{"id":1559,"date":"2016-12-16T18:31:08","date_gmt":"2016-12-16T18:31:08","guid":{"rendered":"http:\/\/simorgh.de\/about\/?p=1559"},"modified":"2016-12-16T18:46:18","modified_gmt":"2016-12-16T18:46:18","slug":"noske-die-tierfrage-in-der-anthropologie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/simorgh.de\/about\/noske-die-tierfrage-in-der-anthropologie\/","title":{"rendered":"Barbara Noske: Die Tierfrage in der Anthropologie. Ein Kommentar."},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/simorgh.de\/about\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/kts8.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1217\" alt=\"kts8\" src=\"http:\/\/simorgh.de\/about\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/kts8.png\" width=\"1315\" height=\"362\" srcset=\"https:\/\/simorgh.de\/about\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/kts8.png 1315w, https:\/\/simorgh.de\/about\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/kts8-300x82.png 300w, https:\/\/simorgh.de\/about\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/kts8-1024x281.png 1024w, https:\/\/simorgh.de\/about\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/kts8-250x68.png 250w\" sizes=\"(max-width: 1315px) 100vw, 1315px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Jahrgang 3, Nr.\u00a01, Art. 1, ISSN 2363-6513,\u00a0Dezember 2016<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/simorgh.de\/about\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/cow_farangis_yegane.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1560\" alt=\"cow_farangis_yegane\" src=\"http:\/\/simorgh.de\/about\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/cow_farangis_yegane.png\" width=\"951\" height=\"637\" srcset=\"https:\/\/simorgh.de\/about\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/cow_farangis_yegane.png 951w, https:\/\/simorgh.de\/about\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/cow_farangis_yegane-300x200.png 300w, https:\/\/simorgh.de\/about\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/cow_farangis_yegane-250x167.png 250w\" sizes=\"(max-width: 951px) 100vw, 951px\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>Die Tierfrage in der Anthropologie: Ein Kommentar<\/strong><\/p>\n<p>Barbara Noske<\/p>\n<p>Titel der englischsprachigen Originalfassung: <i>The Animal Question in Anthropology: A Commentary<\/i>. Der Artikel wurde der Zeitschrift <i>Society &amp; Animals <\/i>in der Ausgabe: Vol. 1 No. 2, 1993 ver\u00f6ffentlicht. \u00dcbersetzung aus dem Englischen: Gita Yegane Arani. Mit der freundlichen Genehmigung von Dr. Barbara Noske.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/simorgh.de\/tierautonomie\/JG3_2016_1_noske_2a.pdf\" target=\"_blank\">Dieser Text als PDF<\/a><\/p>\n<p><b>Zusammenfassung:<\/b> Anthropologen und Soziologen, so wie Wissenschaftler in den Humanwissenschaften generell, gehen davon aus, dass Sozialit\u00e4t und Kultur nicht au\u00dferhalb des menschlichen Bereichs existieren. In der Anthropologie stehen Tiere nicht nur als Objekte da, denen gegen\u00fcber menschliche Subjekte sich verhalten, sondern sie stehen auch als Antithese da f\u00fcr all das, was den Menschen den Sozialwissenschaften zufolge, menschlich macht. Die Sozialwissenschaften geb\u00e4ren sich als die Wissenschaften der Diskontinuit\u00e4t zwischen Menschen und Tieren. Unsere Kontinuit\u00e4t zu Tieren wird als ein rein materieller Rest einer pr\u00e4historischen Vergangenheit angesehen. Im besten Falle wird unsere \u201eAnimalit\u00e4t\u201c (unser K\u00f6rper) als materielle Basis betrachtet, aus der sich unser echtes \u201eMenschsein\u201c (Verstand, Sozialit\u00e4t, Kultur, Sprache) entwickeln konnte. Ironischerweise gravitieren viele Wissenschaftler um essenzialistische Positionen (wie Rasse und Geschlecht), die sie selbst in Hinsicht auf den Menschen ablehnen, sobald aber eine andere biologische Kategorie in Sicht kommt, und zwar unsere Speziesbarriere, wird eine biobehavioristische wissenschaftliche Charakterisierung in den Begriffen beobachtbarer Verhaltensweisen und Mechanismen dargestellt, von denen ausgegangen wird, dass diese im genetischen Aufbau der Tiere eincodiert sind. Biologie und Ethologie sind irgendwie zu den Wissenschaften \u00fcber die Tierheit (animalkind) geworden. Es ist von diesen Wissenschaften woher die Sozialwissenschaftler (die Wissenschaften \u00fcber die Menschheit) ihr eigenes Bild von Tieren und Tiersein unkritisch und zum gr\u00f6\u00dften Teil unbeabsichtigt beziehen. Tiere sind an biologische und genetische Erkl\u00e4rungen gebunden worden. Dies hat zu einer \u201eAnti-Tier Reaktion\u201c unter den Gelehrten in den Humanwissenschaften gef\u00fchrt. Sie erkl\u00e4ren geradewegs, dass die Evolutionstheorie der Interpretation von Tieren und tierischer Handlungen gen\u00fcge tut, aber nicht f\u00fcr Menschen. Fast kaum ein Kritiker biologischen Determinismusses wird fragen, ob Tiere wirklich in engen genetischen und biologischen Begriffen erkl\u00e4rt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><b>Schlagworte:<\/b> Anthropologie, Humanwissenschaften, Speziesismus, Anthropozentrismus<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>TIERAUTONOMIE, \u00a0Jg. 3 (2016), Heft 1.<\/p>\n<p><strong>Barbara Noske: Die Tierfrage in der Anthropologie: Ein Kommentar<\/strong><\/p>\n<p>Anthropologen definieren ihre Disziplin, die Anthropologie, allgemein als die Studie \u00fcber den <i>Anthropos<\/i> (den Menschen) und halten es f\u00fcr v\u00f6llig nat\u00fcrlich dem nichtmenschlichen Bereich des Tierreichs wenig oder gar keine Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Selbstverst\u00e4ndlich kommen Tiere in anthropologischen Studien zwar vor, aber sie kommen dort vor als Rohmaterial menschlicher Handlungen und menschlichen Denkens. Die Anthropologie hat eine lange Tradition darin, die Formen zu untersuchen in denen Gruppen von Menschen und Kulturen mit ihrer nat\u00fcrlichen Umwelt, einschlie\u00dflich anderer Tierspezies, umgehen, und in welcher Art sie sie betrachten. Solche Studien beschr\u00e4nken sich normalerweise auf Menschen in ihren Eigenschaften als Handlungstr\u00e4ger und Subjekten, die mit Tieren umgehen und \u00fcber Tiere nachdenken.<\/p>\n<p>Infolgedessen besteht die Tendenz Tiere als passive Objekte zu portr\u00e4tieren, die in menschliche Handlungen einbezogen sind, \u00fcber die gedacht wird und gegen\u00fcber denen Gef\u00fchle existieren. Weit davon entfernt als Handlungstr\u00e4ger und Subjekte in ihrem eigenen Recht verstanden zu werden, werden die Tiere selber von den Anthropologen praktisch \u00fcbersehen. Sie und ihre Beziehungen zu Menschen werden normalerweise nicht als des anthropologischen Interesses wert betrachtet. Die meisten Anthropologen w\u00fcrden es f\u00fcr v\u00f6llig nat\u00fcrlich halten, wenig oder keine Aufmerksamkeit darauf anzuwenden, wie Dinge f\u00fcr die involvierten Tiere aussehen, riechen, sich anf\u00fchlen, schmecken oder klingen. Folglich spielen Fragen, die f\u00fcr den <i>Animal Welfare<\/i> in der westlichen Welt oder in der Dritten Welt von Bedeutung sind, im anthropologischen Denken selten eine Rolle.<\/p>\n<p>Anthropologen behandeln Tiere als integrale Teile menschlich \u00f6konomischer Konstellationen und menschlich-zentrierter \u00d6kosysteme: Tiere sind \u00f6konomische Ressourcen, Gegenst\u00e4nde und Produktionsmittel, die dem menschlichen Gebrauch dienen.<\/p>\n<p>Auf Tieren basierende \u00d6konomien wurden extensiv von Anthropologen erforscht, die die Hauptfrage darin sahen, ob verschiedene menschliche Praktiken mit Tieren \u00f6konomisch oder \u00f6kologisch rational sind (von einem menschlichen Standpunkt aus gesehen) oder nicht. Nur in denjenigen F\u00e4llen, in denen halbwilde Tiere noch etwas an Kontrolle \u00fcber ihren eigenen Verbleib behalten haben, schauen Anthropologen manchmal auf die Vorteile f\u00fcr die Tiere bei existierenden Mensch-Tier Arrangements.<\/p>\n<p>Die Disziplin der Anthropologie ist unverhohlen anthropozentrisch. Im besten Falle werden Menschen und Tiere als Interagierende innerhalb eines gemeinschaftlichen \u00d6kosystems gefasst, wobei der Schwerpunkt der Aufmerksamkeit der Anthropologen auf das Verstehen der Menschen, eher als auf das Verstehen der Tiere gerichtet wird. Fragen konzentrieren sich auf Menschen und Menschen alleine. Doch hat die Dynamik von Tierpopulationen, deren Ern\u00e4hrungsformen und deren Mobilit\u00e4t keinen Einfluss auf die menschliche Kultur?<\/p>\n<p>Abgesehen von Tieren, die als Faktoren der Lebens- und \u00dcberlebensgrundlagen funktionieren, haben Anthropologen ordnungsgem\u00e4\u00df Aufmerksamkeit auch auf die Tiere gelenkt, die da sind um den nicht-subsistenziellen menschlichen Zwecken zu dienen, wie zum Beispiel als Objekte des Prestiges, als Opferungsobjekte oder als Totems. Tieren in dieser Funktion wurde religi\u00f6se Bedeutsamkeit und symbolische und metaphorische Kraft zugesprochen. Auch haben sich Anthropologen auf die Rollen konzentriert, die Tiere im menschlichen zeremoniellen- und im religi\u00f6sen Leben spielen.<\/p>\n<p>Das anthropologische Interesse an Totemtieren oder an Tiersymbolen bietet keine Garantie gegen eine anthropozentrische Herangehensweise. Mehr als oft dient solch ein Interesse als Entschuldigung daf\u00fcr, bei menschlichen Konstrukten anzuhalten, statt den Tieren selbst Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen.<\/p>\n<p>Wenn Anthropologen auf dieses Thema hin angesprochen werden, argumentieren sie, dass man hinsichtlich von Fragen \u00fcber Tiere <i>per se<\/i>, sich besser an die Biologie oder Ethologie wenden sollte. Sie darauf hinzuweisen, dass es \u00fcber die <i>Mensch-Tier<\/i> Beziehung hinaus auch so etwas wie eine <i>Tier-Mensch<\/i> Beziehung gibt, und dass dies zu ignorieren zu einer einseitigen Subjekt-Objekt Herangehensweise f\u00fchrt, ist Zeitverschwendung. Zum gegenw\u00e4rtigen Zeitpunkt bleibt der Anthropozentrismus in der Anthropologie effektive unhinterfragt.<\/p>\n<p><b>Den Anthropozentrismus der Anthropologie verstehen<\/b><\/p>\n<p>Der Grund hierf\u00fcr ist die allgemein verbreitete Ansicht, dass Tiere selber einer Wissenschaft, die sich mit dem Sozialen und dem Kulturellen befasst,\u00a0 nichts zu bieten haben. Anthropologen und Soziologen, so wie alle Gelehrten in den Humanwissenschaften generell, gehen davon aus, dass Sozialit\u00e4t und Kultur nicht au\u00dferhalb des menschlichen Bereichs existieren. Man sieht diese Ph\u00e4nomene als ausschlie\u00dflich menschliche an, und diese Sicht f\u00fchrt die Anthropologen und ihre Kollegen zu dem Zirkelschluss, dass Tiere, da sie nicht Menschen sind, in keiner Weise soziale Wesen oder Kulturwesen sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Sozialwissenschaftler charakterisieren Menschen in den Begriffen der materiellen und sozialen Arrangements die diese Menschen treffen und durch die sie auch geformt sind: als Wesen die sozial konstituieren und sozial konstituiert sind.<\/p>\n<p>Menschen werden gesehen als solche, die ihre eigene Geschichte schaffen. Und w\u00e4hrend man einst glaubte, dass ihre Naturgeschichte f\u00fcr sie gemacht war, versucht die moderne Menschheit diese Geschichte nun auch zu formen. Im Kontrast dazu, geht man bei Tieren davon aus, dass sie allein eine Naturgeschichte haben, die f\u00fcr sie gemacht ist und die sie an erster Stelle \u00fcberhaupt hat entstehen lassen.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zum Fall des Menschen tendiert man dazu Tiere als Organismen zu betrachten, die prim\u00e4r durch ihren individuell basierenden genetischen Aufbau geleitet sind. Aber es zeigt sich, dass diese Anschauung <i>a priori<\/i> gesetzt ist \u2013 betrachtet vor dem Hintergrund, dass fast kein Student in der menschlichen Gesellschaft und Kultur, die gleiche Fragen \u00fcber Tiere stellt, die \u00fcber Menschen gestellt werden.<\/p>\n<p>Man schaut nicht nach dem Sozialen und dem Kulturellen, wo es gewiss nicht gefunden werden kann, au\u00dferhalb der menschlichen Sph\u00e4re! Jedoch wenn man in seiner Betrachtung voraussetzt, dass Menschen die einzigen Wesen sind, die imstande sind sich eine Gesellschaft, Kultur und Sprache zu schaffen, dann schlie\u00dft man Tierformen von Gesellschaft, Kultur und Sprache per Definition aus. Im Ganzen stehen Tiere in der Anthropologie nicht nur als Objekte da, denen gegen\u00fcber menschliche Subjekte sich verhalten, sondern sie stehen auch als Antithese da f\u00fcr all das, was den Menschen, den Sozialwissenschaften zufolge, menschlich macht. Die Sozialwissenschaften zeigen sich in erster Linie als die Wissenschaften der Diskontinuit\u00e4t zwischen Menschen und Tieren.<\/p>\n<p>Nur wenige Sozialwissenschaftler sind bereit zu fragen, was eine Tier-Mensch Kontinuit\u00e4t in den Begriffen ihres eigenen Gebietes bedeuten k\u00f6nnte. So interessieren sich Soziologen nicht f\u00fcr die Soziologie von Tieren. Auch Hinterfragen die meisten Soziologen nicht die allgemeine Subjekt-Objekt Herangehensweise in der Mensch-Tier Beziehung; und am allerwenigsten werfen sie Fragen dar\u00fcber auf, in welchen Formen tierliche Subjekte sich auf menschliche Subjekte beziehen k\u00f6nnen. Die meisten Sozialwissenschaftler neigen dazu unsere Kontinuit\u00e4t zu Tieren als einen rein materiellen Rest einer pr\u00e4historischen Vergangenheit anzusehen. Im besten Falle wird unsere \u201eAnimalit\u00e4t\u201c (unser K\u00f6rper) als die materielle Basis betrachtet, aus der sich unser echtes \u201eMenschsein\u201c (Verstand, Sozialit\u00e4t, Kultur, Sprache) entwickeln konnte. Unser Menschsein ist auf einer Tierbasis bestimmter Art gebaut, mit einem wesentlichen Zusatz.<\/p>\n<p><b>Biologischer Essentialismus: Nur f\u00fcr Tiere<\/b><\/p>\n<p>Im gleichen Zuge tendieren Sozialwissenschaftler dazu, sich vor jeder Form eines biologischen Essenzialismus in acht zu nehmen. Sie weisen schnellstens hin auf die Gefahren in Erkl\u00e4rungen sozialer Unterschiede bei Menschen \u00fcber Begriffe biologischer Essenzen, so wie Rasse oder Geschlecht (und das in berechtigter Weise).<\/p>\n<p>Ironischerweise gravitieren viele Wissenschaftler die diese Ansicht vertreten trotzdem noch um die essenzialistischen Positionen die sie selbst angeblich ablehnen, sobald eine andere biologische Kategorie in Sicht kommt, und zwar unsere Speziesbarriere. Pl\u00f6tzlich tauchen unter den Anthropologen und Sozialwissenschaftlern klar umrissene Vorstellungen dar\u00fcber auf, was menschlich <i>ist<\/i> und was tierisch <i>ist<\/i>. Ihre direkte Kritik an denjenigen, die in Begriffen anderer biologischer Essenzen denken, verliert an Glaubhaftigkeit in Anbetracht ihrer eigenen Annahmen \u00fcber menschliche und tierische Essenzen. Implizit haben Anthropologen Konzeptionen, die sich an eine universelle menschliche Essenz binden: Diese scheint an erster Stelle und am haupts\u00e4chlichsten in unserem \u201eNicht-Tierseins\u201c und in dem \u201eNicht-Menschseins\u201c der Tiere repr\u00e4sentiert zu sein. Aber wenn das Menschsein mit dem Nicht-Tiersein identisch ist, was macht das Tiersein aus und was sind Tiere?<\/p>\n<p>Wie wir vorher festgestellt haben, zeigt kaum ein Sozialwissenschaftler ein Interesse an Tieren wegen ihrer selbst, geschweige denn ein Interesse daran soziologische und anthropologische Fragen [a.d.\u00dc.: die Wirkung der Tiere auf die menschlichen Belange] \u00fcber sie zu stellen. Mit diesem gegebenen Ausschluss von Tieren aus deren respektiven Wissenschaftsbereichen, welche Grundlagen haben diese Sozialwissenschaftler dann daf\u00fcr solch \u00fcberzeugte Erkl\u00e4rungen \u00fcber Tiere abzugeben und vor allen Dingen dar\u00fcber was Tiere nicht sind? Welche Konzeptionen haben diese Wissenschaftler von Tieren und woher stammen diese Auffassungen?<\/p>\n<p>In einer fr\u00fcheren Ver\u00f6ffentlichung (Noske, <cite>Humans and other Animals<\/cite>, 1989) habe ich beschrieben in welchem Ausma\u00df das sozialwissenschaftliche Bild der Tiere und des Tierseins durch Wissenschaften gepr\u00e4gt wurde, die h\u00e4ufig in bezichtigender Weise als reduktionistisch und objektifizierend bezeichnet werden k\u00f6nnen. Solch ein Reduktionismus wird aber nur dann beschuldigt, wenn er sich auf menschliche Wesen richtet. Die Naturwissenschaften, insbesondere die biobehavioristischen Wissenschaften, sind verantwortlich f\u00fcr die Schaffung des gegenw\u00e4rtig bestehenden Bildes vom Tier. Die biobehavioristische wissenschaftliche Charakterisierung von Tieren wird in Begriffen beobachtbarer Verhaltensweisen und Mechanismen dargestellt, von denen ausgegangen wird, dass diese im genetischen Aufbau des Tieres eincodiert sind. Ungleich genetischer Transmission, geht menschlich kulturelle Transmission nicht \u00fcber die K\u00f6pfe der betroffenen Individuen hinaus. Sie beinhaltet die aktive, wenn auch nicht immer bewusste Teilnahme der Transmittoren (der Lehrer) so wie der Rezipienten (der Lernenden).\u00a0 Es ist nicht so, als w\u00e4ren die Ersteren aktiv und die Zweiteren passiv.<\/p>\n<p>Biologie und Ethologie sind irgendwie zu <i>den<\/i> Wissenschaften \u00fcber die Tierheit (<i>animalkind<\/i>) geworden. Es ist von diesen Wissenschaften woher die Sozialwissenschaftler (die Wissenschaften \u00fcber die Menschheit) ihr eigenes Bild von Tieren und Tiersein unkritisch und zum gr\u00f6\u00dften Teil unbeabsichtigt beziehen. Tiere sind an biologische und genetische Erkl\u00e4rungen gebunden worden.<\/p>\n<p>Dies hat zu einer \u201eAnti-Tier Reaktion\u201c unter den Gelehrten in den Humanwissenschaften gef\u00fchrt. Sie erkl\u00e4ren geradewegs, dass die Evolutionstheorie der Interpretation von Tieren und tierischer Handlungen gen\u00fcge tut, aber nicht f\u00fcr Menschen. Fast kaum ein Kritiker biologischen Determinismusses wird fragen, ob Tiere wirklich in engen genetischen und biologischen Begriffen erkl\u00e4rt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Viele Menschen in oder in Verbindung mit den Sozialwissenschaften irren mit ihrer Akzeptanz des biologischen Bildes von Tieren als <i>der<\/i> tierischen Essenz. Sie vers\u00e4umen es anzuerkennen, dass das Bild von Tieren ein de-animalisiertes biologisches Konstrukt ist. Die anthropozentrischen Sozialwissenschaften betrachten ihren eigenen Gegenstand, Menschen, als Tier in der Basis, plus eines wesentlichen Zusatzes. Diese Sicht macht Tiere automatisch zu reduzierten Menschen. Das Argument verl\u00e4uft folgenderma\u00dfen: Wenn Biologen und Ethologen reduktionistisch sind, ist das weil Tiere als reduzierte Wesen sie dazu veranlassen so zu denken.<\/p>\n<p>So mag es wohl sein, dass Tiere weiterhin objektifiziert werden, da Biologen es vorziehen reduktionistisch zu bleiben und da Sozialwissenschaftler f\u00fcr ihren Teil es bevorzugen anthropozentrisch zu bleiben.<\/p>\n<p><b>Die Neubetrachtung der Mensch-Tier Kontinuit\u00e4t<\/b><\/p>\n<p>Vermittelt unser gegenw\u00e4rtiges Bild von Tieren wirklich alles was es mit Tieren auf sich hat? Wenn wir die Zerrbilder abgelehnt haben, die Reduktionisten von Menschen angefertigt haben, warum nehmen wir deren Zerrbilder \u00fcber Tiere dann als einen g\u00fcltigen Parameter hin?<\/p>\n<p>Eine Anerkennung der Mensch-Tier Kontinuit\u00e4t hei\u00dft nicht notwendigerweise sich in einen biologischen Reduktionismus st\u00fcrzen zu m\u00fcssen (Noske, 1989). Ein anderes Hindernis f\u00fcr die Anerkennung einer Mensch-Tier Kontinuit\u00e4t, ist die Angst unter Biologen des Anthropomorphismus bezichtigt zu werden, d.h. der Attribution menschlicher Charakteristiken an Tiere. F\u00fcr ihren Teil haben Sozialwissenschaftler das eifers\u00fcchtig bewacht, was sie als die menschliche Dom\u00e4ne betrachten, und sie neigen somit dazu der Angst der Biologen vor einem Anthropomorphismus zuzustimmen. Was gegenw\u00e4rtig des Anthropomorphismusses beschuldigt wird sind solche Charakterisierungen auf die Sozialwissenschaftler erpicht sind sie dem Menschen vorzubehalten. In ihrer Kritik eines biologischen Determinismusses richten Sozialwissenschaftler h\u00e4ufig einen bezichtigenden Finger auf jeden, der Tieren Personenschaft zuspricht. Aber nochmals, wie kann man wissen, in welcher Weise sich Tiere von Menschen unterscheiden oder ihnen gleichen, wenn man ablehnt die gleichen Fragen \u00fcber beide zu stellen?<\/p>\n<p>Es gibt einige mutige Tierwissenschaftler die sagen, dass Tiere menschlicher und weniger objekthaft sind als ihre eigene Wissenschaft uns glauben machen will. Aber sie \u00e4u\u00dfern solche Dinge h\u00e4ufig au\u00dferhalb von Berichten oder in fast entschuldigender Weise. Das ist verst\u00e4ndlich, da sie sowohl aus der Perspektive der Tierwissenschaften als auch aus der der Humanwissenschaften ein Sakrileg begehen. Die Wissenschaftler die Tiere tats\u00e4chlich als teilnehmende Beobachter studiert haben \u2013 der gew\u00f6hnlichen anthropologischen Herangehensweise an menschliche Gesellschaften \u2013 zeigen eine Spannung in ihren Aufzeichnungen zwischen den akzeptierten biologischen Codes und ihren eigenen Erfahrungen mit Tierpersonenschaft.<\/p>\n<p>Jane Goodall, die mit Schimpansen arbeitet, Dian Fossey, die mit Berggorillas lebte und starb, das Douglas-Hamilton Paar und Cynthia Moss, die bei Elefanten lebt und arbeitet, sie alle schreiben \u00fcber ber\u00fchrende Erfahrungen mit der Personenschaft von Tieren. Ihre Wissenschaft kann mit diesen Formen der Tierrealit\u00e4t nicht umgehen und sie tendiert dazu diese zu verkleinern oder zu ignorieren. Die Tierwissenschaften sind einfach nicht daf\u00fcr ausgestattet mit denjenigen Charakteristiken bei Tieren umzugehen, die den Sozialwissenschaften zufolge die Menschen menschlich machen.<\/p>\n<p>Konfrontiert mit den Unzul\u00e4nglichkeiten ihrer eigenen Tradition, hat eine Anzahl unzufriedener Tierforscher, wie Donna Haraway und Donald Griffin, eine tentative anthropologische Herangehensweise an Tiere gefordert. Was ihnen an der Anthropologie gef\u00e4llt und vor allen Dingen an ihrer Methode der partizipierenden Beobachtung, ist ihre intersubjektive, nonreduktionistische Art Wissen zu erlangen; eine Methode die im starken Kontrast zur Subjekt-Objekt Herangehensweise der Tierwissenschaftler in deren Laboratorien steht.<\/p>\n<p>Anthropologen behandeln den Anderen mit Respekt und h\u00fcten sich vor Ethnozentrismus. Selbst wenn der Andere nicht voll begriffen oder verstanden werden kann, wurden Anthropologen dahingehen geschult diesen nichterfassbaren Boden mit Respekt eher als mit Herablassung zu betreten. Aber all dies richtet sich nur an den <i>menschlichen<\/i> Anderen. Es ist sonderbar, dass Wissenschaftler, die gelernt haben auf die Gefahren von Ethnozentismus zu achten, so leicht in eine andere Form des Zentrismus, des Anthropozentrismus, fallen.<\/p>\n<p>Wir sind traurigerweise bei zwei nach au\u00dfen hin als unverbunden erscheinenden Bildern steckengeblieben: einem der Menschheit und einem der Tierheit, die durch zwei v\u00f6llig separate Arten von Wissenschaft vermittelt werden; die eine, die Menschen als soziale Subjekte typifiziert, und die andere, die Tiere als biologische Objekte typifiziert. F\u00fcr die neu hevorgehende Disziplin der Mensch-Tier Beziehungen, wird dies ein betr\u00e4chtliches Hindernis sein, das es zu \u00fcberwinden gilt.<\/p>\n<p><strong>Zur Autorin<\/strong><br \/>\nBarbara Noske ist Kulturanthropologin und hat ihr Doktorat in Philosophie an der Universit\u00e4t von Amsterdam absolviert. Dr. Noske arbeitet als Research Fellow am Research Institute for Humanities and Social Sciences der University of Sydney, Australien. Eine weitere Diskussion \u00fcber die Fragen, die in diesem Kommentar aufgeworfen sind, befindet sich in ihrem Buch, <cite>Humans and other animals: Beyond the boundaries of anthropology<\/cite>, London: Pluto Press, 1989. Dieses Buch ist nun leider vergriffen. Es existiert aber eine neu aufgelegte und neu \u00fcberarbeitete Version. Sie hei\u00dft <i>Beyond Boundaries: humans and animals<\/i> und ist herausgekommen bei Black Rose Books, Montreal, 1997.<\/p>\n<p><strong>Grafik<\/strong><br \/>\nFarangis G. Yegane, Portrait einer Kuh, 200 cm x 175 cm, Acryl auf Leinwand, 1996.<\/p>\n<p><strong>\u00dcbersetzung<\/strong><br \/>\nGita Yegane Arani, <a href=\"http:\/\/www.simorgh.de\/\">www.simorgh.de<\/a> \u2013 \u201a<i>Open Access in der Tier-, Menschen- und Erdbefreiung<\/i>\u2019. Revised 12\/2016.<\/p>\n<p><strong>Zitation<\/strong><br \/>\nNoske, Barbara (2016). Die Tierfrage in der Anthropologie: Ein Kommentar. <i>TIERAUTONOMIE, 1(3)<\/i>, URL: <a href=\"http:\/\/simorgh.de\/tierautonomie\/JG3_2016_1_noske_2a.pdf\">http:\/\/simorgh.de\/tierautonomie\/JG3_2016_1_noske_2a.pdf.<\/a><\/p>\n<p>TIERAUTONOMIE (ISSN 2363-6513)<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nc-nd\/3.0\/de\/\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone  wp-image-949\" alt=\"by-nc-nd.eu\" src=\"http:\/\/simorgh.de\/about\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/by-nc-nd.eu_.png\" width=\"145\" height=\"51\" srcset=\"https:\/\/simorgh.de\/about\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/by-nc-nd.eu_.png 403w, https:\/\/simorgh.de\/about\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/by-nc-nd.eu_-300x104.png 300w, https:\/\/simorgh.de\/about\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/by-nc-nd.eu_-250x87.png 250w\" sizes=\"(max-width: 145px) 100vw, 145px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Dieses Werk ist lizenziert unter einer\u00a0<a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nc-nd\/3.0\/de\/\" rel=\"license\">Creative Commons Namensnennung &#8211; Nicht-kommerziell &#8211; Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz<\/a>.<\/p>\n<p>Leser_innen d\u00fcrfen diese Publikation kopieren und verbreiten, solange ein Verweis auf den\/die Autor_innen und das Journal TIERAUTONOMIE gegeben wird. Die Verwendung ist ausschlie\u00dflich auf nicht-kommerzielle Zwecke eingeschr\u00e4nkt und es d\u00fcrfen keine Ver\u00e4nderungen am Textmaterial vorgenommen werden. Weitere Details zu dieser Creative Commons Lizenz findet sich unter\u00a0<a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nc-nd\/3.0\/\">http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nc-nd\/3.0\/<\/a>. Alle anderen Verwendungszwecke m\u00fcssen von dem\/den Autor_innen und den Herausgeber_innen von TIERAUTONOMIE genehmigt werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jahrgang 3, Nr.\u00a01, Art. 1, ISSN 2363-6513,\u00a0Dezember 2016 Die Tierfrage in der Anthropologie: Ein Kommentar Barbara Noske Titel der englischsprachigen Originalfassung: The Animal Question in Anthropology: A Commentary. Der Artikel wurde der Zeitschrift Society &amp; Animals in der Ausgabe: Vol. 1 No. 2, 1993 ver\u00f6ffentlicht. \u00dcbersetzung aus dem Englischen: Gita Yegane Arani. 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