{"id":1198,"date":"2014-10-27T13:16:54","date_gmt":"2014-10-27T13:16:54","guid":{"rendered":"http:\/\/simorgh.de\/about\/?p=1198"},"modified":"2014-12-14T15:44:11","modified_gmt":"2014-12-14T15:44:11","slug":"wir-haben-can-baskent-ueber-schnittstellen-zwischen-atheismus-und-tierrechten-befragt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/simorgh.de\/about\/wir-haben-can-baskent-ueber-schnittstellen-zwischen-atheismus-und-tierrechten-befragt\/","title":{"rendered":"Wir haben Can Ba\u015fkent \u00fcber Schnittstellen zwischen Atheismus und Tierrechten befragt"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/simorgh.de\/about\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/kts8.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"kts8\" src=\"http:\/\/simorgh.de\/about\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/kts8.png\" width=\"1315\" height=\"362\" \/><\/a><\/p>\n<p>Aus: TIERAUTONOMIE,\u00a0 Jg. 1 (2014), Heft 3,\u00a0ISSN 2363-6513.<\/p>\n<p><strong>Wir haben Can Ba\u015fkent \u00fcber Schnittstellen zwischen Atheismus und Tierrechten befragt<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/simorgh.de\/can_baskent\/4b_interview_can_baskent_jkts_5.pdf\" target=\"_blank\">Dieser Text als PDF<\/a><\/p>\n<p><i>Wir fragten Can Baskent \u00fcber sichtbare und unsichtbare Formen der Gewalt gegen Tiere und die Umwelt im Namen der Religion, und, ob ethischer Veganismus eine Ablehnung von Seinshierarchien aller Art mit sich bringen sollte.<\/i><\/p>\n<p>Can Ba\u015fkent \u00a0(<a href=\"http:\/\/canbaskent.net\/logic\/CV.pdf\">http:\/\/canbaskent.net\/logic\/CV.pdf)<\/a> ist geboren in Istanbul in der T\u00fcrkei. Er hat Mathematik und Philosophie studiert, seinen Masters Degree in Logik in Amsterdam erhalten und in New York in Computerwissenschaften promoviert. Seine akademische T\u00e4tigkeit f\u00fchrte er in Frankreich fort an der Sorbonne und der \u00c9cole Normale Sup\u00e9rieure im Bereich Philosophie; am French Institute for Research in Computer Science and Automation (INRIA) arbeitete er als Forscher. Als Aktivist hat Can zahlreiche Texte zu Anarchismus, Atheismus, zu veganen- und tierrechtsrelevanten Themen verfasst. Er hat sich f\u00fcr die \u201eFood not Bombs\u201c-Kampagne engagiert und leitete eine Kampage zur Unterst\u00fctzung des veganen politischen Gefangenen Osman Evcan. Im Jahr 2011 gr\u00fcndete er den anarchistischen Verlag \u201aPropaganda Yay\u0131nlar\u0131\u2019 (\u201aPropaganda Presse\u2019, <a href=\"http:\/\/propagandayayinlari.net\/\">http:\/\/propagandayayinlari.net\/<\/a>), 2013 verfasste er gemeinsam mit der veganen Journalistin Z\u00fcl\u00e2l Kalkandelen (<a href=\"http:\/\/veganlogic.net\/\">http:\/\/veganlogic.net\/<\/a>) das erste t\u00fcrkischsprachige Handbuch zu politischen Aspekten des ethischen Veganismus: \u201aVeganizm: Ahlak\u0131, Siyaseti ve M\u00fccadelesi\u2019 (\u201aVeganism: Its Ethics, Politics and Struggle\u2019) <a href=\"http:\/\/propagandayayinlari.net\/vegan.html\">http:\/\/propagandayayinlari.net\/vegan.html<\/a>. Cans Webseite ist unter der URL <a href=\"http:\/\/canbaskent.net\/\">http:\/\/canbaskent.net\/<\/a> abrufbar.<\/p>\n<blockquote><p>In diesem Land ist es nicht einfach ein Atheist zu sein. An erster Stelle deshalb, weil die Verletzung der religi\u00f6sen Gef\u00fchle anderer als eine Art \u201eStraftat\u201c gebrandmarkt wurde.<br \/>\nRamadan Atheismus \/ <i>Ramazan\u2019da Ateizm<\/i>, <a href=\"http:\/\/www.canbaskent.net\/politika\/86.html\">http:\/\/www.canbaskent.net\/politika\/86.html<\/a><\/p>\n<p>Die Diskriminierung aufgrund religi\u00f6ser Gesinnungen betrachtet man heutzutage als eine Verletzung von Menschenrechten. Dass Religion selbst eine Verletzung der Menschenrechte darstellt, wird dabei aber stetig vergessen.<br \/>\nEin reformisitscher Atheismus \/ <i>Bir Devrimcilik Olarak Ateizm<\/i> <a href=\"http:\/\/www.canbaskent.net\/politika\/85.html\">http:\/\/www.canbaskent.net\/politika\/85.html<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p><b>Can:<\/b> Ich finde, dass viele Leute in der T\u00fcrkei eine unbegr\u00fcndete Panik haben. Als Atheist hatte ich hier bislang keine Schwierigkeiten, au\u00dfer dass ich ab und zu mal ein paar l\u00e4cherliche Hatemails erhalte. Ma\u00dfnahmen werden hier zumeist nur gegen ber\u00fchmte Pers\u00f6nlichkeiten ergriffen. Solange du nicht immer mal wieder im Fernsehen erscheinst oder st\u00e4ndig in der Presse erw\u00e4hnt wirst, ist es den Beh\u00f6rden egal ob irgendein Durchschnittsb\u00fcrger gegen entsprechende Gesetzesregelungen verst\u00f6\u00dft oder nicht. Es ist hier also diesbez\u00fcglich sicherer als man glauben mag und wir sollten uns nicht hinter der Angst vor gesetzlich-staatlichen Repressionen verstecken.<\/p>\n<p>1. Das T\u00f6ten bezeugen<\/p>\n<p><b>TA:<\/b> In deinem Text \u00fcber \u201adas Opferfest\u2019 (<i>Kurban\u2019in Bayrami<\/i>, http:\/\/www.canbaskent.net\/vegan\/19.html) stellst Du die Frage in den Raum, warum das Argument einer kognitiven Dissonanz beim Menschen, der sich seiner eigenen Grausamkeit nicht bewusst werden will (weil er ihrer nicht bewusst werden muss) im Falle von \u201aOpferfesten\u2019 nicht greift. Dass sich die \u00dcberlegung: \u201awenn Schlachth\u00e4user Glasw\u00e4nde h\u00e4tten, w\u00fcrde die Menschen Vegetarier\u2019 in der T\u00fcrkei w\u00e4hrend des Opferfestes als unzutreffend erweist. Es existiert eine soziale Akzeptanz f\u00fcr eine offene Grausamkeit gegen\u00fcber Tieren, wenn so ein \u201eVolksspektakel\u201c in einer religi\u00f6sen Praxis eine gewisse Tradition vorweisen kann.<\/p>\n<p>Im \u201es\u00e4kularen Westen\u201c ist die Sichtbarkeit des Speziesismus der <i>T\u00f6tung-des-Fleisches-wegen<\/i> eine modifizierte. Das T\u00f6ten selbst bleibt zumeist eher unsichtbar indem es abdelegiert wird. Bei einem massenhaft veranstalteten Tieropfer im Namen einer Religion, wie in dem Falle im Islam, ist die Grausamkeit: Tier = Fleisch und Tier = Opfer unmittelbar f\u00fcr jeden, ob er will oder nicht, zu sehen, und jeder der m\u00f6chte kann daran teilnehmen und selbst auf der Stra\u00dfe einen Nichtmenschen t\u00f6ten. Solche Veranstaltungen und Festivit\u00e4ten haben eine starke \u00f6ffentliche Sichtbarkeit und sind in diesem Falle spezifisch an religi\u00f6s eingef\u00e4rbte Traditionen gebunden.<\/p>\n<p>Einige Menschen argumentieren, dass es wohl ehrlicher w\u00e4re, wenn alle den Tiermord zu sehen bek\u00e4men. Sehen wir im religi\u00f6s (zumindest) sanktionierten T\u00f6ten von Nichtmenschen einen noch urspr\u00fcnglicheren Akt eines tiefenpsychologischen Speziesismus, w\u00e4hrend der Tiermord \u201eum des Fleisches willen\u201c, durch einen Metzger oder ein Schlachthaus, ein Modernismus im Speziesismus ist bei dem die Dechiffrierung anders verlaufen muss?<\/p>\n<p><b>Can:<\/b> Ich muss zuerst sagen, dass ich niemals geglaubt habe, dass der Grund warum die meisten Leute nicht vegan sind, epistemologischer Natur ist. Die Dinge sind nicht so wie sie sind, weil die Leute etwas nicht wissen oder ihnen nicht bewusst w\u00e4re, dass das was sie essen bzw. t\u00f6ten f\u00fchlende Lebewesen sind. Echte Psychopathen t\u00f6ten ihre Opfer von Angesicht zu Angesicht, ohne irgendein Hemmnis. Die Tiere zu essen (die man zuvor erjagt \/ erlegt hat) ist eine vergleichbare Tat; es ist noch grausamer, noch \u201em\u00e4nnlicher\u201c.<\/p>\n<p>Und sicherlich, die Religion reflektiert schlichtweg dieses Diktum. Da Gott aber nicht existiert und die Religionen nicht wirklich von einem \u201eGott\u201c geschickt worden sind, reflektieren deren \u201eheiligen\u201c Texte einfach nur dieses herrschende Paradigma.<\/p>\n<p>Ich glaube nicht, dass die besondere Hervorhebung unterschiedlicher speziesistischer Einsichten und Praktiken n\u00fctzlich ist, aber, da es sich aber um Verschiedenheiten bei ihnen handelt, m\u00fcssen sie alle in spezifischer Weise bek\u00e4mpft werden.<\/p>\n<p>Und hier w\u00e4re noch ein anderer Bedenkenspunkt. Man muss die religi\u00f6sen Praktiken verstehen lernen, die Angst, die hinter ihnen steckt; der Bedarf, durch den sie entstanden sind \u2013 das sind Punkte die wir verstehen m\u00fcssen um zu sehen, weshalb Menschen bei solch grausamen Praktiken mitmachen. Man kann diese Verbrechen nicht abschaffen ohne ein Ideal einen \u201eHimmels\u201c, die Furcht vor dem Unbekannten, usw. zu demontieren. Es gibt also einen \u201emenschlichen\u201c und \u201esozialen\u201c Grund warum Leute meinen es sei v\u00f6llig normal wenn Menschen (junge M\u00e4dchen, Tiere, usw.) opfern, in einem Glauben an solche Fehlannahmen. Solange wir diese Annahmen nicht aus der Welt schaffen k\u00f6nnen, kommen wir in dem Punkt nicht weiter.<\/p>\n<p>2. Gr\u00e4ben bestehen lassen?<\/p>\n<p><b>TA:<\/b>\u00a0Der ethische Vegetarismus kann auf eine Geschichte zur\u00fcckverweisen, die \u00e4lter als die gro\u00dfen monotheistischen Religionen (Islam, Christentum und das Judentum) ist. Gerade diese Religionen sind es nun aber, die im gegenw\u00e4rtigen Diskurs \u00fcber Lebensethik und moralisches Handeln heute wieder eine ma\u00dfgebliche Rolle einnehmen oder auch einnehmen wollen.<\/p>\n<p>Der ethischen Kritik seitens veganer Tierrechtler an der allgemeinen Gesellschaft (im s\u00e4kularen Sinne) wird normalerweise entweder mit verschiedenen Graden der Verneinung und Ablehnung (Speziesismus) begegnet oder aber mit einer gewissen Offenheit und auch Diskursbereitschaft, bei der die schier endlosen Fragen \u00fcber die tats\u00e4chliche, ethisch so problematische Konstitution unserer Gesellschaften in Hinsicht auf die Nichtmenschen und die Umwelt aufgeworfen werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Bei religi\u00f6sen Glaubensystemen k\u00f6nnen wir eine \u00d6ffnung f\u00fcr fundamental neue Einsichten weniger erwarten, da deren Dogmen und Prinzipien in ihrer religionsgeschichtlichen Vergangenheit durch die Propheten und heiligen Schriften in deren Endzielen festgelegt worden sind \u2013 dazu z\u00e4hlt auch die Bewertung von Leben, die Festlegung \u00fcber Seinshierarchien: Tier-, Pflanzenwelt, die Erde insgesamt, stehen unter Gott und unter dem Menschen, deren Obhut oder Tyrannei sie unterworfen sind. Auch binden religi\u00f6se Praktiken und Traditionen an das jeweilige Glaubenssystem und auch sie beinhalten zumeist eine Sicht auf Tiere und die Umwelt als dem Menschen untergeordnete Objekte, denen der Mensch mit Wohlwollen aber auch mit Ignoranz gegen\u00fcber treten darf, ohne weitere soziale Konsequenzen.<\/p>\n<p>Religionen benennen die Destruktivit\u00e4t gegen\u00fcber unseren Mitlebewesen und der Umwelt nicht als eine frevelhafte S\u00fcnde, erheben aber einen Anspruch als <i>moralische Instanzen und ethische Wegweiser<\/i> f\u00fcr alle Bereiche des Lebens. Kann dieser Anspruch der gro\u00dfen Weltreligionen, ethisch rund um den Sinn und Zweck des Lebens Antworten bieten zu k\u00f6nnen, in einer Zeit, in der sich Gesellschaften zunehmend f\u00fcr Fragen der Tierethik und umweltethische Fragen sensibilisieren, \u00fcberhaupt noch ma\u00dfgeblich sein? Inwieweit m\u00fcssen wir uns in unserem ethischen Diskurs auf deren Positionen einlassen? Inwieweit k\u00f6nnen wir sie als anthropozentrisch abtun?<\/p>\n<p><b>Can:<\/b> Sicher, wer k\u00f6nnte die wichtige Rolle eines religi\u00f6s motivierten Vegetarismus in Indien verneinen? Wie wir anhand solch eines Beispiels sehen, bieten Religionen manchmal einen pragmatischen Vorteil \u2013 im Falle des Hinduismus ist dies aber nur eine g\u00fcnstige \u00a0Nebenerscheinung. Ein wesentliches Problem mit dem religi\u00f6s motivierten Verzicht auf das T\u00f6ten von Tieren, ist die eingegrenzte Sichtweite mit der wir es hier zu tun haben. Allerdings haben jedoch auch die meisten anderen Menschen, die nicht religi\u00f6s sind, eine engstirnige Sichtweise auf das Leben. Im politischen Sinne, so denke ich, d\u00fcrfen wir die Religionen als soziologischen Fakt nicht ignorieren oder ablehnen. Ein revolution\u00e4rer politischer Kampf darf sehr wohl mit dem einen Bein in der Realit\u00e4t fu\u00dfen, w\u00e4hrend zugleich ein Schritt in die Zukunft getan wird.<\/p>\n<p>Religion ist ein soziales Ph\u00e4nomen, das Menschen eine Errichtung und Aus\u00fcbung von Herrschaft erm\u00f6glicht. Es gibt eine \u00f6konomische Seite der Religion neben der \u201emoralischen\u201c. Man kann sich leicht vorstellen, wie ein moralischer Codex dem Klerus dabei hilft, sich \u00f6konomische (parteipolitische, selbst sexuelle) Vorteile zu verschaffen. Wir k\u00f6nnen bei Religion also noch nicht mal von einer ehrlichen Moral sprechen. Politisch brauchen wir aber eine Balance. Wenn die meisten Menschen [im engeren oder weiteren Sinne] gl\u00e4ubig sind, und wenn diese Leute diejenigen sind, die man im Sinne der Tierbefreiungsbewegung zum Nachdenken bringen will, dann muss man bei seiner Formulierung anti-religi\u00f6ser Perspektiven vorsichtig, wenn auch direkt vorgehen. Es ist gewisserma\u00dfen eine Kunst, das zu bewerktstelligen.<\/p>\n<p>Leute wie ihr seid letztendlich nicht meine Zielgruppe, da ihr ja bereits am Ziel angelangt seid. Wen ich versuche zu erreichen, sind diejenigen Menschen, die jeden Tag Fleisch essen und zweimal in der Woche zu ihrem Gotteshaus [Kirche, Moschee, usw.] gehen. Wenn ich diese Leute ver\u00e4rgere, dann werden noch mehr Tiere aufgrund meiner Arroganz und meiner falschen Strategie sterben. Das ist ein Preis, den zu zahlen ich nicht bereit bin.<\/p>\n<p>3. Der Gipfel irdischer Existenz: der Mensch?<\/p>\n<p><b>TA:<\/b>\u00a0Tierrechte und der Schutz der nat\u00fcrlichen Lebensr\u00e4ume aller Lebewesen formen andere politische, soziale und moralische Endziele als die Endziele der Religionen, in deren Mittelpunkt der Mensch als \u201eEbenbild Gottes\u201c steht. Unsere Widerstandsbewegungen formulieren neue Fragestellungen \u00fcber Seinshierarchien. Ist die Infragestellung von Seinshierarchien, n\u00e4mlich dass der Mensch nicht die Krone der Sch\u00f6pfung ist\/sein kann, ein notwendiger Pradigmenwechsel im Denken, oder reicht es, wenn Menschen sich zu mehr Verantwortung gegen\u00fcber ihrer Mitwelt und ihren Mitlebewesen verpflichten, auch wenn sie das nur im Sinne einer anthropozentrischen Hybris tun?<\/p>\n<p><b>Can:<\/b> Vielleicht ist dies ein guter Augenblick um festzuhalten, dass eine anthropozentrische Herangehensweise nicht das eigentliche \u00dcbel ist. Immerhin ist selbst der Veganismus anthropozentrisch. Der Mensch \/ Anthro muss kein \u00dcbel darstellen. So halte ich es auch weder f\u00fcr philosophisch noch f\u00fcr pragmatisch hilfreich, wenn wir meinen, wir sollten beginnen nicht mehr menschlich zu denken oder zu agieren. Anders gesagt: Wir m\u00fcssen Menschen sein um vegan zu sein (deinen Hund dahingehend zu forcieren, dass er vegan lebt, z\u00e4hlt hier nicht aus leicht nachvollziehbaren Gr\u00fcnden). Dem muss ich hinzuf\u00fcgen, dass ich an eine Pluralit\u00e4t in der Bewegung glaube: manche Menschen sind st\u00e4rker am Menschen ausgerichtet, manche st\u00e4rker an den nichtmenschlichen Tieren und\/oder der \u00d6kologie. Das alles ist richtig und es ist relevant f\u00fcr ein erweitertes und vielleicht heterodoxeres Verst\u00e4ndnis von Gott. Das ist ein kompliziertes Thema.<\/p>\n<p>Wenn Menschen mit einer sehr harmlosen Vorstellung eines liebenden und gewaltlosen Gottes leben, was denke ich mir dabei? Ich denke, dass eine g\u00f6ttliche Gewalt nicht das einzige \u00dcbel ist, das man mit Gott assoziieren kann, und Gott zu einem gewaltlosen Gott zu erkl\u00e4ren, l\u00f6st das Problem nicht unmittelbar. Dennoch kann dies Menschen und nichtmenschlichen Tieren in praktischer Hinsicht helfen. Und wie ich bereits zuvor gesagt habe, wir sollten vorsichtig sein, wenn es darum geht das Leben von Tieren aufs Spiel zu setzten allein wegen unserer Vorstellungen von politischer Korrektheit.<\/p>\n<p>Ich hoffe ihr k\u00f6nnt das Paradox hierin erkennen: Tierrechtsaktivisten opfern Tiere manchmal auch (u.z. in indirekter Weise), wegen ihrer Vorstellungen von politischer Korrektheit. Diesen Aspekt sollte man nicht unbeachtet lassen.<\/p>\n<p>4. Grenzen und Barrieren?<\/p>\n<p><b>TA:<\/b>\u00a0Die Religionen sprechen von den indirekten Pflichten, die wir gegen\u00fcber den Tieren und der Umwelt haben, das hei\u00dft vom Mitgef\u00fchl mit den Tieren als menschliche Tugend die gottgef\u00e4llig ist (denn sie sind ja Teil der \u201eSch\u00f6pfung\u201c Gottes). In der Tierbefreiungsbewegung formulieren wir Gedanken und Thesen, die Tiere und die Umwelt in einer eigenen, autonomen W\u00fcrde und in ihrem Eigenwert zu beschreiben suchen und wir postulieren damit einige (erste) Grunds\u00e4tze zu ihrem Schutz und zu ihrer Verteidigung. Wenn wir die Tier- und die Umweltbewegung (als nicht-antropozentrische ethische Rahmenwerke) im Spezifischen den religi\u00f6sen Glaubenssystemen gegen\u00fcberstellen, als zwei unterschiedliche soziale Epistemologien in denen Ethik definiert wird, birgt das <i>Abr\u00fccken vom Anthropozentrismus<\/i> (die Forderung der Tierrechts- und von Teilen der Umweltbewegung) ein Konfliktpotenzial in dem Moment, in dem Religion (als anthropozentrisches Rahmenwerk) in einer Gesellschaft einen verst\u00e4rkten Raum einnimmt? In anderen Worten: schaffen religi\u00f6se Dogmen und autorit\u00e4re Glaubensanspr\u00fcche eine Einengung, wenn es in ethischen Debatten um Ans\u00e4tze geht, in denen der Anthropozentrismus als Barriere ethischen Denkens erkannt wird?<\/p>\n<p><b>Can:<\/b> Nein \u2026 religi\u00f6se Philosophie ist ein reiches und sehr breites Feld. Es gibt so gro\u00dfe Denker, die ihr Leben damit verbrachten, beeindruckende Abhandlungen zu verfassen in denen sie Moralit\u00e4t mit Religion verbinden. Averroes und Abelard sind die ersten, die mir dabei einfallen. Religion ist eine komplexere Angelegenheit als viele Atheisten meinen, auch\u00a0 hatte sie mehr wichtige Denker als die meisten Atheisten annehmen. Aber nat\u00fcrlich ist nicht jeder Gl\u00e4ubige ein Abelard (man w\u00fcrde sich das w\u00fcnschen), dennoch kann das religi\u00f6se Moralit\u00e4tsverst\u00e4ndnis eine beeindruckende und sehr kluge Philosophie hervorbringen, und das hat es auch getan.<\/p>\n<p>Aber nat\u00fcrlich betrachten 99,9% religi\u00f6se Dogmen als Rahmenwerke von Einschr\u00e4nkungen und Tabus. Ich solch einer Welt kann sich ein Vernunftsdenken nicht entwickeln.<\/p>\n<p>5. Protestpflicht?<\/p>\n<p><b>TA:<\/b>\u00a0Haben wir ein grunds\u00e4tzliches <i>moralisches Recht<\/i>, dass wir uns einen Raum f\u00fcr eine freidenkerische Sicht schaffen d\u00fcrfen, in der die nichtmeschlichen Tiere und die Umwelt mit in den <i>ethischen Mittelpunkt<\/i> ger\u00fcckt werden, auch wenn uns das automatisch und vielleicht ungewollt in eine prinzipiell antagonistische Position insbesondere zu stark religi\u00f6sen Menschen und religi\u00f6sen Gemeinschaften versetzt? Und damit einhergehend m\u00f6chte ich fragen: Kann uns diese Freiheit im Denken \u00fcber die Mensch-Tier und die Mensch-Umwelt-Beziehung aus einem \u201egesellschaftlichen Kontraktualismus\u201c herauskatapultieren?<\/p>\n<p><strong>Can:<\/strong> Jede Annahme \u00fcber Moralit\u00e4t kann zu einer Art des Autoritarismus f\u00fchren. Wenn man sich all die faschistischen und dogmatischen Morallehren ansieht, wird man immer solch einen essentialistischen Aspekt vorfinden: es wird davon ausgegangen, dass Menschen entweder schlecht oder eben gut im Geiste und der Gesinnung sind. Das macht deren Philosophie mit Sicherheit leichter im Aufbau und im Verst\u00e4ndnis, aber das Resultat ist schlichtweg eine weitere metaphysische moralphilosophische Annahme, die das Risiko des Essentialismus tr\u00e4gt. Menschlicher und nichtmenschlicher Kontraktualismus stellt, so meine ich, ein sehr gef\u00e4hrliches Feld dar, wodurch der Veganismus \u00fcber seine realen Grenzen hinauskatapultiert wird und es zu einer quasi religi\u00f6sen Rekonstruktion kommen kann. Ich trete f\u00fcr eine empirische, dynamische und interaktive Moralit\u00e4t ein, die auf ihr zugrundegelegte Annahmen oder Rechte (selbst das auf Leben) verzichten kann.<\/p>\n<p>6. Wo liegt die goldene Mitte?<\/p>\n<p><b>TA:<\/b>\u00a0Wenn nun aber beides, Religion und Tierbefreiung, sich punktuell miteinander vereinbaren lie\u00dfen, sollten wir uns dann keine weiteren Sorgen dar\u00fcber machen, dass Tierrechte\/Tierbefreiung und Umweltschutz wieder nur <i>bedingte<\/i> ethische Belange sind, und dass durch eine Kompromissbereitschaft oder gar Vermischung von Tierrechtsethik und (anthopozentrischer) Religion auch weiterhin kein urs\u00e4chliches Umdenken angesto\u00dfen werden kann? Ist die Bef\u00fcrchtung berechtigt, dass in einer, durch die Religion ethisch und moralisch stark beeinflussten Gesellschaft, keine wirklich neue und gerechte Sichtweise und Politik \u201e\u00fcber den Menschen hinaus\u201c erarbeitet werden kann?<\/p>\n<p>Daran anschlie\u00dfend die Frage: Braucht ein stark biologistisch belegtes Feld \u2013 das hei\u00dft alle Themen rund um die nichtmenschlichen Tiere und deren nat\u00fcrliches Habitat \u2013 \u00fcberhaupt ein fundamentales Umdenken in seinen ethischen, sozialen und politischen Variablen?<\/p>\n<p><b>Can:<\/b> Nun ja, die Evolution ist ein Ph\u00e4nomen der Kontinuiet\u00e4t. Ich kann mir heute nicht vorstellen, wie die Tierbefreiung in hundert Jahren aussehen wird. Was selbst schon das letzte Jahrhundert anbetrifft, so konnten wir unglaublich viele neue gute und einmalige Ideen kennenlernen, an die sich spannende revolution\u00e4re Praktiken banden. Ich w\u00fcsste nicht, weshalb wir daran zweifeln sollten, dass sie Zukunft noch viele Potentiale in sich birgt.<\/p>\n<p>7. Utopien?<\/p>\n<p><b>TA:<\/b>\u00a0Lie\u00dfe sich eine anthropozentrische Religion so weit \u00fcber Auslegungen dehnen und modifizieren, dass zum Beispiel der Mensch nicht mehr allein das Privileg h\u00e4tte Ebenbild Gottes zu sein, sondern, dass die ganze Welt ein Wert ist, der den h\u00f6chstm\u00f6glichen Respekt und die h\u00f6chste Reverenz verdient? H\u00e4tte Religion \u00fcberhaupt noch ihren eigenen Sinn und ihre eigene \u201egesellschaftsstiftende\u201c Funktion, wenn sie nicht seinshierarchisch w\u00e4re?<\/p>\n<p><b>Can:<\/b> Doch, ich denke schon. In zahlreichen unterschiedlichen Interpretationen der verschiedenen gro\u00dfen Religionen (einschlie\u00dflich des Islam und des Buddhismus) finden wir solche Spuren vor. Der heterodoxe Islam bietet einige interessante und beeindruckende Beispiele dessen, so etwa die Vorstellung, dass jeder Organismus als eine Reflektion von Gottes \u201eGutem\u201c betrachtet wird.<\/p>\n<p>8. Materielle Instinkte versus abstrakter Geist?<\/p>\n<p><b>TA:<\/b>\u00a0Wir setzten bei Tieren die Empfindsamkeit (<i>sentience<\/i>) als entscheidendes und haupts\u00e4chliches Kriterium voraus (in s\u00e4kularer und naturwissenschaftlicher Hinsicht), als qualifizierendes Merkmal f\u00fcr den Sinn und Wert tierlichen Lebens in der Welt. Diese Qualifikatoren sind prim\u00e4r an die biologische Konstitution des jeweiligen Organismusses und an unser Verst\u00e4ndnis davon gebunden. In den gro\u00dfen abrahamitischen Religionen bildet sich der haupts\u00e4chliche Sinn des <i>Lebens<\/i> \u00fcber die Gebote Gottes und andererseits den S\u00fcndenbegriff. Die Vorstellungen von Recht und Unrecht, Wert und Unwert messen sich am Parameter \u201eGott\u201c. So haben wir auf der s\u00e4kularen, naturwissenschaftlichen Ebene das biologische F\u00fchlen (<i>sentience<\/i>) des Tierseins auf der einen Seite, und auf einer anderen steht ein menschlich abstraktes Denk- und\/oder religi\u00f6ses Glaubensgef\u00fcge. Sind die Trennungen zwischen sensorischem F\u00fchlen (<i>sentience<\/i>) und Geist nicht genau der Punkt, der die Hierarchien und Unterteilungen von Lebewesen und Organismen arbitr\u00e4r am Leben erh\u00e4lt? Ist f\u00fchlen nicht auch Geist? Natur und Gott bilden quasi eine Dichotomie zwischen abgewerteter K\u00f6rperlichkeit und Gott ist der aufgewertete Geist nicht-irdischen Seins, als w\u00e4re die Welt selbst wirklich nur da, um \u201egenutzt\u201c zu werden (vom Menschen), sie selbst darf aber nicht mehr sein als \u201ewertloser\u201c K\u00f6rper ohne Geist. Ist die Instinkttheorie, dass Tiere nur <i>sentience<\/i> haben, aber keinen \u201evitalen Geist\u201c, nicht eigentlich der logische Schluss aus einer religi\u00f6sen Vergangenheit, die die Tiere in die verachtete, herabgew\u00fcrdigte nat\u00fcrlich-k\u00f6rperliche \u201egeistlose\u201c und \u201enicht-denkende\u201c (und nicht-glaubende) Welt eingeordnet hat?<\/p>\n<p><b>Can:<\/b> Diese Frage kann ich in der K\u00fcrze nicht beantworten. Es gibt Beispiele f\u00fcr all solche Facetten, von Denkern wie Spinoza bis hin zu Averroes, von Abelard zu Siddharta. Das kartesische Denken im Bezug auf Tiere ist nun oft widerlegt worden, und die Philosophie hat f\u00fcr sich eine breitere, st\u00e4rker wissenschaftlich orientierte Herangehensweise angenommen<\/p>\n<p><b>TA:<\/b>\u00a0Vielen Dank Can, dass Du uns bei der Suche nach Antworten auf unsere Fragen geholfen hast!<\/p>\n<p><b>Can:<\/b> Danke f\u00fcr die schwierigen Fragen :)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus: TIERAUTONOMIE,\u00a0 Jg. 1 (2014), Heft 3,\u00a0ISSN 2363-6513. Wir haben Can Ba\u015fkent \u00fcber Schnittstellen zwischen Atheismus und Tierrechten befragt Dieser Text als PDF Wir fragten Can Baskent \u00fcber sichtbare und unsichtbare Formen der Gewalt gegen Tiere und die Umwelt im Namen der Religion, und, ob ethischer Veganismus eine Ablehnung von Seinshierarchien aller Art mit sich [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[30,109,11],"tags":[118,20,29],"class_list":["post-1198","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-gaeste","category-handeln-gegen-speziesismus","category-zoa-und-anthropos","tag-can-baskent","tag-denken","tag-tierrechte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/simorgh.de\/about\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1198"}],"collection":[{"href":"https:\/\/simorgh.de\/about\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/simorgh.de\/about\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/simorgh.de\/about\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/simorgh.de\/about\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1198"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/simorgh.de\/about\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1198\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1200,"href":"https:\/\/simorgh.de\/about\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1198\/revisions\/1200"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/simorgh.de\/about\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1198"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/simorgh.de\/about\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1198"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/simorgh.de\/about\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1198"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}