier\u201c sich auch immerhin abweichend lokalisieren l\u00e4sst, und wir so zumindest erkennen k\u00f6nnen, dass die Sichtweisen auf Nichtmenschen kulturell nicht immer so ganz einhellig sind.<\/p>\n<p>In der soziologischen Zuordnung der Tierfrage und der Tierrechte innerhalb des Antirassismusdiskurses findet sich die Beobachtung, dass Tieren ein Nicht-Ort zugeschrieben wird, an dem sie eigentlich, in dem was sie selbst in Wirklichkeit sind, \u00fcberhaupt nicht erkannt werden. Eine neue, explizite Beschreibung von solchen nichtmenschlichen R\u00e4umen findet bislang aber nicht weiter in den Diskussionen statt. Es wird erkannt, dass etwas nicht erkannt wird. Aber auch hier finde ich bislang keine explizite Kritik an den Alleinstellungsmerkmalen vom Speziesismus (Tierhass, Tierunterdr\u00fcckung, usw.), die eine priorit\u00e4re, fallgerechte Analyse einl\u00e4uten w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Der Speziesismus hat logischerweise die wirklich perverse Eigenschaft, dass er in negativer Form im Umkehrschluss darauf hinweist, was die Negierung von Tieren eigentlich \u00fcberhaupt alles an Tieren verneint. Schauen wir uns die Unterdr\u00fcckung von Tieren und Tierhass, etc. nicht genau an, erkennen wir auch schwerlich wo die Widerst\u00e4nde exakt bei den Menschen liegen, das hei\u00dft wo der Mensch \u201enicht richtig funktioniert\u201c \u2013 wo er ungerecht ist und im Unrecht gegen andere-als-menschliche Tiere handelt. Au\u00dfer nat\u00fcrlich wir gehen davon aus, dass es im Prinzip evolutionsgeschichtlich ganz normal war, dass wir Tiere opfern und t\u00f6ten mussten. Wir gehen aber nicht alle davon aus!<\/p>\n<p>Eine sehr gro\u00dfe Gruppe unter den Aktivist*innen f\u00fcr Tierrechte lassen sich jedoch immer noch mit zu der mehrheitlichen Gruppe von Menschen z\u00e4hlen, die das klassische Narrativ des J\u00e4gers und Sammlers ohne den geringsten Zweifel unterschreiben. Tierrechtler*innen die dies tun, begrenzen die Geschichtsschreibung \u00fcber \u201aden Menschen\u2018 \u2013 vielleicht unwillentlich \u2013 auf das Kollektivistische und das Mehrheitliche und Dominante.<\/p>\n<p>Wenn ich diese Gruppe aus meiner Tierrechtssicht her kritisiere, dann steht hinter solch einer Kritik mein Bewusstsein dessen, dass Tierrechte gleicherma\u00dfen differenziert er\u00f6rtert werden k\u00f6nnen wie Menschenrechte. Wenn wir Tiere erkennen, als mit-ihren-Geschichten-vollst\u00e4ndig-bedeutsam, k\u00f6nnen wir verstehen, warum wirklich konstruktive Auseinandersetzungen mit Tierrechten niemals einem politischen \u201eEinparteienprogramm\u201c gleichen sollten. Dabei geht es um den Kern des Problems, n\u00e4mlich die mehr oder weniger reduktiven Sichtweisen auf Tiere, und in dem Zuge die Verkn\u00fcpfungen mit sozialen und \u00f6kologischen Fragen, die demokratische R\u00e4ume anbetreffen.<\/p>\n<p>Die Mehrheit der Tierrechtler*innen erzeugt leider genau den Einparteien-Effekt, indem sie beinahe geschlossen vor allem biologistisch an das Thema herantreten. Der <em>Biologismus im Speziesismus<\/em> ist f\u00fcr mich die Folge der dominanten menschheitsgeschichtlichen Entwicklungen in Philosophie und Religion, und den weiteren kulturellen Orten, die Menschen zur Selbstorientung und zur Definition ihrer Mitwelt gepr\u00e4gt haben und pr\u00e4gen.<\/p>\n<p>Der aktuelle Ort, an dem eine radikale Trennung zwischen Menschsein und Tiersein geschaffen werden konnte, war der, an dem sie g\u00e4nzlich der naturwissenschaftlichen Fokussierung auf ihr Physisches untergeordnet wurden, als gedachten Ort einer vollst\u00e4ndigen Erkl\u00e4rbarkeit ihres Seins.<\/p>\n<p>Man kann nat\u00fcrlich in gleicher Weise auch f\u00fcr Tierrechte k\u00e4mpfen, indem man sagt, die Geschichte spielt keine Rolle, ich muss sie auch nicht weiter hinterfragen und es geht darum, was jetzt getan werden muss. Das hie\u00dfe aber, dass wir auch der Geschichte derjenigen Tiere, die in der ganzen Menschheitsgeschichte bislang untergeordnet wurden, nie einen Raum in der aktuellen Diskussion \u00fcber Tierrechte geben k\u00f6nnen. Es hei\u00dft auch, zu sagen, Tiere seien \u00fcberhaupt geschichtslos im historischen Sinne, weil es nur eine anthropozentrische und biologistisch gepr\u00e4gte Sicht auf die Gesamtweltgeschichte geben kann. Klar k\u00f6nnen wir Tiergeschichte \u00fcberhaupt erst mitreflektieren, wenn wir Tiere \u00fcberhaupt erst anders reflektieren.<\/p>\n<p>Reicht es ihnen, den Tieren einen Raum zuteilen zu wollen, an dem sie k\u00f6rperlich gesch\u00fctzt sein sollen, aber weiterhin den extremst unterdr\u00fcckerischen und absurdesten Definitionen untergeworfen werden sollen? Wie w\u00fcrden die normalen heutigen Mainstream-Tierrechtler*innen dann das Problem mit Speziesismus und Religion zum Beispiel l\u00f6sen wollen? Mit anthropozentrischer \u201eGnade\u201c aber ohne Rechte? Und mit welcher Begr\u00fcndung werden die Annexionen von Tiersein in juristischen, politischen, philosophischen und anderen kulturellen R\u00e4umen dann ausger\u00e4umt, die immer wieder den optimalen N\u00e4hrboden zur Legitimation von Speziesismus in der Gesellschaft bieten?<\/p>\n<p><strong>\u00dcber Tierrechte sprechen, Perspektivenvielfalt er\u00f6rtern<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt viele Weltanschauungen. Und so gibt es auch viele verschiedene Anschauungen, wie Menschen meinen k\u00f6nnen, die Rechte anderer mitzurealisieren. Die Vielfalt dieser engagierten Sichtweisen kann erst erkennbar machen und kl\u00e4ren, was das Gegenteil von Speziesismus in der Gesellschaft wirklich ausmacht \u2013 Speziesismen sind allgemeine \u00dcbereink\u00fcnfte \u00fcber Tiere, die getroffen wurden\/werden. Sie lassen der pazifistischen Begegnung zwischen menschlichen und tierlichen Subjekten keinen Raum. Eine verengende Diskussionsf\u00fchrung spiegelt diesen besonderen Istzustand tierfreundlichen und antispeziesistischen Denkens in Teilen der Gesellschaft kaum wieder. Und es ist egal, ob es sich dabei vielleicht um einer Minderheit in der Minderheit handelt.<\/p>\n<p>Ich habe den Eindruck, viele Menschen wollen Pluralit\u00e4t tendenziell nicht wirklich in die Praxis umsetzen oder halten sie f\u00fcr wenig effektiv. Das Hierarchische wird stillschweigend weiterpraktiziert, indem immer wiederkehrende Priorisierungsakte von \u00e4hnlich konstruiertem \u201eWichtigen\u201c und \u201eUnwichtigen\u201c, \u201eRelevantem\u201c und \u201eIrrelevantem\u201c vollzogen werden. Gleich wie sich die Menschheitsgeschichte ver\u00e4ndert, bestimmte Mechanismen werden kaum hinterfragt und \u00e4ndern sich daher kaum.<\/p>\n<p>Ich glaube die Adressierung der Tierrechtsproblematik stagniert immer noch mehr wegen der verkrusteten Strukturen innerhalb menschlicher Kommunikationswege, und nicht wegen der Fragen selbst. Das hei\u00dft, das Thema ist so imminent und explosiv, aber die Art, wie wir dar\u00fcber reden, ist verengend und zu vereinfachend.<\/p>\n<p>Wir erleben hier eine Zeit, die vergleichbar sein muss mit den Zeiten der gro\u00dfen schwierigen Paradigmenwechsel in der Entwicklung von menschlichen Sichtweisen auf die Welt. Im Punkt Menschenrechte sind wir bem\u00fcht um inhaltlich gro\u00dfe Schritte. Im Punkt Mitwelt belassen wir die Welt ethisch und politisch als \u201ezweidimensionale Scheibe\u201c. Wobei dieser Vergleich nat\u00fcrlich hinkt, denn das Verst\u00e4ndnis von Objektivit\u00e4t in den Naturwissenschaften war in der Betrachtung der Menschen von ihrer nichtmenschlichen Mitwelt niemals das neutrale Mittel zur Erkenntnisgewinnung. Niemand hat sie kritisch hinterfragt und nicht zuletzt ging es um eine seinsgeschichtliche Konstellation, an der sich das \u201eMenschsein\u201c selbst in zerst\u00f6rerischer Weise abgearbeitet hat.<\/p>\n<p>Viele Menschen setzen sich weniger mit irgendwelchen eigentlichen Inhalten auseinander, statt mit dem Pool an Informationen, die als die wichtigsten und richtigsten innerhalb einer Gesellschaft ausgetauscht werden. Kritisches, hinterfragendes Denken kann aber nicht in Schienen von Informationsaufnahme und Informationsabfragung verlaufen, die zum Teil aber selbst durch Methodiken im akademisches Denken einge\u00fcbt werden. Akademisches Denken l\u00e4uft meiner Meinung nach oftmals Gefahr geschlossene gedankliche Kreise zu erzeugen, anhand der Verifizierung von Ideen, bei der die Berufung auf Quellen \u00fcberbetont wird \u2013 die in ihren inhaltlichen Aussagen aber nicht an und f\u00fcr sich als neutral vorauszusetzen sind, sondern auch immer nur Abbild eines weiteren geschlossenen Gedankenkreises, der durch weitere Berufungen auf Quellen generiert wurde. Ein Inhalt wird erst durch eine*n Autor*in und deren Ranking mehr oder weniger relevant. Inhalte an und f\u00fcr sich k\u00f6nnen nicht quellenlos diskutiert werden. Manche Problemkomplexe und Fragenstellungen, etc. lassen sich so aber nicht thematisieren. Es gibt tats\u00e4chlich Themen, zu denen wirst du nichts finden, die aber trotzdem t\u00e4glich auf dich einwirken. Oder du findest vielleicht nur tendenzi\u00f6se Texte (Ich erinnere mich da (un)gerne an meine Suchen in alten philosophischen und literarischen Texten zum Thema \u201aWeiblichkeit\u2018, geschweige denn sp\u00e4ter zu den Themen \u201aNatur\u2018 und \u201aTiere\u2018. Wenn wir uns heute auch nur auf Quellen aus der Gegenwart beziehen w\u00fcrden, bliebe die Geschichte immer noch weiterhin ein Kontinuum).<\/p>\n<p>Aus akademischer Sicht wird implizit zudem eine Sicht einge\u00fcbt, dass nicht-akademisch geschulte Menschen weniger in der Lage w\u00e4ren wichtige Beobachtungen auszudr\u00fccken, oder dass diese allein noch nicht bedeutungsvoll genug sind um als Fundamente f\u00fcr Demokratie zu funktionieren. Eine Gefahr die ich im akademischen Denken sehe ist, von einer intramenschlichen soziologischen Ebene her betrachtet, ein gesellschaftlicher Elitismus. Es werden Perspektiven eingenommen aus einer intellektuellen Vogelsicht, die f\u00fcr zivilgesellschaftliche Prozesse \u00e4u\u00dferst hinderlich sein k\u00f6nnen \u2013 wenn es um die Weiterentwicklung von B\u00fcrgerrechten aber auch um die Entwicklung von neuen emanzipativen Prozessen in der Gesellschaft wie Tierrecht und Umweltschutz geht. Auch Umweltschutz ist kein Thema, dass nur technokratisch adressiert werden kann. Die Naturwissenschaften k\u00f6nnen zwar Zahlen und Fakten von technisch messbarer Umweltzerst\u00f6rung nennen und zu einem ver\u00e4nderten Verhalten ermahnen, etc. Mehr eigentlich aber auch nicht.<\/p>\n<p>B\u00fcrgerrechte, einschlie\u00dflich Tierrechte und Umweltschutz \u2013 die beiden gro\u00dfen Themenkomplexe die das Mensch-Mitwelt Verh\u00e4ltnis anbelangen \u2013 m\u00fcssen von allen (mit-)gedacht und von allen (mit-)praktiziert werden. Einigungen und Fortschritte k\u00f6nnen nur ausgehandelt werden zwischen allen. Selbst \u00f6konomische Ver\u00e4nderung bed\u00fcrfen aller demokratischer gesellschaftlichen Bausteine; man denke an eine Realisierung einer Postwachstumsgesellschaft und an die Praxis von Konsumkritik.<\/p>\n<p>Tierrechte funktionieren nicht anders als Menschenrechte. Genauso der Umweltschutz. Wenn nicht jede*r diese emanzipativen Prozesse mitdenken und mitmachen und mitentwickeln kann, dann ist alles nur von oben verordnet und kein demokratisches Wachstum.<\/p>\n<p>Ich verstehe nicht warum Tierrechte zunehmen akademisiert werden, als klassisches Aktivismusgebiet. Man sieht diese Tendenz aber in einigen Aktivismusgebieten und diese Tendenzen werden auch von einigen Aktivist*innen kritisch beurteilt. Nur nicht so in den Tierrechten. Der Tierrechtsaktivismus gibt sich vorwiegend monolithisch, indem er eine einfache Haltung zum Thema einnimmt, statt komplexe Fragen, wie es in den anderen B\u00fcrgerrechtsbewegungen Praxis ist, aufzuwerfen. Vielleicht meint er mehr Schlagkraft aus einem geeinten Auftreten zu erzielen und zu viel Heterogenit\u00e4t scheint das geeinte Auftreten zu zerstreuen. Ich glaube aber nicht, dass das der vern\u00fcnftigste Weg ist.<\/p>\n<p>Eine Vereinfachung der Problematik ist meiner Meinung nach unrealistisch und wenig \u00fcberzeugend, und spiegelt weder die Realit\u00e4t der Tiere und ihrer erlebten Geschichten noch die Realit\u00e4t der Menschen, und ihrer Erlebnisse im Engagement f\u00fcr Tiere wieder. Es scheint mir eher das laute Gel\u00e4ut sich hierarchisch organisierender Cluster und Gruppen zu sein, die Inhalte selbst zu einem gro\u00dfen Teil unsichtbar machen. Die Vereinfachungen des Themas werden dem Thema nicht gerecht, aber vermitteln den Eindruck, als w\u00e4re die Einfachheit dem Thema geschuldet. Das ist meiner Meinung nach ein Fauxpas im aktivistischen Ansatz, der allzu offensichtlich zu sein scheint. Ich frage mich, ob in der Mainstream-Tierrechtsbewegung und Tierbefreiungsbewegung gegenw\u00e4rtig nicht zu kurz gedacht wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tierrechte und antibiologistische Tiersoziologie: Der Tierrechtsdiskurs kann nicht weniger komplex gef\u00fchrt werden, als Diskurse \u00fcber Menschenrechte. Gita Yegane Arani Umso engstirniger und reduktiver unser Weltbild in Hinsicht auf Tiere ist, umso einfacher werden unsere Erkl\u00e4rungsmodelle \u00fcber das menschliche Verh\u00e4ltnis zu dessen nichtmenschlicher Mitwelt. 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