Kim Socha: Die Venen öffnen

kts8

Jahrgang 1, Nr. 4, Art. 1, ISSN 2363-6513, Dezember 2014

Die Venen öffnen

Kim Socha

Englischsprachige Originalfassung
Opening Veins. Aus: Defiant Daughters: 21 Women on Art, Activism, Animals, and the Sexual Politics of Meat. Herausgegeben von Kara Davis und Wendy Lee, mit einem Vorwort von Carol Adams. Erschienen bei Lantern Books, 2014. http://www.lanternbooks.com/books/BookDetail.aspx?productID=357873.

Schlagworte: Tierrechte, Feminismus, Veganismus, Intersektionalität

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TIERAUTONOMIE,  Jg. 1 (2014), Heft 4.

Die Venen öffnen

Ist es Kultur oder Biologie? Dieses stark vereinfachende Binär ungerliegt oft den Gesprächen, die ich mit den Menschen draußen, während meiner Tierrechtsarbeit führe. Sind wir biologisch geschaffen um Tiere zu essen oder ist es eher eine kulturell bedingte Motivation? Meine ehrliche Antwort darauf ist: es ist mir egal. Wir leben in einer industrialisierten Kultur, in der es eine Menge an Alternativen zum Verzehr und Gebrauch von tierischen Produkten gibt. Wir sollten diese Dinge also meiden. Im Kontext mit dem Aktivismus ist es besonders frustrierend mit der esoterischen Kritik dieser uns so plagenden Binäre konfrontiert zu werden – Mensch/Tier (als wären Menschen keine Tiere), Mann/Frau (als wäre das Gender kein soziales Konstrukt), Gut und Böse (als würden all unsere Handlungen ganz einfach in die eine oder andere Kategorie hineinpassen – Ambiguität sei verdammt!).

Es war Carol Adams, die mir mit ihrem Buch The Sexual Politics of Meat und mit ihren anderen Publikationen geholfen hat, die Binäre und Annahmen, die der rationalistischen philosophischen Geschichte der westlichen Kultur entsprungen sind, zu hinterfragen. Meine sich noch entwickelnde Forschung baut auf dem Fundament ihrer Gedanken auf, und die Botschaften ihrer Arbeit begleiten mich nunmehr seit den letzten 12 Jahren, seitdem ich das erste Mal ihr Buch las. Meine Beziehung zu Adams Arbeit ist jedoch nicht einheitlicher Natur. So las ich beispielsweise ihre starken Aussagen über die miteinander verbundenen Unterdrückungsformen und über weibliche Selbstbefähigung, wurde aber erst neun Jahre später vegan. Tatsächlich trat ich sogar eine selbstzerstörerische Lebensreise an, auf der ich mich immer noch befinde, obwohl ich inzwischen eine vegane Tierrechtlerin und Akademikerin bin und mich auch in anderen Bereichen für soziale Gerechtigkeit einsetze. Liegt das an der Kultur oder an der Biologie? Habe ich einen Hang zur Selbstzerstörung aufgrund einer frauenhassenden Gegenstandskultur, oder die es die Biologie – sind es die falschen Signale in meinem Gehirn, die mich immer wieder zur eigenen Infragestellung veranlassen, und dazu, mich selbst zum Schweigen zu bringen? Aber warum hat sich meine Selbstzerstörung am stärksten über die Anorexie, die Drogenabhängigkeit und die Abhängigkeit von unterdrückerischen Männern manifestiert? Ich frage mich weshalb ich eine Stimme habe, wenn ich die nichtmenschlichen Tiere und die menschlichen Tiere, die ich liebe, verteidige, doch wenn es um mich selbst geht dann bleibe ich zumeist still. Und warum habe ich, wenn ich nicht still bin, das Gefühl ich hätte etwas falsch gemacht?

Bei einer Konferenz vor kurzem las ich aus meinem Buch Frauen, Zerstörung und die Avant-Garde: ein Paradigma für die Tierbefreiung vor – ein Buch, das sich fest und überzeugt auf Adams Theorien begründet. Ich war wütend (in einer guten Weise, gegen die Ungerechtigkeit) und fühlte mich stark, und die Zuhörerinnen reagierten mit Begeisterung und Applaus. Ich fühlte mich wie eine motivierende Kraft, weil ich in diesem Buch die Wahrheit sagte. Später am Abend aber, als ich versuchte einzuschlafen, fühlte ich mich aber als hätte ich gelogen, denn eigentlich bin ich in so vielen Punkten immer noch so schwach, was auch einen Teil meiner Wahrheit ausmacht. Und das ist die Geschichte, die ich hier erzählen will. Eine Geschichte, die ich nicht hinter meiner Gelehrsamkeit verstecken will. Doch bevor ich meine Geschichte von Zerstörung und Erneuerung erzähle, muss ich doch diese Zusatzerklärung abgeben: Mit geht es inzwischen viel besser und ich bin weiterhin auf dem Weg der Besserung.

Der Schriftsteller Paul Gallico machte diese oft zitierte Beobachtung: „Nur wenn Du deine Venen ein wenig öffnest und das Blut auf das Papier träufeln lässt, kannst Du eine Beziehung zu deinem Leser herstellen.“ Welch Glück ich habe, dass ich das nur im metaphorischen Sinne tun muss. Selbst jetzt wo ich diese Worte schreibe, denke ich an all die nichtmenschlichen Tiere, denen die Venen tatsächlich zu Milliarden jährlich geöffnet werden, um den Wunsch der Menschen nach ihrem Fleisch zu stillen. Und das ist, worum es in dieser Geschichte geht: es ist die Geschichte einer selbstzerstörerischen Frau, die ihre Zerstörung im metaphorischen Sinne als vergleichbar zu der Zerstörung nichtmenschlicher Tiere erlebt, eine Frau die jedoch privilegiert genug ist um Wege aus dieser Verheerung heraus zu finden, eine Frau, die sich schuldig fühlt dafür, dass sie sagt, sie leidet und sie hat gelitten, während andere doch so viel mehr leiden. Aber diese Geschichte nicht zu erzählen, hieße wieder in die Falle der Selbstzensur zu treten. Ich will also versuchen „meine Venen zu öffnen.“

Auch möchte ich ein Bild von mir selbst zeichnen, einer achtundreißigjährigen Frau, die immer noch die Antworten auf die Frage: „Wer bin ich?“ sucht, während sie gleichzeitig versucht mit der Tatsache klarzukommen, dass sie es vielleicht niemals herausfinden wird. Ich schaue auf den Buchumschlag von The Sexual Politics of Meat, auf diese nackte Frau, die ihren Kopf wendet mit dem roten Cowgirl-Hut, dem rabenschwarzen Haar, dem verführerischen Augenausdruck und den purpurnen Lippen. Sie ist beides von dem was ich immer sein wollte – eine schöne, begehrte Frau – und das, was ich an mir verachte zu sein – ein Gegenstand, der nur wegen der Teile, aus denen er sich zusammensetzt, gewünscht wird, dessen man sich dann aber auch wieder entledigen kann. Sie erinnert mich als Lynda Carters Cartoon-Charakter Wonder Woman, den ich als Kind so liebte – unglaublich schön und stark, umherlaufend in so wenig Kleidungsstücken, wie es in den 1970ern auf den öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern gerade noch erlaubt war. Die Frau auf dem Cover verfügt jedoch über keinerlei Macht. Sie ist ein Produkt, das in seine Stücke untergliedert wird, das gedemütigt und bloßgestellt wird. Sie ist ein öffentlicher Besitz. Die westliche Kultur hat ihr dies durch ihre misogynistischen Medien angetan, sie hat es mir angetan und sie tut es weiterhin Mädchen und Frauen an, zumindest im übertragenen Sinne – den Nichtmenschen tut sie es faktisch an.

Dann blättere ich in dem Buch zu dem Bild von „Ursula Hamdress“, dem Pinup-Schwein, das erscheint als freue es sich seiner selbst an seinem eigenen milden Lächeln und einem Drink neben ihm. Ursulas Bild spiegelt die Botschaft des Umschlagsbildes wider. Als übergewichtiger Teenager nannten die Menschen, nach deren Anerkennung ich mich sehnte, mich „Schwein“, „Kuh“ und „Elch“. Zu dieser Zeit dachte ich, dass diese Beleidigungen die schlimmstmöglichen sein müssten. Animalisiert zu werden, hieß abgelehnt zu werden. Als Frau eine „Sau“ zu sein, heißt verdammt zu werden, reduziert auf den Status eines unerwünschten Produkts, und obgleich „Fox“ oder „Biest“ vordergründig als Komplimente zu verstehen sein sollen, handelt es sich doch ebenso um eine Reduzierung von Frauen auf objektifizierte Wesen. Rückblickend wünschte ich, ich hätte zu denjenigen, die mich auf dieses Art und Weise verdammt haben, gesagt: „Dank Dir! Denn Schweine sind intelligente, sensible und schöne Wesen.“ Doch ich war damals, im Teenageralter, noch so weit entfernt von solchen Gedanken, wie denen, den ich später in Adams Arbeiten begegnete, so dass ich kaum so reagieren konnte. Und statt meinen Peinigern schlau zu kontern, entwickelte ich Anorexie.

Bild 1: Die hungernde Frau

Ich habe mich etwa sechs Jahre lang hungern lassen, von meinem neunzehnten bis zu meinem fünfundzwanzigsten Lebensjahr, was mir zwei Krankenhausaufenthalte einbrachte. Als ich im Krankenhaus war, traf ich andere Frauen wie mich selbst: schlau, witzig, fürsorglich und selbsthassend genug um sich im Land der Fülle aushungern zu lassen. Wir waren privilegiert genug um Nahrung abzulehnen, während andere Menschen auf dieser Welt aufgrund des Mangels an Nahrung hungern müssen. Und, wir hatten das Glück Eltern oder andere Menschen zu haben, die über ausreichend finanzielle Mittel verfügten um für unsere Krankenhausaufenthalte aufzukommen. Die meisten von uns, die wir uns in Behandlung befanden, waren weiß, aber es waren auch einige farbige Frauen dort. Soweit wie ich es erlebte, waren die meisten Patientinnen, die sich aushungern ließen und bulimisch waren, zumeist weiße Frauen, während diejenigen, die zu viel aßen, hauptsächlich farbige Frauen waren. Warum auch immer, aber diese Unterschiedlichkeit existierte. Eine Tatsache ist, dass wir alle Nahrung dazu einsetzten, um uns selbst zu „behandeln“, wegen dem einfachen wenn auch komplexen Grund, dass wir uns allesamt selbst nicht mochten.

Während meines Krankenhausaufenthaltes schloss ich kurz andauernde Freundschaften. Ich glaube diese Verbindungen unterlagen solch einem Zeitlimit, weil viele von uns letztendlich doch miteinander konkurrierten. Bei einer Größe von 1.68 m wog ich immerhin 36 kg, dort lebten aber Frauen, die größer und noch dünner waren als ich. Ich konnte sie kaum anschauen, weil sie so dünn waren. Und während ihr brüchiges Haar und ihre hervorstehenden Knochen mich abstießen, so war ich doch zugleich auch neidisch auf sie. Sie kriegten die Anorexie besser hin als ich.

Ich versuchte in meiner Selbstvorenthaltung von Nahrung perfekt zu sein, so dass man mich nicht mehr länger „Kuh“ oder „Schwein“ nennen würde, fing an Gewicht zu verlieren und hörte dann einfach nicht mehr damit auf. Dabei versuchte ich aber nicht in bewusster Weise Models nachzuahmen, die sich selbst aushungern lassen um „vermarktbar“ zu sein, aber ich gab definitv der kulturellen Annahme nach, dass dünn zu sein bedeutet Wert zu haben. Auch war das meine Art den Männern, die mich zuvor wegen meines Gewichts ärgerten, zu sagen (und in meinem Fall waren es immer Männer): „Euch werd ichs zeigen!“

Ein merkwürdiger „Vorteil“ meiner Anorexie war, dass ich auch aufhörte zu fühlen. Natürlich zeigte ich Gefühle. Ich weinte fortwährend und reagierte, als ich meinen Abschluss am College machte, immer hyperaktiv auf den geringsten Stress, und, ich schaffte es mit so wenig Nahrung wie möglich durch bis zu meinem Masterabschluss. (Jahre später, als ich mit meiner Dissertation begann im Jahr 2006 und ich die Anorexie, die mich einst plagte, augenscheinlich schon weit hinter mir gelassen hatte, da sprach im meinem Hinterkopf doch immer noch diese Stimme zu mir, die sagte, dass der Grund weshalb ich als Studentin erfolgreich war, doch allein in meiner Anorexie gelegen habe. Wie könnte ich meinen Doktortitel erlangen ohne mich selbst hungern zu lassen? Wie sich später herausstellte hatte das eine aber wirklich nichts mit dem anderen zu tun.) Mein absichtliches Hungern setzte meine weiblichen Körperfunktionen außer Kraft, ich hatte keine Periode mehr und entwickelte Osteoporose in einem Alter von dreiundzwanzig Jahren. Ich hatte auch keinerlei sexuellen Gefühle mehr in jegliche Richtung, was ich als eine Art Auszeichnung empfand, als einen Beweis dafür, dass anorexisch zu sein irgendwie richtig sein müsste, weil alles andere, das ich in meinem Leben tat, falsch oder nicht gut genug erschien. Kalorien zählen, exzessives trainieren und zu versuchen eine Top-Studentin zu sein, war alles was für mich zählte; das waren die täglichen Übungen einer Frau, die keine Frau sein wollte, weil sie nicht dachte, dass sie in der „echten Welt“ sichtbar sein könnte. Sie würde keine Freunde haben, sie würde unfähig sein jemanden außerhalb der Familie zu lieben oder von jemandem außerhalb der Familie geliebt zu werden, und sie würde nicht dazu imstand sein, dauerhaft einen Job zu bewältigen und für sich selbst finanziell sorgen zu können. Sie würde zusammenbrechen, ab dem Punk, ab dem sie für sich selbst sorgen müsste. Die Frau, die ich mir vorstellte zu werden, wäre außerstande dazu, irgendetwas selbst zu schaffen.

Ich bin mir nicht sicher wie die offiziellen Statistiken lauten, aber viele der anorexischen Frauen, denen ich während meiner Behandlung begegnete, identifizierten sich auch als Vegetarierinnen. Mitte und Ende der 1990er wusste ich über den Veganismus zwar Bescheid, er war zu der Zeit aber bei weitem noch nicht so populär wie heute, und so gab es damals auch nicht so viele Frauen, die über sich gesagt hätten, dass sie vegan seien. Im Zuge ihrer Behandlung begannen allerdings viele dieser vegetarischen Frauen wieder Fleisch zu essen. Ich tat das nicht. Ich konnte stolz von mir behaupten, dass ich ethisch bleiben würde, selbst wenn die Leute im Krankenhaus mich unter Druck setzten, dass doch Fleisch essen solle. Rückblickend mache ich ihnen aber keinen Vorwurf daraus, dass sie dachten der Vegetarismus wäre nur ein Weg gewesen um fetthaltige Nahrung und die Nahrungsausfnahme überhaupt zu reduzieren. Mir bedeutete er jedoch mehr als das, selbst damals. Es war für mich eine Frage der Ethik.

Ethik, ein System richtigen Handelns. Ich hungerte mich bis zur Krankheit und dachte ich handle ethisch. Tatsächlich versuchte ich eine Kraft für diejenigen zu sein, denen in unserer Kultur Gewalt angetan wird – den nichtmenschlichen Tieren – während ich mir selbst jegliche Kraft entzog, die mir hätte helfen können (und damit schließlich auch den Tieren) um das Leid zu beenden. Ja ich hatte The Sexual Politics of Meat gelesen, aber ich konnte die Frau-Tier-Bezeihung im Bezug auf mich selbst nicht herstellen. Ich konnte nicht sehen, dass auch ich der Fürsorge bedurfte.

Erst jetzt kann ich diesen Abschnitt meines Lebens mit den Erfahrungen anderer weiblicher Wesen, die für Profitzwecke ausgehungert werden, vergleichen – keine Supermodels, sondern Hennen, denen man in einem abartigen Versuch die Natur zu mimen, das Futter für fünf bis vierzehn Tage lang verweigert, um sie dadurch zu zwingen, mehr Eier zu produzieren, für mehr Gewinne. Selbst in meinen schlimmsten Zeiten habe ich nie solange gehungert. Ich aß jeden Tag, nur einfach nicht genug, und ich trainierte täglich zwei Stunden und verbrannte so die wenigen Nährstoffe, die ich zu mir genommen hatte.

In der Zeit als ich mich, nach vielen Unterbrechungen und Neuanfängen, von meiner Anorexie erholt hatte, entwickelte ich eine emotionale Kälte gegenüber Frauen mit Essstörungen. Ich behauptete ich könne ihnen gegenüber keinerlei Sympathie empfinden. Schließlich hatte ich herausgefunden, wie ich wieder essen konnte, warum konnten sie das dann nicht? Und wie könnten sie nur so selbstbezogen sein, wo doch Menschen, insbesondere Kinder, wirklich hungern müssen, in den Teilen der Welt, in denen Hungersnöte und Krieg herrschen? Warum sollte sich jemand überhaupt Sorgen machen um Leute die absichtlich hungern, wo es sogar in den USA Familien gibt, die nicht mal ihre eigenen Kinder versorgen können? „Eine reiche Zicke, die nicht essen will? Ja und!“ lautete ein Witz von George Carlin über Frauen mit Essstörungen, und ich stimmte ihm voll zu. Ich glaubte, dass mein Mangel an Sympatie ein Anzeichen dafür wäre, dass ich meine Anorexie nun überwunden hätte, dass ich nun frei sei von der mir selbst auferlegten Selbstzerstörung, und dass ich vielleicht überhaupt niemals ein echtes Problem gehabt hatte, von Anfang an nicht.

Doch ich hatte ein Problem, und es begrenzte sich nicht nur auf die Anorexie. Und recht bald schon nahm dieses Problem einfach eine andere Gestalt an.

Bild 2: Die „liebes“- und drogenabhängige Frau

Kultur oder Biologie? Welches dieser beiden auch immer (oder waren es beide?) mich anorexisch gemacht hatte, das gleiche machte mich nun auch „liebes“- und drogenabhängig. Viele Leute betrachten das als zwei voneinander unabhängige Problemkomplexe, aber für mich ist das wie Roxy Music es in einem ihrer Songs beschrieben haben, dass „Liebe eine Droge [für mich] ist.“ Und ich setze „Liebe“ hier in Anführungszeichen, da ich natürlich durch keine meiner missbrauchenden Beziehungen mit Männern jemals Liebe erfahren hätte. Liebe erlebte ich in meinem Leben von meiner Familie und meinen Freunden, trotzdem suchte ich sie von Männern, die auf mich mit emotionaler und physischer Gewalt, mit Obsession und manchmal auch ganz einfach mit Desinteresse reagierten. Wenn ein stereotyper „netter Kerl“ an mich herantrat, interessierte mich das überhaupt nicht. Zeit mit einem Mann zu verbringen, der lieb zu mir war, der denken würde ich sein okay, der mich nicht verändern wollte, schien mir irgendwie uninteressant und abwegig. Ich suchte nach jemandem, den ich zufriedenstellen und/oder bei dem ich irgendetwas in Ordnung bringen müsste. Um ehrlich zu sein weiß ich nicht einmal, weshalb mir Männer so wichtig waren. Bis heute bin ich mir über meine Sexualität nicht im Klaren. Über die Jahre hinweg habe ich mich selbst als so ziemlich alles definiert, von heterosexuell bis bisexuell zu asexuell und pansexuell, bis zu dem was gerade als nächstes kommen könnte. Doch Label beiseite – ich persönlich denke diese Label können problematisch und oppressiv sein –, unterm Strich betrachtet suchte und suche ich immer noch häufig nach einer Bestätigung von Männern.

Ich habe meine „Liebesabhängigkeit“ erst durch eine langwierige Therapie für mein wohl noch schwerwiegenderes Problem mit der Drogenabhängigkeit begreifen gelernt. Denn nur einige Jahre nachdem ich mich von der Anorexie erholt hatte, wurde ich kokain- und cracksüchtig. Während meiner Behandlung wegen der Drogensucht schickte man mich auch zu den Treffen der Gruppe anonymer Sex- und Liebessüchtiger, da ich mit einem Mitpatienten eine sexuelle Beziehung eingegangen war. Ich musste erst lachen, als sie mich zu diesen Treffen schickten: Ich mochte Sex nicht einmal, auch tat ich mich schwer mit der Vorstellung einer romantischen Liebesbeziehung. Nach einer Weile ergaben diese Treffen aber Sinn für mich, und so auch der Zusammenhang zu meiner Sucht nach dem Kokain. Im Gehirn gibt es Chemikalien, die eine „Liebessucht“ stimulieren, so wie es Chemikalien im Kokain gibt, die eine Euphorie simulieren. Zudem verband sich meine Drogensucht mit Männern, sie war gespeist durch Männer, auch wenn ich die Verantwortung für meine Sucht selbstverständlich ganz alleine trage. Diese beiden Süchte haben, im Gegensatz zur Anorexie, beinahe jeglichen ethischen Codex, dem ich in meinem Leben gefolgt war, zerstört – insbesondere was den Punkt meiner eigenen Integrität und der nichtmenschlicher Tiere anbetraf.

Ich erzählte einer befreundeten Tierrechtsaktivistin einmal wie ich nach zehn Jahren Vegetarismus drei Jahre lang in die Fleischesserei zurückverfiel. Sie war schockiert als ich das sagte und ich merkte, dass sie mich dafür verurteilte. Ich bin mir sicher sie fragte sich: Wie kann es sein, dass jemand, nachdem er/sie die Wahrheit über das Tierleid einmal erfahren hat, sein Wissen wieder darüber wieder verlernt? Ich hatte die Wahrheit nicht vergessen, es machte mir nur einfach kaum mehr etwas aus. Sie und andere Aktivist_innen, die ich kennengelernt habe seitdem ich selbst Aktivistin geworden bin, erinnern mich, ohne dass es ihre Absicht wäre, daran, wie lang ich gebraucht habe um die Wahrheit zu internalisieren, statt sie einfach nur zu wissen. Ich höre von deren langen Werdegängen innerhalb der Bewegung, einhergehend mit einer langen veganen Praxis, heroischen Taten, Tierrettungen, usw., und dann denke ich an die zerstörerischen Süchte, die Teil meines Lebens waren, während die anderen bereits mit vollem Bewusstsein handelten.

So schlimm meine Anorexie auch gewesen ist, die Drogenabhängigkeit führte mich einen weitaus dunkleren Abgrund hinab. Bis heute sehe ich meine damalige Rückkehr zum Fleischessen als eines der zahlreichen Beispiele dessen, wie selbsthassend, egoistisch und lustabhängig ich damals geworden war. Die Kokainsucht führte bei mir dazu, dass mir alles andere egal wurde, außer dem, wie ich an mehr Kokain herankommen würde. Mir war egal mit wem ich dazu verkehren müsste, wo ich es herbekommen könnte, was ich dazu tun müsste, wen ich verletzen und wie ich mich behandeln lassen müsste, um es zu bekommen. So kam es auch dazu, dass wenn ich aß, was so alle paar Tage geschah nachdem ich von einem Drogentrip herunterkam, mir egal war, wem ich schaden würde um meinen hungrigen Körper zu nähren. Und mit den um die Drogen kaufen zu können anwachsenden Schulden auf meinem Konto, waren es die Fastfood-Restaurants geworden, die für mich zu billigen unumständlichen Orten wurden, wo ich mir mein Essen kaufte. Zusammenfassend gesagt begann ich damit, die faktischen Fragmente gefolterter Tierkörper zu essen, weil ich selbst mental gequält und emotional zergliedert war.

Während dieser Phase hatte ich einen „Komplizen“, einen Mann, wegen dem ich zweimal die Polizei rief, weil er mich emotional und körperlich misshandelte. Er gab vor eine Heroinsucht erfolgreich überwunden zu haben, und meinte, dass er daher seinen Alkohol- und Kokainkonsum locker im Griff habe. Ich dachte ich würde ihn lieben und glaubte, dass er mich liebte, weil er mir einmal mit Selbstmord drohte als ich ihn verlassen wollte, dabei hielt er sich sogar das Messer an die Schlagader um mir zu zeigen, dass er es ernst meinte. Wie gut es uns doch ging, dass wir mit dem Gedanken spielen konnten unsere Venen zu öffnen, während die Tiere, die wir aßen, diese Wahl nicht hatten.

Wenn wir gerade mal nicht high waren – und wir versuchten tatsächlich nicht high zu sein – dann waren wir hungrig. Und wenn wir Hunger hatten, dann labten wir uns an Tierfleisch. Da er zumeist kein Geld hatte, zahlte ich für unsere McDonalds-Besuche und unsere Frühstücke bei einem nahegelegenen Café, wo wir Käseomelettes und Pork Rolls (eine typische Mahlzeit in Philadelphia) aßen. An besonderen Abenden gingen wir in ein Pub in der Nähe, aßen Steak und tranken Wein (als wäre Wein keine Droge). Trotz der Tiefe, in die ich während meiner Sucht sank, fühlte ich mich nie wie ein Fleischesser. Ich fühlte mich eher wie ein Vegetarier im Gewand eines Fleischessers, denn selbst während meiner Suchtphase empfand ich das Fleischessen irgendwo in meinem Hinterkopf als etwas Schmähliches. Das entschuldigt mein Verhalten nicht, aber ich glaube ein Teil von mir wusste, oder hoffte, dass ich eines Tages zum Vegetarismus zurückkehren würde, auch wenn mir der Veganismus zu dem Zeitpunkt noch unvorstellbar vorkam. Die Wahrheit von The Sexual Politics of Meat existierte, nur mir war alles egal und ich handelte nicht entsprechend meines Wissens. Alles war mir egal, außer mein süchtiges Hirn mit Kokain zu versorgen und die „Liebe“ instabiler Männer.

Ich missachtete die körperliche Integrität von Nichtmenschen und ich missachtete auch die meinige. Es ist wenig überraschend, dass der Handel mit illegalen Drogen zumeist von Männern betrieben wird. Und obgleich ich in etwas bizarrer Weise stolz auf mich war, dass ich lieber Schulden machen würde, bevor ich meinen Körper zur Beschaffung von Drogen verkaufen würde, was so viele Frauen tun, muss ich wenn ich ehrlich bin aber einräumen, dass dies nicht die ganze Geschichte war. Ich bewegte mich aus den krankhaften Beziehungen nicht heraus, um mir meinen kontinuierlichen Fluss an Kokain zu sichern, und, mehr als einmal setzte ich meine Sexualität dazu ein, um die Droge zu erhalten. Ein Mann zwang mich sogar mit dem Messer auf die Knie, damit ich ihn für etwas Crack befriedige. In diesem Moment schützte ich mich vor der Reaität der Situation, indem ich mir sagte, dass er ja schließlich mein Freund sei und ich ihm den Sex doch schulde, da er mir die Drogen doch „umsonst“ verschaffte. In so einem Leben fand Mitgefühl wenig oder auch gar keinen Platz, nicht für mich, nicht für die, die mich liebten, und nicht für die Tiere, die ich aß.

Und wieder, so wie mit der Anorexie, hatte ich den Luxus aus der Krise herauszukommen, und wenn ich an die Behandlung denke, für die meine Eltern mehr als 50.000 Dollar zahlten, dann schäme ich mich, doch ich bin ihnen auch dankbar. Dieses Geld wurde gezahlt um mich aus einer destruktiven Beziehung und aus der Kokainsucht herauszuholen. In Folge dieser Erfahrungen habe ich mich in den letzten fünf Jahren für Opfer sexueller und häuslicher Gewalt in ländlichen Gegenden und für inhaftierte Jugendliche in urbanen Gegenden eingesetzt. Drogen und Alkohol sind oft ein Teil ihrer Geschichte, als Opfer sowie auch als Häftlinge. Im Gegensatz zu mir verfügen diese Menschen und ihre Familien aber nicht über die finanziellen Mittel, die nötig wären, um sie aus den Kontexten herauszuholen in denen der Drogenhandel floriert. Bis heute bin ich stolz darauf, dass ich die Kokainsucht überwunden habe, aber dieser Stolz ist durch das Gefühl getrübt, ein kleines weißes Mädchen zu sein, dessen Mami und Papi es aus einer verkommenen Welt herausgeholt haben, aus der andere nicht so leicht entfliehen können. Diese Ambiguität kehrt immer wieder zurück, so wie auch die Tiere.

Ich habe nun seit etwa acht Jahren kein Kokain mehr genommen und habe sogar einen Weg gefunden, wie ich meine Suchterfahrungen einsetzten kann, um den Nichtmenschen, die ich während der schlimmsten meiner Tage verraten habe, zu helfen. Zuerst hat mich diese Verknüpfung selbst überrascht. Während ich zwar verstand, dass die Anorexie mit der Verbindung von Speziesismus und Sexismus zu tun hat, so dachte ich doch nicht, dass meine hedonistischen Kokainzeiten irgendwann jemals etwas anderes sein könnten, als ein dunkler Teil meiner Lebensgeschichte, ein weiteres selbstverursachtes Hindernis das ich überwand. Ich bekam, als ich ehrenamtlich bei einer Tierbefreiungsgruppe in Minneapolis mitarbeitete, die Gelegenheit mit meiner bedauerlichen Geschichte etwas Konstruktives anzufangen.

Primaten, Ratten und Mäuse wurden (und werden immer noch) in einem Forschungslabor an der Universität von Minnesota, nur einige Meilen von meinem Wohnort entfernt, gewaltsam drogenabhängig gemacht. Eines der schlimmsten Gefühle, die ich jemals erlebt habe, ist es gewesen, von einem Kokain- oder Crack-High runterzukommen, wenn keine weiteren Drogen zur Verfügung standen und kein Geld für mehr Drogen da war. Um dieses Gefühl passend zu beschreiben, muss ich eine andere Person zitieren, eine starke farbige Frau, die während meines Genesungsprozesses kurzzeitig als meine Sponsorin einsprang. Sie formulierte es so: „Du kannst nicht schlafen, du kannst nicht wach sein, du kannst nicht still sitzen, du kannst dich nicht bewegen, aber du versucht die ganze Zeit immer wieder all diese Dinge zu tun. Dein Gehirn funktioniert nicht, doch es arbeitet forwährend daran, dich zu drängen mehr Kokain aufzutreiben. Und wenn du das nicht kannst, dann bist du wie ein eingesperrtes Tier, ein Tiger in einem kleinen Käfig.“ Dies ist die Extravaganz einer Metaphorik, aber sie drückt genau das aus, wie sich der Zerstörungsprozess der Sucht bemerkbar macht.

Die Tiere in der Universtät von Minnesota sind nun aber tatsächlich in Käfigen eingesperrt, in denen sie sich ruhelos hin und her bewegen, und sie können nicht schlafen, nicht wach sein, nicht still sitzen und sich nicht wirklich bewegen. Ich sage nicht gerne, dass die Folgen eines Drogenhighs Folter sind, aber im Falle der Primaten, Ratten und Mäuse ist dieses Wort genau das zutreffende. Während sie leiden macht ein Mensch seine Aufzeichnungen und entscheidet wann oder ob sie mehr Kokain, Heroin, Meth, Nikotin, Alkohol und so weiter verabreicht bekommen. Ein Mensch beobachtet sie in ihren Käfigen und trifft Einschätzungen darüber, wie lange sie es ohne Nahrung aushalten, während sie „mehr Stoff brauchen“. Ihre Eltern können sie nicht retten, weil sie ihren Eltern weggenommen wurden. Der Staat hat dem Problem mit-Drogen-misshandelter-Tiere keinen Krieg erklärt, im Gegenteil finanziert er die ihnen auferzwungenen Süchte. Und trotz vieler auf lokaler und nationaler Ebene betriebenen Versuche sie zu befreien, vermittelt das Desinteresse, das die Universität, die Justiz und die Öffentlichkeit deren Problem gegenüber zeigen, doch stark den Eindruck, dass sie niemals gerettet werden können. Obgleich Suchtexperten sich da uneinig sein mögen, aber diesen Wesen fehlt eines, was andere Süchtige hatten und haben: eine Wahl.

Ganz offensichtlich wird diese Forschung für Drogensüchtige wie mich durchgeführt; sie wird gemacht um Verhaltens- und Drogentherapien zu entwickeln, die die Drogensucht beenden können. Diese Forschung wird nun seit mehr als fünfundzwanzig Jahren durchgeführt, mit kaum bis zu gar keinen Ergebnissen. Es beunruhigt mich zutiefst, dass etwas, das ich einmal getan habe, in Verbindung mit diesen Experimenten an der Universität von Minnesota steht, und so nahm ich an einer lokalen Kampagne mit dem Titel „Kein Schmerz in meinem Namen“ teil, bei der ehemalige und immer noch drogenabhängige versuchen, ein Mitspracherecht bei der Frage zu erwirken, wie die Forscher in ihren Versuchen dabei, uns zu „reparieren“, vorgehen dürfen.

In dieser Kampagne sprechen wir in kurzen Videoclips von unseren Geschichten. In meinem Interview erkläre ich, wie die Drogensucht mein Leben zerstört hat, wie ich dadurch Freunde verlor, den Respekt meiner Familie und wie meine berufliche Laufbahn und mein Leben zum Stillstand kamen. Dann spreche ich darüber, wie furchtbar ich es finde, dass Tiere gezwungen werden, die Depression und die Isolation zu erfahren, die ich als Drogenabhängige durchmachte. Ich spreche auch über die Beobachtung, die ich oben bereits erwähnte: dass diese Forschung nun seit einem viertel Jahrhundert läuft und nichts an Resultaten hervorgebracht hat, was Drogenabhängigen geholfen hätte. (Obgleich selbst wenn die Forschung „erfolgreich“ gewesen wäre, so denke ich persönlich doch, dass der Zweck die Mittel nicht heiligt.) Meine Hoffnung und die Hoffnung anderer, die an dieser Kampagne teilnehmen, besteht darin, die Universität bloßzustellen und aufzuzeigen, dass diese Forschung nicht entschuldbar ist, und keinesfalls einen Anlass bietet, stolz auf sie zu sein. Wie ich in dem Video erkläre, habe ich, wie so viele andere, die Drogensucht überwinden können, ohne irgendein Zutun jeglicher Forschungen und Studien, die an dieser Universität stattfinden. Und so erzählen wir alle unsere verschiedenen Geschichten über den Drogen- und Alkoholmissbrauch und über die Heilung von der Sucht, und wir enden alle mit der gleichen Aufforderung, dem Appell: „In meinem Namen soll kein Leid verursacht werden.“ Es gibt bereits genug Leid, das aus der Entscheidung zur Drogensucht resultiert; wir wollen aber das Leid, das aus dem Zwingen anderer zur Drogensucht resultiert, beenden.

Bild 3: Eine erneurte, unperfekte Frau

Bei der Konferenz für kritische Tierstudien im Jahr 2012 sprach ich über mein Buch, mit vier anderen Redner_innen – zwei Männern und zwei Frauen – die auch über ihre Arbeiten sprachen. Ich war mit meiner Präsentation zuletzt an der Reihe, und während ich bei den anderen zusah und ihnen zuhörte, nahm ich wahr, dass die Frauen, als sie sprachen, hinter dem Podium standen, während die Männer sich hingegen locker neben das Podium stellten oder sich weiter vorne im Raum bewegten und dabei dynamisch gestikulierten. Man hörte die Frauen, aber sie versteckten sich zugleich, wenn auch unbewusst. Die Männer wurden gehört, und sie fühlten dabei keine Notwendigkeit sich zu verstecken. Wie würde ich mich verhalten? Mein Bauchgefühl war: „Ich werde das wie die Männer machen. Ich werde mich nicht hinter das Podium stellen!“ Aber nein, es zog mich hinter das Podium, dank kultureller und/oder biologischer Einflüsse; ich weiß nicht was von beidem. Ich thematisierte dieses Problem vor der Zuhörerschaft und später sagten mir einige Frauen, dass ihnen das Gleiche auch aufgefallen war.

Ich habe jetzt aber kein Problem mehr damit, hinter dem Podium gestanden zu haben, denn, so argumentierte ich in meinem Buch, unser Ziel als Frauen ist es nicht, wie Männer zu sein, ebenso wie wir nicht für Tiere kämpfen sollten, um menschlicher zu sein. In beiden diesen Kämpfen wird unser authentisches Selbst und das authentische Selbst anderer Spezies abgewertet. Unterschwellig wird in diesen Kämpfen vermittelt, dass Männer das Paradigma für Normalität stellen, ebenso wie die Menschen das allgemein tun, im Bezug auf Nichtmenschen. So habe ich, wie die anderen Frauen an diesem Abend, meinen Körper versteckt, aber auch meine Stimme hörbar gemacht. In meinem Vortrag sprach ich darüber, dass mein Buch ohne die Arbeit von Carol Adams, als zugrundeliegendes theoretisches Fundament, nicht existieren würde, und auch würde es nicht existieren wenn es keine Liebe, kein Mitgefühl und nicht die Gefühle gäbe, die in empfinde, wenn ich über die Milliarden nichtmenschlicher Tiere nachdenke, die jeden Tag unter der Grausamkeit der Menschen leiden.

Dies ist eine Erneuerung. Eine Frau, die einstmals hungerte und sich mit Drogen fast bis zur völligen Stumfpsinnigkeit vollgepumpt hat, erreichte ihr Ziel ihre Dissertationsarbeit fertig zu stellen. Sie wurde vegan und Tierverteidigerin. Und sie schrieb ein Buch, mit dem sie versucht, die Verbindungen zwischen allen kulturellen Unterdrückungsformen aufzuzeigen: die Unterdrückung der Frauen, der nichtmenschlichen Tiere, der LGBTQIA-Gemeinschaft, der Armen und der Ausgebeuteten.  Um ein ultimatives Klischee zu verwenden, das hier aber wirklich passt: Ich habe meine Stimme gefunden.

Doch bis heute setzte ich sie nicht immer ein, selbst wenn ich weiß, dass ich es tun sollte. Und manchmal bringe ich mich immer noch selbst zum Schweigen, in der Hoffnung bei Männern zu punkten. Nichts ist klar, einfach oder perfekt, aber ich bessere mich. Ich bin zu der Erkenntnis gekommen, dass, wenn ich für mich selbst nicht in allen Kontexten eintreten kann, ich auch niemals so ganz dazu imstande sein werde, mich für andere Menschen und nichtmenschliche Tiere einzusetzen. Der erste Schritt dabei ist diese Tatsache anzuerkennen und im metaphorischen Sinne meine Vene zu öffnen, so dass meine unangenehmen Wahrheiten kein Geheimnis mehr vor der Welt sein müssen; nur dann kann ich, und nur dann können andere, die meine Geschichte verstehen, meine Wahrheiten ohne Angst oder falsche Vorgaben reflektieren, so unbequem diese Wahrheiten auch sein mögen.

Zur Autorin
Dr. phil. Kim Socha ist die Autorin von Women, Destruction, and the Avant-Garde: A Paradigm for Animal Liberation (Rodopi: 2011) und Mitherausgeberin von Confronting Animal Exploitation: Grassroots Essays on Liberation and Veganism  und Defining Critical Animal Studies: A Social Justice Approach for Liberation. Unter anderem hat sie zu Themen publiziert wie: Latino/a Literatur, Surrealismus, Kritische Tierstudien (critical animal studies) und composition pedagogy. Kim Socha lehrt Englisch und ist aktivistisch tätig im Bereich der Tierbefreiung, transformativer Gerechtigkeit und der Reformierung der Drogenpolitik.

Übersetzung
Gita Yegane Arani-May, www.simorgh.de – ‚Open Access in der Tier-, Menschen- und Erdbefreiung’. Revised 8/2014.

Zitation
Socha, Kim (2014). Essay: Die Venen Öffnen. TIERAUTONOMIE, 1(4), http://simorgh.de/tierautonomie/JG1_2014_4.pdf.

TIERAUTONOMIE (ISSN 2363-6513)

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Radikale Selbstfürsorge und Tierbefreiung

Die radikale Selbstfürsorge und der Gedanke sozialer Gerechtigkeit verbindet eine lange gemeinsame Geschichte, die zurückgeht bis zur abolitionistischen- und zu der Anti-Sklavereibewegung des späten 18. und des frühen 19. Jahrhunderts. Es gibt ein Zitat von einer schwarzen Frau namens Mrs. Wittington, das, so finde ich, wirklich den Geist dessen erfasst, was die radikale Selbstfürsorge in der Bewegung sozialer Gerechtigkeit bedeutet:

Wir wollen leben und nicht einfach nur so von Tag zu Tag existieren – so wie ihr oder irgendein Mensch es auch will.

Als Tieraktivist_innen können wir diesen Anspruch erweitern auf den Einbeschluss aller Lebewesen. Als Lebewesen wollen wir mit Würde leben, und ich denke, dass wir uns genau dafür einsetzten können – für diese Bedeutung der Würde, nämlich, dass das Leben über die bloße Subsistenz oder das von-Tag-zu-Tag-existieren hinausgeht. Das ist ein zentraler Punkt, und wir sollten dazu imstande sein, dass dies in unserem eigenen individuellen Leben für uns irgendwie fühlbar wird, damit wir das Bewusstsein in unsere aktivistische Arbeit in einer erweitert kreativen und informierten Art und Weise hineintragen können.

Aus: Anastasia Yarbrough: Radikale Selbstfürsorge in Erwägung ziehen: Tierrechte – denn das Leben zählt, https://simorgh.de/about/yarbrough-radikale-selbstfuersorge/.

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Bild: International Bird Rescue Center, http://www.bird-rescue.org/

Tod ist nicht verhandelbar

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Es geht nicht um „Fleisch“, es geht um Tiermord

Manche wollen die Tötungsmaschinerie „realpolitisch“ reformieren, mit der Formulierung des Langzeitziels: Tierrechte und Veganismus.

„Töten oder nicht töten“ ist aber keine Grundsatzfrage, die wir längerfristig miteinander verhandeln können. Töten ist das Verdikt des fundamentalsten existierenden Unrechts.

Der Zoozid kann nur durch klare Positionierungen, eine konsequente Hinterfragung und durch Dekonstruktion eine den Tatsachen gerecht werdende breite gesellschaftliche Ächtung finden.

Gegenwärtig gilt in der Gesellschaft noch die Vorstellung: „Töten ist weiterhin gestattet, nur die ‚Haltungsbedingungen’ sollen sich ändern.“

Es braucht eine klare Distanzierung von der Rhetorik, die versucht den Tiermord als ethisch verhandelbar darzustellen.

Anastasia Yarbrough: Radikale Selbstfürsorge in Erwägung ziehen: Tierrechte – denn das Leben zählt.

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Farangis G. Yegane: left: Ma’at above the city; right: Io.

Anastasia Yarbrough

Radikale Selbstfürsorge in Erwägung ziehen: Tierrechte – denn das Leben zählt.

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Eine Präsentation gehalten bei: Neither Man Nor Beast: Patriarchy, Speciesism and Deconstructing Oppressions, eine Webkonferenz organisiert von Animal Liberation Ontario, Kanada, die am 23. Februar 2014 stattgefunden hat. Originaltitel: Contemplating Radical Self-Care: Animal Rights as if Life Matters. Übersetzung: Palang L. Arani-May, mit der freundlichen Genehmigung von Anastasia Yargrough.

Mike: Anastasia ist in den Bereichen: Tierrechte, soziale Gerechtigkeit und Umweltschutz seit über zehn Jahren tätig. Sie ist ein ehemaliges Vorstandsmitglied des Institute for Critical Animal Studies, gegenwärtig Mitglied des beratenden Gremiums des Food Empowerment Project und Fellow beim Centre for Whole Communities. Beruflich arbeitet sie in Ashville, North Carolina, an Projekten zur Förderung des ‚community empowerment’. […]

Anastaia: Hallo allerseits! Ich bin also hier um über die Möglichkeiten der radikalen Selbstfürsorge zu sprechen und der Titel meiner Rede ist: „Die radikale Selbstfürsorge in Erwägung ziehen: Tierrechte – denn das Leben zählt.“ Was mich dazu inspirierte diese Rede hier zu halten oder diese Konversation hier zu führen, darüber, was die radikale Selbstfürsorge für uns als Aktivist_innen bedeuten kann, auch in Hinsicht auf die Gemeinschaftsbildung, ist meine Erfahrung als Aktivistin, und im Speziellen ein Praktikum bei einem Schutzhof/Lebenshof und wie ich dort nach Unterstützung suchte, aber nicht wusste, wie ich in solch einem Raum danach fragen könnte.

Die Kultur des Schutzhofes bestand nicht darin, den Aktivist_innen in Sachen derer gegenseitigen Unterstützung zu helfen – auch nicht damit wir dadurch den Tieren vielleicht besser helfen könnten sich selbst helfen zu können – es war eher so, dass Gefühle überhaupt nicht zählten. Was auch immer du fühlen magst, du musst alles runterschlucken und „tun was für die Tiere zu tun ist, denn deren Leid ist viel größer als dein eigenes“. Dagegen ist nichts einzuwenden. Es ist schwer deine Gedanken zu kommunizieren, wenn dieser Art der Kommunikation einfach kein Raum gegeben wird. […]

Ich komme also aus dieser Richtung. Als ich mehr Aktivist_innen begegnete, die ähnliche Erfahrungen nicht allein in Schutz-/Lebenshöfen machten, sondern allgemein in Tierrechtsräumen, verstärke sich in mir der Eindruck, dass dies doch ein Thema ist, über das wir in den Tierrechten sprechen sollten. Was es also heißt uns selbst zu helfen, so dass wir damit auch anderen helfen können. Vor diesem Hintergrund betrachtet sollte klar werden, was ich hier mir ‚radikaler Selbstfürsorge’ meine.

Die radikale Selbstfürsorge und der Gedanke sozialer Gerechtigkeit verbindet eine lange gemeinsame Geschichte, die zurückgeht bis zur abolitionistischen- und zu der Anti-Sklavereibewegung des späten 18. und des frühen 19. Jahrhunderts. Es gibt ein Zitat von einer schwarzen Frau namens Mrs. Wittington, das, so finde ich, wirklich den Geist dessen erfasst, was die radikale Selbstfürsorge in der Bewegung sozialer Gerechtigkeit bedeutet:

Wir wollen leben, und nicht einfach nur so von Tag zu Tag existieren – so wie ihr oder irgendein Mensch es auch will.

Als Tieraktivist_innen können wir diesen Anspruch erweitern auf den Einbeschluss aller Lebewesen. Als Lebewesen wollen wir mit Würde leben, und ich denke, dass wir uns genau dafür einsetzten können – für diese Bedeutung der Würde, nämlich, dass das Leben über die bloße Subsistenz oder das von-Tag-zu-Tag-existieren hinausgeht. Das ist ein zentraler Punkt, und wir sollten dazu imstande sein, dass dies in unserem eigenen individuellen Leben für uns irgendwie fühlbar wird, damit wir das Bewusstsein in unsere aktivistische Arbeit in einer erweitert kreativen und informierten Art und Weise hineintragen können.

Es gibt noch ein anderes sehr schönes Zitat, und zwar von Helen Howard, das ziemlich bekannt ist und das ich wirklich liebe. Es geht um das Überleben und das glückliche Fortbestehen:

Wir kennen die Probleme und wir sehen sie, weil wir so dicht an ihnen dran leben. Wir wissen, dass wir ein Verantwortungsbewusstsein haben, und wir – einige von uns – haben versucht manche der Ziele, die wir selbst nicht erreichen konnten, der Kindern weiter zu vermitteln. Bin ich der-/diejenige, der/die nach meinem Bruder/meiner Schwester schaut? Ich? Ich muss es sein.

Ich finde dieses Zitat in seiner Bedeutung sehr wichtig, denn eine radikale Selbstfürsorge ist nicht nur eine Grundvoraussetzung zur Verbesserung der eigenen Lebensqualität, sie fördert uns auch als Individuen im Sinne einer aktiven Form der Selbstermächtigung.

In der Tierrechten musste ich mir das selbst beibringen, das sich selbst stark machen, um den Mut zu haben ‚da zu sein’, und ‚da zu sein’ wenn es drauf ankommt. Dessen bedarf sich die Zeit dafür zu nehmen und den Raum dafür zu schaffen, um auch nach mir selbst zu schauen zu können. Und dazu braucht es auch eine Gemeinschaft und eine Kultur, die dies unterstützt.

Eine andere Erweiterung der radikalen Selbstfürsorge existiert heutzutage auch in der Form spiritueller Praktiken, die sich mit den Gedanken sozialer Gerechtigkeit verbinden. Es gibt zahlreiche Organisationen und Gemeinschaften, innerhalb der Bewegungen für soziale Gerechtigkeit, die sich damit auseinandersetzten. Viele unterschiedliche spirituelle Praktiken, wie die Meditation, die Kontemplation, Yoga, Rituale, die auf traditionellen afrikanischen Religionen begründet sind, und andere traditionelle Praktiken, sind zu Werkzeugen der Selbstermächtigung für Einzelne und Gemeinschaften geworden. Ich würde auch so weit gehen, zu sagen, dass die radikale Selbstfürsorge ein Thema ist, das auch insbesondere in der Intersektionalität seinen Platz einnimmt – so wie bei Organisationen wie dem Food Empowerment Project, überhaupt innerhalb der Nahrungsmittelgerechtigkeitsbewegung, und auch in der Arbeit von Aktivistinnen wie Beispielsweise [von der Mitbegründerin des VINE Sanctuary] pattrice jones. Von diesem Punkt aus weitergehend will ich beschreiben, was die radikale Selbstfürsorge für die Tierrechte und für Tierrechtsaktivist_innen ganz spezifisch bedeuten kann.

pattrice jones hat vor vier oder fünf Jahren ihr Buch „Aftershock“ veröffentlicht – ich will es hier jetzt nicht im Detail beschreiben, aber es geht mir um etwas, das in diesem Buch steht, und ich empfehle jedem das Buch einmal zu lesen. Es ist ein optimales Werkzeug für Aktivist_innen, spezifisch für Tierrechtsaktivist_innen, um zu lernen, wie wir uns selbst dabei helfen können traumatische Erlebnisse zu verarbeiten – wie das Bezeugen von Bildern und Szenen der Gewalt, Folter und Verstümmelung oder ausgelöst durch die Arbeit in der Tierrettung. Dies ist harte Arbeit. Und zur emotionalen Unterstützung eignet das Buch ganz hervorragend. pattrice jones schreibt darin, und das gefällt mir sehr gut, dass „umso früher wir lernen, die Zeichen von Stress und Depression in uns selbst und bei anderen zu erkennen, und umso früher wir lernen daraufhin zu reagieren, umso stärker kann unsere Bewegung werden.“ In anderen Worten heißt das, wenn du anderen helfen möchtest, so musst du auch auf dich und deinen eigenen Körper achten.

Ich denke das ist ein sehr schönes Statement, indem nicht allein auf die Bewegung als eine kollektive Intention geschaut wird, sondern auch auf die Bewegung als eine Fähigkeit in unserem eigenen Leben, hinsichtlich dessen, wie wir aus eigener Kraft in unserer Welt navigieren, auf sie reagieren, wie wir uns selbst in unserer Welt behandeln, in den Räumen in denen wir uns befinden. Ich denke das ist eine außerordentlich wichtige Praxis für diese Bewegung, die so wichtig ist, wie die Bewegung selbst.

Ich umreiße dieses Thema hier nur und habe leider keine spezifischen Tipps umd Mittel dafür, wie man sich selbst am besten helfen kann und wie die radikale Selbstfürsorge genau auszusehen hätte. Ich möchte eher eine Konversation über dieses Thema halten, da es bislang nicht diskutiert wurde, und, ich möchte unserer Gemeinschaft einen Anstoß dazu geben, einmal darüber nachzudenken, und vielleicht sogar selbst kreative Ideen zu entwickeln, wie wir uns im Ganzen wirklich selbst schätzen lernen können, so dass dies auch eine gemeinschaftstiftende Wirkung haben kann.

Ich selbst sehe die radikale Selbstfürsorge für die Einzelne oder den Einzelnen als einen stark an die Gemeinschaft gebundenen Prozess. Was bedeutet, dass wir den Raum dazu auch wirklich haben sollten, und dass unsere Gemeinschaften hoffentlich stabil genug sind, damit solch ein Schauen nach-sich-selber dort auch eine entsprechend wichtige Funktionen einnehmen kann, statt bloß unangenehme Pflicht oder was gänzlich vernachlässigenswertes zu sein.

Radikale Selbstfürsorge heißt, dass uns unser Leben soviel bedeutet, dass wir begreifen, dass das Leben an und für sich etwas bedeutet. Leben – so, dass jedes Leben zählt. Die Gemeinschaft spielt in der Formung unseres Lebens eine wichtige Rolle und sie kann diesen Wert in uns stärken. Und, obwohl das ein ganz essentieller Punkt ist, und tatsächlich ein Bedürfnis für solch eine radikale Selbstfürsorge existiert, gehen wir diesen Dingen zumeist aber nicht nach. Es ist für uns Aktivist_innen schwer, hart an der Praxis unserer Prinzipien zu arbeiten, wenn wir keine Gemeinschaft haben, die uns darin unterstützt, und wenn wir niemanden haben, an den wir uns vertrauensvoll wenden können oder wenn wir keinen Raum der Teilhabe finden können.

Die radikale Selbstfürsorge gibt uns aber als Individuen die Stärke dazu, uns selbst helfen zu können, so dass wir damit letztendlich auch den Tieren dabei helfen können, sich zu helfen … . Es ist wirklich schwer „da zu sein“ für jemanden, wenn man selbst so erschöpft ist, dass man noch nicht einmal kooperativ mit den Mitaktivist_innen an Kampagnen arbeiten kann. Wir können keine Outreach-Arbeit machen oder vegane Aufklärungsarbeit betreiben, wenn wir dauerhaft unter Schock stehen bzw. zutiefst belastet sind durch all die Bilder und das ganze negative Feedback, das wir im Bezug auf die unfassbar dramatische Notlage der Tiere durch alle Institutionen hindurch erleben.

Damit also umgehen zu lernen und den Raum und die Zeit für eine radikale Selbstfürsorge als Gemeinschaft zu finden, stärkt uns Schritt für Schritt, als die Individuen die wir sind, damit wir so die Kraft, den Mut und die Würde in uns finden können, um einfach da zu sein und zu sagen: „Nein! Ich stehe hierfür auf und ich habe die Kraft das zu tun und es ist gut so. Ich weiß, dass wir uns in unseren Gemeinschaften gegenseitig unterstützen können und ich vertraue darauf.“

Am Aufbau unserer Gemeinschaft zu arbeiten und füreinander da zu sein, ist ein essentieller Teil der Anti-Oppressionsbewegung. Es ist einfach stressig und entmutigend sich mit Menschen zu umgeben, denen dein Wohl als Mit-Tier vollkommen egal ist. Es ist schwer jegliche Form der Arbeit gut zu vollbringen oder unser Leben zu transformieren, wenn wir ständig von anderen Mit-Aktivist_innen entmutigt werden, denen das alles egal ist oder die eine Haltung vermitteln, als ob es nicht in Ordnung wäre, dich als Mit-Tier zu unterstützen. Das darf nicht der Kanon der Tierrechtskultur sein. Es geht uns darum, den Tieren zu helfen, und solch eine Haltung wäre fatal rigide; es lähmt den Geist in solch einem disfunktionalen oppressiven Raum verfangen zu sein.

Ich stelle mir stattdessen eine vollkommen dynamische, tief-verbundene, sich erweiternde Tierbefreiungsbewegung vor, die Aktivist_innen in allen Räumen ihres Aktivismus unterstützt, gleich wo ihr Eintrittspunkt sich befindet – egal woher sie kommen. Die Leute dort abzuholen, wo sie sich gerade befinden und ihre Präsenz zuzulassen, sie echt und ganz sein lassen, während sie diese harte Arbeit vollbringen … und nicht nur immer mit uns befasst zu sein, während wir andere bei dieser schweren Arbeit gerade mal abwerten. Es ist wirklich eine schwere Arbeit.

Einfach da zu sein, seine Gegenwart zu zeigen und offen und ehrlich auf das zu reagieren, was wir jeweils in einem Moment gerade beobachten und erleben, offen und ehrlich auf den Schmerz zu reagieren und die furchtbaren Dinge die Tieren geschehen zu bezeugen, braucht den Mut mit diesen Gefühlen fertig zu werden. Es zertrümmert deinen Geist, das zu fühlen. Und es ist niemals genug, was du tun kannst. Oder ist es die Kultur in der wir uns befinden, die uns das Gefühl vermittelt, dass nichts genug sein kann, dass du letztendlich selbst nichts tun kannst, und dass deine Gefühle dabei eigentlich nicht zählen?

Ich würde also denken, dass solche eine persönliche Arbeit an einer radikalen Selbstfürsorge respektiert werden sollte, und nicht als sinnlos, als überflüssig oder als dem-Aktivismus-nicht-dienlich abgetan werden sollte – insbesondere dann, wenn es eben um Nichtmenschen und Tierrechte geht. Ich stelle mir unter solch einer radikalen Selbstfürsorge vor, dass Aktivist_innen dann wenn es drauf ankommt, die Energie und die Kraft haben sollten für die Tiere aufzustehen, da unsere Gemeinschaften oder die Tierrechtsgemeinschaften unterstützend und für-das-Leben-sorgetragend und das-Leben-bejahend sind – dann und dort, wo wir in kulturell und ökologisch nachhaltig-denkenden und -funktionierenden Gemeinschaften gedeihen und wachsen können. Gemeinschaften, die durch das eigene Beispiel zeigen, dass wir so leben können, dass alles Leben und jedes Leben zählt.

Ich möchte also diese Hoffnung für die radikale Selbstfürsorge hinausschicken, und hoffe, dass dies eine Konversation darüber anregen kann, so dass wir in solch einem Prozess voneinander lernen und Ideen dafür entwickeln können, wie wir dem Leben in den Tierrechten affirmativer gegenüberstehen können: Unseren eigenen Leben und dem Leben der anderen.

Meine Zusammenfassung für diese Präsentation endete mit der Frage: Wie navigieren wir den Sturm der Oppressionen und überstehen das Ganze in einem gesunden Zustand? Ich fände es gut wenn Ihr Euch mal darüber Gedanken macht, was es heißt „durch den Sturm der Oppressionen zu navigieren“, und, was es heißt dies „gesund zu überstehen“. Was ist Gesundheit? Ich will Euch sagen, was ich darüber denke und möchte diese Konversation gerne im Bezug auf diese beiden Punkte weiterführen. Wenn ich hier von „Gesundheit“ spreche, so meine ich die Gesundheit in einem eher ganzheitlichen Sinne. Du bringst Dein ganzes Selbst mit ein und Du bist gut. Du bist einfach gut! Du bist nicht von Selbstzweifeln zerfressen, Du bist ganz bei der Sache und bist dabei in einem gesunden Zustand – ich meine damit eine Art des Zustands der Entfaltung, ein „Erblühen“. Ich liebe den Begriff eines Zustands der Entfaltung (flourishing condition) und Ihr könnt das wie auch immer interpretieren, ich denke es ist eine schöne Art, das eigene Leben und die eigenen Lebenserfahrungen zu beschreiben – so wie etwa: „ich bin in einem blühenden Zustand!“

Stellt Euch also vor, wie wir, wenn wir in solch einer blühenden Verfassung sind, wie dann unser Bezug verläuft zu uns selbst, zu anderen Menschen, zu anderen Tieren, zur Umwelt und zum Raum im allgemeinen – letztendlich also zu unserer ganzen Gemeinschaft. Die radikale Selbstfürsorge wird dann zum fortwährenden Verhandeln und zum fortwährenden Austausch, als ein Weg dessen, wie wir uns in die Dinge einbringen können und wie wir auch wieder aus ihnen hinaustreten können. Wir können so, in unserer Beziehung zu uns selbst im jeweiligen Augenblick, unseren eigenen Takt finden. Wir sollten in unseren Beziehungen den Mut, die Würde und die Kraft besitzen, offen als „echter“ Mensch kommunizieren zu können – d.h. einfach als derjenige der man ist da zu sein, und nicht das Gefühl haben zu müssen, dass man sich hinter irgendjemandem verstecken oder Selbstzensur betreiben müsse.

Es geht um ein beinahe kompromissloses Mitgefühl, um Offenheit und Authentizität. Stellt Euch als Euer echtes Selbst vor, das Ihr wirklich seid und wie Ihr Eure Beziehung zu anderen Tieren herstellt. Wie Ihr durch sie gewinnt, in jedem Moment, ob in der faktischen Begegnung oder indirekt, durch Erlebnisse und Begebenheiten, die wir über sie untereinander kommunizieren: Nachrichten über sie, Geschichten, die von ihnen handeln oder was auch immer wir von ihnen bezeugen, was wir von ihnen vermittelt bekommen.

Das kommt von ihnen! Und die Gedanken, die ihr habt stammen also auch von ihnen. Die Wichtigkeit dies erkennen und differenziert erleben zu können, ist wichtig. Dabei müssen wir Geduld mit uns selbst dazu haben, eine noch bessere Verbindung einzugehen und noch genauer und tiefgründiger zu schauen, wo all diese unterschiedlichen Wesen denn eigentlich genau herkommen.

Die Geduld mit sich selbst ist sehr wichtig, und die Güte mit sich selbst, denn dies ist auch Teil Deiner Arbeit. Eure Beziehung zu eurer Umwelt und den Räumen, in denen ihr Euch bewegt, beinhaltet die allgemeine Beziehung zum Ort und wie wir mit unserer Umwelt umgehen – ob das in einer veganen Boutique ist oder bei uns zuhause, wir bewegen uns darin, leben darin. Unsere Beziehungen zu unseren Nachbarn, unsere Beziehungen überhaupt, unsere ökologische Beziehung zum Ort, drückt sich in der einen oder anderen Weise aus. Und zwar auf der ganzen Ebene.

Zu all dem als ganzes Wesen einen Bezug herzustellen, ist etwas Entscheidendes, für einen selbst, für die Mitmenschen und für die anderen Tiere, die ebenfalls an diesen Orten leben. Der Bezug muss positiv aufgebaut werden. Man sollte seine nichtmenschlichen Nachbarn eben so kennenlernen, jedes Individuum für sich, und alle und alles wiederum im Bezug zur ganzen Gemeinschaft. Und mit der ganzen Gemeinschaft meine ich wirklich die Interspezies-Gemeinschaft und die ökologische Gemeinschaft, „den Boden auf dem wir gehen“ quasi, so auch die Gemeinschaft, mit der wir vielleicht häufiger zusammen unsere Mahlzeiten teilen.

Übung spielt auch in diesem Zusammenhang eine Rolle, und zwar dabei, wie wir all die verschiedenen Aspekte unseres Lebens (das heißt auch unseres ganz individuellen Lebens) zusammenfügen, und dabei Schritt für Schritt durch diese Monströsität hindurch navigieren. Vielleicht sollte ich hier nicht von Monströsität sprechen, sondern davon, wie wir Unterdrückung navigieren und dabei immernoch uns selbst und unseren Beziehungen treu bleiben, ganz dabei bleiben, die Bodenhaftung nicht verlieren, die Echtheit und eine umfassende Liebe bewahren.

Das klingt vielleicht romantisch wenn ich das so sage, aber ich lerne mit dieser Art der Perspektive jeden Tag etwas darüber hinzu, wie ich in der Welt navigiere und mir dabei selbst als Aktivistin meine Kraft verleihe. Ich denke, dass die radikale Selbstfürsorge bedeutet, zu den Wurzeln des eigenen Ich zu finden und herauszufinden, was es ist, das wir brauchen um die Dinge zu überstehen und damit wir wachsen können. Sich in gegenseitigen, respektvollen, gerechten, liebenden Beziehungen mit anderen zu befinden, ist meiner Meinung nach eine Praxis, die sich von Tag zu Tag entwickelt. Ich denke es hilft, diese Geflechte als Praxis zu behandeln, um sich die Augeblicklichkeit dabei vor Augen zu halten und um dabei immer auch zu sehen, wie ich an jedem gegebenen Tag die Beziehung mit mir selbst und die Beziehung zu den anderen herstelle:

–         Bin ich einfach nur frustriert, bin ich wütend, betreibe ich ungerechtfertigte Anschuldigungen anderer, hab andere Leute satt oder versteh ich einfach nicht worum es gerade geht?
–         Wie stelle ich meinen Bezug zu anderen Tieren her?
–         Mit wem habe ich an diesem Tag in meinem Leben interagiert?
–         Weiß ich überhaupt, was mit den Tieren, mit denen ich in einer Gemeinschaft lebe, los ist?
–         Habe ich ein gutes Verhältnis mit meiner Home Base?
–         Was ist meine Beziehung mit der Umwelt und dem Raum gerade jetzt?
–         In welchem Bezug stehe ich zu dem Ort, an dem ich lebe, und wie gehe ich mit diesem Ort um, wie bewege ich mit an diesem Ort?
–         Wie ist meine Beziehung zur ganzen Gemeinschaft?
–         Fühle ich etwas, stehe ich in Verbindung? Fühle ich die Sonne auf meinem Gesicht?
–         Bin ich in Harmonie mit all meinen Bezugspunkten/Beziehungen?

Diese Art der Fragestellung hilft mir darin, mich zu suchen und zu finden, um mich daran zu erinnern, dass all dies Leben ist, und dass das Leben zählt.

Man kann als Aktivist_in nicht stark, empowered und in seiner Hilfeleistung effektiv sein, wenn man mit seinem Leben nicht im Einklang steht. Ich möchte daher abschließend nochmal diesen Punkt betonen und hoffe, dass wir verstärkt einen Dialog über die Wichtigkeit einer radikalen Selbstfürsorge als Praxis auf der individuellen Ebene, so wie auch auf der Gemeinschaftsebene, führen können. Es geht also um die Praxis der Kultivierung lebensbejahender Werte. Es reicht nicht aus, die Muster von Unterdrückung zu erkennen, dann aber keine Werkzeuge an der Hand zu haben oder keine ausreichende Bodenhaftung zu haben, um diese Problemkomplexe umfassender zu begreifen und in Konsequenz auf sie zu handeln. Ich denke diese Praxis kann uns dabei helfen, mit den konkreten, gegebenen Problemen im jeweiligen Moment in einer lebensbejahenden Art und Weise umzugehen.

Ich möchte meine Rede damit an dieser Stelle enden lassen. Ich denke ich habe genug gesagt. Die Diskussion über dieses Thema scheint mir in Hinsicht auf unsere Gemeinschaft wirklich wichtig. Ich würde daher nun gerne einige Eurer Fragen beantworten. Mike können wir zum Diskussionsmodus wechseln?

Mike: Ja sicher, das war toll. Danke Anastasia!

Frage 1: Hast Du den Eindruck, dass Deine Arbeit als Aktivistin, seitdem Du diese radikale Selbstfürsorge für dich anwendest, einfacher geworden ist? Und welche Phasen waren für Dich die schwierigsten?

Frage 2: Könnte man sagen, dass aktiv und informiert zu sein, an und für sich bereits eine Handlung radikaler Selbstfürsorge ist?

Zu der ersten Frage, ob dies mir emotional bei der Arbeit als Aktivistin geholfen hat, möchte ich sagen: Ja, in einem gewissen Maße hat es das. In dem Sinne, dass ich über die Zeit auf diese Weise mehr Widerstandsfähigkeit entwickelt habe, so dass ich genau darum Bescheid weiß, welche der schwierigen Hauptarbeitsschwerpunkte ich zu einem bestimmten Zeitpunkt angehen will, und dass ich auch den Mut dazu habe, die für mich damit verbundenen Problematiken mit anderen zu besprechen.

In anderer Hinsicht gibt es da schon noch Probleme. Viele Punkte, die ich hier angeschnitten habe, drücken Ziele und Ideale aus und entsprechen nicht so ganz dem, was wirklich geschieht – vor allen Dingen nicht auf der Gemeinschaftsebene.

Ich habe die Kraft einer radikalen Selbstfürsorge leider noch nicht innerhalb von Aktivist_innen-Gruppen erleben können. Und das ist mit der Zeit auch nicht leichter oder besser geworden. Die Aktivist_innen-Gruppen sind imemrnoch vorwiegend ein Raum der Rängeleien und des Konflikts, ohne dass sich jemals dabei vernünftige gemeinsame Lösungen finden würden. Das ist schon ermüdend und stellt eine eher unangenehme Herausforderung dar.

Was die zweite Frage betrifft, ob ich denke, dass Aktivismus und Informiertheit an erster Stelle überhaupt selbst eine Form der radikalen Selbstfürsorge darstellen? Vielleicht. Informiertheit in dem Sinne, dass man fähig ist und den Mut dazu hat, diesen Grad an Grausamkeit zu bezeugen; diese Art der Informiertheit, als eine aktive Form radikaler Selbstfürsorge … ich würde sagen, dass das definitiv ein Akt des vehementen Mitgefühls ist, aus der die radikale Selbstfürsorge lernt. Aber ich würde nicht sagen, dass es an sich schon eine komplette Art radikaler Selbstfürsorge ist. Die radikale Selbstfürsorge orientiert sich mehr an den Verläufen, an Prozessen und bedarf des Feedbacks im Sinne des: „Ich erhalte diese Information von der Welt und nun ist ‚radikale Selbstfürsorge’ das, wie ich darauf reagiere. Gehe ich einen Schritt zurück? Habe ich den Mut an dieser Stelle überhaupt Fragen zu stellen? Und wenn nicht, woraus besteht meine harte Arbeit eigentlich, oder was ist die Arbeit, die ich leisten müsste um mich damit sicherer zu fühlen, stärker, und um besser mit diesen Gefühlen umgehen zu können?“

Mit Gefühlen meine ich, dass wenn ich Handlung ergreifen will, zum Beispiel gegen den illegalen Handel mit wildlebenden Tierarten, aber das Problem ist so riesig und gigantisch, und die Bilder, die ich sehe sind so furchtbar und kaum zu ertragen, und ich höre niemals, dass etwas Gutes geschieht in der Sache – das überrollt einen einfach. Wenn ich dann nicht davon überzeugt bin, dass ich etwas auch von dort aus tun kann, wo ich gerade bin, dann sollte meine harte Arbeit nicht gerade an dieser Stelle zum Einsatz kommen. Der Akt der radikalen Selbstfürsorge ist, zu wissen, immer wieder zu evaluieren und zu re-evaluieren, wo mein Einsatz mich erwartet.

Vegan Türkiye über intersektionalen veganen Outreach und die Rechte der Nichtmenschen

Vier Fragen … an Vegan Türkiye über intersektionalen veganen Outreach und die Rechte der Nichtmenschen – innerhalb der Bemühungen um eine Redefinition dessen, was eine „allumfassende“ politische Freiheit idealerweise bedeuten könnte.

Ein Kurzinterview das N. Eyck (NiceSwine.Info) mit der progressiv-veganen Aktivist_innengruppe Vegan Türkiye führte. Es geht um die dringenden Fragen, die die Bewegung innerhalb der Türkei anbetreffen. Von ihren Strategien und Erfahrungen lassen sich wichtige Impulse zur Redefinierung des Veganismus als aktivistisches ethisch / politisches Werkzeug ableiten.

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Der Blog von Vegan Turkiye ist auf http://veganturkiye.blogspot.de/; auf Twitter followen auf @veganturkiye.

N. Eyck: Ist die Tierrechts- / Tierbefreiungsbewegung in der Türkei in gewisser Hinsicht „gezwungen“ dazu intersektional zu denken? Das heißt: bilden Menschenrechte und Umweltgerechtigkeit einen unumgänglichen Kern innerhalb der TR/TB-Bewegung unter Bedingungen politischer Oppression, in dem Grad, in dem ihr sie gegenwärtig in der Türkei erfahrt?

Vegan Türkiye: Zuerst muss man sagen, dass die Menschen in der Türkei unter politischem Druck stehen im Bezug auf das, was sie essen, was sie tragen, wen sie lieben und selbst im Bezug auf die Anzahl der Kinder, die sie „haben sollten“. Menschenrechte können heute zwar offen diskutiert werden, insbesondere nach den letzten Unruhen [A.d.Ü.: den Gezi-Protesten], viele Menschen meinen jedoch, dass man sich um Tierrechte erst dann kümmern sollte, wenn Verstöße gegen die Menschenrechte nicht mehr stattfinden. Das hießt, man soll sich dessen ganz bewusst sein, dass es da Menschenrechte gibt, jedoch keine „Erdlingsrechte“. Indem wir auf die Philosophie Tom Regans hinweisen, halten wir dem aber entgegen, dass alle Entwicklungsstufen der Menschenrechte erst einmal abzuwarten hieße, dass wir zu den Tierrechten niemals gelangen werden.

Die vegane Bewegung in der Türkei lehnt die Diskriminierung aufgrund der Spezieszugehörigkeit (Speziesismus) und aufgrund der Klassenzugehörigkeit (Klassismus) ab. Wir verteidigen LGBTI-Rechte und sind gegen alle Arten baulicher Erneuerungen in der Städteplanung, die dem Zwecke der Gewinnmaximierung dienen, und selbstverständlich lehnen wir jeder Form ökologischer Zerstörung ab. Auf der anderen Seite öffnen sich die Arbeiterklasse und ein in der Linken traditionell herrschendes Bewusstsein, das sich auf den Kampf der Arbeiterklasse konzentriert, hier für die vegane Bewegung. So ein gemeinsames Bewusstsein in vielen Fragen zeigte sich bei den Occupy Gezi Demonstrationen zum Erhalt des Gezi-Parks, und es zeigt sich auch innnerhalb der veganen Bewegung. Im besetzten Gezi-Park gab es eine „vegane Küche“, die zum Treffpunkt für Veganer_innen wurde, und ein Platz war, an dem Menschen dem Veganismus das erste Mal begegnen konnten.

Einige Krankenhäuser und Tierärzte waren rund um die Uhr geöffnet und man bekam die Behandlung dort umsonst. Tieren, die durch das Tränengas betroffen waren, das bei der Besetzung gegen die Demonstranten eingesetzt wurde, konnte somit sofort geholfen werden, und tagsüber gab man unter den Demonstranten die Warnmeldung heraus, dass die Tiere besser an sicherere Orte gebracht werden sollten. Eine andere, schlechte Erinnerung aus diesen Tagen war, dass mehrere Tierrechtler_innen festgenommen wurden, als sie an einer Gedenkdemonstration „für alle Lebewesen, die im Zeitraum der Gezi-Besetzung getötet wurden“ teilnahmen.

Straßen, Plätze, Universitäten sind nicht mehr die Orte, an denen die Menschen darüber sprechen, welche Gruppen marginalisiert werden. Die Veganer_Innen hier transponieren ihre politischen Ideen hingegegen auf jeden Lebensbereich, und dabei geht es immer darum, das wesentliche Ziel zu erreichen: das Recht der Tiere auf Freiheit. Wichtig ist auch, anderen Menschen zu vermitteln, dass das Ganze nicht allein Sache der Aktivist_innen ist; die Verletzung von Tierrechten ist eine Angelegenheit, die jeden Menschen etwas angeht.

N. Eyck: Das Bloggen und das soziale Netzwerken spielt in der Türkei bei der Outreach-Arbeit für Tierrechte und die Tierbefreiung, und diesbezüglich zum Informationsaustausch und zur Informationsverteilung, eine wesentliche Rolle. Könnte, auf einer parallelen Ebene, ein engerer wechselseitiger Austausch (von Ideen und über Probleme, denen man sich gegenüber gestellt sieht) auf internationaler Ebene einen neuen Impuls schaffen, und Möglichkeiten der Weiterentwicklung für unsere Bewegung weltweit eröffnen? Mit anderen Worten: Besteht da nicht eine Notwendigkeit für den „runden Tisch“ in der globalen veganen TR/TB-Gemeinschaft, um von unseren gegenseitigen Erfahrungen zu lernen, usw.?

Vegan Türkiye: Ja, das Internet ist ein entscheidendes Werkzeug um die Tierrechtsbewegung überall im Land bekannt zu machen, und um die Materialien, die mit der Bewegung im Zusammenhang stehen, miteinander zu teilen. Über das Internet können wir als Tierrechtsaktivist_innen ein gemeinsames Brainstorming machen und andere Informieren – auf individueller Basis, als Gruppe und selbst als Bürgerrechtsorganisation, auch wenn sich unsere ethischen Vorstellungen alle zu einem gewissen Grad unterscheiden; wir verfolgen unterschiedliche Ansätze in der Wahl unserer Aktionen und im Diskurs.

Bisweilen treten natürlich auch Missverständnisse und sogar recht extreme Streitigkeiten auf; soweit mussten wir aber noch nicht erleben, dass solche Streits bis zum Eklat gekommen wären. Online folgen und unterstützen wir uns alle gegenseitig. Die Bewegung für die Freiheit der Tiere setzt sich unentwegt fort, über die kontinuierlich miteinander über das Internet ausgetauschten Informationen. In diesem Kontext irrt man nicht, wenn man behauptet, dass die Tierbefreiungsbewegung über die sozialen Medien und die Blogs ihre Versorgungroute gefunden hat.

Was die Globalität anbetrifft, so folgen wir bereits größeren, radikalen oder kreativen Gemeinschaften. Eine umfassende Zusammenkunft, bei der man die unterschiedlichen Erfahrungen, die in den verschiedenen Ländern gesammelt werden, miteinander teilt, kann statt einem „Globalen Online“ als einziger Zusammenkunftsform eingerichtet werden. Es kommt schließlich auch dazu, dass Tierrechtsaktivist_innen die lokalen sozio-ökonomischen und kulturellen Unterschiede ignorieren, das heißt: eine bestimmte Art des Tierrechtsaktivismus kann an einem anderen Ort sogar nachteilige Effekte haben. Daher sollte jeder/jede mit der Bewegung sorgsam umgehen. Außer der Verbindung übers Internet können Tierrechtsaktivist_innen auch außerhalb der Internets ihre Kontakte miteinander pflegen und sich auch häufiger im Jahr mal treffen, um dann ihr Wissen, ihre Erfahrungen und die Probleme, auf die sie stoßen, gemeinsam zu diskutieren.

N. Eyck: Ist das theoretisieren über Tierrechte, das verlautbar machen der eigenen Meinung, der eigenen Gedanken über Tierrechte, etwas, dem man in der veganen Gemeinschaft in der Türkei häufiger begegnen kann?

Vegan Türkiye: Die Tierrechtsbewegung ist noch so neu, im Sinne der Organisierung. Selbst wenn einige Tierbefreiungsaktivist_innen schon lange in der Bewegung sind, kann man doch sagen, dass wir uns zur Zeit noch in der Trial-and-Error Phase befinden. Einige Ansätze und Publikationen die aus dem Ausland stammen, haben uns zur Bewegung gebracht. In der Türkei selbst ist es uns bislang nicht gelungen einen gemeinsamen, zentralen Diskurs zu entwickeln, und der Grund dafür ist, dass wir es soweit nicht geschafft haben eine gemeinsame kulturelle Basis dazu zu schaffen. Nichtsdestotrotz kam die erste türkische Buchveröffentlichung über den Veganismus letztes Jahr heraus. Die Autoren sind Zülal Kalkandelen and Can Başkent und dieses Buch wurde gemeinsam mit Lesern online erarbeitet. Es ist kein theoretisches Buch, aber es wirft, was für die Leserschaft wichtig ist, ein Licht auf die Tierrechtsfrage.

N. Eyck: Glaubt ihr, dass ein praktischer und letztendlich politischer Zugang zum Veganismus eine Form des Veganismus etablieren können wird, bei dem es weniger um „Convenience Foods“ geht und der weniger konsumorientiert sein könnte? Kann der Veganismus zu dem werden, was er eigentlich sein will: ein Grundpfeiler für eine Nahrungsmittelgerechtigkeit, die der ganzen Welt gerecht wird?

Vegan Türkiye: Die Fragen darüber, ‚was ich trage, was ich esse’, bringen natürlich nach einer Weile weitere Fragen mit sich, wie etwa: wie viel ich konsumiere und von woher die Dinge, die ich da konsumiere, eigentlich stammen. Du beginnst quasi ein System infragezustellen, das auf Ausbeutung basiert. Es gibt nunmehr einen größeren Markt für Veganer_innen, und der wirtschaftliche Mainstream schlägt daraus seinen Vorteil. Wir bieten den Veganer_innen aber Alternativen an, da die Konsumgewohnheiten der Menschen sowieso unterschiedlich sind, so wie eben auch ihre Kulturen.

Manche Leute meinen, dass sie an dieser Bewegung teilhaben können, ohne ihre bequemen Gewohnheiten aufgeben zu müssen. Dieser „Teil“ der Bewegung kann definitiv kritischer hinterfragt werden. Wir weisen Leute immer wieder darauf hin, ökologisch verträgliche Produktvarianten zu wählen, d.h. dass sie durch die Wahl der Produkte die sie kaufen, ökologische Schäden verhindern können. In dem System in dem wir uns befinden, existieren immanente Problemfelder über die ein gemeinsames Nachdenken mit politischen und ethischen Veganer_innen stattfinden muss.

Menschen lieben Statistiken: Für viele Leute ist es beispielsweise greifbar, wenn du mit ihnen darüber sprichst, welche Prozentzahl des agrarwirtschaftlich genutzten Landes bebaut werden muss, um die zu landwirtschaftlichen Zwecken gehaltenen Tiere zu füttern, und wie hoch die Prozentzahl der Tierversuche liegt, die den Menschen tatsächlich geholfen haben. Auch ist es sinnvoll, Leute darauf aufmerksam zu machen, dass wir heute einige Rechte haben, die vor einem Jahrhundert noch undenkbar gewesen wären, und, dass es möglich ist diese Welt zu einer veganen Welt zu machen; ein wohlmöglich unumgänglicher Schritt.

N. Eyck: Vielen Dank für dieses Interview!

Ein Nichtmensch, ein Objekt, ein Mehrzweck?

peace

Palang LY

Tiere als Nummern

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Das kontroverse israelische Projekt http://269life.com emphatisiert und subjektifiziert das Tier, das stellvertretend für das Tieropfer einer karnistisch-speziesistisch funktionierenden Gesellschaft steht, während solch ein Kunst- / Designprojekt wie das „Pig 05049“ der Niederländerin Christien Meindertsma, das in ihrer Arbeit tokenisierte nichtmenschliche Tier entindividualisiert und objektifiziert.

Ein Nichtmensch, ein Objekt, ein Mehrzweck?

Der Guardian veröffentliche am 27. März 2010 ein Essay des amerikanischen Autoren und Journalisten Bill Buford [1] über eine Arbeit der niederländischen Designerin Christien Meindertsma, in der sie Fotografien von Nebenprodukten aus der Fleischindustrie, als all das, was aus einem Schwein so gemacht wird, zentriert auf ein Tier: „Pig 05049“, als Rohstoffquelle, darstellt.

Aus Tierrechtssicht halte ich die Arbeit von Meindertsma für bedenklich, aus Gründen, die ich weiter unten anreißen will. Der Artikel aus dem Guardian jedoch, sowie auch ein Artikel aus dem Stern über eine Ausstellung Meindertsmas im Jahr 2008 zum „Pig 05049“ [2] und das gesamte Pressebild zu Meindertsmas Studien, machen aber bereits klar, warum die Arbeit der Designerin eine zweischneidige Angelegenheit ist, wenn sie derart problemlos (und d’accord mit unserem Alltagsspzeisismus), rezipiert werden kann, als eine willkommen geheißene Ermutierung zur Objektifizierung von nichtmenschlichen Tieren im agraindustriellen Komplex.

Der Tierrechtler und Vorstand des europäischen Zweigs des Animals and Society Institute (http://www.animalsandsociety.org/) Kim Stallwood, hält zum Artikel Bufords über Meindertsma aus dem Guardian fest:

Das kleine Schweinchen beim Guardian

Ein interssanter Artikel im samstags erscheinenden farbigen Wochendmagazin des Guardian. Er bestand aus einem Fotoessay als Auszug aus dem Buch Pig 05049 von Christien Meindertsma und einem Essay des Autoren Bill Buford. Interessant aus zweierlei Hinsicht.

Zuerst: Das Fotoessay dokumentiert 185 (naja, einige) Produkte, die aus einem geschlachteten Schwein hergestellt werden, einschließlich Apfelsaft (Gelatine), Puzzleteilen (Knochenleim) und Sandpapier (nochmals Knochenleim). Was immerhin beweist welche Herausforderung es darstellt, vegan zu leben. Einige würden behaupten es ist eine sinnlose Übung. Eine Unmöglichkeit. Ich würde sagen, dass der Weg zum Veganismus wichtiger ist, als die Ankunft am seinem Ziel.

Der zweite interessante Punkt ist dieser: warum müssen Menschen, die darüber schreiben, dass sie bei der Schlachtung eines Tiere teilgenommen haben, den Akt immer romantisieren? Und das Ganze mit sentimentalem Quatsch aufladen, um den Anschein der Profundität zu erwecken? Buford schreibt zum Beispiel: “Das Blut sammelt sich in einem Eimer. Ich rührte es damit es nicht koaguliert. Man gab mir eine Kelle und sagte, ich solle mal probieren. Ich war vom Geschmack überrascht, der vital, energiespendend und ‘glücklich’ war.” Was genau ist glücklich am Probieren des Blutes eines Schweins, das man gerade getötet hat? Und dann folgt diese pseudo-moralisierende und nichtssagende Entschuldigung für die Missetat. [3]

“Der Aufwand benötigte vier Mann. Das Schwein wusste was geschah. Sie war stark. Sie kämpfte. Da gab es kein Schweinequieksen. Es war ein weit offener Schrei. Sie schrie laut und hörte nicht auf, bis nachdem für einige Sekunden, und nicht mehr als einige Sekunden, in ihr Herz gestochen war. Der Schrei ging bis in die höheren Klangregister; ein hochstimmiges, bellendes Klagen, das mein Gehirn nicht als normal herausrastern oder empfinden konnte. Dann, gerade als ich das Seil am Bein des Tieres festmachte, schaute sie mich an, ganz genau, und sah mir in die Augen. Weshalb mir? Vermittelte mein Gesicht unter den anderen Gesichtern dieser abghärteten Traditionalisten etwa Unbehagen? Der Halt funktionierte wie eine Klampe. Ich wollte mich abwenden. Tat es aber nicht.” [4]

— — —

Wie konnten die Fotografien aus der Designarbeit von Meindertsma so problemlos in diesem Zusammenhang ihren Platz finden? Ist eine Auflistung und Darstellung von Tierkörperteilen und der Stoffe, die aus ihnen gewonnen werden, bereits eine Stellungnahme in der einen oder anderen Weise?

Meindertsma sieht in ihrer Arbeit “grundsätzlich den Produktkatalog [eines] Schweins”. Das “schönste” findet sie, in einer TED Rede unter dem Titel: “Wie Teile vom Schwein die Welt zum Drehen bringen” (vom Juli 2010), ist die Verwendung der Herzklappe des Tieres, die eine Operation am menschlichen Herzen unter nur minimalstem Eingriff ermöglicht. Abschließend sagt sie, dass sie am meisten an Rohmaterialien insgesamt interessiert sei, und ein bisschen auch an Schweinen. [5]

Die Ästhetik der Objektifizierung

Randy Malamud, Fellow am Institut für Tierethik der Uni Oxford, formuliert ein wichtiges Argument im Kontext mit einem Werkzyklus der türkischen Künstlerin Pinar Yolacan (Titel: “Perishables”), in der Hühnerkörper als künstlerisches Ausdrucksmittel und Accessoire verwendet werden:

“Ich frage mich, wenn ich durch Yolacans Linse auf eine Frau und ein Huhn blicke, eine Frau in einem Huhn: Wo ist das Huhn? Ja, das Tier ist da, aber da gibt es kein “da”. Das einzige huhnhhafte in diesen Bildern ist ein Negativum: die Abwesenheit eines Huhns, die Verhöhnung eines Huhns, die Zerstörung eines Huhns, die perverse menschliche Transformation eines Huhns.

Ich möchte damit nicht sagen, dass es die Last dieser Kunstwerke sein müsse, das huhnhafte des Huhns zu hinterfragen, aber ich bin ökologisch empört über das durchdringliche Versagen menschlicher Kultur […] dabei, die Intergrität, das Bewusstsein, die echte Gegenwart anderer Tiere in unserer Welt ernsthaft anzuerkennen.” [6]

Wie weit darf eine ästhetisierende Objektifizierung gehen, insbesondere auch dann, wenn sie unter anderem der Veranschaulichung dient, wie im Fall des Buches Pig 05049 von Christien Meindertsma sowie bei anderen Designern, Künstlern und deren Arbeiten, im Allgemeinen?

Was Meindertsma anbetrifft: Als Veganer kennen wir alle Listen tierlicher Inhaltstoffe und ihrer Derivate. Eine partielle Liste im schön gemachten Format ist eigentlich nicht zweckdienlich, auch wenn sich über Ästhetik streiten lässt.

Das Buch Pig 05049 wird aber für 44 Euro bei enem veganen Onlinehandel feilgetobten. Aufmerksam wurde ich, nachdem ich sah, dass die Vegane Gesellschaft Deutschland es auf ihrer Fcaebook-Seite bewarb und keine Veganer_In dort Anstoß am Ganzen nahm. [7]

Es fehlt selbst Veganer_innen an Speziesismus-Sensibilität. Entindividualisierung, Objektifizierung, die Ästhetisierung von Gewalt gegen Nichtmenschen, die vorgegebene Neutralität die wir häufig in den unterschiedlichen spezisistischen Rhetoriken antreffen – auch im künstlerischen Format … all das sind Themen, mit denen wir uns viel mehr auseinandersetzen müssen.

[1] Bill Buford: From one pig: 185 products, The Guardian, Saturday 27 March 2010 http://www.theguardian.com/artanddesign/2010/mar/27/from-one-pig-185-products. Der Text wurde inzwischen wegen Ablauf der Nutzungsrechte von der Webseite des Guardian entfernt.

[2] Albert Eikenaar: Eine tierisch versaute Idee, Der Stern 23. Juli 2008, http://www.stern.de/kultur/kunst/ausstellung-eine-tierisch-versaute-idee-632030.html

[3] Kim Stallwood: Little Piggy at The Guardian, http://www.kimstallwood.com/2010/03/29/the-little-piggy-at-the-guardian/. Übersetzung der Blogeintrags (ohne dem Zitat aus dem Guardian) Palang Y. Arani-May, mit der freundlichen Genehmigung von Kim Stallwood. Siehe hierzu auch: This little piggy… Christien Meindertsma photographs the 185 products that came from one pig, The Guardian, Saturday 27 March 2010, http://www.theguardian.com/theguardian/gallery/2010/mar/27/185-products-one-pig-gallery

[4] Bill Buford: From one pig: 185 products, a.a.O. http://www.theguardian.com/artanddesign/2010/mar/27/from-one-pig-185-products

[5] TED, Christien Meindertsma: Wie Teile vom Schwein die Welt zum Drehen bringen http://www.ted.com/talks/christien_meindertsma_on_pig_05049.html

[6] Randy Malamud: Vengeful Tiger, Glowing Rabbit, in: The Chronicle of Higher Education, July 23, 2012, http://chronicle.com/article/Vengeful-Tiger-Glowing-Rabbit/132951/?cid=cr&utm_source=cr&utm_medium=en

[7] Vegane Gesellschaft Deutschland, der betreffende Eintrag auf ihrer Facebookpage https://www.facebook.com/photo.php?fbid=589879337720155&set=a.159698390738254.28272.154920631216030&type=1&theater

Alle Zugriffe vom 17. September 2013.

 

Sistah Vegan Conference: „Verkörperte und kritische Perspektiven auf den Veganismus von schwarzen Frauen und ihren Verbündeten“

Anfang August hatten wir die Sistah Vegan Anthology (2010), herausgegeben von Dr. A. Breeze Harper, vorgestellt: ‚Sistah Vegan: Schwarze Veganerinnen sprechen über Nahrungsmittel, Identität, Gesundheit und die Gesellschaft’.

Dieses Jahr findet die erste jährliche Sistah Vegan Conference am 14. September statt.

Wir haben das Programm mit den Kurzbeschreibungen der Vortrags- und Diskussionsthemen übersetzt, um Denkanstöße, die dort gegeben werden, an eine ins Deutsche erweiterte Blog-Leserschaft weiterzugeben:

Sistah Vegan Web Conference: „Verkörperte und kritische Perspektiven auf den Veganismus von schwarzen Frauen und ihren Verbündeten“

Jeden Tag einen Veganday machen

Warum ein Veggieday in Kantinen? Warum nicht vegane Aufklärungsarbeit 24/7? Warum nur den einen berühmten Tropfen auf den heißen Stein geben, wenn man statt dessen doch auch mal versuchen könnte einen ganzen Wasserstrahl umzulenken?

Die Grünen haben in ihrer Grünen Jugend ein starkes veganes Kontingent, wie es scheint. Warum aber wird eher lax halt grad mal so ein Veggie-Tag für Kantinen vorgeschlagen, wenn man das Thema Vegetarismus / Veganismus auch politisch (ernsthaft) aufgreifen könnte? Das einzige fundamentale, was mir zum Thema Vegetarismus von den Grünen bisher als durchschnittlicher Medienkonsument aufgefallen ist, ist ihr zwei Seiten langer Text zum Thema Vegetarismus, in ihrer mir irgendwie nichtsdestotrotz karnistisch anmutenden Publikation dem “Fleischatlas“.

Karnistisch erscheint mit der Fleischatlas insofern, als dass ‘Farmtiere’ nicht von ihrem Status als ‘Fleischlieferanten’ rehabilitiert werden. SCHOCK! Warum ich das meine, obwohl im Fleischatlas doch die Perversion der Massentierhaltung bemängelt wird? Ich meine das, weil nürgends der Veganismus als machbare Lösung für das Problem Fleischprodutkion und -verzehr vorgeschlagen wird.

Was mir auffällt beim Fleischatlas ist die Distanz zum inneren Kern dieses dort Themas. Eine so große Distanz, dass man das Thema eben auf zwei Seiten schrumpfen kann.

“Die UN hat aber gesagt … “

Im Jahr 2010 hat die UN mittels einer ihrer veröffentlichten Studien ja bereits auch eingeräumt, dass es ohne den Schritt zum ganz pflanzlichen Vegetarismus nicht mehr geht:

“A global shift towards a vegan diet is vital to save the world from hunger, fuel poverty and the worst impacts of climate change, a UN report said today.” Felicity Carus: ‘UN urges global move to meat and dairy-free diet’, guardian.co.uk, 2 Juni 2010. (das Zitat hier auf Deutsch).

Das Zitat bezieht sich auf folgende Passage in dem UNEP Bericht: Assessing the environmental impacts of consumption and production (Priority Products and Materials, United Nations Environment Programme), Seite 78, 2010. [ISBN: 978-92-807-3084-5]

Unter Schlussfolgerungen:

‘Food. Food production is the most significant influence on land use and therefore habitat change, water use, overexploitation of fisheries and pollution with nitrogen and phosphorus. In poorer countries, it is also the most important cause of emissions of greenhouse gases (CH4 and N2O). Both emissions and land use depend strongly on diets. Animal products, both meat and dairy, in general require more resources and cause higher emissions than plant-based alternatives. In addition, non-seasonal fruits and vegetables cause substantial emissions when grown in greenhouses, preserved in a frozen state, or transported by air. As total food consumption and the share of animal calories increase with wealth, nutrition for rich countries tends to cause higher environmental impacts than for poor countries.’

Hier hätte etwas entstehen können an institutionell politischem Momentum, aber die UN ist teils wieder am zurückradeln, so finden sich in ihren Einschätzungsberichten mitunter widersprüchliche Aussagen.

In diesem Schreiben von 2011 wird dererseits aber weiterhin auf die Wichtigkeit der Förderung des Vegetarismus im Kontext von Nachhaltigkeit und Lebensmittelgerechtigkeit hingewiesen: Letter dated 7 October 2011 from the Permanent Representative of Germany to the United Nations addressed to the President of the General Assembly , siehe hier und hier.

Eindeutig besser find ich, was das allgemeine Fußvolk der UNO zum Thema Vegetarismus, Veganismus und Umweltschutz vorschlägt: United Nations Environment Programme. Man höre und staune!!!

Ist Reiten vegan?

Über Speziesismen sprechen – wir tun genau das > Gruppe Messel.

Der Reitsport – überraschenderweise unter uns Veganern ein umstrittenes Thema, bei dem man sich nicht einig wird ob ‘ethisch vertretbar’ oder nicht. Man würde denken, nee, wer glaubt denn, dass ein Pferd gerne eine Stück Metal im Mund hat – wer will denn behaupten ein Pferdemund sei nicht so sensibel, dass das im Mindesten störend und das Gezerre an den Zügeln im Mindesten schmerzhaft sein muss.

Hinzukommt der Reitsport ist eine Industrie. Es stimmt nicht so ganz wenn Leute meinen, Pferde würden besser behandelt als sog. andere “Nutztiere”. Nach außen macht es den Anschein, aber unterm Strich werden Pferde auch als potenziell ‘essbar’ klassifiziert. Das heißt, auch wenn es ein Skandal ist, dass Pferdefleisch “ungewollt” in Fertiggerichten landet, so wird ihr Fleisch allgemein aber doch auf dem Markt gehandelt. Wer’s nicht glaubt, der sollte einfach mal z.B. Fohlenfleisch googlen oder auch hier kann man sich einen ersten Eindruck vom Thema Pferd als Fleischlieferant machen; wenn einem das Ganze nicht schon vorher bekannt und bewusst gewesen ist.

Jedes Pferd, jeder Esel in der BRD hat einen sog. Equidenpass. Dort ist das Tier als “Schlachtpferd” oder “Nicht-Schlachtpferd” gekennzeichnet. Der Halter entscheidet also, ob das Tier für die Schlachtung bestimmt werden soll.

Das Schicksal der Pferdes wird so also im vorhinein festgelegt, und außer jemand rettet das Tier, wird dieses Tier wenn es als Schlachttier deklariert wird, egal wie sehr wir alle glauben möchten Pferde seien “begünstigt”, zum Schluss zur Gaumenfreude und zum Lebensmittel herabreduziert. Entscheidet sich der Pferdehalter um, oder das Tier wechselt seinen Besitzer und kommt in bessere Hände, dann kann der Status vom Schlachtpferd jederzeit auf Nicht-Schlachtpferd geändert werden. Ist der Status einmal als Nicht-Schlachtpferd festgelegt im Equidenpass, dann darf er allerdings nicht mehr zum Status Schlachtpferd geändert werden. (Info dazu)

Der Handel mit Fleisch und Tieren findet selbstverständlich Europaweit statt – wer genau will kontrollieren wie und wo die Tiere getötet und die Tierkörper verarbeitet werden?

Die Industrien auch rund um das Pferd dürfen aus dem veganen Fokus nicht wegfallen weil wir übersehen wie “das Pferd als Reittier” und “das Pferd als (zumindest potenzieller) Fleischliefertant” eben genau eine besondere Problematik dieser Tiere kennzeichnet.

Unsere vegane Erfahrung zeigt uns doch, dass man die Probleme benennen muss um  Menschen die Funktionsweisen vom Speziesismus ins Bewusstsein zu rücken. Reitsport und Pferdehaltung bringen ganz eigene Probleme mit sich, die durch den kulturellen Mythos um Pferd und Reiter irgendwie immer wieder verdeckt werden.

Dann ist da aber noch ein anderes Problem mit dem wir es bei der Pferdehaltung zu tun haben: Einschläfern oder Bolzenschuss. Diese Entscheidung ist tatsächlich eine, die Pferde- oder Eselhalter treffen, wenn sie mit der Frage des Ablebens ihres Tieres konfrontiert sind.

So ist das Problem rund um die Pferdehaltung und den Reitsport nicht nur das, ob es wirklich tierfreundlich ist ein Pferd zu bereiten, sondern die Tragik liegt in der Praxis der Tierhaltung. Denn was geschieht mit den Tieren ganz konkret, mit jedem einzelnen dieser schönen und sensiblen Tierindividuen. Wie und wo kommt ein ganz spezifisches Tier zur Welt, wie und wo lebt es ganz genau und wie und wo stirbt es.

Manche sagen, die Tiere seien ja so domestiziert, sie bräuchten das Leben in den Händen ihrer Halter. Corey Wrenn, die sich zu den Abolitionisten zählt, sagt, dass andere Abolitionisten tatsächlich bezüglich Pferde dieser Meinung wären, sogar der Frontmann der Abolitionisten Gary Francione meine Pferde müssten beritten werden um gesund zu bleiben, was einen überraschen mag. Wrenn selbst vertritt diese Haltung nicht. Sie sagt es gäbe bessere Wege, die sich mit dem Gedanken des Veganismus auch weitaus besser vereinbaren lassen, wie man ein Pferd halten kann damit es genügend Auslauf hat. Soziale Interaktion mit anderen Pferden sei ohnehin viel wichtiger für die Tiere als die Interaktion mit dem Menschen (Reiter). Man könne genauso lange Spaziergänge mit dem Pferd machen. Ein echt veganer Standpunkt! Denn, der Veganismus schließt doch jede Form der Unterwerfung von Tieren aus, und die Behauptung Domestiziertheit würde zu einem Mangel an Freiheitsstreben im Tierindividuum führen, wurde eigentlich schon oft wiederlegt und ist aus reiner Vernunftssicht auch nicht wirklich nachvollziehbar. Man beobachte die Tiere einfach einmal ohne Vorbehalt.

Die Vegan Society beantwortet die Frage darauf, ob Reiten vegan ist, knapp aber vernünftig. So gibt sie an:

Schwierige Fragen. Haus- und Arbeitstiere.

Frage: Sind Veganer gegen Pferderennen und das Reiten?

Antwort: Veganer sind gegen alle Formen der Ausbeutung von Tieren. Jede Situation muss genauestens betrachtet werden, ob Ausbeutung in dem jeweiligen Fall gegeben ist. Die meisten Veganer sind gegen den Gebrauch von Zaumzeug (Trensen) und Ledersatteln. (die Info)

Am besten gefällt mir wie die vegane Dichterin Butterfly Katz die Frage in einem kürzlich von ihr geposteten FAQ über den Veganismus beantwortet, sie führt die Frage und die Antwort folgendermaßen an:

“Ich bin vegan, aber ich besitze und reite ein Pferd mit Zaumzeug und einem Ledersattel.” Ist das vegan?

Der Ledersattel disqualifiziert Dich von vornherein. Lass das Pferd entscheiden ob Du jemand bist der die Ausbeutung und Nutzbarmachung von Tieren wirklich weitestgehend vermeidet. Gebrauchst Du das Pferd zur eigenen Unterhaltung und für Deinen eigenen Spaß? Kann es wirklich vegan sein dem Pferd eine Trense in den Mund zu schieben? Ist es vegan, die Haut eines anderen Tieres auf den Rücken eines Pferdes zu schnallen? Ich kann mir vorstellen, dass es Ausnahmen geben mag in denen ein Pferd damit einverstanden ist, dass ein Mensch auf seinem Rücken sitzt, ohne oder mit einem synthetischen Sattel. Pferde zu retten und mit Pferden Freundschaft zu schließen ist auf jeden Fall vegan. Wir können mit ihnen zusammen laufen, Seite an Seite, und können sie dorthin führen, wo sie frei auf dem Felde herumgaloppieren können, statt sie zu reiten. Auch wenn um dieses Thema viele Diskussionen geführt werden, so ist meine Meinung dazu, dass das Reiten von Pferden, Eseln oder Kamelen oder eine Kutschfahrt, in der Tat unvegane Handlungen sind. (Link zur Info)

Aber um nochmal an das schwerwiegendste Problem zu erinnern, in dem das Ganze schließlich seinen Ausdruck der Ausbeutung subsumarum findet: die Pferdehalter dürfen entscheiden, ob das Pferd zu Schlachter kommt und ob es mit dem Bolzenschuss getötet wird. Dieser Umstand allein sollte uns Veganer dazu veranlassen die Problematik der Pferdehaltung und des Reitsports mit ganz oben auf die Liste tierausbeuterischer Industrien zu setzen. Pferderennen, Pferdespringen, Military-Reiten und Dressur sind hier natürlich mit einbeschlossen, diese Themen werden bereits diskutiert, müssten aber noch stärkere Beachtung finden (eine Info dazu z.B. hier auf Englisch).

Nein, reiten ist nicht vegan. Vergiss das Wunschdenken von einer tierliebhaberischen Idylle – die Pferde sind Gefangene einer Freizeitindustrie und stehen mit einem Fuß beim Abdecker oder auch im Schlachthof.

Hier geht es auch nicht darum, ob Pferde nun domestiziert sind oder nicht. Der Pferdefleischskandal sollte unser Augenmerk auf die verflixte Funktionsweise dieser speziesistischer Industrien lenken: Der Spezisismus hat viele Gesichter, und manchmal sogar auch welche, die nach außen erst gar nicht so schlimm erscheinen.

@germanvegan

alle Links Stand 06.09.2017.

Die Krone der Schöpfung: Der Mensch ziert sich mit dem Nichtmenschen auf seiner Krone. Der Nichtmensch steht aber über ihm.

Eine pflanzlich-basierende Lebensweise, Infos von der Vegan Society, GB auf Deutsch dazu findet Ihr bei dem veganen bunten Hund hier bei uns:

 

Veganer Aktivismus, was ist zuviel des Guten?

Nein, nichts ist zuviel, eher zuwenig. Man denke mal über den jungen aber sehr treffenden Begriff des Karnismus hinaus. Der Karnismus, ein Begriff der von den US-amerikanischen Psychologin Melanie Joy geprägt wurde, bedeutet, dass ein Mensch Individuen derjenigen Tierspezies die zu Agrarzwecken ausgebeutet und getötet werden, nur als “Fleischlieferanten” sieht und eben nicht als individuelle fühlende sensible Lebewesen.

Im gegenwärtigen “Pferdefleischskandal” haben wir es nun mit einer anderen Ausprägung spezisistischen Denkens zu tun. Pferde werden nicht in erste Linie unter karnistischen Gesichtspunkten betrachtet von der allgemeinen Bevölkerung, aber dennoch: es sind nichtmenschliche Tiere und man schätzt ihr Leben deshalb ausreichend gering, dass man sie ausbeuten und töten darf.

Wir wissen als Veganer_innen, dass das Reiten für ein Pferd eine Belastung ist. Die Trense im Mund schmerzt, das Leben des Tieres hat sich von A-Z den Wünschen des Menschen unterzuordnen. Pferde werden immer wieder Opfer von sexuell gewalttätigen Zoophilen – ein Thema allerdings, vor dem auch manch ein veganer Mensch dann doch lieber die Augen verschließen möchte. Als ethisch motivierte Veganer_in sollte man zu allen Themen die Tierausbeutung betreffen Stellung beziehen können / wollen.

Nein es geht beim Veganismus eigentlich nicht primär ums vegane “Schlemmen und Shoppen”. Manche würden vielleicht sagen der kommerzielle Appeal hilft der Sache. Aber ich denke wir brauchen weitaus mehr noch den Dialog in einer Gesellschaft, die in Sachen Tierrechten bislang in keiner Weise dialoginterssiert ist, wir brauchen die ethische Auseinandersetzung in Sachen Mensch-Tier-Beziehung, wir brauchen geistigen und kreativen In- und Output, Pädagogik und Aufklärung darüber, was der Veganismus eigentlich alles mit sich bringt und bringen kann.

Nun gehen wir noch einen Schritt weiter zu denjenigen Tieren deren Körper ausgebeutet werden, die dann aber auch noch irgendwo am anderen Zipfel der Erde leben und leiden, wie zum Beispiel die Bären in Asien, die in körpergroßen Einsperrungseinrichtungen gehalten und denen täglich ihr Gallensaft abgezapft wird.

Fällt das in den Zuständigkeitsradius meines Veganseins? Ja klar! Genauso wie der Elfenbeinhandel und die Haifischflossensuppe. Die Ausbeutung von Tieren, die Grausamkeit gegen sie, hat keine Grenzen. Als Veganer_in sollte uns der globale Aspekt der Möglichkeiten des veganen Aktivismus bewusst sein.

Wenn ich sehe was Menschen weltweit leisten in ihrem Einsatz für Tiere, dann wird mir noch klarer warum das Vegansein, wenn es sich haupsächlich auf das  “Schlemmen und Shoppen” beschränken will, da nicht mithalten kann.

Ich möchte den Leser_innen empfehlen sich auf die entschieden empathische Seite zu schlagen, die Seite, die sich für Nichtmenschen weltweit in einem eher tier- und umweltpolitischen Sinne einsetzt.

Der Blick sollte nicht durch einen kleinerwerdenen veganen Tellerrand ablenkt sein, nur damit man “mitreden” kann und beim aktuellen konsumorientierten Trend mit dabei ist. Das Trendsettersein darf sich im Veganismus nicht nur auf ein Hinter-dem-Kommerzialismus-Herhinken beschränken als seine moralische Message.

Der “Verzicht”, das bewußte Nicht-Konsumieren von tierischen Produkten und Inhaltsstoffen ist eines, aber wir haben ja auch noch einen vegan-theoretischen graswurzelpolitischen Arm der mal zum Einsatz kommen könnte.

Und überhaupt, schau Dir das an: Two cubs rescued in Vietnam, near the Chinese border!!!